Ich brauche ein Foto von mir. Kein wichtiges, nur für die Monatskarte. Schon seit Tagen. Ab heute ist es dringend. Es kann ein Automatenfoto sein, ist ja nur für die Monatskarte. Ich kann darauf aussehen wie ich aussehe. Um die fünfzig, jünger aussehend, fröhliches Wesen, Lachfalten, wenn man hinter die Brille guckt. Nicht jung, dynamisch, energisch. Also ein Fotoautomat. In meinem Hinterkopf schweben seit Jahren an jeder Ecke diese automatischen Fotokabinen. Passable Fotos für wenig Geld. Kein Problem. Das sind die Errungenschaften der neuen Technik, die zu den glücklichen Errungenschaften der letzten Jahre zählen.
Also, ich gehe ganz pünktlich aus dem Büro, etwas überpünktlich. Ich habe in Berlin zu tun.
S-Bahnhof Karow – kein Automat. S-Bahnhof Schönhauser – wieder nichts. Bahnhof Lichtenberg – ein Automat. Vollgepinkelt, kann auch Bier sein. Ich gehe nicht nahe genug heran, um das zu unterscheiden. Alex – auf dem U-Bahnhof-Zwischendeck. Endlich. Nichts wie hin. Kaputt. Im Geldschlitz steckt Papier. Sehr einladend sieht die Kabine auch nicht aus. Vier Fotos zehn Mark. Das war doch mal nicht so teuer? Da hätte ich ja auch rechtzeitig zum Fotografen gehen können. Außerdem gucken die Leute so komisch, wie ich da reingehe. Ich kann es nicht sehen, aber spüren. Ich habe auch schön öfter welche drin sitzen und Bier trinken sehen.
Als ich rauskomme, nicht zaghaft, nein, selbstbewusst und etwas verärgert, ist überhaupt kein Mensch da. Warum ist um diese Zeit kein Mensch auf dem Alex? Die sollen mal mehr Öffentliche fahren. Na ja, die Fahrpreise steigen wie die Fotopreise
Ich habe immer noch kein Foto. Dafür bin ich leicht sauer, die Beine sind lahm und haben Kaffeedurst, die Zeit drängelt. Keine Zeit für eine Kaffeepause.
U-Bahnhof Turmstraße. Für mich weit weg vom Zentrum. Nanu, hier ein Fotoautomat. Mäßig dreckig, aber nicht offensichtlich kaputt. In der dunklen Scheibe – ist denn kein Spiegel hier? – sind meine Haare etwas ungekämmt. Ist doch modern jetzt. Oder?
Vier Fotos acht Mark. Na, Gott sei Dank war der andere Automat kaputt. Er will nur Münzen. Wird wenigstens das Portemonnaie leerer. Ist noch ein altes, für das schwere, große, harte Geld nicht gemacht.
»Meistens ist er kaputt.« Eine Männerstimme spricht mir hinter dem Vorhang von draußen Mut zu. »Haben schon viele versucht.«
Ein heller Blitz. Das war’s. Ich habe brav das rote Vögelchen angestarrt. Nun sehe ich die Gebrauchsanweisung. Zuerst den Sitz auf die richtige Höhe stellen. Wo kann man den Sitz stellen? Blitz. War das nicht Otto, der auch diese Probleme hatte?
»Das waren zwei oder drei. Die haben sogar die Funkstreife geholt. Es ging nicht. Und das Geld war weg.«
Ich lüfte den Vorhang, ein freundlicher Mann in meinem Alter. Ja, laut Gebrauchsanweisung blitzt es viermal. Ich sitze die beiden restliche Blitze brav ab und betrachte das Vögelchen.
Die Gebrauchsanweisung geht draußen weiter. Ich soll fünf Minuten und das rote Licht abwarten.
»Die Polizisten haben da bei dieser Nummer angerufen. Es hat schon viel Ärger gegeben. Die haben behauptet, sie schicken regelmäßig einen Monteur. Und dann kriegt man das Geld nicht wieder!«
Richtig aufbauend, der freundliche Mann. Vorbeugend schreibe ich mir die Telefonnummer auf. »Und die Adresse auch. An Ihrer Stelle würde ich hinfahren und das Geld verlangen.«
Die fünf Minuten sind um. Kein Foto.
»Früher hat er immer gesummt. Gibt ja immer Ärger. Die BVG will die Dinger auch weghaben.«
Noch kein Foto. Geld futsch. »Auf Wiedersehen,« sage ich zu dem freundlichen Mann, bin schon fast an der Treppe. »Hallo, Sie, es kommt!«. Zurück. Tatsache, vier Fotos. Darauf Hals, Schultern, Mantelknöpfe, Schal. Für acht Mark ein Foto meiner Mantelknöpfe.
»Na ja, daran sind Sie Schuld. Aber er ging.«
Rein in die Kabine. Der Stuhl lässt sich herunterdrehen. »Ja, so, noch ein bisschen. Sie sind ja auch nicht gerade klein. So, Sie müssen in der Scheibe ganz zu sehen sein.«
Ich habe noch acht harte Mark. Vögelchen anlächeln, Blitz.
»Ich werde mal den Vorhang zumachen und Sie allein lassen. Jetzt wird’s was.«
Blitz.
Lächeln. An einem Witz denken. Blitz. Blitz.
Es ist einundvierzig Minuten nach um. Der Mann wartet mit mir auf die Fotos. Ist ja sein Recht. »Ohne Sie hätte das nicht geklappt.« – »Nein.« – »Wenn wir nicht noch geredet hätten …« – »Dann hätten Sie Ihre Fotos gar nicht genommen.«
Und ich wüsste nicht, was ich für kleidsame Mantelknöpfe habe.
Fünf Minuten können lang sein. Erstaunlich, wie viel man mit einem freundlichen wildfremden Mann reden kann.
Die rote Lampe. Der Mann bückt sich schneller als ich zum Fotoschacht. »Noch nicht rausnehmen, sie müssen noch trocknen.« »Sie« oder »sie«? Wer kann das schon heraushören!
»Die Bilder sind doch gut geworden. Sie sind gut getroffen.«
Naja, eine Frau um die Fünfzig, Haare leicht unordentlich, Schal, Mantel, müde, Falten von der Nase zum Mundwinkel.
»Das Ohr ist richtig drauf. Das wollen die so. Ist doch gut. Die können sie sogar für den Pass nehmen.« – »Ja, es hat doch noch geklappt. Auf Wiedersehen. Und vielen Dank für Ihre Hilfe. Ohne Sie hätte ich noch keine Fotos.« – »Nein. Schönen Abend noch.«
So sehe ich also aus, wenn kein Fotograf das Beste aus mir herausholt. So sehen mich die Leute in der U-Bahn. Ich kann nicht leiden, wenn ich so alt aussehe wie ich bin. Auf allen meinen vier Fotos sehe ich so aus.
Ich habe Gott sei Dank ein Bild von mir.
Textkritik: Dienstag, der 25. – Prosa
Zusammenfassende Bewertung
Eine unterhaltsam leichte und leicht selbst-ironische Erzählung über eine Alltagssituation, locker erzählt. Weiter so!
