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Textkritik: Ohne Datum – Prosa

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Vielleicht war er von gestern. Der Text. Für morgen. Irgendwann. Nur so ein Papier. Buchstaben. Das Bildschirmflackern regte mich zu sehr auf. Diese schwarz auf weißen Buchstaben, die der Curser plötzlich verschluckte. Deswegen klickte ich mit dem kleinen weißen Pfeil auf Datei. Datei und Drucken. Der Drucker ächzte, kratzte die Tinte auf das Blatt. Und dann war mein Daumen darauf gekommen. Oben links. Jetzt war der Anfang verschmiert. Nur so ein grauer Wisch. Ein nicht mehr lesbarer Hauch. Ein Text, der seinen Anfang verloren hatte. Seinen Adressaten, sein Datum. Raumlos. Zeitlos. Eine Verwechslung war nicht auszuschließen. Verschiedene Leute benutzten den Drucker. Ich hatte keinen Überblick. Ein unsortierter Tag. Müde, von irgendeinem Abend davor, der mit Veltlins begann und Nenas Wutausbruch endete. Ich spürte die Bartstoppeln an meinem Kinn. Kratziger Morgen. Vielleicht war es also der Text, auf dessen Rezension der Verlag wartete. Vielleicht war es etwas anderes. Ich stülpte meine Augen unter den grauen Nebel und las … »zwei karamellfarbene Beine unter einem Minirock. Karamellfarben. Die Beine glitten im Blues-Rhythmus über das Kopfsteinpflaster. Sonnenscheinkringel tropften neben die Sandalen. Vergiss-mich-nicht-Lust. Flirtzauberduft. Die Rundungen des Körpers verschwanden im Schatten zu einem schwarzen Strich. Fliederduft im schwarzen Nichts
Ich legte den Text zur Seite und öffnete das Fenster. Mir war warm geworden und der Tag schickte ein Frühlingsblinzeln. Nebenan schlug eine Tür, eine Amsel brüstete sich schimpfend. Der Kiesweg vor meinem Büro knirschte erwartungsfroh. Schrittetrappeln. Leises Läuten. Graugrüne Mandelsplitter glänzten mit schüchternem Wimpernklopfen unter dem kupferfarbenen Samt hüftlanger Locken.
»Der Text…« sagte sie und fing meine Augen, als sie über den Rocksaum stürzten, mit dem karamellfarbenen Lächeln ihrer Waden.
»Der Text von gestern?« antwortete ich beflissen und öffnete meine Bürotür. Sonnenscheinkringel im Fliederduft.
Vielleicht war es für morgen. Irgendwann. Zeitlos.
»Ich nehme einen Kaffee« flöteten die Kussmundlippen und falteten sich mit den anderen Rundungen in meinen Bürostuhl. Es hatte keinen Anfang gegeben. Nur ein Nebel. Fliederduft-Blues. Karamellstimme. Ohne Datum.
Ich hatte den Überblick verloren.

© 2000 by Verena Liebers. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Dieser kurze Text zerfällt in zwei sehr disparate Teile: einen sehr verkorksten ersten (mit falschen und unklaren Bezügen, sprachlichen und inhaltlichen Schludereien bis hin zu blankem Unfug und verkrampftem Pseudomodernitätskitsch) und einen eigenwilligen, pfiffigen, lebendigen und spannend-humorvollen zweiten, wo nur noch die Bezüge zum ersten Teil stören.

Was geschieht hier eigentlich? Ein offenbar verkaterter Rezensent liest einen Text, den er nicht kennt und nicht zuordnen kann (aus welchen Gründen auch immer) und trifft anschließend (zumindest gemäß der Erzählfolge) genau die Person, über die er gelesen hat und ist darüber begreiflicherweise verwirrt, sodass er Text und Realität nicht mehr unterscheiden kann (falls er es je hat können). Ohne Datum braucht noch ein Menge Überarbeitung, damit des Protagonisten Verwirrung deutlicher in Erscheinung tritt und das allzu plakativ Gewollte bescheidener daherkommen kann. Den Text zu retten, indem der inhaltliche Unsinn mit dem Daumenwischer und dem ganzen Drumherum bereinigt wird, stelle ich mir nicht einfach vor.

Ich tue mich auch sehr schwer mit diesem seit mindestens den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts unablässig modernen Stil, Satzfragmente aneinander zu reihen, um was sensationell Neues und Einzigartiges zu schaffen. Meistens geht das fürchterlich schief, und ich möchte auch jeden davor eindringlich warnen.
Wer es aber nicht lassen kann, dem rate ich, Sybille Berg zu lesen, um von ihr zu lernen, wie man absolut genial mit Satz-Fragmenten umgehen kann: Sie schafft es, durch das Kombinieren solcher Brocken ganz neue Ausdrucksmöglichkeiten zu finden – je nachdem, wie man diese Teile kombiniert und wo man den eigentlichen Punkt setzt. Das hat was! Also: Sybille Berg, Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot, Reclam Leipzig 1577 (oder Sex II, aber da löst sie sich schon wieder davon).

Die Kritik im Einzelnen

Der Anfang erzeugt unnötigerweise eine falsche Spannung: Warum nicht gleich den Text einführen? Der Kontrast zwischen von gestern und für morgen erzeugt wesentlich mehr Interesse als dieses verschnarchte »Ach ich hab da was vergessen entschuldige bitte lieber Leser und liebe Leserin oder umgekehrt hole ich sofort nach« – zumal das in diesem Text hier das einzige Mal so geschieht (und die Autorin diese Billigtricks absolut nicht nötig hat)! Vielleicht war der Text von gestern. Für morgen. zurück
Es gibt zweierlei, was den Protagonisten aufregt: dass der Bildschirm flackert und dass der Cursor immer wieder Zeichen verschluckt. Dieser Zusammenhang geht verloren wegen der Konstruktion: Das Bildschirmflackern regte mich zu sehr auf. Diese schwarz auf weißen Buchstaben stellt zunächst den Zusammenhang her, dass diese Buchstaben ihn auch aufregen (wobei sofort die Frage auftaucht, wie er es denn gerne hätte, wenn nicht schwarz auf weiß?!).
Der Satz geht jedoch weiter: Ihn regen die Buchstaben auf, die der Cursor plötzlich verschluckte. Ihn regt nicht etwa auf, dass der Cursor Buchstaben verschluckt (das nervt mich manchmal auch; der Cursor schafft aber zum Glück nur Is und Els bei serifenlose Schriften), sondern ihn regen die Buchstaben auf, die der Cursor verschluckt – aber auch da nur die schwarzen! Kleiner Tipp: schreibe doch einfach blau auf grün oder verwende hinfort solche Buchstaben, an denen der Cursor sich verschluckt!
Ich würde den Zusammenhang so herstellen: Das Bildschirmflackern regte mich zu sehr auf. Und dass der Cursor plötzlich Buchstaben verschluckte. Wobei auch das Präteritum mich irritiert: hat ihn das alles nur einmal genervt? Nervt ihn das nicht immer? Im letzteren Falle wäre Präsens die angemessene Zeitstufe in diesen beiden Sätzen; im anderen Plusquamperfekt (als abgeschlossener einmaliger Vorgang). zurück
Welches abartige Programm verwendet der Knilch, wenn er 2-mal auf Datei klicken muss, um zum Befehl Drucken zu gelangen? Ist aber das Programm normal, sollte der Satzbau sich dem anschließen: (.) mit dem kleinen weißen Pfeil auf Datei und Drucken. (Ich scheue mich, den angedeuteten Brocken-Stil zu verwenden, denn das führte dann zu (.) mit dem kleinen weißen Pfeil auf Datei. Und Drucken. Nun: wer’s mag .) zurück
Der Protagonist verwendet nicht nur ein bizarres Schreibprogramm, sondern auch noch ein Ausgabegerät aus der Steinzeit: angeblich ächzt das (wobei ich gestehe, dass ich noch nie einen Drucker habe ächzen hören, nicht einmal stöhnen) , und zweitens kratzt er Tinte auf das Blatt; das wäre nun nicht mehr Steinzeit, sondern Federkiel-Ära; Tintenstrahler aber kratzen höchstens, wenn man Sandpapier auf der rauen Seite zu bedrucken trachtet; ich erinnere mich lediglich an laut nadelnde Drucker, die ihrerseits keine Tinte aufs Papier brachten, sondern Farbe; da ließe sich dann auch nichts verwischen. Ich vermute daher, der Protagonist hatte einen heftigen Kater, sodass jedes Geräusch in seinem Hohlkopf mehrfach widerhallend sich verstärkte: anders macht das Gelesene keinen Sinn! zurück
Die Spinntisierei erklimmt den Kitschgipfel: Ein Text verliert seinen Anfang, wenn er – so der verkaterte Protagonist – den Adressaten und das Datum verloren hat. Und was passiert dann mit dem Text an und für sich? Sein Text-Sein entwest sich und wird raumlos und zeitlos. Da haben wir endlich die lang vermissten überzeugenden Ausführungen zur transzendentalen Fundamental-Onthologie der Nicht-Texte bzw. Nicht-Mehr-Texte: Wie schön, dass hier nur noch Briefen und amtliche Schreiben das Prädikat Text zugestanden wird! Alle anderen sind nämlich schon von Geburt an raum- und zeitlos. Vielleicht ist das der Grund, warum ich manche Bücher nicht mehr wieder finde … Ungelöst aber bleibt das existenzielle Problem des bedruckten Papiers: kann es noch seinem Seins-Zweck zugeführt, ergo erneut bedruckt werden, da der Text raum- und zeitlos geworden ist?
Selbstverständlich ist der Text weder das eine noch das andere: der Protagonist hält ihn ja in der Hand und kann lediglich Adressaten und Datum nicht lesen, sehr wohl aber anschließend einen Auszug. Hier wird ein Fliegenschiss zu einem mystischen Nicht-Existenz-Erlebnis hochstilisiert, und beim hirnlosen Herumhampeln in der sehr dünnen Luft da oben folgt die angemessene Strafe des inhaltlichen Totalabsturzes. zurück
Wie verwechselt man – um im genialischen Bild des sehr verkaterten Protagonisten zu bleiben – raum- und zeitlose Texte mit anderen, und seien es auch gleichnichtartige? Keine Bange: ich will die Antwort gar nicht wissen, weder ernst- noch spaßhaft! zurück
Was in aller Welt sucht der eigentlich am Drucker? Sollen die verschiedenen Leute ihn doch benutzen, um ihr 80er (kratzt bös!) oder 240er (kratzt lieb!) Sandpapier mit Clip-Arts zu verschönern: Wieso schaut er nicht auf den Bildschirm, wo der komplette Text inklusive Adressat und Datum zu sehen sein muss? Doch falls nicht nur der Inhalt, sondern auch sein Rechner (der mit dem dicken Cursor) zwischenzeitlich einen Totalabsturz gehabt haben sollte einschließlich kompletter Festplattenformatierung, der Protagonist also – selbst wenn er gewollt hätte – den Text nicht mehr identifizieren kann, nicht einmal mehr weiß, ob es der ist, den er ausgedruckt hat (in seinem Zustand mehr als verständlich und verzeihlich): dann soll er halt warten, bis alle die anderen ihre hübsch bedruckten Sandpapiere abgeholt haben: was übrig bleibt, muss er ausgedruckt haben!
Zum Schluss der einzig wahre und korrekte Satz seit langem: Ich hatte keinen Überblick. Bedauerlicherweise ist dieser Satz überflüssig: die vorhergegangenen sprechen eine zu deutliche Sprache, als dass diese Quintessenz noch irgendeinen Erkenntniswert haben könnte. zurück
Ich bin mir nicht im Klaren darüber, ob ich dieses unsortierter Tag gut finden soll oder nicht; gewiss ist, dass die Kombination irritiert: schließlich sind Tage ein Sortierkriterium schlechthin (direkt nach Tag und Nacht); gewiss ist ebenso, dass der Protagonist nicht mehr weiß, an welchem Tag geschieht, was gerade geschieht oder das geschehen ist, wovon er anschließend berichtet. Dann wäre es aber kein unsortierter Tag, sondern ein Erlebnis, dem er keinen bestimmten Tag zuordnen kann.
Beim Schreiben wird mir klarer, dass ich diese Verbindung eher für nicht gelungen halte: sie bringt nichts für den Protagonisten, sondern demonstriert einmal mehr dessen fatale Fähigkeit, mit Sprache wild um sich zu schlagen auf der Suche nach dem Besonderen, nur um es dabei erfolgreich in Scherben zu hauen. zurück
Womit begann der Abend? Mit einigen Bier der Marke.»Veltins« (was auch ein dem Bier angemessenes schnoddriges Veltins unterstützen würde)? War es Wein, etwa der österreichische grüne oder frührote oder rote Veltliner (wo das schnoddrige Veltlins eher unangemessen wäre)? War es Wein aus dem italienischen Veltlin (Valtellina), den die Schweizer pauschal »Veltlin« nennen (in welchem Falle eine Schnoddrigkeits-Klassifizierung von Veltlins aus Gründen eklatanter Unkenntnis meinerseits leider unterbleiben muss)? Heißen müsste es also entweder Veltins oder Veltlin; aber wozu die Mühe: Hauptsache Filmriss & Brummschädel!
Und womit endete der Abend? Laut Satzbau mit gar nichts: denn der Abend begann mit Getränken, die Nenas Wutausbruch endeten. Das ist ein so wunderschöner Anfang, dass die Frage nach dem Ende eigentlich zweitrangig wird.
Ich befürchte jedoch, dass der Abend tatsächlich in Nenas Wutausbruch endete, und ganz arg befürchte ich, dass es ursprünglich (durchaus richtig) heißen sollte: (.) der mit Veltlins (?) begann und mit Nenas Wutausbruch endete und dass auf das zweite mit verzichtet wurde aus sprachlichen Gründen (Wiederholung)- ohne zu registrieren, dass sich dadurch der Sinn erheblich ändert. Das kann passieren. zurück
Wie der Protagonist diesen Schluss zu ziehen vermag angehörs der Sandpapier-Druck-Orgie und angefühls seiner Bartstoppeln, ist mir absolut schleierhaft: ich frage mich allmählich, ob der Protagonist tatsächlich so jesusmäßig verkatert bzw. so blöde sein kann, wie die Autorin mich glauben machen will. Ich vermute eher, dass auf diese verkorkste Weise der Beruf des Protagonisten unter die Leser gebracht werden soll; und ich wünsche aus ganzem Herzen, dass ein jeder Verlag, der solch delirierende Dumpfbacken wie den Protagonisten bestallt, ganz schnell Pleite geht zum Wohle der Menschheit!
Notwendiges postscriptum: Ich bin immer wieder erschrocken, wenn ich merke, wie viel ein einziges falsches Wort – siehe dieses also – zerstören kann! zurück
Stülpen bedeutet umkehren, darüberdecken; bei Ärmelaufschlägen spricht man auch von umstülpen im Sinne von umschlagen; der Word-Thesaurus bietet darüber hinaus fälschlicherweise noch aufsetzen an – aber wer sich auf Word verlässt, ist selbst schuld. Unsere Dumpfbacke stülpt seine Augen unter den grauen Nebel. Auf so was muss einer erst mal kommen! Augenstülpen als olympischer Wettbewerb: wer stülpt seine Augen am schnellsten, tiefsten, weitesten? Guinness-Rekord im Augendauerstülpen in der Edeka-Auslage, Augenstülp-Zweikampf: wer stülpt seines Gegners Augen in die Höhlen zurück? Sogar das gern zitierte Schau mir in die Augen, Kleines gewinnt ungeahnte Dimensionen!
So etwas regt an: er grunzte seine Augen unter den ächzenden Nebel, er knetete seine Augen ins raumlose Unpapier, er stapelte seine Augen zwischen die Zeitlosigkeit – es ist letztlich so exkrement-egal, was hier geschrieben wird, denn Sinn entwickelt sich einzig und allein aus dem anschließenden Textausschnitt: Dumpfbacke kann mit seinen Augen machen was er will, es ist ohne jede Bedeutung! Warum also soll er sie nicht unter einen grauen Nebel stülpen?
Schriftstellerische Leistung? Innovation pur? Der zweidimensionale graue Wisch mutiert unversehens zum (eigentlich dreidimensionalen) grauen Nebel, unter den seine Augen gegrunzt werden (wodurch wir auf eine Ebene gelangten, die gemeinhin als zweidimensional gilt – wenn es in diesem Satz mit rechten Dingen zu ginge; doch ist er eher ein Fall für das Freiburger parapsychologische Institut: dort kümmert man sich um Dimensionsverbieger); der Nebel aber ist wie der graue Wisch hier zweidimensional »gedacht«, denn die Ebene unterhalb des Nebels sieht Dumpfbacke nicht; er hält immer noch das Sandpapier in der Hand und liest unterhalb des grauen Wisches einen Text.
Warum hier nicht einfach wieder grauer Wisch stehen darf (das doch eigentlich sehr klar war und verständlich), warum Dumpfbacke nicht einfach einen Blick auf den Text unterhalb des grauen Wisches werfen darf, verstehe wer will – ich nicht: für mich ist das Krampf in Reinkultur! zurück.
Über dieses Textzitat muss ich nichts sagen, es ist ein fiktiver Text innerhalb eines fiktiven, und da darf alles geschrieben werden; hier geht es nicht um Qualität, sondern nur um Funktion für das Gewesene (da finde ich nichts) und bzw. oder das Kommende (da entfaltet er seine volle Wirkung und erhält dadurch seine volle Berechtigung) zurück
Vielleicht mag sich jemand gewundert haben, dass ich zu Anfang geschrieben habe (.) und die Autorin diese Billigtricks absolut nicht nötig hat, anschließend aber ziemlich heftig mit dem Text hadere! Der Grund für meine Meinung ist hier zu lesen: Verena Liebers kann sehr gut und eigenwillig formulieren; diesen Absatz kann ich richtig genießen, und davon hätte ich gerne mehr gehabt, auch zu Beginn des Textes!
Aber ich wäre nicht malte, wenn ich nicht auch hier eine Klitzekleinigkeit zu meckern hätte: es ist da erwartungsfrohe Knirschen des Kiesweges! Das Kiesknirschen lässt doch den Protagonisten hoffen, dass etwas geschieht, und nicht der Kiesweg hofft erwartungsfroh, dass da jemand auf ihm herumknirscht, zumal die betreffende Dame es bereits tut! Oder hofft der Kiesweg, dass das Betrampeltwerden so bald wie möglich endet? zurück
Das ist ein Rückbezug auf den misslungenen Anfang und müsste entsprechend umgearbeitet werden, die triefsinnige Zeitlosigkeit darf ganz entfallen. zurück
Solche Sprechweisen zeichnet eigentlich Tussis aus, die bei Jerry Cotton und ähnlichen literarischen Erzeugnissen ihr triviales Unwesen treiben; soll das eine Parodie sein? Und wenn: warum dann nur hier? Oder ist mir was entgangen? zurück
Die Grammatik fordert hier zu Recht einen Nebel, denn dieses Fragment ist ein elliptischer Satz: Es hatte einen Nebel gegeben. zurück
Hier gilt das gerade Gesagte: kein Anfang, Nebel, ohne Datum, Überblick verloren sind Verweise auf den misslungenen Anfang und müssten entsprechend überarbeitet werden. zurück

Textkritik: unterwasserreihenhaus – Lyrik

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zart verschraubt
in dich & dein staunen
& über die stiege
schwebt schlafs
schwarzer rochen

ein zeppelin
wär meine lust
abgestürzt auf
deinem dachfirst
zu segeln

da blühten fische
in seinen gewölben
barrakudastern
für das kap
deiner lippen

lauerten kleine
tode im
flossengefächel
für deinen fuss
auf der leiter

© 2000 by Sissy de Leu. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Soll ich’s wagen? Soll ich ich’s sagen? Was soll die Scheu: Ich tu’s:

Ein Meisterwerk!
Ein Liebesgedicht und eine Sehnsucht: Denn alles ereignet sich unter Wasser, nicht über ihm; geborgen in einem Haus, in dem die beiden vereint sind und das gleichzeitig selbst Teil diese Vereinigung ist; eigenwillige und humorvolle Bilder in einer fast schon musikalischen Komposition! Ich liebe dieses Gedicht! Und ich werde mich noch sehr lange damit beschäftigen – aber nur für mich! Großen Dank an Sissy de Leu für dieses Geschenk!

Die Kritik im Einzelnen

Allein schon die Alliterationen und die Bilder, die entstehen dürfen durch zart verschraubt in dich & dein staunen & über die stiege; dann dieses starke &, das sichtbar aneinander kettet lyrisches Ich und sein Gegenüber und dessen Gefühl und die ­Vision – ich nenne es der Einfachheit halber so, obwohl es mir gleichzeitig missfällt!; die Bewegungsrichtungen: ineinander, nach oben, schweben über.
Ich weiß: das sind keine ganzen Sätze! Aber anders vermag ich meine Begeisterung nicht auszudrücken als durch Verstummen: Ich nenne nur noch Beobachtungen! Z.B. dieses Spiel mit Erwartungen: Was folgt nach schlafs schwarzer ? Ich habe sogar ernsthaft Rachen gelesen, stolperte aber gerade noch rechtzeitig, um den rochen zu entdecken, den Blick auf die Überschrift zu lenken und vergnügt schmunzelnd von vorne anzufangen, zurück
Wär meine Lust ist Prädikat von ein zeppelin; abgestürzt auf deinem dachfirst zu segeln kann seinerseits ein anderes Subjekt sein für dieses Prädikat; abgestürzt kann sich beziehen auf meine Lust oder auf den zeppelin oder und auf diesen; ich könnte stundenlang so weitermachen, ich finde immer neue Kombinationen, die mitschwimmen. Der Wunsch-Traum (ist eigentlich nicht besser als Vision) hat offenbar begonnen zurück
Irreales (wegen dem Irrealis blühten) Leben in den Gewölben des abgestürzten Zeppelins (abgestürztes Luftschloss oder Lustschloss?), der Teil des Hauses geworden ist; was aber ist ein Barrakudastern? Sternförmig angeordnete Barrakudas für das kap deiner lippen? Hier bleibt ein Rätsel, das ich lösen möchte!
Wie Land den raubenden Barrakudas den Weg versperrt, so hier das kap der lippen – Kaps sind herausragende Punkte, die umschwommen oder umsegelt werden müssen. zurück
Irreale kleine Tode (nach dem Leben der vorigen Strophe), die die Füße bedrohen; damit wäre der Rückweg abgeschlossen: dein Dachfirst – deine Lippen – deine Füße; und die stiege in der ersten Strophe wiederholt sich in der leiter. Auch der Rahmen ist geschlossen.
In jeder Strophe finden sich Elemente des Hauses: Stiege, Dachfirst, Gewölbe, Leiter; Elemente des Todes: Schlafs schwarzer Rochen, abgestürzt, Barrakuda, Tode; Elemente des Lebens: schweben, segeln, blühen, lauern; Possessivpronomen: dein Staunen, meine Lust & dein Dachfirst; sein Gewölbe & deine Lippen; dein Fuss (man beachte die Anzahl 1-2-2-1, wobei mein und sein nur jeweils einmal im Zusammenhang mit dein auftritt, und dein sich sowohl auf das Haus als auch die andere Person beziehen lässt .) Ich höre auch damit auf: es reicht bereits, den Grad an Komposition sichtbar zu machen, der in diesem Gedicht steckt! zurück

Textkritik: Ihr Lustproleten – Prosa

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Es ist die vollkommene Narkose, die ich bevorzuge. Nicht im Drogenrausch gebe ich mich dem Leben hin. Gar nichts gebe ich dem Leben hin. Keinen leichtfertigen Gedanken, kein Gefühl, keine Minute. Es kann mich nicht anrühren, dieses lächerlich vergängliche, hoch gepriesene und oft beweinte Leben, das nur dazu taugt, geflohen zu werden. Soweit interessiert mich dieses so genannte wahre Leben – und kein m mehr. Ich lebe in Narkose. Dieses Leben tangiert mich so wenig, dass ich nicht einmal Todessehnsucht oder Angst wirklich kenne.
Vor meinem reichhaltig bestückten und nachhaltig narkotisierten Erfahrungshorizont kann ich mir inzwischen begreiflich machen, dass es nur ein Quäntchen Sinn für dieses albern zelebrierte Leben gibt – es ist der, es erfolgreich zu fliehen; es ist das unaufhörlichen Pflegen der Narkose.
Gut. Ich gebe zu, dass zum Praktizieren der Narkose – vor allem durch hochwertige Geschichten, Anekdoten und anspruchsvolle Legenden – einige Fertigkeiten gehören, die man durch das so genannte Leben erst zu beherrschen imstande ist. Was mich angeht, so liegt der Erwerb dieser grundlegenden Fertigkeiten jedoch schon so lange zurück, dass ich mich nicht mehr wirklich daran erinnern kann. Zahlreiche tiefsinnige Mythen kennzeichnen meine Erinnerung an das Erlernen der perfektionierten Narkose. Durch einen Schleier erinnere ich auch noch einige kleine irrwitzige Lebensmythen, die Anfänge, die mir wahrscheinlich damals noch latente Emotion verursachten. Aber man muss mir zu Gute halten, dass das zu jener lang zurückliegenden Zeit war, als ich noch nicht begriffen hatte, dass es die Narkose ist, um die es geht; und dass gerade ich besonders gute Anlagen zur Perfektionierung der Narkose besitze. Eine dieser Anlagen – oder auch Grundvoraussetzungen – ist mein Kopf, den ich mir schon frühzeitig zerbrach, um damit – quasi instinktiv – mein Gehirn für die Narkotisierung zu rüsten.
Natürlich funktioniert auch dieser Bereich nicht ohne Training. Das ist ähnlich wie im Sport, übrigens eine sehr primitive Form der Selbstnarkotisierung, über die selbst manche erwachsenen Menschen nie hinausgekommen zu sein scheinen. Nun ja, wer sich der permanenten Selbstunterhaltung widmet, ohne die Narkose je zu erreichen, mag dieses lächerliche Leben wohl besser ertragen als ein gänzlich unbeschäftigter Gefühlsduseler. Aber den höheren Weihen der umfassenden und gnadenvollen Narkose wird er sich niemals nähern; allenfalls den beschämenden, ironisch anmutenden Albernheiten, die Religionen darbieten.
Nein. Die perfekte Narkotisierung ist schon eine Kunst an sich und selbstredend für sich. Sogar ich habe schon Tage erlebt, an denen ich nicht recht zufrieden bin mit meinen Betäubungsleistungen. Dann erreiche ich manchmal eine widerlich emotional verursachte Taubheit, die dieses plumpe Leben durch meine – ansonsten eher fein verwobenen – Hirngespinste trampeln lässt. Es gab schon Situationen, die mich tatsächlich auf die ein oder andere – selbstverständlich legale – Droge zurückgreifen ließen, wenn Gelüste nach Waldspaziergängen, Geschlechtsverkehr, tanzbarer Musik oder ähnlich dumpfen Sinnesempfindungen mich heimsuchten. In solch triebhafter Notlage habe ich dann per Droge die Sinnesempfindungen schnell und diskret ausgeschaltet, um nicht unkontrolliert derben Lüsten zu erliegen.
Ich gestehe auch, dass mich in einer solchen Ausnahmesituation schon einmal für den Bruchteil einer Sekunde nackte Angst gepackt hat. Aber es war ein wirklich kurzer Moment, gegen den ein Augenblick der Ewigkeit gleichkommt. Dennoch: In dieser verschwindend geringen Momentausdehnung hatte ich Angst, nicht zu meinen Narkotisierungsfähigkeiten zurück zu finden. Vermutlich war es sogar ein ganz herausragender Sekunden-Bruchteil, denn seitdem trotze ich dem sinnlich mutierten Leben entschiedener denn je und gebe keine Faser meiner narkotisierten Existenz dem Leben hin. Sobald ein Spalt breit Empfindung einzudringen droht, denke ich auf Hochtouren dagegen an. Ich denke die Gedanken, bis sie betäubend vor sich hin wirken. Ich denke mit angestrengt gerunzelter Stirn am Leben vorbei.
Und wenn ich einem dieser Menschen begegne, die immerzu der Befriedigung primitiver Lüste nachjagen und dabei in Panik geraten, dass dieses unappetitliche Schauspiel einmal vom Tod unterbrochen werden könnte, lasse ich mich hin und wieder dazu herab, in diese ekelhaft sinnliche Menschheit hinein zu lächeln. Es ist die beste Art, das ordinäre und pralle Leben von sich fern zu halten. Ein tiefgründiges, sinnierendes, narkotisiertes Lächeln; ein wissendes, halbherziges, narkotisiertes Grinsen; ein verachtendes, gefühlloses, narkotisiertes Lachen; ein höhnendes, gnadenloses, narkotisiertes Gelächter, das ich diesem abstoßenden Leben und seinen widerlich sentimentalen Kreaturen entgegen schleudere – in dem messerscharf reflektierenden Bewusstsein, dass sie alle mitlachen und dabei vulgäre Fröhlichkeit empfinden. Hahahahahaha.

