Vielleicht war er von gestern. Der Text. Für morgen. Irgendwann. Nur so ein Papier. Buchstaben. Das Bildschirmflackern regte mich zu sehr auf. Diese schwarz auf weißen Buchstaben, die der Curser plötzlich verschluckte. Deswegen klickte ich mit dem kleinen weißen Pfeil auf Datei. Datei und Drucken. Der Drucker ächzte, kratzte die Tinte auf das Blatt. Und dann war mein Daumen darauf gekommen. Oben links. Jetzt war der Anfang verschmiert. Nur so ein grauer Wisch. Ein nicht mehr lesbarer Hauch. Ein Text, der seinen Anfang verloren hatte. Seinen Adressaten, sein Datum. Raumlos. Zeitlos. Eine Verwechslung war nicht auszuschließen. Verschiedene Leute benutzten den Drucker. Ich hatte keinen Überblick. Ein unsortierter Tag. Müde, von irgendeinem Abend davor, der mit Veltlins begann und Nenas Wutausbruch endete. Ich spürte die Bartstoppeln an meinem Kinn. Kratziger Morgen. Vielleicht war es also der Text, auf dessen Rezension der Verlag wartete. Vielleicht war es etwas anderes. Ich stülpte meine Augen unter den grauen Nebel und las … »zwei karamellfarbene Beine unter einem Minirock. Karamellfarben. Die Beine glitten im Blues-Rhythmus über das Kopfsteinpflaster. Sonnenscheinkringel tropften neben die Sandalen. Vergiss-mich-nicht-Lust. Flirtzauberduft. Die Rundungen des Körpers verschwanden im Schatten zu einem schwarzen Strich. Fliederduft im schwarzen Nichts.«
Ich legte den Text zur Seite und öffnete das Fenster. Mir war warm geworden und der Tag schickte ein Frühlingsblinzeln. Nebenan schlug eine Tür, eine Amsel brüstete sich schimpfend. Der Kiesweg vor meinem Büro knirschte erwartungsfroh. Schrittetrappeln. Leises Läuten. Graugrüne Mandelsplitter glänzten mit schüchternem Wimpernklopfen unter dem kupferfarbenen Samt hüftlanger Locken.
»Der Text…« sagte sie und fing meine Augen, als sie über den Rocksaum stürzten, mit dem karamellfarbenen Lächeln ihrer Waden.
»Der Text von gestern?« antwortete ich beflissen und öffnete meine Bürotür. Sonnenscheinkringel im Fliederduft.
Vielleicht war es für morgen. Irgendwann. Zeitlos.
»Ich nehme einen Kaffee« flöteten die Kussmundlippen und falteten sich mit den anderen Rundungen in meinen Bürostuhl. Es hatte keinen Anfang gegeben. Nur ein Nebel. Fliederduft-Blues. Karamellstimme. Ohne Datum.
Ich hatte den Überblick verloren.
Textkritik: Ohne Datum – Prosa
Zusammenfassende Bewertung
Dieser kurze Text zerfällt in zwei sehr disparate Teile: einen sehr verkorksten ersten (mit falschen und unklaren Bezügen, sprachlichen und inhaltlichen Schludereien bis hin zu blankem Unfug und verkrampftem Pseudomodernitätskitsch) und einen eigenwilligen, pfiffigen, lebendigen und spannend-humorvollen zweiten, wo nur noch die Bezüge zum ersten Teil stören.
Was geschieht hier eigentlich? Ein offenbar verkaterter Rezensent liest einen Text, den er nicht kennt und nicht zuordnen kann (aus welchen Gründen auch immer) und trifft anschließend (zumindest gemäß der Erzählfolge) genau die Person, über die er gelesen hat und ist darüber begreiflicherweise verwirrt, sodass er Text und Realität nicht mehr unterscheiden kann (falls er es je hat können). Ohne Datum braucht noch ein Menge Überarbeitung, damit des Protagonisten Verwirrung deutlicher in Erscheinung tritt und das allzu plakativ Gewollte bescheidener daherkommen kann. Den Text zu retten, indem der inhaltliche Unsinn mit dem Daumenwischer und dem ganzen Drumherum bereinigt wird, stelle ich mir nicht einfach vor.
Ich tue mich auch sehr schwer mit diesem seit mindestens den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts unablässig modernen Stil, Satzfragmente aneinander zu reihen, um was sensationell Neues und Einzigartiges zu schaffen. Meistens geht das fürchterlich schief, und ich möchte auch jeden davor eindringlich warnen.
Wer es aber nicht lassen kann, dem rate ich, Sybille Berg zu lesen, um von ihr zu lernen, wie man absolut genial mit Satz-Fragmenten umgehen kann: Sie schafft es, durch das Kombinieren solcher Brocken ganz neue Ausdrucksmöglichkeiten zu finden – je nachdem, wie man diese Teile kombiniert und wo man den eigentlichen Punkt setzt. Das hat was! Also: Sybille Berg, Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot, Reclam Leipzig 1577 (oder Sex II, aber da löst sie sich schon wieder davon).
