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Textkritik: Die unsichtbare Frau – Prosa

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Schon seit langem traf er sich regelmäßig mit der unsichtbaren Frau, schon damals, als er noch zur Schule ging. Seine Frau, so nannte er sie für sich. Niemand sonst kannte sie, niemand konnte sie sehen, nicht einmal er, aber sie war keine Frau, die gesehen werden musste. Sie war die hörbare, die riechbare, die fühlbare Frau; und wenn er sich nach getaner Arbeit auf die Parkbank vor der großen Hecke setzte und wenn im Winter die Planken unter ihm und hinter seinem Rücken allmählich seine Wärme aufnahmen und sich im Sommer in sein Fleisch gruben und direkt unter den Shorts ihr Muster zurückließen, kam sie regelmäßig auf eben diese Parkbank, setzte sich neben ihn, schmiegte sich in seinen Arm. Er hatte es aufgegeben, anderen von ihr zu erzählen, ein einziges Mal hatte er es versucht, doch wenn ihm nicht einmal sein bester Freund glaubte, so konnte das nur bedeuten, dass die unsichtbare Frau ein Geheimnis war, dessen nur er würdig war.
Weder Namen noch Alter noch Augenfarbe wusste er von ihr, und nur manchmal lag er nachts wach und überlegte, ob eine Unsichtbare überhaupt eine Augenfarbe hatte. Dass er Augen hatte, wusste er von unsichtbar verschlungenen Wegen, Augen und noch viel mehr und eine Stimme, die die nackte Welt in Gewänder aus Worten kleidete; und ihre Wege führten an statuenbewachsenen Brunnen und Einkaufspassagen vorbei, am großen See im Park, über der Erde und unter der Erde in U-Bahn-Schächten, die in gleichbleibender Helligkeit mit wachsender Stundenzahl immer leerer wurden; und wenn sie schließlich allein waren, im Park oder im Schacht, zwischen Enten und Zigarettenstummeln, wurden aus den verschlungenen Wegen kühne Entdeckungsfahrten. Allein sein mussten sie, nicht noch mal wollte er zum Gespött seiner Freunde werden, die ihnen einmal alle zusammen in der Fußgängerzone begegneten und angesichts seines ins Nichts hängenden, Luft umgreifenden Armes losprusteten.
Vielleicht war sie eine Muse, vielleicht eine Göttin, vielleicht ein Stern. Sie sprach in Bildern, dachte und lebte in Bildern wie er; und im Laufe der Zeit hatte sich zwischen oder vielmehr in ihnen eine derartige Vertrautheit eingestellt, dass es ausreichte, ein Wort anzusprechen, und sogleich brach eine Kaskade von Bildern, ein Sturzbach von Erinnerungen los, und er schwamm im gläsernen Aquarium der Welt der unsichtbaren Frau und trank ihre Kristallklarheit, mit der sie die Welt durchleuchtete. Und manchmal wünschte er sich, gleichfalls unsichtbar zu sein und in der tastbaren Welt gleich seiner Gefährtin in grenzenloser Freiheit zu schweben, gleiten und taumeln, ohne die zahlreichen Zugeständnisse, die er aufgrund seines Sichtbarseins an die Welt leisten musste. Dass sie sich stattdessen in ein sichtbares Wesen verwandeln konnte, den bunt gekleideten und gemalten Freundinnen seiner Altersgenossen gleich, auf diesen Gedanken war er entweder nie gekommen, oder er hatte ihn sofort wieder verworfen angesichts der grenzenlosen Freiheit eines Unsichtbaren, der gegenüber der ästhetische Genuss einer schönen Frau – nur als schön konnte er sie sich vorstellen – und die Freude, sie in der Gesellschaft vorzuzeigen, als Nichtigkeiten erschienen.
Eines Tages verkündete die unsichtbare Frau, dass sie schwanger sei. In seiner Unbedarftheit war ihm noch nicht aufgefallen, dass sich ihr unsichtbarer Leib unter seinen Händen zunehmend gerundet hatte. Die unsichtbare Frau war schwanger. Sein einziger Gedanke war, wie das Kind wohl aussehen würde oder besser gesagt, ob es überhaupt aussehen oder sich gleich seiner rätselhaften Mutter nur anfühlen würde. Nach wie vor blieb ihr Leib seinen Augen verborgen, er starrte durch sie hindurch auf die grellweißen, bohrend hellen Planken der Parkbank, ohne dass sich etwas auch nur annähernd an einen Fötus Erinnerndes in sein Blickfeld gezwängt hätte.
Das Ungeborene hatte in ihm etwas verändert. Hatte er sich zuvor mit der Aufteilung der Welt in Sichtbares und Unsichtbares zufrieden gegeben, schien ihm das wahre Leben gar erst im Schutze der Unsichtbarkeit möglich, so sehnte er sich nunmehr mit ganzer Kraft danach, den Fötus, zur Hälfte sein Fleisch und Blut, in das Reich des Sichtbaren zu bannen. Es fürchtete ihn, einen Teil seiner selbst unwiderruflich und unwiederbringlich verloren, im Schoße der unsichtbaren Geliebten einer Welt anheim gegeben zu haben, die ihm im Grunde genommen zutiefst fremd war und deren Vertrautheit sich im Zuge derartiger Gedanken verflüchtigte wie Rauch, der zunächst nicht mehr zu sehen und dann nicht einmal mehr zu schmecken und zu riechen ist, so dass die wilden Kaskaden und breit dahinströmenden Wasserfälle zu Rinnsalen wurden, jederzeit vom endgültigen Versickern bedroht. Nicht mehr der Frau galten seine Sehnsüchte und sein Begehren, sondern sein ganzes Wesen richtete sich zielbewusst auf das Ungeborene, genauer gesagt auf seine Hälfte des Ungeborenen, die Hälfte, die sichtbar hätte sein sollen und die ihm zustand. Seine Ohren, seine Lippen, seine Fingerspitzen versickerten gleich dem grenzenlosen Bilderstrom, der einst das ungleiche Paar genährt hatte, und er zog sich immer mehr in seine Augen und einige ihnen benachbarte Hirnwindungen zurück.
So kam es, dass er das flaumige Köpfchen des unsichtbaren Kindes nicht ertasten konnte und dass er nicht einmal die letzten Sätze verstand, die die unsichtbare Frau an ihn richtete: dass das Kind nicht seines sei. Er saß bloß da auf seiner Parkbank, die unter ihm eiskalt blieb, hatte seine Hand, einer jahrealten Gewohnheit entsprechend, neben sich über die hölzerne Rückenlehne gehängt; er wunderte sich über ein nie gekanntes Gefühl der Einsamkeit und versuchte vergeblich zu ergründen, was nun anders war.

© 2002 by Silke Blumbach. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Der letzte Abschnitt deutet etwas an, was der vorangegangene Text in keiner Weise unterstützt; dazu ist er viel zu unstimmig und unfertig, dazu ist der Charakter des Protagonisten viel zu unbestimmt. Es macht beinahe den Eindruck, als sei dem Erzähler erst am Ende selbst einigermaßen klar geworden, was er eigentlich hatte erzählen wollen. Doch da war es bereits zu spät. Nur so kann ich mir auch die vielen Flüchtigkeiten erklären.
Aus dieser Erzählung ließe sich sicher etwas machen – aber nicht ohne gewaltige Anstrengung: wie bei jedem Text eben!