© 2000 by Christine Sylvester. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

»Ich denke mit angestrengt gerunzelter Stirn am Leben vorbei.« Das ist ein ausgezeichnet gelungener Satz, und aller Einzelkritik zum Trotz: Es gibt einige gute Sätze und Gedanken in diesem Text! Insgesamt aber gilt: »Ich schreibe angestrengt & schrecklich bemüht mit stumpfer Feder am Sinn vorbei«. Ich weiß nicht, ob eine Überarbeitung dieses Textes überhaupt Aussicht auf Erfolg haben kann, denn schon die Grundidee ist viel zu unscharf!

Was unterscheidet prinzipiell Narkose von Drogen? Nichts! Warum aber wird dann in diesem Text so getan, als gebe es da einen? Und ist Narkose, selbst wenn sie etwas Besonderes wäre, vermittels Literatur zu erreichen oder durch das Denken eigener Gedanken – oder gibt es da Gemeinsamkeiten? Wieso ist Denken lächerlicher als Geschlechtsverkehr: weil Denken nicht sinnlich ist? Oder Geschichten nicht sinnlich sind? Was macht diesen Unfug so herausragend, dass man ihn durch eine Art satirischen kalten Kaffee ziehen will, was aber nicht gelingt, da der Text sich zunehmend verwirrt und in unzusammenhängende Einzelstücke zerfällt?

Erst sollte klar sein, was man schreiben will; dann sollte klar werden, wie man es schreibt: als Erzählung, als Drama, als Glosse, als Satire usw.; wird Satire gewählt, sollte aufmerksamst der nicht zu unrecht berüchtigte Grat beachtet werdet, auf dem man wandert, doch ist dabei die schwebende Leichtigkeit bewahren, sorgfältig nach allen Seiten sichernd: Nur dann ergibt sich die notwendige Fallhöhe zur Wirklichkeit. Wortgekeule und ständige Ausflüge nach unten und zur Seite (wo ja nichts ist) sind tödlich!

Die Kritik im Einzelnen

Wenn jemand flieht, dann muss er zumindest ein einigermaßen heftiges Gefühl von Bedrohung empfinden, und das ist eine ziemliche Anrührung! Wenn ihn das Leben aber gar nicht anrührt, dann wird er es auch nicht fliehen: der Relativsatz das nur dazu taugt, geflohen zu werden sollte gestrichen werden! zurück
Ist der Relativsatz gestrichen worden, muss dieser Satz ihm auf dem Fuße folgen (sofern bei Sätzen dieser Ausdruck erlaubt ist), da er jeden Bezuges beraubt wurde. Macht aber gar nichts! zurück
Der Satzbeginn dieses Leben bezieht sich auf den vorhergehenden Satz Ich lebe in Narkose, auf den er sich unter gar keinen Umständen beziehen darf! Er hätte sich eigentlich auf dieses so genannte wahre Leben vom vorletzten Satz beziehen sollen, aber den habe ich gerade exekutiert; es bliebe dann der Bezug zum ursprünglich vorvor- und jetzigen vorletzten – noch alles klar? – (.) oft beweinte(n) Leben, doch der kann aus grammatisch-logischen Gründen so nicht hergestellt werden: es müsste dann heißen Jenes Leben interessiert (.). Diese/r/s bezeichnet immer das näher liegende, und jene/r/s immer das entferntere.
Es geht aber eleganter: dieser Absatz begründet, warum Ich die vollkommene Narkose bevorzugt; warum aber muss die Folge Ich lebe in Narkose mitten in die Begründung gepackt werden? Die Konsequenz passt viel einleuchtender an das Ende dieses oder an den Anfang des nächsten Absatzes! Zusammengefasst ergibt sich Folgendes:
Es ist die vollkommene Narkose, die ich bevorzuge. Nicht im Drogenrausch gebe ich mich dem Leben hin. Gar nichts gebe ich dem Leben hin. Keinen leichtfertigen Gedanken, kein Gefühl, keine Minute. Es kann mich nicht anrühren, dieses lächerlich vergängliche, hoch gepriesene und oft beweinte Leben!. Es tangiert mich so wenig, dass ich weder Todessehnsucht noch Angst kenne. Ich lebe in Narkose.
Klammheimlich habe ich jetzt ein weder-noch hinzugemogelt und ein wirklich gestrichen (im vorletzten Satz – wenn ihr wisst, was ich meine): da Ich keine Kompromisse eingeht, sollte es auch keine eingehen, sondern seine Ansichten konsequent vertreten, sonst kippt der Text viel zu früh! zurück
Narkose-Fan Ich weiß doch Bescheid: wieso muss er es sich dann begreiflich machen? Ist er doch nicht so konsequent? Lässt er sich hier erneut ein Hintertürchen offen, um sich endlich dem heimlich doch irgendwie geliebten Drogenrausch hinzugeben? Gesteht Ich dem Leser sein, dass es sich seiner Sache überhaupt nicht so sicher ist, wie er tut? Hier droht der Text erneut zu kippen! Vorschlag:
Dank meines reichhaltig bestückten und nachhaltig narkotisierten Erfahrungshorizontes weiß ich inzwischen (.)
Will jemand wissen, warum ich vor in dank geändert habe? Dem teile ich das sofort mit, wenn all die anderen wieder zurück gegangen sind! Sind die Wissenden weg? Nein? Immer noch nicht? Selbst schuld! Also: im ursprünglichen Satz bezeichnete vor einen Ort: das Ich konnte angesichts seines Erfahrungshorizontes sich etwas begreiflich machen. In dem geänderten Satz könnte vor irritierenderweise auch als Reihenfolge aufgefasst werden: erst weiß das Ich etwas, dann wird es Teil seines Erfahrungshorizontes – und dieses potenzielle Missverständnis zu vermeiden dienete (das ist Absicht,…) mein ganzes ( …und zwar deswegen:) Trachten und Suchen nach einem sinnfälligen Ersatz für vor, denn ich wollte möglichst viel von dem vorhandenen Satz retten! So etwas heißt dann schlicht und ergreifend Überarbeiten eines Textes! endgültig zurück
Aus den oben genannte Gründen muss dieser Satz verschwinden! zurück
Anekdoten und Legenden sind beides Geschichten, die Addition ist also genau so falsch wie die Erkenntnis, dass es Menschen, Frauen und Kinder gibt (wobei meine Erkenntnis den Vorteil hat, zusätzlich auch noch aber so was von politisch unkorrekt zu sein); und wenn zu hochwertigen Geschichten Anekdoten jeder Art zählen, von den Legenden aber nur die anspruchsvollen, dann fühle ich mein prinzipielles Misstrauen gegen Adjektive vehement gestützt & bestärkt!
Satzbau und Inhalt kommen sich in die Quere: Fertigkeiten werden in dem Leben gelernt oder durch das Leben vermittelt; es ist aber immer ein Prozess, der zum Stillstand kommt, wenn die Fertigkeit beherrscht wird. Wenn man sie beherrscht, ist man auch imstande sie anzuwenden, andernfalls beherrscht man sie nicht! Man wird also durch das Leben dazu instand gesetzt, diese Fertigkeiten zu erlernen und zu beherrschen. Heißen müsste der letzte Teil dieses Satzes dann etwa
(.) Fertigkeiten gehören, die zu beherrschen man erst durch das so genannte Leben instand gesetzt wird. zurück
Hier geraten wir an ein mythisches Problem jeden Erzählens: statt dass eine oder zwei dieser Mythen dem Leser bekannt gemacht werden – schließlich kennt Ich sie sehr genau, da sie seine Erinnerung kennzeichnen, also nachgerade substanziell sind – wird der Leser mit Allgemeinem abgespeist: »Ich könnte ja, wenn ich wollte, aber ich will nicht!« Der ganze Satz ist zutiefst überflüssig, da bar jeden brauchbaren Inhalts! Und was die tiefsinnigen Mythen anbelangt: hier trieft wieder die Redundanz, denn es gibt keine flachsinnigen oder unsinnige Mythen: Es gibt alte Mythen (Eltern-, Kinder- und Geschwistermord als unverschuldetes Schicksal; der Sieg des Guten oder Schwachen über das Böse; der Mensch als Opfer höherer Mächte usw. usw.), und es gibt die neuen Mythen (Händi = Erreichbarkeit = Existenzbeweis; globales Dorf; Auto = Freiheit & Beweglichkeit; Technik = Fortschritt; das Alte = das Gute; Reichtum = Sinn des Lebens usw. usw.): Wieder einmal langt ein Adjektiv voll ins Leere . geschieht ihm recht: da gehört es auch hin!
Erlernen der perfektionierten Narkose entbehrt auch nicht des Unsinns: erlernen und perfektionieren bezeichnen Vorgänge! Perfektionierte Narkose bezeichnet einen abgeschlossenen Vorgang, perfekte Narkose hingegen einen wünschenswerten Zustand, den zu erlernen sich lohnte (zumindest für Ich). Kein Mensch will doch etwas lernen, damit er es erlernt hat, sondern um es anzuwenden. zurück
Da Ich sich nicht wirklich erinnern kann, kann es sich auch nicht durch einen Schleier erinnern, sondern nur durch genau diesen: nämlich dass es sich nicht wirklich erinnern kann. Und – jetzt muss ich Da Ich sich nicht wirklich erinnern kann schon wieder wiederholen, sonst verliere ich den Überblick – da Ich sich nicht wirklich erinnern kann, kann es auch nicht kleine irrwitzige Lebensmythen erinnern, für die genau all das gilt, was ich schon zu Mythen im Satz zuvor ausgeführt habe: weg mit den Benennungen, her mit Beispielen!
Angesichts der irrwitzigen Häufung von Adjektiven frage ich mich unwillkürlich, was ich mir unter großen witzigen oder kleinen aberwitzigen oder geschredderten traurigen Lebensmythen vorstellen soll, jedoch will und will und abermals will es mir nicht gelingen: ich stoße immer wieder auf Lebenslügen – aber die gehen keinen etwas an! Stattdessen wird mir weis gemacht, diese Lebensmythen seien die Anfänge, die damals noch latente Emotionen verursachten. Da verstehe ich nur noch Schrottplatz:
erstens: Sind Lebensmythen = die Anfänge, die usw.? Am Anfang war der Lebensmythos, pardon: in den Anfängen waren die kleinen irrwitzigen Lebensmythen? Und wie viele Anfänge waren es? Warum wird Lebensmythen samt dem adjektivischen Vorspiel eingeführt und gleich darauf umgetauft in die Anfänge? Hätte die Anfänge nicht gereicht? Oder sind Lebensmythen nicht die Anfänge, sondern Ich erinnert (was es nicht kann) außer Lebensmythen auch noch Anfänge, die usw.? Warum wird nicht deutlich gemacht, sofern da etwas deutlich zu machen wäre?
zweitens: Ist der Relativsatz deskriptiv gemeint oder prädikativ? Anders ausgedrückt: bezeichnet der Relativsatz eine bestimmte Klasse von Anfängen, nämlich die, die bestimmte Emotionen verursachten – das wäre prädikativ? Oder ist er deskriptiv gemeint, das heißt gab es auch noch etwas anderes außer Anfängen, was bestimmte Emotionen verursachte? Ganz anders ausgedrückt: Wenn schon so schwierige Begriffe wie Mythos verwendet werden müssen, erwarte ich eine angemessene Präzision in der Gedankenführung – ansonsten schmieren die Begriffe ab!
drittens: Was ist er der Inhalt des Relativsatzes die damals noch latente(n) Emotionen verursachten? Das bedeutet doch, dass die Emotionen jetzt zum Ausbruch kommen bzw. gekommen sind, wenn sie damals noch latent (also verborgen schlummernd) waren – das aber kann nicht sein, denn Ich kennt keine Gefühle, sondern nur Narkose! Weiterhin behauptet der Relativsatz, dass diese fragwürdigen Anfänge latente Emotionen verursacht haben wollen, welche sie aber nicht verursacht haben können, denn dann wären die Emotionen ja gerade keine latenten, sondern bekannt bis hin zur Ursache! Und da behauptet Ich, es könne sich nicht wirklich erinnern? Trau schau wem! zurück
Da es um eine Grundvoraussetzung geht, darf es nicht mein Kopf heißen, denn das wäre ja nur Ichs Kopf, in den sonst niemand Zugriff hätte, sondern muss allgemein der Kopf heißen! zurück
Jetzt wird gefährliches Gelände beschritten: gibt es auch eine Fremdnarkotisierung (klar gibt es die, z.B. vor Operationen, aber um diesen Bereich müssen wir uns jetzt nicht kümmern!)? Und ist Narkose ein qualitativer Sprung von Immer-stärkerer-Rausch? Ich wage keine Prognosen! zurück
Wie wäre es mit Erwachsene – schließlich ist bislang nur von Menschen die Rede?! Ich erinnere an die Hauptregel, die da lautet: Streichen, streichen, streichen!). Und nach Sport würde ich einen Gedankenstrich empfehlen, weil ein Einschub folgt. zurück
Mmh: wäre ein gänzlich unbeschäftigter Gefühlsduseler demnach einer, der ohne Drogen lebt? Ein teilzeitbeschäftigter Gefühlsduseler ein Hobbyfußballer, und ein gänzlich beschäftigter Gefühlsduseler ein Vollzeitsportler? Ach ja: und ist Gefühlsduseler: prinzipiell jemand, der überhaupt Gefühle hat, oder jemand, der sich ihrer bewusst ist, oder gar einer, der seine und fremde Gefühle lieb hat, oder – beinahe schon unvorstellbar – einer, der sie hervorruft? Ich sehe keinen verständlichen Sinn in der absteigenden Folge Geschichten-Narkose – beschämende Albernheiten qua Religion (davon später) – Selbstnarkotisierung – primitive Selbstnarkotisierung (vulgo Sport) – arbeitsloser cleaner Gefühlsduseler. Irgendwo dazwischen oder darüber oder darunter schweben oder hängen oder lungern Drogenrausch und allerlei Gefühle oder so: ich krieg das einfach nicht auf die Reihe. zurück
Wen beschämen die Albernheiten? Wen muten diese Albernheiten ironisch an? Oder beschämen und muten diese Albernheiten gleichzeitig ein und dieselbe Person an? Ein Verzicht auf diese albernen Partizipien würde dem Satz sehr gut tun; warum aber kommt hier die Religion überhaupt ins Spiel? Als die höchste Stufe der Nichtnarkose, das bekannte Opium fürs Volk? Dann wäre dieser mit magischem Leitungswasser gesegnete Langläufer – ich glaube, er nennt sich Mühlegg – in der Verbindung von Vollzeit-Sportler mit religiösem Wahn ja eigentlich schon auf einer höheren Stufe als jemand in Narkose! Wie war das mit dem qualitativen Sprung? zurück
Meiner Treu: diese Zeile lässt sich trefflich zusammenstreichen und mit Satzeichen verfeinern: Nein: Die perfekte Narkotisierung ist schon eine Kunst an sich und selbstredend für sich. zurück
Die Taubheit ist angeblich emotional verursacht, kann also keinesfalls von Ich erreicht werden. Was widerlich verursacht bedeuten soll, mag ich gar nicht erst ergründen wollen, und was widerlich emotional verursacht schon gleich gar nicht; ich halte eher dafür, dass die erreichte Taubheit deswegen widerlich ist, weil sie mit Emotionen bekleckert ist; das ist dann aber kein Erreichen (denn dieses impliziert ein für die betreffende Person positives Ziel), sondern ein eingeschränktes Gelingen; sind all diese Adjektive nötig, müsste dies Sätzlein folgendermaßen lauten: Dann gelingt mir manchmal nur eine widerliche, da emotional verursachte Taubheit. zurück
Welch Reichtum an Eigenschaften dieses Leben dem Leser bietet, übersteigt allmählich mein Fassungsvermögen! Deswegen sammle ich einfach alle Ein- und Unfälle in diesem Text, ausnahmslos zugehörig der Deponie Hassenswerte Adjektive: lächerlich vergänglich, hoch gepriesen, oft beweint, albern zelebriert, so genannt, lächerlich (in Kombination mit dem bereits genannten lächerlich vergänglich ergäbe sich ein lächerlich vergängliches und lächerliches Leben – wer’s braucht, wird selig: in den Niederungen des Nichtsinns), jetzt endlich plump, doch das reicht nicht, denn es folgt noch – um es in einem Aufzähl ein für alle Mal zu erledigen – sinnlich mutiert, ordinär & prall, abstoßend. Tipp: um sich die Mühen dieser Hirnblähungen zu ersparen, sollte man bei Substantiven je nach Gusto angeben (Obacht, es folgt ein Beispiel):
Dieses (siehe Adjektive im Duden S.89 bis 825) Leben ist so (siehe Adjektive im Duden S. 826, linke Spalte), dass kein (siehe Adjektive in Ohne Datum, 2. Abschnitt) Mensch, mehr versteht, wie er ohne es (siehe die ersten drei Adjektive auf dem dritten Link in www.muellseite.de) leben soll.
Selbstverständlich lässt sich auch der ganze Duden angeben (S. 87 bis 860) oder – wer es noch globaler mag – das komplette Internet: da finden sich sogar ausländische Adjektive! Das wäre die endgültige Befreiung der Literatur von der Diktatur der Autoren und Autorinnen und Schreibzwittern und Schreibnichtsen. Und ein Versprechen füge ich noch hinzu: ich werde zu keinem einzelnen deskriptiven Adjektiv aus diesem Text mehr etwas sagen, Heiliges Ehrenwort! Jede Leserin egal welchen Geschlechtes möge sich eigenkopfige Gedanken machen, welche dieser Bastarde irgend sinnstiftend sind, und welche besser getilgt werden! zurück
Fein verwobene Hirngespinste? Nicht eher fein gewobene Hirngespinste? Ich meine ja nur: wenn die Hirngespinste grob gewoben sind, wie will sie dann jemand oder etwas fein verweben, diese groben Gespinste? Ist egal? Hauptsache fein verwoben, und seien es Schiffstaue? Nun, wenn es so ist . zurück
Malte! Lass das!! Du hast es versprochen!!! zurück
Das kann gestrichen werden: der Zusammenhang zum vorhergehende Satz ist klar! zurück
Auch hier . »Malte, reiß dich am Riemen!!!!! Du hast .« Ich weiß! Reg dich ab, bin ja schon wieder ruhig! zurück
Wenn sogar legale Drogen schon genügen, um die (!!!) Sinnesempfindungen auszuschalten: wozu dann bitte die Anstrengung, die Narkose zu perfektionieren? Was könnte sie, was legale Drogen nicht auch können?
Meine Befürchtung ist zur Wahrheit geworden: Narkose hat in diesem Text keine andere Qualität als ein Nikotinrausch! Das ist alles nur aufgeregtes Getu um Nichts – schade drum: hier stürzen meine Erwartungen ins Bodenlose! zurück
Lautes Grußgegröhle vom Schrottplatz: Der Bruchteil eine Sekunde ist nicht etwa etwas, was lange dauert, bewahre: das ist nämlich aber (an diesem aber kann man Äonen kauen, wenn man könnte) ein kurzer Moment! Welch Steigerung: Ewigkeit – Sekunde – Bruchteil einer Sekunde – Augenblick – gaaanz lange nix (mindestens dreieinhalb Sekunden lang, das wären dann schon ca. 8,2 Millionen Ewigkeiten, wenn man mal bedenkt, wie viele Bruchteile eine Sekunde hat und wie viele Augenblicke in jedem Bruchteil stecken, von denen (den Augenblicken) jeder gegenüber einem kurzen Moment eine ausgewachsene Ewigkeit ist) – kurzer Moment. Gibt’s da nicht noch etwas Kürzeres als einen kurzen Moment? Einen oberkurzen z.B.? Nein?
Es gibt Leute, die finden es zum Totlachen, wenn sie lesen (oder selber schreiben), dass jemand 3,678955674536 Meter weit gesprungen ist, oder dass ein Auto nach heftigem Bremsvorgang (ohne ABS) genau 0,000846784253678564536 Millimeter vor einer Stahlwand zum Stehen kommt. Die obige Steigerung gehört in die gleiche Kategorie. Ich halte überhaupt nichts davon, denn es ist weder anschaulich noch verständlich. Es ist einfach nur (siehe Adjektive im Duden S. 87 bis 860). zurück
Wir hatten gerade ein völlig unangebrachtes aber, also folgt logischerweise ein ­- na? Wer weiß es? Nein, kein Adjektiv! Sondern es folgt ein . Richtig: – völlig unangebrachtes Dennoch. Es gibt offenbar nichts, was nicht noch schlimmer gemacht werden kann. zurück
Eigentlich würde ich gerne wissen, ob die verschwindend geringe Momentausdehnung länger oder kürzer ist als ein kurzer Moment, von wegen der Relation zu den 8,2 Millionen Ewigkeiten und vor allem der Anschaulichkeit wegen! Stellen wir uns doch einmal vor, wegen einer massiven Momentausdehnung wären es jetzt nur noch 8,1967548765 Millionen Ewigkeiten, dann hat doch die Momentausdehnung – Moment mal! Halt! Stopp! Zurück das Ganze! Muss ich mir Moment als einen dreidimensionalen Körper vorstellen mit drei Ausdehnungsachsen? Ist es nur ein zweidimensionales Ding mit zweierlei Dehnungsmöglichkeiten? Ist Moment ein Punkt auf einer Strecke und damit ohne jede Ausdehnungsmöglichkeit, was ein wenig dünner ist als verschwindend gering? So viele Fragen, so wenig Antworten! Böse, böse Welt! Das schreit geradezu nach einer Narkose: ich gehe jetzt zu Bett! Es ist Null Uhr und fünfundsiebzig Minuten, und um halbsechs in der Früh muss ich raus und was Ernsthaftes arbeiten, um mir meine Druckerpatronen zu verdienen! zurück
Hallo! Da bin ich wieder mit frischem Mut und hellwach! Wenn ich so zurückblicke auf das, was ich zu später Stund auf den Bildschirm gebracht habe, würde ich am liebsten wieder von vorne anfangen wegen der Ungenauigkeiten und Schludrigkeiten und Adjektive – aber das kann ich mir nicht leisten, sonst werde ich nie fertig!
Was wollte ich eigentlich? Ach ja: Die wundersame Verwandlung von Fertigkeiten in Fähigkeiten!
Was ist geschehen? Hat die fürs Spezielle zuständige Fertigkeit mutiert und ist zu einer globalen Fähigkeit geworden? Das ist ein logischer Rückschritt und völlig überflüssig: ohne Lernfähigkeit hätte Ich sich nie und nimmer eine Narkotisierfertigkeit aneignen können. Eine Narkotisierungsfähigkeit aber hat es nie gegeben und wird auch nie geben! zurück
Da ham wir den Salat: sollte vielleicht jemand die Ansicht vertreten haben, dass meine Fragen zur Dimensionalität der Momentausdehnung überzogen, wenn nicht gar abwegig gewesen seien, der wird hier sich reumütig sein Haupthaar strubbeln müssen und lautstark bekennen: »Ich bereue, ich bereue, ich bereue (drei Mal wegen der magischen Wirkung)! Recht hat er gehabt!« Herausragender Sekundenbruchteil! Nicht gilt der eindimensionale Zeitstrahl, nein: er bekommt unversehens einen Zacken in die zweite Dimension! Ich könnte jetzt die alte Momentskala wieder bemühen und darüber grübeln, ob die Einheit herausragender Sekundenbruchteil länger oder gar kürzer (lassen wir mal die Höhe bzw. Tiefe) ist als der stinknormale Bruchteil einer Sekunde – aber da ich doch zu keinem brauchbaren Ergebnis gelangen werde, nehme ich davon Abstand. zurück
Wie versprochen: Nix sag ich dazu! zurück
Wie kann das sein, dass ein Spalt breit Empfindung eindringt, schließlich ist doch die ganze Existenz narkotisiert? Lässt die Narkose nach wie jeder x-beliebige Rausch von der Stange? Erneut bestätigt sich: Narkose ist bloß ein (überflüssiges) Synonym für Droge! zurück
Ich fände es weit einleuchtender, wenn die Gedanken nicht nur vor sich hin wirken, sondern das Ich vom Ich betäuben, das wegen eines unmöglichen Spaltes in der angeblich perfekt narkotisierten Existenz zum Vorschein kommt. zurück
Ich sag nix! zurück
Ab jetzt sage ich überhaupt nichts mehr!!! zurück
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Textkritik: Liebe oder: Wie Fallstricke – Prosa