Die Kritik im Einzelnen
Wenn Fotokabinen wortwörtlich im Hinterkopf schweben, wird das Bild für die Erinnerung zu sehr strapaziert: Fotokabinen schweben nirgendwo! Die Protagonistin erinnert sich an Fotokabinen an jeder Straßenecke; heißen könnte es (damit auch die Ecken nicht im Hinterkopf angesiedelt werden) vielleicht: In meinem Hinterkopf sehe ich Fotokabinen an jeder Straßenecke. Das wäre schon übertrieben genug. zurück
Das bringt mich ins Grübeln: was könnten Errungenschaften der alten Technik sein, die zu den glücklichen der letzten Jahre zählen? Ich finde nichts… Dafür finde ich, dass dieses Adjektiv in aller Stille den Weg alles Radierten gehen darf. zurück
Auch wenn es noch so sehr beabsichtigt sein mag: die Wiederholung von Errungenschaften so kurz nacheinander stört! Ich habe es sie deshalb oben schon getilgt. zurück
Hier würde ich gerne meinem Lieblingsspleen nachgeben und Satzzeichen verändern, um die Dramatik zu erhöhen: Alex – auf dem U-Bahnhof-Zwischendeck?! Endlich: nichts wie hin … Kaputt! zurück
Eine Klitzekleinigkeit: wie wäre es, entfiele das und haben zwischen lahm und Kaffeedurst und an ihre Stätte träte ein einfaches vor, um zu verstärken, dass der Gehwerkzeuge Lahmheit unmittelbare Folge von Coffein-Entzug ist? Es hieße dann die Beine sind lahm vor Kaffeedurst. Ich meine ja nur… zurück
Oha: was hat der am Alex gewollt? Nahm der etwa auch Geldscheine? Gibt es das schon? So wenig kenne ich mich aus mit Fotoautomaten! Dem wäre abgeholfen, wenn dieses Sätzlein begönne: Dafür will er nur Münzen. zurück
Hier liegt entweder ein Übertragungsfehler vor, oder der Text wurde von der Autorin so korrigiert, dass unerklärliche Reste übrig blieben … kenne ich zur Genüge! zurück
Du sollst dir kein Bildnis machen! Hat der liebe Gott gesagt und Max Frisch. Ich persönlich schätze es, wenn jemand zu seiner Eitelkeit steht; wenn mir die Protagonistin nicht schon vorher sympathisch gewesen wäre: mit diesem Schlusswort wäre sie es spätestens geworden. zurück
Textkritik: Gute-Nacht-Gedicht – Lyrik
Die Nacht legt ihre Schlingen um uns
und wirft uns in die Leere des Raums
Schwerelosigkeit gleitet uns von der Hand
zur anderen
-rieselt durch die Finger wie Sand
Ein Herz-Schlag-t uns die Zeit
endlich lässt uns die Tiefe fallen
Ein Schrei geht Atem holen
zum Brunnen
an der Mutter Hand
ganz unten
Was, was… was habe ich geseh’n
etwas Schönes
ich bin müde
schlafengeh’n
Zusammenfassende Bewertung
Das Gedicht zappelt zwischen Raum-Zeit-Menschheitskitsch und lyrischen Bildern; die Unentschiedenheit ärgert, die lyrischen Bilder erfreuen: Allein mit Streichungen ist eine Menge zu klären! Das kann was werden, wenn jemand will …
Die Kritik im Einzelnen
Darf es vielleicht etwas weniger sein als die Leere des Raums? Z.B. einfach nur Leere? Muss die Leere in einen Raum gefüllt werden, damit der Raum dann randvoll ist von der Leere? Ist stinknormale Leere nicht schlimm genug?
Es will mir einfach nicht in den Kopf, was an dieser ausgelutschten Kitschphrase dermaßen fesselnd ist, dass ich sie immer und immer wieder als Lyrik präsentiert bekomme! Es graust einem nur noch! zurück
Wenn Schwerelosigkeit wie Sand durch Finger rieselt, muss sie annähernd das gleiche Gewicht besitzen, andernfalls könnte sie nicht rieseln. Gleitende Schwerelosigkeit könnte ich mir gerade noch vorstellen, schließlich ist das schwerelose Gleiten eine Standardfloskel und damit Allgemeingut, aber dass Schwerelosigkeit von einer Hand zur anderen gleitet und zusätzlich sandmäßig durch die Finger rieselt: da wirft mein Vorstellungskraft die Flinte in das schwerelose Korn des leeregefüllten Hohlraums!
Zusammengefasst: in der Leere des Raums geht es fröhlich & leicht zu, da wird schwerelos geglitten und gerieselt, dass es eine wahre Pracht ist – aber erst, wenn die Leere mit uns gefüllt ist: vorher war da nichts, nicht einmal Schwerelosigkeit; also geht es in der Leere überhaupt nicht zu, wir schleppen die Schwerelosigkeit wie einen Sandsack mit, wenn die Schlingen der Nacht uns in die Leere des Raums schleudern.
Fabelhaft! Was sagt uns das? Leere mit uns drin = gewichtige Schwerelosigkeit! Warum wirft die Nacht mit uns? Gibt sonst niemanden, der sich das gefallen ließe. Ich ab jetzt auch nicht mehr, da kann in einem Text so oft uns stehen wie will: für mich ist Sense.
Verbesserungsvorschlag: von dieser Strophe nur die erste Zeile, den Rest mit Stumpf und Stil entsorgen! Und von der ersten Zeile möge bleiben: Die Nacht legt ihre Schlingen Mehr braucht es nicht, uns Menschen schon gar nicht! zurück
Das ist sehr gewollt, ich lasse es aber durchgehen wegen dem Wortspiel; uns die Zeit aber vereinnahmt erneut die Menschheit und pappt erwartungsgemäß die Zeit an den Raum der verflossenen Strophe und klärt über die Bedeutung des Herzschlags auf: zuviel, zuviel, zuviel – weg damit! Ein Herz-Schlag-t genügt vollauf. zurück
Nichts bleibt einem erspart! Die Tiefe soll wohl die Tiefe des Raumes sein (er kam aus der Tiefe des Raumes…), dem erneut seine ureigenste Leere abgesprochen wird! Dass die Tiefe euch bislang im Griff hatte (also doch nicht die Leere oder der Raum oder die Schwerelosigkeit) und euch jetzt fallen lässt (welch hirnsprengender Tiefsinn: die Tiefe lässt euch fallen. »Aber ja, liebe Zweifler: das bedeutet nämlich, dass es noch tiefer geht als die Tiefe, nämlich in die allertiefste Erkenntnis, wo es am finstersten ist!«); doch ihr werdet nicht einfach so & irgendwie fallen gelassen, sondern endlich: wie lange habt ihr euch nicht schon gewünscht, fallen gelassen zu werden? All zu lange hatte die Schwerelosigkeit euch im festen Griff: endlich naht sehnsuchtsschmalzige Runderneuerungsbefreiung: Fiat Lux! Auch dieser Zeile empfehle eine stillen und endgültige Auslöschung! zurück
Diese vier Zeilen haben meine uneingeschränkte Zustimmung: kein vereinnehmendes Menschheitsgefasel mehr, keine überdimensionierten Leerwörter, sondern ein Bild, das Assoziationen ermöglicht! Es geht doch, es geht doch: ich weiß es ja! zurück
Auch mit diesen Zeile kann ich mich anfreunden, da ein Sichtwechsel stattfindet: es könnte ein Dialog sein, so einer in der (Wieder)Einschlafphase, halb hier, halb noch im Traum. Aus rhythmischen Gründen würde ich in der ersten dieser vier Zeilen ein was entfernen; ob die letzte Zeile eingerückt werden sollte, ob es drei oder vier Zeilen sein sollen, welche Zeile warum mit Großbuchstaben beginnt, warum welche Satzzeichen: das möge alles der Autor entscheiden. Zum krönenden Abschluss die Kürzfassung dieses Gedichts im Zusammenhang:
Gute-Nacht-Gedicht
Stefan Schmidt
überarbeitet von Malte Bremer
die Nacht legt ihre Schlingen
ein Herz schlag t
ein Schrei geht Atem holen
zum Brunnen
an der Mutter Hand
ganz unten
was … was habe ich gesehn
etwas Schönes
ich bin müde
schlafen gehn
Textkritik: Klosterkonzert in Bebenhausen – Lyrik
Hineinhorchen
in längst verschüttete Klangräume
Zugeschüttet
mit dem Dröhnen der Bässe
dem Kreischen
der Nervensägen
dem Smalltalk der Oberflächlichen.