Was der letzte Abschnitt andeutet: Ich kann mir vorstellen, dass in diesem Text hätte erzählt werden können, wie ein ziemlich isolierter junger Mensch plötzlich aus seiner Traumwelt erwacht (in die er sich während der Pubertät geflüchtet hat), als sich seine »Traumfrau« von ihm verabschiedet, da diese Bilderstrom-Einigkeit nicht mehr trug und neue Zielvorstellungen (»das Kind«) sich entwickelten.
Aus genannten Gründen ist das notwendig sehr, sehr vage; aber nur unter diesem Aspekt kann ich mit »Die unsichtbare Frau« überhaupt etwas anfangen!

Die Kritik im Einzelnen

Was ist an diesem Satz wichtig? Ich denke doch, dass der Protagonist die unsichtbare Frau schon sehr lange kennt; das wird aber in der vorliegenden Konstruktion zu wenig deutlich, dazu müsste das Kennenlernen viel weiter zurückverlagert werden, beispielsweise durch die Verwendung des Plusquamperfekts: das verlängert den Zeitraum von ganz allein: Mit der unsichtbaren Frau hatte er sich schon regelmäßig getroffen, als er noch zur Schule ging. zurück
Wieso kann niemand sie sehen, nicht einmal er? Seine Frau ist doch angeblich unsichtbar?? Ach so: Wasser ist nass, Schnee ist weiß, Unsichtbares kann man nicht sehen; man betone das Selbstverständliche, und schon hat man das Außergewöhnliche des Selbstverständlichen philosophisch erhebend vollends flachgetreten: Das wirkt sehr betulich-kitschig! Der Satz sollte vielleicht besser heißen (nach Eliminierung der Banalitäten): Niemand sonst kannte sie, denn sie war keine Frau, die gesehen werden musste. zurück
Das ist zäh und umständlich: Die Planken, die bei Bänken eigentlich Bohlen heißen, können nur dann ein Muster in seinen Schenkeln hinterlassen, wenn sie sich in sein Fleisch graben können; im Winter hinterlassen sie keine Muster, denn vernünftigerweise trägt der Protagonist im Winter mehr als Shorts. Also liegt die Ursache für das Muster nicht in erster Linie an den Bohlen, sondern an der Bekleidung. Das war jetzt ähnlich umständlich und zäh, aber ich schreibe keine Erzählung. Empfehlen würde ich folgende Kürzung: (…) und im Sommer direkt unter den Shorts ihr Muster zurückließen.
Zusätzlich wäre das angedeutete vertrauliche Verhältnis zur Bank enger zusammengerückt: Bank nimmt Wärme und gibt dafür Muster. zurück
Wenn jemand etwas aufgibt, gehe ich davon aus, dass der Aufgeber sich mehrfach und intensiv um etwas bemüht hat. Hier aber hat der Protagonist nur ein einziges Versüchlein gestartet! Welch Anstrengung! Oder ist er ein Feigling? Zurechtrücken würde ich den Satz folgendermaßen: Ein einziges Mal hatte er versucht, seinem besten Freund von ihr zu erzählen; doch nicht einmal dieser hatte ihm geglaubt. Das konnte nur bedeuten, dass allein er der unsichtbaren Frau würdig war.
Sprachlich bin ich mit dieser Verbesserung nicht zufrieden: zufrieden bin ich nur, dass unnötiger Ballast abgeworfen wurde. zurück
Warum denn nicht? Kann die unsichtbare Frau etwa nicht sprechen? Doch, sie kann, wie sich später erweist! Wieso fragt der Protagonist nicht nach solchen Selbstverständlichkeiten wie Name und Alter und meinetwegen Augenfarbe (wenn ihre Augen denn eine haben)? Und falls der Feigling doch jemals gefragt haben sollte: wieso hat sie keine Auskunft gegeben? Werden Unsichtbare sichtbar, wenn man sie beim Namen nennt oder ihnen zum Geburtstag gratuliert? Es ist im höchsten Grade albern und überflüssig, die von Anbeginn an außergewöhnliche Situation gewaltsam zu etwas noch Außergewöhnlicherem zu stilisieren! Hier gerät der Text dank überflüssigster Geheimniskrämerei in heftigste Kitschdrift!
Interessant sind des Protagonisten Grübeleien: und damit sollte der Satz beginnen. Der Rest gehört in den Orkus! Manchmal lag er nachts wach und überlegte, ob eine Unsichtbare überhaupt eine Augenfarbe hatte. Das führt auf eigentliche Situation zurück, und der Protagonist wird lebendiger, als wenn sein nicht nachvollziehbares Nichtwissen breitgetreten wird. zurück
Jetzt beweist der Protagonist auch noch seine eigenen Augen: ja ist der nicht ganz dicht? Dass er Augen hat, will er von unsichtbar verschlungen Wegen erfahren haben: die haben ihm wohl gesagt: Hey, du hast ja Augen!
Das muss von den Wegen allerdings purer Spott gewesen sein, denn der Protagonist kann das unsichtbar Verschlungene der Wege keinesfalls sehen, er kann nicht einmal wissen, dass unsichtbar verschlungene Wege mit ihm gesprochen haben, es sei denn, die Wege hätten sich ihm so vorgestellt: Hallo, wir sind die unsichtbar verschlungenen Wege, und weil du das nicht sehen kannst, hast du Augen!
Merkwürdige Spaßvögel, das: vermutlich waren es in Wirklichkeit die unhörbar verschwurbelten Wege; wer will das schon so genau wissen? Ich glaube kein Wort von dem, was hier geschrieben steht: es ist blanker Unsinn.
Ich werde den Verdacht nicht los, dass der Beginn dieses Satzes vielleicht lauten könnte: Dass sie Augen hatte (lautet er aber nicht. Und ich kann nur exakt die Texte besprechen, die ich bekomme, nicht die gedachten oder gemeinten.). Doch selbst wenn der Satz so begänne, bliebe der Unfug der unsichtbar verschlungenen Wege: Hey, deine Unsichtbare hat Augen, nur zur Info, du traust dich ja nicht zu fragen!
Dass die Unsichtbare Augen haben muss, ist wiederum so trivial, dass diese angestrengte Herumgeheimnisserei nur lächerlich wirkt! Wie soll Madame sich sonst zurechtfinden? Sie wäre doch zumindest beim ersten Mal voll fett in die Bank gebrettert. Jetzt aber endgültig genug von diesem Augenkitsch! zurück
Um den brauchbaren Inhalt zu retten, gehe ich zum Ausgangspunkt zurück: der Protagonist grübelt, ob Unsichtbare überhaupt eine Augenfarbe haben. Dazu brauchen sie Augen, aber das Thema ist ein für alle Mal erledigt. Jetzt folgen Gewissheiten, nämlich noch viel mehr und ihre Stimme. Das noch viel mehr hat einen Namen: es ist ihr Körper, den er fühlen kann. Warum nicht den Körper beim Namen nennen? Honi soit qui mal y pense!:
Manchmal lag er nachts wach und überlegte, ob seine Unsichtbare überhaupt eine Augenfarbe hatte; einen Körper und eine Stimme, die die Welt in Wortgewänder kleidete, hatte sie.
Ich habe den Protagonisten hier an seine Unsichtbare denken lassen, was den Sinn ändert, aber wegen des Zusammenhanges notwendig wurde. Außerdem halte ich es für angemessen, dass er nachts an seine Unsichtbare denkt und nicht an das Problem der Augenfarbe bei Unsichtbaren! zurück
Warum streunen sie ausgerechnet durch Einkaufspassagen und U-Bahn-Schächte, wenn sie allein sein mussten? Rätsel über Rätsel! zurück
