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Textkritik: Das Büffet – Lyrik

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Ein Büfett
ist schon okay,
stehst du vorne in der Menge.

Aber es ist äußerst trist,
wenn man ganz weit hinten ist
und nicht ran kommt im Gedränge.

Denn du siehst die leck’ren Sachen
schnell verschwinden in den Rachen
all der vielen Menschen hier,
die im Gegensatz zum Tier,
wenn sie satt sind weiter fressen
und im Saufen sich noch messen,
die sich, randvoll bis zum Kragen,
endlos mästen bis ihr Magen
alles wieder von sich speit
und sich von dem Schmaus befreit;
doch man findet dies gerecht,
weil man schließlich dafür blecht.

Auch du selbst, der du weit hinten
siehst das Festmahl schnell entschwinden
und drum geiferst Gift und Galle,
bist im Grunde wie sie alle,
bist nur leider unbesonnen,
viel zu spät dazugekommen.

© 2000 by Ulrich Selzer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Wer sich mit Gedichten auch nur ein bisschen auskennt, leidet in der Regel unsäglich, wenn selbst ernannte Dichterfürsten mit zusammengestümperten endlosen Versen irgendwelche Jubilare ehren wollen: Diese Ergüsse sind in der Regel handwerklich grauenerregend schlecht, ganz zu schweigen vom Inhalt, aber die Vortragenden kommen sich Wunder weiß wie vor. Solch Gerümpel in Kurzfassung findet sich – finanziell honoriert – zu Hauf in der Regenbogenpresse, angeblich fabriziert von Hausfrau &Co.

Büffet hat den unschlagbaren Vorteil, handwerklich sauber gemacht zu sein. Die Reime stimmen, durch alle Strophen zieht sich ein einheitliches Versmaß, es hat einen Rahmen (den Standort des du) – ich kann mir durchaus Gelegenheiten vorstellen, wo es Menschen Spaß machen kann, dieses Gedicht zu hören.
Aber unbestreitbar bleibt, dass der Reim stellenweise auch dieses Gedicht unter Preisgabe des Inhalts dominiert. Das ließe sich problemlos durch zusätzlichen Arbeitsaufwand beheben (der müsste ebenfalls begradigen die allzu auffälligen Verschiebungen im Satzbau der letzten Strophe). Es würde dann ein kleines, nettes Gedicht ohne Ambitionen außer der: zu unterhalten.

Die Kritik im Einzelnen

Warum der Wechsel von du zu man? Fast alle weitere Zeilen haben ebenfalls du; ändern lässt es sich ebenfalls blitzschnell, da ohne jede Umstellung innerhalb des Satzes. Die ersten beiden Ströphlein ließen sich zu einer verbinden: das ergäbe eine 6-zeilige Eingangsstrophe, parallel zur Schlussstrophe; inhaltlich beschreiben beide 3-Zeiler die Ausgangssituation: die Bewertung eines Büffets in Abhängigkeit vom Platz in der Menge – die Verbindung zu einer Strophe wäre also inhaltlich sogar geboten. zurück
Die fehlenden Satzzeichen erschweren ein Lesen und damit ein Verständnis; sinnvoll müsste oder könnte es heißen: die – im Gegensatz zum Tier -, wenn sie satt sind, weiter fressen (.) zurück
Der Inhalt dieses Verses findet sich bereits zwei Zeilen zuvor im satt; die Doppelung ergibt sich aber nicht aus inhaltlichen Gründen, sondern aus der Notwendigkeit, für fressen einen Reim zu bilden, der sich in der folgenden Zeile in messen findet; daraus ergibt sich die seltsame Folge zu viel essen – zu viel trinken – zu viel essen. Um das zu beheben, müsste stärker inhaltlich in den Text eingegriffen werden. zurück
Die Menschen mästen sich gerade nicht endlos, sondern nur bis zu dem Augenblick, an dem sie alles von sich geben; endlos hieße, sie würden in kolportierter römischer Manier nach dem Reihern erneut essen, per Pfauenfeder sich von dem Schmaus befreien usw.; davon aber ist in diesem Gedicht nicht die Rede! Darüber hinaus bedeutet randvoll bis zum Kragen, dass jedes weitere Krümelchen unweigerlich zum Überlaufen führen muss – mithin ist endlos weiter mästen dreifach falsch und übertrieben. Hier diktiert eindeutig der Reim das Geschehen, nicht das Geschehen den Reim! zurück
Zwei verschiedene Magenaktionen werden einfach aneinander gereiht, anstatt dass die verschiedenen Aspekte verdeutlicht werden, nämlich der Vorgang speien und das Ziel befreien. Ich würde folgende Änderungen anregen: alles wieder von sich speit, so sich von dem Schmaus befreit oder (was ich vorziehen würde): (.) und sich so vom Schmaus befreit. zurück
Da sich man auf die Menschen bezieht, ließe es sich das erste durch sie ersetzen: doch sie finden dies (.) Eine Änderung des folgenden man geht technisch nicht so einfach, wäre aber auch nicht unbedingt notwendig; das Hauptproblem liegt jedoch ganz wo anders:
Gerecht und blecht reimen sich, als seien sie eigens dafür geschaffen; aber was ist gerecht am Kotzen? Gemeint ist doch nur, dass die Gesellschaft ihre Reiherei ganz okay findet. Das hat mit Gerechtigkeit bzw. ihrem Gegenteil nicht mal im Ansatz etwas zu tun. Hier verzerrt der Reim den Inhalt gewaltig! zurück

Textkritik: Das Spiel – Prosa

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Sie stand da. Stand einfach nur da. Wie eine Statue. Wortlos. Ohne sich zu bewegen stand sie an der Straßenecke und schien auf etwas zu warten. Sie trug einen langen Trenchcoat und hatte den Gürtel nicht mit der Schnalle geschlossen, sondern die beiden Hälften verknotet. Unter dem Trenchcoat schauten die schwarzbestrumpften Beine heraus. Schöne Beine, wie er meinte. Sie hatte die Unterschenkel verschränkt und beide Hände in den Taschen. Ihr langes, sorgfältig gekämmtes, blondes Haar war rechts über die Schulter geworfen, die linke Seite lag auf der Vorderseite des Trenchcoats. Sie trug hochhackige Schuhe, die ihre Figur betonten. Ihr Make-up war sehr elegant und dennoch unscheinbar. Der Halsausschnitt des Trenchcoats gab den Blick auf eine dezente Perlenkette frei. Und sonst gar nichts. Man konnte vermuten, dass sie nichts darunter trug. Das war es vielleicht, was ihn veranlasste, hinzusehen. Männer haben einen Blick für so etwas.
Er saß in einem Straßencafé in Zweibrücken, inmitten der Altstadt, um die Tageszeitung zu lesen, als sie ihm auffiel. Beim Lesen trank er immer mal wieder an seinem Café au Lait. Beim Absetzen der Tasse fiel sie ihm auf, als sein Blick zufällig aus dem Fenster des Cafés schweifte. Seltsam, dieser ruhende Pol inmitten der Hektik der Passanten. Er beobachtete sie eine Zeit lang, um sich dann wieder der Zeitung zu widmen.
Nach einiger Zeit schaute er auf die Uhr, da er zur Messe musste. Eine Schuh und Lederwarenmesse, die hier in Zweibrücken stattfand. Er hatte noch reichlich Zeit, stellte er fest. Wie zufällig blickte er aus dem Fenster, und stellte fest, dass sie immer noch dastand. Wie eine Erscheinung aus einer Anderen Welt. Er runzelte die Stirn und dachte: »Wer würde eine Frau solange warten lassen
Da begegneten sich ihre Blicke. Kurz nur, aber es war deutlich zu spüren. Verlegen schaute er wieder in die Zeitung, Desinteresse heuchelnd. Aber nichts desto trotz schauten die Augenwinkel dennoch hin.
Nach einiger Zeit hatte er sie vergessen. Zu vielfältig die Neuigkeiten, und zu stressig der vor ihm liegende Tag.
Plötzlich sagte eine sehr weibliche stimme:
»Darf ich mich zu ihnen setzen?«
Er schaute auf und war erstaunt. Es war die Frau von der Straßenecke. Sie schaute ihn an, eine Antwort erwartend. »Natürlich, bitte«, antwortete er verduzt.
»Äh, Entschuldigung, aber ich habe Sie beobachtet. Mag sein, dass ich zu sehr geglotzt habe«, versuchte er verlegen.
»Ist schon gut. Ich bin offensichtlich versetzt worden.«
»Welcher Volltrottel würde eine Frau versetzen? Ich meine grundlos?«
»Ich weiß es nicht. Ich kenne ihn ja nicht.«
Er war ein wenig sprachlos in diesem Augenblick. Gab sie ihm doch Anlass zu vielen Spekulationen.
»Aah, ein Blind Date. Treffen mit einem Unbekannten. Stelle ich mir sehr aufregend vor«, sagte er, die Verlegenheit ablegend. Jetzt war nur noch Neugier da. Brennende Neugier. Er betrachtete die Frau jetzt, da sie nahe war, genauer. Ein edles Gesicht, hohe Wangenknochen, braune Augen. Die Augenfarbe ließ ihn die Stirn runzeln. Blondinen mit braunen Augen? Eher selten.
»Ja«, sagte sie, »Wenn man nicht versetzt wird?«
»Ist bestimmt ein blödes Gefühl, wenn man sich freut, zurechtmacht, pünktlich da ist, und dann stehen gelassen wird«, sagte er, ihre Antwort mit Spannung erwartend.
»Stimmt. Ist aber auch nicht das erste Mal«, sagte sie
»Na ja, ob man sich so leicht daran gewöhnt…ich weiß nicht
Die Serviererin stand mittlerweile am Tisch und wollte die Bestellung aufnehmen.
»Café au lait, bitte«, sagte sie zu dem Mädchen.
»Zwei, ich bekomme auch noch einen«, korrigierte er die Bestellung.
»Ich möchte ja nicht indiskret sein«, sagte er, »Aber wie geht so etwas vonstatten? Ich hatte nämlich noch nie das Vergnügen eines Blind Date
Sie sah ihn erstaunt an. Als ob es Menschen geben könnte, die diese Erfahrung noch nie gemacht hätten. Er hielt ihrem prüfenden Blick stand. Schaute direkt in ihre Augen. Er konnte normalerweise in den Augen der Menschen lesen, wie in einem Buch. Aber da war nichts. Absolut nichts, was er hätte erkennen können. Ihre schönen braunen Augen ließen ihn nicht die Tiefe ihrer Seele erkennen. Das machte sie nur noch interessanter für ihn. Er wartete lange auf eine Antwort, und schaute ihr dabei unablässig in die Augen. Sie erkannte wohl keine negative Absicht in seinen Augen, und sagte:
»Kontaktanzeigen. Es passiert über Kontaktanzeigen. Gott, das glaube ich nicht. Ich erzähle Ihnen hier Dinge über mich…..Sie müssen ja denken, ich sei Nymphoman oder so!«
»Äh, ich will ganz ehrlich sein, der Gedanke ist mir gekommen. Aber, wenn es Ihnen nichts ausmacht, möchte ich das SIE ablegen. Mein Name ist Kyle
Er streckte ihr die Hand entgegen. Hoffte, sie würde sein Angebot annehmen.
Und tatsächlich, sie ergriff seine Hand. Er erhob sich, nahm ihre Hand und hauchte ihr einen Kuss auf den Handrücken. (…)

(Der Originaltext ist noch lange nicht zu Ende – aber genau hier habe ich jede Lust verloren, eine weitere Zeile auch nur zu anzuschauen; wer den Rest lesen will, möge sich an den Autor wenden)

© 2000 by Thomas R. Buntrock. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Schrott.