Heraustreten
aus meinen Befindlichkeiten
Das Wort »Bedeutung«
neu definieren
Der Geschwätzigkeit entsagen
Die Töne verfolgen,
bis sie sich am steinernen Gewölbe
brechen.
Entzweibrechen
den Panzer aus Gleichgültigkeit
den Kokon aus Selbstmitleid
das Eis der Lieblosigkeit.
Entschwinden
in uralte Zeiten,
die ich plötzlich rieche
schmecke
fühle.
Hinabtauchen
in die Stille in mir
Sie begrüßen
wie einen alten Freund
Längst vergessene Zuflucht finden
Die Augen schließen,
um wieder sehen zu können.
Dem Klang folgen
durch Zeiten
Räume
Erinnerungen.
Aufsteigen
in die Kühle der Nacht
Im Sternenlichtmantel
der Scham entsagend
Die Angst, das gefräßige Tier,
zurücklassend
Grenzen hautnah spüren,
mich daran reiben,
sie überschreiten
Vertrauen
Riskieren
Erkennen.
Zusammenfassende Bewertung
Brauchbarer Anfang, katastrophales Ende: das Ziel ging unterwegs flöten – ließe sich aber wieder finden!
Dank der Autorin, die ermöglich hat, vieles für Schreibende vielleicht Brauchbare exemplarisch zu demonstrieren; deswegen reut mich die Arbeitszeit auch nicht. Und nochmals und zum wiederholten Male und immer wieder: Meine Vorschläge sind niemals die besten und einzigen: Sie dienen allein dazu, mögliche Wege zu zeigen, die beschritten werden könnten!
Die Kritik im Einzelnen
Ausgehend von der Überschrift Klosterkonzert betrachte ich den ersten Abschnitt gewissermaßen als Thema dieses Gedichtes: es klingen an Bässe, Kreischen, Smalltalk; von der Lautstärke her fällt das letzte aus dem Rahmen, entwickelt sich aber aus den Nervensägen. Schwierigkeiten bereiten mir die dröhnenden Bässe: ist das jetzt schon das Klosterkonzert, denn Orgelbässe dröhnen gewaltig (wobei allein ich für die Assoziation Orgel verantwortlich bin: vermutlich über die Kette Kloster > Kirche > Konzert > Bässe > Orgel)? Oder meint das einfallslos-basslastige Dröhnmusik funsüchtiger Gehörgeschädigter? Erinnern die Orgelbässe gar an die gesampelten?
Mich stört das zweimalige schütten, weil verschüttet und zugeschüttet durchaus nicht das Gleiche ist! Offenbar wurden die Klangräume des lyrischen Ich zugeschüttet von dreierlei: von einem Bassgedröhne (ich möchte es mal so nennen), vom Kreischen der Nervensägen und von Smalltalk; von Oberflächlichen sollten gestrichen werden, denn mir scheint es hier um Smalltalk prinzipiell zu gehen, egal ob von Oberflächlichen oder Tiefbohrern!
Um das falsch gedoppelte schütten zu vermeiden, möchte ich verschüttete Klangräume durch vergessene Klangräume ersetzen; die sind vergessen worden, weil sie zugeschüttet wurden und darum nicht mehr zugänglich waren. Mir ist klar, dass ich hier tief eingreife, aber das letzte Wort hat sowieso die Autorin: es ist schließlich ihr Gedicht und soll das auch bleiben. Mein Vorschlag:
Hineinhorchen
in vergessene Klangräume
zugeschüttet mit
Bassgedröhne
Nervensägen
Smalltalk
Zufrieden bin damit noch lange nicht: zwar hätte auch die Form gewonnen: die drei Themen sind auf jeweils 1 Wort reduziert, das reicht, denn das lyrische Ich braucht sich nicht lange mit den Umständen auseinander setzen und sie erläutern; es nähme sichtbar sogar vorweg, was erst in der folgenden Strophe anklingt: Bedeutung neu definieren (dazu später mehr); das Kreischen habe ich entfernt, weil es bei Sägen automatisch hörbar wird (wohingegen singende Sägen doch eher überraschen; habe mich letztes Jahr bei einem Straßenmusiker in Wien wieder einmal daran erfreuen dürfen).
Doch ärgert mich, dass Smalltalk nur zwei Silben hat, während die anderen beiden Themen jeweils vier aufweisen! Smallgetalke wäre zu sehr Karikatur (es sei denn, ironische Distanz wäre in diesem Gedicht durchgängig, das ist aber nicht der Fall), Wortgewäsche gehörte eher zum Dummschwätz eines Einzelnen, Wortgeklingel… Wortgeklingel? Passte zwar wegen –geklingel wunderbar in den Klangraum, hat aber ebenfalls nichts mit der Kommunikationssituation von Smalltalk gemein, ist eindimensional (Politikerreden, Texte in dem zurecht berüchtigten sehr pseudowissenschaftlichen Fachjargon); Wortgeplänkel wiederum hat mit Streit um Worte zu tun, wenig mit Smalltalk. Nein: ich finde hier und auf die Schnelle keine Lösung! Vielleicht wird dafür deutlich, was Dichten für eine Knochenarbeit ist bzw. sein sollte, wenn man es ernst nimmt!
Ob diese Zeileneinteilung durchzuhalten ist, ob daraus eine Gedichtstruktur sich entwickeln lässt, vermag ich noch nicht abzusehen. zurück
Das darf aus zwei ganz wichtigen Gründen nicht heraustreten heißen: 1.) Wenn jemand irgendwo drin ist, kann er nur hinaus; nur als Außenstehender kann ich sagen, dass das lyrische Ich aus seinen Befindlichkeiten heraustreten will! 2.) Das Gedicht hat vier Richtungen: Hinein, Hinaus, Hinab, Hinauf (da steht bislang lediglich auf, das sollte aber nicht so bleiben). Das lyrische ich ist (noch) drinnen und will irgendwo hin: dann soll es das auch, und es muss sichtbar werden! zurück
Ich würde aus meinen Befindlichkeiten kürzen und meinen streichen, denn in dem gewünschten hinaustreten wird deutlich, dass es die eigenen sind. Dieser Spagat war nur nötig wegen des falschen heraustreten.
Die drei Themen waren (in dieser Reihenfolge): Billigmusik, Penetranz, Smalltalk. In welche Richtung soll hinausgetreten werden? Bedeutung, Zurückhaltung, Töne. Die Reihenfolge scheint genau umgekehrt, die beiden Reihen werden umrahmt durch die Musik (Klosterkonzert). Soweit ist das gelungen, es treten aber inhaltliche Probleme auf:
Das Wort »Bedeutung« muss keineswegs neu definiert werden, es kann nur darum gehen, die eigentliche Wortbedeutung zu finden, zu suchen, aufzusuchen, wieder zu finden, auszugraben usw. usw.: hier wage ich keinen völlig ernst zu nehmenden Vorschlag; der wäre in jedem Falle problematisch, denn beim so genannten Smalltalk werden eigentlich keine Inhalte ausgetauscht, sondern geht es vorwiegend um Befindlichkeiten und Hierarchien (genau wie bei Begrüßungsfloskeln und sonstigen Beziehungsritualen): insofern ist ein Suchen nach Inhalten nicht unbedingt der Gegenpol zum Smalltalk.
Das Gedicht stellt die Geschwätzigkeit gegen die Nervensägen; das ist soweit in Ordnung, auch wenn es sehr wortkarge Nervensägen gibt; aber warum heißt es entsagen? Ist Geschwätzigkeit wirklich so des Teufels und man so von ihr besessen, dass ihr entsagt werden muss? Reichte ein vermeiden z.B. nicht aus (das beinhaltet beides: eigenen Verzicht und Aus-dem-Weg-gehen)?
Dem temporeichen Bassdröhnen ein langsames Verfolgen von Tönen entgegen zu setzen ist auf Anhieb einleuchtend; das steinerne kann entfallen, denn kein Mensch denkt bei Gewölbe an Polyvinylchlorid oder Holz!