Erstens: der Arm hing nicht (es sei denn, die Unsichtbare war zwergwüchsig). Zweitens: der nicht-hängende Arm hing keinesfalls ins Nichts (aber Nichts und Genossen kitschen halt so bedeutsam). Schön dagegen das Bild, wie der Arm die Luft umfängt! Drittens ist es unglaubhaft, dass alle seine Freunde (die für ihn sonst keine Rolle spielen: seltsame Freunde!) ihn gleichzeitig in dieser seltsamen Haltung gesehen haben sollen! Das muss sich doch ziemlich zu Beginn dieser Bekanntschaft ereignet haben; da hätten bereits wenige Klassenkameraden für ausreichend Gespött gesorgt! Viertens hat er sich zum Gespött gemacht und ist damit zum Gespött geworden: er muss sich gar nicht erneut zum Gespött machen: warum also umfasst er nicht weiter einfach die Luft, wenn eh schon gespottet wird? Fünftens kuschelt zu Beginn dieser Erzählung sie sich auf einer Parkbank in seinen Arm: wieso macht ihm das nichts aus, wenn sein Arm gegen 16.30 parköffentlich Luft umfängt? Oder schiebt er nur Spätschichten?
Angesichts all dieser Ungereimtheiten und den Unklarheiten über Rolle und Charakter des Protagonisten sehe ich mich außerstande, detaillierte Verbesserungsvorschläge anzubieten: die Vorlage ist viel zu unausgegoren. Problemlos und einfach aber könnte ab und ihre Wege führten der Rest des Abschnittes gelöscht werden: das ist mein entschiedener Verbesserungsvorschlag. zurück
Vielleicht war sie ein Zombie, vielleicht war sie ein Gummibärchen, vielleicht war sie der kleine Bruder von Vampirella: die Kette ließe sich beliebig fortsetzen: wenn er für sie schwärmt, will ich das Schwärmen lesen, nicht die Etiketten der Schubladen, in die er seine Unsichtbare steckt. Weg mit diesem Satz! zurück
Sprach er nicht in Bildern? Immerhin denkt und lebt er doch in Bildern! Sollte er wider mein Erwarten tatsächlich nicht in Bildern sprechen können, muss der Satz unbedingt so bleiben, wie er ist! Sollte er jedoch in Bildern sprechen können, muss der Satz folgendermaßen lauten: Sie sprach, dachte und lebte in Bildern wie er. zurück
Nur zur Erinnerung: der Protagonist bewunderte die Frau, wie sie die nackte Welt in Gewänder aus Worten kleidete (was ich verbessert hatte in die Welt in Wortgewänder kleidete – aber das spielt für das Folgende keine Rolle!).
Was treibt die unsichtbare Dame jetzt? Sie durchleuchtet die Welt mit Kristallklarheit! Bei allem Respekt: wieso kleidet sie die Welt dann erst an? Damit sie diese besser durchleuchten kann? Wurde hier erneut verworfen, was zuvor geschrieben wurde? Hangelt sich der Erzähler hier wieder von Einfall zu dürftigerem Einfall?
Der Erzähler täte gut daran, seine Protagonisten und deren Situation ernster zu nehmen, denn der Text zerfasert zunehmend in gefühlsduselige Beliebigkeit! Und der Autorin gebe ich den Rat, sich Erzähler und Erzählhaltung genauer vorzustellen, damit der nicht gedankenlos ausführt, was ihm zufällig ins Hirn kaskadiert!
Hier schwallt Kitsch selbstvergessen vor sich hin und auf: er schwamm im gläsernen Aquarium der Welt der unsichtbaren Frau – Die Freiheit der Skalare und Wasserflöhe und japanischen Kampffische ist sicher ohnegleichen, die können in ihrem Glaskasten tun und lassen, was sie wollen, sie wollen halt nix, genau so wenig  wie der Schwulstschwärmer, für den dieses Aquarium grenzenlose Freiheit bedeutet: gleich seiner Gefährtin in grenzenloser Freiheit zu schweben, gleiten und taumeln will der Protagonist; bisher dachte ich, dass die Unsichtbare auch auf dem Boden geht (und nicht in einem Aquarium taumelt) und Gegenständen ausweicht, also durchaus ihre Zugeständnisse an die Welt macht. Welche Zugeständnisse an die Welt der Protagonist aus seiner Sicht auf Grund seine Sichtbarseins machen muss, bleibt selbstverständlich sein Geheimnis: wieder genügt dem Erzähler das Etikett, statt zu erzählen. zurück
Entweder hat der Protagonist einen Gedanken gehabt oder nicht: was ist denn jetzt wieder los? Hat der Erzähler jeden Kontakt zu ihm aufgegeben? Dabei wäre die Aussage so leicht zu retten:
(.) auf diesen Gedanken war er nie gekommen, und er hätte ihn sofort wieder verworfen (.) Hier wüsste ein Erzähler, von wem er spricht! zurück
Angesichts der Unsichtbarkeit hat etwas sehr unfreiwillig Komisches! Zum Glück ist das nicht so direkt sichtbar, denn de facto schaut sich einer die grenzenlose Freiheit eines Unsichtbaren an: der muss gehörig rumlaufen und gucken, bis er definitiv feststellen kann, dass es nirgendwo Grenzen gibt! Lassen wir ihn deswegen in Ruhe, denn ehrlich: das schafft der sein Lebtag nicht!
Vielleicht könnte jemand sich seiner erbarmen, ihn an eine bekannte Liedzeile von Reinhard May erinnern, die da heißt: Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein! Ich mache zwar mir nichts aus Reinhard May, weiß nicht einmal, ob er sich so schreibt, wie ich ihn schreibe, aber ich halte ihm seine Ehrlichkeit zu Gute, denn er schwafelt nicht schwülstig von grenzenloser Freiheit, sondern versucht eine verbreitete qualitative Vorstellungsweise vorsichtig-distanziert zu formulieren (»muss . wohl«): seine Unsicherheit bleibt.
Warum grenzenlose Freiheit schon wieder zu Papier gebracht wird (wir durften im vorigen Satz ca. 5 Zeilen zuvor uns bereits daran gütlich tun – ca. wird dabei näher bestimmt von Bildschirmdiagonale, Auflösung und Browser), warum die Unsichtbare unversehens ihr Geschlecht wechselt: das sind Fragen, die ich nicht stelle, weil sie mir niemand beantworten wird. zurück
Was wir bisher noch nicht gewusst haben: Blinde kennen keinerlei ästhetischen Genuss, denn der beschränkt sich ­- trotz der mehrmalig beschworenen grenzenlosen Freiheit des Unsichtbaren – auf das Sichtbare! Tja, liebe Blinde: nie werdet ihr in den ästhetischen Genuss einer Frau kommen – so steht es geschrieben. Was meint ihr, was ich heilfroh bin, dass ihr diesen Text nie lesen werdet! zurück
Dumpf wird wiederholt, was die Frau erst im vorletzten Satz gesagt hat! Gerade so, als ob jemand für Zeilenschinderei bezahlt würde… zurück
Die Mutter ist überhaupt nicht rätselhaft, die ist unsichtbar; rätselhaft ist und bleibt einzig und allein der Text höchsteigen! zurück
Rätselhaft: wieso sollte die Unsichtbare plötzlich sichtbar werden? Selbstverständlich kann er ihren Leib nicht sehen, denn seine Freundin ist unsichtbar; ist doch schon oft genug vom Erzähler erwähnt worden. Stirnrunzel, Kofschüttel & Seufz. zurück
Eigentlich unmöglich: aber es wird noch schlimmer! Wenn ich nicht schon seit Langem fanatischer Adjektivhasser wäre: Bei diesem Ungebilde wäre ich es allerspätestens geworden: die grellweißen, bohrend hellen Planken der Parkbank. Wirkt’s schon? Noch nicht? Also noch einmal, zum Abgewöhnen: die grellweißen, bohrend hellen Planken der Parkbank!!!
Grellweiß
: Frisch gestrichen, oder was? Warum wird das nicht erwähnt? Ist doch wichtig! Noch nie habe ich übrigens eine weiße Parkbank gesehen, solch eine würde auch viel zu schnell schmuddelig, schließlich ist dieses Teil unablässig Wind und Wetter ausgesetzt, und bei Bohlen hilft kein Taft (ausgenommen bei einer namens Dieter, aber die gehört überhaupt nicht hierher)! Falls es doch welche gibt (was gibt es schließlich nicht, einmal abgesehen von grenzenloser Freiheit oder Händis, die den Benutzer sofort erdrosseln, wenn der er es vor dem Besuch kultureller Veranstaltungen auszuschalten vergessen hat), müssen diese aber nigelnagelneu sein  – oder halt ofenfrisch gestrichen! (Nachtrag: es gibt weiße Parkbänke, zumindest reinweiße. Weiß nur nicht, ob die jemals in dieser Farbe gekauft wurden…)