Die Kritik im Einzelnen
Der Anfang erzeugt unnötigerweise eine falsche Spannung: Warum nicht gleich den Text einführen? Der Kontrast zwischen von gestern und für morgen erzeugt wesentlich mehr Interesse als dieses verschnarchte »Ach ich hab da was vergessen entschuldige bitte lieber Leser und liebe Leserin oder umgekehrt hole ich sofort nach« – zumal das in diesem Text hier das einzige Mal so geschieht (und die Autorin diese Billigtricks absolut nicht nötig hat)! Vielleicht war der Text von gestern. Für morgen. zurück
Es gibt zweierlei, was den Protagonisten aufregt: dass der Bildschirm flackert und dass der Cursor immer wieder Zeichen verschluckt. Dieser Zusammenhang geht verloren wegen der Konstruktion: Das Bildschirmflackern regte mich zu sehr auf. Diese schwarz auf weißen Buchstaben stellt zunächst den Zusammenhang her, dass diese Buchstaben ihn auch aufregen (wobei sofort die Frage auftaucht, wie er es denn gerne hätte, wenn nicht schwarz auf weiß?!).
Der Satz geht jedoch weiter: Ihn regen die Buchstaben auf, die der Cursor plötzlich verschluckte. Ihn regt nicht etwa auf, dass der Cursor Buchstaben verschluckt (das nervt mich manchmal auch; der Cursor schafft aber zum Glück nur Is und Els bei serifenlose Schriften), sondern ihn regen die Buchstaben auf, die der Cursor verschluckt – aber auch da nur die schwarzen! Kleiner Tipp: schreibe doch einfach blau auf grün oder verwende hinfort solche Buchstaben, an denen der Cursor sich verschluckt!
Ich würde den Zusammenhang so herstellen: Das Bildschirmflackern regte mich zu sehr auf. Und dass der Cursor plötzlich Buchstaben verschluckte. Wobei auch das Präteritum mich irritiert: hat ihn das alles nur einmal genervt? Nervt ihn das nicht immer? Im letzteren Falle wäre Präsens die angemessene Zeitstufe in diesen beiden Sätzen; im anderen Plusquamperfekt (als abgeschlossener einmaliger Vorgang). zurück
Welches abartige Programm verwendet der Knilch, wenn er 2-mal auf Datei klicken muss, um zum Befehl Drucken zu gelangen? Ist aber das Programm normal, sollte der Satzbau sich dem anschließen: (.) mit dem kleinen weißen Pfeil auf Datei und Drucken. (Ich scheue mich, den angedeuteten Brocken-Stil zu verwenden, denn das führte dann zu (.) mit dem kleinen weißen Pfeil auf Datei. Und Drucken. Nun: wer’s mag .) zurück
Der Protagonist verwendet nicht nur ein bizarres Schreibprogramm, sondern auch noch ein Ausgabegerät aus der Steinzeit: angeblich ächzt das (wobei ich gestehe, dass ich noch nie einen Drucker habe ächzen hören, nicht einmal stöhnen) , und zweitens kratzt er Tinte auf das Blatt; das wäre nun nicht mehr Steinzeit, sondern Federkiel-Ära; Tintenstrahler aber kratzen höchstens, wenn man Sandpapier auf der rauen Seite zu bedrucken trachtet; ich erinnere mich lediglich an laut nadelnde Drucker, die ihrerseits keine Tinte aufs Papier brachten, sondern Farbe; da ließe sich dann auch nichts verwischen. Ich vermute daher, der Protagonist hatte einen heftigen Kater, sodass jedes Geräusch in seinem Hohlkopf mehrfach widerhallend sich verstärkte: anders macht das Gelesene keinen Sinn! zurück
Die Spinntisierei erklimmt den Kitschgipfel: Ein Text verliert seinen Anfang, wenn er – so der verkaterte Protagonist – den Adressaten und das Datum verloren hat. Und was passiert dann mit dem Text an und für sich? Sein Text-Sein entwest sich und wird raumlos und zeitlos. Da haben wir endlich die lang vermissten überzeugenden Ausführungen zur transzendentalen Fundamental-Onthologie der Nicht-Texte bzw. Nicht-Mehr-Texte: Wie schön, dass hier nur noch Briefen und amtliche Schreiben das Prädikat Text zugestanden wird! Alle anderen sind nämlich schon von Geburt an raum- und zeitlos. Vielleicht ist das der Grund, warum ich manche Bücher nicht mehr wieder finde … Ungelöst aber bleibt das existenzielle Problem des bedruckten Papiers: kann es noch seinem Seins-Zweck zugeführt, ergo erneut bedruckt werden, da der Text raum- und zeitlos geworden ist?
Selbstverständlich ist der Text weder das eine noch das andere: der Protagonist hält ihn ja in der Hand und kann lediglich Adressaten und Datum nicht lesen, sehr wohl aber anschließend einen Auszug. Hier wird ein Fliegenschiss zu einem mystischen Nicht-Existenz-Erlebnis hochstilisiert, und beim hirnlosen Herumhampeln in der sehr dünnen Luft da oben folgt die angemessene Strafe des inhaltlichen Totalabsturzes. zurück
Wie verwechselt man – um im genialischen Bild des sehr verkaterten Protagonisten zu bleiben – raum- und zeitlose Texte mit anderen, und seien es auch gleichnichtartige? Keine Bange: ich will die Antwort gar nicht wissen, weder ernst- noch spaßhaft! zurück
Was in aller Welt sucht der eigentlich am Drucker? Sollen die verschiedenen Leute ihn doch benutzen, um ihr 80er (kratzt bös!) oder 240er (kratzt lieb!) Sandpapier mit Clip-Arts zu verschönern: Wieso schaut er nicht auf den Bildschirm, wo der komplette Text inklusive Adressat und Datum zu sehen sein muss? Doch falls nicht nur der Inhalt, sondern auch sein Rechner (der mit dem dicken Cursor) zwischenzeitlich einen Totalabsturz gehabt haben sollte einschließlich kompletter Festplattenformatierung, der Protagonist also – selbst wenn er gewollt hätte – den Text nicht mehr identifizieren kann, nicht einmal mehr weiß, ob es der ist, den er ausgedruckt hat (in seinem Zustand mehr als verständlich und verzeihlich): dann soll er halt warten, bis alle die anderen ihre hübsch bedruckten Sandpapiere abgeholt haben: was übrig bleibt, muss er ausgedruckt haben!