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Dies waren ihre nutzlosen Hände, sie waren immer noch da, vor ihr, um sie herum, immer dieselben, sie konnte sie an den Lebenslinien in den Handflächen, den grauen Adernflüssen auf den Handrücken erkennen. Bei ihrem Gesicht war sie sich nicht so sicher. Morgens vor ihrem Badezimmerspiegel, wenn sie sich in die Augen sah, die Stirnhaut unter der strengen Selbstinspektion straffte, sodass noch nicht mal Falten zu sehen waren (die bügelte sie sich jeden Abend mit den Fingerspitzen und teurer Creme raus), wurde ihr Gehirn leer, als hätte es sich in ihr Ebenbild verlagert, und sie selbst wusste nicht mehr, warum sie da stand und wer sie war. Bestimmt war eine Sicherung in ihrem Gehirn durchgebrannt und Teile davon lagen jetzt im Dunkel. Sie lief sich anziehen ins Schlafzimmer, wo sie den Spiegel einen Kopf tiefer gehängt hatte, sodass sie zwar sicher war noch da zu sein, sich aber nicht sah.
In der Küche grinsten die Küchenspachteln sie blöd mit langen Zähnen an, die Gabeln drehten ihr hohnvoll gebeugte Frauenrücken zu, Messer blitzten böse. Der Kühlschrank gähnte ungefragt offen, Schranktüren und Borte schlugen nach ihr, Besteck, Töpfe, Deckel, die ganzen dämlichen Küchengeräte führten einen blechernen Hexentanz um sie herum auf. Der Abfalleimer war gefüllt mit Zeug, das sie aus Überzeugung nicht benutzte, Plastiktaschen, Einpackmaterial, Inkontinenzbinden, Schweineknochen, eine Besessene wohnte hier, nicht sie.
Ging sie durch die Wohnung, stieß sie sich blaue Flecken an Möbeln, verhakte sich an Stuhlbeinen und Klinken, prallte in Türrahmen und Wände, diese schienen sich auf sie zu zu bewegen, sicher mit einem teuflischen Bela Lugosi dahinter, der sie langsam ersticken wollte.
So zog sie ihren Mantel an und lief auf die Straße. Es war die Jahreszeit, wo die Sonne jeden Tag einige Minuten mehr zugibt. Ein Hauch von Frühling war jedoch mehr Idee als Wirklichkeit, das fade Grau der Straßenzüge war zwar oben von einer dürren schrägen Sonne rosa angemalt, aber die Kälte biss sie in die Wangen. Sie setzte sich auf eine Bank unter kahlen Kastanien. Um sie herum lief das Leben weiter. Der Autolärm brauste wie gewöhnlich.
Die Bank auf der sie saß, ihren falschen Pelz dicht um die Beine gezogen, drehte der Chaussee den Rücken zu. Sie sah auf ein breites, modernes Apartmenthaus mit weiten Glastüren, die sich auf mit riesigen getrockneten Pflanzen dekorierte Eingangshallen öffneten. Jenseits der Eingangshalle sah sie durch die Glashinterwand das kahle Gestrüpp des dahinter liegenden Gartens. Damals, in jener Nacht, waren noch spät aus jeder der Türen mit gestraffter Leine die Hundebesitzer getreten. Wie lange hatten sie hier gesessen?
Damals, wie sie einige Sekunden geblendet im Scheinwerferlicht ihrer späten Ankunft stand, hatte sich ihr eine Gesellschaft vornehmlich Fremder geöffnet, alle hatten liebenswürdige, der Gelegenheit entsprechende Worte mit ihr gewechselt. Fröhliche Weihnachten. Schönes Fest. Ein warmes, alkoholinspiriertes Wohlwollen, das sich sofort zuspitzte in die intensive Hitze seiner Aufmerksamkeit. Es war, als wäre sie in eine Rumpelkammer getreten, voller alter, abgelegter Gefühle. Ein Wunder, dass sie alles wieder erkannte. Das alte Spiel, an dessen Regeln sie sich erinnerte. Er reichte ihr ein Glas Champagner. Sie lächelte ihn an. Er trug eine enge, bunte Brokatweste über weißem, sich bauschendem Hemd auf konvex gewölbter Brust wie jemand, der gewohnt war, Herzen zu gewinnen. Sein Blick hing an ihr, sein Gesicht ein Triangel, dunkle krause Haare, das Kinn länglich zugespitzt, Zähne blitzend im Lächeln. Er wich nicht von ihrer Seite. Wie ein Rad schlagender Pfau drehte und wendete er sich vor ihr. Leicht und glücklich schwebte sie neben ihm durch die hell erleuchteten Räume, wohl unter Einwirkung der vielen Champagnerbläschen.
Schnell kam die offene Attacke. Er sagte: »Ich liebe Ihre Bluse. Wirklich geschmackvoll. Seide natürlich. Es ist warm hier, wollen Sie nicht Ihre Strickjacke ausziehen?« Unsicherheit ergriff sie. Sie streckte ihren Oberkörper, lächelte zu ihm hoch, schob sich ein giftgrünes Stück Konditoreidekoration der Weihnachtstorte zwischen die sepia-dunklen Lippen. Gottseidank hatte sie ihren Büstenhalter angezogen.
»Hören Sie, Sie flirten doch nicht mit mir,« sagte sie geradeheraus, in den Augen Herausforderung. »Man sieht das hier nicht so, aber ich bin jetzt nicht mehr jung.«
»Nicht doch.« sagte er. »Frauen altern nicht. Sie bleiben immer zwanzig«. Und die anderen hier, dachte sie, all diese künstlerischen Hausfrauen, mit ihren dicken beringten Fingern und ausgedehnten Hüften? Warum nicht die?
Er ging um sie herum. »Sie erregen mich«, sagte er und schaute auf ihre Brüste.
»Sie sind wirklich schnell bei der Hand«, gab sie scharf zurück.
Er wurde verlegen, verstummte. Sein Blick glitt von ihr weg. Dann ging er auf den Flügel zu, schlug den Deckel zurück, versuchte sich, ein wenig holprig, an einem Scott Joplin. Danach sang er, sich auf dem Klavier begleitend, sanft ein Spiritual, spielte einige Kinderszenen, fiel schließlich in lauthalse Elvis Presley Imitationen, bei denen die ganze Gesellschaft klatschte und mitsang.
Sie saß steif, gerade, auf ihrem Stuhl, hielt mit spitzen Fingern dekorativ das leere Sektglas vor der Brust. Röte stieg ihr von unten in die Wangen. Eine Hitzewelle? Nicht doch, mit ihren Mutterröhrenheinzelmännchen, wie ihre medizinische Tochter ihre Hormonpillen nannte.
Er kam zu ihr zurück, sah sie erwartungsvoll an. Lächelnd sagte sie ihm Freundlichkeiten. »Ach,« sagte sie, »sind Sie Sänger? Sie haben einen schönen Bariton.« Er gehörte dem Opernchor an, sang auch solo auf Veranstaltungen. Ein Mann, der gelernt hatte, seine Brust konvex aufzuwölben, auch wenn er sich nicht danach fühlte.
Als die Gesellschaft sich auflöste, drückte er im Gedränge ihre Hand, blieb an ihrer Seite. Ein regnerisches Weihnachten dieses Jahr. Die Lichter der Stadt spiegelten sich auf den leeren Straßen wider, alles war in schwarz-weiß, sie waren dunkle Schatten, die zeitweilig ineinander verschmolzen.
Sitzt sie jetzt allein auf ihrer kalten Bank. Sie ist die Frau im Magritte, den sie irgendwo gesehen hat. Sie sitzt in toter, buckeliger Steinwüste, Rücken gegen einen Felsen gelehnt, die rechte Hand in der Herzgegend. Sie hebt ihr Gesicht dem eines Mannes entgegen, ein diffuses, helles Triangel, dichtes lockiges Haar, sein Mund berührt warm ihre Lippen. Der Kopf des Mannes klebt am Himmel. Sein Körper ist nicht da. Sein Sex ist nicht da. Das braucht sie alles nicht. Von seinen Lippen aus läuft ein Strom tief in ihren Körper, wärmt ihn auf, lässt ihr Blut schneller fließen, stimuliert ihren Herzschlag. Geheime Sekretion beginnt: 250 verschiedene Säfte werden vom Körper losgemacht. Ihre Nervenleiter herunter läuft Dopamin, möchte ein Neuronenfeuerwerk ingange setzen.
Sitzt sie da auf ihrer kalten Bank, den Kopf verwirrt, die aufgewühlte Biochemie zwischen den Beinen, sitzt  praktisch drauf, komischer Platz für Gefühle, etwas bewegt sich in ihr, das nicht Liebe ist. Funktion von was. Aber von was? Denn schon weiß sie nicht mehr, wie er aussah. Die Augen, das spitz zulaufende Kinn, die dunklen, krausen Haare, das alles gehörte zu einem anderen Gesicht. Zu einem, das ihr Herz einmal in Aufruhr versetzte. Vor sehr langer Zeit. Es war schon gut so, dass er nicht mehr anrief.

© 2000 by Melanie Delfft. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Zunächst mal will & muss ich meiner Begeisterung Ausdruck verleihen über diesen genialen ersten Satz: Dies waren ihre nutzlosen Hände, sie waren immer noch da . Was für ein Mensch, der seine Hände für nutzlos hält, sie als nicht zu sich gehörig betrachtet, sie beobachtet wie etwas Fremdes, das um ihn herum scharwenzelt, einem zugelaufenen Hündchen gleich – das weckt gespannte Neugier, da will ich weiterlesen, solch einen Menschen will ich kennen lernen!
In der Regel wird die Bedeutung des ersten Satzes zu wenig beachtet, obwohl sich genau hier entscheidet, ob ein Leser gerne weiter lesen will oder seine Stirn bereits Falten zu werfen droht; wer selber schreibt, weiß zwar darum, wie mühselig es ist, überhaupt einen Anfang zu finden – aber wenn endlich mit dem Schreiben begonnen werden kann, scheint das Problem allzu häufig gelöst; doch das ist ein Trugschluss!
Da ich jetzt dran bin mit schreiben, muss ich schnell noch meinen Lieblingsanfang zitieren: »An einem frühen Junimorgen 1872 ermordete ich meinen Vater – eine Tat, die mich damals tief beeindruckte.« (Ambrose Bierce, Ein unvollständiger Brand; in: Bierce, Lügengeschichten und Fantastische Fabeln, Haffmans 1987, Übers. von Viola Eigenberz und Trautchen Neetix, S.9)

Toll! Überzeugend! Überraschend!
Am Ende der Erzählung las ich nochmals den Anfang: Sind die Hände nutzlos, weil sie niemanden zum Anfassen haben? Weil sie den Sänger nicht angefasst haben? Was für ein Leben, das sich auf 1 Bank reduziert und 1 Weihnachtserinnerung, die sich heillos vermischt mit einer noch entfernteren; die letzte (verpasste?) Chance; und dazu die beiläufig erwähnte Tochter, die keine ist: »Es möchte kein Hund so länger leben!«
(Faust, V. 376) Und all das wird mit scharfer Beobachtungsgabe anschaulich geschildert.

Die Kritik im Einzelnen

Es mag Absicht sein, dass in diesem Satz Hand dreimal genannt wird, schließlich scheinen die Hände die Protagonistin zu nerven (bzw. sie sich wegen der Nutzlosigkeit ihrer Handwerkszeuge), und die Wiederholung unterstützte das; dennoch hielte ich die Wiederholung für verzichtbar, denn die Hände sind so eigenständig, dass eine Verwechslung mit Flächen und Rücken anderer Objekte entfällt und die Selbstständigkeit der Hände betont würde: sie konnte schließlich ihre Hände (wieder)erkennen an den Lebenslinien und den grauen Aderflüssen.
Da es sich um Hände handelt, sind deren beide Seiten durch Lebenslinien und Aderflüsse bereits eineindeutig gekennzeichnet, sodass auch Flächen und Rücken entfallen dürfen.
Ich merke gerade, dass ich Aderflüsse geschrieben habe, obwohl der Text Adernflüsse vorsieht. Beide Wörter gibt es nicht, aber meines mag ich wohl lieber, wenn ich das andere schon gar nicht erst wahrgenommen habe. Pragmatisch würde ich graue Äderung vorschlagen, dann wäre auch das Problem mit der überladenen Metapher Ader(n)fluss gelöst, es gibt viel zu viele Parallelen (Wasser & Blut; Verästelung; offenes & geschlossenes System), als dass sie einen Erkenntnisgewinn bedeutete  zurück
Hier hat ein Hauptsatz begonnen, wird jetzt unterbrochen und setzt sich erst einige Zeilen weiter fort, was ein Verständnis erschwert; der eigentliche Hauptsatz aber ist Morgens vor dem Badezimmerspiegel (.) wurde ihr Gehirn leer – und diese Aussage ist nicht richtig, denn da gehört die Bedingung dazu. Wenn der Anfang des Hauptsatzes in den Bedingungssatz gestopft würde (was mühelos geht), läse sich das folgendermaßen klar und verständlich:
Wenn sie morgens in den Badezimmerspiegel schaute, sich in die Augen sah, die Stirnhaut unter der strengen Selbstinspektion straffte, sodass noch nicht mal Falten zu entdecken waren (die bügelte sie sich jeden Abend mit den Fingerspitzen und teurer Creme raus), wurde ihr Gehirn leer, (.)
Das sehen (direkt nach sah) habe ich durch entdecken ersetzt, um Wiederholungen zu vermeiden. zurück
Wegen der anhaltenden Spiegelfechterei würde ich hier »angesichts der strengen Selbstinspektion« vorziehen. zurück
Ich nehme an, dass hier nicht sich gemeint ist, sondern ihr Gesicht; denn immerhin sieht sie ja, dass sie noch existiert, also muss sie sich sehr wohl sehen. zurück
So schön der identische Binnenreim Zeug-Überzeugung auch ist: der Satz erfüllt meine Erwartungen nicht, denn ich erhoffte eine ähnlich gekonnte Auflistung von all dem Zeug, das sie aus Überzeugung nicht benutzte wie bei der Gestaltung der Küchenutensilien; stattdessen folgt eine Liste von normalen Müllinhalten, die nach Gebrauch (also Benutzung!) im Abfalleimer deponiert werden.
Meine Erwartung kommt daher, dass ich mich fragte: Was zum Teufel kann das sein, das die Protagonistin aus Überzeugung nicht benutzt, aber immer wieder bekommt oder gar besorgt, dass sie es  in den Abfalleimer werfen muss? Sind das Aufforderungen, winzige Lose auszurollen und/oder ekelhaft schmeckende Bildchen zu kleben und/oder Flächen frei zu rubbeln nur um festzustellen, dass man drei Osterküken gratis bekommen kann? Sind es gar diese drei Osterküken? Kauft sie lappigen Kopfsalat zur Unterstützung darbender ansässiger Salathändler, isst ihn aber aus Überzeugung nicht? Besorgt sie sich in einschlägigen Geschäften alle gewaltverherrlichenden Filme und wirft sie weg, um die Jugend und das Alter davor zu schützen?
Schade: werde ich jetzt nie erfahren (wäre aber spannend gewesen). zurück
Die Aufzählung ist beendet, es folgt ein Resümee, denn die Besessene wohnt nicht im Abfalleimer! Also wäre statt Komma ein anderes Satzzeichen angebracht: ein Doppelpunkt, ein Gedankenstrich (-, nicht -: das ist nämlich der Trennungs- bzw. Bindestrich!), das Auslassungszeichen ., ein Semikolon; zur Not auch ein langweiliger Punkt. zurück
Wer ist denn das? Eine Romanfigur? Eine Filmgestalt? Ein Schauspieler? Muss irgendetwas mit Horror zu tun haben; und irgendwie kommt mir der Name auch bekannt vor! Was sagt der Brockhaus? Amerikanischer Filmschauspieler ungarischer Herkunft: »wurde berühmt als Dracula auf der Bühne (1927) und im Film (Dracula, 1930); blieb danach v.a. dem Horrorfilm verbunden.«
Wer sagt’s denn? Niemand, hat ja auch niemand was gesagt. Jetzt möchte ich nur noch wissen, wie dieser Béla Blasko als Dracula ausschaut, schließlich will ich den Vorstellungen der Autorin folgen können! Dazu werde ich das Internet bemühen; nur habe ich keinen eigenen Internetanschluss, wird also wieder etwas aufwendig . Bin wieder zurück, habe beeindruckende Bilder von ihm gefunden, die aber leider alle Copyrightvermerke besitzen! Wer sie sehen möchte und Internetverbindung hat, der soll auf schauen klicken und schauen!
Was lernen wir daraus? Lesen bildet, auch im Internet. zurück
Können Straßenzüge ein oben haben? Meiner Ansicht nach habe die vorwiegend ein unten und ein bisschen was an den Seiten, und vor allem sind sie lang. An dieser Stelle würde ich Straßenschluchten empfehlen, denn die haben oben zumindest eine Enge! zurück
Die Protagonistin setzt sich auf eine Bank, lebt aber noch: deswegen läuft um sie herum das Leben nicht weiter, denn es hat je keine Veranlassung, es nicht zu tun. Im folgenden Satz ist es nicht der Autolärm, der braust, sondern die Autos lärmen. Gekürzt hießen diese beiden Sätze dann: »Um sie herum brauste das Leben: die Autos lärmten wie gewöhnlich.« zurück
Eine Chaussee ist breit, hat häufig Bäume und Grünflächen an den Seiten, was wiederum zu Straßenschluchten nicht passt. Dann würde ich einfach bei Straßen bleiben: keine Züge, keine Schluchten – dafür hier die Chaussee. zurück
Wenn das 1 Appartementhaus ist, hat es auch nur 1 Eingangshalle: (.) mit weiten Glastüren, die sich auf eine mit riesigen getrockneten Pflanzen dekorierte Eingangshalle öffneten. Was riesige getrocknete Pflanzen sind, weiß ich nicht: Ich kenne nur Trockenblumen, die zumeist geballt auftreten in grauenhaften knistrig-strohigen Gestecken! Prangte ein solches auch noch riesig in einer Eingangshalle, würde ich mich weigern, ein solches Haus zu betreten! Zumindest würde ich anstelle der Protagonistin mich verkehrt herum auf diese Bank setzen und die vorbeilärmenden Autos genießen. Vielleicht aber ist »ausgetrocknet« gemeint oder gar »vertrocknet« . zurück
In jener Nacht ist Vergangenheit genug und braucht kein Damals als Einleitung, zumal auch die Zeitenfolge korrekt ist. Da die genaue Zahl der Türen nicht bekannt ist, ist die Betonung »aus jeder der Türen« überflüssig: das einfachere »aus allen Türen« leistet hier bessere Dienste! zurück
Um ein mögliches Stolpern beim Lesen zu vermeiden, würde ich umstellen: waren (…) aus allen Türen die Hundebesitzer mit gestraffter Leine getreten. zurück
Der Satz wird sofort wieder unterbrochen: das lässt sich leicht ändern: Als sie damals (.) Wenn jetzt jemand meint, damals sei hier ebenso überflüssig wie vorhin, dann könnte ich jemand durchaus Recht geben, habe aber keine Lust dazu: Ich gehe davon aus, dass in den beiden letzten Sätzen des vorigen Abschnitts eine Erinnerung einsetzt. Jetzt beginnt aber ein neuer Abschnitt, und der muss nicht unbedingt an diese Erinnerungen anknüpfen. Tatsächlich ist es so, dass die Erinnerung in dem folgenden Abschnitt vor jener am Ende des letzten Abschnittes liegt, was durch das damals betont wird.
Hätte ich aber Lust und wollte jemand Recht geben, würde ich mich mit aller Argumentationsgewalt dafür einsetzen, dieses gerade überzeugend verteidigte damals zu streichen und folgendermaßen zu verfahren: ausgehend von der unumstößlichen Feststellung, dass besagte letzte Sätze des vergangenen Abschnittes (blSdvA) eine längere Erinnerungsphase einleitet, wäre es sinnstiftend, mit den blSdvA den neuen Abschnitt zu beginnen und das längere Verweilen vielleicht durch einen Geviertstrich (-) kenn zu zeichnen (Nanu? Kaum befleißige ich mich amtlichen Nominalstils, geht der normale Sprachgebrauch in die Binsen! Sieht aber irgendwie nicht schlecht aus – lässt sich bestimmt als Stilmittel einsetzen; werde mal ein bisschen üben .).
Wer hat jetzt Recht? Ich oder ich? Wenn ihr mich fragt: ich würde es vorziehen, den Absatz da zu lassen, wo die Autorin ihn gesetzt hat; die zweite Version ist mir zu akademisch. zurück
Hier dräut ein Missverständnis, denn die nachgeschobene und durch Komma hinter (!) dem Partizip  abgetrennte Beifügung könnte sich auch auf die Protagonistin beziehen! Formulieren würde ich: Es war, als wäre sie in eine Rumpelkammer voller alter, abgelegter Gefühle getreten. Und alles wird eindeutig. zurück
Da erstens diese Attacke nicht schnell kam, sondern erst jetzt, da zweitens ein mitdenkender Leser anhand (müsste eigentlich anohr heißen, aber dies schöne Wort gibt es nicht) der Worte des Triangels erkennt, dass das eine offene Attacke ist (Männer halten das vielleicht eher für eine dreiste Anmache), kann der ganze Satz ersatzlos (sic!) gestrichen werden. zurück
Da sie auf dem Stuhl steif sitzt, muss sie das notwendig gerade, denn niemand kann steif lümmeln. Mann kann höchstens noch steif auf einem Stuhl liegen, wenn man partout protzen will bzw. von Leichenstarre heimgesucht worden ist. Weg damit! zurück
Was denn sonst? Streichen! zurück
Streichen! zurück
Das Blut fließt erst schneller, wenn der Herzschlag stimuliert ward (in Richtung der olympischen Tugenden citius, altius, fortius: ansonsten tritt im Blutkreislauf Ebbe ein); Folge: erst den Herzschlag stimulieren, dann das Blut schneller fließen lassen. Vielleicht sogar nur das Blut, da beschleunigter Herzschlag ja notwendige Bedingung dafür ist, also gestrichen werden kann! Streichen ist immer besser!!! zurück
Sind das tatsächlich 250? Skier unglaublich! Die Alten kannten gerade mal vier Säfte (Schleim, Blut, grüne Galle, schwarze Galle) – wenn die das geahnt hätten! Aber losgemacht wurden die Säfte auch damals nicht, die lassen sich ja nicht anbinden wie ein Hündlein! Die werden produziert und ausgeschüttet. zurück
Ich höre meine verstorbene Tante aus Sonderburg in Dänemark reden: ingange! Das klingt so nach Schleswiger Platt. Hier aber wäre Hochdeutsch angemessener: in Gang setzen. zurück

Textkritik: (ohne Titel) – Lyrik

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Dieser
winzige Wind
den die Wimpern ins Ohr tragen
wenn niemand spricht.

Zittern
befiehlt der Hauch
den Händen unterm Tisch

Wasser zu kühlen
die Hitze in den roten Augen
die was sehen wollten
das nicht ist

etwas
das aus der Tasche fiel
auf dem langen Weg nach Haus
das jetzt auf Wegen liegt

der Glückliche
der es in der Sonne blinken sieht
und sicher verstaut

oder fest in den Fäusten hält.

© 2000 by Max Pluta. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Dieser
winzige Wind
den die Wimpern ins Ohr tragen
wenn niemand spricht

Zittern
befiehlt der Hauch
den Händen unter dem Tisch

Wasser
zu kühlen die Hitze
in den Augen

Endete das Gedicht hier, dürfte ich mich trauen, es ein Meisterwerk zu nennen. Ich würde allenfalls vorsichtig das vorschlagen, was ich gerade vorgeführt habe: nämlich die dritte Strophe – analog zu den anderen beiden – mit 1 Wort beginnen zu lassen.
Bedauerlicherweise folgen noch dreieinhalb Strophen – und die machen nur kaputt! Alles, was an Stimmung, an Gefühl, an denkbaren Situationen verdichtet war, wird hemmungslos breitgetrampelt. Eigentlich sind die letzten drei Strophen nämlich ebenfalls ein eigenes Gedicht, allerdings ein kitschlastiges:

etwas
fiel aus der Tasche
auf dem langen Weg nach Haus
das jetzt auf Wegen liegt

der Glückliche
der es in der Sonne blinken sieht
und sicher verstaut

oder fest in den Fäusten hält

Brauchen diese Verse die obigen als Einstimmung? Kommen die nicht prächtig allein zurecht? Wären sie nicht die Zierde einer jeden Ratgebergedichtsammlung für melancholische Stündchen, Beziehungskrisen oder Anfälle von Weltschmerz?
Um wie viel mehr kommen die ersten drei Strophen ohne diesen Wurmfortsatz aus: Sie hätten einen Platz verdient in anspruchsvolleren Lyrik-Sammlungen!