Gut vorstellen kann ich mir: der Unbedarfte schleppt jeden Abend nach getaner Arbeit eine grellweiße Gartenbank (mit dem Blauen Umwelt-Engel, weil aus recycelten Jogurt-Bechern) in den Park und wuchtet sie nach dem trauten Beieinand zurück ins traute Heim .
Bohrend: Dieser Parkbank eignen handwerkliche Fähigkeiten: zuerst hat sie eigenbohlig gegraben (und zwar sich in unbedarftes Fleisch), jetzt bohrt sie sogar; vermutlich kam sie beim Graben nicht tief genug. Bedauerlicherweise wird sie nicht fündig werden.
Hell: Aha: die Bohlen sind nicht etwa grellweiß: sie sind nur hell; einverstanden! Hellbraun ist auch hell, ebenso hellgrau, hellschwarz usw. Vermutlich soll bohrend-hell dem tumben Leser erklären, was grellweiß in seinem tiefsten Innern (siehe auch unter bohren) bedeutet; je nun: dann hätte der Erzähler auch sofort bohrend-hell verwenden können: warum denn so umständlich? Habe es befürchtet: das ist in diesem Text ein Stilmittel!
Es bleibt unbegreiflich, warum jemand meint, grellweiß erläutern oder ergänzen zu müssen – als ob Grelles nicht genug in den Augen sticht! Und es bleibt unbegreiflich, warum plötzlich ein Farbe gebraucht wird: ging doch bislang sehr gut ohne! zurück
Der Unbedarfte schaut durch seine Augenschlitze (muss er, wegen der grellweiß-bohrenden Helle, andernfalls würde er erblinden und könnte die Unsichtbare nicht mehr sehen) die Parkbank an, und zwar durch den Leib (immer noch der Leib, deswegen müsste er grammatikhalber anschließend durch ihn schauen – statt durch sie) seiner unsichtbaren Freundin. Offenbar hat er dabei sein Gesicht auf ihren Bauch gepresst (obwohl sie schwanger ist!), denn nur so kann ich mir erklären, warum etwas Fötusähnliches überhaupt auf den Gedanken (einmal voraus gesetzt, das ginge) verfallen könnte, sich in das Blickfeld zu zwängen – denn dafür müsste es schon sehr eng zugehen!
Doch welchen Grund sollte etwas Fötusähnliches überhaupt haben, sich in ein Blickfeld zu zwängen (einmal voraus gesetzt, das ginge), wenn es nicht einmal das vom Papi ist? Und selbst dann. Des Rätsel Lösung: Täter und Opfer werden vertauscht, Ursache und Wirkung. Hauptsache, es geht schön philodramatisch zu: sich in ein Blickfeld zwängen – Aber hallo! zurück
Das ist gelogen! Damit hat er sich keinesfalls zufrieden gegeben! zurück
Sagte ich ja: der erste Teil des Satzes ist gelogen! zurück
Diese Form ist mir völlig unbekannt: es fürchtet mich! Ich fürchte mich oder – etwas antiquiert – mich fürchtet; doch es fürchtet ihn? Besser: Es ängstigt ihn. zurück
Nur allzu gerne würde ich wissen, was für Gedanken sich da verflüchtigen sollen: ich kann mich an keine erinnern! Ist das wieder nur Etikett? Oder sind nicht Gedanken gemeint, sondern Wünsche oder Träume oder Wunschträume oder Fantastereien oder Faseleien (siehe Aquarium und grenzenlose Freiheit und leuchtende Kristallklarheit oder so)? Auch hier wäre Präzision angesagt und Erzählen. Kommt halt nicht vor. Einfachste Lösung: im Zuge derartiger Gedanken auslöschen – schon kehrt wieder Sinn ein! zurück
Sofort streichen: vorhin ging es doch auch ohne! zurück
Warum werden die Sturzbäche von oben jetzt zu breit dahinströmenden Wasserfällen umfunktioniert? Wenn Kaskaden bleiben dürfen, gibt es keinen Grund, Sturzbäche zu verwerfen – die gehören zusammen! Doch wenn begründet die Sturzbäche verschwinden sollen: dann auch oben! Aber bitte, bitte, bitte weder Sturzbäche noch Wasserfälle mit Adjektiven verwässern! zurück
Wann soll das gewesen sein? Er wollte doch in der grenzenlosen Freiheit der Unsichtbarkeit sich verlaufen, darauf richtete sich sein Begehren und seine Sehnsucht; dass er die Frau als Frau begehrt hat, davon war nichts zu merken! Irgendwann muss er zwar mit ihr geschlafen haben – vielleicht sogar auf der Parkbank: müsste für einen zufälligen Zeugen eine grotesker Anblick gewesen sein ­-, wenn er sich schon für den Vater hält; das hat aber nicht notwendig etwas mit Begehren und Sehnsucht zu tun. Hier fehlt der Bezug zum vorangegangenen Text! zurück
Oha: machen Sehnsüchte und Begehren sein ganzes Wesen aus? Oder wie ist das gemeint? Gelten seine Sehnsüchte und sein Begehren als Teil seines Wesens jetzt dem Fötus? Wenn oben gemeint war, dass er die Frau wirklich begehrt hat (was der Text nicht hergibt), dann hegt der Kerl jetzt aber höchst eigenartige Gedanken! Hier wird eine schlüpfrige Bahn betreten: ich bitte doch um mehr Klarheit! zurück
Erst heißt es zielbewusst, dann genauer gesagt : in einer Blödelei würde ich das genießen können, hier verstärkt es den anderen ungewollten Unsinn. zurück
Genau: zielbewusst wird die Hälfte zweimal genannt! Warum heißt das nicht wirklich zielbewusst:
sein ganzes ???? richtete sich zielbewusst auf seine Hälfte des Ungeborenen, die sichtbar hätte sein sollen und die ihm zustand. Ich bitte die Fragezeichen zu entschuldigen: ich weiß nicht, was dort korrekterweise stehen sollte: das ist die Sache der Autorin, nur sie weiß, was zu schreiben sie vor hatte! zurück
Tusch! Scheint das Lieblingsadjektiv zu sein: diesmal ist aber nicht die Freiheit grenzenlos, sondern der Bilderstrom; egal, grenzenlos passt schließlich überall! Ist schon grenzenloser Bilderstrom ein lächerliches Bild, platzt der versickernde grenzenlose Bilderstrom aus allen Kitschnähten: Worin soll denn etwas Grenzenloses versickern? Im Grenzenlosen? Warum darf nicht einfach der Bilderstrom versickern? Ist das nicht schlimm genug, dass diese – irgendwie innige – Verbindung zwischen den beiden überhaupt abreißt? zurück
Das mag ja durchaus Bedeutung haben, aber im Zusammenhang mit all dem Verquasten ist mir das inzwischen ziemlich schnuppe; meine hilflosen Vermutungen stehen in der zusammenfassenden Beurteilung. zurück
Da er sich zurückgezogen hat, hatte er auch das Kind nicht mehr betasten wollen, deswegen ist die Anmerkung, dass er es nicht mehr konnte, völlig überflüssig (kitscht dafür umso schöner: Flaumköpfchen streichili, dudidudidudidudi!).
Entscheidend (für einen Leser) ist allenfalls der Satz, den der Protagonist nicht gehört hat – obwohl ich mir auch da ziemlich unsicher bin (was Wunder bei all den Unklarheiten): mir wäre es lieber, die Frau wäre im letzten Abschnitt völlig verschwunden. zurück
Endlich! Ich schlage einen leicht gekürzten Schluss-Satz vor und versuche dabei, allzu dicke Zaunpfähle zu entfernen. Der würde dann lauten:
Er saß auf seiner Parkbank, hatte seine Hand in alter Gewohnheit neben sich über die Rückenlehne gehängt; fühlte sich plötzlich einsam und versuchte zu ergründen, was eigentlich los war.
Wenn er das Gefühl der Einsamkeit nicht kennt, kann er sich darüber auch nicht wundern; er kann sich höchstens fragen, was mit ihm eigentlich los ist; eine Gewohnheit ist nicht Jahre alt, sondern alt, wenn sie schon jahrelang anhält! Ob er je zu einem Ergebnis kommt bei seinen Ergründungsversuchen, ist gleichgültig: ich würde ihm gerne eine Chance geben! zurück