Zur Form bieten sich spontan zwei Möglichkeiten: für jeden Gegenpol entweder 1 Langzeile oder 2 kurze; allerdings gefällt mir sehr die formale Unterstützung des langsamen Verfolgens durch mehrere Zeilen in der Vorlage; und da in der ersten Strophe nach der Überschrift zwei Zeilen zu den verschütteten Klangräumen folgen, so kann die zweite Strophe ebenfalls mit dem zwei Zeilen zum Klangraum enden; ich wage folgenden Versuch:
Hinaustreten
aus Befindlichkeiten
Wortbedeutungen wieder finden
Geschwätzigkeit zurück lassen
Tönen folgen, bis sie am
Gewölbe brechen
Ich betone nochmals: inhaltlich stellt mich das nicht zufrieden (s.o.), formal könnte ich mich damit anfreunden, zumal die Strophenlängen jetzt auch noch identisch sind. Dass ich auch die letzten beiden Zeilen stärker verändert habe, hat mit der rhythmischen Gestaltung zu tun: die beiden vorhergehenden Zeilen sind sehr unruhig, durch die beiden letzten Zeilen läuft jetzt ein gleichmäßigen Trochäus, was die Ruhe und die Langsamkeit des Töne-Verfolgens unterstützt (deswegen auch folgen; verfolgen klingt sehr nach Action-Filmen…) zurück
Diese Strophe würde ich ersatzlos streichen!
Erstens lassen sich die drei genannten Defizite so nicht nebeneinander stellen: Gleichgültigkeit schließt sowohl Selbstmitleid als auch Lieblosigkeit aus, während Selbstmitleid durchaus zu Lieblosigkeit gegenüber anderen führen kann.
Zweitens werden diese drei angezogen: mit Panzer, Kokon und Eis(panzer) und zusätzlich miteinander verkitscht: das stört ungemein und bringt nichts außer Befremden! Was soll dieser angeschwollene So-ist-es-Moralapostel-Zeigefinger? Lassen wir doch die Befindlichkeiten des lyrischen Ichs auf sich beruhen: jeder hat seine eigenen, aus denen hinauszutreten sich immer wieder gewisslich und fürwahr lohnt!
Drittens haben diese drei Befindlichkeiten nur ganz, ganz allgemein mit den in der ersten Strophe angespielten Themen zu tun! Nein, nein und dreimal nein: weg mit dieser Strophe, ganz weg und gar weg, und beim Thema bleiben! zurück
Auch diese Strophe würde ich ersatzlos streichen: Was sollen das für uralte Zeiten sein? Etwa die in der Romantik gesuchte Einheit mit allem? Und warum sind da nur drei Sinne beteiligt? Wo ist der Bezug zum Thema? Gewiss fängt auch diese Strophe mit »ent« an wie die von mir bereits verworfene, und sowieso spräche nichts dagegen, mitten ins Gedicht ein Strophe mit anderem Beginn zu platzieren: das müsste dann aber Sinn machen! Diese Strophe stört nur, denn sie verwendet ausgeleiertste Symbolik in ausgeleiertsten Bezügen: 08/15-Breitreifen-Kitsch. Weg damit! zurück
Jetzt taucht das Gedicht noch tiefer in den Kitsch hinab! Wohin denn hinabtauchen, wenn nicht in sich selbst? Warum die Stille nur begrüßen wie einen alten Freund: ist sie denn kein alter Freund, muss das lyrische Ich so tun als ob? Und was gibt es in diesem Gefühlssumpf an vergessener Zuflucht außer dem alten Freund noch? Das schmalzt alles ach so herrlich ach so schön, Herzilein möcht herzen gehn! zurück
Spätestens seit dem ollen Oidipos gehört derlei Erkenntnis zum Standardrepertoire jedes Lebenshilfebreviers und sonstiger Sprüchesammlungen. Jeder im abendländischen Sprachraum kennt sie! Warum muss dieser alte Quark hier aufgetischt werden? Darum:
Das Gras ist grün, die Erde rund, Banane krumm, Salat gesund: das muss immer wieder mal gesagt werden, sonst weiß das ja keiner! Alle verschließen die Augen vor diesen Wahrheiten, weil sie glauben, sie nur so sehen zu können. Ach, es ist ein Elend sondergleichen mit den Augen: wie man’s macht, ist es verkehrt! »Wohin ich immer sehe, wie weh, wie weh, wie wehe!« (frei nach Faust, V.3612f) zurück
Oben wurde Töne verfolgt, jetzt wird dem Klang gefolgt, der offenbar als Echo des Brechens innerlich weiterwirkt, selbstverständlich durch Zeit und Raum und Erinnerung: Scotty, übernehmen Sie: total recall!
Die drei glorreichen Begriffe haben nichts mit den Eingangsthemen zu tun, und vor allem meinen sie sich auch nicht (wollte vorhin sich nicht jemand um Wortbedeutungen bemühen? Hier wäre jemandes Hilfe förderlich und dringend höchstnotwendig!), abgesehen von unter Umständen vielleicht beinahe ansatzweise und unter größtem Vorbehalt: die Erinnerung – aber die wurde freventlich an die uralten Zeiten genagelt (siehe vorhergehende Strophe), fällt also totaliter aus dem Raumrahmen.
Was tun (Lenin)? Mir tut es eigentlich schon Leid um dieses Gedicht, es begann doch ganz brauchbar; sicherlich ließe sich irgendwie retten:
Hinabtauchen
in Erinnerung
begrüßen
Stille
den alten Freund
Geborgenheit
Aber hat das noch was mit der Vorlage zu tun? Ich spinne hier einfach den angefangenen Faden weiter: das ist höchst billig, denn es ist nach wie vor nicht mein Gedicht, nicht einmal die Einfälle stammen von mir;
Ich nehme den in meiner Verbesserung von Strophe 1 angefangene Faden wieder auf: zunächst die Bewegungsrichtung. Dann zwei Zeilen, die den Bewegungsraum bzw. die Bewegungsrichtung kennzeichnen (deswegen kein Artikel bei Erinnerung!), dann zur Themenfolge der ersten Strophe (Billigmusik, Penetranz, Smalltalk) die Parallelführung: Stille, alter Freund, Geborgenheit (wobei die letzten beiden sich vermutlich auch vertauschen ließen, aber hier hat das Original Vorrang); Länge ebenfalls 5 Zeilen, dazu entsprechen die letzten drei Zeilen in der Anzahl ihrer Silben denen der ersten Strophe. zurück
Zu Beginn habe ich bereits dafür plädiert, dass diese Strophe aus inhaltlichen und formalen Gründen mit Hinaufsteigen beginnen muss! Und ich wiederhole das jetzt. Zudem würde ich sie nicht besonders hervorheben (wie es das Original durch die zusätzliche Einrückung vormacht – sofern das nicht ein Übermittlungsfehler gewesen ist): Hoffnung richtet sich üblicherweise nach oben, und damit hört das Gedicht zu Recht auf! zurück
Es ist wieder das Gleiche: es wird herumposaunt (=Dröhnen der Bässe), an Lesernerven gesägt (Kreischen der Nervensägen) und flaches Zeug erzählt (= Smalltalk der Oberflächlichen): Die Angst zurücklassend!!! Wo war denn bislang von einem Angsttier, einem wahrhaft gefräßigen noch dazu, die Rede? Betretenes Schweigen! Oder von Grenzen? Immerhin sind in zumindest drei Richtungen ohne Reibereien dank der Musik völlig selbstverständlich die Grenzen überschritten worden! Oder von Scham – der zu entsagen nebenbei erneut nach feierlich gelogenem Gelöbnis stinkt: denn entsagen hat schon im Hinblick auf Geschwätzigkeit überhaupt nicht funktioniert, wie man an allen vier nach diesem Gelöbnis entstandenen Strophen feststellen kann, durch die der Leser mit Kitschgeschwätz nachgeradezu zugeschüttet wird? Eben! Und weil dem lyrischen Ich halt irgendwie plötzlich und überflüssigerweise noch auffiel, dass es so elementar menschliche Befindlichkeiten wie Angst und Scham und Grenzreibereien noch überhaupt nicht erwähnt hat, werden die jetzt aber mit Pauken und Trompeten mir nichts dir nichts und holterdipolter eifrig drangepappt, dass der Dünn(sch)leim aus allen Buchstaben trieft! Wenn dieses Verfahren sichtbares Ergebnis von Das Wort »Bedeutung« neu definieren sein soll, dann ziehe ich jedwedes Bassgedröhne allemal und jederzeit vor – und echten Smalltalk: denn da weiß ich, woran ich bin und was ich habe!