Die Kritik im Einzelnen

Oha: das fängt aber schon sehr bedeutsam an! Eine sie stand da, stand einfach da (zweifach geht auch nicht), stand wie eine Statue (die pflegen bekanntlich immer einfach so dazustehen), wortlos (wohl im Gegensatz zu den schwätzenden Statuen) und – man lese und staune: – ohne sich zu bewegen! Eine Statue, die sich nicht bewegt!
Ob diese Statue dabei nicht vielleicht doch ein wenig vor sich hin gemurmelt hat? Wie will das dieser Mensch hören, der sie durch ein Fenster sieht (wie sich später herausstellt), es sei denn, er hat Augen mit Ohren? Oder ist das eine messerscharfe Schlussfolgerung, die daraus gezogen wird, dass Statuen von Haus aus gemeinhin stumm sind? Muss deswegen als sensationelle Erkenntnis unbedingt zu Papier gebracht werden: Wenn schon jemand wie eine Statue steht, dann hat er gefälligst nicht zu reden?
Es hätte vollkommen gereicht zu schreiben, dass jemand eine sie beobachtet, die bewegungslos wartet (warten tut man immer auf etwas oder auf jemanden, das bedarf keiner besonderen Betonung): hier wird etwas Normales zu einer Sensation aufgeblasen, indem immer Gleiches wiederholt wird bis zur Blödsinnigkeit: Das mag als Steigerung gedacht sein, kommt aber nur kitschig: was ist an Bewegungslosigkeit so einzigartig, dass über sie dermaßen überzogen und albern herumgefaselt werden muss? zurück
Auch hier: Geschwafel! Warum heißt es denn nicht: Sie (…) hatte die beiden Hälften des Gürtels nicht mit der Schnalle geschlossen? Logisch: Es wäre überflüssig – aber warum müssen dann die beiden Hälften des Gürtels verknotet werden? Vermutlich, weil der Gürtel kaputt war: in zwei Stücke zerrissen – eine obere und eine untere Hälfte oder eine linke oder rechte. Sonst wären es ja keine Hälften. Ich bin glücklich, dass meine Gürtel nur zwei Enden aufweisen und keine Hälften. So hätte ich ganz einfach schreiben können: »Sie hatte den Gürtel nicht mit der Schnalle geschlossen, sondern die Enden verknotet.« Das kann ich mir vorstellen zurück
Es gibt Erstaunliches: Gürtel haben Hälften, und Haar hat zwei Seiten, nämlich eine linke und eine rechte! Es freut immerhin, dass hier nicht ebenfalls Hälften steht, wäre irgendwie doch auch möglich gewesen, so zu schreiben, oder! Ich nehme mal an, dass es eigentlich nicht so gemeint war – aber so steht es da, und ein Leser gerät ins Grübeln …
Also: Rechts war das Haar über die Schulter geworfen, links lag es auf der Vorderseite des Trenchcoats. Schön. Dennoch kann ich mir die Frisur immer noch nicht vorstellen – obwohl viel Wert auf Präzision gelegt wird: Man denke nur an die Darstellung des bewegungslosen Dastehens, der Körperhaltung, des Gürtels (bei allem sprachlichen Unfug bleibt der Wunsch nach Genauigkeit unbestritten) – ich kann mir also immer noch nicht genau vorstellen, auf welcher Seite dieser Frau das Haar über die Schulter geworfen ist, denn rechts ist abhängig vom Standort: meint rechts jetzt die linke Hälfte der Frau (aus Sicht des gegenüber sitzenden Betrachters) oder die rechte Seite der Frau (aus Sicht der vollständigen Frau)? Das wäre problemlos zu lösen, wüsste der Leser, ob die Frau das Haar über ihre (das wäre dann auch ihre Sicht) rechte bzw. linke Schulter geworfen hätte. zurück
Was für eine Figur? Die verbirgt sich nach meinem Kenntnisstand unter einem Trenchcoat, und das sind ziemlich geräumige Kleidungsstücke, unter denen sich allerhand an Nicht-Figur verstecken kann; oder ist der Trenchcoat gar keiner, sondern ein figurbetonender Maßmantel? Lösung: dem heimlichen Beobachter geht die Fantasie durch, weil er überhaupt nichts sieht! zurück
Da wird ein gräuliches Ragout zusammengebraut: das elegante, aber dennoch unscheinbare Make-up (elegante Make-ups sind, so wird dem Leser weis gemacht, normalerweise aufdringlich); die Perlenkette war dezent (vielleicht gibt es tatsächlich protzige Perlenketten, da kenn ich mich zu wenig aus, Geschmäcker sind auch verschieden: doch wenn der Typ, wie er selbst sagt, vermutlich genau deswegen die Frau anglotzt: warum beschreibt er die Perlenkette nicht genauer, z.B. ob es ein oder zwei kleine oder mittelgroße Perlen waren, zumal unter der Perlenkette ausdrücklich gar nichts zu sehen war, nicht einmal Haut); er sieht nichts unter der Perlenkette und vermutet, dass sie nichts darunter trägt – tatsächlich sieht er Haut unter der Perlenkette; und der geile Bock, der er sein muss, vermutet nicht etwa, dass eine darunter liegende Bluse den gleichen Ausschnitt aufweist, nicht einmal ein weiterer oder tiefer Blusenausschnitt genügt seiner Gier: In seinem Kleinhirn hat er die Statue bereits ausgezogen bis auf Schuhe, Strümpfe, Perlenkette und Trenchcoat: Männer haben einen Blick für so etwas, steht da geschrieben. Nun, dann bin ich eben kein Mann, ich würde so was nie an einer Perlenkette erkennen können, sei sie noch so dezent. zurück
Die Qualität des Ragouts bessert sich nicht, die neuen Zutaten passen wieder nicht – oder eigentlich gerade! Da hockt einer im Straßencafé, um zu lesen: das heißt, er hat die Absicht zu lesen! Und während er noch diese Absicht hat, fällt ihm die Trenchcoat-Figur auf. Wie wir bereits wissen, hat er sie ausgiebig beglotzt und ist bereitwillig seinen Fantastereien gefolgt; aus den folgenden Zeilen wird deutlich, dass er schon längst beim Lesen war, als er die Blonde erblickte – demnach saß er nicht im Café, um zu lesen, sondern er saß im Café und las (man mag diese Kritik für überzogen halten, aber wer es ernst meint mit dem Schreiben, sollte das Schreiben selbst ernst nehmen. In »Das Spiel« türmt sich bereits gefährlich Unausgereiftes, Unfertiges und Unsinniges, und ich bin gerade erst mitten im zweiten Absatz!)
Sie fiel ihm also auf. Und warum fiel sie ihm auf? Weil etwas seltsam war – das ist ein Killer-Adjektiv, denn es enthebt jeden Autors des Nachdenkens und des Formulierens, da er von vornherein aufgeben darf: seltsam suggeriert Unfassbarkeit und Einzigartigkeit, die in Worte zu übertragen jeder Versuch sinnlos ist, denn Vergleichbares gibt es nicht. Was ist hier seltsam? Der ruhende Pol inmitten der Hektik der Passanten. Da ich diesen Satz wieder wörtlich nehme, entsteht tatsächlich ein seltsames Bild: Jemand steht bewegungslos in der Mitte von einer Gruppe Menschenwesen, die hektisch um diesen jemand herumkreisen (soviel zu Pol) – doch da es so bestimmt nicht gewesen ist, war es so auch nicht gemeint; hier ist halt wieder ein sprachliches Bild erfolgreich zu Grabe getragen worden; daran, dass eine Person nicht ebenfalls hektikt, wenn andere es tun, ist gar nichts seltsam – aber angesichts des Killer-Adjektivs soll jeder Leser dem Autor beipflichten: meiner Treu, wie seltsam, diese seltsame Frau! Gottseidank (jetzt schlägt mir Word 2000 ernsthaft »Gottspeidank« als Korrektur vor! Wenn man nicht alles selber macht…) schaut der Typ endlich weg, wäre irgendwie seltsam, wenn er es nicht irgendwann täte. zurück
Er schaut auf die Uhr, da er zur Messe musste; um welche Messe es sich handelt, hätte in einem Aufwasch erledigt werden können, stattdessen stelzt diese Information wichtigtuerisch hinterher; ich schaue übrigens nie auf die Uhr, weil ich irgendwo hin muss: Ich tue das um festzustellen, wie spät es ist oder ob ich noch Zeit habe bis zu irgendwelchen Ereignissen; das Gleiche stellte der Protagonist auch fest, und unmittelbar anschließend stellte er fest (welch Reichtum an Ausdrucksmöglichkeiten), dass die Frauenstatue immer noch stand – aber nicht wie eine Statue, sondern wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt – holla: ein nichtgrünes Marsweibchen. Welch Kitschfloskel: Eine andere Welt muss es schon sein, anders lässt sich Besonderes heutzutage mehr darstellen. So wie der Typ dann die Stirn runzelt, so auch ich: denkt der tatsächlich eine Frau? Denkt er (ich erinnere an seine Geilheit) nicht eher diese Frau? Oder ist er schon so machomäßig drauf, dass er niemals egal welche Frau warten lassen würde, weil sich für ihn jede Frau auf einen Punkt reduziert? zurück
Schnulz: Da begegneten sich ihre Blicke – es steuerte schon von Anfang an darauf zu, und jetzt findet es endlich statt, in bewährter Manier: der Augenkontakt war kurz, aber deutlich zu spüren; kennen wir doch alles, das ist doch der älteste Hut … wieder soll Triviales als Erlesenes verkauft werden! Augenkontakte sind immer zu spüren, so kurz sie auch sein mögen, da gibt es kein wenn und aber, es sei denn zu Pflege des Kitsches; und selbstverständlich schaut er wieder weg: Der Augenkontakt war doch kurz, das habe ich gerade eben gelesen, was soll das bloß!!! Obwohl ich allmählich ernsthaft in Zweifel gerate, ob nicht »nach einiger Zeit« in diesem Text an dieser Stelle (vom Wegschauen war die Rede) ebenfalls möglich gewesen wäre, dann hätten wir es immerhin drei Mal (statt zwei Mal) kurz nacheinander lesen müssen/können/dürfen, und außerdem ist die Dauer von kurz ja schließlich Ansichtssache, Oder? Aber genau!
Och nö: das… Ich weiß nicht, wie lange ich mir das noch antue, das wird ja noch schlimmer: Jetzt geschieht etwas dennoch nichtsdestotrotz, hier wird vor lauter Sülzerei doppelt gemoppelt; da kann ich glatt Verschärfungen vorschlagen, es geht noch dümmer: trotzdem schaute er gleichwohl des ungeachtet nichtsdestotrotz dennoch immerhin hin, wobei das doppelte hin am Ende gewisslich ebenfalls etwas zusätzlich Qualitäts-Förderndes beiträgt. Wobei nicht vergessen werden darf: Ich habe die Textvorlage böse verbogen: Nicht er schaut hin, auch nicht seine Augen, nein – die Augenwinkel schauen hin!!! Die Augenwinkel höchstpersönlich besitzen in diesem Typ ihre höchsteigenen Winkeläuglein!  Der schaut nicht aus den Augenwinkeln, der kann mit diesen gucken – das wären dann 6 Augen, sofern die Winkeläuglein selbst nicht ebenfalls eigene Augenwinkel-winkeläugleinwinkel-winkeläuglein hätten usw., das wird dann sehr schnell unübersichtlich (nicht nur sprachlich: hatte schon mit diesem Wort Riesenprobleme); und wenn er 6 Augen hätte, dann hätte das etwas Spinniges, was bei diesem Text auf eine ganz eigene Weise einleuchtend ist! zurück
Da ist es: das zweite nach einiger Zeit – lassen wir es! Er hatte sie vergessen. Jetzt gucken seine Augenwinkel ganz alleine, er kümmert sich nicht mehr drum, schließlich müssen die zentrale Augäpfel vielfältige Neuigkeiten aufsaugen! Was ist schon ein Nackt-Unter-Trenchcoat-Frauenstatuen-Pol, pausenlos umrundet von hektischen Passanten, also eine wahrhaft außerirdische Erscheinung, gegen die Neuigkeit vom Autounfall auf der B312? Die jedenfalls kann er vor lauter zukünftigem Stress gerade noch lesen, zum Aliennin-Glotzen reicht es nicht mehr (was macht der Spinnenaugenkerl eigentlich, wenn er tatsächlich im Stress ist? Nicht auszudenken: sicherlich etwas Seltsames, vielleicht sogar etwas sehr Seltsames). Oder hat er nicht die Augenwinkel vergessen, sondern die Zeitung oder die Blicke oder die Frau? Alles zusammen? Vergiss es!  zurück
Erstaunt, verduzt, verlegen, ein wenig sprachlos (bedauerlicherweise: Ich hatte ich mir totale Sprachfinsternis gewünscht; vergebens): Gefühlchen oder was weiß ich werden benannt, statt dass die sichtbaren Reaktionen geschildert würden; wie drückte sich denn die Verlegenheit aus (außer in dem kindischen äh, das fast ausnahmslos jedem beim Reden widerfährt)? Rollte er die Zeitung zusammen (irgendwo muss die doch noch sein) und rührte damit in den Resten seines café au lait?