Interview: »Die klassische Walser-Klientel wird den Roman sicher nicht am Bildschirm lesen«

Ein Interview mit dem kaufmännischen Geschäftsführer des Suhrkamp Verlags, Philip Roeder, über eBooks, die illegale Verbreitung des neuen Walser-Romans und die Gegenmaßnahmen des Verlags.

Als Jörg Kantel in seinem Weblog »Der Schockwellenreiter« einen Link auf die illegale Kopie des neuen Walser-Romans »Tod eines Kritikers« legte, reagierte der Suhrkamp Verlag heftig. Kantel erhielt eine Abmahnung und sollte hierfür Anwaltskosten in Höhe von 1.200 Euro zahlen (wir berichteten). Einige Tage später verzichtete der Verlag auf seine Forderung. Wir sprachen mit dem kaufmännischen Geschäftsführer des Suhrkamp Verlags, Philip Roeder, über die Beweggründe und die Auswirkungen der Aktion. Zunächst jedoch wollten wir wissen, welche Chancen der Suhrkamp Verlag dem elektronischen Buch allgemein einräumt. Das Gespräch führte Wolfgang Tischer.

Textkritik: Lyrik für Handwerker – Lyrik

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Was sich nicht reimt,
ist kein Gedicht
was unverleimt,
eine Spanplatte nicht;
weshalb der wahre Poet
die ordentlichsten Verse
mit dem Schraubenzieher dreht,
bis sie so passen
wie Untertassen
unter die Tassen.

© 2002 by Ulrich Degwitz. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Stümpernden Gelegenheitsdichtern wird hier eine launig-parodistische Rechnung präsentiert – aber diese geht nicht richtig auf, denn das Gedicht zieht sich versehentlich (?) ein kleines Stück Boden unter den eigenen Füßen weg!
Die sprach-handwerklichen Fertigkeiten und sprachlichen Fähigkeiten des Autors sind fraglos! Sei es die reimlose Zeile, sei es, dass am Ende die Untertassen optisch über den Tassen stehen, also – wenn ich das so sagen darf, und ich darf, wer wollte mich auch hindern? – falsch verwendete Formelemente den Inhalt verstellen. Dass das Metrum zu stolpern beginnt, betrachte ich als Absicht Nur: Wenn sich jemand explizit an Handwerker wendet, dann muss er sich dem auch begrifflich stellen …

Die Kritik im Einzelnen

Aha: Es geht um Lyrik für Handwerker – wozu muss es das eigentlich geben, berufsgruppenbezogene Lyrik meine ich? Andererseits, warum eigentlich nicht! Im Gegenteil: spannend wäre sicherlich auch Lyrik für Kleptomanen oder Lyrik für Lyriker – und außerdem und sowieso: muss es denn überhaupt Lyrik geben? Kein Stück!
Da es also um Lyrik für Handwerker geht, die ja, wie der Name schon sagt, mit den Händen werkeln, also praktisch veranlagt sind (so jedenfalls die landläufige Meinung), wird zunächst einmal erklärt, was ein Gedicht nicht ist! Demnach fällt Lyrik für Handwerker darunter, denn eine Zeile reimt sich nur mit sich selber, aber das gildet nicht – so hätten wir dann zur Belehrung ein schlechtes Beispiel, schließlich soll man aus Fehlern lernen! Darüber wird der Handwerker sich aber freuen! Und sehr aufmerksam sein… zurück
Und schon lernt er, und sie tut das geradeaus und lautstark: »He: das heißt nicht Schraubenzieher, das Ding hieß noch nie Schraubenzieher, der heißt immer noch Schraubendreher – nur ausgemacht Weltfremde wie z.B. Poeten kämen auf die Idee, mit solch einem Werkzeug Schrauben ziehen zu wollen!« Und selbst wenn er Zieher hieße: da diese Zeile viel länger ist als alle anderen, sie sich gewissermaßen in die Länge zieht – denn von Rechts wegen gehört das vorhergehende die ordentlichsten Verse, da ohne Reim, sogar noch dazu -, müsste es deswegen mindestens mit dem Schraubenzieher zieht heißen! So viel Handwerks-Freiheit sollte sein! Doch ginge dann wiederum der Reim auf »Poet« flöten, und es bliebe wieder ein reimloser Vers… Ach, wie man es auch dreht und zieht: es hakt!
Was hat unser Handwerker jetzt gelernt? Gedichte sind inhaltlich falsch, wenn man Werkzeuge aus dem Volksmund verwendet, denn reimen tun sie sich trotzdem nicht. Was aber fängt unser Handwerker mit dieser Lehre an? Dass in Gedichten Falsches steht, egal wie? zurück
Wo kriegt man passende Untertassen für Tassen her? Ist man Töpfer, dreht man sich eine (allerdings weder mit Schraubenzieher noch mit -dreher), ist man keiner, kauft man sich am besten gleich ein passendes Set oder eilt mit der verwaisten Tasse durch die entsprechenden Abteilungen einschlägiger Geschäfte – das zieht sich ziemlich! Inhaltlich wird nun die Untertasse unter die Tasse bugsiert – aber vergeblich, wie man auf einen Blick sieht: sie steht trotzdem direkt über der Tasse:
…Untertasse
…Tasse

Ins Grübeln noch und noch gerät da unser Handwerker: Wie macht man so etwas? Und wozu? Und er nimmt den Schraubendreher zur Hand und wendet sich wieder seinen Leisten zu. Brav! zurück

Das Netz ruft zum Suhrkamp-Boykott auf

Tod eines Kritikers bei KaZaaSuhrkamp wollte 1.200 Euro Abmahnkosten wegen eines Links auf eine eBook-Datei kassieren, die der Verlag zuvor selbst in Umlauf gebracht hat. Nachdem ein Proteststurm durchs Internet ging, lenkt Suhrkamp dann aber schließlich doch noch ein.

