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Textkritik: Die Erde fleht uns um Erbarmen – Lyrik

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Noch hören wir die Vögel singen,
seh’n Fische froh durchs Wasser springen,
und Blumen in den schönsten Farben
am regenfrischen Tau sich laben.

Noch gibt es sonnenreiche Tage
und kühle, sommerliche Nächte,
vergnügte Ess- und Trinkgelage,
und Zuversicht in höh’re Mächte.

Noch hoffen Menschen, lieben, träumen,
erfreuen sich der schönen Erde;
woll’n alles tun und nichts versäumen,
so dass sie niemals sterben werde.

Noch können wir die Welt erhalten,
wenn wir das gleiche Ziel erstreben
und uns’re Umwelt so verwalten,
dass Mensch und Tiere überleben.

Noch glaubt der Mensch in gute Sterne;
auch wenn so mancher will verzagen.
Die Wahrheit liegt seit je im Kerne:
Ein guter Baum wird Früchte tragen.

Darum ein Aufruf an: Euch Alle!
Die Erde fleht uns um Erbarmen
Ein »Halt!« der dunklen Erdenfalle,
sonst wird die Ohnmacht uns umarmen.

Die Erde bebt, sie fleht um Gnade;
dem Untergang will sie entgehen.
Doch böse Ichsucht, oh so schade,
lässt uns ihr Flehen nicht verstehen.

Noch ist es Zeit den Lauf zu kehren,
der keinem eine Zukunft bietet.
Lasst uns die Erde darum ehren:
»Wir haben Sie ja nur gemietet

© 2001 by Alesig Nitlaf. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Und wieder einmal: Schrecklich gut gemeint, und schrecklich daneben gelangt. Im trauten Kreise gleichgesinnter Weltuntergangs-Stimmungsmacher mag das Gedicht eifrig benickt und beklatscht werden – als Gedicht aber taugt es nichts.
Ein winziger Trost: Handwerklich nicht schlecht: durchgängiges Metrum, (fast) identisches Reimschema, Wiederholung als Stilmittel (Noch als Strophenanfang). Aber das bleibt reine Äußerlichkeit, hat mit dem Inhalt nichts zu tun: die Stropheneinteilung z.B. ist völlig beliebig.