Was ist zu retten? Ich weiß nicht; formal fände ich drei Verben (wie am Ende der Strophe) nicht schlecht. Warum? Begründung: die erste Strophe hatte (in meiner Fassung) ein Partizip Perfekt und anschließend drei Nomen; die zweite ein Nomen und drei Infinitivkonstruktionen mit Nomen; die dritte wieder eine Verbform (Infinitiv statt Partizip) und anschließend drei Nomen (annähernd parallel zur ersten Strophe). Die letzte nun könnte gut auf Nomen verzichten, brauchte aber wieder Verben, da es sich bei Hinaufsteigen um eine Bewegung handelt (im Gegensatz zum Horchen in der ersten Strophe).
Ich werde jedoch keinen Versuch unternehmen: ich habe keine Lust nach Verben zu forschen, die zu den Themen taugen, denn die in der Strophe vorhandenen taugen nichts! Ich vermisse in dieser Strophe zudem jeder Bezug zum Klosterkonzert, aber der müsste unbedingt gewahrt werden (Thema Klang); ich weiß nicht, wohin hinaufsteigen: vielleicht ins Crescendo? Ist nur eine Idee, habe kein Konzert vor Ohren! Nein: das sind zu viele Unwägbarkeiten! Schließlich hat auch das lyrische Ich alle Fäden verloren oder weggeworfen oder aufgefressen und sich spontanen Einfälltigkeiten hingegeben. Das vermag ich nicht zu retten, ist eigentlich auch nicht meine Aufgabe! zurück.
Textkritik: Der Spätzünder – Prosa
Eva teilte David am 8. März mit, dass sie ihn verlassen werde, weil sie ihr Hausfrauendasein satt hat. David erschreckte das nicht sehr. Ganz gefasst und sachlich erklärte er ihr, was nun zu tun sei: Die Kündigung für die Wohnung muss geschrieben, ein Nachmieter gefunden, der Umzugswagen bestellt werden. So war seine Art. Die alltäglichen Dinge bekam er gut hin.
David war ein Spätzünder. Sein erstes, richtiges Erlebnis mit einer Frau hatte er mit Eva. Und zu diesem Zeitpunkt war David 27 Jahre alt. Zuvor gab es für ihn nur das Studium, die engagierte Arbeit im Ausländerbeirat, die Träume von weiblichen, langen Beinen und Haaren und das Bemühen, die Erwartungen seiner Eltern zu füllen. Eva erkannte das nicht auf den ersten Blick. Ihr fiel um so mehr seine Ruhe und vermeintliche Ausgeglichenheit auf, als sie ihn auf der Party einer Bekannten kennen lernte. Alle ihre Sehnsüchte projizierte sie auf ihn. Diese seriöse Gestalt mit dem Namen David war also der Mann, der sie niemals wegen ihrer Erotik nur besitzen wollte. Vielmehr war er eben einer jener Männer, die sie als Frau schätzen würden und an ihrer Entwicklung ebenso interessiert wären, wie sie selbst. Ja, er sollte es sein – ihr Mann für die Zukunft. Und als sie sich das erste Mal näher kamen und er ihr seine Unerfahrenheit gestand, erschreckte sie das überhaupt nicht. Vielmehr freute sie sich, diesen Menschen auf ihre Bedürfnisse abstimmen zu können. Ihn formen zu können, wie einen Klumpen Ton. Und so begab sie sich an die Arbeit. Unterrichtete ihn in der Beschaffenheit des weiblichen Körpers. Führte ihn ein in die Liebeskunst. Die erwarteten Freuden bleiben zunächst aus. Seine frühzeitigen Orgasmen konnte er nicht kontrollieren, denn dieses Ereignis, den weiblichen Körper zu entdecken, brachte ihn in jene jungmännliche Erregung, die sich aller Gelassenheit entzieht. Nur der Zufall brachte ihr ab und zu körperliche Befriedigung. Aber was ist das schon gegen den seelischen Orgasmus, der die Welt in den Topf der unendlichen Harmonie wirft?
Ein paar Monate später musste David aus beruflichen Gründen die Stadt verlassen. Eva sah das optimistisch. So konnte sie unter der Woche alles machen, was ihr in den Sinn kam, und am Wochenende alle Zeit nur mit David verbringen. Eine ideale Situation. Und so verbrachten sie zusammen viel Zeit im Bett und vor dem Fernseher. Selten sahen sie ihre Freunde, die sich schon beklagten. Aber was sind schon Freunde im Gegensatz zu einer intakten Partnerschaft? David fragte Eva oft, ob sie nicht mit ihm zusammen ziehen möchte. Eva lehnte lange ab, aber als ihr in ihrer Stadt wieder mal alles zu langweilig wurde und sie in eine tiefe Depression fiel, verkündete sie mit lautem Lachen: »Ich ziehe zu dir, David!«
David konnte sein Glück gar nicht fassen. Er besorgte alles für das gemeinsame Nest: die Wohnung, den Umzugswagen, die noch übrig gebliebenen Freunde, die halfen. Er organisierte, baute, bohrte, richtete ein. Eva floh in ihr neues Zuhause und es dauerte gar nicht lange, da packte sie wieder der Wunsch der Flucht. Diesmal weg von David. Weg vom Fernseher, vom Herd, vom Bügeleisen, vom samstäglichen Geschlechtsverkehr, vom Hineinschlingen gekochter Köstlichkeiten. Aber solange es noch das Gefühl der Geborgenheit und des Zuhauses gab, konnte sie David nicht verlassen. Schließlich hatte David alles getan, um sie glücklich zu machen, nur das Glücksgefühl stellte sich irgendwie nicht ein. Was sie jetzt brauchte, war ein neuer Anstoß, einen wahren Grund.
Und der kam, als er nicht erwartet wurde. In Form eines männlichen Menschen, der Fragen stellte, die so unbarmherzig waren:
Welche Ziele hast du in Deinem Leben?
Was willst du aus Deinem Leben machen?
Dunkel wurde es um Eva herum, als sie Antworten suchte. Dafür war der neue Mann Inspiration für sie. Er gab ihr den Ansporn, endlich ihre Abschlussarbeit für ihr Studium zu Ende zuschreiben. Er lobte sie ihrer Fähigkeit Texte zu verfassen und eröffnete ihr die Möglichkeit eines gemeinsamen Arbeitens. Er erzählte ihr seine Vorstellung von einer optimalen Beziehung und sie war sich sicher, dass er ihre ganzen Wünsche erfüllen würde. Sie hatte sich in ihn verliebt und deshalb verließ sie David von heute auf morgen.
David machte keine Anstalten, sie zurückzugewinnen. Vielmehr gestand er ihr, sie nie wirklich geliebt zu haben, weil sie einfach nicht die Frau sei, die er sich wünschte. Besonders ihr Äußeres entspräche gar nicht seinem Idealbild. Eva ging, gekränkt aber glücklich in die neue Zukunft. Von nun an sollte alles anders werden.