Es war ein Glückstag für den Suhrkamp Verlag. Als Frank Schirrmacher in einem offenen Brief in der FAZ den Vorabdruck des neuen Walser Romans ablehnte, weil dieser angeblich antisemitische Tendenzen enthalte, konnte man in der Marketing-Abteilung des Verlages eigentlich die Beine hochlegen. Die Arbeit an einer groß angelegten Werbekampagne übernahmen nun andere. Vornehmlich die Feuilletons von SZ und FAZ stritten über den Roman, und unser »Allerlautester« (Henscheid über Marcel Reich-Ranicki), der im Roman persifliert wird, gab in seiner Fernsehsendung die beleidigt-getroffene Leberwurst. Durchs Land hallte ein bombastisch lauter Theaterdonner, dem wir es sogar zu verdanken haben, dass das Fernsehen eine Lesung(!) übertrug. Das letzte Mal, dass man dort längere literarische Prosatexte vorgetragen hatte, muss wohl zu Zeiten von Kuhlenkampfs Nachtgedanken gewesen sein.

Textkritik: Tequila Sunrise – Lyrik

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himmel im paillettenkleid
zitronen pressen wir
im mund
die nacht
falten wir zusammen

© 2002 by Sabine Harnau. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Bezaubernd leicht und mit feinem Humor: einfach wunderbar!

Die Kritik im Einzelnen

Der Titel lässt keine Wünsche offen! Sei es der gleichnamige Film (mit Mel Gibson und Michelle Pfeiffer, den ich nicht kenne, so dass mir mögliche Assoziationen entgehen), sei es eine mehrfache Goldmedaillengewinnerin, ein Cocktail (über dessen mengenmäßige Zusammensetzung es durchaus unterschiedliche Ansichten gibt), das Lied der Eagles, ein Bezug zu einem gleichnamigen, aber sehr triefenden englischen Gedicht oder nur ein Wortspiel: in jedem Fall ist es etwas Exotisches. zurück
Ich stelle mir vor: ein langes schwarzes Kleid, darauf appliziert kleine silbrig-glänzende Metallplättchen; prosaisch wäre das eine sternklare Nacht: das hat aber nichts zu tun mit dieser besonderen feierlichen Nacht, denn schließlich hat sich der Himmel fein gemacht für das, was er jetzt zu sehen bekommt! Dadurch bekommt der Himmel etwas sehr Weibliches, aber schließlich ist ein Himmel im Paillettenkleid die Nacht! Die äußeren Umstände klingen an, in denen das Folgende sich abspielt. zurück
Nimmt man diese Zeile isoliert von der folgenden (und das sollte man gefälligst tun: bei guten Gedichten ist es nie beliebig, wo und wie die Zeile endet! Zudem entstehen die Bilder beim Lesen viel schneller, als unser Kopf sie festzuhalten vermag: um so mehr sollten wir bewusst langsam lesen, vor allem Lyrik!), dann sehe ich (mindestens) zwei Menschen beim Zitronenpressen – so, als sei man von einem feierlichen (Paillettenkleid) Abend zurückgekommen und wolle sich noch etwas Erfrischendes (Zitronen) gönnen, was man sich selbst zubereitet, z.B. den Cocktail namens Tequila Sunrise. zurück
Das kann ich nicht lesen, ohne dass sich unverzüglich körperliche Reaktionen im Mund einstellen; es sind keine unangenehmen! Gleichzeitig assoziiere ich Wärme, hier also eine warme Nacht. Und ich erinnere mich an die beiden einzigen Tequila Sunrise, die ich (es war im Sommer letzten Jahres) jemals getrunken habe: da habe ich anschließend die dekorativ auf den Glasrand gesteckte Limettenscheibe entfernt und genüsslich im Gaumen mit der Zunge ausgepresst: das ging wohlig-fröstelnd durch Mark und Bein.
Die erste und die nächsten beiden Zeilen bilden eine rhythmische Einheit, nämlich jeweils vier Trochäen, die einerseits die Feierlichkeit unterstützen, andererseits einen Kontrast bilden zu dem Gefühl, das ausgepresste Zitronen im Munde hervorrufen können: denn hier wären Daktylen vorstellbar, etwa durch Umstellung in der zweiten Zeile (wir pressen Zitronen im Mund). Aber glücklicherweise bleiben die Trochäen erhalten und dadurch auch die Fraglosigkeit der Gemeinsamkeit: das Subjekt wir steht hinten an, denn das gemeinsame Tun ist viel wichtiger. zurück
Hier finde ich in der Form eine höchst spannende Leerstelle: die Nacht schließt an den Mund an – aber dazwischen muss doch noch etwas gewesen sein? Walther von der Vogelweide hat eine entsprechende Lücke mit Tandaradei gefüllt (Under der linden/an der heide/da unser zweier bette was … niemer niemen/bevinde daz, wan er unt ich/und ein kleinez vogellin:/tandaradei,/daz mac wol getriuwe sin): auch diese kann jeder füllen, wie er es für richtig hält! zurück
Die Nacht ist zuende: Tequila Sunrise! Wieder ist die Gemeinsamkeit fraglos, wieder steht das Subjekt wir nach. Das zusammen lässt sich auf zwei Weisen verstehen, die sich ergänzen: beide falten gemeinsam (=zusammen), beide falten gemeinsam die Nacht zusammen wie eine Decke, auf der man gelagert hatte, wenn man aufbrechen muss. Ein leises Bedauern schwingt mit, da mit Nacht und falten zwei betonte Silben aneinander stoßen zurück

Textkritik: Sage mir zwei – Lyrik

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Sage mir zwei,
zwei Hälften des Ganzen.
Gib mir die zwei,
gib mir zwei Hoden,
gib sie schnell.
Schneid sie in Hälften,
innen wird’s hell.
Es quellen entgegen
Arkaden von Rohren,
es ist ein Bewegen
aus tausenden Poren.

Dann gib das Hirn,
trenne die Sphären.
Was soll dies lehren,
wo ist die Stirn?
Muschelbruch ist das,
mit Samen vermengt,
die Hände noch triefend
und beides verschenkt.