Die Kritik im Einzelnen

Die erste Strophe spricht mich sehr an: sie strahlt Ruhe aus, ein Staunen über die Wahrnehmung, die erst in absoluter Stille möglich wird; die vielen i-Laute, die dreifache Alliteration winzig, Wind, Wimper: ein grandioser Beginn! Ich sehe zwei Menschen ruhig nebeneinander sitzen, sie spüren die Nähe, sie genießen sie. Ich merke: ich gerate ins Schwärmen!  zurück
Schlagartig ändert sich die Situation: dieser winzige Wind, der Hauch, ändert seinen Charakter: er hat alle Leichtigkeit verloren und tritt militärisch-massiv auf, denn er befiehlt den Händen zu zittern. Ich empfinde das als ein Zittern aus innerer Unruhe, als ein Erinnern, hervorgerufen durch diese minime Wahrnehmung. Diese Strophe bildet einen starken Kontrast zur ersten; das erzeugt Spannung! zurück
Wird hier ein Wunsch nach Wasser ausgesprochen? Die erste Strophe war für mich ein Ausdruck ungläubigen Staunens, die zweite beinhaltet eine innere Unruhe; aber die dritte? Werden die brennenden Augen hervorgerufen durch eine Erinnerung? Dann könnte es ein Wunsch sein. Es ist aber auch möglich, dass eine Person weint: Wasser ist dann kein Wunsch, sondern Wasser kühlt bereits. Letzteres gefällt mir besser. Die Spannung würde sich so auch besser lösen in etwas Neuem.
Noch eine dritte Möglichkeit bietet sich an: der hauch befiehlt nicht nur »zittern«, er befiehlt auch »Wasser« – das würde mir noch mehr zusagen! Letztlich macht genau das den Reiz aus: alle drei Möglichkeiten, die ich jetzt genannt habe, sind denkbar, auch alle drei gleichzeitig. Das führt dazu, dass ich mir Gedanken mache, was in mir vorgeht, wenn ich mich an Trauriges erinnere. Dieses Gedicht schreibt mir gerade nicht vor, was ich empfinden soll: es ruft Empfindungen hervor. Und das macht es so wertvoll – bis hierher jedenfalls!
Frage: muss das Rot der Augen so betont sein? Hitze lässt doch ebenfalls an rot denken, vor allem im Zusammenhang mit Augen (siehe brennende Augen). Ich halte rot an dieser Stelle für verzichtbar. Es führt auch leicht in die Irre, denn Augen sind vom Reiben oder vor Müdigkeit oder vom Weinen rot. Rote Augen haben also durchaus eine bestimmte Bedeutung (wohingegen der winzige Wind etwas Neues ist! Hier bedeutet das Adjektiv etwas, bei den Augen beschreibt es nur). zurück
Jetzt folgt ein gewaltiger Bruch; die Augen werden vom lyrischen Ich kommentiert: die wollten etwas sehen, das nicht ist. Damit wird ihnen ein Mangel vorgeworfen, eine Einschränkung, ja Blindheit: sie hätten sehen müssen, dass da nichts ist. Die lyrische Ebene wird verlassen: es folgt eine Belehrung. Diesen Wechsel im Ton empfinde ich als herben Verlust: schade! zurück
Die Belehrung wird weitergeführt, indem erläutert wird: das wurde verloren; man hatte es schon in der Tasche gehabt. Der lange Weg nach Haus riecht zu süßlich nach Heimkommen und Heimweh und Fremde und Einsamkeit: irgendwo auf diesem langen Weg hat jemand was verloren; ganz platt wird jetzt ausgesprochen, was in den ersten beiden Strophen höchstens erschließbar war. Das tut weh! Und dass dieses etwas jetzt auf Wegen liegt (statt auf dem Weg) ist sicher Absicht, aber ich mag dieses Rätsel nicht lösen, es ist die Mühe nicht mehr wert. zurück
Es wird noch trivialer! Übersetzt heißen diese Zeilen: Ach ich Unglücklicher, der ich im Dunkeln sitze und den Goldschatz (blink blink blink) für immer verloren habe. Kotz & Würg!!! zurück
Zum Schluss noch eine Alliteration (fest, Fäuste), ansonsten der Ratschlag, besser etwas in der Hand (bzw. Faust) fest zu halten, als zu glauben, es sicher in der Tasche zu haben; diese umwerfende Erkenntnis wird als moralischer Lehrsatz ans Ende gestellt, und da der er von so tiefer Wahrheit durchdrungen ist, kriegt er sogar eine eigene Zeile ganz für sich allein! Es ist zum Heulen … zurück

eBook: »Man kann mit einer groben Formel nicht alle Rechte eines Autors kaufen«

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Dr. Horst BenzingInterview mit Dr. Horst Benzing von der Bertelsmann Buch AG über die rechtlichen Aspekte der elektronischen Textverbreitung

Es wird sehr viel über den Sinn und Unsinn von elektronischen Büchern diskutiert und häufig bleibt der Disput zwischen Gegnern und Befürwortern bei sinnlichen Erfahrungen stehen. Tatsächlich ergeben sich aber für Verlage und Autoren durch die elektronischen Bücher auch ganz neue rechtliche Fragestellungen. Über dieses Thema sprachen wir mit Dr. Horst Benzing, der bei der Bertelsmann Buch AG für die Koordination der Verlage und die Presse und Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist.

Mit Dr. Horst Benzing sprach Wolfgang Tischer.

literaturcafe.de: Herr Dr. Benzing, was ist das rechtlich neue bei elektronischen Büchern?

Benzing: Das schwierigste Problem ist sicherlich die Copyright-Frage. Nach den deutschen Copyright-Gesetzen kann man nicht mit einer groben Formel als Verleger alle Rechte eines Autors kaufen. Das deutsche Urheberrecht verlangt, dass man jedes Recht, das man vom Autor erwirbt, detailliert spezifizieren muss.

eBook: »Neue Arten und Formen von Literatur«

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Hermann Salmen (Foto: Nuvomedia)
Hermann Salmen (Foto: Nuvomedia)

Interview mit Hermann Salmen, Geschäftsführer von NuvoMedia Deutschland, über die Zukunft der digitalen Lesegeräte

NuvoMedia gilt als Marktführer im Bereich der portablen elektronischen Lesegeräte, der so genannten eBooks. Noch wird in Deutschland heftig darüber diskutiert, ob die Geräte ein Buch ersetzen können, aber dennoch werden bereits von vielen die neuen Möglichkeiten für Autoren und Verlage gepriesen. Wir wollten vom Geschäftsführer von NuvoMedia Deutschland wissen, wie seiner Meinung nach die eBooks die Lesewelt verändern.

Mit Hermann Salmen sprach Wolfgang Tischer.

literaturcafe.de: Bereits auf der Buchmesse 1998 wurde das Rocket eBook vorgestellt und auch 1999 war es dort erneut zu sehen. Im Juni 2000, kam es endlich auf den deutschen Markt. Warum hat es so lange gedauert?

Salmen: Wir haben das Rocket eBook auf der Buchmesse 1999 gestartet und zwar für Verleger, um eine Inhalte-Plattform bereitzustellen und dann in einem zweiten Schritt die Inhalte zusammen mit dem Gerät und der Plattform für den Endkunden zu launchen. Das haben wir im Juni getan. Es hat sechs, sieben, acht Monate gedauert, um die Menge an Titeln, die wir uns vorgenommen haben, auch zusammenzubekommen.

literaturcafe.de: Wie wird Ihrer Meinung nach das eBook das Gefüge Autor, Verlag, Buchhandel und Leser verändern?

elektroLit in Berlin: Der Autor als Content-Provider für energetische Bücher

Literarisches Colloquium BerlinEine dreitägige Veranstaltung im Literarischen Colloquium Berlin widmete sich dem Schreiben und Lesen im digitalen Zeitalter

Seitdem gewisse Autoren, vornehmlich die der so genannten »Popliteratur«, ins Internet drängen und dieses zur Selbstdarstellung nutzen, richtet sich die Aufmerksamkeit der Medien auf die Literatur im Internet. Wüsste man es nicht besser, so könnte man den Eindruck gewinnen, als hätte es davor und neben ihnen nichts anderes (und besseres) gegeben. Scheinbar lassen sich nur bekannte Namen medial verkaufen, sofern man sie dort nicht bereits selber macht.

Auch der Schriftsteller Matthias Politycki, sicherlich ein ernst zu nehmender Vertreter seines Berufsstandes, berichtet davon, dass er während und nach seinem Online-Experiment beim ZDF, als man die Entstehung seines Romans »Ein Mann von vierzig Jahren« im Web mitverfolgen konnte, von Veranstaltung zu Veranstaltung herumgereicht wurde und es interessant war, wie gut man von diesem Ruf des »Online-Schriftstellers« leben konnte. Jedoch sei dieser Hype sehr ernüchternd, denn tatsächlich waren es kaum ein Dutzend User, die die Entstehung des Romans tatsächlich von Anfang bis zum Ende mitverfolgten. Der Rest schaute nur mal kurz vorbei. Politycki selbst wollte nicht unbedingt ins Netz, es war die Idee des ZDF, doch sind seine Erfahrungen sehr interessant, und er berichtete davon auf der »elektroLit«.

Textkritik: Die Männer aus der Kneipe – Prosa

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Jeden Samstag sitzen die beiden Männer in der kleinen Kneipe am anderen Ende der Straße, so als ob sie nichts Besseres zu tun hätten. »Hallo« sagte der Eine zum Anderen, der den Gruß ebenso freundlich erwiderte. Dann setzte sich der Andere zum Einen an den Tisch und nahm Platz. »Wie geht’s? Wie steht’s?« wurde der Eine vom Anderen gefragt und wie jeden Samstagabend in der kleinen Kneipe am anderen Ende der Straße antwortete der Andere mit »Geht schon.«
Nachdem sich die beiden Männer über ihr Wohlbefinden aufgeklärt hatten, wurde eine schwer wiegende Frage in den Raum gestellt. Da jedoch keiner so genau wusste, wer sie dort abgestellt hatte, schob sie der Eine unter den Tisch. Schließlich wollte er nicht verantwortlich für etwaige Stolperverletzungen sein. Schon im nächsten Moment hatten sie die Frage wieder vergessen und der Eine erkundigte sich beim Anderen: »Bist du schon einmal … ? Na du weißt schon.« Vermutlich wusste der Andere tatsächlich was der Eine gemeint hatte und antwortete: »Nein«. »Noch nie?« hakt der Eine nach. »Nein, noch nie«, bestätigte der Andere dem Einen, der es nicht für wahr haben wollte. »Aber hast du nicht … ? Ich meine das kann doch passieren.« behauptete der Eine, der mit absoluter Gewissheit von seiner Vermutung überzeugt war. Der Andere stutzte einen Moment und erklärte dem Einen, dass es möglich wäre, ihm selbst aber sei es noch nie passiert. Die beiden Männer ließen einen Moment von sich ab und schauten sich in der kleinen Kneipe am anderen Ende der Straße um. Als sich die Blicke des Einen mit dem Anderen kreuzten und sich etwas ineinander verhakten, meinte der Andere: »Was ist mit dir?« Dabei musterte er sein Gegenüber sehr genau und versuchte seinen Blick zu entwirren. »Was soll mit mir sein?« entgegnete der Eine, ohne zu erröten. »Ist es dir schon einmal passiert?« ergänzte der Andere seine Frage. Der Eine stutzte einen Moment und spielte mit seinen Fingern Klöppeln. Vorsichtig schaute er nach links, nach rechts und überall dort hin, wo er einen Mithörer vermutete. »Nein« gab der Eine dem Anderen als Antwort und schaute sich nochmals um. »Nein, mir ist es auch noch nie passiert.« fügte der Eine seiner Antwort hinzu, die der Andere mit sichtlichem Erstaunen entgegennahm.
Wieder schauten sich beide Männer in der kleinen Kneipe am anderen Ende der Straße um. Plötzlich formte der Eine seinen Mund zu einem verschmitzten Grinsen und kicherte offensichtlich schadenfroh in sich hinein. »Was ist los?« fragte der Andere den Einen mit steigender Neugierde. »Ich glaube dem dort drüben ist es gerade passiert.« Dabei deutete er auf einen Mann am Tresen. »Wirklich wahr?« wollte der Andere wissen und legte vorsichtshalber auch schon mal ein schadenfrohes Grinsen ins Gesicht. Der Gedanke an das Missgeschick von dem dort drüben stimmte den Anderen heiter. »Ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen.« Der Eine war sich noch nie so sicher gewesen. Doch der dort drüben ließ sich nichts anmerken. »Ich sagte doch, es kann passieren«, meinte der Eine und forderte eine Bestätigung. Der Andere ließ sich nicht zweimal bitten und sagte »Ja, das hast du.« Noch immer starrten die beiden Männer in der kleinen Kneipe am anderen Ende der Straße zu dem dort drüben am Tresen, der noch immer bewegungslos auf seinem Hocker kauerte.
»Meinst du, dass es dem dort drüben peinlich ist?« fragte der Eine den Anderen. »Also mir wäre es bestimmt peinlich.« argumentierte der Andere ohne den Einen anzusehen. Zu sehr war die Aufmerksamkeit auf den dort drüben gerichtet. Plötzlich begann dieser auf seinem Schemel hin- und herzurutschen. »Jetzt hat er es bemerkt« meinte der Andere und der Eine sagte: »Woran merkt man es denn?« Der Andere schaute den Einen ungläubig an und antwortete: »Ich weiß es nicht. Mir ist es noch nie passiert.« Wieder richteten sie ihren Blick auf den dort drüben am Tresen. Und noch immer rutschte dieser auf seinem Hocker umher. Nach einer kurzen Weile schaute sich der dort drüben zögerlich um. Auch der Eine drehte seinen Kopf, um nicht als Beobachter entlarvt zu werden. »Ich glaube du hast Recht.« gab der Eine dem Anderen als Bestätigung. »Womit?« fragte der Andere. »Er hat es bemerkt« meinte der Eine. Die beiden Männer in der kleinen Kneipe am anderen Ende der Straße grinsten sich ins Gesicht und nickten zustimmend.
Plötzlich – aber ohne Hektik – kam der dort drüben auf den Einen zu. Der Andere lachte verschmitzt in sich hinein und den Einen aus. Der Eine sank immer tiefer in seinen Stuhl, bis er schließlich unter dem Tisch zum Stillstand kam. Der dort drüben kauerte sich zu dem Einen unter den Tisch und sagte: »Das ist meine.« Er deutete auf die beiseite gestellte Frage. »Natürlich« bestätigte der Eine, der die schwer wiegende Frage unter dem Tisch hervorholte und seinem Gegenüber in die Arme drückte. »Danke« sagte dieser und verschwand. Der Eine setzte sich wieder zum Anderen an den Tisch und grinste ihm ins Gesicht. Doch der Andere war schon auf der Suche nach einem neuen Beobachtungsziel, das irgendwo in der kleinen Kneipe am anderen Ende der Straße auf die eintreffenden Blicke der beiden Männer wartete.

© 2000 by Radafir Adashami. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Diese Erzählung prahlt von Anfang an damit, dass sie was ganz Besonderes sein will, hält aber nicht einmal das Prahlen durch. Offen bleibt, was überhaupt dargestellt werden soll: ein Spiel mit Wörtern? Langeweile? Soll gar nichts dargestellt, sondern halt irgendwie unterhalten werden? Warum nicht: auch schlechte Unterhaltung ist Unterhaltung; wem das genügt: Schlechte Unterhaltung findet sich in dieser Erzählung die Hülle und Fülle!
Kleine Kneipe am anderen Ende der Straße wird in diesem Text als stehender Begriff verwendet – außer in der Überschrift, wo es – wenn überhaupt – vor allem hingehört hätte: die Kneipe wäre damit ein für alle Mal ausreichend gekennzeichnet, und man müsste nicht immer wieder dieses penetrante kleine Kneipe am anderen Ende der Straße lesen: das ständige Wiederholen (auch von der Eine und der Andere an solchen Stellen, wo es zum Verständnis völlig überflüssig wäre) lässt auf einen Erzähler (das bezieht sich nicht auf den Autor!!!) schließen, der sichtbar in den Erzählgang eingreifen und mit aller Gewalt witzig sein will, indem er sich zum Kumpanen der beiden Männer macht; denn er verschweigt absichtlich Dinge, die er weiß, in dem vergeblichen Bemühen, einen Leser zu unterhalten. An dieser Art Langeweile ist nichts Unterhaltsames. Die nervt.
Zusätzlich nervt, dass der Erzähler nur ab und zu witzig sein will und dann möglichst schnell weiter kommen: er müsste mehr Geduld mit sich und größere Ausdauer beim Formulieren haben, er kann das nämlich, es blitzt stellenweise auf! Vor allem sollte er wissen, was er eigentlich will, und dann müsste er die Sprache entsprechend gestalten. Und dem Autor möchte ich in diesem Zusammenhang empfehlen: machen Sie sich ein viel genaueres Bild von dem Erzähler und seinen Absichten! Und verpassen Sie ihm einen Sprachstil, den er auch durchhalten kann!