Die Kritik im Einzelnen

Ach wie schön ist die Natur: BSE, MKS, AIDS, Krebs, Alzheimer, Rotfäule, Mehltau; Milzbrand: Hauptsache, die Vögel singen und die Fischlein (Word mal wieder: schlägt Fischleim vor!!!) springen… pardon: die Fische! Die sind froh dabei, wie wir am Lächeln des Barrakudas erkennen können, wenn er gerade wieder einen Springfisch vernascht hat. Und wer steht nicht staunend vor der Herkulesstaude, wenn sie sich mit Tau voll laufen lässt, um Feinde besser verätzen zu können?
Aber meine Fantasie klappt ihre Flügel ein, wenn sie sich »regenfrischer Tau« vorstellen soll: Tau steht eh schon für Morgen und Frische und für durstige Buschmänner, die ihn von ausgelegten Blättern sammeln. Regenfrische Frische? Und das bei dem sauren Zeugs, das Petrus auf uns entsorgt?
Diese Bilder sind so verstaubt und veraltet, dass es schon beinahe Leichenfledderei ist, sie wieder ans Tageslicht zu zerren: wer solche Heile-Natur-Sülze (Word empfiehlt u.a.: Heils-Natur-Sülze: auch nicht schlecht!) mag, soll mal bei Jehovas Zeugen nachschauen; ich gehe jede Wette ein, dass in deren betulichen Broschüren auch Bilder von springenden, lächelnden Fischlein… pardon: Fischen zu finden sind. zurück
Die erste Strophe hatte sich auf ihre Weise mit der belebten nichtmenschlichen Natur beschäftigt, jetzt werden Tag und Nacht erledigt, Ballermann und Glauben jedweder Couleur; der Paarreim wandelt sich (versehentlich?) zum Kreuzreim, der dann immerhin durchgehalten wird.
Inhaltlich ist diese Strophe nicht minder dürftig: Sonnentage, Sommernächte und Saufereien! Ein gutes Drittel der Menschheit leidet unter Wassermangel: die hätten nur zu gerne ein paar Regenwochen mehr. Doch dass das Proll-Mallorca als menschliche Errungenschaft gepriesen wird, deren Fortbestand auf alle Fälle gesichert werden muss – so als eine Art menschliches Weltkulturerbe -, ist ein schon mehr als tragischer Missgriff.
Erleichtert wird zudem festgestellt, dass es noch Zuversicht in höh’re Mächte gibt; ich bin davon überzeugt, dass die Zuversicht »XYZ wird’s schon richten« (XYZ ist nach eigenem Gusto zu ersetzen) dem Anliegen der Autorin eher zuwiderläuft, denn zu leicht entlässt eine solche Zuversicht den Menschen aus seiner Verantwortung. Doch das nur am Rande. zurück
Loggisch: Wenn Menschen noch Zuversicht haben, hoffen sie auch; und dass Menschen lieben und träumen, ist allein aus biochemischen Gründen notwendig. Sollten die Menschen solches nicht mehr tun, dann sind es keine Menschen mehr. Ob sich die Menschen der Erde erfreuen, ist zweifelhaft: Menschen freuen sich fraglos an vielen Dingen, auch an vielen Naturerscheinungen: angeblich gibt es sogar Tornadosammler und Vulkanfetischisten. Warum muss das aber so betont werden?
Zur inhaltlichen Schräglage gesellt sich jetzt ein sprachlicher Fehler: Einerseits haben Menschen ein Ziel (final), andererseits wird das Ergebnis als Folge dargestellt (konsekutiv): ersetzte man so dass durch damit, wäre der Satz zumindest sprachlich korrekt. Dass Menschen ganz allgemein alles tun und nichts versäumen wollen zum ewigen Leben der Erde, stimmt keineswegs. Warum auch: die Erde braucht die Menschen nicht: die überlebt, bis Supernova Sonne in spe sie dermaleinst verschlingt (was sie aber nicht tun wird, denn dazu ist sie zu klein: Hobby-Astronom Franzl sei Dank für diese Information!). zurück
Wie gesagt: wir können die Erde nicht erhalten, und die Welt gleich gar nicht! Es geht – wie in den Zeilen deutlich wird – eigentlich auch überhaupt nicht um den Erhalt der Erde, sondern allein um das Überleben der Menschen: wer soll sich denn an Springfischen freuen, wenn nicht der Mensch? Springen werden die jedoch auch unabhängig von unserer klammheimlichen Freude, schließlich sind die schon gesprungen, als es noch keine Menschen gab! Sehr freundlich, dass auch Tiere noch in den Überlebensplan aufgenommen werden, vor allem wohl die Genießbaren. Aber was ist mit den Pflanzen? Die genießbaren Tiere brauchen sie offenbar nicht mehr, sogar eingefleischte Pflanzenfresser wie die Rindviecher fressen inzwischen Ihresgleichen: als Nes-Kuh. Was machen wir nur mit den Pflanzen? zurück
Hier sollte es wohl an gute Sterne heißen.
Zum dritten Male wird ein Glaube erwähnt, ganz explizit der an die guten Sterne (und natürlich die bösen: das eine geht ohne das andere nicht!). Mancher glaubt wohl nicht an die Sterne (ich z.B.), und der verzagt dann wohl (ich allerdings nicht): sein Problem! Was das soll, weiß ich nicht: die Strophe wiederholt in den ersten beiden Zeilen bereits Gesagtes, denn das Noch zu Beginn jeder Strophe deutet an, dass die Freude an Springfischen bereits im Abklingen ist, dass es also zur Zeit 5 vor 12 ist (wie schon seit Jahrhunderten: manche Uhren gehen eben langsamer!), wobei 12 mindestens den Untergang des Weltalls markieren soll: ach, wir lächerlichen, aufgeregten & wichtigtuerischen Menschlein!
Dass eine Wahrheit im Kerne liegt, mag ja sein: aber welche Wahrheit denn? Und welcher Kern? Des Pudels Kern z.B. war weiland keineswegs die Wahrheit, sondern ein Schalk. Hier wird eine Redensart zu einer metaphysischen Erkenntnis aufgepustet und platzt wie eine Seifenblase: Ein guter Baum wird Früchte tragen. Unser Kirschbaum im Garten leidet unter einer Art Baum-AIDS, der ist absolut nicht gut und trägt Früchte in solch Übermaß, dass die Nachbarn staunen und sich über die Kirschen freuen, die wir ihnen schenken (wir machen uns nichts aus Kirschen).
Welches »gut« ist hier gemeint? Gehört es zu böse (moralisch) oder zu schlecht (funktionsuntauglich)? Ist der biblische Baum gemeint, etwa der bei Matthäus 3,10: Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt. Darum, welcher Baum nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen? Kann nicht sein: da geht es nur um die Früchte! Halt, da: Matthäus 7,17: Also ein jeglicher guter Baum bringt gute Früchte; aber ein fauler Baum bringt arge Früchte. Stimmt nicht, wie ich aus eigener Erfahrung weiß! So einfach ist die Welt nicht gebaut. Vielleicht hilft der Zusammenhang weiter: Seht euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Kann man auch Trauben lesen von den Dornen oder Feigen von den Disteln? Also ein jeglicher guter Baum bringt gute Früchte; aber ein fauler Baum bringt arge Früchte. Ein guter Baum kann nicht arge Früchte bringen, und ein fauler Baum kann nicht gute Früchte bringen. Ein jeglicher Baum, der nicht gute Früchte bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. Darum an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. In jedem Falle geht es um die guten Früchte, nicht einfach um Früchte wie im Gedicht. Soviel zur Seifenblase.