Was ist Spinnenaug für ein Vogel, wenn er sich für ein Glotzen entschuldigt, dass dieses Wesen vom anderen Stern nicht gesehen haben kann, denn ihr Augenkontakt war nachweisbar deutlich & kurz? Ist das Anbiederung der verlegenen Art? Verlegen war er darüber hinaus in einem solchen Ausmaß, dass sie ihn glaubt beruhigen zu müssen – was ein idiotischer Gesprächsanfang! Die dumpf-verlegene Anbaggerei  setzt sich fort: welcher Volltrottel (…) grundlos; hier relativiert Spinnenaug seine prinzipielle Aussage von vorhin, denn er hat dazugelernt und kann sich jetzt Gründe vorstellen, warum jemand eine Frau warten lassen kann: z.B. möchte der Wartenlasser eine Frau einem Glotzer zukommen lassen. Was ihn zur Revision seiner Überzeugung bewogen hat, bleibt sein Geheimnis, ebenso wie seine Spekulationen. Prima: Will ich auch nicht wissen! Nach dem bisherigen Verhalten von Spinnenaug müssen diese oberdümmlichster Natur sein; dem Autor sei dank, dass er den Leser davor fürsorglichst bewahrt! zurück
Aah: der Fachmann spricht, kennt sich aus in Sachen blind date, stellt sich sogar etwas vor, nämlich dass es sehr aufregend ist – Aah: der Fachmann ist doch kein Fachmann, hat keinerlei Erfahrung, muss sich was vorstellen: Was soll dann das aah in der Gesprächseinleitung? Liegt hier ein Tippfehler vor, soll es Ääh heißen? Das könnte dann die Zeitdauer symbolisieren, die Spinnenaug benötigt, um die Verlegenheit abzulegen; laut Text findet dieser Prozess ja während der Formulierung statt (ein Partizip Präsens – wie ablegend – steht unwiderruflich für Gleichzeitigkeit). zurück
Und während er die Verlegenheit ablegt, ist (jetzt) nur noch Neugier da – das geht auch nicht, (aber was geht in diesem Text überhaupt??): während etwas weicht, kann nicht nur etwas anders da sein! Während etwas weicht, kann etwas einem Anderen Platz machen, und irgendwann kann das Andere den Platz des Etwas eingenommen haben, und erst dann ist das Andere nur noch da, ob der Kitsch nun rußende oder glimmende oder verbrannte oder – wie nicht anders zu erwarten: – brennende Neugier heißt. zurück
Dass der geile Bock die Frau jetzt genauer betrachtet, ist selbstverständlich, die Begründung allerüberflüssigst. Ich nehme sogar an, dass die Erscheinung »Ruhender Pol« sich gesetzt hat, ich nehme ebenfalls an, dass die Zeitung auf irgendeine Weise im café au lait ertrunken ist, sie kommt schließlich nicht mehr vor – trotz der irrsinnig wichtigen Neuigkeiten. Aber rätselhaft bleibt der Verbleib der Panik vor dem zukünftigen Stress: sag mir wo die Panik ist, wo ist sie gebliehieben? Gemeinsam mit den Neuigkeiten hatte sie dafür gesorgt, dass Spinnenaug die Frau vergessen hatte (war nicht nachhaltig genug, er hatte sie sofort wieder erkannt – ha, jetzt, ja: Das verursachte sein Erstaunen: er wusste noch, dass er die Außerirdische vergessen hatte, und plötzlich steht die Vergessene leibhaftig vor ihm! Man muss nur nachdenken …). Schön, vergessen wir auch den Lederwaren-Messe-Stress, es hat ihn eh nie gegeben, deswegen wurde er sicherheitshalber vorweg genommenen und verarbeitet …  zurück
Das Make-up war so unscheinbar gewesen, dass er es durch ein Fenster auf Entfernung gesehen hatte; als Trenchcoatfrau ihm gegenüber sitzt, sieht er nichts mehr davon, sondern edles Gesicht mit hohen Wangenknochen (vorher nicht erkennbar, da war bloß Make-up), und braune Augen (das ist die einzige Beobachtung, die ich Spinnenaug als neu durchgehen lasse). Und Frauenspezialist Geilbock erkennt sofort: Etwas stimmt nicht! (hell)Blonde Frauen haben blaue Augen zu haben, so wollte man es schon zu ganz anderen Zeiten, und so stellt sich ein echter Deutscher immer noch seine Traumfrau vor! Gemäß der damaligen Regeln hatte die Kombination hellblond und blauäugig als erwünschte vorzuherrschen; Geilbock hält das für Wissenschaft! Ich befürchte nicht mehr nur, ich weiß es jetzt gewiss: Lederwaren(!)bock hat Schlimmes im Kopf; dieser Text wird wohl im Sado-Maso-Quälkitsch endgültig verenden. zurück
Was will Blondchen mit ihrer Frage? Was will sie wissen? Oder sollen mit dieser Frage alle Vorurteile gegenüber Blondinen bestätigt werden? Ich nix kapieren Frage! zurück
Geilbock auch nix verstehen Frage, reden irgendwas. Fein. Und die brennende Neugier ist einem unbekannten Löschvorgang zum Opfer gefallen, hat jetzt einer »seltsamen« Spannung Raum gegeben: Was kann daran eigentlich spannend sein, wenn jemand auf eine Antwort wartet, obwohl er gar keine Frage gestellt hat? Wartete er darauf, dass Blondi ihre eigene Frage beantwortet (schafft sie nie, garantiert)? Da Blondi nicht wusste, dass Geilbock auf eine Antwort wartete, bestätigte sie schlicht und einfach seine Aussage (was eigentlich schade ist, denn ansonsten hätte das Gesabbel spätestens hier abbrechen müssen, eine Weiterführung wäre nicht möglich gewesen – ginge es in diesem Text mit rechten Dingen zu. Tut es aber nicht.) zurück
Wie lange hat die Serviererin sich dieses Gerede anhören müssen, da sie mittlerweile schon am Tisch stand? Wie hat sie das ertragen? Oder war sie etwa in diesem Augenblick an den Tisch getreten? Wurschdegal, viel wichtiger ist doch, dass jetzt zum allerersten Mal in diesem Text etwas Interessantes geschieht: Die Serviererin bestellt café au lait bei Trenchcoatblondi! Mit Mädchen muss die stehen gelassene Blind-daterine gemeint sein, grammatisch jedenfalls: Denn das letzte feminine Subjekt, das agiert hatte, war Serviererin; folglich spricht die Serviererin zu dem Mädchen; das ist vom Satzbau her notwendig & logisch – jajaja, ich weiß, ich weiß: selbstverständlich war es gaaaanz anders gemeint: dann könne alle autore besser viel schreibe egal Wörter in Reihenfolge aufeinander wenn könne verstehe man was wolle autore irgendwie …
Dass er anschließend eine korrekte Bestellung korrigiert (statt sie zu ergänzen oder eine eigene aufzugeben), kann nicht mehr überraschen: Er hat sich gedacht, Blondi hätte aus dem aufgeweichten Zeitungsrest in seiner Tasse schließen müssen, dass er ebenfalls einen café au lait hätte trinken wollen, und da er sie zum Sitzen eingeladen hat, hat sie ihn selbstverständlich zu einem solchen einzuladen: Deswegen korrigiert Macho Spinnenaug unverzüglich. zurück
Hier kapiert sogar Spinnenaug etwas: Erst kündigt er an, dass er indiskret sein will (genau deswegen werden solche Floskeln verwendet: Ich will ja nicht unverschämt sein, aber Sie sind ein ziemlicher Torftriefel – das trifft!), dann will er wissen, wie so etwas vonstatten geht. Unsere blonde Erscheinung hat nichts begriffen, denn sie ist immer noch mit dem Problem beschäftigt, wie sie die Bestellung der Serviererin am sinnvollsten erledigen kann: Das merkt der Geilbock, und da er bei der Blonden landen will, verbessert er sich flugs, er habe noch nie das Vergnügen eines blind date gehabt. Diese unüberlegte Äußerung outet ihn als definitiven Nicht-Kenner der einschlägigen blind-date-Szene (ganz im Gegensatz zu seinem Kennen-wir-kennen-wir-doch-alles-Aah von zuvor; zu Spinnenaugs Glück ist Trenchcoat-Tussi zu blöd, um das zu merken, oder es ist ihr egal). zurück
Oha? Hat sie sein Ich-kenne-alle-Fraun-Gehabe doch durchschaut, wenn sie erstaunt schaut? Aber sie schaut ihn gar nicht erstaunt an, ihr Blick ist prüfend, so will es der Autor 1 Zeile weiter. Vermutlich besitzt Blondi als Wesen von einer anderen Welt diese einzigartige Fähigkeit, jemanden mit prüfendem Blick erstaunt anzuschauen – und diesem Blick hielt Geilbock stand. Da der Normalleser im Gegensatz zum Autor nicht weiß, wie man einem Blick stand hält, folgt die Gebrauchsanweisung: Willst du einem Blick stand halten, dann schaue direkt in des Gegenüber Augen – danke für den Tipp! (Das halte ich nicht mehr lange durch … ) zurück
Da Geilbock bestimmt keine Bücher lesen kann, trifft der Vergleich absolut. Andererseits ist der Vergleich nicht ernst gemeint, sondern nichts weiter als billigstes Kitsch-Klischee. Selbstverständlich war da nichts, genauer: absolut nichts (im Unterschied zu »weniger als nichts«), wo er hinschaute (ich erinnere an die Nicht-Haut unter der Perlenkette) – Nichts-zu-Sehen ist gewissermaßen Spinnenaugs Normalzustand. Lesen wollte er eigentlich auch nicht, sondern erkennen (sofern erkennen hier nicht Überhaupt-irgendetwas-sehen bedeuten soll). Die nicht-arisch braunen Augen sind in der Zwischenzeit zu schönen geworden (beliebtes Adjektiv der Kategorie »Nichtssagend & Überflüssig«), und da Augen immer der Spiegel der Seele sind – weil Seele dann außen vor bleibt – will Spinnenaug die Seele ausloten; angeblich hatte er absolut nichts gesehen, weswegen Seele bei ihm gleichbedeutend ist mit absolut nichts: Denn zumindest die Seele muss er erkannt haben, sonst hätte er ja nicht gewusst, wem die unsichtbare Tiefe zuzuordnen ist! Sie hätte auch die des Schwachsinns sein können, der in jenen bedeutungstriefenden Sätzen produziert wurde. zurück
Bisher war Trenchcoatwoman expressis verbis noch nie interessant für ihn, das wird durch den Komparativ wett gemacht; und endlich kann Geilbock sich mit eigenen Augen überzeugen, wie Recht Aristoteles mit seiner Ansicht hatte, dass Frau so wenig wie Hammer oder Sklave eine Seele besitzt und folglich zu den Gebrauchsgegenständen gezählt werden muss: Geilbocks feuchtester Traum droht hier wahr zu werden – da lohnt sich schon ein genaueres und unablässiges Hinsehen.
Was ist denn das? Perspektivenwechsel? Wird jetzt aus Blondis Sicht erzählt? Oder handelt es sich um eine Spekulation (wohl), die Geilbock Spinnenaug anstellt, in der Hoffnung, dass seine negative Absicht nicht erkannt wird (welche denn, bitteschön? Was hat er denn vor? Will er sie in ein Lederkostüm zwängen und mit einer nagelgespickten Peitsche züchtigen? Das ist die einzige negative Absicht, die Trenchcoatwesen kennt! – selbstverständlich ist wieder mal alles gaaaanz anders, gemeint ist: bösen Absichten)- da: sie wird tatsächlich nicht erkannt! Blondi kann ebenfalls nicht lesen! Welch Erleichterung… zurück
Ich werde mir mal Kontaktanzeigen genauer anschauen. Kontaktanzeigen. Wenn Trenchcoattussi das Wort zweimal nacheinander verwendet, wieso glaubt sie es dann nicht? Was geht denn hier schon wieder ab? Ach so – vor Gott muss sich der Leser eine Pause denken, Gott gehört zur nächsten Äußerung! Diese Pause hätte aber gefüllt werden können, ja müssen mit einer schönen Erläuterung, z.B. »In seinem seltsamen Augenaufschlag erkannte sie die negative Tiefe seines überraschten Erstaunens. Sie erschrak. Fürchterlich. Rang mit sich. Mit ihrer Verfassung. Kämpfte tapfer, fasste sich und sprach mit ihren schönen braunen Augen: Gott (usw. usw. usw.)« Damit wäre Gott (usw.) in den richtigen Zusammenhang gerückt, und sprachlich oder inhaltlich würde sich beileibe nichts verschlechtern!
Wer in aller Welt ist Nympho-man? Der Gegenspieler von Spiderman (ha: Spinnenaug!)? Batman? Ironman? Machoman? Aquaman? Wieso glaubt Blondi, Geilbock könne sie für einen Mann halten? Hat sie das in seinen Augen gelesen? Auf die Frage war Geilbock nicht gefasst, prompt greift Verlegenheit um sich und findet die bekannte sprachliche Vollendung: Äh. Blöd, wie er nun einmal ist, gibt er zu, dass er sie tatsächlich für Nympho-man gehalten hat, und erfindet aus lauter Verlegenheit einen abscheulichen Namen für sich: Kyle! Mit dem wird normalerweise kleinen Kindern gedroht: »Wenn du nicht sofort aufhörst zu schreiben, kriegst du Keile!« Ob das bei Blondi fruchtet? Ich will es eigentlich nicht wissen. Die Schmerzgrenze ist erreicht … zurück
Er streckte ihr die Hand entgegen und hoffte, sie würde sein Angebot annehmen. Dieser (von mir sprachlich schon erheblich verbesserte) Satz gibt erneut Anlass zu unergiebigem Rätselraten: Das einzige Angebot ist die Hand; wenn sie diese annimmt, hat er eine weniger. Ansonsten möchte er das SIE ablegen, was aber ein Wunsch ist und kein Angebot. Blondi versteht ihn vollkommen richtig: Sie ergreift tatsächlich seine Hand. Aber statt dass er sich freut – er hat es doch so gewollt -, erhebt er sich und – nimmt ihre Hand: Jetzt hat er wieder zwei, der Glückliche!
Was in aller Welt soll dieser Händetausch? Was ist daran auszusetzen, wenn sich zwei Menschen die Hände reichen? Warum wird Einfaches in diesem Text immer so undurchschaubar kompliziert? Es reicht jetzt! Die Schmerzgrenze ist überschritten! Ich mag nicht mehr! zurück