Die Kritik im Einzelnen

Die kleine Kneipe am anderen Ende der Straße: beim ersten Lesen erinnerte ich mich schlagartig wieder an einen uralten Schlager, den ich als Kind öfter gehört hatte: »Die kleine Kneipe in unserer Straße«, ich höre sogar die Melodie – danke für diese Erinnerung! (Warnung: ich bin kein Fan von Schlagern, wohl aber von Erinnerungen!) zurück
So bezeichnet die Art und Weise, wie jemand sitzt. Als ob kommentiert aber ganz allgemein die Tatsache, dass die beiden da hocken, und nicht die besondere Art des Sitzens: so muss weg! zurück
Der erste Satz beginnt in der Gegenwart: es wird etwas geschildert, was immer so ist. Jetzt wechselt die Erzählung in die Vergangenheit, obwohl bis zum Ende des Abschnittes ebenfalls nur geschildert wird, was immer so ist. Warum der Zeitenwechsel an dieser Stelle? Warum nicht erst im zweiten Abschnitt, wo etwas Neues geschieht? zurück
Wie sich jemand setzen kann und anschließend Platz nehmen, das verstehe ich nicht. Ich gehe davon aus, dass das Letztere ein Versehen ist (vielleicht ist diese Doppelung aber auch organischer Bestandteil vom erzwungenen Witz in diesem Text – das vermag ich nicht zu entscheiden) zurück
Die Passivkonstruktion ermöglicht es dem Erzähler, erneut Einer und Anderer zu verwenden; ohne diesen Missgriff stünde da ein einfaches er, dass sich logisch-eindeutig auf das Subjekt Anderer des vorhergehenden Satzes bezieht. Aber warum einfach, wenn es auch umständlich geht? zurück
Das kommt davon, wenn man verquast formuliert: eigentlich müsste ja Einer auf die Frage von Anderer antworten, hier beantwortet Anderer seine eigene Frage.
Auch das mag ja beabsichtigt sein aus dem genannten Grund, worauf sich dann die Frage stellte, warum dieser Fehler nur hier auftritt und nicht auch anderswo. Ich werde aber hinfort nicht mehr auf diese Möglichkeit verweisen, denn erstens erklärt sie nichts, und zweitens ließe sich unter dieser Prämisse nur in den Augen dieses Erzählers alles rechtfertigen, in meinen aber nichts. Es ist völlig unergiebig und führte zu dem, was ich dieser Erzählung vorwerfe: nämlich penetrante Wiederholung. zurück
Die beiden Männer haben nicht sich (=sich selbst) über ihr Befinden aufgeklärt, sondern einer den anderen. Der Satz muss heißen: Nachdem die Männer einander über ihr Befinden aufgeklärt hatten (.). Über ihr Wohlbefinden können sie sich nicht aufklären, denn erstens befinden Sie sich nicht wohl, und zweitens ist ja ein Wohlbefinden zumindest zweifelhaft, wenn jemand die Frage Wie geht’s stellt. Wenn es denn Wohlbefinden sein muss, muss das Verb geändert werden: Nachdem die Männer sich einander ihres Wohlbefindens versichert hatten oder Nachdem die Männer ein Wohlbefinden geleugnet hatten. zurück
Hier will der Erzähler ganz doll witzig sein, indem er mit einem Bild spielt. Zunächst wird eine Frage in den Raum gestellt. Das ist als Bild verständlich, es ist eine gebräuchliche Metapher, über die sich eigentlich keiner mehr Gedanken macht. In-den-Raum-Stellen geht wortwörtlich ja nicht, denn Dinge stehen an einem Platz; deswegen heißt es in einer anderen bekannten Redewendung Die Frage schwebt im Raum.
Was macht der Erzähler? Im nächsten Satz verwandelt er die schwer wiegende Frage in ein schweres Ding: die schwer wiegende Frage wird jetzt entgegen dem vorhergehenden Satz nicht mehr in den Raum gestellt, sondern auf den Boden, und da sogar der Erzähler merkt, dass er das ursprüngliche Bild vergewaltigt, macht er aus dem In-den-Raum-Stellen flugs ein abstellen, was etwas völlig anderes ist.
Wozu das Ausgangsbild? Wieso wird diese eh überflüssige Frage nicht direkt auf den Boden gestellt – von mir aus auch eine fettleibige? Wer überhaupt außer den beiden Männern ist in der Kneipe, der diese Bleifrage hätte stellen können? Was soll dieses absurde Element, außer einen verkrampft-originellen Erzählanlass bilden? Statt der Frage hätte Derdortdrüben auch eine tiefgefrorene Kuh abstellen können oder ein kaninchengrünes Skateboard oder weiß der Teufel: all das hätte am Ende ebenfalls Derdortdrüben gehören können, ohne dass sich für den Verlauf der Geschichte irgendetwas ändern würde (außer dass eine völlig missglückte Wortspielerei unterblieben wäre).
Klar, man kann auch über eine Frage stolpern! Ganz toll: noch eine Redewendung untergebracht! Mich aber interessieren zwei andere Punkte viel mehr! Zum einen würde ich gerne wissen, wieso Einer so viel Verantwortungsbewusstsein entwickelt: braucht der Erzähler das, damit dieses Ding elegant unter dem Tisch verschwinden kann und Derdortdrüben es später ebenda finden? Zum anderen frage ich mich: wieso schiebt er es überhaupt unter den eigenen Tisch und nicht unter einen andern, was zudem technisch viel leichter zu bewerkstelligen wäre, nämlich u.U. ohne Aufstehen, denn dieses Ding wird ja geschoben (und nicht gezogen) Oder befand sich das Ding zwischen ihm und dem Tisch – aber wer hätte dann stolpern können? zurück
Weil bisher immer nur von den beiden die Rede war, reicht erkundigte sich völlig aus. zurück
Zwei Personen sitzen jeden Samstag in dieser Kneipe, sie kennen sich also recht gut. Einer fragt »Bist du schon einmal?«, worauf der andere »Nein« antwortet. In dieser Kürze wäre das eine witzige Kommunikation, da der Leser nichts versteht (dabei sicher ähnliche Situationen kennt) und neugierig wird.
Was aber geschieht in dem Text? Zunächst einmal wird der Leser mit dem Vorschlaghammer »Auslassungspunkte« darauf hingewiesen, dass Einer hier etwas auslässt, was er in Gedanken sehr wohl fortführt. Aber das reicht noch nicht! Anschließend wird der Leser von einem (überflüssigen) Verständnis abgehalten, indem Einer seinem Kumpel Anderer kumpelhaft-insiderisch eine Begründung liefert für seine Gedankenpause: »Na du weißt schon.« Was könnte Einer sich während der Punkte gedacht haben? Ich befürchte so was wie:
»Ey, Kumpel, kann das jetzt nicht sagen, weil am Nebentisch sitzt der Erzähler, der würde das dann dem Leser erzählen –  He, stell dich doch nicht so blöd an! Denk doch mal ’n Sekündchen nach: du weißt doch wohl noch: (es folgt die alles erhellende Aussage Na du weißt schon)«, und Kumpel versteht selbstverständlich.
Doch immer noch nicht genug: Jetzt mischt sich der Erzähler wichtigtuerisch in das Geschehen ein und vermutet, dass Anderer Einer tatsächlich verstanden hat und deswegen »nein« antwortet. Endgültig wird alles, was Humor hätte sein können, ganz unfeierlich zu Grabe geschleift.
Unlogisch von der ganzen Erzählung her ist, warum die Frage nicht so lautet wie im umgekehrten Fall bzw. wie die Aussage, die sich auf Derdadrüben bezieht: »Ist es dir schon einmal passiert?« Hier wäre eine Wiederholung inhaltlich-stilistisch angebracht! zurück
Was wollte Einer nicht für wahr halten? Die Verneinung selbst? Die Bestätigung der von ihm wiederholten Verneinung? Den Wahrheitsgehalt der Äußerung? War seine ursprüngliche Frage also keine echte, sondern eine rhetorische, wenn die Antwort für Einer fest zu stehen scheint? Ich glaube, dass Einer die Antwort einfach nicht glauben konnte (oder fassen oder verstehen oder irgendetwas in dieser Richtung), dass er von der Antwort überrascht war, weil er seinen Kumpel anders eingeschätzt hatte. Das hat gar nichts zu schaffen mit »ich halte für wahr, dass .«) zurück
Erneut hochbedeutungsschwangere Auslassungspunkte, damit der Leser erneut merkt, dass erneut etwas ausgelassen wird, was erneut für das richtige Verständnis wichtig gewesen wäre! Die Aussage von Einer hätte so einfach lauten können: » Aber – ich meine, das kann doch passieren!« Nach dem aber (was hier Überraschung ausdrückte) folgt ein Gedankenstrich: der deutet an, dass Einer nach Fassung und Worten sucht, die er dann schließlich findet: er relativiert seine felsenfeste Überzeugung, das Anderer auch schon einmal gewesen sein müsse, indem er mit ich meine zu verstehen gibt, dass die anschließende Behauptung richtig ist, nämlich dass es hätte passieren können (ich greife hier in die Zeitenfolge ein, denn die Eingangsfrage meint ein Ereignis in der Vergangenheit; folglich muss diese Äußerung sich ebenfalls auf die Vergangenheit beziehen).
Stattdessen spielt sich der Erzähler erneut auf und legt zur Strafe anschließend eine totale Bruchlandung hin: Einer sei mit absoluter Gewissheit von seiner Vermutung überzeugt. Gerade hat er eine Meinung geäußert, die seiner Überzeugung entspricht. Was ist jetzt Vermutung? Und was soll heißen, er ist von seiner Vermutung überzeugt? Heißt das, dass er seine Überzeugung nicht als Vermutung erkennt, sondern für Gewissheit hält (logisch, ist ja auch seine Überzeugung)? Mischt sich etwa schon wieder der Erzähler ein und erklärt dem dummen Leser, dass Einer eigentlich nur eine Vermutung hat, das aber nicht weiß im Gegensatz zum schlauen Erzähler, der es jetzt dem dummen Leser mitteilt: Einer ist von der Richtigkeit (so müsste es aber dann heißen) seiner Vermutung absolut überzeugt (wenn es denn sein muss, auch mit absoluter Gewissheit überzeugt, schließlich ist überzeugt nicht so ganz richtig überzeugt, sondern halt bloß so irgendwie überzeugt). Davon abgesehen habe ich im vorigen Abschnitt nachgewiesen, dass Einer in diesem Augenblick nicht mehr überzeugt ist: das ganze Geraffel des Erzählers ist Sprachmüll. Ich entsorge jetzt mal den Müll und füge zusammen, was übrig bleibt:
Der Eine erkundigte sich beim Anderen: »Ist es dir schon mal passiert?« – »Nein.« – »Noch nie?« hakte der Eine nach. »Nein, noch nie!« bestätigte der Andere. Überrascht rechtfertigte sich der Eine: »Aber – ich meine, dass hätte doch passieren können!« Der Andere stutzte einen Moment (.) Braucht es mehr? Nein, es braucht nicht mehr! zurück
Einen Moment: hatten wir nicht eben erst einen Moment, und kommt nicht gleich wieder ein Moment? Doch! Also streichen! zurück
Wo sonst? Streichen! zurück
Wie entstehen Blindenhunde? Indem man Blicke des Einen mit dem Anderen kreuzt. Wieso auf diese Weise Blindenhunde entstehen? Gute Frage: es können auch tiefgefrorene Kühe sein oder kaninchengrüne Skateboards, denn aus etwas, das es nicht gibt, kann alles entstehen – und niemand wird mir das Gegenteil beweisen können. In seiner Freude, Einer & Anderer endlich wieder in einem Satz stopfen zu können, überzieht der Erzähler den grammatischen Bezug; heißen hätte es müssen: Als sich die Blicke des Einen mit denen des Anderen kreuzten (.). Wenn man jetzt auf die betonte Nennung der beiden Protagonisten verzichtete, könnte es einfach und unkompliziert heißen: Als sich ihre Blicke erneut trafen (.). Übrigens: das Teilsätzchen »und etwas ineinander verhakten« gefällt mir ausgesprochen gut! zurück
Schaute der Andere seinem Gegenüber in die Augen, oder musterte er den ganzen Kerl und immer wieder auch die Augen? Und warum wollte er den Blick des anderen entwirren? War der Blick des Einen etwa verwirrt? Ereignete sich der Blickentwirrungsversuch gleichzeitig mit der Musterung oder ist es sogar ein und dieselbe Tätigkeit, die hier mithilfe von und verdoppelt bzw. nachträglich korrigiert wird? Fragen über Fragen – und keine Antwort in Sicht. zurück
Das ist nachgeradezu vorbildlich: hier beweist der Erzähler, dass er sehr wohl erzählen kann, ohne sich immer einzumischen! »Ohne zu erröten« ist nur deshalb so überraschend und witzig, weil der Erzähler im Vorfeld seinen Zeigefinger nicht darauf richtete, dass Anderer auf eine intime Reaktion gewartet hat. Das macht Hoffnung! zurück
Wenn der kritisierte isolierte kurze Moment tatsächlich – wie oben angeraten – entfällt, kann diese Sequenz als Parallelführung zu Der Andere stutzte einen Moment durchaus bleiben (aber nur dann: andernfalls wäre die dritte Nennung innerhalb dieses Absatzes als Einfallslosigkeit gebrandmarkt). zurück
Klöppeln ist kein Spiel, sondern eine Tätigkeit, die sowieso mit den Fingern ausgeführt wird. Beim Klöppeln bewegen sich die Finger der Könnerinnen sehr schnell, und die Klöppel verursachen dabei je nach Material unterschiedlich klackernde Geräusche. Damit dieser Teilsatz einen nachvollziehbaren Sinn bekommt, würde ich raten: Der Eine stutzte einen Moment und klöppelte mit den Fingern. zurück
Warum schaute er nach links und rechts, warum nicht einfach nur überall dort hin, wo er Mithörer vermutete, was ja und links und rechts einschließt? In diese Richtungen schaut er doch lediglich, weil er dort ebenfalls Mithörer vermutet. Streichen!
Die Nennung der beiden kann wiederum problemlos entfallen, denn es ist eineindeutig, wer gefragt hat und wer antwortet. Also kann es heißen: »Nein.« antwortete er und schaute sich nochmals um. »Nein, mir ist es auch noch nie passiert!« fügte er hinzu.
An dieser Stelle kann Anderer die Antwort nicht mit Erstaunen aufnehmen: das hätte beim ersten Nein geschehen müssen. Der Satz könnte – meinen obigen fortführend – lauten: (…) hinzu, was der Andere mit sichtlichem Erstaunen aufnahm. zurück
Wenn jemand etwas formt, ist das ein bewusster Akt: ist Einer jemand, der bewusst verschmitzt schauen kann? Ich erkenne aus dem folgenden Wörtern allenfalls, dass ihn tatsächlich etwas amüsiert – folglich formt nicht er seinen Mund, um etwas zu demonstrieren, sondern sein Mund verformt sich. Verschmitzt ist was Feines, Grinsen etwas Grobes, In-sich-hinein-Kichern wieder etwas Feines: das Grinsen muss ersetzt werden.
Das Wort offensichtlich kann nur der Wahrnehmung des Erzählers entspringen, der Einers Bemühen witzig kommentieren will: einerseits formt er seinen Mund, andererseits hat er solchen Erfolg damit, dass er unwillkürlich schadenfroh darüber lachen muss (Klar, er lacht aus einem anderen Grund, dann steht offensichtlich aber im Kontrast zu dem vorher gesagten. Der Erzähler möge sich hier besser raushalten). zurück
Weg damit! zurück
So lange dauert Anderers Fragen nicht, als dass während der Artikulation die Neugierde steigen könnte! Vielmehr ist seine Neugierde inzwischen schon so groß geworden, dass er überhaupt auf die Idee kommt zu fragen! Vielleicht (.) fragte der Andere, neugierig geworden. Oder: (.) fragte der Andere, dessen Neugier erwacht war. Oder er fragt ganz einfach neugierig. zurück
Hier wäre es sinnvoll, der Eine zu schreiben, um den Redner deutlich zu kennzeichnen, denn es wäre auch denkbar, dass Anderer in dem Moment, als er die Frage stellt, etwas bemerkt, was er jetzt ohne eine Antwort abzuwarten Einer mitteilt! Zudem leuchtet nicht ein, warum der Erzähler plötzlich darauf verzichtet, Einer & Anderer auftreten zu lassen – daraus muss ich schließen, dass diese penetrante Wiederholung nicht einmal als Stilmittel gelten kann, sondern eher zufällig gestreut ist, wenn es dem Erzähler halt gerade einfällt; das wäre sehr dürftig!  zurück
Für legen gilt das Gleiche, was ich zu formen ausgeführt habe, und zu vorsichtshalber das, was zu offensichtlich zu sagen war. Auch hier will der Erzähler wieder witzig sein. zurück
Es wird allmählich sehr lästig: nachdem Anderer sich vorsichtshalber ein schadenfrohes Lachen aufgelegt hatte, wird in diesem Satz diese angestrengte Spaß-Formulierung wieder zurückgenommen: ein Gedanke stimmte Anderer heiter. zurück
Wer sagt das bitteschön? Wie wäre es mit ein bisschen Stilmittel-Pflege, in dem z.B. zumindest der Redende genannt wird? Aber den Erzähler nerven wohl inzwischen seine ewigen Wiederholungen dermaßen, dass sogar notwendige Nennungen unterbleiben. zurück
Das ist erstunken und erlogen! Ich möchte daran erinnern, dass Einer bereits einmal mit absoluter Gewissheit von seiner Vermutung überzeugt war! zurück
Erraten: streichen! zurück
Hat Derdortdrüben sich im Verlaufe der Erzählung jemals bewegt? Nein! Hat er sich vielleicht im Verlaufe der Erzählung jemals nicht bewegt? Auch nicht! Was soll dann noch immer? Meldet sich hier etwa schon wieder der Erzähler zu Wort? Um dem Leser mitzuteilen: »Ach ja, übrigens, der Typ da am Tresen, der ist schon von Anfang an bewegungslos, quasi schon vor der Überschrift, also schon ne ganze Weile, denk mal an die vielen Wiederholungen, ist zwar eigentlich unwichtig, aber der Vollständigkeit halber will ich es doch erwähnen, der Text wäre ja sonst auch viel zu kurz!«?
Derdortdrüben kauert auf seinem Hocker? Ziemlich unbequeme Haltung, finde ich, so mit angezogenen Beinen zusammengefaltet auf dieser winzigen Barhockersitzfläche das Gleichgewicht halten zu wollen! Und ungeheuer anstrengend dazu – nämlich bewegungslos über längere Zeit. Oder soll das witzig sein? Oder fiel dem Erzähler nichts Besseres ein, um auf seinem Hocker hockte zu vermeiden? Ich schätze mal, es war das Letzte. Warum soll sich ein Erzähler auch Mühe geben, der eh nichts zu erzählen hat! zurück
Wer argumentiert denn hier? Der beantwortet nur eine Frage! Antworten wäre in diesem Fall das Normale; es gibt überhaupt keinen Grund, auf einfache Wörter zu verzichten, wenn sie das Richtige bezeichnen – es sei denn »Witz, komm raus: du bist umzingelt!« zurück
Die Aufmerksamkeit ist allgemeine Aufmerksamkeit: Einer & Anderer schauen also fasziniert dem bewegungslos Kauernden zu; folgerichtig hat bereits Einer Anderer nicht angeschaut bei seiner Frage; warum wird aber erst bei Anderer betont, dass er Einer nicht ansieht? Das bedeutet doch, dass Einer Anderer zumindest ein bisschen angesehen hat! Dann ist aber nicht die Aufmerksamkeit gerichtet, sondern allein Anderers Aufmerksamkeit: es müsste dann seine Aufmerksamkeit heißen. zurück
Wie denn was denn wo denn: Derdortdrüben befindet sich an einem Tresen, richtig? An Tresen findet man gemeinhin Barhocker, also erhöhte Sitzgelegenheiten, die auch kurz Hocker genannt werden können, richtig? Hier verwandelt der Erzähler den Hocker in einen Schemel: Barhocker-Hocker-Schemel. Wie originell: wer nichts zu erzählen hat, reißt Witze. Dieser ist allerdings schon längst erstickt wegen seiner Langatmigkeit! zurück
Der ungläubige Anderer: selbst dieses harmlose Wort wirft ein Problemchen auf in diesem Zusammenhang! Was glaubt er denn nicht? Dass das eine Frage war? Dass Einer gefragt hat? Den Inhalt der Frage? Anderer kann allenfalls überrascht sein ob Einers Frage, denn er hat diesem doch gesagt, dass er keinerlei Erfahrungen mit so was hat – und Einer hat das offenbar wieder vergessen, sonst hätte er diese Frage nicht stellen können. zurück
Rückverwandlung des Schemels? Mehr Synonyme (oder was man dafür hält) fielen dem Erzähler nicht ein? Microsoft empfiehlt: Stuhl, Sitz, Fußbank, Hutsche (???), Bock, Sitzgelegenheit; sogar auf seinem Hintern könnte Derdortdrüben herumrutschen, d.h. eher nein: Derdortdrüben kauert ja noch! Dann wären es doch schon eher die Füße, die mit dem Rutschen zu schaffen hätten. zurück
Das kommt jetzt überraschend: Einer & Anderer glotzen schon eine ziemlich lange Weile, unterbrochen von Hinweisen und Fragen, während Derdortdrüben sich nach einer kurzen Weile zögerlich umdreht. Funktioniert so aber nicht! Ist auch gar nicht gewollt! Gemeint ist, dass irgendwann etwas Neues geschieht außer Glotzen und Herumrutschen, die Dauer bis dahin ist eigentlich völlig unwesentlich. Statt der vom Erzähler goutierten Plattitüde hätte ein schlichtes dann dasselbe geleistet, auch ein schließlich oder endlich würde Neues ankündigen und zusätzlich das Augenmerk darauf lenken, dass sowohl Leser als auch Einer & Anderer etwas erwarten. Nach einer kurzen Weile beschloss ich, den Hyperlink zu setzen. Ja, von wegen, habe Besseres zu tun, muss noch ein paar Wörter schreiben. So: erledigt! zurück
Warum Derdortdrüben sich zögerlich umschaute, wird jetzt erst klar: genau wie Einer wollte er nicht als Beobachter entlarvt werden. Zwar hatte Derdortdrüben bislang nichts dem Leser Bekanntes beobachtet, aber da weiß der Erzähler wie üblich anders und mehr.
Fehlte das irreführende auch und würde Einer nicht den Kopf drehen (währenddessen kann das Objekt nämlich weiter beglotzt werden), sondern seinen Blick abwenden, wäre alles in Butter und Ordnung. zurück
Vorschlag: ganz einfach »bestätigte der Eine dem Anderen« zurück
Das auch? Das auch! zurück
Sie grinsen nicht sich ins Gesicht, sondern einander in selbiges (hatten wir schon irgendwo oben, mag nicht mehr danach suchen). Erstaunlich: Einer & Anderer dürfen ganz schlicht grinsen; nichts müssen sie aktiv dazu tun, weder formen noch legen, sich kein ein Grinsen überstülpen oder ihre Gesichtszüge zurechtbiegen oder ihr Antlitz umgestalten: die Grins-Witzchen sind vergessen, der Erzähler kann nicht mehr, hat sein Witzpulver verschossen. Das macht einerseits Hoffnung, stimmt andererseits aber traurig, da der Erzähler aber auch gar nichts bis zum bitteren Ende durchhält, sondern seinen Fähigkeiten jeden Einfall durchgehen lässt und anschließend gleich wieder vergisst. zurück
Selbst Anderer kann Einer nicht verschmitzt auslachen, also weg mit verschmitzt (hatten wir zudem schon einmal). zurück
Es ist bald schon müßig zu wiederholen, dass wieder einmal etwas unsinnig ist: hier die Verbindung von in seinen Stuhl sinken und unter dem Tisch zu Stillstand kommen. Kein Ding kann gleichzeitig an mehreren Orten sein (wegen der Quantenmechanik sollte ich lieber und vorsichtigerweise Mensch schreiben statt Ding.). Vielleicht hat der Erzähler sich auch nur einen Ruck gegeben, um am Ende noch mal so richtig witzig zu werden. zurück
Wo kommt die her? Wer hat sie beiseite gestellt? Zu Beginn des Textes wurde eine Frage unter den Tisch geschoben: hat die sich vermehrt? zurück
Na wer sagt’s denn: es geht doch mit einfachen Worten (Einer hätte ja wie sein Kumpel Anderer eine Bestätigung liefern können oder Schrecklicheres)! zurück
In seiner Freude und Ungeduld, diesen Text endlich beenden zu können, vergisst der Erzähler, dass beide immer noch unter dem Tisch kauern. Hauptsache, die blöde Frage verschwindet endlich. Mir soll’s recht sein! zurück
Langsam reicht es mit diesem Dauergrinsen! Mir ist es schon seit geraumer Zeit vergangen, und der kann überhaupt nix außer ihm. zurück
Nicht einmal der letzte Satz hat Bestand: ein Beobachtungsziel wartet nicht auf eintreffende Blicke, sondern ausschließlich darauf, angeblickt zu werden. Worauf wartet es also? Auf Blicke.
Aber selbst das ist noch falsch, ich muss mich korrigieren: Beobachtungsziele definieren sich ja nicht selbst, sondern werden durch Beobachter zu solchen ernannt. Folglich können personifizierte Beobachtungsziele nicht darauf warten, angeschaut zu werden, sondern Objekte können darauf warten und hoffen, Gegenstand von Interesse und Blicken zu werden, vielleicht sogar ein reinrassiges Beobachtungsziel. (Endlich ist es geschafft!) zurück

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– Ein Bericht vom Symposium von Wolfgang Burger
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06 Attentat aufs Literatur-Café!
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»Fremd bin ich ausgezogen…«
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Das Literatur-Café – live in Stuttgart
Erstmals präsentierte sich das Literatur-Café am 10.12.1997 live vor Publikum

»Entweder ihr redet oder ich rede!«
Interview mit Robert Gernhardt über Vorlesen und Lesungen.

Arsen und Spritzgebäck
Ingeborg Jaiser berichtet von einer mörderischen Lesung

Gott beschütze die Verbraucher!
Ingeborg Jaiser berichtet von einer hilfreichen Lesung von Joseph von Westphalen

ZEITKommt Zeit kommt Rat?
Meinungen uns Stellungnahmen zum Internet-Literaturpreis der
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Dass eine Bootsfahrt nicht immer lustig ist, weiß Gero von Büttner zu berichten

Softmoderne 3Notizen von der Softmoderne in Berlin
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Ingeborg Jaiser: »Voll gut«
über eine Weinprobe, auf der überflüssigerweise gelesen wurde

Ingeborg Jaiser: »Drei Seiten wie immer: eine Woche aus Schillers Leben«
Albrecht Metzger liest zu Wendelin Niedlichs 70. Geburtstag (wenn auch etwas verspätet)

Lothar Schmidt: »Ottos Mops [trotzt]«
über eine CD-ROM-Präsentation in Stuttgart am 06.03.1997

Ingeborg Jaiser: »Die Mineralogie der Liebe«
über eine Lesung von Yoko Tawada am 19.02.1997

Rainer Dorn: »Fotos für Blinde«
Bericht von einer Lesung mit vier Dichtern.

Ingeborg Jaiser/Wolfgang Tischer: »Otto Sander liest«
Gedichte und Texte von Joachim Ringelnatz am 18. Januar 1997 in Stuttgart

Wolfgang Tischer: »Gerangel um Worte«
Lesung von Uwe Timm am 4. Dezember 1996 in Stuttgart

Wolfgang Tischer: »Die Vampire sind unter uns«
Bericht einer blutigen Literaturnacht vom 29. auf den 30. November 1996

Textkritik: Immer wie vorgestern – Lyrik

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Wie immer
sein Platz auf der Bank
sucht Ruhe nach der Arbeit
vergräbt die Hände ins Gesicht
unfassbar das Chaos der Erinnerungen

Wie immer
schwappen Stadtgeräusche herüber
drüben türmen graue Fassaden himmelhoch
Neonlichter drinnen tragen grelle Schminke auf

Wie vorgestern
knallt ein Düsenvogel vorüber
spontan schreit das Kind
sein Blick wird abgelenkt
fängt schwarze Raben
eine Ameisenkarawane
zieht über den Feldstein
nebenan ein Telefongespräch
der Wind trägt jedes Wort herüber
doch er
versteht die Menschen nicht

Vorgestern wie gestern
der Kalender sagt es ihm

heute vor 32 Jahren
verlor der Tag
sein freundliches Gesicht
begrub schwarzer Asphalt
Zukunftsträume

© 2000 by Achim Stahnke. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Das Gedicht enthält schöne Elemente: einen nachvollziehbaren Aufbau von immer nach heute; Strophen, die inhaltlich voneinander abgegrenzt sind; ansprechende Bilder (Fassaden türmen himmelhoch, der Tag verlor sein freundliches Gesicht); durch den Verzicht auf Satzzeichen werden mehrere inhaltliche Verbindungen möglich, z.B. in der 3. Strophe: der Blick fängt Raben, dann Ameisen, gleichzeitig ziehen die Ameisen über den Feldstein, ebenso der Blick.

Überstrapazierte Bilder und Verschlüsselungen erwecken aber den Verdacht, dass in diesem Gedicht nicht Erlebnis oder Stimmung verdichtet, sondern ein reales Geschehen in »lyrische« Sprache übersetzt wird, um es zu etwas Besonderem aufzublasen. Das hat mit Lyrik wenig zu tun.

»Man merkt die Absicht und ist verstimmt.«
(Von wem war das bloß? Peinlich …) (Ha! Gefunden: Eichendorff! Digitale Bibliothek sei Dank!)

Die Kritik im Einzelnen

Ausgehend von der Überschrift könnte hier auch vorgestern stehen; es spielt überhaupt keine Rolle, denn immer schließt gestern und vorgestern und alle Zukunft mit ein! Schon der Titel signalisiert: Obacht, hier kommt ein bedeutungsschweres Gedicht! Nämlich eines, dem man anmerken soll, dass es tiefsinnig sein will. Das ist kein guter Anfang. zurück
Der erste Strophe beschreibt eine äußere Situation; vor mir sehe ich ein männliches Wesen, dass auf einer Bank sitzt und das schon eine lange Zeit zu tun pflegt (wie immer): man ist diesen Anblick gewohnt. Dieser Mann sitzt da, weil er nach der Arbeit Ruhe sucht. Soweit ist alles klar und in Ordnung.
Anschließend wird mit einer Redewendung gespielt: der Mann vergräbt nicht das Gesicht in seinen Händen, sondern er vergräbt die Hände ins Gesicht, und er tut es, weil er Erinnerungen fassen will (dieser Zusammenhang drängt sich auf durch die räumliche Nähe von Händen und unfassbar; sollte das nicht beabsichtigt gewesen sein, wäre es grob fahrlässig). Was macht der Mann also auf der Bank? Da es immer so ist, weiß er, dass er keine Ruhe finden, sondern stattdessen sinnlos nach Erinnerungen kramen wird, was zudem sehr schmerzhaft ist; diese Wahrnehmung ruft vergräbt die Hände ins Gesicht hervor. So schön dieses Spiel mit der Redewendung ist, so wenig wird es allerdings dem Sachverhalt gerecht: zum einen liegen Erinnerungen nicht im Gesicht, auch nicht hinter ihm, sondern im Kopf; zum andern »vergräbt« der Mann höchstens seine Finger im Gesicht. Das durch das Spiel mit der Redewendung entstandene Bild wird erheblich überstrapaziert.
Dass der Mann Ruhe nach der Arbeit sucht, ist also inhaltlich unsinnig: da sitzt ein Mann auf der Bank, um sich selbst zu quälen! Während der Arbeit hingegen war er vor diesen unfassbaren Erinnerungen geschützt. Mal ganz banal gesagt: an seiner Stelle würde ich nach der Arbeit nicht Bank samt Quälerei aufsuchen, sondern lieber was Entspannendes oder Aufregendes tun.
Bisher habe ich Chaos unterschlagen, komme aber nicht drum herum: zunächst ist Chaos von Haus aus nicht fassbar, ein entsprechender Hinweis folglich überflüssig; alsdann: wenn die Erinnerungen des Mannes ein Chaos bilden – wie kann er sich dann erinnern, dass es überhaupt was zu erinnern gibt? Woher stammt der Impetus, etwas fassen zu wollen? Wie schon in der Überschrift wird zu viel gewollt und dadurch das Gegenteil erreicht!
Was will diese Strophe eigentlich sagen? Das weiß ich nicht, ich bin nicht diese Strophe! Ich weiß nur, was ich diesem Gedicht entnehme: dass ein Mann jeden Tag nach der Arbeit von einer bestimmten Erinnerung (siehe letzte Strophe …) heimgesucht wird, und das nicht immer, aber immerhin schon 32 Jahre lang… zurück
Das Bild von dem Mann auf einer Bank wird vervollständigt, der Blick weitet sich: die Bank steht wohl am Stadtrand, nur dann könnten Stadtgeräusche herüberschwappen. Sowohl herüber als auch drüben deutet auf etwas hin, das den Standort der Bank von der eigentliche Stadt zusätzlich trennt (es könnte ein Fluss sein oder eine Bahnschneise, letztlich ist es unbedeutend, denn wichtig ist allein die Distanz zur Stadt). Dass graue Fassaden himmelhoch türmen ist ein auf Anhieb einleuchtendes Bild, das an expressionistische Gedichte erinnert (wie übrigens auch die folgende Zeile – was keinerlei Kritik ist, sondern einfach eine Feststellung). Die letzte Zeile drückt einerseits Kritik aus an einer Falschheit (grelle Schminke), zum zweiten allerdings katapultiert sie den Leser unversehens in die Nacht: nur dann nämlich kann Neonlicht so wahrgenommen werden, dass der Ausdruck grell gerechtfertigt ist! Ob mit drinnen hinter den Fassaden gemeint ist oder in der Stadt oder beides, ob gemeint ist, dass die Stadt bzw. die Häuser falsch sind (oder die Bewohner) – das ist offen gelassen. zurück
Der zweite Teil der Überschrift wird wichtig; vorgestern hat an dieser Stelle aber nur dann einen Sinn, wenn den beiden vorhergehenden Strophen ein konkretes heute zugrunde liegt, also ein Moment, an dem die Strophen geschrieben wurden, die so ein immer inhaltlich definieren. Es hat offenbar in dem immer eine Veränderung stattgefunden, die zu erwähnen wichtig ist. zurück
Da knallt ein Düsenvogel vorüber: da wird das nächste Bild überbeansprucht! Dieses Gemisch aus Überschallknall und Vogel ist schlichtweg ungenießbar: bereits knallt ein Düsenjäger vorüber würde die Schmerzgrenze erwischen, da ein Knall lokal und plötzlich ist, während vorbei einen zeitlichen Verlauf kennzeichnet! Wieso der stinknormale Überschallknall eines Düsenjägers so verklausuliert werden muss, verstehe ich überhaupt nicht: warum die Dinge nicht beim Namen nennen, wenn sie einen haben? Warum Tiefsinn vorgaukeln, wo es flach ist?
Diese Art von Bild unterstützt volles Rohr das alte Vorurteil, das Lyrik im Allgemeinen entgegenschlägt: eigentlich meint der Dichter ja was ganz Simples, das verschlüsselt er dann irre raffiniert und gibt damit dem Lesern ein Rätsel auf; sollte der es nicht lösen können, ist er eben zu blöd und das Gedicht klasse ( kann der Leser es jedoch lösen, ist er bitter enttäuscht und fragt sich berechtigt: warum sagt’s der Dichter denn nicht gleich so…). Auf diese Weise bestätigt sie (diese Art von Bild) – ob nun gewollt oder ungewollt – penetrant die angebliche Berechtigung der allerobersaudümmsten Frage, die überhaupt an Literatur gestellt werden kann: Was will der Dichter uns eigentlich damit sagen? Kotz und würg! zurück
Das Kind (es ist dem Mann also inzwischen bekannt) schreit erneut angeohrs (ziemlich miese Analogie zu angesichts, das bei Knall nicht passt; hat aber wohl keine Zukunft) des Überschallknalls, folglich zum dritten Mal, aber nicht zum letzten (vorgestern, gestern, jetzt und ab heute immerdar: immer wie vorgestern… )! Ob sein Blick zurück der Blick des Kindes ist oder der des Mannes, bleibt offen (auch das ist keine Kritik: es muss in Texten beileibe nicht immer alles gesagt werden – ganz im Gegenteil); ungesagt bleibt ebenso, wohin bisher geschaut wurde. Beim Kind habe ich keine Vorstellung, beim Mann könnte ich vermuten, dass sein Blick von innen nach außen gelockt wird, er also das Chaos aus den Augen verliert und stattdessen die Wirklichkeit wahrnimmt, die im Folgenden geschildert wird. zurück
Der Standort der Bank wird für mich noch ein Stück deutlicher: sie steht am Rand einer Wiese oder auch eines Feldes. Doch warum müssen die Raben schwarz sein? Hätten es nicht auch weiße sein können? Werden die Raben schwarz genannt, weil sie sowieso schwarz sind, so wie Gras grün ist, Schnee und ein Schimmel weiß, Feuer heiß, Sonne und Sand und Sonnenblume gelb, Gebrüll laut, Flüstern leise, Wasser nass, Minirock kurz? Kurz und knapp und bündig: muss man und frau alles und jedes zweifach und doppelt singen und sagen, insbesondere und besonders vor allem und speziell das augenscheinlich Offensichtliche? Tja dann… zurück
Sitzt der Mann gar nicht auf einer Bank in der freien Natur? Nebenan findet schließlich ein Telefongespräch statt, und Nebenan verlangt abgrenzbare Gebiete: das Haus oder der Garten nebenan. Gut: dann hat meine bisherige Vorstellung nicht gestimmt (wohlgemerkt: das Gedicht trifft daran keinerlei Schuld), dann setze ich den Mann einfach in seinen Vorgarten mit Stadtblick (also an einem Hügel oder einer Uferböschung), und Nachbars telefonieren. zurück
Dieses Mal trägt der Wind etwas herüber (wohl über eine Grundstücksgrenze), nämlich die Worte eines Telefongespräches, die der Mann sehr wohl versteht, aber (und jetzt kommt es ganz dick und kitschgesättigt): er versteht die Menschen nicht.
Ich übrigens auch nicht: ich halte das allerdings weder für eine Leistung noch für einen Mangel; ich bin höchst zufrieden, dass ich – jedenfalls manchmal – einige Menschen verstehe. Die Menschen verstehen zu wollen ist Hybris pur. Sollte dieser Mann darunter leiden, würde ich ihm empfehlen, es mit einem Menschen zu probieren. Das aber wird er nicht wollen, es könnte ihn die Einsamkeit kosten, an der die Menschen schuld sind, da er sie nicht versteht. Das beißt sich wunderbar in den Schwanz!
Ach: so einfach wäre zu streichen dieses »doch er versteht die Menschen nicht«, nichts würde dem Gedicht fehlen, gewinnen würde es. zurück
In der Kette vorgestern, gestern und heute sehe ich an dieser Stelle einen Widerspruch zum immer in der Überschrift und den beiden ersten Strophen: es nähert sich nämlich ein Jahrestag, an den sich der Mann – meinetwegen mithilfe des Kalenders – sehr genau erinnert (also, wie oben schon ausgeführt: gerade kein Chaos, dafür sehr fassbare Erinnerungen!), und sei es nur in den letzten drei Tagen! Welches Unglück ihm widerfahren ist, wird hier bedauerlicherweise wieder verrätselt: schwarzer Asphalt (siehe schwarze Raben) hat des Mannes Zukunftsträume begraben: auf meiner geistigen Leinwand erscheint ein städtisches Straßenbaufahrzeug, das Asphalt abkippt und versehentlich den Lieblingshund verschüttet…
Aber dabei habe ich ein schlechtes Gewissen: tief in meinem Innern vermutet etwas trotz der sprachlichen Gestaltung dieser Zeile, dass der Mann bei einem Unfall auf der Straße einen geliebten Menschen verloren hat – dann wären seine Zukunftsträume nicht vom Asphalt begraben, sondern auf dem Asphalt verendet (oder wie auch immer). Ich betone: es ist reine Vermutung, sie kann durch keinen einzigen Hinweis im Text gestützt werden! zurück