Wenn auch der biologische Aspekt falsch ist, hat doch der Rat, die Menschen an ihren Taten zu messen (statt an ihren Versprechungen), durchaus etwas für sich: das ist vielleicht der Kern dieser Aussage. Böse Zungen meinen, mit diesem Zitat ließen sich auch die christlichen Gewalttaten begründen: die falschen Propheten abhauen und ins Feuer werfen… zurück
Erfreulich: das Gedicht wird geoutet als das, wofür es sich hält: für einen flammenden Aufruf an uns alle, was durch den Doppelpunkt besonders betont wird. Der Pressesprecher der Erde teilt uns mit, dass die Erde uns um Erbarmen anfleht.
Wieso eigentlich, ist doch alles noch in Butter und hoffnungsfroh, sogar die Springfische? Wessen sollen wir uns denn erbarmen? Wir erfreuen uns doch schließlich der schönen Erde, wie ich gerade erfahren habe! Klar: 5 vor 12 ist wie gesagt schon lange 5 vor 12, und fröhlich geht die Welt zu Grunde, heißt es – doch die Erde will unser Erbarmen?
Geschätzte Erde: wir haben dich nicht geschaffen, aber wir haben den göttlichen Auftrag, dich uns unterthan zu machen, wende dich also gefälligst an deinen Erschaffer (oder von mir aus auch an deinen Hausmeister, den Erdgeist), und halte deine Pressesprecher besser im Zaum! Du wirst uns problemlos überleben, und du wirst uns nicht vermissen, darauf gebe ich dir mein feierlichstes Ehrenwort! zurück
Hatte das Gedicht bislang den Vorzug, wegen all seiner inhaltlichen Banalitäten überaus eingängig zu sein, so folgt jetzt überraschenderweise eine Rätselzeile: Ein »Halt!« der dunklen Erdenfalle.
Wer ruft da »Halt!«? Wir alle im Chor, nachdem wir die Botschaft des Pressesprechers vernommen? Der Pressesprecher? Die Erde? – Nein: die nicht, die ist schon seit ihrer Jungfernzeugung auf Fürsprecher angewiesen, die erst erschienen sind, als alles zu spät war! Mmh…!
Vielleicht finden wir den bzw. die Rufer in der Wüste, wenn wir aufklären können, wem oder was da Einhalt geboten werden soll; wären es z.B. Schüler, könnte man mit großer Wahrscheinlichkeit auf Lehrer schließen, bei Mördern auf Tatort-Kommissare, bei Kampfhunden auf Insassen des Rotlichtmilljös. Dieses Halt! nun gilt der Erdenfalle, und zwar der dunklen (wo ist die bunte Erdenfalle hin?). Jetzt muss ich einen Fallenfachmann fragen, schließlich kann ich nicht alles wissen: gibt es High-Tech-Fallen, die auf Zuruf reagieren (Schnapp zu! Schnapp auf! Halt! Sitz! Nicht das Blümchen!)? Und wenn ja: gibt es eine, die auch Planeten fängt… Ach ja? Und wie heißt die? Schwarzes Loch? Doch, das hilft schon, natürlich, es soll ja eine dunkle Erdenfalle sein, schwarz ist doch ziemlich dunkel! Und reagiert so ein Schwarzes Loch auf einen energischen oder freundlichen Zuruf? Wieso nicht bekannt? Ach so, also kein Einziger ist zurückgekehrt, der das jemals versucht hat… Tja dann: danke für die freundliche Auskunft!
Tut mir Leid: Keine Chance, diese Rätselzeile zu erschließen! Ich jedenfalls werde mich hüten, einem Schwarzen Loch zu nahe zu treten! Also rufen schon einmal nicht wir alle. zurück
Wenn das eine Warnung sein soll, so bewirkt sie genau das Gegenteil: Umarmungen sind etwas prinzipiell Schönes. Wer träumt schon davon, sich beim Sterben zu quälen? Ist es nicht viel angenehmer, selbst vom Tod sanft umarmt zu werden? Laut dieser Zeile umarmt uns dann nicht einmal der Tod, sondern die Ohnmacht: wir leben noch, sind nur vorübergehend weggetreten, wenn das Schwarze Loch sich die Erde schnappt. Nein: davor muss uns niemand warnen, weder ein Pressesprecher noch das Gedicht! zurück
Nochmals, hoch geschätzte Erde: wir haben dich nicht geschaffen, und auch für die Schwarzen Löcher tragen wir keine Verantwortung; du wendest dich eindeutig an die falsche Adresse! Bebe von mir aus, was das Zeug hält: uns wird eine sanfte Ohnmacht vor dem Ärgsten schützen. Rede selbst mit der dunklen Erdenfalle, versuche es mit einem »Halt!« oder »Erbarme dich meiner!« oder »Gnade!« – vielleicht reagiert sie ja bei dir! Mach’s gut, altes Haus, und: Kopf hoch, wird schon werden! zurück
So einfach lösen sich Probleme: bisher war ich der Meinung, bis auf die Rätselzeile ziemlich viel verstanden zu haben, jetzt wird mir erklärt, dass wegen meiner bösen Ichsucht (meine gute Ichsucht ist bedauerlicherweise gerade ohnmächtig geworden) ich nichts verstehe und dass das schade sei – nicht, weil ich an böser Ichsucht laboriere, sondern du – ja: du! – genau so, Sie sowieso, und er dahinten am Monitor schon lange: nämlich schlichtweg wir alle verstehen keinen Deut von dem, was die Erde erfleht!
Nun: wenn das so ist: wozu dann dieses Gedicht? zurück
Soweit kommt es noch, dass wir den Lauf der Erde kehren, die Sonne plötzlich im Westen aufgeht: da mache ich nicht mit; außerdem gibt es sehr alte Quellen, die von einem solchen Ereignis aus frühester Zeit berichten – dazu hat es uns schon damals nicht gebraucht! Zudem hätte diese Kehrtwendung genau so wenig oder viel Zukunft wie in der anderen Richtung, da die dunkle Erdenfalle überall lauert!
Dass hier offenbar so etwas wie »Sachzwänge« oder »Lauf der Dinge« gemeint sein soll, ist mir bewusst: nur kommt in dem Gedicht außer den Springfischen keinerlei Bewegung vor: Es ist ein genießendes Stillestehen; das einzige, das sich vielleicht bewegen könnte (wegen dem »Halt!«) könnte die dunkle Erdenfalle sein, was immer sich dahinter verbirgt. Mit anderen Worten: diese Strophe hat keinerlei Bezug mehr zu den vorherigen, sie braucht die vorhergegangenen überhaupt nicht. Mir geht es genau so. zurück
Soso: wir sollen die Erde ehren, weil wir sie nur gemietet haben? Von wem denn? Und zu welchem Preis? Doch selbst wenn wir sie gemietet hätten: ehrt jemand eine Mietwohnung mehr als eine Eigentumswohnung? Ein Leihbuch mehr als das eigene? Einen gemieteten Partner mehr als den »eigenen«? Aber wozu die Grübeleien: wir verstehen doch sowieso nur Flughafen: also ab nach Proll-Mallorca zu den Sangria-Eimern: ehren wir die Erde auf die Weise, die sie gern hat! zurück