Textkritik: Spielfeld – Prosa

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Der Ball rollte unaufhaltsam Richtung Seitenauslinie. Alle sahen ihm dabei zu, nur Till, der von Beruf Schauspieler war, rannte wie ein Blöder quer über den Fußballplatz dem Ball hinterher.
Tatort Berlin-Mitte, ein Kunstrasenplatz mitten zwischen den Häusern, wo ich mich jeden Mittwoch zwischen 13 und 15 Uhr für zwei Stunden mit einem Haufen Verrückter zum Kampf um den Ball treffe.
Ich stand in Höhe der Seitenauslinie, auf die der Ball zurollte. Es war ein aussichtsloses Unternehmen. Doch Till kam dem Ball auf den letzten Metern gefährlich nah. Vielleicht konnte er’s noch schaffen. Noch einen Meter, noch einen halben. Der Ball berührte die Seitenauslinie. Till sprang – und genau in dem Moment, als der Ball mit vollem Umfang über die Seitenauslinie gerollt war, trat Till auf den Ball und drückte ihn mit der Sohle zurück ins Feld. Eine sagenhafte Leistung. »Aus!« brüllte unser Torwart, Heinz, der Theologiestudent, gehässig über den Platz. Till drehte sich wutentbrannt zu Heinz um. »Ich weiß, dass es knapp war! Ich weiß sehr wohl, dass es verdammt knapp war, aber du!« Till zeigte mit dem Finger auf Heinz. »Du kannst das von da hinten gar nicht gesehen haben!«
»Trotzdem war der Ball aus!« rief Heinz.
»Halt’s Maul!« schrie Till und drehte sich einmal nach links und einmal nach rechts. »Das können nur er!« Damit meinte er mich. »Und Achim!« gesehen haben. Damit meinte er den kleinen stämmigen Brettartisten aus unserer Mannschaft, der auf der anderen Seite des Spielfeldes ebenso wie ich auf Höhe der Seitenauslinie stand. »Achim, war der Ball aus der oder nicht?« fragte Till.
»Aus«, sagte Achim trocken.
Till drehte sich zu mir um. »Und was sagst du?«
Aus irgendeinem Grund musste ich an Anne, die Vermieterin in meiner WG, denken, heute Morgen, wie sie beim Frühstück plötzlich aufsprang, sich mit dem Rücken zu mir drehte, die Beine spreizte und mich durch ihre gespreizten Beine verkehrt herum fragte: »Sieht man da was?« Anne trug an diesem Morgen ein enges graues Sommerkleid, das kurz unter ihren Arschbacken abschloss. Was sah ich jetzt wohl? Ich meine, was lief hier ab? Anne wollte von mir wissen, ob ihr Kleid zu gewagt war? Sie hatte gleich einen wichtigen Termin. Behauptete sie. Anne behauptete auch immer, dass sie nie einen Slip trug. So wie’s aussah, hatte Anne wirklich einen wichtigen Termin, nämlich bei der Polizei, weil sie neulich nachts, als ich diese Schreie aus ihrem Zimmer hörte, doch jemand umgebracht hatte, mit einem Eispickel. »Sieht man da was?« Anne schaute mich immer noch verkehrt herum durch ihre gespreizten Beine an. Ihr Mund stand lächelnd offen. Ach nee, das war gar nicht ihr Mund.
»Was heißt sehen?«, fragte ich, »das heißt im Prinzip sieht man nur da was, wo man gar nicht hingucken soll.« Diese Art der Dialektik hatte ich mir von Nils, meinem jüdischen Freund aus Russland, angewöhnt. Seiner einzigartigen Dialektik verdanke ich auch, dass ich in einer der bittersten Stunden meines Lebens noch was zu lachen hatte: nach meiner Meniskusoperation. Ich hatte vorher ne Rückenmarkspritze bekommen, und als ich wieder auf meinem Zimmer lag, war ich immer noch von der Hüfte abwärts gelähmt. Ich fasste zwischen meine Beine, und das fühlte sich an, als ich als ob ich eine lauwarme Bockwurst in der Hand hielt. Da kam Nils rein. Er fragte mich, wie’s geht? Und ich jammert über meine furchtbaren Kopfschmerzen, die ich vom Nachlassen der Narkose hatte. Das war sein Stichwort. Nils kennt alles, was du ihm erzählst. Er war in Sibirien, in Afghanistan, hat Menschen getötet, er ist durch die Hölle gegangen. Erzähl ihm nichts, er hat alles schon erlebt, nur viel schlimmer.
»Was heißt Schmerzen?« sagte Nils, »das heißt, im Prinzip kenn ich ganz genau.« Und dann erzählte er mir von seinen 500 Knochenbrüchen, und wie er mit seinem Gipsarm damals seine Freundin nur noch in einer Stellung bumsen konnte, nämlich im Stehen von hinten auf dem Küchentisch, sodass er sich mit seinem gesunden Arm abstützen und den Gipsarm auf ihren Rücken legen konnte. Nils stellte die Szene für mich nach, während ich mit meiner Bockwurst zwischen den Beinen unter der Decke lag. »Verstehst du, nur so.« Nils stützte einen Arm in der Luft auf, während er sein Becken vor und zurück bewegte. »Anders ging nicht«, sagte er und lachte ganz fürchterlich dreckig bei dem Gedanken daran.
Soviel zu der Dialektik meines jüdischen Freundes aus Russland. Im Krankenhaus hatte ich übrigens gelegen, weil ich mich beim Fußball verletzt hatte. Mein Stichwort: Zurück aufs Spielfeld: Die alles entscheidende Frage: War der Ball aus oder nicht? »Was heißt aus?« sagte ich. »Das heißt, im Prinzip hast du einen Riesen-Sprint hingelegt, und es war verdammt knapp, aber der Ball war leider im Aus.«
»Danke«, sagte Till. Dann drehte er sich zu Achim, zeigte mit dem Finger auf ihn. »Und für dich hoffe ich, dass du den Ball wirklich Aus gesehen und nicht nur Aus gebrüllt hast, weil Heinz Aus gebrüllt hat!«

© 2000 by Felix Mennen. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Ich erinnere mich: zu Zeiten des Kalten Krieges machten anti-sowjetische Witze über einen Sender namens »Radio Eriwan« die Runde, die alle gleich gebaut waren: ein Hörer stellte Radio Eriwan eine Frage wegen angeblicher Errungenschaften oder Fehlleistungen der glorreichen Sowjetrepublik, und Radio Eriwan antwortete stets mit »im Prinzip ja« bzw. »im Prinzip nein«, um in der nachgefügten Einschränkung sich selbst Lügen zu strafen.
Die halbe Nacht habe ich mich geärgert, dass ich mir Witze so schlecht merken kann, denn ein einfaches Beispiel würde viel mehr bewirken als selbst meine klug-weitschweifigen Erläuterungen (Gar nicht wahr, dass Eigenlob stinkt, es ist im Gegenteil lebensnotwendig, sonst lobt einen ja keiner), schon wollte ich literaturcafe.de-Besucher bitten via eMail auszuhelfen, feilte grade an eingängigen Bittgesuchen (schulterklopf) – da fiel mir über dem ununterbrochenen Scheiße-Gemurmels angesichts meiner Unfähigkeit (wiedergutmach) ein alter, geschmackloser, aber eben typischer Eriwan-Witz ein:
Anfrage an Radio Eriwan: »Ist es richtig, dass es den Werktätigen der glorreichen Sowjetunion gelungen ist, aus Scheiße Marmelade herzustellen?« Die Antwort: »Im Prinzip ja; nur am Geschmack muss noch gearbeitet werden.«
Für Assoziationen, die während des Lesevorgangs in einem Leserhirn entstehen, trägt ein Autor keine Verantwortung (es sei denn, sie entsprechen seinen eigenen). Ausgehend aber von diesem klaren Prinzip der Radio-Eriwan-Witze frage ich mich: welches steckt hinter Nils‘ einzigartigen Dialektik?
In seinem Ur-Beispiel erklärt Nils, dass er im Prinzip Schmerzen kenne, schildert das, wechselt dann aber das Thema und erinnert sich an Erfreulicheres: »Themawechsel« könnte man dieses Prinzip taufen.
Der Icherzähler will daraus gelernt haben: er sehe im Prinzip was, aber da dürfe man nicht hinschauen. Dieses Prinzip erinnert an das von Radio Eriwan, hat aber nichts mit Nils‘ »Themawechsel« zu tun.
Auf Tills Frage antwortet der Icherzähler zunächst gar nicht: zwar verwendet er den Begriff im Prinzip, meint damit aber Tills sagenhafte Leistung, um anschließend die Frage direkt zu beantworten: diese Prinzip könnte man getrost »Zuckerbrot und Peitsche« nennen – denn Till ist es zufrieden.

Es gibt also keinen inhaltlichen Zusammenhang in Nils‘ einzigartiger Dialektik (vielleicht macht sie gerade das einzigartig). Es bleibt ein formaler Zusammenhang durch die Frage Was heißt… und die Einleitung der Antwort Das heißt im Prinzip …
Dass ich was anderes erwartet hatte, ist einzig mein Problem und geht nicht zulasten der Erzählung. Was bleibt also?
Ein ungemein flockig-leichter amüsanter Text, den zu lesen einen Riesen-Spaß gemacht hat, der an der entscheidenden Stelle einfach so unterbricht, um den Icherzähler bizarre Ander-Geschichten (fiel mir gerade ein wegen der Ander-Konten, muss einem nicht gefallen) Erinnerungen loswerden zu lassen, ein Text, der den Leser direkt einbezieht, wenn ihm Verhaltensmaßregeln gegeben werden, falls er Nils begegnen sollte: das Spielfeld weitet sich vom Fußballfeld zu einer erotischen und persönlichen Spielwiese, die nirgendwo peinlich wird – vielleicht eine Spur
zu gewollt (siehe Einzelkritik).

Und die Kritik im Einzelnen? Je nun: Das andere ist wichtiger – an welchem Text könnte man nicht feilen und verbessern (außer an denen von absoluten Meistern), und vielleicht belegen meine Anregungen nur, dass ich gerne Korinthen kacke? Vielleicht aber sind sie sogar hilfreich – wer weiß das schon. Jedenfalls weiß ich: Bereits übermorgen werde ich mit meinen Formulierungen nicht mehr zufrieden sein.