Zum Schluss der einzig wahre und korrekte Satz seit langem: Ich hatte keinen Überblick. Bedauerlicherweise ist dieser Satz überflüssig: die vorhergegangenen sprechen eine zu deutliche Sprache, als dass diese Quintessenz noch irgendeinen Erkenntniswert haben könnte. zurück
Ich bin mir nicht im Klaren darüber, ob ich dieses unsortierter Tag gut finden soll oder nicht; gewiss ist, dass die Kombination irritiert: schließlich sind Tage ein Sortierkriterium schlechthin (direkt nach Tag und Nacht); gewiss ist ebenso, dass der Protagonist nicht mehr weiß, an welchem Tag geschieht, was gerade geschieht oder das geschehen ist, wovon er anschließend berichtet. Dann wäre es aber kein unsortierter Tag, sondern ein Erlebnis, dem er keinen bestimmten Tag zuordnen kann.
Beim Schreiben wird mir klarer, dass ich diese Verbindung eher für nicht gelungen halte: sie bringt nichts für den Protagonisten, sondern demonstriert einmal mehr dessen fatale Fähigkeit, mit Sprache wild um sich zu schlagen auf der Suche nach dem Besonderen, nur um es dabei erfolgreich in Scherben zu hauen. zurück
Womit begann der Abend? Mit einigen Bier der Marke.»Veltins« (was auch ein dem Bier angemessenes schnoddriges Veltins unterstützen würde)? War es Wein, etwa der österreichische grüne oder frührote oder rote Veltliner (wo das schnoddrige Veltlins eher unangemessen wäre)? War es Wein aus dem italienischen Veltlin (Valtellina), den die Schweizer pauschal »Veltlin« nennen (in welchem Falle eine Schnoddrigkeits-Klassifizierung von Veltlins aus Gründen eklatanter Unkenntnis meinerseits leider unterbleiben muss)? Heißen müsste es also entweder Veltins oder Veltlin; aber wozu die Mühe: Hauptsache Filmriss & Brummschädel!
Und womit endete der Abend? Laut Satzbau mit gar nichts: denn der Abend begann mit Getränken, die Nenas Wutausbruch endeten. Das ist ein so wunderschöner Anfang, dass die Frage nach dem Ende eigentlich zweitrangig wird.
Ich befürchte jedoch, dass der Abend tatsächlich in Nenas Wutausbruch endete, und ganz arg befürchte ich, dass es ursprünglich (durchaus richtig) heißen sollte: (.) der mit Veltlins (?) begann und mit Nenas Wutausbruch endete und dass auf das zweite mit verzichtet wurde aus sprachlichen Gründen (Wiederholung)- ohne zu registrieren, dass sich dadurch der Sinn erheblich ändert. Das kann passieren. zurück
Wie der Protagonist diesen Schluss zu ziehen vermag angehörs der Sandpapier-Druck-Orgie und angefühls seiner Bartstoppeln, ist mir absolut schleierhaft: ich frage mich allmählich, ob der Protagonist tatsächlich so jesusmäßig verkatert bzw. so blöde sein kann, wie die Autorin mich glauben machen will. Ich vermute eher, dass auf diese verkorkste Weise der Beruf des Protagonisten unter die Leser gebracht werden soll; und ich wünsche aus ganzem Herzen, dass ein jeder Verlag, der solch delirierende Dumpfbacken wie den Protagonisten bestallt, ganz schnell Pleite geht zum Wohle der Menschheit!
Notwendiges postscriptum: Ich bin immer wieder erschrocken, wenn ich merke, wie viel ein einziges falsches Wort – siehe dieses also – zerstören kann! zurück
Stülpen bedeutet umkehren, darüberdecken; bei Ärmelaufschlägen spricht man auch von umstülpen im Sinne von umschlagen; der Word-Thesaurus bietet darüber hinaus fälschlicherweise noch aufsetzen an – aber wer sich auf Word verlässt, ist selbst schuld. Unsere Dumpfbacke stülpt seine Augen unter den grauen Nebel. Auf so was muss einer erst mal kommen! Augenstülpen als olympischer Wettbewerb: wer stülpt seine Augen am schnellsten, tiefsten, weitesten? Guinness-Rekord im Augendauerstülpen in der Edeka-Auslage, Augenstülp-Zweikampf: wer stülpt seines Gegners Augen in die Höhlen zurück? Sogar das gern zitierte Schau mir in die Augen, Kleines gewinnt ungeahnte Dimensionen!
So etwas regt an: er grunzte seine Augen unter den ächzenden Nebel, er knetete seine Augen ins raumlose Unpapier, er stapelte seine Augen zwischen die Zeitlosigkeit – es ist letztlich so exkrement-egal, was hier geschrieben wird, denn Sinn entwickelt sich einzig und allein aus dem anschließenden Textausschnitt: Dumpfbacke kann mit seinen Augen machen was er will, es ist ohne jede Bedeutung! Warum also soll er sie nicht unter einen grauen Nebel stülpen?