Textkritik: Zweifel – Prosa

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Wenn man eine Frau kennen lernt, dann hat sie etwas Neues, Unberührtes und Geheimnisvolles. Ihre Seele ist wie ein zugefrorener See, bei dem die Eisschicht die Sicht auf den Grund verwehrt. Und ihr Körper ist wie ein verpacktes Geschenk. Man kann den Inhalt anhand der Maße und des Gewichts abschätzen, aber was wirklich drin steckt, bekommt man erst zu sehen, wenn man das Papier entfaltet.
Ich hatte sie vor zwei Wochen zum ersten Mal gesehen und jetzt lag sie auf meinem Bett. Sie sah sehr gut aus, wie sie da lag. Ihre Haare waren auf dem Kissen ausgebreitet. Ich kniete neben ihr und sah sie an. Wir hatten unsere Kleider noch an. Keiner sagte etwas. Ich versuchte alles zusammenzutragen, was ich bisher von ihr wusste, und es zu beurteilen. Vermutlich tat sie das Gleiche. Der Haken an der Sache war: Man wusste nie, ob ich man jemanden schon genug kannte, um es zu riskieren. Sich darauf einzulassen, verletzt zu werden, ist eine gefährliche Sache. Andererseits schlummerten vielleicht Dinge in dieser neuen Frau, die man gar nicht wissen wollte.
Ich war mal mit einer Krankenschwester zusammen. Ich liebte sie sehr und sie mich auch. Eines Tages, wir waren gerade ein Jahr zusammen, erzählte sie mir, dass sie vor vier Jahren beinahe vergewaltigt worden wäre. Die Geschichte erhielt für sie eine ganz neue Bedeutung, als sie herausbekam, dass der Täter ein Saufkumpan ihres Vaters war. Ihr Vater hatte das Leben seiner Tochter genau vorgeplant. Und in seinem Plan war Entjungferung im Alter von 16 fällig und zwar mit einem Mann seiner Wahl. Ich war schockiert. Und ich war mir um so deutlicher ihrer Liebe bewusst. Sie hatte mir die schlimmste und intimste Geschichte Ihres Lebens erzählt und mir somit ihr uneingeschränktes Vertrauen gezeigt. Kurze Zeit später trank sie sich auf einer Party einen an und erzählte die Story einem Typen, der zufällig neben ihr saß.
Die Frau, die auf meinem Bett lag, war schwer zu beurteilen. Sie war wunderschön. Von einer gewissen Perspektive aus. Sie schminkte sich nicht und sie trug keine allzu femininen Kleidungsstücke. Dem Anschein nach hatte sie allerhand gelesen. Von früheren Beziehungen sprach sie kaum und im Moment lag sie einfach nur da. Das einzige Aktive an ihrem Körper waren ihre Augen. Sie versuchten in meinem Gesicht zu lesen. Sie wartete offensichtlich auf einen ersten Schritt von mir. In mir kämpfte der Wunsch das Geschenk auszupacken, den Inhalt zu befühlen, daran zu schnuppern und schließlich an der richtigen Stelle hineinzubeißen. Andererseits hatte ich keine Lust alles alleine zu machen.
Vor einiger Zeit saß ich in einer warmen Sommernacht in einem Studentencafé mit nichts als einem Feuerzeug und einer vollen Schachtel Zigaretten. Vier Stunden und 15 Zigaretten später öffnete ich einer neuen Bekanntschaft die Beifahrertür meines Wagens. Ich war unerfahren und fühlte mich auch so, denn sie wusste genau was sie wollte. Sie lotste mich zu ihrer Wohnung, führte mich in ihre Dusche und gab mir Seife und ein Handtuch. Als ich aus der Duschkabine trat, stellte ich fest, dass sie meine Kleider mitgenommen hatte. Ich wickelte mir das Handtuch um die Hüfte und trat in den Flur. Sie rief mich aus dem Schlafzimmer. Ich betrat den Raum, in dem ein riesiges Bett stand und einige Kerzen brannten. Sie trug nur noch einen seidenen Slip und einen knappen Büstenhalter. Ich staunte so sehr über die Situation, mich und sie, dass ich nicht in der Lage war, abzuschätzen, wie das hier weitergehen würde, obwohl es offensichtlich war. Ich setzte mich aufs Bett. Sie kicherte und ihre Hände bewegten sich flink auf ihrem Rücken und öffneten den BH-Verschluss. Ich atmete ein und aus und dann hatte sie auch den Slip ausgezogen. Im Gegensatz zu den meisten Frauen sah sie ohne Kleider noch schöner aus. Ich bekam große Zweifel. Sie kannte mich nicht. Ich war nicht schön. Also ging sie mit jedem erstbesten Typen ins Bett. Die Vorstellung verschlang nicht viel geistige Energie. Dennoch spürte ich, wie all das gestaute Blut aus meinen Schwellkörpern wich und sich in meinem Kopf sammelte. Ich brachte es in dieser Nacht nicht und am nächsten Morgen warf sie mich ohne weitere Worte aus ihrer Wohnung.
»Was denkst Du gerade?« fragte sie mich. Ich veränderte meine Position auf dem Bett. So oft ich diese Frage schon gehört habe, ich war nie darauf vorbereitet. Ich hatte mir keine clevere Antwort zurechtgelegt, die ich freundlich lächelnd präsentieren konnte. Deshalb dachte ich darüber nach, was ich wohl erklärtermaßen denken konnte. Bilder von hungernden Kindern gingen mir durch den Kopf, Jesus am Kreuz, eine Wiese voller Pusteblumen. In Ermangelung brauchbarer Alternativen versuchte ich Zeit zu gewinnen: »Was glaubst Du?« »Ich habe zuerst gefragt,« beharrte sie.
Zwei Jahre zuvor hatte ich starke Schmerzen. Ich konnte nichts essen und beim Pinkeln brannte es. Nierensteine attestierte mir eine praktische Ärztin. Obwohl ich ihr sagte, dass ich einiges an Schmerzen aushalten konnte, verschrieb sie mir ein starkes Mittel. Ich legte das Rezept auf meinen Nachtisch und mich zu meiner damaligen Freundin ins Bett. Mitten in der Nacht wachte ich auf, weil ich Glassplitter im Magen hatte. Jedenfalls fühlte es sich so an. Ich brauchte das Schmerzmittel. Mit zitternden Fingern wählte ich die Notrufnummer. »Welche Apotheke hat heute Nachtdienst?« – »Keine Ahnung«. Meine Freundin liebte mich sehr. Meine Schmerzen spiegelten sich in ihrem hübschen Gesicht wieder. Ich drückte ihr meinen Autoschlüssel und das Rezept in die Hand. Eine Stunde später war sie wieder da. Mit dem Schmerzmittel. Ich hatte mir in der Zwischenzeit die Unterlippe zerbissen. Obwohl ich die doppelte Dosis schluckte, konnte ich nicht schlafen. Sie lag in Löffelposition hinter mir und hatte ihre Arme um mich geschlungen. Von hinten streichelte sie meine Brust. Am nächsten Morgen diagnostizierte mir ein anderer Arzt eine akute Blindarmentzündung und einen weiteren Tag später lag ich in einem Krankenhausbett und mein Blinddarm im Müllcontainer. Als meine Freundin mich zum ersten Mal besuchte, brach sie spontan in Tränen aus. Die Infusionen und der Schlauch, der aus der Operationsnaht heraus zu einem Beutel mit Blut und Sekret führte, machten ihr Angst. Nach meiner Entlassung aus dem Krankenhaus stritten wir uns oft. Eines abends, als wir nebeneinander im Bett lagen, fragte sie mich, was zwischen uns nicht stimme. Ich wusste es genau und ich sagte es ihr. Ich sah sie nach diesem Abend nur noch ein einziges Mal, als ich einige Kleidungsstücke aus ihrer Wohnung holte. Meine Antwort hatte wahrheitsgemäß gelautet: »Du liebst mich und ich habe Dich nur gern«.
Ich atmete tief ein. Sie hatte zuerst gefragt und ich stand nun vor der Wahl, ob ich ihr das sagen würde, was sie hören wollte. Das hieße eine Lüge mehr auf meinem Kerbholz und im Gegenzug einen Punkt mehr auf meiner sexuellen Highscoreliste. Oder ich konnte ihr sagen, dass ich nicht so recht wusste, ob ich schon soweit war. Ich entschied mich für Letzteres und ignorierte damit meine allen Zweifeln zum Trotz vorhandene Erektion. Sie setzte sich auf und griff nach meinen Händen. Sie hatte ihre Augen keinen Moment abgewandt. »Doch«, sagte sie, »Du bist soweit«. Sie kannte mich kaum und ich hoffte, dass sie Recht behalten würde.