Die Kritik im Einzelnen

Ich würde diesen Absatz vor den vorigen stellen: Hier werden Ort und Umstände genannt, die den Erzählfluss bereits unterbrechen, kaum dass er begonnen hat; das nimmt der ungemein reizvolleren langen Unterbrechung jeden Überraschungseffekt! »Tatort« evoziert (vielleicht bewusst) Schimi-Assoziationen, die der nachfolgende Text weder einlösen noch parodieren will; es wirkt deswegen effekthascherisch – das hat dieser Text aber gar nicht nötig: wieso also nicht einfach Ort oder Berlin-Mitte ohne Schnickschnack? zurück
Wegen der Unterbrechung beginnt jetzt ein überflüssiges Rätselraten: was ist »Es«? Dass ein Ich auf der Seitenauslinie stand? Dass ein Ball auf selbige zurollt? Da weder das eine noch das andere »Unternehmen« sind, darf der Leser suchen: gemeint ist das Hinterherrennen; dazu muss der Leser aber einen ganzen Absatz überspringen! Keine Lust, also: vertauschen der beiden ersten Absätze! zurück
Der Icherzähler nennt das »Unternehmen« aussichtslos, und schon im folgenden Satz kommt der Schauspieler dem Ball »gefährlich nahe«. Das will mir nicht einleuchten, dieses »doch« ist mir zu schwach: dennoch wäre gut, zwischen den Sätzen vielleicht ein Doppelpunkt – überhaupt: die Satzzeichen! Angeblich waren es nur noch wenige Meter, die der Ball zu rollen hatte. Ich weiß natürlich nicht, wie mühsam dieser Ball rollte, aber wenn – und sei es ein Schauspieler – jemand wie ein Blöder rennen muss, um einen Ball zu kriegen, dessen Erreichen unmöglich ist, kann das Rollen nicht so gemächlich vonstatten gehen, wie die Punkte zwischen den Sätzlein den Anschein erwecken: das Komma zwischen »Noch einen Meter, noch einen halben« bildet eine lobenswerte Ausnahme; mehr davon!!! zurück
Zum Ausgleich gibt’s hier zu viele Kommas; es sind keine 3 Personen: unser Torwart, Heinz und der Theologiestudent! Das lässt sich eleganter lösen, indem z.B. das Komma zwischen Torwart und Heinz einfach getilgt wird. Dass Till sich anschließend wutentbrannt zu Heinz umdreht, ist logisch – schließlich ist dieser der einzige, der in diesem Augenblick allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Was daraus folgt? Statt Heinz hätte ein einfaches ihm genügt, und damit wäre gleichzeitig verhindert, dass selbiger dreimal nacheinander mit Namen genannt wird: sooo schön klingt Heinz nun auch wieder nicht. zurück
Irgendwie habe ich Fußballfelder anders in Erinnerung als hier beschrieben: wenn wir pro Seitauslinie zwei Linienrichter annehmen (ob nun echte oder zufällige, ist egal, zumal bei dieser außergewöhnlichen Fußballmannschaft), dann können die nicht auf verschiedenen Seiten stehen, sondern höchstens in verschiedenen Hälften; heißen müsste der Passus fußballregelgerecht also »in der anderen Hälfte des Spielfeldes« (wobei sich über das in in »in der Hälfte« natürlich nicht minder trefflich streiten ließe – man hat ja auch sonst nichts zu tun). zurück
Richtig herum zwischen gespreizten Beinen hindurch wäre eine Sensation!!! Verkehrt herum dagegen ist ziemlich überflüssig – es sei denn als Kotau vor dem geargwöhnten dumpfdummen Leser … zurück
Halten zu Gnaden: Aber da wird maßlos übertrieben! Ab hier würde ich den Rest des Satzes ersatzlos streichen; weder die Schreie noch der Mord noch der Eispickel haben irgendeine weiterführende Bedeutung – viel reizvoller ist es, sich als Leser vorzustellen, was Anna wohl in dieser Aufmachung bei der Polizei widerfährt; der Anlass ihres Besuches tritt demgegenüber vollständig in den Hintergrund. Ha: es reizt mich sogar ausgesprochen, dieses Zusammenzutreffen eigenhändig zu gestalten, aber ich muss jetzt weiter schreiben zurück
Ein viel gereister jüdischer Russe, der perfekt deutsch spricht und meinetwegen auch in Afghanistan gekämpft haben darf, das ist bereits an der Schmerzgrenze, passt aber gerade noch zu dessen einzigartiger Dialektik (siehe Zusammenfassung); aber dass der überdies noch den skandinavischen Vornamen Nils mit sich herumschleppen soll, übersteigt diese Schmerzgrenze deutlich, selbst wenn Nils eine Anspielung sein sollte auf den viel gereisten Nils Holgerson. Nein: Ein jüdischer wäre Vorname angebracht (muss nicht gerade Nathan sein, von wegen Anspielung und so), vielleicht auch ein russischer. Nils ist wie der Eispickelmord einfach zu dick aufgetragen und nimmt dieser Erzählung einiges von der wunderbaren Unbeschwertheit… zurück
Hier ist die sprachliche Flapsigkeit ebenfalls zu betont: alle anderen unbestimmten Artikel sind korrekt: warum hier nicht auch? (zurück)
Ich möchte wetten, dass hier entweder ein Wörtlein fehlt zwischen ich und ganz, z.B. ein sie oder das oder es, oder eines der genannten Wörtchen ganz ersetzen sollte. zurück

Textkritik: Sucht – Lyrik

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Wie schwer ist das reale Leben für dich zu ertragen –
und wie leicht ist es doch, diesem Leben zu entflieh’n!
Allen Realitäten einfach zu entsagen,
und zu Mitteln zu greifen, wo Gedanken nur noch Kreise zieh’n!

Wie schön muss es sein, Gedanken zu haben, ohne Kanten und Ecken
kein Elend, keine Krankheit, kein Kummer, keine Not,
nur das unbeschreibliche Gefühl, hinter Sucht sich zu verstecken,
und kein erbitterter Kampf mehr um das tägliche Brot!

Mit Alkohol, mit Tabletten, mit Drogen kannst du alles erreichen,
brauchst nicht jeden Tag das Letzte deiner Kraft zu nutzen,
kannst spielend leicht ins Reich der Träume entweichen,
und musst nicht jeden Tag irgend einen Fehler ausputzen!

Sehnst du dich nicht auch nach Mittel, die berauschen?
die dir gestatten, ins Land der Fantasie zu reisen,
die dir helfen, nur auf die Stimmen des Paradieses zu lauschen,
und nicht dazu beitragen, dich ständig nur zurechtzuweisen!

Wie teuer ist die Reise in den Garten Eden?
Welchen Preis musst du dafür wohl bezahlen?
Erschwinglich ist er zuerst für jeden,
und kostet doch Tausende von Höllenqualen!

Gibt es doch Menschen, die dich nicht nur hassen,
die immer an deiner Seite geblieben,
die dir stets helfen, schwierige Entscheidungen zu fassen,
und die dich von ganzem Herzen lieben.

Willst du wirklich diese Realität nicht spüren,
bist du wirklich so auf den  Rausch versessen?
Soll niemals mehr das Gefühl der Liebe dich rühren,
und möchtest du tief im Innern die Wunder der Erde vergessen?

So lange du noch denken kannst, bedenke vor allem dies!
Alkohol, Tabletten und Drogen sind eine Sucht,
werden deine ständigen Begleiter auf einer endlosen Flucht,
und entpuppen sich als Teufel im Paradies!

© 2000 by Christine Utermöhlen. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Gut gemeinter moralischer Zeigefinger ist alles an Positivem, was ich mir dazu abringen kann.
Ansonsten ist Sucht ein grauenhaft schlecht gemachtes Gedicht, voll von gravierenden inhaltlichen und sprachlichen Fehlern; formal haben immerhin sieben Strophen einen Kreuzreim, während die letzte Strophe als »Moral von der Geschicht« einen umfassenden Reim bietet. Metrum kommt nicht vor, war wohl auch nicht beabsichtigt. Dieser Text wird keinem einzigen Nicht-Süchtler Stoff zum ernsthaften Nachdenken geben, ebenso wenig einem Süchtler, denn keiner von beiden erfährt auch nur den Hauch von etwas Neuem, dafür muss er viel Unfug ertragen. Sucht ist schlichtweg überflüssig.

Mir wird von alledem so dumm,
als ging‘ mir ein Mühlrad im Kopf herum.