Schriftstellerische Leistung? Innovation pur? Der zweidimensionale graue Wisch mutiert unversehens zum (eigentlich dreidimensionalen) grauen Nebel, unter den seine Augen gegrunzt werden (wodurch wir auf eine Ebene gelangten, die gemeinhin als zweidimensional gilt – wenn es in diesem Satz mit rechten Dingen zu ginge; doch ist er eher ein Fall für das Freiburger parapsychologische Institut: dort kümmert man sich um Dimensionsverbieger); der Nebel aber ist wie der graue Wisch hier zweidimensional »gedacht«, denn die Ebene unterhalb des Nebels sieht Dumpfbacke nicht; er hält immer noch das Sandpapier in der Hand und liest unterhalb des grauen Wisches einen Text.
Warum hier nicht einfach wieder grauer Wisch stehen darf (das doch eigentlich sehr klar war und verständlich), warum Dumpfbacke nicht einfach einen Blick auf den Text unterhalb des grauen Wisches werfen darf, verstehe wer will – ich nicht: für mich ist das Krampf in Reinkultur! zurück.
Über dieses Textzitat muss ich nichts sagen, es ist ein fiktiver Text innerhalb eines fiktiven, und da darf alles geschrieben werden; hier geht es nicht um Qualität, sondern nur um Funktion für das Gewesene (da finde ich nichts) und bzw. oder das Kommende (da entfaltet er seine volle Wirkung und erhält dadurch seine volle Berechtigung) zurück
Vielleicht mag sich jemand gewundert haben, dass ich zu Anfang geschrieben habe (.) und die Autorin diese Billigtricks absolut nicht nötig hat, anschließend aber ziemlich heftig mit dem Text hadere! Der Grund für meine Meinung ist hier zu lesen: Verena Liebers kann sehr gut und eigenwillig formulieren; diesen Absatz kann ich richtig genießen, und davon hätte ich gerne mehr gehabt, auch zu Beginn des Textes!
Aber ich wäre nicht malte, wenn ich nicht auch hier eine Klitzekleinigkeit zu meckern hätte: es ist da erwartungsfrohe Knirschen des Kiesweges! Das Kiesknirschen lässt doch den Protagonisten hoffen, dass etwas geschieht, und nicht der Kiesweg hofft erwartungsfroh, dass da jemand auf ihm herumknirscht, zumal die betreffende Dame es bereits tut! Oder hofft der Kiesweg, dass das Betrampeltwerden so bald wie möglich endet? zurück
Das ist ein Rückbezug auf den misslungenen Anfang und müsste entsprechend umgearbeitet werden, die triefsinnige Zeitlosigkeit darf ganz entfallen. zurück
Solche Sprechweisen zeichnet eigentlich Tussis aus, die bei Jerry Cotton und ähnlichen literarischen Erzeugnissen ihr triviales Unwesen treiben; soll das eine Parodie sein? Und wenn: warum dann nur hier? Oder ist mir was entgangen? zurück
Die Grammatik fordert hier zu Recht einen Nebel, denn dieses Fragment ist ein elliptischer Satz: Es hatte einen Nebel gegeben. zurück
Hier gilt das gerade Gesagte: kein Anfang, Nebel, ohne Datum, Überblick verloren sind Verweise auf den misslungenen Anfang und müssten entsprechend überarbeitet werden. zurück
Textkritik: unterwasserreihenhaus – Lyrik
zart verschraubt
in dich & dein staunen
& über die stiege
schwebt schlafs
schwarzer rochen
ein zeppelin
wär meine lust
abgestürzt auf
deinem dachfirst
zu segeln
da blühten fische
in seinen gewölben
barrakudastern
für das kap
deiner lippen
lauerten kleine
tode im
flossengefächel
für deinen fuss
auf der leiter
Zusammenfassende Bewertung
Soll ich’s wagen? Soll ich ich’s sagen? Was soll die Scheu: Ich tu’s:
Ein Meisterwerk!
Ein Liebesgedicht und eine Sehnsucht: Denn alles ereignet sich unter Wasser, nicht über ihm; geborgen in einem Haus, in dem die beiden vereint sind und das gleichzeitig selbst Teil diese Vereinigung ist; eigenwillige und humorvolle Bilder in einer fast schon musikalischen Komposition! Ich liebe dieses Gedicht! Und ich werde mich noch sehr lange damit beschäftigen – aber nur für mich! Großen Dank an Sissy de Leu für dieses Geschenk!
Die Kritik im Einzelnen
Allein schon die Alliterationen und die Bilder, die entstehen dürfen durch zart verschraubt in dich & dein staunen & über die stiege; dann dieses starke &, das sichtbar aneinander kettet lyrisches Ich und sein Gegenüber und dessen Gefühl und die Vision – ich nenne es der Einfachheit halber so, obwohl es mir gleichzeitig missfällt!; die Bewegungsrichtungen: ineinander, nach oben, schweben über.
Ich weiß: das sind keine ganzen Sätze! Aber anders vermag ich meine Begeisterung nicht auszudrücken als durch Verstummen: Ich nenne nur noch Beobachtungen! Z.B. dieses Spiel mit Erwartungen: Was folgt nach schlafs schwarzer ? Ich habe sogar ernsthaft Rachen gelesen, stolperte aber gerade noch rechtzeitig, um den rochen zu entdecken, den Blick auf die Überschrift zu lenken und vergnügt schmunzelnd von vorne anzufangen, zurück
Wär meine Lust ist Prädikat von ein zeppelin; abgestürzt auf deinem dachfirst zu segeln kann seinerseits ein anderes Subjekt sein für dieses Prädikat; abgestürzt kann sich beziehen auf meine Lust oder auf den zeppelin oder und auf diesen; ich könnte stundenlang so weitermachen, ich finde immer neue Kombinationen, die mitschwimmen. Der Wunsch-Traum (ist eigentlich nicht besser als Vision) hat offenbar begonnen zurück
Irreales (wegen dem Irrealis blühten) Leben in den Gewölben des abgestürzten Zeppelins (abgestürztes Luftschloss oder Lustschloss?), der Teil des Hauses geworden ist; was aber ist ein Barrakudastern? Sternförmig angeordnete Barrakudas für das kap deiner lippen? Hier bleibt ein Rätsel, das ich lösen möchte!