Zusammenfassende Bewertung
Das Hauptproblem liegt in der Gestaltung; die Charaktere (vor allem Eva) bleiben unscharf, die Haltung des Erzählers zu seinen Protagonisten unentschlossen: Ironisch? Liebevoll? Mitleidig? Kitschig? Mitleidend? Neutral? Von all dem findet sich etwas. Doch mit einigem Aufwand könnte aus dieser unentschlossenen Erzählung eine erschreckende werden.
Ich würde eine Überarbeitung in Richtung lakonisch-neutral vorziehen, um das Entsetzliche dieser hohlen Beziehung deutlich werden zu lassen, dabei aber Umgangssprache (mal, ganze Wünsche usw.) vermeiden: keine Wertungen, keine Ausflüge in Kitschregionen, nichts aus der Sicht von Eva oder David! Und den Titel würde ich ändern, vielleicht in »Liebesgeschichte« – denn ein Spätzünder kommt nicht vor.
Die Kritik im Einzelnen
David erschreckte das nicht sehr; ganz sachlich erklärte er ihr . : das tut es doch vollständig; wieso muss er das noch ganz gefasst sagen, es ist doch nichts Schreckliches passiert? Und am Schluss stellt sich raus, dass er sie eh nie wirklich geliebt habe – also ein entscheidender Grund weniger, eine Fassung zu verlieren! zurück
Es handelt sich hier bestimmt nicht um weibliche und lange Beine und kurz-struppige Hundehaare, sondern eher um lange Beine und Haare: das Komma irritiert heftig! Wären die Beine weiblich-lang, funktionierte der Satz vom Verständnis: würde jedoch weiblich so betont, drängte sich nahezu automatisch ein männlich-kurzes Bein auf – das will aber wohl kaum einer wollen. Sinnvollerweise sollte hier stehen, dass David von langen Frauenbeinen und -haaren träumte: alles wäre klar, nichts mehr gäbe es zu deuteln und zu mutmaßen. zurück
Erotik kann man nicht haben wie Krätze oder Hunger, aber man kann erotische Signale senden oder Erotik ausstrahlen, erotisch wirken oder unerotisch; was also freut Eva? Dass David sie niemals nur wegen ihrem Aussehen besitzen wollte?
Oder gehört das nur tatsächlich zu besitzen? Dann bedeutete das: David wollte Eva niemals wegen ihrer erotischen Ausstrahlung nur besitzen, sondern auch mit ihr schlafen. Was auch immer gemeint ist: es sollte klarer gemacht werden. zurück
Wem soll er es eigentlich sonst gestehen? Ist doch niemand mehr da (sofern nicht sein Händi in Alarmbereitschaft lauert)! Also weg mit ihr! zurück
Was hat es nur mit dem erschrecken auf sich? Oben erschreckt David etwas nicht sehr, und schon wenige Zeilen weiter erschreckt Eva etwas überhaupt nicht: warum sollte Eva denn erschrecken? Ist denn ein Erschrecken in einer solchen Situation normal: »Huch wie schrecklich, der weiß ja gar nicht, wie das geht?« Ich gestehe: ich bin keine Frau, vielleicht denken Frauen ja tatsächlich so in froher Erwartung des erfahrenen Mannes – das hat schließlich eine Frau geschrieben. Mir kommt das komisch vor; ich fände es viel besser, wenn es denn hieße: Und als sie sich das erste Mal näher kamen und er seine Unerfahrenheit gestand, freute sie sich, diesen Menschen auf ihre Bedürfnisse abstimmen zu können. zurück
Das ist sehr gestelzt: sie begab sich an die Arbeit! Denn Arbeit ist kein Ort, an den man sich begeben kann, und es kein Ereignis, das sich begeben kann: Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Weib einen Mann nach ihrem Willen formte zu höchsteignem Nutz & Frommen. Geringfügig besser wäre, wenn sie sich an die Arbeit machte; aber Arbeit wird gemeinhin mit Missvergnügen, Unterbezahlung und Stechuhr verbunden – und so schlimm wird Evas Trainingsprogramm wohl nicht gewesen sein; frisch auf, ans Werk – nämlich ans frohgemuthe Erschaffen von etwas Neuem: sie machte sich ans Werk. Das ließe ich mir gefallen, denn es würde dem Sachverhalt gerecht! zurück
Die jungmännliche Erregung entzieht sich der Gelassenheit? Das heißt doch: die Gelassenheit hatte bis dato Davids jungmännliche Erregung fest im Griff und unter Kontrolle, und jetzt – dank Evas fachfraulichen Workshops – kann die jungmännliche Erregung sich endlich erfolgreich der Gelassenheit entziehen! Getreu der Parole: Kampf der Gelassenheit, Freiheit für die jungmännliche Erregung!
Liebe Eva: irgendetwas hast du da aber ganz ganz falsch gemacht! Selbst schuld, wenn später alles schief geht… zurück
Was ist das für ein seltsam Ding: ein seelischer Orgasmus (ist das so ne Art Höllenfahrt – der Himmel hat´s bekanntlich nicht so sehr mit Orgasmus?), der die Welt (ist das jetzt nur die Erde oder schon die ganze Welt? Wohl eher letzteres, also das All mit allem Gesums, die Erde ist ja bekanntlich schon ziemlich im Eimer.) in den Topf (Erstaunlich groß, dieser Topf!) der unendlichen Harmonie wirft, und was ist größer als die Unendlichkeit? Keine Ahnung! Es muss wohl ein Topf sein: warum auch nicht!).
In dieses weitläufige Gefäß gehört unverzüglich der ganze Satz ab Aber was ist das schon .! Platz genug wird sein, denn bereits in ihm schmoren im eigenen Saft vor sich hin: Welt, unendliche Harmonie und last not least der unendliche Kitsch, der – aus diesen überdimensionalen Wörtern empor schnellend – den darob erschrockenen zurückfahrenden Leser vergeblich einzufangen versuchte und hilflos abstürzte. zurück
Da stellt sich unwillkürlich die Frage: später als was: später als der seelische Orgasmus oder als der Zufall oder als der ersten jungmännlichen Erregung oder als dem Kennen lernen? Ein einfaches nach einigen Monaten reichte, damit würde ein Zeitraum genannt, und nicht unnötigerweise ein Zeitpunkt! zurück
Der Satz ist völlig überflüssig – und inhaltlich ärgerlich, denn er widerspricht dem vorvorigen: kaum geschrieben, schon vergessen? Ich bin nicht der Tropf der unendlichen Harmonie, der alles schluckt!
Ärgerlich: verbringen. Wort Wort Wort. Wort Wort verbrachten . Diese Wiederholung nach so kurzer Lesezeit ist jämmerlich!
Ärgerlich: sie wollte alle Zeit nur mit David verbringen – und dann hängen sich die beiden vor die Glotze!!! Versteht man das heutzutage unter »die Zeit mit jemandem verbringen«? Zusammen Teletubbies gucken? Das ist echt verbrachte Zeit – im Sinne von totschlagen!
Ärgerlich: Es hätte so schön weiter gehen können: .alle Zeit nur mit David verbringen. Eine ideale Situation. Selten sahen sie ihre Freunde, die sich schon beklagten. Aber was sind schon Freunde . Hier wird von ganz allein deutlich, dass der Plan in Erfüllung gegangen ist (und es wird nicht vor aller Welt versehentlich offen gelegt, auf wie peinliche Weise Evas Plan daneben gegangen ist: hocken vor der Glotze!!!). zurück
Diese Frage hat sich mir bisher noch nie gestellt: ich sehe Freunde nicht im Gegensatz zu einer intakten Partnerschaft; und schon gar nicht frage ich mich, was sie im Gegensatz zu einer intakten Partnerschaft sind: denn im Gegensatz zu einer intakten Partnerschaft kann immer nur eine kaputte Partnerschaft sein, aber keineswegs ein oder mehrere Freunde; diese Frage ist schlichtweg blödsinnig! Aber fragen darf man ja mal!