Textkritik: Dem Sepp sein Auftritt – Prosa

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Diesmal hatte Herr Haslinger sich selbst übertroffen. Ein Drama hatte er zu Papier gebracht, das die Geschichte Wimpfelsbergs an der Hutzen in einer Weise darstellte – also gran-di-os, wie der Bürgermeister und Kronenwirt nach erster Lektüre lobte – dass einem Hören und Sehen verging. Die Schlacht im Hutzental, jenes legendäre Gemetzel, in dessen Verlauf die Wimpfelsberger Bauern den fürstlichen Söldnern Paroli geboten und sie schließlich in die schmatzenden Sümpfe des Hutzenmoores gescheucht hatten – dies als Unterlage für eine zartbittere Liebessaga – die Worte fehlten einem: Gran-di-os!
Wobei er im Pegasusgalopp nicht richtig gezählt hatte. Herrn Studienrat Haslinger war es unterlaufen, dass das Werk schließlich mehr Rollen enthielt, als die Laienspielschar Wimpfelsberg an der Hutzen e.V. zu besetzen in der Lage war. Wohl konnte man den einen oder anderen Söldner oder auch ein paar Marktmädchen aus den Beständen des Progymnasiums Wimpfelsberg a.d.H. auffüllen. Wohl war hier und da eine Laienspielscharmitgliedstochter willens, ein zierliches Fräulein am Hofe des abgrundverderbten Fürsten zu geben, sofern sie mehr Kostüm als Text darzustellen hatte. Aber die eine Rolle in der einen Schlüsselszene wollte und wollte keinen Darsteller finden: Der mannhafte Häufleinführer. In finsterer Nacht sollte ein Häuflein versprengter Söldner den Rand des Hutzenmoors erreichen. Der Führer des Häufleins, der Häufleinführer also, sollte in das Moor, respektive die atemlos lauschende Masse der Wimpfelsberger im Kronensaal, hineinspähen und ausrufen: »Schwarz liegt das Moor – unsere letzte Zuflucht – in seinem Dampf.« Danach sollte hinter ihm irgendein Krawall ausbrechen, der ihn weiterer rhetorischer Anstrengungen entheben würde. Eine kleine Rolle in einer großen Szene! Aber nicht und nicht zu besetzen. Alles abgegrast.
Die Wimpfelsberger Theatertage im Kronensaal waren gefährdet! Bis schließlich der Bürgermeister und Kronenwirt seinen Maßkrug auf den hauseigenen Stammtisch knallte und ausrief: »Haslinger, verzweifelns nicht, den Rädelsführer macht ihnen der Sepp!« »Häufleinführer, bitte!« Studienrat Haslinger war mäßig begeistert. Der Sepp?! Der Sepp war Stallknecht in der kronenwirtseigenen Landwirtschaft und allerdings ein Mordsmannsbild, wenn auch etwas maulfaul. Nun ja, diesen einen Auftritt, diesen einen Satz – es gab eh keine andere Wahl.
Der Sepp machte fast freiwillig mit. Es wurde ihm beigebracht, wie sein Satz zu heißen habe. Er übte und übte. Molk er die Braunen, skandierte er mit jedem Zitzenzug: »Schwarz liegt (spritz) das Moor (spritz) unsere (spritz) letzte (spritz) Zuflucht (spritz) in seinem (spritz) Dampf. Sakra.« Mistete er den Stall aus, war jeder Gabelschwung ein Wort: »Schwarz (wurf) liegt (wurf) …« und so weiter. Sein Satz ging ihm in Fleisch und Blut über. So wurde er zu einem der pflegeleichtesten Darsteller auf allen Proben. Trampel, trampel – Rampe – spähen – Satz brüllen. Kein Problem. Der Autor und Regisseur war zufrieden.
Bis zur Premiere. Obwohl sein Auftritt erst im dritten Akt vorgesehen war, hibbelte der Sepp schon seit Saalöffnung in den Kulissen herum – in vollem Wichs. Die Sonntagskrachlederne und das Oberteil einer Faschingsrüstung zum Söldnergewand umfunktioniert, eine vom Wimpfelsberger Schlosser aus Blech und Besenstiel gefertigte Hellebarde vor sich her tragend, repetierte er: »Schwarz liegt das Moor – unsere letzte Zuflucht – in seinem Dampf.« Endlos zogen sich die weniger bedeutenden Teile der Vorstellung hin. Bis sich schließlich und endlich das Häuflein hinter ihm formierte. Gleich! Sekunde noch! Das Stichwort! Und raus!
Trampel, trampel. Die Rampe. Der spähende Blick in die finstere Masse des Publikums. Und da saßen sie, im Widerschein des Rampenlichts, das gerade noch die Honoratiorenreihe erkennen ließ: Der Pfarrer. Der Apotheker. Der Doktor. Der Feuerwehrhauptmann. Jeweils mit Frau Gemahlsgattin (außer dem Pfarrer, bei dem die dicke Haushälterin saß). Und der Chef selbst, der Kronenwirtbürgermeister. Dem Sepp schnürte sich alles zusammen, was sich zusammenschnüren konnte. Er spähte. Er schluckte. Und schließlich:
»Sch … Sch …
SCHWAMPF!«

© 2000 by Josef Ehrhart. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

So soll es sein! Lebendig, anschaulich, sprachlich durchgearbeitet, mit nötiger liebevoller Distanz: Man muss den Sepp einfach mögen, ich hätte ihn gerne getröstet ob seines zusammengeschnürten Satzes: eine Erzählung in allerbester unterhaltsamster Schwankmanier!
Das schreit nach Fortsetzungen – aber ich habe gut schreien, weiß ich doch, dass Josef Ehrhart mehr vom Theater in Wimpfelsberg und Sepp geschrieben hat; sogar eine direkte Weiterführung gibt es, in der erzählt wird, wie dieser Theaterabend vollendet wurde und von Sepps Chance, alles wieder gut zu machen. Vielleicht stellt der Autor den oder die Folgetexte sogar ins literaturcafe.de, wenn er lieb darum gebeten wird? Schließlich ist der gerade besprochene dort schon länger zu lesen

Anmerkung der Café-Redaktion: Diesem Wunsch unseres Kritikers kommen wir doch gerne nach, und so können Sie hier den Teil 2 der Sepp-Geschichten lesen: »Der Schwampf hat einen Stolz«

Die Kritik im Einzelnen

Das hat aber lange gedauert, bis ich etwas gefunden habe, an dem ich rumnörgeln kann… Ist aber auch ein herrlicher Text! Also: »sein Auftritt« kann missverstanden werden – mir ist das beim ersten Lesen widerfahren, denn ich habe sein auf »Autor und Regisseur« bezogen, das letzte männliche Subjekt. Hieße der Satz »Obwohl Sepps Auftritt erst im dritten Akt vorgesehen war, hibbelte er schon seit Saalöffnung .«, wäre (m)ein Missverstehen verunmöglicht (Weia! Welch widerliches Wort!). zurück
Dieses »Wichs« ist mir zu gewollt; ich kenne es nur im Zusammenhang mit prügelnden – pardon: schlagenden Studentenverbindungen, die in diesem Zustand (dem des vollen Wichses) alles das anhaben, was traditionell vaterländisch und besonders verbindend ist, einschließlich Bierzipfel und Sauf-Orden (sofern das nicht identisch ist) und neckischen bunten Strumpfbändern um die Mützen und was weiß ich nicht noch alles. Solch Kleidung wird der Sepp wohl nicht tragen, sondern eher eine häufleinsführermäßige. In voller Montur oder voll ausstaffiert wäre etwas unauffälliger (der Autor Josef Ehrhart ist wortgewaltig genug, seine eigene Lösung zu finden – das gilt als möglicher Vorschlag lediglich all denen, die diese Geschichte nicht geschrieben haben, aber gerne so schreiben können wollten). zurück
Hier habe ich eine klitzekleine Verbesserung vorzuschlagen (wenn es denn eine ist): Wir hatten vorhin diese genüsslich-ironischen Comic-Reminiszenzen, als Sepp beim Arbeiten seinen Text lernt und sich auf der Bühne seinen Auftritt einprägt; ich würde etwas mehr davon wiederholen, nämlich: »Trampel, trampel – Rampe – spähen – in die finstere Masse des Publikums: und da saßen sie (.)«. Der Grund: Für Sepp wird sein Auftritt erst in dem Augenblick dramatisch, als er das Publikum sieht, denn das gab es beim Proben nicht. Alles andere war Routine. zurück

Textkritik: Ecce homo – Lyrik

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***

Unsere Tage werden schamloser
Nacht zu Nacht
sie tarnen unseren Blutrausch
als Abendröte
waschen sich im unendlichen Blau
der Meere rein
aus denen sie aufsteigen
in der Frühe
ohne die Schamröte
ihres Morgens zu verbergen

Das Kainsmal des Menschen
ist hoffähig geworden
unter den Augen dessen
der vorgibt bei ihm zu sein
bis an der Welt Ende

Das werden wir müheloser erreichen
wenn die Aufgabe des Menschen
vollbracht ist. Das babylonische Werk
für das jede Generation
ihren eigenen Anlauf nimmt:

Seit der Steinzeit
bis hin zur WEBzeit
die uns fortan
global auf dem Laufenden hält —
damit wir Anstoß nehmen können
an allem, was wir so
nie gewollt haben

während unsere Kinder
in ihren Chatrooms verblöden
und der Mob sich verabredet
am Ballermann 6
oder anderswo, wie im Osten
wo neuerdings
die braune Sonne aufgeht

Aber noch ist der Mond nicht besudelt:
In den Fluten des Meeres
in reinerem Licht
badet der Tag Nacht für Nacht
sein Antlitz in Unschuld
weit weg von den Todesstreifen
die sich alles Lebendigen entledigt haben

© 2000 by Michael Lobisch-Delija. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Was bleibt von dem Gedicht außer dem unerklärlichen Titel? Was schrecklich Schreckliches geht vor in unserer Welt, sodass der Morgen sich schon schämt, bevor der Tag begonnen hat, der seinerseits das Elend und Blutvergießen in der Welt gnädig verdeckt und sich nächtens von den üblen Erinnerungen reinwäscht. Gott schaut ungerührt zu, wie er es versprochen hat. Mit anderen Worten: es wird auf unserer Welt immer unerträglicher, es wird nachgerade untragbar – das Ende der Welt ist da: da ham wir den Salat!
Kennen wir, wissen wir: warum so viel Aufhebens? WWW, chatrooms, Ballermann 6, Nazis … dieser hochbrisanten Weltuntergangs-Mischung aus dem Gedicht hätte ich noch einiges hinzufügen, z.B. Tamagotchis (Gibt’s die eigentlich noch? Da sieht man mal, wie schnell diese prophezeiten Endzeit-Katastrophen im Sande verlaufen – nix is mit den herzlosen Kindern!), Ego-Shooter, Gummibärchen, Techno, Elektrosmog, XTC, Windows 95 ff, Kinderporno, krumme Erdstrahlen, gerade Erdstrahlen, Ozonlöcher, indizierte Computerspiele, Schulen, Bravo-Hits Folge 34, Kohl, Kampfhunde, Stefan Raab, Moorhuhnschlachten, Russenmafia, Teletubbis, Computerviren, Blümchen, Bild-Zeitung, maltes meinung, Auffahrunfälle, Händis, Frühstück, Staus auf der Autobahn, ……………… (gemäß eigener Katastrophenvorlieben auszufüllen) – und natürlich das Oberallerletzte, der ultimative Verdummbrunnen: Big Brother. BIG BROTHER!!! Jetzt muss die Welt doch endlich untergehen! Die Zeugen Jehovas werden wie gewohnt den genauen Tag berechnen. Allerspätestens wenn Sladdi The Brain Bundeskanzler wird, begeht Deutschland kollektiven Selbstmord zum Zwecke der Endlösung. Dafür bleibt der Mond. Ätschebätsche, das haben wir davon. Hätten wir bloß rechtzeitig aufgepasst!
Man kann eine Meinung vertreten. Man kann eine andere haben. Man kann sogar jemanden überzeugen. Keiner Meinung tut es gut, wenn sie möglichst dramatisch in irgendwelche halbdurchdachten Bilder gepfercht wird, wo sie sich nicht mehr entfalten kann, sondern jämmerlich erstickt. Trotz brauner Sonne im Osten ist Ecce homo kein politisches Gedicht, denn es fehlen Einsichten und Denkanstöße; es ist eine Moralpredigt in untauglichem Gewand, diesem inhaltlich und sprachlich überstrapazierten Gedicht, zweifellos sehr gut gemeint und sehr sehr überflüssig.

Postscriptum: Was ist eigentlich so schlimm daran, wenn die Menschheit verschwindet? Die Welt geht deswegen nicht unter, die denkt nicht daran! Da es uns dann nicht mehr gibt, würde niemandem etwas fehlen, wenn es uns nicht mehr gibt.
Zum Abschied gibt es gratis, da frei von copyright, mein Lieblings-Weltuntergangs-Gedicht, bereits über 80 Jahre alt; es hatte inhaltlich so wenig Recht wie das besprochene, ist dafür aber unglaublich exorbitant fabelhaft genial meisterlich (schwelg, schwelg & abermals schwelg)! Ich wünsche allen Lesern, ob sie es nun kennen oder nicht, viel Vergnügen!

Weltende
Jakob van Hoddis

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Die Kritik im Einzelnen

Ecce homo bedeutet gemäß der Bibel-Einheitsübersetzung »Seht, da ist der Mensch«; Pilatus sagte das (laut Johannes 15,5 – aber der war nicht dabei gewesen) über Jesus, der zuvor von Soldaten mit Purpurmantel und Dornenkrone angetan und als »König der Juden« verspottet worden war, zu den anwesenden Juden, die Jesus kreuzigen wollten, weil er sich als Gottes Sohn ausgegeben habe.
Soweit die biblische Tradition dieses »ecce homo«; welcher Gott nun in dem Gedicht vom Sockel geholt und verspottet wird, werden wir sehen. zurück
Die ersten beiden Zeilen bieten gleich einen Kontrast: Tag und Nacht. Unsere Tage beziehen alle Menschen und damit den Leser ein. Zusätzlich wird festgestellt, dass unsere Tage schamloser werden, und zwar ist diese Steigerung nachts festzustellen. In welcher Beziehung unsere Tage schamloser werden, ist noch nicht gesagt. Soweit, so gut. zurück
Was tun unsere Tage? Sie tarnen unseren Blutrausch. Ist das schamlos, wenn – wer auch immer – einen Blutrausch tarnt? Schäm dich, du hast einen Blutrausch getarnt? Das leuchtet mir nicht ein. Und dass ich in einem Blutrausch leben soll, bestreite ich energisch. Ab sofort komme ich in diesem Gedicht nicht mehr vor! Ich bezweifle auch entschieden, dass die Menschheit in einem Blutrausch lebt. Sollte hier Bezug sein zu vereinzelten Amokläufern und diese wiederum hochgerechnet auf die Menschheit? Und inwiefern werden unsere Tage schamloser? Werden die Tarnungen Nacht für Nacht vervollkommnet?
Getarnt wird der Blutrausch als Abendröte; Blut ist rot und Abendröte ist rot; ginge es um die beiden, fiele eine Tarnung nicht schwer (wobei zu fragen wäre, wieso und vor wem unsere Tage unseren Blutrausch tarnen sollten, wir sind schließlich unter uns – abgesehen von mir, der ich da nicht mitrausche; allerdings habe ich mich gerade erst geoutet); es geht aber nicht um Blut, sondern um Blutrausch. Angenommen, unsere Tage seien nicht schamlos, sondern schamhaft und gnadenlos ehrlich, dann müssten sie allabendlich unseren Blutrausch zeigen. Da wäre aber nicht viel zu sehen, denn ein Blutrausch sieht nicht aus; deshalb müsste auch nichts getarnt werden. Allenfalls die Folgen eines Blutrausches müssten vielleicht getarnt werden, Blutrausch selber ist ziemlich unsichtbar. zurück
Ist das eine zweite Begründung für das Schamloserwerden: dass die Tage sich reinwaschen? Heißt das, sie waschen sich nachts wieder rein, damit sie tagsüber umso schamloser die Folgen des anhaltenden Blutrausches tarnen können? Nochmal: wird der Blutrausch immer stärker oder die Tarnung immer besser? Spielen die Tage »Pilatus«, waschen gewissermaßen des Nachts ihre Hände in Unschuld, während sie den Juden tagsüber freie Hand lassen zur Befriedigung ihres Blutrausches, was die Pilatustage dann abends überflüssigerweise mit einem Purpurmantel (der ist auch beinahe rot, jedenfalls erheblich röter als ein unsichtbarer Blutrausch!) tarnen, immer besser und immer mehr und immer schamloser? Fragen über Fragen auf der Suche nach irgendeinem Sinn.
Sollte tatsächlich diese Analogie gemeint, sollte tatsächlich diese Bibelstelle allegorisch verklausuliert worden sein, dann ist das heftig daneben gegangen. Schließlich findet die entsprechende Episode in der Bibel genau einmal statt, zudem fehlten Jesus samt Dornenkrone und Soldaten und Pilatus‘ Zweifel und und und: lässt sich alles im Johannesevangelium nachlesen. Sollte diese Analogie jedoch nicht gemeint sein, dann weiß ich weder aus noch ein (ich schwöre Stein und Bein: das sollte jetzt kein Reim sein!). Aber vielleicht kommt’s noch, noch sind wir ganz am Anfang!
Wie sich die Tage nachts im »unendlichen Blau des Meeres« reinwaschen sollen, kann ich nicht nachvollziehen. Da die Tage personifiziert wurden, können sie sich im Meer waschen; das bliebe alles in der korrekten Bildebene. Doch blau sind Meere ausschließlich tagsüber bei entsprechendem Himmel; es geht nicht darum, ein lyrisches Bild auf optische Phänomene zu reduzieren: doch nachts sind die Meere nie blau, aber nachts waschen sich die Tage in ihnen rein, bevor sie erneut aufsteigen – so habe ich es jedenfalls verstanden. Der Grund für dies schiefe Bild liegt wohl ganz woanders: Blau und Meer und als Sahnehäubchen ein Löffelchen Unendlichkeit – kitscht das nicht ganz arg doll schön, dieses unendliche Blau des Meeres? Geht da nicht das Innerste des Herzens der Seele auf, der Inbegriff allerunschuldigsten Da-Seins, Blutrausch hin, Blutrausch her? Ja, jaa! Jaaaaaah!! zurück
Die Tage werden immer schamloser, tarnen Blutrausch als Abendröte, waschen sich im Meer rein und besitzen alle zusammen einen Morgen, der an Schamröte leidet: er schämt sich stellvertretend für die immer schamloser werdenden Tage. Da das unsere Tage sind, müsste es ja auch unser Morgen sein: schämt sich also unser Morgen für uns? Dazu hat er keinen Grund – wir tun doch gar nichts! Wir (außer mir) genießen unseren Blutrausch offen und ehrlich, verheimlichen nichts, können schließlich nichts dafür, wenn unsere Tage diesen mir nichts dir nichts einfach tarnen! Deren Problem! Wir sind schließlich keine Unmenschen und haben die Tage schon immer machen lassen, was sie wollen.
Aber da unser Blutrausch getarnt ist, kann der Morgen gar nichts davon wissen. Hallo, was geht hier eigentlich ab? Wieso also leidet unser Morgen an Schamröte? Keine Antwort? Sei’s drum! Das ganze Wortgeklingel hatte wohl nur den Zweck, der Morgenröte ein Gefühl zu verpassen, das die Menschen (außer mir) wegen ihres Blutrausches nicht mehr kennen. Immerhin: Das Morgenrot hat jetzt auch eine Ursache, nämlich Schamröte (die ihrerseits keine hat), während das Abendrot die Tarnung für das tägliche Blutbad ist. Verantwortlich für beides sind unsere Tage, die sich im Schutz der Nächte heimlich reinwaschen. Bedauerlicherweise hat das wer beobachtet und aufgeschrieben.
Die erste Strophe will zu viel auf einmal und verheddert sich in rettungslos in ihren allzu überladenen und schrägen Bildern: der Rufer in der Wüste trägt zu dick auf; seine Warnung (?) geht im dramatischen Wortgewitter unter. Was bleibt, ist ein dumpfes Gefühl von irgendwas wie Weltuntergangsstimmung.
Zumindest der Form der ersten Strophe kann ich etwas abgewinnen: in den ersten 7 Zeilen liegen zwischen den längeren drei kürzere eingebettet: das unterstützt einen Kreislauf, der inhaltlich irgendwie angestrebt wurde; die folgenden Zeilen nehmen in ihrer Länge zu, was auch optisch die zunehmende Helligkeit des Morgens veranschaulicht. Hier macht die freie Form Sinn! zurück
Es gibt kein Kainsmal des Menschen; das trugen nur die Abkommen von Kain, nicht aber die von Set, dem nachgeborenen Abelersatz, von dem wiederum Noah abstammt, dessen Familie als einzige die Sintflut überlebt hat: Alle Kainsmalträger sind schon vor Urzeiten ertränkt worden, da sie anno dunnemals hoffähig zu werden drohten.
Auch dieses Bild wird überstrapaziert. Vielleicht ist Kainsmal jedoch rein symbolisch gemeint (das war es schon in der Bibel), und als symbolisch Blutberauschte tragen wir es symbolisch alle (außer mir) ganz frech und schamlos, was der liebe Gott akzeptiert (hoffähig geworden) und ihm vorgeworfen wird: nämlich dass er zuschaut; weiterhin wird diesem Gott vorgeworfen, dass er den Menschen quasi angelogen hat (vorgibt), als er versprochen hatte, bei ihm zu sein bis ans Ende der Welt. Diesen Vorwurf verstehe ich nicht: Gott schaut zu, alles passiert expressis verbis laut Gedicht vor seinen Augen, also ist er doch da! Er hat nie versprochen, erneut einzugreifen, es sei denn am Tage des Jüngsten Gerichts!  Er hat allerdings auch nie versprochen, beim Kainsmal zu sein (worauf sich ihm grammatisch bezieht) bis ans Ende der Welt: er hatte wie gesagt alle Träger desselben standrechtlich ersäuft.
Ist das jetzt die Schlüsselstrophe? Bezieht sich das »ecce homo« auf diesen Gott? Ist er es, der vom Sockel geholt und zum Menschen erklärt wird, weil er bloß zuschaut wie Gaffer bei einem Autounfall? Kann nicht sein, geht nicht, passt nicht: wir Menschen (außer mir) befinden uns laut erster Strophe in einem gediegenen Blutrausch, da ist nichts mit gaffen, da müsste dieser Gott schon mitmischen, wollte man ihn zu einem von uns machen. Würde sich die Überschrift auf diesen Gott beziehen, müsste sie »ecce deus« heißen: »Seht, da ist der Gott« – der mordet nicht, der schaut friedliebend zu. zurück
Irgendwie, ich weiß nicht, da stimmt doch. also noch einmal von vorne: wir Menschen werden das Ende der Welt müheloser erreichen, wenn wir eine bestimmte Aufgabe vollbracht haben werden. Richtig? Richtig!  Was aber ist die Aufgabe? Und warum sollten wir diese Aufgabe erledigen, deren einziger Sinn darin besteht, anschließend leichter den Weltuntergang zu erreichen, denn das Vollbringen der Aufgabe bedeutet ja nicht das Ende der Welt – oder etwa doch? Sind hier wieder einmal die Metaphern in gefährliche Schieflage geraten und drohen jetzt abzustürzen? Vielleicht sehen wir klarer, wenn wir wissen, was die zu vollbringende Aufgabe ist, die zu bewältigen wir uns auferlegt haben (oder uns auferlegt wurde – wer weiß das schon so genau; das Gedicht gibt keinerlei Hinweis (muss es auch nicht!))
Unsere Aufgabe ist das »babylonische Werk, für das jede Generation ihren eigenen Anlauf nimmt«. Das ist aber fein, das lässt hoffen: auf diese Weise kommen wir Menschen nämlich keinen Schritt voran, wenn jede Generation einen eigenen Anlauf nimmt. So kann dieses Werk nie vollendet werden, dadurch rückt das Ende der Welt in weite Ferne, denn unter diesen Umständen müssten wir uns mühevoll um selbiges bemühen – und mal ganz im Vertrauen und unter uns: wer bemüht sich schon gerne? Eben! Und dann noch wegen so was: nee, der Kittel ist geflickt, Weltende is nich! Gedicht umsonst geschrieben. Tja, so kann’s gehen.
Allerdings sind wir ja alle (außer mir) im Blutrausch gefangen: könnte es nicht sein, dass man in einer solchen Verfassung keinen eigenen Anlauf mehr nimmt, sondern genau da weiter macht, wo die vorherige Generation das Vollenden des babylonischen Werks eingestellt hat? Kann ich nichts zu sagen, kenne mich mit Bluträuschen nicht aus!
Zum Verständnis dieser Strophe muss aber noch geklärt werden, was es mit dem babylonischen Werk auf sich hat, auf das hier wortwörtlich verwiesen wird: woran haben die Babylonier gebaut, was wollten sie? Es war ein Turm, der bis in den Himmel reichen sollte: sie wollten zu Gott. Das hat diesen genervt, deswegen hat er schnell verschiedene Sprachen erfunden und in die Bauarbeiter getan, sodass diese sich nicht mehr verständigen und folglich nicht mehr weiter bauen konnten. Seitdem steht die Ruine verlassen. Das Gedicht lässt diese Arbeit wieder aufleben; auch das ist sicherlich symbolisch gemeint: diese Arbeit wird jedoch so, wie das Gedicht sie beschreibt, nicht beendet werden können; schließlich nützen keine Dolmetscher was, wenn jede Generation neu beginnt. Außerdem stelle ich mir das lustig vor, wenn der liebe Gott, sollte der Turm (symbolisch) tatsächlich bis zu ihm wachsen dank der ungeheuren Anstrengung einer fiktiven, aber durchaus denkbaren besonders emsigen Generation, wenn also der liebe Gott besagten Turm lächelnd mit dem kleinen Finger (sofern er einen hat – weiß man’s?) symbolisch anstupst, sodass er (der Turm) schrill kreisch-knirschend zu Boden brettert: das wird gewaltig stauben (symbolisch)!  Aber diese schaffige Generation ist nicht in Sicht; also werden wir den Weltuntergang nie mühelos erreichen, und ich bestehe auf dem oben gesagten: Weltende is nich! Gedicht umsonst geschrieben, denn es liefert genügend Beweise gegen sich selbst.
Auch in dieser Strophe gerät die gewünschte Aussage durch unpassende Bilder, unglückliche biblische Anspielungen und unsaubere Formulierungen in eine ganz andere Richtung. zurück
»Seit der Steinzeit bis zur WEBzeit« involviert, dass WEBzeit das Ende der denkbaren Zeitenfolge darstellt, das erwartete Weltende. Wer das web so wichtig nimmt, ist selbst schuld! Das web ist nichts anderes als eine schrecklich unübersichtliche Bibliothek. An so etwas geht keine Welt zu Grunde, nicht mal die Menschen.
Die folgende Formulierung finde ich überaus gelungen (einzige Einschränkung: es ist nicht die WEBzeit, die uns auf dem Laufenden hält: es ist allenfalls das web!): das web, »das uns fortan global auf dem Laufenden hält – damit wir Anstoß nehmen können an allem, was wir so nie gewollt haben« – das ist bissig und flüssig und verständlich formuliert und schön widersprüchlich wegen Das-Netz-Wollen und manchen Folgen der herrlich anarchischen Freiheit in ihm, an denen man durchaus Anstoß nehmen kann und soll. In dieser Souveränität, in diesem Stil hätte ich mir das ganze Gedicht gewünscht, leider bleibt diese Formulierung eine isolierte Perle; das ist ein Jammer: es geht doch! zurück
Die Pauschalisierungen in dieser Strophe finde ich so oberpeinlich, dass ich lieber nichts dazu sage! Wenn das die entscheidenden äußeren Kennzeichen des nahen Weltendes sein sollen. (siehe auch die zusammenfassende Beurteilung) zurück
Einspruch: Der Mond ist sehr wohl besudelt! Da liegt bereits allerlei Müll, sogar eine amerikanische Fahne flattert(e) dort motorgetrieben angeberisch im nicht vorhandenen Wind! Ein gnädiger Meteor möge dem ein Ende setzen!
»In den Fluten des Meeres«: es freut, dass es nicht mehr das unendliche Blau sein muss. Warum nicht von Anfang an so unprätentiös? Es ginge sogar noch unprätentiöser: »im Meer badet der Tag Nacht für Nacht«. Fehlt was? Iwo.
Och nöö: nicht schon wieder: »In reinerem Licht badet der Tag Nacht für Nacht (.)«! Also nochmals: nachts ist es nicht blau, und es auch nicht hell. Nachts ist es verdammt noch mal dunkel!!!
Was ist eigentlich aus »unseren Tagen geworden« – heißt so in der ersten Strophe? Vergessen? Die sind vermutlich so lange immer schamloser geworden, bis sie geplatzt sind, schließlich hat (fast) jede Steigerung irgendwann einen Endpunkt. Übrig blieb dann der Tag, der sich auch nicht mehr rein waschen muss, sondern getrost baden kann im reinen Nachtlicht – was immer das auch sein soll…
Korrektur: der badet nicht sich, sondern sein Antlitz (ist also doch keine Anspielung auf Pilatus‘ Hand-Wäscherei, wie bei der ersten Strophe vermutet). Und dieses Antlitz badet er auch nicht »in reinerem Licht«, wie versehentlich behauptet wurde, sondern in Unschuld, also ebenda, wo auch Pilatus seine Hände drin hatte (ist also doch eine Anspielung auf Pilatus‘ Hand-Wäscherei, wie bei der ersten Strophe vermutet). Ist reineres Licht vielleicht gleich zu setzen mit Unschuld? Was wäre dann ganz reines Licht? Wieder kollabieren sprachliche Bilder; man ist es allmählich gewohnt, und gewöhnt sich doch nie daran!
Selbst die Todesstreifen bekommen noch ihr Fett weg: ein ganz normaler Todesstreifen hat die Aufgabe, Leben zu vernichten. Kein Leben kann auf dem Todesstreifen existieren. Wie kann dann ein Todesstreifen sich alles Lebendigen entledigen??? Das setzt die Existenz von Lebendigem auf einem Todesstreifen voraus, den persönlichen Besitz an Leben sozusagen, den der Todesstreifen hat und dessen er sich jetzt entledigt! Ein besonderer Ausdruck (sich entledigen) wurde gewählt, und der haut prompt jeden Sinn in die Pfanne. »(.) weit weg von den Todesstreifen, die alles Leben vernichtet haben«: es wäre so einfach gewesen.
Vielleicht sind auch Todeszonen gemeint oder, noch umfassender, dass die ganze Erdoberfläche Todeszone geworden ist und in diesem Werden alles Leben vernichtet hat. Aber es wäre halt bloß gemeint. Es steht etwas völlig anderes da! Die Aufgabe eines Schreibers ist es, möglichst präzise zu schreiben, was er meint. Andernfalls passiert genau das, was in diesem Gedicht passiert ist.
Schön, dass die letzte Strophe den Rahmen schließt, der in der ersten Strophe gesetzt wurde: Das Meer kommt wieder, das Reinigen, Tag und Nacht; nur der Mensch fehlt, der in der ersten Strophe noch ungehemmt seinem Blutrausch frönte. zurück