Wie Land den raubenden Barrakudas den Weg versperrt, so hier das kap der lippen – Kaps sind herausragende Punkte, die umschwommen oder umsegelt werden müssen. zurück
Irreale kleine Tode (nach dem Leben der vorigen Strophe), die die Füße bedrohen; damit wäre der Rückweg abgeschlossen: dein Dachfirst – deine Lippen – deine Füße; und die stiege in der ersten Strophe wiederholt sich in der leiter. Auch der Rahmen ist geschlossen.
In jeder Strophe finden sich Elemente des Hauses: Stiege, Dachfirst, Gewölbe, Leiter; Elemente des Todes: Schlafs schwarzer Rochen, abgestürzt, Barrakuda, Tode; Elemente des Lebens: schweben, segeln, blühen, lauern; Possessivpronomen: dein Staunen, meine Lust & dein Dachfirst; sein Gewölbe & deine Lippen; dein Fuss (man beachte die Anzahl 1-2-2-1, wobei mein und sein nur jeweils einmal im Zusammenhang mit dein auftritt, und dein sich sowohl auf das Haus als auch die andere Person beziehen lässt .) Ich höre auch damit auf: es reicht bereits, den Grad an Komposition sichtbar zu machen, der in diesem Gedicht steckt! zurück
Textkritik: Ihr Lustproleten – Prosa
Es ist die vollkommene Narkose, die ich bevorzuge. Nicht im Drogenrausch gebe ich mich dem Leben hin. Gar nichts gebe ich dem Leben hin. Keinen leichtfertigen Gedanken, kein Gefühl, keine Minute. Es kann mich nicht anrühren, dieses lächerlich vergängliche, hoch gepriesene und oft beweinte Leben, das nur dazu taugt, geflohen zu werden. Soweit interessiert mich dieses so genannte wahre Leben – und kein m mehr. Ich lebe in Narkose. Dieses Leben tangiert mich so wenig, dass ich nicht einmal Todessehnsucht oder Angst wirklich kenne.
Vor meinem reichhaltig bestückten und nachhaltig narkotisierten Erfahrungshorizont kann ich mir inzwischen begreiflich machen, dass es nur ein Quäntchen Sinn für dieses albern zelebrierte Leben gibt – es ist der, es erfolgreich zu fliehen; es ist das unaufhörlichen Pflegen der Narkose.
Gut. Ich gebe zu, dass zum Praktizieren der Narkose – vor allem durch hochwertige Geschichten, Anekdoten und anspruchsvolle Legenden – einige Fertigkeiten gehören, die man durch das so genannte Leben erst zu beherrschen imstande ist. Was mich angeht, so liegt der Erwerb dieser grundlegenden Fertigkeiten jedoch schon so lange zurück, dass ich mich nicht mehr wirklich daran erinnern kann. Zahlreiche tiefsinnige Mythen kennzeichnen meine Erinnerung an das Erlernen der perfektionierten Narkose. Durch einen Schleier erinnere ich auch noch einige kleine irrwitzige Lebensmythen, die Anfänge, die mir wahrscheinlich damals noch latente Emotion verursachten. Aber man muss mir zu Gute halten, dass das zu jener lang zurückliegenden Zeit war, als ich noch nicht begriffen hatte, dass es die Narkose ist, um die es geht; und dass gerade ich besonders gute Anlagen zur Perfektionierung der Narkose besitze. Eine dieser Anlagen – oder auch Grundvoraussetzungen – ist mein Kopf, den ich mir schon frühzeitig zerbrach, um damit – quasi instinktiv – mein Gehirn für die Narkotisierung zu rüsten.
Natürlich funktioniert auch dieser Bereich nicht ohne Training. Das ist ähnlich wie im Sport, übrigens eine sehr primitive Form der Selbstnarkotisierung, über die selbst manche erwachsenen Menschen nie hinausgekommen zu sein scheinen. Nun ja, wer sich der permanenten Selbstunterhaltung widmet, ohne die Narkose je zu erreichen, mag dieses lächerliche Leben wohl besser ertragen als ein gänzlich unbeschäftigter Gefühlsduseler. Aber den höheren Weihen der umfassenden und gnadenvollen Narkose wird er sich niemals nähern; allenfalls den beschämenden, ironisch anmutenden Albernheiten, die Religionen darbieten.
Nein. Die perfekte Narkotisierung ist schon eine Kunst an sich und selbstredend für sich. Sogar ich habe schon Tage erlebt, an denen ich nicht recht zufrieden bin mit meinen Betäubungsleistungen. Dann erreiche ich manchmal eine widerlich emotional verursachte Taubheit, die dieses plumpe Leben durch meine – ansonsten eher fein verwobenen – Hirngespinste trampeln lässt. Es gab schon Situationen, die mich tatsächlich auf die ein oder andere – selbstverständlich legale – Droge zurückgreifen ließen, wenn Gelüste nach Waldspaziergängen, Geschlechtsverkehr, tanzbarer Musik oder ähnlich dumpfen Sinnesempfindungen mich heimsuchten. In solch triebhafter Notlage habe ich dann per Droge die Sinnesempfindungen schnell und diskret ausgeschaltet, um nicht unkontrolliert derben Lüsten zu erliegen.