© 2002 by Stefan Lehnhardt. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

In goethescher Kurzvers-Manie(r) wird hier ein anatomisches Gedicht präsentiert, das inhaltlich und formal nicht hält, was es verspricht.
Sollte es eine Blödelei sein, dann geht mir der Sinn für diese Art von Blödelei ab. Dem Verfasser attestiere ich gerne und durchaus Schreibfähigkeiten, aber der Gegenstand taugt einfach nichts: Er trieft von Ungereimtheiten. Wer anatomische Gedichte mag, sei an Benn verwiesen:

Kleine Aster

Ein ersoffener Bierfahrer wurde auf den Tisch gestemmt.
Irgendeiner hatte ihm eine dunkelhelllila Aster
zwischen die Zähne geklemmt.
Als ich von der Brust aus
unter der Haut
mit einem langen Messer Zunge und Gaumen herausschnitt,
muss ich sie angestoßen haben, denn sie glitt
in das nebenliegende Gehirn.
Ich packte sie ihm in die Brusthöhle
zwischen die Holzwolle, als man zunähte.
Trinke dich satt in deiner Vase!
Ruhe sanft,
kleine Aster

Die Kritik im Einzelnen

Der ersten Aufforderung kann jeder Leser und jede Leserin nachkommen: ich würde z.B. »die linke und die rechte Hälfte« sagen oder »die obere und die untere« oder – ganz einfach – »die erste und die zweite«; als versierter Umgangssprachler würde ich mich vielleicht sogar dahin versteigen, von der kleineren und der größeren Hälfte zu sprechen: egal wie, es ist weißihrwisstschonwer nicht schwer. Schön diese Doppelung von zwei am Ende der ersten und zu Beginn der zweiten Zeile, die ja von Rechts wegen eine Verdreifachung ist, denn mehr oder weniger als zwei Hälften gibt es nun einmal nicht. zurück
Jetzt bekommt der Leser gleich drei Befehle (siehe oben?): er soll dem lyrischen Ich etwas geben, und zwar die zwei, dann noch zwei Hoden, und schließlich sollen die beiden Hoden schnell gegeben werden – offenbar ist da etwas Dringendes am drängeln!
Doch zunächst einmal muss ich Einhalt gebieten: Wie war das am Anfang? Ich sollte zwei Hälften des Ganzen sagen! Zwei Hoden aber sind nicht zwei Hälften eines Ganzen, auch wenn sie zu zweit (abgesehen von den notorischen Nebenhoden) im Scrotum sich aufzuhalten pflegen. Warum also werden aus den zwei Hälften des Ganzen unversehens die Bestandteile eines Paares? Und was wäre dann das Ganze? Hm… zurück
Die nächste Aufforderung steht an (glücklicherweise hat mir niemand Hoden gegeben): ich soll beide Hoden in Hälften schneiden (dann hätte ich sage und schreibe vier Hälften); und nun? Innen wird’s hell behauptet das lyrische Ich. Das will mir nicht einleuchten: wenn ich die Hoden in Hälften schneide, sind die Schnittflächen außen; man kann jetzt lediglich sehen (eine entsprechende Beleuchtung vorausgesetzt), wie zwei Hoden innen einmal ausgesehen haben können. Hell wird’s in den Hoden bzw. den Hodenhälften jedoch nicht.
Warum jedoch habe ich dem lyrischen Ich die Hoden schnell geben sollen, wenn ich sie dann zu zerteilen habe? Hält das lyrische Ich sie dabei in der Hand? Oder muss ich mir eigene Hoden besorgen, um diesen Befehl ausführen zu können? Und was treibt derweil das lyrische Ich mit seinen Hoden bzw. mit denen, die ich ihm schnell gegeben habe – schließlich bin ich ein folgsamer Mensch? zurück
Jetzt kann ich der Bilderkaskade nicht mehr folgen: da quillt was hervor – ich dachte immer, Hoden seien von relativ fester Konsistenz, sodass nichts herausquillt, wenn man hineinschneidet – doch ich lasse mich gerne belehren; Arkaden von Rohren quellen hervor: ich bezweifle, dass dieser Begriff für Kapillare oder Kanälchen angemessen ist; oder soll hier das Gewaltige des Herausquellens verdeutlicht werden? Und: aus welchen Poren bewegt sich da was? Haben die Hodenrohre ihrerseits Poren, aus denen Ungenanntes quillt? Wenn nicht: wo befinden sich die Poren dann? Etwa neben den Rohren?
Die Hoden sind zerschnitten, die Rohre liegen herum, aber wir wissen immer noch nicht, was die beiden Hälften des Ganzen sind; zum Glück folgt die zweite, allerdings verbotener- und illegalerweise um 3 Zeilen kleinere »Hälfte« des ganzen Gedichts: vielleicht klärt sich dennoch alles auf… zurück
Hoden sind ziemlich unten, Hirn ziemlich oben: Vernunft und Sex? Oder Gefühl und Sex? Soll das beides den Menschen ausmachen? Das lyrische Ich will jetzt jedenfalls Hirn haben, und ich soll es ihm geben und die Sphären trennen – ich nehme einmal an, die linke und rechte Gehirnhälfte oder Großhirn von Mittel- und Kleinhirn – ne: dann hätten wir keine zwei mehr, darum ging es jedoch am Anfang. Warum ich auch hier das Hirn erst weggeben muss, bevor ich seine Sphären trennen darf, bleibt nicht weniger unergründlich als der Umgang mit den Hoden, immerhin wird die Unergründlichkeit durchgehalten. zurück
Sehr gute Frage! zurück
Stirn? Stirn gab’s heute nicht: Heute waren Hoden und Hirn angesagt! zurück
Wo kommt der Muschelbruch her, und vor allem: welcher? Etwa die leichte muschelförmige Absplitterung z.B. an Linsenrändern, die durchaus den Blick verzerren kann? Oder der organische Muschelbruch aus zermalmten Muschelschalen, der als Streugut in Vogelkäfigen und Aquarien verwendet wird? Dann wäre der, der da sein Hirn weggegeben hat, ziemlich heftig verkalkt gewesen, wenn beim Trennen der Sphären der Kalk herausrieselt…
Dieser Hirnkalk wurde mit Samen vermengt: dann ist also wohl Samen aus den mysteriösen Poren gekrochen statt aus den Rohren, in denen er sich normalerweise tummelt – meiner Treu, der scheint auch schon ziemlich verkalkt gewesen zu sein! Und kurz vor dem Ende des Gedichtes trieft diese obergeile Mischung dem Schneider von den Händen – selbst Schuld, warum hat er auch keine Schutzhandschuhe angezogen!
Zu allem Überfluss hat Schneider oder lyrisches Ich diesen Brei auch noch verschenkt – das heißt: nein, er hat beides verschenkt, aber der Brei war ja ein Ganzes… hoppala, da schau, man muss nur Geduld haben, kommt Zeit kommt Rat, aller guten Dinge sind ungefähr zwei – wie fing das Gedicht doch an? Sage mir zwei, /zwei Hälften des Ganzen – Richtig! Das Ganze ist der Brei, und der besteht aus zwei hoffentlich gleich großen Hälften, denn sonst wären es keine: 1 Teil Hirnkalk, 1 Teil männlicher Samen, frisch aus Hodenrohrporen geschlüpft.
Könnte es nicht sein, ich meine, ist dieser Brei nicht doch eher ein Symbole für den Leib-Geist-Einheitsbrei (die Seele lassen wir einmal weg, dafür sind andere zuständig) oder für die Substanz, woraus der HErr den Menschen geschaffen hat – trockene Spermien, trockenes Hirn, und dennoch triefend? zurück

Tod vor dem Leben: Ist das eBook schon am Ende?

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eBook AwardDas Aus kam nicht völlig überraschend: im April 2002 teilt der Vorsitzende der International eBook Award Foundation, Alberto Vitale, mit, dass der Preis in diesem Jahr nicht mehr vergeben wird. Die Stiftung selbst löst sich gleichzeitig auf.