© 2001 by Deef. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

So soll es sein: eine amüsant-spannende, gut komponierte Erzählung!
Diesen Text habe ich sehr gerne gelesen und gerne redigiert:
Gerne gelesen, denn ich war neugierig auf all die Erlebnisse des Protagonisten, aus denen er vergeblich Schlüsse zu ziehen versucht! Er trägt zusammen, was er von ihr weiß? Nichts da: Er trägt seine Erinnerungen zusammen, voller Zweifel, ob er dieses Mal wohl das Richtige macht! Und ob es das Richtige war – darüber erfahren wir nichts;
Gerne redigiert: Denn nur Kleinigkeiten sind es, an denen gefeilt werden muss!

Die Kritik im Einzelnen

Das ist allerdings ein Problem: was steckt im Inhalt? Das Ding an sich, quasi die Idee Inhalt? Gemeint ist doch wohl, dass im Geschenk etwas steckt, genauer: dass sich tatsächlich etwas unter der Verpackung verbirgt. Sollte dieser Satz überleben dürfen, würde ich folgendermaßen streichen:
Man kann den Inhalt anhand der Maße und des Gewichts abschätzen, aber zu sehen bekommt man ihn erst, wenn man.zurück
Hier wird es schwierig: vielleicht sollte das Geschenk besser ausgepackt sein (also Perfekt), bevor man den Inhalt erkennen kann; Menschen tragen – je nach Jahreszeit – verschiedene Schichten von Verpackung. Aber eigentlich möchte ich etwas ganz Anderes:
Ich plädiere dafür, diesen Absatz vollständig zu streichen! Weder weckt er Interesse, noch hat er etwas mit dem anschließenden Verhalten des Zweiflers zu tun; dieser Absatz könnte vortrefflich als Einleitung dienen in das tot getrampelte Kitsch-Thema »Rätsel Frau«, doch das wird zum Glück nicht behandelt! Also nochmals: ersatzlose Streichung des ganzen ersten Abschnittes; die Erzählung gewinnt dadurch nur, z.B. eine klare Rondo-Form (Jetzt – Damals – Jetzt – Damals – Jetzt – Damals – Jetzt). zurück
Sie sah aus, ich sah sie an: zur Abwechslung vielleicht ich betrachtete sie? zurück
Als ich dieses noch zum ersten Mal gelesen habe, musste ich laut auflachen: großartig, wie viel an Erwartung und Hoffnung und Scheu in diesem kleinen Wort versteckt wurde: da muss keine Absicht, kein Wunsch, kein Verlangen artikuliert werden: Wir hatten unsere Kleider noch an – das ist einfach genial! zurück
Das sollte um es zu beurteilen heißen, schließlich ist Zusammentragen und Beurteilen nicht eine einfache Addition von Tätigkeiten, sondern das Zusammentragen dient einzig und allein dem Zweck, das Ergebnis zu begutachten. zurück
Hat Ich das nötig, sich hinter man zu verstecken? Aber nicht die Bohne! Weg also mit diesem und dem nächsten man – neben dem ist sinnig-irrtümlicherweise sogar noch ein ich vorhanden! – her mit dem Ich! zurück
Jetzt wird es heikel: was zu riskieren hat Ich Bedenken? Gedanklich etwas zu beurteilen birgt lediglich das Risiko, sich zu irren – und das ist völlig ungefährlich, solange der Irrtum brav in den eigenen Hirnwindungen furiert (? untauglicher Versuch, Furore-Machen in ein starkes Verb zu wandeln; wo aber kann ich üben, wenn nicht hier?)! Das Risiko beginnt erst, wenn jemand mit seinem Urteil andere irrtümlich verletzt; doch Ich hat Angst, selbst verletzt zu werden: das kann aber weder mit der Beurteilung noch mit ihrer Äußerung etwas zu tun haben!
Hier fehlt ein Zwischenschritt, den nur der Autor selbst setzen kann! zurück
Es gilt auch hier: persönlich bleiben, also das Ich betonen; das man zum Teufel schicken! zurück
Dieses mal ist Umgangssprache; bisher hatte ich nicht den Eindruck, als wolle sich der Text bewusst auf dieser Ebene bewegen; die Sprache wird lediglich einfach gehalten; deswegen empfehle ich wieder einmal einmal (statt mal) zurück
Im vorvorletzten Abschnitt hatte der Protagonist das beurteilen wollen, was er an Wissen von der Frau zusammengetragen hatte; hier wird die Frau selbst zum Objekt seiner Beurteilung! Für mich ist das nicht dasselbe, nicht einmal das gleiche. Entweder präsentiert Ich hier das Ergebnis seiner Beurteilung, oder er tut etwas ganz Anderes, indem er beispielweise die Frau einschätzt. zurück
Auch hier bitte ich um etwas Hochsprachliches: allein – Danke! zurück
Wie lange ist vor einiger Zeit? Umfasst das mehrere Jahre? Mindestens zwei Sommer müssten verstrichen sein, damit das Folgende Sinn macht. Ich würde kürzen und ändern, um auch das doppelte in zu eliminieren:
Während einer warmen Sommernacht saß ich einmal in einem Studentencafé. Einmal ist unbestimmter als vor einiger Zeit. zurück
Mir gefällt das und zwischen den flinken Fingern und dem BH-Verschluss nicht: die Absicht der Kichernden war doch, ihren BH auszuziehen, und nicht, ihre Fingerfertigkeit auf ihrem Rücken zu demonstrieren! Warum also soll sie nicht schlicht kichernd und mit flinken Fingern ihren BH-Verschluss öffnen? zurück
Was jetzt folgt, sind keine Zweifel, sondern es ist eine Schlussfolgerung angesichts des eigenen Mickertums; der Protagonist hätte Zweifel bekommen können, ob die Fingerflinke tatsächlich ihn meint oder nicht doch eher sein Gemächte, aber dann hätte er zuvor überzeugt sein müssen, dass sie ihn meint; darüber ist im Text jedoch nichts zu finden. Hier tut Überarbeitung Not! zurück
Was heißt an dieser Stelle erklärtermaßen? Nichts ist von ihm gesagt (erklärt) worden, sondern er denkt nach; was denkt er nach? Er denkt nach, was er denken konnte; das wiederum geht grammatisch nicht: Flinkfingers Frage ist vorbei, und desgleichen der Zeitpunkt, an dem er etwas gedacht haben könnte. Heißen könnte es richtig zum Beispiel:
Deshalb dachte ich darüber nach, was ich passenderweise hätte gedacht haben können. zurück
Mir ist nicht bekannt, was der Protagonist als Nachtisch zu sich zu nehmen pflegt, ich glaube aber nicht, dass Rezepte dazu gehören. Könnte es sein, dass hier ein kleines t heimtückisch-heimlich sich auf und davon gemacht hat? Ein Nachttisch als Ablage für Rezepte dagegen deucht mich ein vernünftig Ding! zurück
Es ist nicht wahr, dass der Protagonist seine Erektion ignorierte, denn erstens hat er sie ja gespürt und zweitens hätte ihm ein Ignorieren keinen Vorteil gebracht, schließlich war er nicht allein; was er aber getan hat: er hat sie offen verleugnet gegenüber dem Frauenzimmer auf seinem Bett! Und das muss er jetzt büßen. zurück

Textkritik: Die gedroschene Welt – Lyrik

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Die gedroschene Welt liegt vor mir,
bereit um aus ihr Bilder zu mahlen,
bereit um aus ihr Leben zu backen.