Goethe, Faust, V.1946f

Die Kritik im Einzelnen

Wie viele Realitäten gibt es? Reicht eine nicht? Und wohin gehört diese Aussage grammatisch? Ich nehme an, hier sollte und wie leicht ist es doch, diesem Leben zu entflieh’n fortgesetzt werden, was aber durch das Ausrufezeichen unterbunden wird. Alle Realitäten würde – wenn meine Annahme stimmt – zu einer Erläuterung von Leben, was inhaltlich dürftig ist, oder zu einem Synonym, was einfach albern ist. Rätselhaft bleibt auch, warum es entflieh’n heißt und nicht einfach entfliehen, schließlich hat dieses Gedicht keinerlei erkennbares Versmaß (sodass das zugeordnete Reimwort genau so einfach wie schön ziehen heißen dürfte). Oder bekommen apostrophierte Reime etwas Dichterisches allein kraft des Apostrophs? Was es nicht alles gibt! zurück
Entsagen bedeutet entschiedenen Verzicht auf etwas, das man bisher sehr geliebt hat. Dem war aber nicht so: das angesprochene Menschenkind du hat das Leben nicht ertragen! Entsagen passt also keinesfalls (reimt sich aber schön auf ertragen).zurück
Dieses du wird keinesfalls dem Leben entfliehen und zu Mitteln greifen, sondern es wird diesem Leben entfliehen, indem es zu Mitteln greift; hier werden inhaltliche Zusammenhänge verschleiert, werden Ursache und Folge voneinander getrennt und als gleichwertige Bestandteile addiert – das ist  grobe Schludrigkeit. zurück
Die Ortsangabe wo wird sich doch nicht etwa auf Mittel beziehen??? Es gibt aber keinen anderen möglichen Bezug!!! Mittel, in denen Gedanken nur noch Kreise ziehen – au weia… zurück
Aber nicht genug damit: nehmen wir einmal entgegen der Satzbaulogik an, es seien nicht die Mittel, die denken, sondern dass Gedanken sich im Kreise drehen, wäre die Folge von Einnahme dieser Mittel: ist die Aussage dann besser?
Iwo! Weil Gedanken sich im Kreise drehen, die Verzweifelten also keinen Ausweg mehr sehen, greifen sie zu Drogen: dann hört dieses Kreisen nämlich auf, zumindest vorübergehend. Der Satz bleibt unsinnig, wie man ihn auch dreht. zurück
Wenn Gedanken sich im Kreise drehen, haben sie notwendig weder Kanten noch Ecken, aber warum das schön sein muss bzw. wie schön das sein muss, weiß niemand, es ist ja aus genannten Gründen gerade nicht schön! Der Unsinn wird hier einfach nur fortgesetzt. Was aber folgt wohl nach dem Gedankenstrich? In der ersten Strophe war es ein Sichtwechsel von schwer zu leicht. Man darf gespannt darauf sein, was jetzt gewechselt wird! zurück
Gewechselt wird nichts, dafür unser Blickfeld geweitet: wir erfahren endlich, was reales Leben ist oder die Realitäten: Elend, Krankheit, Kummer, Not – und dieses ungleiche Quartett ist gleichbedeutend mit »Gedanken mit Ecken und Kanten«: Wer an Elend und Konsorten denkt, denkt mit Ecken und Kanten, wer ohne Not denkt, soll es lieber gleich unterlassen, denkt er doch im Kreise »Elend, Krankheit, Kummer, Not, Elend, Krankheit, Kummer, Not, Elend, Krankheit, Kummer, Not, dumda dumda dumda dumm (da capo al fine)«
Würde dieses Gedicht aus dem Sudan stammen, könnte ich ihm an dieser Stelle irgendwie noch einen gewissen Realitätsbezug abgewinnen; da es aber aus Deutschland stammt, ist es geradezu blanker Hohn! Damit mir niemand etwas unterstellt: selbstverständlich gibt es bei uns Elend, Krankheit, Kummer, Not (wobei Krankheit überhaupt nicht zu den anderen Begriffen passen will), aber es ist nicht die Realität unseres Lebens, genauso wenig wie der folgende erbitterte Kampf (.) um das tägliche Brot!
Worauf sich nur das unbeschreibliche Gefühl bezieht ist – wieder einmal – völlig unklar: ist es als Gegensatz zu dem Leidensquartett gemeint? Dann wäre das schlichtweg dumm: Drogensüchtige sind selten stolz auf ihre Sucht, sie leiden extrem darunter, nicht von der Sucht loszukommen (auch wenn sie es nicht zugeben), und der erbitterte Kampf um die tägliche Droge ist in Deutschland um einiges härter als jeder Kampf ums tägliche Brot: Brot kann man klauen, Drogen muss man kaufen, und für die Finanzierung muss man wesentlich mehr klauen als einen Laib Brot gegen den Hunger!
Sicherheitshalber und folgerichtig wird dieses Gefühl der Drogensüchtigen unbeschreiblich betitelt: was man nicht weiß, kann man nicht beschreiben – es ist eine sehr einfältige Sicht der Dinge, wenn man vor ihnen die Augen verschließt! zurück
Kein Mensch kann mit Drogen alles erreichen, niemand will mit Drogen alles erreichen: gewünscht wird Glücksgefühl, Überlegenheitsgefühl, Schmerzfreiheit, Lockerheit und was der verständlichen Wünsche mehr sind; aus diesen Zeilen schwingt spürbar empörte Eifersucht mit: ich armes Schwein muss jeden Tag um das tägliche Brot kämpfen und das Letzte meiner Kraft nutzen, muss jeden Tag einen Fehler machen und diesen wieder ausputzen, und du, du asoziale Sau, nimmst einfach Drogen!
Es wundert nicht, dass unterschieden wird zwischen Äpfeln und Obst, zwischen Alkohol, Tabletten und Drogen: im Bewusstsein vom Deutschen Michel sind nämlich Alkohol und Tabletten keine Drogen, sondern Alkohol und Tabletten, und – ach ja: Zigaretten, aber die sind ja nun eigentlich überhaupt nicht schlimm! Doch wenn eine Tablette XTC heißt oder LSD, dann ist das keine Tablette mehr, sondern eine Droge, im Gegensatz zu Valium oder Captagon, was keine Drogen sind, sondern Tabletten. Ob ein Gedicht, das auf dieser Schiene fährt, irgendetwas bewirkt außer Gelächter, ist zumindest fraglich (unter der Voraussetzung, dass jemand wirklich aufmerksam liest bzw. zuhört). zurück
Irgendwie irritiert mich das du zu Beginn dieser Strophe: ist hier ein Leser gemeint? Nicht mehr der Drogensüchtige wie zuvor? Oder ist zuvor gar nicht der Drogensüchtige gemeint gewesen, sondern ebenfalls der Leser? Ich muss das Gedicht nochmals von vorne lesen! Ich bitte um drei Augenblicke Geduld! (pro Strophe eine Auszeit): (.)(.)(.)
Tatsache: Man könnte es auch anders lesen! Ich hätte die ersten drei Strophen auch lesen können, als wolle jemand mir als Nicht-Drogen-Nehmer (nur Weintrinker, aber genau!) Drogen schmackhaft machen – einmal abgesehen von der Zeile mit dem unbeschreiblichen Gefühl, hinter Sucht sich zu verstecken, denn verstecken ist ja nichts Schmackhaftes bzw. Wünschenswertes, und Sucht schon gleich gar nicht! Das ändert allerdings nichts an dem inhaltlichen Unsinn; ich habe die Zeilen anders gelesen, und sogar die mit dem unbeschreiblichen Gefühl usw. hat in meiner Lesart ihren Platz (im Gegensatz zur anderen Lesart). Es gibt folglich keinen Grund, irgendetwas zurückzunehmen: Ich habe es – fett gedruckt – relativiert. Weiter also in Text und Strophe:
Mit Land der Fantasie ist der zuvor genannte Ort gemeint, der so angepriesen wurde: wo Gedanken nur noch Kreise zieh’n. Das ist ein eigenartiger Begriff von Fantasie oder auch »Deine Fantasie schlägt Blasen, Onkel Donald«, wie einstmals Tick, Trick und Track ihres Onkels Fantasie in die Schranken wiesen.
Den Drogen-Mitteln wird eine – wohl anderen Mitteln inneliegende – Fähigkeit abgesprochen: Drogen können nicht dazu beitragen, sich ständig nur zurechtzuweisen. Meines Wissens beherrschen Drogen nicht nur das nicht, sondern sie können zudem nicht dazu beitragen, rechts und links zu unterscheiden oder sich an den eigenen Haaren aus dem Sprachmüll zu befreien oder einen Knopf anzunähen oder oder oder: die Bandbreite dessen, wozu Drogen nicht beitragen können, geht gegen unendlich; warum also wird dieses Unvermögen der Drogen so herausgehoben? Und was soll das inhaltlich bedeuten? Ich weiß es nicht. Es ist mir letztlich auch egal: man muss ja nicht mit Gewalt alles verstehen wollen, was so geschrieben wird. zurück