Ich gestehe auch, dass mich in einer solchen Ausnahmesituation schon einmal für den Bruchteil einer Sekunde nackte Angst gepackt hat. Aber es war ein wirklich kurzer Moment, gegen den ein Augenblick der Ewigkeit gleichkommt. Dennoch: In dieser verschwindend geringen Momentausdehnung hatte ich Angst, nicht zu meinen Narkotisierungsfähigkeiten zurück zu finden. Vermutlich war es sogar ein ganz herausragender Sekunden-Bruchteil, denn seitdem trotze ich dem sinnlich mutierten Leben entschiedener denn je und gebe keine Faser meiner narkotisierten Existenz dem Leben hin. Sobald ein Spalt breit Empfindung einzudringen droht, denke ich auf Hochtouren dagegen an. Ich denke die Gedanken, bis sie betäubend vor sich hin wirken. Ich denke mit angestrengt gerunzelter Stirn am Leben vorbei.
Und wenn ich einem dieser Menschen begegne, die immerzu der Befriedigung primitiver Lüste nachjagen und dabei in Panik geraten, dass dieses unappetitliche Schauspiel einmal vom Tod unterbrochen werden könnte, lasse ich mich hin und wieder dazu herab, in diese ekelhaft sinnliche Menschheit hinein zu lächeln. Es ist die beste Art, das ordinäre und pralle Leben von sich fern zu halten. Ein tiefgründiges, sinnierendes, narkotisiertes Lächeln; ein wissendes, halbherziges, narkotisiertes Grinsen; ein verachtendes, gefühlloses, narkotisiertes Lachen; ein höhnendes, gnadenloses, narkotisiertes Gelächter, das ich diesem abstoßenden Leben und seinen widerlich sentimentalen Kreaturen entgegen schleudere – in dem messerscharf reflektierenden Bewusstsein, dass sie alle mitlachen und dabei vulgäre Fröhlichkeit empfinden. Hahahahahaha.
Zusammenfassende Bewertung
»Ich denke mit angestrengt gerunzelter Stirn am Leben vorbei.« Das ist ein ausgezeichnet gelungener Satz, und aller Einzelkritik zum Trotz: Es gibt einige gute Sätze und Gedanken in diesem Text! Insgesamt aber gilt: »Ich schreibe angestrengt & schrecklich bemüht mit stumpfer Feder am Sinn vorbei«. Ich weiß nicht, ob eine Überarbeitung dieses Textes überhaupt Aussicht auf Erfolg haben kann, denn schon die Grundidee ist viel zu unscharf!
Was unterscheidet prinzipiell Narkose von Drogen? Nichts! Warum aber wird dann in diesem Text so getan, als gebe es da einen? Und ist Narkose, selbst wenn sie etwas Besonderes wäre, vermittels Literatur zu erreichen oder durch das Denken eigener Gedanken – oder gibt es da Gemeinsamkeiten? Wieso ist Denken lächerlicher als Geschlechtsverkehr: weil Denken nicht sinnlich ist? Oder Geschichten nicht sinnlich sind? Was macht diesen Unfug so herausragend, dass man ihn durch eine Art satirischen kalten Kaffee ziehen will, was aber nicht gelingt, da der Text sich zunehmend verwirrt und in unzusammenhängende Einzelstücke zerfällt?
Erst sollte klar sein, was man schreiben will; dann sollte klar werden, wie man es schreibt: als Erzählung, als Drama, als Glosse, als Satire usw.; wird Satire gewählt, sollte aufmerksamst der nicht zu unrecht berüchtigte Grat beachtet werdet, auf dem man wandert, doch ist dabei die schwebende Leichtigkeit bewahren, sorgfältig nach allen Seiten sichernd: Nur dann ergibt sich die notwendige Fallhöhe zur Wirklichkeit. Wortgekeule und ständige Ausflüge nach unten und zur Seite (wo ja nichts ist) sind tödlich!
Die Kritik im Einzelnen
Wenn jemand flieht, dann muss er zumindest ein einigermaßen heftiges Gefühl von Bedrohung empfinden, und das ist eine ziemliche Anrührung! Wenn ihn das Leben aber gar nicht anrührt, dann wird er es auch nicht fliehen: der Relativsatz das nur dazu taugt, geflohen zu werden sollte gestrichen werden! zurück
Ist der Relativsatz gestrichen worden, muss dieser Satz ihm auf dem Fuße folgen (sofern bei Sätzen dieser Ausdruck erlaubt ist), da er jeden Bezuges beraubt wurde. Macht aber gar nichts! zurück
Der Satzbeginn dieses Leben bezieht sich auf den vorhergehenden Satz Ich lebe in Narkose, auf den er sich unter gar keinen Umständen beziehen darf! Er hätte sich eigentlich auf dieses so genannte wahre Leben vom vorletzten Satz beziehen sollen, aber den habe ich gerade exekutiert; es bliebe dann der Bezug zum ursprünglich vorvor- und jetzigen vorletzten – noch alles klar? – (.) oft beweinte(n) Leben, doch der kann aus grammatisch-logischen Gründen so nicht hergestellt werden: es müsste dann heißen Jenes Leben interessiert (.). Diese/r/s bezeichnet immer das näher liegende, und jene/r/s immer das entferntere.