Mit viel Prunk und Pomp wurde der eBook Preis zum ersten Mal im Jahre 2000 in der Frankfurter Oper verliehen. Der rote Teppich war ausgerollt, die Zeremonie glich einer kleinen Oscar-Verleihung und nach dem reichhaltigen Buffet wurden die Besucher mit einem Limousinenservice nach Hause gebracht. Lobbyarbeit in Bestform, um Verlage und Presse davon zu überzeugen, dass der Siegeszug des elektronischen Buchs beginnt.

Getragen wurde die Stiftung überwiegend von Hard- und Softwareherstellern und wichtigen großen Medienkonzernen wie Bertelsmann und AOL Time Warner. Hauptsponsor war jedoch der Microsoft-Konzern, der so den Erfolg seiner eBook-Lösungen ankurbeln wollte.

Ein Jahr später machte sich Ernüchterung breit, denn nichts hatte sich auf dem Markt geändert.

Textkritik: In München – Prosa

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In Italien sein. Sonne, Leichtigkeit, Sinnesgenüsse! Verliebt sein in das eigene südliche Temperament. Und zu Hause, in München? Da gibt es italienischen Wein zum italienischen Essen. Sie fährt einen Alpha, selbstverständlich mit Trikolore-Aufkleber. »Den Espresso trinke ich nur schwarz und mit Zucker«. Die Crema ist mit teutonischer Perfektion erzeugt. »Wie die Italiener ihn trinken«, sagt sie und schaut dabei sonnenbrillenitalienischcool drein. Sie verzichtet selten auf den Cappuccino am Abend, und wenn »Lambor-dschi-ni« ihren Lippen entweicht, dann klingt das so, als sei jetzt der Moment der Erfüllung aller Sehnsüchte gekommen. Ich schaue in ihre weit aufgerissenen Augen. Ihr Entsetzensschrei lässt mich erstarren. Dabei habe ich nur gefragt, ob es sich bei dem Salat um Löwenzahn handelt. Es war natürlich Rucola.

© 2002 by Manfred Goretzki. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung:
Das ist eine Vorskizze für eine möglichen Geschichte, noch sehr bemüht und umständlich, ohne klare Linie. Doch dahinter steckt eine brauchbare Idee.
Alles weitere entnehme die geneigte Leserin und der gebeugte Leser der »Kritik im Einzelnen«, an deren Ende sich auch ein kompletter Verbesserungsvorschlag befindet.

Die Kritik im Einzelnen

Da haben wir alle italienischen Klischees traulich beieinand – und mir ist vollkommen klar, dass das ganz bewusst gemacht wurde. Aber wüso dünn bloß? Das Klischeehafte im Verhalten der Freundin wird doch voll fett im Folgenden deutlich! Also rein in die Geschichte, und in den Reißwolf mit der verschnarchten »Einleitung«! zurück
Da der erste Satz restlos verschwunden ist, kann die Erzählung nicht mit der Frage beginnen: die sollte ja einen Pseudo-Kontrast herstellen zu dem Italienkitsch. Ich schlage vor:
Zu Hause, in München, gibt es italienischen Wein zum italienischen Essen.
Das nachgestellte München soll Missverständnisse unterbinden, und wir wären mitten in der Geschichte; zudem wird der Leser zack! in den Konflikt zwischen dem bayerischen Zuhause und der italienischen Küche gestellt. Und schon ist man mittendrin statt nur dabei! zurück
Rechtschreibfehler werden normalerweise nicht verbessert. Hier ist es aber peinlich-falsch, denn sie fährt sicher keinen Alpha, sondern einen Alfa (Anonima Lombarda Fabbrica Automobili). zurück
Keine Zaunpfähle! Nachdem die an der italienischen Entgleisung Schuldige lapidar mit sie eingeführt wurde, muss kein selbstverständlich draufgesattelt werden! Schließlich weiß der Leser jetzt, warum der Protagonist unter dem italienischen Essen leidet: nämlich wegen dem Kontrast zu Hause in München und dem Italienischen. zurück
Auch hier keine Bewertung, bitte! Dieses Wortungetüm leistet nichts, Sonnenbrillen sind an sich cool, und für unsere Jugend, der man ihren Lauf lassen soll, vor allem deswegen, weil Rapper und Hiphopper und andere Furchtbar-Wichtigtuer sich gerne dahinter verstecken! Warum sie nicht über den Rand irgendeiner bekannteren (leider kenne ich keine…) italienischen Gestalter-Sonnenbrille blicken lasse? Immerhin fährt sie doch auch einen Alfa! Eine von Colani z.B.? (Hat der überhaupt Sonnenbrillen designt? Kloschüsseln schon und Eislöffel, sogar einen Deutschen Achter hat er mal erfolglos sanftgekurvt… – aber Sonnenbrillen? Wozu gibt es das Internet!…. Aha: Colani hat Brillenfassungen konstruiert – aber bedauerlicherweise ist er in Berlin geboren, der Vater war zu allem Überfluss auch noch Schweizer: das wäre der Freundin bestimmt nicht italienisch genug! Halt: da: Gucci! Klingt irgendwie verdammt italienisch – zum Beispiel das Modell 2437 für schlappe 110,11 Euro!)
Zurück zum Text! Der könnte dann lauten: »Wie die Italiener ihn trinken«, sagt sie und schaut mich dabei über den Rand ihrer Gucci-Sonnenbrille an. zurück
Halthalthalt: sie hat eine Sonnebrille auf! Schon vergessen? Weg mit diesem Satz, wegwegweg!!! zurück
Ja also, nun. ähem: warum wird das jetzt alles verkehrt herum erzählt? Was soll das leisten? Wo ist die Pointe? Ist dieser Entsetzensschrei nicht etwa entzückend? Ist er kein Grund, diese Italienliebhaberin noch tiefer in sein Herz zu schließen? Oder liefert diese Gefühlsäußerung nicht vielmehr den Anlass für unseren Protagonisten, diese Italo-Idiophile endlich zu verlassen – was ich eher annehme, schließlich wird ihr kitschiges Verhalten in der Vorlage bereits mit dem Eingangssatz gegeißelt?! Dann müsste der ganze Schluss geändert werden!
Weiter: da diese kurze Geschichte nach der überflüssigen Einleitung eigentlich mit dem Essen beginnt und endet, müssen die Erinnerungen als Erinnerungen deutlich gemacht werden: nur dann wird der Rahmen zu einem Rahmen! Ich ändere jetzt einfach einmal alles in einem Aufwasch, ist ja schließlich nicht meine Geschichte, und schreibe sie so um, wie ich sie gerne gelesen hätte:

Zu Hause, in München, gibt es italienischen Wein zum italienischen Essen. Sie fährt immerhin einen Alfa, mit Trikolore-Aufkleber. »Den Espresso trinke ich nur schwarz und mit Zucker« pflegt sie zu sagen, und die Crema erzeugt sie mit teutonischer Perfektion: »Wie die Italiener ihn trinken«, sagt sie dann dazu und schaut mich über den Rand ihrer Gucci-Sonnenbrille an. Selten verzichtet sie auf den Cappuccino am Abend, und wenn »Lambor-dschi-ni« ihren Lippen entweicht, dann klingt das immer so, als sei jetzt der Moment der Erfüllung aller Sehnsüchte gekommen. Als ich sie frage, ob das da auf dem Teller Löwenzahn sei, lässt sie einen solchen Entsetzensschrei fahren, dass mir die Gabel aus der Hand fällt: das sei natürlich Rucola! Daraufhin habe ich sie verlassen. zurück