Der Preis ist also erschwinglich? Nicht etwa die Ware, also die Reise? Schön, dann kaufen wir halt einen billigen Preis, wenn es denn unbedingt sein muss (es muss: Text will es so). Was nun bedeutet erschwinglich? Der Preis, der Tausende von Höllenqualen kostet, und zwar doch kostet, ist erschwinglich. Das verstehe, wer will!
Gemeint ist vermutlich, dass jemand teuer dafür bezahlen muss, wenn er für die erschwinglichen Preise blecht: entgegen der Aussage im Text muss er aber nicht mit Tausenden von Höllenqualen bezahlen, sondern jemand muss für die erschwinglichen Preise bezahlen, indem er anschließend (das soll doch hier bedeuten) Tausende von Höllenqualen erleidet. Warum unser Drogenkopf in spe lediglich lächerliche Tausende von Höllenqualen leiden soll und nicht Billiarden von diesen oder gar unendliche solche, bleibt im Drogennebel verborgen: Hauptsache, es ist mehr als 1 Höllenqual; ansonsten ist für eine Abschreckung jedes Maß richtig in der nach oben offenen Kitschskala. Nach meinem Dafürhalten genügte ein schlichtes Höllenqualen – da kann sich jeder so viele vorstellen, wie er möchte (z.B. fallen mir mehr als drei auf Anhieb nicht ein: Stefan Raab, Arabella und dieses Gedicht – wobei das Erste das weitaus Schlimmste wäre). zurück
Eiwei, hier kommt der überzeugend-geniale Trost: Es gibt Menschen, die das armselige drogenanfällige du nicht nur hassen! Will sagen: »Ey, schau mal die Menschen: Die hassen dich nicht nur, die quälen dich auch, lachen dich aus, verarschen dich sogar, mobben an dir rum, dass uns das Herz im Leibe lacht! Halte durch, halte durch, haben wir doch unsere Freude dran!« Woher kommt das? Wieso geschieht das? Da verrutscht beim Schreiben ein nicht nur, und schon steht das Gegenteil da von dem, was beabsichtigt war; ein absichtliches Verlagern des nicht nur wäre nachvollziehbar, sollte damit ein ansonsten holperndes Versmaß gewaltsam zurechtgerückt werden – aber diese Ausflucht gilt in diesem Gedicht nicht; wie auch immer: Diese nicht-nur -Verlagerung verdreht den Sinn völlig, ist in jedem Falle kontraproduktiv. Stellen wir nicht nur an den Platz, wo es hingehört: »Gibt es doch nicht nur Menschen, die dich hassen (.)« – schon wäre alles eindeutig. (Selbstverständlich müssten die folgenden drei Zeilen umformuliert werden, sonst verdreht sich deren Aussage!)
Drogenabhängige fühlen sich fürchterlich einsam, da nützen alle gegenteiligen Beteuerungen nichts: Denn in der Regel ist – für ihr eigenes Empfinden – genau dann niemand für sie da, wenn es ihnen besonders schlecht geht. Sie brauchen eine Betreuung rund um die Uhr, und die kann beinahe niemand leisten, der das nicht professionell macht. Soviel zu immer an deiner Seite geblieben: man macht sich da gern was vor! Und einer, der Drogen nimmt oder in einer entsprechenden Verfassung ist, merkt zwar die gute Absicht, erkennt sie aber gleichzeitig als Ausdruck der Hilflosigkeit von demjenigen, der Entsprechendes äußert (ich stelle das fest aus eigener Erfahrung im Umgang mit Drogenabhängigen; es ist kein Anlass für Resignation, sondern für mehr Ehrlichkeit: man muss Drogenabhängige nicht mit leeren Versprechungen beruhigen wollen).
Zurück zur Strophe: Entscheidungen werden nicht gefasst, auch nicht um des Reimes willen, das unterscheidet sie nämlich von Entschlüssen: Die werden gefasst. Entscheidungen aber werden getroffen oder vertagt oder hinausgeschoben oder abgewogen oder… aber niemals gefasst. zurück
Was ist aus den Realitäten geworden? Ist nur noch eine übrig geblieben? Daschauher! Ist aber doch wohl eher versehentlich geschehen, denn die erste Strophe mit den vielen Realitäten ist nicht überarbeitet worden.
Wieso soll ihn das Gefühl der Liebe nicht mehr rühren: ihm wurde doch gerade erst versichert, dass da Menschen um ihn sind, die ihn von Herzen lieben? Wird hier eine Drohung ausgesprochen: wenn du Drogen nimmst, lieben wir dich nicht mehr (das wäre dann diese berüchtigte Liebe, die nach Belieben ein- und ausgeschaltet werden kann)? Was ein Schmarren!
Jetzt schlägt der Kitsch unvermittelt geharnischt zu: Willst du Drogen nehmen, das heißt tief im Innern die Wunder der Erde vergessen? Stellen wir uns die Auswirkungen dieser Frage einmal in literarischer Form vor (bedauerlicherweise aber nur in Prosa):
Kaum vernimmt er diese Frage, geht ein Aufschrei durch den angehenden Drogensüchtigen: »Nein!« – so schreien die Wunder der Erde tief im Innern – »Nein, vergiss uns nicht, sonst sind wir ganz allein, vergessen von aller Welt!« Eine Träne rinnt dem angehenden Drogensüchtigen aus dem Augenwinkel über die Backe, und ein heftiges Schluchzen lässt seinen zarten Körper erbeben: »Niemals!« entringt sich seinen zitternden Lippen: »Niemals nie werde ich euch vergessen, oh ihr wunderbaren Wunder in meinem tiefsten Innern!« Und durch diese unglaubliche seelische Erschütterung stürzt es ihm wie Schuppen von den Haaren, und er sieht sie wieder, die Welt mit allen ihren Realitäten, und glücklich stammelnd sinkt er anbetend auf die Knie:»Die Träne quillt, die Erde hat mich wieder!«
Und zack! schon ist ein angehender Drogensüchtiger weg vom Dealer, der das Nachsehen hat und aus lauter Frust einer ehrlichen Tätigkeit nachzugehen beginnt. Wie schön, dass wir in einer solch einfach gestrickten Welt leben dürfen. Ich würde diesen Satz als neue Therapie vermarkten, vielleicht als Realitäten-Therapie oder Tränen-Therapie (tolle Alliteration) – darf ich leider nicht: ’s ist nicht meiner… zurück
Alkohol, Tabletten und Drogen (hatten wir schon, brauche nichts mehr hinzuzufügen) verursachen also nicht etwa Sucht: sie sind eine Sucht! Zu dieser Erleuchtung komme man – so das Gedicht -, wenn man noch denken kann! Na, da freu ich mich aber: sollte man nicht mehr denken können, kann das Ergebnis einer geistigen Anstrengung auch nicht danebener sein als die obige Erkenntnis; Folgerung: warum sollte jemand eigentlich noch denken, wenn so etwas als Ergebnis gewünscht wird?
Angenommen, die Flucht ist tatsächlich endlos: was scheren mich dann irgendwelche Teufel in irgendeinem Paradies? Ich komme doch eh nie zur Ruhe, bin dauernd unterwegs! Und wenn meine ständigen Begleiter sich als Teufel im Paradies entpuppen (mehrere Teufel? Also ein ganzes Rudel von Schlangen? – Hoppla: Sagt man eigentlich Rudel bei mehreren Schlangen? Oder ist das eher ein Pulk oder ein Bündel, gar eine Herde? Muss ich mal im Brehm nachschauen …), dann bin ich sie spätestens nach der Entpuppung los: Die ehemaligen Drogen vergnügen sich als Teufel im Paradies, und ich befinde mich weiterhin, jetzt aber drogenfrei, auf einer endlosen Flucht. Ist gut für die Kondition, macht fit, hält beweglich. Quintessenz: Nimm Drogen!
Danke mal, ich verzichte dennoch (bis auf den Wein, aber das ist ja eh keine Droge, das ist schlechterdings nicht einmal Alkohol, das ist bloß Wein)! Dass diese Quintessenz-Strophe ein eigenes Reimschema bekommen hat, ist angesichts des wahren Gehalts dieser Strophe nur zu unterstützen!
P.S.: Brehm’s Thierleben gibt leider keine Auskunft darüber, wie man eine Formation von mehreren Schlangen nennt: Er kennt nur Schlangen bzw. viele Schlangen, manchmal auch einige. Vielleicht kann mir ein Schlangenkenner helfen; bis dahin werde ich mich an den Brehm halten. zurück