Es geht aber eleganter: dieser Absatz begründet, warum Ich die vollkommene Narkose bevorzugt; warum aber muss die Folge Ich lebe in Narkose mitten in die Begründung gepackt werden? Die Konsequenz passt viel einleuchtender an das Ende dieses oder an den Anfang des nächsten Absatzes! Zusammengefasst ergibt sich Folgendes:
Es ist die vollkommene Narkose, die ich bevorzuge. Nicht im Drogenrausch gebe ich mich dem Leben hin. Gar nichts gebe ich dem Leben hin. Keinen leichtfertigen Gedanken, kein Gefühl, keine Minute. Es kann mich nicht anrühren, dieses lächerlich vergängliche, hoch gepriesene und oft beweinte Leben!. Es tangiert mich so wenig, dass ich weder Todessehnsucht noch Angst kenne. Ich lebe in Narkose.
Klammheimlich habe ich jetzt ein weder-noch hinzugemogelt und ein wirklich gestrichen (im vorletzten Satz – wenn ihr wisst, was ich meine): da Ich keine Kompromisse eingeht, sollte es auch keine eingehen, sondern seine Ansichten konsequent vertreten, sonst kippt der Text viel zu früh! zurück
Narkose-Fan Ich weiß doch Bescheid: wieso muss er es sich dann begreiflich machen? Ist er doch nicht so konsequent? Lässt er sich hier erneut ein Hintertürchen offen, um sich endlich dem heimlich doch irgendwie geliebten Drogenrausch hinzugeben? Gesteht Ich dem Leser sein, dass es sich seiner Sache überhaupt nicht so sicher ist, wie er tut? Hier droht der Text erneut zu kippen! Vorschlag:
Dank meines reichhaltig bestückten und nachhaltig narkotisierten Erfahrungshorizontes weiß ich inzwischen (.)
Will jemand wissen, warum ich vor in dank geändert habe? Dem teile ich das sofort mit, wenn all die anderen wieder zurück gegangen sind! Sind die Wissenden weg? Nein? Immer noch nicht? Selbst schuld! Also: im ursprünglichen Satz bezeichnete vor einen Ort: das Ich konnte angesichts seines Erfahrungshorizontes sich etwas begreiflich machen. In dem geänderten Satz könnte vor irritierenderweise auch als Reihenfolge aufgefasst werden: erst weiß das Ich etwas, dann wird es Teil seines Erfahrungshorizontes – und dieses potenzielle Missverständnis zu vermeiden dienete (das ist Absicht,…) mein ganzes ( …und zwar deswegen:) Trachten und Suchen nach einem sinnfälligen Ersatz für vor, denn ich wollte möglichst viel von dem vorhandenen Satz retten! So etwas heißt dann schlicht und ergreifend Überarbeiten eines Textes! endgültig zurück
Aus den oben genannte Gründen muss dieser Satz verschwinden! zurück
Anekdoten und Legenden sind beides Geschichten, die Addition ist also genau so falsch wie die Erkenntnis, dass es Menschen, Frauen und Kinder gibt (wobei meine Erkenntnis den Vorteil hat, zusätzlich auch noch aber so was von politisch unkorrekt zu sein); und wenn zu hochwertigen Geschichten Anekdoten jeder Art zählen, von den Legenden aber nur die anspruchsvollen, dann fühle ich mein prinzipielles Misstrauen gegen Adjektive vehement gestützt & bestärkt!
Satzbau und Inhalt kommen sich in die Quere: Fertigkeiten werden in dem Leben gelernt oder durch das Leben vermittelt; es ist aber immer ein Prozess, der zum Stillstand kommt, wenn die Fertigkeit beherrscht wird. Wenn man sie beherrscht, ist man auch imstande sie anzuwenden, andernfalls beherrscht man sie nicht! Man wird also durch das Leben dazu instand gesetzt, diese Fertigkeiten zu erlernen und zu beherrschen. Heißen müsste der letzte Teil dieses Satzes dann etwa
(.) Fertigkeiten gehören, die zu beherrschen man erst durch das so genannte Leben instand gesetzt wird. zurück
Hier geraten wir an ein mythisches Problem jeden Erzählens: statt dass eine oder zwei dieser Mythen dem Leser bekannt gemacht werden – schließlich kennt Ich sie sehr genau, da sie seine Erinnerung kennzeichnen, also nachgerade substanziell sind – wird der Leser mit Allgemeinem abgespeist: »Ich könnte ja, wenn ich wollte, aber ich will nicht!« Der ganze Satz ist zutiefst überflüssig, da bar jeden brauchbaren Inhalts! Und was die tiefsinnigen Mythen anbelangt: hier trieft wieder die Redundanz, denn es gibt keine flachsinnigen oder unsinnige Mythen: Es gibt alte Mythen (Eltern-, Kinder- und Geschwistermord als unverschuldetes Schicksal; der Sieg des Guten oder Schwachen über das Böse; der Mensch als Opfer höherer Mächte usw. usw.), und es gibt die neuen Mythen (Händi = Erreichbarkeit = Existenzbeweis; globales Dorf; Auto = Freiheit & Beweglichkeit; Technik = Fortschritt; das Alte = das Gute; Reichtum = Sinn des Lebens usw. usw.): Wieder einmal langt ein Adjektiv voll ins Leere . geschieht ihm recht: da gehört es auch hin!