Doch:
Es fehlen Farbe, Mühle, Atem und Herd.

Die gedroschene Welt liegt vor mir,
und wäre schöner gewesen,
wäre sie am Halm geblieben!

© 2001 by Elisabeth Mittag. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Mensch Elisabeth, schreibe bloß weiter!
Behutsam wird mit den sprachlichen Mitteln umgegangen, Gefühle werden nicht aufgedrängt, sondern dürfen sich entwickeln, ein ausgeprägtes Gefühl für den Zusammenhang von Form und Inhalt ist zu spüren – und wenn man wie ich dann noch weiß, dass die Autorin 17 Jahre alt ist: dann kann man nur noch staunen und gratulieren und hoffen:

Die Kritik im Einzelnen

Das versteckte Partizip »bereit (seiend)« bezieht sich grammatisch logisch auf gedroschene Welt, was zur Folge hat, dass das Vorhaben des lyrischen Ichs, nämlich aus der Welt Bilder zu mahlen, dieser Welt als Absicht unterschoben wird: dann müsste der folgende Satz eine passivische Konstruktion haben: bereit zu Bildern gemahlen zu werden.
Das aber klingt ausgesprochen hässlich und ist zudem falsch, denn schließlich will das lyrische Ich aktiv werden! Zudem fehlte der Gleichklang mahlen-malen: gemahlen-gemalt liefert nicht die gleichen Kopfbilder. Ich würde empfehlen, bereit beide Male zu streichen; die unmittelbare Nähe der Absichtserklärung um aus ihr (…) zu mir würde die immer noch vorhandene Anbindung an gedroschene Welt abschwächen – sie schwänge gewissermaßen nur noch mit: das lyrische Ich will es so, und auch die Welt will es so. zurück
Dieses Doch kriegt ein ungeheures Gewicht, da es völlig allein und gleichzeitig vor der längsten Textzeile steht – das will aber nicht zu dem resignativen dritten Abschnitt passen. Entfiele der dritte Abschnitt ganz (was ich mir durchaus vorstellen könnte), wäre ich uneingeschränkt einverstanden. So aber empfehle ich ein Anpassung an die Vorgaben des ersten Abschnittes: Doch fehlen Farbe und Mühle, / Atem und Herd. Das zweifache und hat seine Entsprechung in dem zweifachen zu, denn es verbindet die Substantive wie das zu die Elemente der Infinitivkonstruktion. zurück
Das Komma nach vor mir ist in diesem Abschnitt falsch (nicht, dass sich Autoren unbedingt nach den Regeln richten müssten – iwo! Aber entsprechende Änderungen müssten ganz bewusst gesetzt sein, und das erscheint mir hier fraglich) und wohl darauf zurückzuführen, dass die erste Zeile hier wiederholt wird. Das Komma aber könnte bleiben, finge die folgende Zeile nicht mit und an, sondern mit sie; dadurch ergäbe sich eine Überkreuzstellung der Zeilenanfänge: sie wäre … gegenüber wäre sie …, was wiederum den Kontrast verstärkte zu dem absoluten Paralleleismus am Ende des ersten Abschnitts. Zusammengefasst ergäbe sich folgender Verbesserungsvorschlag:

Die gedroschene Welt liegt vor mir,
um aus ihr Bilder zu mahlen,
um aus ihr Leben zu backen.

Doch fehlen Farbe und Mühle,
Atem und Herd.

Die gedroschene Welt liegt vor mir,
sie wäre schöner gewesen,
wäre sie am Halm geblieben!

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Textkritik: Mühlenmäuse – Lyrik

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Unten in der alten Mühle
traf sich in des Kellers Kühle
die gesamte Mäusemeute
zu verteiln die fette Beute

Wüst wars da in dieser Runde,
stritten sie die dritte Stunde,
wem wie viel von diesem Specke
ohne Unverschämtheit schmecke.

»Räuberratte! – Mehlbenässer!
Mietzenkrauler! – Köttelfresser!«,
solche und noch andre Namen
gaben hier den Umgangsrahmen.

»Nichts kriegst du, du Spitzmausfratze!
Hol dich Raul, die fette Katze!«
Pautz. Bei dieser frommen Bitte
landet Raul in ihrer Mitte

»Wenn schon: Kater! -« murrt er strenge
in die angsterstarrte Menge,
»Hab euch Kleinen zugehört,
denk doch, dass das niemand stört?«

Schleunig schütteln alle Mäuse
zugleich ihre Hirngehäuse.
»Sicher wollt ihr nicht mehr streiten«,
raunt er rings nach allen Seiten,

»drum, wenn alle einig wären,
würd ich mich bereit erklären,
dieses Speckstück für einstweilen
mitzunehmen und verteilen,

später, an der Mühlbachquelle.
Außer, jemand ist zur Stelle
sich dagegen zu erfrechen
möcht ihn dann alleine sprechen.«

Heftig schütteln da die Mäuse
aus dem Kopfhaar ihre Läuse.
»Gut«, sagt Raul , »ich muss dann weiter«,
packt den Speck und rauf die Leiter.

Nach der ersten kurzen Pause
Jubel, Trubel, Mäusesause.
Wie die Kleinen da frohlocken,
tanzen, aufeinander hocken,

und die Mäuse, einer Meinung,
gratulieren zur Entscheidung
ihren Streit so schlau zu enden,
sich an Raul, die Katz, zu wenden.