eBook-Werbekampagne mit Stephen King wurde zum Flop

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Opfer von Raupkopierern? Stepehen King: Riding the BulletBestsellerautor Stephen King veröffentlichte erstmalig sein neuestes Werk »Riding the Bullet« ausschließlich in elektronischer Form als so genanntes eBook, das zum Preis von 2,50 Dollar im Internet heruntergeladen werden kann (wir berichteten). Fast schon stolz verkündete man beim Verlag Simon & Schuster, dass aufgrund der vielen Abrufe Internetserver zusammenbrachen. In wenigen Tagen waren fast eine halbe Million Exemplare »downgeloadet«.

Das ganze war eindeutig als Werbekampagne für das elektronische Buch angelegt, denn beim Online-Kaufhaus Amazon.com konnte das Werk sogar kostenlos heruntergeladen werden, was natürlich in den Pressemitteilungen des Verlages nicht ganz so laut verkündet wurde. Kein Wunder also, dass die Abrufzahlen hoch und die Server überlastet waren.

Doch egal ob kostenlos oder für den mehr als symbolisch anzusehenden Preis von 2,50 Dollar, jede der Dateien war mit einem Kopierschutz versehen. Im Fall der Version, die bei Amazon erhältlich war, handelte es sich um eine erweiterte Form des von der Firma Adobe entwickelten PDF-Formats. Sowohl Adobe als auch die Firma Glassbooks bieten in der neuesten Version ihrer Lesesoftware spezielle Verschlüsselungs- und Zahlungsoptionen an, die es erlauben sollen, dass die elektronischen Bücher nur auf einem Rechner gelesen werden können. Ein Speichern, Ausdrucken und Nutzen der Dokumente auf anderen Rechnern ist nicht möglich.

Textkritik: In dich – Lyrik

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Auch schon mal in dich gegangen?
Verdammt große Räume.
Bescheiden möbliert.
Fenster mit Aussicht.
Andere verhangen.

Ein paar Zentimeter Teppich über dem Boden.
Staubfarben, klar.
An- und ausgehende Lichter.
Zeitweise trüber Geruch.

Übermalte Bilder von
Über-Malern.
Auch Fälschungen? Wer weiß!
Ein Fernseher mit kleinem Schwarz-weiß Bild.
Mit Sendungen aus den 50ern.

Eine Standuhr,
die ihrem Namen Ehre macht.
Eine bunt lackierte Tür.
Dahinter ein Plumpsklo mit Zeitungen
als Papier.

Menschen?
Die lieb und werten am Esstisch.
Vertieft ins Gespräch über
Thema Nummer eins:
Über dich, altes Haus!

© 2000 by Wilfried Bienek. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Zunächst gefällt mir, wie der Autor mit Lesererwartungen spielt, jedenfalls mit meinen: Angesichts der Überschrift sanken meine Erwartungen ins Bodenlose, denn in meinem Kopf brachen schlagartig schlimme Erinnerungen an kitschtriefende Liebesgedichte auf – doch schon in der folgenden Zeile bat mein guter Kern den Autor heimlich um Verzeihung: dass ich ihm so etwas zugetraut habe!
Ähnliches widerfuhr mir bei der vorletzten Zeile: »Thema Nummer eins«! Schade, jetzt hat das lyrische Ich am Ende doch noch nur Frauen im Kopf … – Pustekuchen: Wieder hat mich der Autor dran gekriegt. Heimlich entschuldigt habe ich mich allerdings nicht mehr bei ihm, sondern ich habe dem Schelm heimlich mit dem Finger gedroht. Dann gefällt mir: Der Autor nimmt eine Redewendung wörtlich, indem er sie mit einem umgangssprachlichen Idiom verknüpft. Klar, das ist nicht originell, schon gar nicht bei dieser Redewendung – aber das muss und soll es auch nicht. Entscheidend ist allein, wie der Autor das macht! In diesem Gedicht wird der Leser seinen Gedanken und seinen Gefühlen überlassen: schmucklose Satzfetzen, eine lakonische Bestandsaufnahme des Hausinnern, sachliche Adjektive (und die unerwartete Synästhesie trüber Geruch); nichts, was einem Gefühle aufzwingen will; nichts Belehrendes; nichts Tiefsinn-Vortäuschendes, dafür in der letzten Zeile ein kleines Augenzwinkern (Über dich, altes Haus). Der Autor macht ein Angebot. Und das ist gut so!
Dazu passt die Form (aber nur, wenn die 2. Strophe fünf Zeilen hat!!!); die erste, dritte und fünfte Strophe enthalten jeweils eine Frage, ein dich in der ersten und letzten Zeile schafft einen Rahmen; alle Sinne werden angesprochen (der Tastsinn bei Zeitungen als (Klo)Papier).

Dieses Gedicht öffnet im wahrsten Sinne des Wortes Räume für eigene Gedanken, Gefühle und Bilder, wenn man sich darauf einlässt; und je mehr ich mich darauf einlasse, desto mehr entdecke ich in dem alten Haus!

ALFONS herrscht ihn an: Hör auf mit diesem Ton! Geh lieber in dich!
Stille.
HUDETZ grinst: Wohin soll ich gehen? In mich hinein? Was tät ich denn da finden?
ALFONS Schau nach.
HUDETZ horcht auf und grinst nicht mehr.
Stille.

(Ödön von Horváth, Der jüngste Tag; Sechstes Bild)

Die Kritik im Einzelnen

Warum hat diese Strophe als einzige nur vier Zeilen? Liegt hier ein Übertragungsfehler vor? Gehört  vor Teppich ein Zeilenumbruch oder vor über – da ergäbe sich zudem eine formale Parallele zum gedoppelten Über der nächsten Strophe?
Sollte diese Strophe tatsächlich nur vier Zeilen haben, wäre ich ratlos, denn inhaltlich finde ich nichts darin, was diese besondere Formgebung rechtfertigen würde (Ich lasse mich gern eines Besseren belehren). In diesem Fall würde ich fordern: Umbrechen! Fünf Zeilen draus machen! Passend zu den anderen Strophen! Es nützt dem Gedicht, wenn der Leser nicht durch »zufällige« Besonderheiten auf Fährten gelockt wird, die in Sackgassen führen! zurück
Auf die Frage »Auch Fälschungen?« bekommt der Leser durch das anschließende »Wer weiß!« keine Antwort. Stünde die Frage allein, bekäme er ebenfalls keine Antwort: wozu also diese Nicht-Antwort-Antwort? Weg damit, auch um des überwiegenden sachlichen, ja lakonischen Tones willen; dieses »Wer weiß!« setzt einen geheimnisvoll-bedeutungsschwangeren Akzent, der sonst (erfreulicherweise!) durchweg fehlt: also weg damit! zurück
Die Sendungen aus den 50ern laufen fraglos im Fernseher, ein Radio ist schließlich nicht genannt. Auf Mit kann ebenfalls problemlos verzichtet werden, was wiederum den lakonischen Sprachstil unterstützte. zurück

eBooks: Wie lese ich den neuen Stephen King?

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Stephen King: Riding the BulletDer amerikanische Gruselschriftsteller veröffentlicht seine neueste Erzählung ausschließlich in elektronischer Form im Internet

Man mag über die literarische Qualität der Romane Stephen Kings denken was man will, es gelingt ihm aber mit seinen Grusel- und Horrorgeschichten immer wieder, auch Leute an das Lesen heranzuführen, die sonst selten ein Buch in die Hand nehmen.

Vielschreiber King ist immer wieder für eine Überraschung gut. Wie kein anderer Autor mit seinem Bekanntheitsgrad wagt er literarische Experimente der besonderen Art. Mit »the green mile« nahm er 1996 eine alte Tradition wieder auf und veröffentlichte seinen Roman als Fortsetzungsgeschichte, die in monatlichen Abständen erschien. Die Fortsetzungen wurden zeitgleich in mehreren Ländern in der jeweiligen Landessprache herausgebracht – auch das eine Besonderheit.