Zum Beispiel darf man fragen, wie intakt eine Partnerschaft ist, die sich auf Bett und Teletubbies reduziert; da wäre ich als Kumpel auch sauer: »Keine Zeit, müssen Teletubbies-Filme gucken, damit unsere Beziehung intakt bleibt!« Freund von so was wäre ich nie geworden!
Trotzdem wage ich einen sprachlichen Verbesserungsvorschlag: Aber was bedeuten schon Freunde, wenn man mit sich selbst genug hat? zurück
Da schau her: Eva ist dumm! Erst bringt sie David im Bett das Falsche bei; dann freut sie sich, dass sie während Davids beruflicher Abwesenheit alles machen kann, was ihr in den Sinn kommt – aber bedauerlicherweise ist da nix im Sinn, denn bereits hier wird ihr wieder (ein)mal alles zu langweilig. Nicht mal die Glotze kann sie nutzen: die braucht sie ja beim trauten Zusammensein mit David. Eva: bist schon a arms Weibstück! zurück
Das musste ja so kommen! David falsch ausgebildet, Leere im Kopf, Langeweile wohin sie schaut – nicht einmal ein seelischer Orgasmus könnte sie da noch retten! Ja ja, sagte der dicke große Waldbär, ich hab’s kommen sehen.zurück
Was tut eine, die so ist wie unsere Eva und eine tiefe Depression hat? Sie lacht laut und trifft eine Entscheidung! Böswillig könnte ich jetzt schreiben: Eva konnte vorher ja nichts entscheiden, denn im Kopf war ja nichts; jetzt hat sie glücklicherweise ein tiefe Depression, und die kann erheblich mehr entscheiden und lauter lachen als nichts. Aber ich bin nicht böswillig. Deswegen schreibe ich das auch nicht.
Ich schreibe: Da hat Sprachschludrigkeit zugeschlagen! In Davids Abwesenheit war Eva alles zu langweilig geworden, und sie war deswegen vorübergehend (muss sein: sonst wäre Eva noch drin!) in eine tiefe Depression gefallen! Das ist abgeschlossene Vergangenheit (Plusquamperfekt), liegt also demnach hinter ihr: dann könnte sie, als David wieder kommt, mit lautem Lachen ihren Willen kundtun. Alles wäre an seinem richtigen Platz! zurück
David hat Eva nie geliebt! Dieser Gefühlsausbruch ist so falsch wie überflüssig; es reicht, dass David alles besorgt usw. Über Davids Gefühle sollte sich besser der Leser Gedanken machen. Weg mit diesem Satz! zurück
Diese gefühlsbetonte Wortkombination (hinein schlingen, Köstlichkeiten) passt nicht zu der lakonischen Aufzählung: dazu passte eher »gemeinsamen Nahrungsaufnahme« zurück
Ich leugne entschieden, dass es dieses Gefühl tatsächlich gab: zunächst wurde gerade erst die Eintönigkeit des täglichen Miteinander dargestellt, und jetzt wird behauptet, das sei identisch mit »Geborgenheit und Zuhause«: abgelehnt!
Selbst wenn es dieses Gefühl aus unerklärlichen Gründen dennoch gäbe: warum sollte jemand – selbst unsere einfältige Eva – Geborgenheit oder ein Zuhause fliehen? Das ergibt nur Unsinn!
Was der wahre Grund ist, wird später angegeben: Eva fühlt sich verpflichtet, nicht mehr und nicht weniger! Korrigiert und unter Einbeziehung des folgenden Das läse sich dann beispielsweise Folgendes:
Diesmal weg von David. Weg vom Fernseher, vom Herd, vom Bügeleisen, vom samstäglichen Geschlechtsverkehr, von der gemeinsamen Nahrungsaufnahme. Aber sie konnte David nicht verlassen, denn er hatte alles getan, um sie glücklich zu machen; nur das Glücksgefühl stellte sich irgendwie nicht ein. Was sie jetzt brauchte . zurück
Eva braucht keinen neuen Anstoß, sie braucht überhaupt einen (das mit der tiefen Depression scheint ja nicht mehr zu klappen .); grammatisch muss es heißen: . war ein Anstoß, ein wahrer Grund (nicht einen wahren Grund). Inhaltlich fragt sich, ob Anstoß wichtiger ist als wahrer Grund oder ob gemeint ist: wahrer Grund als Anstoß oder ob Eva so genügsam geworden ist, dass jeder Anstoß gleichzusetzen ist mit dem wahren Grund; das lässt sich nur verbessern, wenn eine Entscheidung getroffen wird über Evas Charakter und den Grad der Distanz des Erzählers zu Eva (Ironie, Sachlichkeit, Mitleid .). Das ist allein Sache der Autorin! zurück
Diese Fragen sind nicht unbarmherzig: sie sind trivial wie das Leben! Also entweder die Fragen weglassen oder unbarmherzig – am allerbesten aber beides: soll das männliche Wesen doch Fragen stellen und Eva vergeblich Antworten suchen: das genügt vollauf! Was gehen uns die Fragen an? Und der Text vermiede den Absturz in die ausgetrampelten Niederungen der zeigefingernden Lebensberatungsliteratur und könnte sich auf seine ureigenste Aufgabe beschränken: eine Geschichte erzählen: also weg mit den Fragen und unbarmherzig! zurück
Dieses Bruchstück ist wohl mehrfach vergeblich überarbeitet worden, übrig bleibt ein Fragment. Entweder er lobte ihre Fähigkeit oder er lobt sie wegen ihrer Fähigkeit bzw. er lobte sie ihrer Fähigkeit wegen. Wegen des Anschlusses Texte zu verfassen zöge ich die mittlere Version vor. zurück
Wenn sie sicher wäre, dass er ihre Wünsche nur halb erfüllen würde: wäre sie dann auch mit ihm gegangen? Oder wenn er nur ihre halben Wünsche erfüllte statt der ganzen? Sie war sich doch eher sicher, dass er alle ihre Wünsche erfüllen würde – also sollte es so zu lesen sein; wenn sie sich nur sicher war, dass er im Gegensatz zu David ihre Wünsche ganz erfüllen würde, sollte es so zu lesen sein. Das hat wieder etwas mit Evas Charakter zu tun und kann hier nicht entschieden werden! zurück
Braucht’s diesen märchenhaften Kitsch-Schluss? Der Titel ist »Der Spätzünder« – damit soll wohl David gemeint sein (was ich nicht verstehe: wieso zündet der spät? Im Bett doch wohl eher zu früh! Und wenn er am Ende gesteht, dass er Eva nicht richtig geliebt hat, ist das auch keine Spätzündung: warum sollte er das sagen, sie hat ihn ja auch nicht geliebt, sondern wollte ihn sich zurechtstutzen? Ist sie der Spätzünder, als sie endlich erkennt, dass Liebe so nicht funktionieren kann? Dann müsste der Titel »Die Spätzünderin« lauten.). Wo war ich doch gleich? Ach ja: der Titel soll auf David hinweisen, dann sollte er auch das letzte Wort haben. Die angeblich rosa Zukunft von Eva darf uns herzlich egal sein. Geben wir David das letzte Wort! zurück
Textkritik: Harry – Prosa
Man weiß von Harry, dass er drei unfertige Texte im Kleiderschrank hat, außerdem arbeitet er jetzt an einem vierten, den Stoff liefert ihm Derrida.
Hey, Harry!
Harry liebt es gar nicht, in so leichtsinniger Weise angesprochen zu werden, er ist misstrauisch, er denkt an das Höchste, und alle, die ganz Hohes begrübeln, mögen nicht recht vertraulich zu den Nebenmenschen sein.