© 2001 by Zero. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Eine gelungene politische Fabel, die stellenweise eine erfreuliche sprachliche Leichtigkeit erreicht.
Deutlich wird aber auch, welch Arbeit und Leistung hinter und in den Versen eines Busch oder Heine oder Gernhardt stecken muss, denn die lesen sich immer so selbstverständlich federleicht, als könne das jeder. Werch ein Illtum!
Ein Wort noch zu Fabeln überhaupt: Eigentlich waren Fabeln immer politisch; Lehren zu moralischem Nutz und Frommen der Jugend wurden erst seit dem 18. Jahrhundert aufgepfropft, und zwar wortwörtlich: sie wurden ausformuliert hinter die Fabel gestellt, etwa zu der Fabel vom Storch und dem Schwan, wo der Schwan seinen Gesang angesichts des Todes dem Storch so begründet: er werde in einen Stand treten, wo er weder dem Hunger noch der Verfolgung länger ausgesetzt sei.
Das war schon bei Äsop politisch gemeint: Die Zensur und Verfolgung von Künstlern und politisch Andersdenkenden oder Aufmüpfigen war normal, auch noch im letzten Jahrhundert (dem 20.). Was muss das in Äsops Fabel für ein Staat sein, in dem Menschen sich über den Tod freuen?
Die aufgepfropfte Nutzanwendung zur obigen Fabel: Lehre. Der Tod ist die gewisse Befreyung von allen Beschwerlichkeiten, Leiden und Gefahren des Lebens. Prima: haltet die Klappe, denn das Leben ist ein Jammertal! Bezeichnenderweise leitet Richardson seine Fabelsammlung mit folgenden Worten ein (in der Übersetzung vom alten Lessing): Sittenlehre für die Jugend in den auserlesensten äsopischen Fabeln, mit dienlichen Betrachtungen zur Beförderung der Religion und der allgemeinen Menschenliebe. (Kinder- und Jugendliteratur der Aufklärung, Reclam 9992, S. 242/243)
Belehrende und moralische Gedichte werden auch heute noch in Massen hergestellt. Ich freue mich, dass Zeros Fabel nicht dazu gehört!

Die Kritik im Einzelnen

Das ist zu flach: es war da nicht wüst, sondern wüst ging es zu: hier ist action angesagt! Vorschlag: Wüst gings zu in dieser Runde. zurück
Da es schon längere Zeit wüst hergeht, würde ich das sie durch ein schon ersetzen. zurück
Die Frage ist nicht, wie viel jede Maus vertilgen kann, sondern vertilgen soll: jeder schmeckt sicher alles. Kleine Verbesserung (Wozu gibt es schließlich Reimlexika? Z.B das Standardwerk von Steputat bei Reclam – inzwischen sogar als CD-Rom erhältlich, oder »Das große Reimlexikon« von Günter Pössinger, Heyne-Ratgeber 5102.) für die ganze Strophe: Wüst gings zu in dieser Runde,/stritten schon die dritte Stunde,/wer wie viel von diesem Specke/ohne Unverschämtheit schlecke. zurück
Gut an dieser Stelle: der Zeitenwechsel vom Präteritum zum Präsens! Denn jetzt wird es wohl richtig Katz-Maus-dramatisch! zurück
Auch hier habe ich nur kleine Verbesserungsvorschläge anzutragen die Ehre: schleunig beschreibt nur das Tempo, in dem die Mäuseschar willfahrt: eifrig würde auch den Opportunismus ins rechte Bild rücken; zugleich hat den hochsprachlichen Ton auf der zweiten Silbe, müsste hier also gegen den natürlichen Sprachrhythmus betont werden; das wäre durchaus möglich, wenn hier etwas Unerwartetes geschieht, der (wissend-aufmerksame) Leser also auch durch die Form darauf aufmerksam gemacht würde. Das aber ist inhaltlich nicht der Fall: der Mäuse Gehorsam ist fraglos. Verbesserungsvorschlag: Schleunig schütteln alle Mäuse/eifrigst ihre Hirngehäuse. zurück
Die herrschaftliche Großzügigkeit des Katers würde deutlicher, wenn er sich bereit erklären könnte, statt es gleich zu tun; für einstweilen hat etwas Unherrschaftlich-Umgangssprachliches, und die angehängten Infinitivkonstruktionen sind grammatikalisch brüchig. Vorschlag: drum, wenn alle einig wären,/könnt ich mich bereit erklären, dieses Speckstück hier einstweilen/mitzunehmen und zu teilen.
Kleines inhaltliches Problem dabei: teilen und verteilen meinen nicht das Gleiche; doch schließlich ist es nur ein Vorschlag, der möglichst viel der Vorlage bewahren soll. Und es ist auch nicht mein Gedicht! zurück
Muss der Großherzog Kater so deutlich werden? Ist es für ihn tatsächlich im Bereich des Möglichen, dass ein Maus auch nur Piep macht? Ich finde es angemessener, wenn Raul seine arrogante Selbstsicherheit genüsslicher zur Schau stellte. Auch hier ein Vorschlag, wobei die Zeile mit dem viel zu empörten erfrechen vollkommen ersetzt wird: Außer, jemand wär zur Stelle,/meinen Vorschlag abzuschwächen./Würd ihn gern alleine sprechen…
Die unausgeführten Punkte am Ende gehörten unbedingt dazu: so ein Angebot muss wirken können! zurück
Nach packt den Speck ist eine Unterbrechung notwendig, denn die Satzkonstruktion wird verlassen: Raul sagt und packt, dann aber fehlt das Verb nach dem folgenden und : Vorschlag: packt den Speck – und rauf die Leiter. zurück
Ich finde die doppelte Tatsachenverdrehung vergnüglich: die Mäuse bleiben trotz Rauls Ermahnung stur bei Katz, andererseits aber tun sie so, als sei alles nach ihrem Wunsch und Willen bestens geregelt worden. zurück

Textkritik: Stimmen im März – Lyrik

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Schick das Dunkel ins Licht! –
Reiß die Bleiche vom Himmel! –
Die Kristalle wollen sterben
Erlöse sie!