Textkritik: Feuerzauber – Prosa

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Ich wollte eigentlich keine Weihnachtsgeschichte erzählen. Aber es ergab sich so. Hier unten, direkt vor unseren Augen, geschahen Dinge, die allerhöchste Verwunderung nach sich zogen.
Als Werbemann war ich erfolgreich. Unsere Agentur hatte in ihren besten Zeiten mehr als 50 Mitarbeiter. Wir verdienten klotziges Geld, aber die Kunden waren zufriedener als ich. Vor zwei Jahren bin ich ausgestiegen. Jetzt lebe ich in der Opernpassage.
Heute ist Premiere der Walküre; das bedeutet jede Menge Störung am späten Nachmittag und nochmals eine ärgerliche, hundertfache Unruhe so kurz vor Mitternacht, wenn das erschlagene Publikum zur Tiefgarage zurückströmt.
Ich kenne das: sobald der Walkürenritt vorbei ist, versteifen die meisten Männer den Hals, damit ihnen beim Einschlafen der Kopf nicht zur Seite sinkt. Mit gläubig geschlossenen Augen lässt sich vollkommene Hingabe an die Musik darstellen; wichtig ist nur das geräuschlose Atmen.
Vor einer Woche habe ich Oldies Lager in der trockenen Ecke der Opernpassage geerbt. Er ist im Marienkrankenhaus an seiner Lungenentzündung gestorben, die nahmen ihn nur ungern, fanden ihn unappetitlich, alt und überreif, aber mir hat er seinen Luxusplatz vermacht: klimatisch günstig gelegen, weil die Abgase des Parkhauses sich in dem langen Gang verlieren, der zu mir heraufführt. Nachteilig ist das ständige Klappen der feuerfesten Stahltür, die etwa zehn Meter weiter Zutritt zum Untergeschoss der Oper gewährt. Beflissene Herren stemmten sich jeweils gegen einen der schweren Türflügel, um ihren Damen – viel tiefe Provinz dabei – den Durchgang zu erleichtern.
Mit dem Heranrücken der Ouvertüre beschleunigen sich auch die Schritte der Besucher; die letzten, kurz vor fünf, rennen geradezu an uns vorbei, die Herren vorneweg, vorwurfsvoll nach hinten winkend, schon den Mantel offen, wobei reichlich Würde verloren geht und manche frisch gemeißelte Damenfrisur ins Schwanken kommt.
Egon, links neben mir in seinem Schlafsack vergraben, hob etwas den Kopf und fragte nach dem Titel der heutigen Oper. Walküre? Mit so einer war ich mal verheiratet, meinte er ernsthaft, bevor er einen Zug aus der Pulle nahm: Eine Literflasche Grüner Veltliner von Aldi, ganz gut zu trinken, aber wenn danach gekotzt wird, riecht es sehr sauer.
Die Qualität der Blicke, die uns streiften, reichte für mehrere Sargdeckel. Verständlich. Mit einer Premierenkarte für 135 Mark in der Tasche steigt man nur ungern über einen schnarchenden Sans abri hinweg! Danach schmecken die in den Pausen gereichten Lachshäppchen wie Sozialamt. Ganz zu schweigen vom Champagner für 18 Runde das Winzigglas.
Heute, am Walküren-Samstag, einem 22.Dezember, nächtigten wir zu sechst in der Passage. Leider war auch Niagara dabei, so getauft, weil er das Wasser nicht mehr halten konnte oder wollte. Deshalb fließt den verehrten Opernbesuchern ein kleines Flüsschen mit scharfem Odeur entgegen, dem sie nur auf Zehenspitzen entkommen können. Mit schlechtem Gewissen fluchen sie stumm vor sich hin.
Nicht ohne Grund erhalten wir hier unten immer wieder Besuch von Grünspechten (4.Revier), die ein bisschen Psychoterror praktizieren wollen, weil jedermann unser Matratzenlager in der Opernpassage für eine unhygienische Schweinerei hält, es sich aber nicht offiziell zu sagen wagt.
Wir wurden auch Gegenstand publizistischer Neugier. Der Rheinische Bote schickte eine zwanzigjährige Praktikantin, eine mollerte Dunkelhaarige mit Rehaugen, die, wie man hört, einen Bericht voll moderner Bestürzung verfasste, den aber der Chefredakteur auf Normalmaß zurückstutzen ließ. Das wäre ja noch schöner: Eine Mitleidshymne auf die Penner im Untergrund!
Aber Vorsicht Vorsicht – überall liegen Grüne und andere Menschenfreunde in selbst gestrickten Pullovern auf der Lauer, die uns gern als Mitglieder der menschlichen Gesellschaft bezeichnen und Empörung von sich geben, wenn man uns zu nahe tritt. Ist ja auch leicht für die, denn wir lagern ja nicht in ihrem Hausflur.
Also wie gesagt: heute waren wir sechs. Außer Egon, Niagara und mir noch Dr. Mabuse (richtiger Name unbekannt), Tirol-Rudi und Karl Museum. Dr. Mabuse war früher Bäckermeister, bis seine Frau mit seinem kroatischen Hiwi durchbrannte. Tirol-Rudi behauptet, Österreicher zu sein, spricht aber sächsisch. Der könnte aus Pirna kommen. Karl Museum heißt so, weil er immer links vom Eingang zur Kunsthalle schnorrte, bis ihn einer in der Dunkelheit mit grüner Autosprayfarbe kolorierte.
Frauen, genannt Zwiebeln (weil Egon sie zum Heulen findet), dulden wir hier unten in der Passage nicht. Aber hin und wieder sorgt sich Frau Dr. Binsenwerth um uns, eine pensionierte Dermatologin, die als Bühnenärztin der Oper agiert und auch ein Auge auf die niederen Weihen der Gesellschaft wirft.
Sie spricht einen bedächtigen süddeutschen Dialekt, jedes Wort braucht seine Zeit, was einen aber nicht täuschen sollte, denn im Grunde ist sie eine Energiepflanze, die in ihrer ständig überfüllten Altstadtpraxis jede Menge Schwalben und Schwule verarztet hat.
Die Aids-Tante kommt wieder! brummte Egon, wenn er sie in ihrem üppigen Fuchspelz erspähte (sie wagte es kühn, noch Pelz zu tragen und verkündete, darauf angesprochen, gemütlich badisch: Die Biester sind doch eh schon tot…). Gleichwohl nahm Egon in seinem speckigen Schlafsack so etwas wie Haltung an, denn eine Frau, die mit Syphilis und Tripper umzugehen wusste, nötigte ihm Respekt ab.
Die Walküren sattelten ihre Pferde und bei uns kehrte endlich wieder Ruhe ein. Die Neonröhren der Tunnelbeleuchtung lagen diebstahlsicher hinter Glasbausteinen eingesargt; einer dieser Steine war zu einem gezackten Muster zersprungen, das die ruhige Kälte des Lichtes zu geometrischen Objekten zerfaserte, die über uns wie Spinnenfinger die Decke entlang liefen.
Ich nahm einen Schluck Underberg (Schluck ist übertrieben für die wenigen Tropfen in der winzigen Pulle) als Egon sagte: auch das noch! Auch das noch: die Parkhaustür wurde erneut aufgewuchtet und ein großes Gemälde erschien. Man sah tatsächlich nur die bemalte Leinwand, hinter der ihr Träger komplett verborgen blieb. Er trug das Bild an den kreuzförmigen Holzlatten, die den bemalten Stoff von hinten straffte, und er bestand für uns nur aus zwei bejeansten Beinen, die unten herausguckten. Seine Schuhe, Adidas Jahrgang anno Herberger, ließen als Protest gegen den eigenartig schlurfenden Gang ihres Besitzers ein ärmliches Quietschen verlauten.
Wir sahen ihn von hinten, als er sich durch die eiserne Tür zur Oper zwängte, ein stämmiger Mensch mit kurzgeschorenem Haar, kariertes Hemd, keine besonderen künstlerischen Auffälligkeiten.
Dieser Mensch lief nun an die zehnmal an uns vorbei und lieferte jeweils ein Großformat, dick bemalt mit Ölfarbe, vom Parkhaus in die Oper. Wir erlebten also im Vorbeitragen das Oeuvre eines Kunstmalers, der offensichtlich auf der Wanderschaft war. Viele kraftvolle, abstrakte Motive, aber auch einige figürliche Arbeiten, darunter die gebückte Gestalt eines alten Mannes mit bleichem Schädel und weidwunder Ausstrahlung.
Biste nu langsam maa fertsch ? fragte Tirol-Rudi, als der Leinwandträger zum xten-mal an uns vorbeizelebrierte. Immerhin bewirkte diese bescheidene Anfrage, dass er beim nächsten Transport vor uns anhielt, sein riesiges Ölgemälde an die Wand lehnte und beiläufig bemerkte: Ich kann vierzig Bilder ausstellen – im Foyer, tolle Chance. Er sprach zu uns, als seien wir alte Bekannte und nicht irgendwelcher Müll, über den man in hohem Bogen hinwegspucken musste. Dann lehnte er sich neben dem Bild an die Wand und zog aus seiner Hosentasche eine Sorte Zeitungspapier, das er zu einer Rolle formte, in die er aus einem blau-weißem Paket krümeliges Zeug, vielleicht Tabak oder Kiff, schüttete. Das Endprodukt ähnelte mehr einer Tüte als einer Zigarette. Mit seinem Sturmfeuerzeug entzündet, roch diese Ladung wie eine Mischung aus Honig und Schwarzpulver.
Während er den ersten Zug nahm, dreht er mit der freien linken Hand sein Bild herum, sodass wir das Motiv betrachten konnten. Dr. Mabuse hob den Kopf etwas aus seinem Schlafsack und murmelte: Sieht aus wie ein Bauernbrot. Das ist der Mond über Gevelsberg, erklärte der Künstler. Sieht aber aus wie ein Bauernbrot, beharrte Dr. Mabuse.
Niagara hatte sich nun auch halb hochgewürgt und schaute mit glasigen Augen auf das Bild, vor dem einige Schwaden aus des Künstlers Rauchtüte vorbeistrichen. Gefällt mir, sagte Niagara, und der Künstler lachte kurz und trocken. Dann warf er seine Puste weg, nahm sein Bild und verschwand damit wie gehabt hinter der eisernen Opernpforte.
So ein Maler ist doch ein armer Hund, murmelte Egon. Schmeißt seine ganze Seele auf die Leinwand und bei der Vernissage stehen die nur davor und fressen Brötchen. Egon überfielen hin und wieder Ausbrüche von Intelligenz. Da ich in meiner Werbezeit viele Vernissagen mitgelitten hatte, musste ich ihm zustimmen.
Wir sanken wieder in Schlafstellung und hörten gar nicht, wie der Künstler auf nunmehr quietschfreien Sohlen zurück ins Parkhaus schlich. Erst als die Tür klappte, sahen wir ihn zu unserem Erstaunen quasi aus der falschen Richtung wieder auftauchen. Und nun war auch klar, warum er so lautlos vorbeikommen konnte: er ging barfuß, trotz der Kälte. Diesmal trug er ein wildes Motiv mit vielen Bäumen in der einen Hand, in der anderen einen braunen, länglichen Kasten. Er setzte die Leinwand wieder vor uns ab, öffnete seinen Kasten, entnahm ihm mehrere Tuben und begann, vor unseren Augen sein Werk mit dicken Tupfern aus Ölfarbe zu ergänzen.
Er griff sich Tuben mit Zinnoberrot, Ocker und Zitronengelb und ging ernsthaft daran, brennende Kerzen auf die verschiedenen Bäume zu tupfen, …im Schwarzwald …mit meiner russischen Freundin, sagte er dazu unbestimmt, womit er wohl das Motiv erklären wollte.
Wie ein groschengieriger Straßenkünstler malte er im Eiltempo mehr als hundert Kerzen in Rot mit gelb züngelnder Flamme und einer hellen Strahlenaura um jedes Licht. Dann hockte er sich auf den kalten Betonboden und drehte sich wieder eine seiner Wundertüten aus Kiff und Zeitungspapier, die bald zu dampfen begann. Er nahm einen Zug und verschwand. Er verschwand vor unseren Augen. Löste sich in Luft auf. Was nicht viel bedeuten wollte, denn Hirngespinste hatten wir häufiger.
Sein Gewusel vor der Leinwand hatte uns alle sechs aber ziemlich genervt und, soweit das der Alkoholspiegel erlaubte, auch geweckt. Während wir nun unbehaglich neue Positionen unter unseren lumpigen Decken und Schlafsäcken einnahmen, eine schmerzliche Sache bei so viel Rheuma und Geschwüren, entwickelte sich das zurück-gelassene Gemälde zu einem Wunderding. Ich bemerkte es nur indirekt, weil ich gar nicht hinguckte, sondern auf Egons Gesicht plötzlich den Widerschein eines warmen Leuchtens blühen sah. Seine Augen nahmen einen so verblüfften Ausdruck an, als sei ihm das Christkind persönlich erschienen. Und so ähnlich war es auch.
Die eben erst gemalten Kerzen begannen zu flackern und zu brennen: ein ganzer Wald von Weihnachtskerzen entzündete sich hier unten in unserem Tunnel. Die Flammen wiegten sich im Rhythmus des Luftstromes, der immer mal wieder vom Parkhaus her vorbeistrich. Und es waren echte Flammen. Wärme strömte von ihnen aus. Wir konsumierten alle ziemlich aufgescheucht diese weihnachtliche Festbeleuchtung, die uns der barfüßige Malerfreund hervorgezaubert hatte.
Nu gibtsn das! staunte Tirol-Rudi. Selbst der alte Niagara hob wieder den Kopf und starrte auf den Feuerzauber. Mühsam hielt er sich fast eine Minute lang aufrecht, dann sank er wieder zurück und murmelte so etwas wie Schön! Karl Museum fühlte sich an seine Kindheit erinnert und quarkte lang und breit, dass er einmal zu Weihnachten ein Filmvorführgerät bekommen hatte, das aber nie funktionierte. Wir nahmen reihum einen Schluck aus der Aldiflasche und hatten das Gefühl, allerbesten Grog zu trinken, so warmherzig war unser unterirdischer Dom mit den leuchtenden Kerzen. Ich glaube, wir waren alle glücklich.
Die Kerzen schmolzen ganz langsam herunter. Uns blieb viel Zeit zum Dösen. Erst nach Stunden verlöschte die Pracht. Als die ersten Besucher aus der Oper ins Parkhaus zurückströmten, waren alle Kerzen abgebrannt und das Bild wie ein Schnapprollo zusammengeschnurrt. Keiner von uns hatte bemerkt, dass Niagara gestorben war.

© 2000 by Horst Brendel. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Bei meiner folgenden Beurteilung gehe ich davon aus, dass die beiden ersten Absätze gestrichen sind, wie ich empfehle – sonst stimmt einiges nicht!
Ich liebe es, wenn ich mir meine eigenen Vorstellungen machen darf, und ich schätze es, wenn ein Erzähler tatsächlich etwas zu erzählen hat. Dieser lässt sich Zeit, bis er zum »Eigentlichen« kommt, das das Eigentliche nicht wäre, würde der Icherzähler nicht immer wieder unterbrechen, indem er sich erinnert, z.B. an den Walkürenritt (wie kann ein Penner Opernerfahrung haben?!), oder Situationen und Personen lebendig und reduziert vorstellt. Die Sprache ist distanziert-ironisch, humorvoll, präzis (Kann der Icherzähler wirklich ein Penner sein?) – und der Icherzähler verteilt immer wieder beiläufig-genussvoll sein Fett (Aha: der Icherzähler ist ehemaliger Werbefachmann! Das erklärt die Sprachfähigkeit – aber warum hat der Icherzähler seinen Job verlassen?)
Großartig ist auch der Schluss: Ist es eines dieser Hirngespinste, was der Icherzähler am Ende erlebt, aufgewacht aus der Schlafstellung? Ein Wunder geschieht, so selbstverständlich wie das Klappen der Stahltür. Da wird nicht darauf rumgeritten, nichts hineingeheimnist, es wird hingenommen: »Ich glaube, wir waren alle glücklich«. Selbst diese schmucklose Feststellung bleibt auf der Ebene der Vermutung. Sicher ist, dass Niagara tot ist. Mehr wird nicht dazu gesagt: dem Autor sei Dank!

»Feuerzauber« ist eine großartige Kurzgeschichte, die im Verein mit ihresgleichen ein tolles Buch abgeben würde. Ich gestehe gerne ein, dass sie mich richtiggehend fortgerissen hat und ich immer wieder laut lachen musste (Ehefrau und Söhne: He, was liest du denn da?!), am Ende aber völlig verblüfft war. Hoch geschätzter Horst Brendel: Mehr davon!