Da ist immer so etwas Geistiges, was solchen Leuten vorschwebt. Solche Menschen sehen immer die Notwendigkeit vor sich, die ihnen zuflüstert: Denke! Harry muss nachdenken, das steht obenan in seinem Programm, und das ist das Unheimliche, das ihn beständig ein wenig foltert, das ihn schärfer horchen lässt, das ihm befiehlt, ein nervös-zerissenenes Gesicht zu machen.
Er hat eine feine, scharfgeschnittene Denkernase. Gewisse Karikaturisten zeichnen gerne über solche Nasen im Profil her.
Mir liegt daran, eine ernstes Denkerportrait zu bieten, und da heißt es so sehr aufpassen, kommt es so sehr darauf an, keinen Wesenszug zu übertreiben.
Kollege Harry!
Er hört dieses Wort nicht gern, er möchte am liebsten niemandes Kollege sein, er ist so eine Art scheuer Philosoph, der den Mantelkragen in die Höhe zieht. Wenn man seine Hand lebhaft drückt, knackt sie, und wenn Harry seinen Hut auf, so ist sein Kopf sehr interessant.
Er fürchtet immer, man könne über ihn spotten, aber es gibt gewisse Menschen, die man nur dann getreu abbildet, indem man über sie spottet.
Harry hat eines Nachts einen flüchtig entworfenen Tractatus suicidalis im Kaffeehaus liegen lassen, auf so einem Kaffeehaussofa, auf das der Gewohnheitskaffeeschlürfer sich in der Regel so nachlässig-cool hinwirft, um Kaffee zu schlürfen und in die Luft zu starren.
Ein anderer hat die Abhandlung gefunden, genommen, eingesteckt, nach Hause getragen, abgeschrieben, vollendet, buchfähig gemacht und zum Bucherfolg auf der Buchmesse gebracht.
Es war auch nach Derrida. Ja, ja. Bei Derrida, diesem französischen Denkrebell, ist alles gegen den Strich, das wird jeder empfunden haben, der ihn einmal gelesen hat.
Harry studiert die Stoffe, nicht das Leben; das Leben, das er zu erleben bekommt, ist bis jetzt noch nicht weit her. Er ist Taxifahrer und Buchhandelsgehilfe, das hat er erlebt und das ist nach seiner eigenen Meinung kein apartes Erlebnis.
Schade, dass er nicht, sagen wir beispielsweise, zur Zeit des großen Wilhelm II. zur Welt gekommen ist; er hätte dann dem einen oder dem andern jener geistvollen Schlingel, die damals in die Höhe schossen, schon gezeigt, was er gekonnt hätte.
Die Sache ist die: Harry kann alles und will alles, aber er tut effektiv nichts. Er schleppt jetzt Bücher, weil er selber körperlich arbeiten will, er träumt von einer großen Seinstheorie, weil er selber durch und durch vom Teufel des Denkens besessen ist, er denkt über Gedichte nach, weil er selber welche hätte machen müssen, wenn er gewollt hätte.
Er wird böse sein, wenn er dies liest. Ich werde ihm sagen: Da, nimm! Und werde ihm das wenn auch kleine, so doch für ihn nicht belanglose Honorar in die Hand zu drücken, das ich für diese Studie bekomme.
Spötter haben manchmal die Extravaganz, menschenfreundlich zu sein.
Ach Gott, Harry ist so arm, so weltverlassen. Man bedenke, er denkt nur an Hohes und Erstklassiges. Er ist nicht ein Mensch wie andere Menschen, gerade so, wie die meisten Menschen nicht Menschen sind wie andere Menschen.
Ich aber gehöre entschieden unter die Hunderttausend. Ich bin zum Verwechseln einem Büroangestellten ähnlich, und ich bin so froh, so gewöhnlich zu sein.
Man höre diesen Unterton rachsüchtigen Neides!
Weshalb sollte ich Harry beneiden? Im Gegenteil, ich bedaure ihn. Ich schreibe ja über ihn, ich muss ihn also unter mir fühlen, denn sonst schriebe ich ja nicht »über« ihn. Diese Gemeinheit – hinzugehen und über denkende Menschen zu schreiben, als ob sie. Und dann ist dieser Harry ja noch nicht einmal interessant, höre ich den Leser.
Zusammenfassende Bewertung
Das ist eine sehr gelungene bissige Studie, die jeden Schreibenden trifft, der sich ernsthaft um das Schreiben bemüht! Und am Ende keine Leser findet…
Gleichzeitig gelingt der Spott über sich selbst: Ich kann das gut nachvollziehen, diese selbst gewählte Einsamkeit, diese Überzeugung von der eigenen Fähigkeit (die ich gleichzeitig niemandem offenbare). Nur Weniges stört mich, aber das steht in der Einzelkritik!
Die Kritik im Einzelnen
Lange hat es gedauert, bis ich mich zu Wort melde, dafür aber gleich doppelt; zum Ersten weiß ich nicht, was es mit Harrys Kopf auf sich hat: Wirkt der nur interessant, wenn Harry seinen Hut auf hat? Oder ist sein Kopf erst dann interessant, wenn er seinen Hut auflupft, der Kopf also für einen Moment ganz sichtbar wird? Das Entscheidende ist vermutlich Opfer einer Übertragungs-Panne geworden.
Zum zweiten ist interessant als Beschreibung von Harrys Kopf gegenüber allen anderen Beschreibungen überaus fad & nichtssagend, passt sich seinerseits aber nahtlos dem nicht minder schwächelnden Schwachvollverb ist an: so ist sein Kopf sehr interessant. Ich werde den Verdacht nicht los, dass das Absicht sein könnte – aber ich frage mich, welche, und ich finde keine Antwort. zurück
Harry wurde bisher zweimal angesprochen: Hey, Harry und Kollege Harry. Das weckt Erwartungen, denn es scheint nach der zweiten Nennung Stilmittel geworden zu sein; tatsächlich jedoch wird Harry nicht mehr angesprochen. Ich hielte weitere Anreden für angebracht, da sinnvoll; vor diesem Absatz würde ich Dichter Harry als Anrede einsetzen: es fügt sich nahtlos an spottet und verweist auf seine im Folgenden dargestellten dichterischen Qualitäten zurück
Dieses umgangssprachliche so würde ich hier streichen. zurück
Mit diesem umgangssprachlichen so würde ich analog verfahren: welche Atmosphäre in diesem Etablissement herrscht, wird durch die herrlich-penetrante Wiederholung von Kaffee in vielerlei Variationen deutlich genug: ich wüsste keinen besseren Ort, um einen Tractatus suicidalis zu platzieren – in der leisen Hoffnung, man würde diesem Zaunpfahlwink nachkommen. zurück
Das Leben ist bis jetzt noch nicht weit her? Grammatisch hat dieser Satz eine leichte Schieflage, heißen könnte er Das Leben ist bis jetzt noch nicht weit gediehen oder Mit seinem Leben ist es bis jetzt noch nicht weit her.
Vielleicht aber liegt hier eine bewusste Verdrehung vor, im Zuge des oben angekündigten Spottes? Ich bin mir nicht sicher, dazu ist meine Irritation viel zu leicht! zurück
Hier würde ich erneut eine Anrede einfügen: und zwar Genie Harry: einerseits hat sich der Geniegedanke überlebt (siehe die historische Reminiszenz), andererseits kann und will Harry alles. zurück
Teufel des Denkens? Nicht besser Denkteufel? zurück
Das umgangssprachliche selber zugunsten des selbst aufgeben! zurück
Das umgangssprachliche selber zugunsten des selbst aufgeben! zurück
Hier würde ich eine letzte Anrede einfügen: Einsamer Harry: das passt gut zwischen die menschenfreundliche Extravaganz des Spötters und den ganz großen Einsamen da droben. zurück
Das ist so schmunzelig-spöttisch wie die genial-derbe Version aus dem Leben des Brian: Brian: Ihr seid doch alles Individuen! – Chor der 1000: Ja, wir sind alles Individuen! – Eine einzelne Stimme: Ich nicht! zurück