Zünde den Regenbogen!
Ich will aufbrechen
Ins Blütenfeuerwerk

Worauf wartest Du?
Umarme mich! –

© 2001 by Hagen von Sendling. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Ist das eine Parodie? Sollen hier die üblichen Frühlingsgefühle gekippt werden? Oder ist das unfreiwilliger Humor, weil die völlig überzogenen Bilder eigentlich tiefernst gemeint sind? Ich vermag das nicht zu entscheiden, denn mir fehlt eine zweite Stimme, die die Überschrift doch nahe legt: die müsste in einer einzeiligen (um die Form zu wahren) Schluss-Strophe zu Wort kommen und könnte antworten: »Nein Danke!« Dann hätte dieses Gedicht die Lacher auf seiner Seite und alle Brillen verdient!
So aber? Das Gedicht hat durchaus etwas für sich in seiner Reduktion auf wenige Elemente: die abnehmende Zeilenzahl, die Befehle, die Gedankenstriche, die lautliche Gestaltung (schick-ins-Licht; reiß-bleich…), die kaputten Bilder. Es könnte als Liebesgedicht gelesen werden angesichts des dräuenden Frühlings: in mir ist es so finster und der Himmel ist so bleich: umarme mich, Liebste(r), damit ich meine Starrheit verliere und meine Gefühle explodieren können; es könnte als Frühlingsgedicht gelesen werden: liebe Sonne, wärme ich, damit ich nach dem langen dunklen Winter vom Schnee befreit werde (vom Eise befreit sind …) undsoweiter undsoweiter undsoweiter ad libitum.
Ich werde vorsichtshalber nur eine Brille vergeben: wegen dem Handwerklichen, und weil ich eben nicht weiß, ob das Handwerkliche versehentlich ein ernst gemeintes Gedicht verhunzt hat oder ob die Verhunzung gewollt war.

Die Kritik im Einzelnen

Dieser Befehl hat es aber auch so was von in sich! Sollte jemand tatsächlich gehorchen, würde er sein schwarzes Wunder erleben: schließlich geht das Licht dabei elendig drauf, das Dunkle wird es mit einem Happs verschlucken – und es wird schön finster werden; denn da wieder einmal der Kitschkampf Lücht gegen Fünsternüs (oder umgekehrt) beschworen wird, muss leser davon ausgehen, dass der Befehlsgeber ein Anhänger der dunklen Seite der Macht ist (möge sie nicht mit ihm sein), schließlich erteilt er einen Mordauftrag – gegen wen auch immer: das Licht wäre in jedem Falle ausgerottet. Der anschließende Gedankenstrich lässt hoffen, dass der Befehlsgeber noch heute vergeblich auf einen willfährigen Dummkopf wartet! zurück
Fein: es hat sich kein Dummkopf gefunden, jetzt beruhigt sich der Oberbefehlshaber und startet einen zweiten Versuch: die Bleiche soll vom Himmel! Frage: wie kommt die dahin? Was will die da? Ich kenne Bleiche nur als den Ort, auf dem man frisch gewaschenes Linnen auslegt, damit die Sonne (statt dem weißen Riesen) für das weißeste Weiß unser aller Leben sorgt!
Oder ist damit so etwas wie Farblosigkeit gemeint, so eine Art leichte Leichenbleiche? Dann sollte es aber das Bleiche heißen (Ha: wozu habe ich einen Duden? Augenblick: Blei, Bleiasche  – nanu: brennt das denn? – , Bleibe, bleiben, Bleiberecht, bleich, Bleiche: die; – tja, aber das ist wieder die Persil-Konkurrentin). Egal. Mit dem Duden kommt man keinem Text auf die Spur!
Reiß die Bleiche vom Himmel – das könnte sogar ein bleiches weibliches Wesen sein, dass aus unerfindlichen Gründen am Himmel herum turnt. Wie auch immer: Auch hier redet der Oberbefehlshaber gegen eine Wand, denn wieder folgt ein Gedankenstrich, und wieder erneuert sich Leser-Hoffnung, dass kein Trottel sich finden möge, diesen unverständlichen Befehl auszuführen – denn der muss schief gehen! zurück
Der General ist unzufrieden mit seinem immer offener zutage tretenden Autoritätsverlust, versucht es jetzt auf der menschlich-esoterischen Schiene und wirbt um Verständnis: angeblich hat er davon Kenntnis erlangt, dass Kristalle sterben wollen (was Salzkristalle angeht: kein Problem, denn Sterben ist ihr ureigenster Zweck, dafür sind sie dann das Salz in der Suppe! Welches Kristall kann das schon von sich sagen? Selbst die Schneeflocke schmilzt hier beschämt vor sich hin!), und jetzt soll so ein Erlöserheini die Kristalle erlösen:
Erlöserheini: General, melde gehorsamst: kann Befehl nicht ausführen!
General: Was fällt Ihnen ein?
Erlöserheini: General, wünschen Sie, dass ich die Kristalle von ihrem Todeswunsch erlöse, oder wünschen Sie, dass ich die Kristalle in die Suppe werfe?
General: Welche Suppe?
Erlöserheini: Mit Verlaub: die symbolische, damit die Kristalle sich auflösen, also symbolisch sterben können!
General: Frechheit, ich lehne Suppen in jeder Form ab! Führen Sie unverzüglich den Befehl aus!
Erlöserheini: Wie Sie wünschen! (erlöst den General).
Die erste Strophe ist beendet; der Ton ist ziemlich gewalttätig und herrisch, der Inhalt trägt in seiner Verrücktheit parodistische Elemente; der Titel »Stimmen im März« deutet auf vorzeitigen Vorvorfrühling hin, und die Stimme (ich erkenne in dieser Strophe nur eine) ist ganz allein (siehe Gedankenstriche). zurück
Zünde die Bombe! Der Befehlston bleibt, unser General ist zunehmend verwirrt: jetzt sieht er schon einen Regenbogen als bedrohlich an und will ihn wegsprengen: erst hat er Angst vor dem Licht, dann vor irgendeiner Bleiche (schließlich liebt er Fünsternüs nur pur), dann vor lebendigen Kristallen, jetzt soll der Regenbogen dran glauben! zurück
Warum soll der Regenbogen gesprengt werden? Weil unser undichter General aus lauter Angst vor Licht in ein Blütenfeuerwerk aufbrechen will? Das leuchtet mir nicht ein! Zwar kann ich mir vorstellen, dass ein explodierender Regenbogen Farbsplitter versprüht: aber was will unser Licht-und-Farben-Hasser in einem Blütenmeer? HErr, errette mich aus dieser Fünsternüs! (HErr: Nix is!)
Die zweite Strophe findet ihr unrühmliches Ende, sie weist eine Zeile weniger auf, und es gibt nur noch einen sinnlosen Befehl, den wohl auch niemand befolgt, wie der Gedankenstrich am Ende zeigt! zurück
Ich denke ja nicht im Traum daran, so jemanden zu umarmen! So ein Nichtsnutz soll sichs gefälligst selbst besorgen. Er darf auch gerne seine absurden Befehle ausführen – ohne mich, und laber mich gefälligst nie mehr an! zurück