Die Kritik im Einzelnen

Ich halte die ersten beiden Absätze für verzichtbar: Dass der Icherzähler in der Werbebranche tätig war, erfährt der Leser ziemlich am Ende direkt (sofern er nicht schon an der sprachlichen Gestaltung gemerkt hat, dass der Icherzähler sein Handwerk beherrscht); dass es sich (beinahe?) um eine Weihnachtsgeschichte handelt, ist dem Datum zu entnehmen und den letzten Absätzen. Der Leser muss nicht vorbereitet werden, er wird in der ersten Hälfte dieser Erzählung auch sonst immer wieder aus dem chronologischen Ablauf geholt. Nochmals: Ich würde die ersten beiden Absätze streichen zurück
Da die feuerfeste Stahltür zuvor im Präsens klappt, sollten die Herren sich an dieser Stelle stemmen – also im Präsens -, denn sie verursachen das Klappen. zurück
Ein Verständnis wird in den folgenden Sätzen viel anschaulicher und treffsicherer ausgedrückt – da kann der Hinweis verständlich entfallen. zurück
In diesem Teilsätzchen verbergen sich drei Tücken. Zunächst bereitet mir dieses sich Probleme: ist gemeint, dass niemand sich traut, den Pennern zu sagen, dass er sie für Schweine hält? Oder das niemand wagt (ohne sich), den Pennern zu sagen (.)? Oder gar, dass niemand sich offiziell einzugestehen wagt, dass er die Penner für Schweine hält?
Zum Zweiten: Was will offiziell sagen? Bedeutet es so viel wie öffentlich und bezieht sich auf die Penner selbst, wie ich oben der Einfachheit halber einmal angenommen habe? Oder bedeutet es: alle stören sich an den Pennern, aber niemand zeigt die Penner offiziell bei der Polizei an, sondern beschwert sich nur informell, sodass die »Grünspechte« ohne konkrete Handhabe ein bisschen Psychoterror praktizieren müssen im Sinne der öffentlichen Unordnung?
Zur letzten Tücke ein Beispiel: »Jedermann möchte gerne, aber traut sich nicht«. Das ist ein unsinniger und hässlicher Satz, denn ein verneintes jedermann wird zu einem niemand bzw. keiner: »Jedermann möchte gerne, aber keiner traut sich« ist klar und verständlich; in diesem logischen Dilemma steht auch dieses Teilsätzchen: »Jedermann hält es für eine Schweinerei, wagt es sich aber nicht offiziell zu sagen« – da gehörte ein niemand oder keiner rein. Ergo: Der ganze Satz muss überarbeitet werden! zurück
Die Penner im Untergrund riecht nach Bedrohung, nach Untergraben, nach Die-Gesellschaft-in-ihren-Grundlagen-erschüttern, nach RAF: das ist mir zu viel! Mir reichte aus: Das wäre ja noch schöner: eine Mitleidshymne auf diese Penner! zurück
Schwalben und Schwule: feine Alliteration! Doch muss ich gestehen: ich weiß nicht, was Schwalben sind! Will sagen: Selbstverständlich weiß ich, was Schwalben sind, aber diese Vögel sind an dieser Stelle bestimmt nicht gemeint! Sind das Prostituierte (wegen der im nächsten Absatz erwähnten Geschlechtskrankheiten)?
Das ist keine Kritik an Sprache oder Satzbau oder am Erzähler! Es gehört eigentlich auch überhaupt nicht in die Rubrik Detailkritik – aber wo soll ich eigene Defizite sonst eingestehen? zurück
Die Neonröhren verbreiten ihr Licht, sind also funktionsfähig, Eingesargte sind – bis auf vernachlässigbare Ausnahmen – absolut funktionsuntüchtig; sicher vor Diebstahl sind Eingesargte ebenfalls. Hier wird also einerseits gedoppelt und andererseits Widerspruch erzeugt, wenn leuchtende Neonröhren eingesargt sind. Hinweg mit eingesargt! zurück
Diese lyrische Darstellung von Lichtphänomenen an der Decke bereitet mir Kopfschmerzen! Da sind zunächst die geometrischen Objekte: in meinem Kopf tauchten sofort Bilder von Pyramiden, Zylindern, Kugeln und dergleichen auf, also lauter Körper (das kann einzig und allein mein persönliches Assoziations-Problem sein: davor ist niemand gefeit); das verhindert ein Verständnis des Folgenden, denn Schatten sind nicht dreidimensional.
Dann versuche ich nachzuvollziehen, wie ein Muster zu geometrischen Objekten zerfasert: zerfasern impliziert eine Unordnung, die in absolutem Kontrast steht zu geometrisch, was – wegen Zirkel und Lineal – an Regelmäßigkeit und Ordnung denken lässt. Ich kann mir allenfalls vorstellen, dass Licht dieses gezackte Muster so verzerrt auf die Decke projiziert, dass ein Zusammenhang nicht mehr wahrgenommen wird.
Schließlich: laufen die geometrischen Objekte wie Spinnenfinger über die Decke, oder sind es nicht eher die Fasern, die in dem Verb zerfasern stecken? Ich komme mit den Bildern, die dieser Satz in mir hervorruft, nicht klar: deswegen erscheint mir die Sprache in diesem Satz zu gewollt.
(Nachtrag: Ich habe meinen Sohn gefragt, was ihm zu geometrischem Objekt einfällt: er nannte spontan Kreis und auf Nachfragen weitere zweidimensionale Objekte! Was bleibt, ist der Widerspruch zum Zerfasern, denn es waren ausschließlich Vorstellungen von regelmäßigen Objekten).
(Noch ein Nachtrag, 80 Minuten später: Habe meinen zweiten Sohn gefragt: der nannte spontan Kugel und Quader – ganz wie sein Vater! Brav! Beweist aber nix, sondern zeigt nur, wie unterschiedlich Begriffe verwendet und verstanden werden können: soviel zu denen, die immer noch und immer wieder verlangen, eine Kritik müsse objektiv sein…) zurück
Was zog er aus seiner Tasche? War das etwas, das einem Zeitungspapier ähnelte? War es ein Stück Zeitungspapier? War es eine ganz bestimmte Sorte von Zeitungspapier, und wenn ja: die von der Hamburger Morgenpost oder Bild oder der Zeit? Ich kenne mich nicht aus mit Sorten von Zeitungspapier, weiß nicht einmal, ob die genannten Zeitungen sich unterscheiden hinsichtlich ihrer Papiersorte: aber viele Leser kennen wohl mehrere Zeitungen und könnten sich bei der Nennung einer Zeitung an das Papier haptisch genauer erinnern als mit dem technischen Begriff Sorte. zurück
Die Partizipialkonstruktion zu Beginn des Satzes behauptet, dass diese Ladung nur deswegen so riecht, wie sie riecht, weil sie mit dem Sturmfeuerzeug entzündet wurde. Ich glaube nicht, dass das wenige verbrannte Benzin einen so entscheidenden Einfluss auf den Geruch hat, dass das Sturmfeuerzeug diese herausragende Position – in einer Partizipialkonstruktion am Satzanfang – verdient: ist mein Unglaube der richtige (und welcher wäre das nicht), genügte ein einfaches entzündet; andernfalls lasse ich mich gerne bekehren und schwöre meinem Unglauben ab. zurück

Textkritik: Der Einreisestempel oder Die Entdeckung der Langsamkeit – Prosa

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»Big problem!« wiederholt der Immigration Officer in Kathmandu zum zehnten Mal und schüttelt bedenklich den Kopf. Christine schaut verzweifelt drein, während Peter und ich den Officer freundlich anlächeln.
Begonnen hatte das »big problem« ganz harmlos am Flughafen von Kathmandu. Bei der Einreise gab es ein buntes Durcheinander mit Pässe vorzeigen, Geld umtauschen und Gepäck einsammeln. In diesem Trubel gelangten schließlich auch Christine und ich an die Passkontrolle, wo uns ein gelangweilter Beamte mit einer lässigen Handbewegung vorbei winkte. Da dies innerhalb Europas durchaus üblich ist, hatten wir uns auch nichts weiter dabei gedacht. So gesellten wir uns vor dem Flughafen zu unserer Reisegruppe und lernten unseren Reiseleiter Peter kennen.
Als wir zwei Tage später beim Abendessen zufällig auf das Thema »Einreise« zu sprechen kamen, wurde Peter, der eigentlich schwer zu schocken ist, blass vor Schreck, als er hörte, dass Christine und ich keine Einreisestempel in unseren Pässen hatten. Ungläubig blätterte er sämtliche Seiten unserer Pässe durch. Tatsächlich kein Stempel. Das war ihm noch nicht untergekommen, obwohl wir immerhin seine siebzigste Trekkinggruppe in Nepal waren. Noch am selben Abend brachte er unsere Flugtickets und Pässe zu S.T.S. (Sherpa Trekking Service), der Agentur, mit der unsere Reisegesellschaft zusammenarbeitete. S.T.S. wurde gebeten, das Problem für uns zu lösen.
Am nächsten Abend musste Peter uns mitteilen, dass S.T.S. keinen Erfolg gehabt hatte. Obwohl Condor sogar die Passagierliste unseres Fluges zur Verfügung gestellt hatte, sei der Mitarbeiter von S.T.S. im Immigration Office abgekanzelt worden, für was für eine armselige Agentur er eigentlich arbeite, die illegal Eingereiste als Kunden habe. Die müssten sich schon selber sehen lassen.
Während sich der Rest unserer Reisegruppe am nächsten Morgen schon auf den Weg in die Königsstadt Patan machte, warteten Peter, Christine und ich auf unser Taxi, das uns zunächst zu S.T.S. fuhr. Dort bekamen wir unsere Pässe und Flugtickets wieder und ein Mitarbeiter von S.T.S. begleitete uns zum Immigration Office. Auf dem Weg gab es letzte Instruktionen: Peter ist nicht unser Reiseleiter, sondern nur ein Mitglied der Reisegruppe, das Englisch spricht, während Christine und ich kaum ein Wort davon verstehen. So sollte Peter die bevorstehende Diskussion alleine führen können und die Frage der Arbeitserlaubnis würde nicht aufgeworfen werden.
Nun stehen wir also im Immigration Office. In dem Büro sitzen an einem Tisch an der Seite zwei Männer und trinken Kaffee. Ein weiterer sitzt vor einem Tisch, der mit Papieren bedeckt ist. In einem Regal stapelt sich Papier in Kartons und Plastiktüten. Das Büro ist wohl gerade umgezogen? Hinter einer Trennwand sitzt jemand halb versteckt und blättert in einer Zeitung. Der mit den Papieren schaut schließlich fragend auf. Peter erklärt ihm, dass wir eine Bestätigung bräuchten, dass wir am 05.2.99 nach Nepal eingereist seien, und reicht ihm unsere Reisepässe.
»Why?« fragt der Officer unbeeindruckt.
Peter erklärt, dass der Officer am Flughafen uns einfach durchgewunken habe.
»Why?« kommt es wieder von gegenüber.
»Wenn wir das wüssten…«, versucht Peter ihm deutlich zu machen.
»Big problem!« kommentiert der Officer.
Eben, und darum benötigen wir den Stempel, erklärt Peter geduldig.
»Both?«
»Both.« bestätige ich. Mist, da ist die Zunge mit mir durchgegangen. Ich verstehe ja kein Englisch. Peter ruft mich auch gleich mit einem strengen Blick zur Ordnung.
Ja, beide seien wir durch die Passkontrolle nach Aufforderung des Beamten gegangen, reißt Peter das Gespräch wieder an sich.
»Why?«
Weil wir wohlerzogene Frauen sind, die tun, was ein Beamter ihnen sagt, kontert Peter und reicht ihm unsere Flugtickets und die Passagierliste von Condor.
»Big problem.«
Darauf lächelt Peter ihn einfach zuversichtlich an. Ich lächel – eher fragend, zaghaft ebenfalls. Christine schaut lieber Peter als den Officer an.
»Big problem.«
Der Officer betrachtet sämtliche Stempel und Visa in unseren Pässen. Daraufhin fragt er Peter nach dem Ausreisestempel aus Deutschland. Peter antwortet, dass wir so etwas nicht bräuchten.
»Why?«
Weil wir ein freies Land mit freien Bürgern sind, wo jeder reisen darf, wohin er will, meint Peter. Bitte, Peter, bring‘ ihn nicht zur Weißglut, denke ich nur.
Schließlich gibt der Officer nach und reicht uns das erforderliche Antragsformular, das wir nun ausfüllen sollen. Da es zur Komödie dazu gehört, übersetzt Peter Feld für Feld und sagt, was wir reinschreiben sollen.
Peter reicht die ausgefüllten Formulare an den Officer, der nochmals fragt, warum wir keinen Stempel hätten. Etliche »Why«’s und »Big problems« später bittet der Officer um zwei Passfotos. Christine hat keines dabei und flitzt nach draußen, wo ein Fotograf sein soll. In Rekordzeit ist sie mit vier Fotos wieder da. Der Officer nimmt die Fotos, betrachtet sie eingehend, nimmt die Reisepässe, studiert sie sorgfältig, nimmt die Formulare und studiert sie ebenfalls sehr genau.
»Big problem.«
Peter und ich lächeln weiter und Christine platzt der Kragen: »Wie könnt ihr nur die ganze Zeit so überlegen grinsen!«
Peter erklärt ruhig, dass er nicht überlegen grinse, sondern zuversichtlich, um dem Officer zu vermitteln, dass er davon ausgehe, dass hier alles mit rechten Dingen zugehe. Das ganze Spiel habe den Zweck, uns zu veranlassen, dem Officer ein Bakschisch anzubieten. Das komme aber nicht in Frage.
Ich sage lieber gar nichts, bevor mir im falschen Moment wieder etwas heraus rutscht.
Der Officer hat uns interessiert beobachtet und meint schließlich, er müsse den Fall nun seinem Chef vortragen, da er nicht selbst in so einer brisanten Sache entscheiden könne. Langsam scheint Bewegung in die Sache zu kommen. Oder doch nicht?
Der Officer bewegt sich nicht. Auf Peters Frage erklärt er, sein Chef sei jetzt nicht da. Klasse Aussichten!
Nach einiger Zeit schaut er auf seine Uhr. Jetzt bestünde vielleicht die Möglichkeit, den Chef zu fragen. Der Officer verlässt das Zimmer. Kurz darauf kommt er wieder und verkündet: »Boss very busy.«
Nachdem er wiederholt um die Ecke geschaut hat und versichert hat »Boss very busy«, strahlt uns der Officer an und fragt: »Do you have time?« Der Zusatz »Ich könnte mit etwas Anreiz das Verfahren beschleunigen« bleibt unausgesprochen, aber dennoch deutlich im Raume stehen.
Klar, wir haben alle Zeit der Welt, zerstört Peter seine Hoffnungen.
Endlich scheint der Officer zu seinem Chef zu dürfen. Wir müssen draußen warten. Bald geht die Tür wieder auf; wir werden hinein gewunken.
Wir betreten einen großen Raum mit Teppichboden, in dem nur ein einziger großer Schreibtisch steht. Dahinter sitzt selbstbewusst der »Boss«, im gut sitzenden Anzug, wohlgenährt. Daneben steht »unser« Officer schmal, mit hängenden Schultern. Die Rollen sind hier klar verteilt. Zackig stellt der Boss seine Fragen: Was wollen wir? Warum haben wir keine Einreisestempel? Was soll Peter hier?
Nepalesische Beamte machen keine Fehler, stellt er fest.
Mit diesem Herrn ist offensichtlich nicht zu spaßen. Das Lächeln ist uns schnell vergangen. Peter erklärt nochmals ernst, was passiert ist und verweist auf die Flugtickets und die Passagierliste von Condor. Ich schaue lieber nur noch fragend Peter an, weil ich fürchte, dass der »Boss« sonst an meinen Blicken erkennt, dass ich jedes Wort verstehe. Der »Boss« greift zum Telefonhörer, bellt etwas hinein und legt wieder auf. Kurz darauf klingelt das Telefon. Ein kurzer Wortwechsel auf Nepalesisch und der »Boss« legt wieder auf. Er fragt noch mal, warum Peter mit ist und was er in Nepal will. Peter erläutert noch mal unsere »Sprachprobleme« und seine »Urlaubspläne«. Ich fürchte, der »Boss« glaubt ihm kein Wort. Dann verkündet er das Urteil: Gegen eine Strafgebühr von 300 Rupien (ca. 9 DM) bekämen wir die Stempel. Wir sollten aber aufpassen, dass uns so etwas nie wieder passiert. »Unser« Officer bekommt schriftlich die Erlaubnis, unsere Pässe abzustempeln, und wir sind alle samt entlassen.
Auf dem Flur atmen wir und der Officer erleichtert auf. Zurück in seinem Büro schreibt der Officer eine Kassenanweisung und drückt sie Peter in die Hand. Erst muss die Strafgebühr an der Kasse bezahlt werden. Peter und Christine machen sich auf die Suche nach der Kasse, während ich warte und unsere Pässe und Flugtickets nicht aus den Augen lasse, die achtlos auf dem Tisch liegen bleiben, während der Officer sich einer jungen Australierin zuwendet, die inzwischen eingetroffen ist. Sie ist auf dem Landweg von Indien nach Nepal gekommen und hat einen Ausreisestempel in Indien, aber keinen Einreisestempel in Nepal bekommen. Die Ärmste! Erst sind wir wieder an der Reihe. Der Officer benötigt Kopien unserer Reisepässe. Peter macht sich mit Christines Pass auf die Suche nach einem Kopierer. Ich habe glücklicherweise eine Kopie dabei.
Für die Australierin beginnt die bekannte Prozedur mit »Why?« und »Big problem.«  Schließlich bekommt auch sie zumindest das Antragsformular. Wo bleibt nur Peter?
Der Officer und ich lächeln uns verlegen an. Ich ermahne mich, ja kein Ton zu sagen. Mit Schweiß auf der Stirn kommt Peter schließlich angelaufen. Im Haus wären drei von vier Kopierern gerade außer Betrieb gewesen, keucht er.
Der Officer sammelt alle Unterlagen zusammen und sortiert sie. Erst kommen die Anträge, dann die Passagierliste, dann die Kopien der Pässe. Er überprüft noch einmal den gesamten Vorgang. Dann wird alles übereinander gelegt und zusammengeheftet. Zwei der Kopien aus den Pässen hat er quer gelegt. Damit der Vorgang ordentlich aussieht, faltet er das überstehende Ende der ersten Kopie sorgfältig, zieht die Falz von beiden Seiten mit dem Fingernagel nach und reißt das überstehende Ende vorsichtig ab. Genauso verfährt er mit der zweiten überstehenden Seite. Ich habe nie zuvor jemanden erlebt, der sich so langsam bewegt hat. Dann legt er den Vorgang rechts neben sich, holt einen Stempel aus der Schreibtischschublade und ein Stempelkissen, legt beides auf seine linke Seite, nimmt die beiden Pässe, platziert sie am oberen Ende des Schreibtisches, schlägt den ersten auf, wählt sorgfältig eine Seite aus, drückt einen Stempel in den Pass, lässt ihn antrocknen, füllt Datum der Einreise und des Stempelns aus, unterschreibt und wiederholt die Prozedur mit dem zweiten Pass. Mit strahlendem Lächeln reicht er uns die Flugtickets und die Pässe.
Wir geben beides an den Mitarbeiter von S.T.S. weiter, der die letzten zwei Stunden geduldig gewartet hat und nun endlich die Trekkingpermits für die gesamte Reisegruppe beantragen kann. Als wir das Gebäude des Immigration Office verlassen haben, lachen wir erleichtert auf und knuffen uns gegenseitig. Wahre Felsbrocken sind von unseren Herzen geplumpst.
Peter hat später noch mit mehreren anderen Trekkingführern über unser Missgeschick gesprochen. Bisher hat es noch keiner erlebt, dass jemand den Flughafen von Kathmandu ohne Einreisestempel verlassen konnte. Wir haben anscheinend ein neues Kapitel in der Visa-Geschichte Nepals geschrieben.

© 2000 by Ina Alter. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen – aber nur, wenn er kann! Die Fähigkeiten des Ich-Erzählers blitzen viel zu selten auf, etwa im guten (!) Wiederholen von »big problem« oder wenigen wirklich gelungenen Schilderungen! Lästige Wiederholungen und unlustige Formulierungen sowie das ermüdende Hauptsatz-Punkt-Hauptsatz-Punkt-Hauptsatz-Punkt- lassen das Lesen zunehmend zur Qual werden.
Das Versprechen der Zitat-Überschrift entpuppt sich als warme Luft, die Langsamkeit wird nur ein einziges Mal ansatzweise sprachlich gestaltet, ansonsten erinnert – vor allem auch sprachlich – viel zu viel an die berüchtigten »Mein schönstes Ferienerlebnis«-Aufsätze. Eine entscheidende Frage harrt noch ihrer Beantwortung: Was sollte überhaupt erzählt werden? Das Ereignis selber ist weder dramatisch noch ungewöhnlich, es passiert nichts Besonderes. Da es aber in einem fremden Land geschieht, könnte der Leser anlässlich dieses Ereignisses mit Menschen, Denkweisen, Lebensumständen bekannt gemacht werden, die ihm fremd sind; das verlangt von einem Autor, dass er seinem Icherzähler eine angemessene Dosis Beobachtungsgabe verabreicht, damit sie einen längeren Text hindurch anhält. Dieser Text kann immer noch eine nette und unterhaltsame Reiseerzählung werden – aber nur, wenn da noch erheblich Arbeit investiert wird. Wie sagte schon irgendsoein Schlaubauch? Von nix kommt nix! Und da hat er verdammt Recht!

Die Kritik im Einzelnen

Warum die literarische Anspielung? Der Text hat doch mit dem Inhalt des genannten Buches nichts zu tun?! Der Einreisestempel langt vollständig! zurück
Da Schreck und Schock nicht dasselbe ist, würde ich anraten, die vorangeschickte Charakterisierung von Peter positiv zu formulieren, etwa: Peter, sonst die personifizierte Gelassenheit (.) zurück
Wegen der Wiederholung würde ich unserer Pässe streichen: es ist auch so klar, wessen Seiten von Peter geblättert werden! zurück
Das doppelte für liest sich stolperig: (.) abgekanzelt worden, für welch armselige Agentur (.) zurück
Es gab Instruktionen, heißt es; und dass Peter etwas können sollte, ist keine Instruktion mehr, sondern ein Wunsch. Kürzer und logischer wäre es folgendermaßen: Dann kann Peter die Diskussion alleine führen, und die Frage nach seiner Arbeiterlaubnis (.) zurück
Der Icherzähler soll kein Englisch können und gibt folgerichtig Peters Äußerungen in der indirekten Rede wieder, da ja übersetzt wird. Hier scheint Peter den Officer aber direkt mit deutschen Wörtern anzusprechen: das sollte geändert werden! zurück
Ich vermute, dass das indirekte Rede sein soll. Diese zu gestalten, gibt es mehrere Möglichkeiten, von denen alle verwendet werden (dem Verständnis hülfe es ungeheuer, wenn in dem vorliegenden Text nur eine Möglichkeit verwendet würde als sicherer Hinweis: das ist jetzt indirekte Rede); eines aber ist bei allen gleich: hier müsste satt wir ein sie stehen, denn Peter ist ja gewissermaßen nur der Dolmetscher. Und selbst wenn in dem wir der Icherzähler steckt: bei der Wiedergabe des Redeinhalts wird er zum neutralen Berichterstatter und sollte sich raushalten: auch ein Leser hat es dann einfacher! Dieses verwirrende wir kommt noch an mehreren Stellen vor, ich werde dazu aber nichts mehr schreiben. zurück
Diese Form existiert nicht: lächle oder lächele! zurück
Wir sind bestimmt kein freies Land, aber sicher lässt sich sagen, dass wir in einem freien Land leben! zurück
Gerade hat Peter erklärt, dass er selbst spielt, nämlich dass alles in Ordnung ist. Dieser Satz jedoch bezieht sich auf den officer, und das bekommt ein Leser aber erst beim Weiterlesen mit. Um dieses Missverständnis auszuschließen, muss der Satz anders beginnen: Der officer zögere die Angelegenheit heraus, um (.) oder ähnliche Konstruktionen: Hauptsache, es wird sofort klar, dass jetzt vom officer gesprochen wird. zurück
In welchem falschen Moment ist schon einmal etwas herausgerutscht? Ich finde keinen falschen Moment in diesem Reiseerlebnis; dass der Icherzähler einmal versehentlich Englisch gesprochen hatte, geschah nicht in einem solchen, denn er hatte überhaupt nicht Englisch sprechen dürfen. Diese Äußerung bleibt mir rätselhaft. zurück
Zwei Sachen kurz nacheinander: wie wäre es mit Angelegenheit? zurück
Das hätte nicht passieren dürfen: die Überschrift zitiert die Entdeckung der Langsamkeit, weigert sich aber hier zu beschreiben, was innerhalb einiger Zeit passiert! Was geht in den Personen vor? Was ist zu sehen an dem Nebentisch? Womit beschäftigt sich der officer in dieser Zeitspanne? Wenn es ein Reiseerlebnis ist, was hier geschildert wird, wäre es notwendig, einige Zeit für einen Leser nachvollziehbar zu gestalten: dann muss nicht einmal mehr geschrieben werden, dass einige Zeit vergangen ist; die vergeht wie im Fluge, wenn das Vergehen spannend, humorvoll und/oder lebendig ausgestaltet wird. zurück
Vermeidbare Wiederholung: um die Ecke geschaut und versichert hat (.) zurück
Auch das ist doppelt gemoppelt, sowohl aber als auch dennoch drücken einen Gegensatz aus. Weg mit dennoch. zurück
Hier gilt das Gleiche wie für »nach einiger Zeit«: wenn es tatsächlich um die Langsamkeit geht, um die Bedächtigkeit, dann will ich das erleben und nicht durch Schnitte irgendwo hingehetzt werden! zurück
Diese Form gibt es nicht; es heißt gewinkt, schon immer. zurück
Gerade eben wurden die Personen hinein gewinkt. Dass jetzt berichtet wird, sie würden den Raum betreten, ist zu viel Worte um nichts! Bei dieser Art von Exaktheit wird der Belanglosigkeit und damit der Langeweile Tor und Tür geöffnet! Das lässt sich steigern: wir wurden hinein gewinkt. Wir betreten (auch nicht sehr elegant, die gleichen Satzanfänge – stammt aber in diesem Falle nicht von mir!) den Raum, bleiben stehen und schauen uns um usw. – hier würden statt zu erzählen nur noch Selbstverständlichstes ausgebreitet. Warum nicht sofort mit der Beschreibung des Raumes anfangen? zurück
Hier würde ich aus stilistischen Gründen eine Parallel-Konstruktion empfehlen: zu Boss, im gut sitzenden Anzug, wohlgenährt sollte es beim officer heißen unser Officer, mit hängenden Schultern, schmal. Dass sowohl der Boss sitzt als auch der Anzug direkt anschließend, ist sprachlich äußerst dürftig! zurück
Die Rollen sind nicht nur in diesem Raum klar verteilt: weg mit hier! zurück
Die Fragezeichen kennzeichnen die folgenden drei Hauptsätze als direkte Fragen; der Inhalt wiederum ist nur in indirekten Fragen möglich! Solche Fehler stören ziemlich und zunehmend! Korrekt müssten die Sätze lauten: (.) seine Fragen: was wir wollen, warum wir keine Einreisestempel haben, was Peter hier will. zurück
Warum jetzt plötzlich Umgangssprache? Was stört an einmal? zurück
Erneut eine dieser lästigen Wortwiederholungen… zurück
Und die nächste: Lässt man im Satz davor an der Kasse weg, würde nichts fehlen: die Strafgebühr muss dennoch bezahlt werden. Peter und Christine könnten sich dann wiederholungsfrei auf die Suche begeben. zurück
Soll das zunächst heißen? zurück
Wiederholungen, Wiederholungen, Wiederholungen: das liest sie so, wie es sich barfuß über ein Stoppelfeld läuft: nur für Hartgesottene! In 3 Sätzen 3x Kopie und 2x Pass!!! Einfallsloser geht es wirklich nicht. Beispiel, aus der Tastatur geschüttelt und ohne Anspruch auf literarische Qualität, aber wiederholungsfrei: Der officer benötigt Kopien unserer Reisepässe; Peter macht sich mit Christines auf die Suche nach einem entsprechenden Gerät, ich hatte glücklicherweise vorgesorgt. Vielleicht ist es jemandem aufgefallen: durch den Gebrauch verschiedenerlei Satzzeichen wird zusätzlich das Einerlei der Mini-Hauptsätze durchbrochen, die diesen Text so zerstückeln! zurück
Endlich besinnt sich der Icherzähler auf seine Aufgabe und seine Qualitäten: er erzählt anschaulich, lebendig (abgesehen von den leidigen Wiederholungen, die wohl auch in diesem Absatz vorkommen müssen) von des officers Aktionen.
Verzichten könnte der Icherzähler auf seinen Kommentar, er habe noch nie jemanden gesehen, der sich so langsam bewegt habe: um Klassen eindrucksvoller wäre es gewesen, hätte er uns an dieser Langsamkeit teilhaben lassen: hat der officer vielleicht noch die Qualität der Stempelfarbe überprüft? Musste er nach den Teilen suchen? Hat er den Stempel ordentlich abgelegt oder ihn gar hingestellt? Waren seine Handlungen eher umständlich-gewissenhaft oder in Zeitlupe? Gab es Denkpausen? Was trieb der officer währenddessen: rollte er mit den Augen, runzelte er verschiedene Partien seiner Stirn? zurück