Erlernen der perfektionierten Narkose entbehrt auch nicht des Unsinns: erlernen und perfektionieren bezeichnen Vorgänge! Perfektionierte Narkose bezeichnet einen abgeschlossenen Vorgang, perfekte Narkose hingegen einen wünschenswerten Zustand, den zu erlernen sich lohnte (zumindest für Ich). Kein Mensch will doch etwas lernen, damit er es erlernt hat, sondern um es anzuwenden. zurück
Da Ich sich nicht wirklich erinnern kann, kann es sich auch nicht durch einen Schleier erinnern, sondern nur durch genau diesen: nämlich dass es sich nicht wirklich erinnern kann. Und – jetzt muss ich Da Ich sich nicht wirklich erinnern kann schon wieder wiederholen, sonst verliere ich den Überblick – da Ich sich nicht wirklich erinnern kann, kann es auch nicht kleine irrwitzige Lebensmythen erinnern, für die genau all das gilt, was ich schon zu Mythen im Satz zuvor ausgeführt habe: weg mit den Benennungen, her mit Beispielen!
Angesichts der irrwitzigen Häufung von Adjektiven frage ich mich unwillkürlich, was ich mir unter großen witzigen oder kleinen aberwitzigen oder geschredderten traurigen Lebensmythen vorstellen soll, jedoch will und will und abermals will es mir nicht gelingen: ich stoße immer wieder auf Lebenslügen – aber die gehen keinen etwas an! Stattdessen wird mir weis gemacht, diese Lebensmythen seien die Anfänge, die damals noch latente Emotionen verursachten. Da verstehe ich nur noch Schrottplatz:
erstens: Sind Lebensmythen = die Anfänge, die usw.? Am Anfang war der Lebensmythos, pardon: in den Anfängen waren die kleinen irrwitzigen Lebensmythen? Und wie viele Anfänge waren es? Warum wird Lebensmythen samt dem adjektivischen Vorspiel eingeführt und gleich darauf umgetauft in die Anfänge? Hätte die Anfänge nicht gereicht? Oder sind Lebensmythen nicht die Anfänge, sondern Ich erinnert (was es nicht kann) außer Lebensmythen auch noch Anfänge, die usw.? Warum wird nicht deutlich gemacht, sofern da etwas deutlich zu machen wäre?
zweitens: Ist der Relativsatz deskriptiv gemeint oder prädikativ? Anders ausgedrückt: bezeichnet der Relativsatz eine bestimmte Klasse von Anfängen, nämlich die, die bestimmte Emotionen verursachten – das wäre prädikativ? Oder ist er deskriptiv gemeint, das heißt gab es auch noch etwas anderes außer Anfängen, was bestimmte Emotionen verursachte? Ganz anders ausgedrückt: Wenn schon so schwierige Begriffe wie Mythos verwendet werden müssen, erwarte ich eine angemessene Präzision in der Gedankenführung – ansonsten schmieren die Begriffe ab!
drittens: Was ist er der Inhalt des Relativsatzes die damals noch latente(n) Emotionen verursachten? Das bedeutet doch, dass die Emotionen jetzt zum Ausbruch kommen bzw. gekommen sind, wenn sie damals noch latent (also verborgen schlummernd) waren – das aber kann nicht sein, denn Ich kennt keine Gefühle, sondern nur Narkose! Weiterhin behauptet der Relativsatz, dass diese fragwürdigen Anfänge latente Emotionen verursacht haben wollen, welche sie aber nicht verursacht haben können, denn dann wären die Emotionen ja gerade keine latenten, sondern bekannt bis hin zur Ursache! Und da behauptet Ich, es könne sich nicht wirklich erinnern? Trau schau wem! zurück
Da es um eine Grundvoraussetzung geht, darf es nicht mein Kopf heißen, denn das wäre ja nur Ichs Kopf, in den sonst niemand Zugriff hätte, sondern muss allgemein der Kopf heißen! zurück
Jetzt wird gefährliches Gelände beschritten: gibt es auch eine Fremdnarkotisierung (klar gibt es die, z.B. vor Operationen, aber um diesen Bereich müssen wir uns jetzt nicht kümmern!)? Und ist Narkose ein qualitativer Sprung von Immer-stärkerer-Rausch? Ich wage keine Prognosen! zurück
Wie wäre es mit Erwachsene – schließlich ist bislang nur von Menschen die Rede?! Ich erinnere an die Hauptregel, die da lautet: Streichen, streichen, streichen!). Und nach Sport würde ich einen Gedankenstrich empfehlen, weil ein Einschub folgt. zurück
Mmh: wäre ein gänzlich unbeschäftigter Gefühlsduseler demnach einer, der ohne Drogen lebt? Ein teilzeitbeschäftigter Gefühlsduseler ein Hobbyfußballer, und ein gänzlich beschäftigter Gefühlsduseler ein Vollzeitsportler? Ach ja: und ist Gefühlsduseler: prinzipiell jemand, der überhaupt Gefühle hat, oder jemand, der sich ihrer bewusst ist, oder gar einer, der seine und fremde Gefühle lieb hat, oder – beinahe schon unvorstellbar – einer, der sie hervorruft? Ich sehe keinen verständlichen Sinn in der absteigenden Folge Geschichten-Narkose – beschämende Albernheiten qua Religion (davon später) – Selbstnarkotisierung – primitive Selbstnarkotisierung (vulgo Sport) – arbeitsloser cleaner Gefühlsduseler. Irgendwo dazwischen oder darüber oder darunter schweben oder hängen oder lungern Drogenrausch und allerlei Gefühle oder so: ich krieg das einfach nicht auf die Reihe. zurück
Wen beschämen die Albernheiten? Wen muten diese Albernheiten ironisch an? Oder beschämen und muten diese Albernheiten gleichzeitig ein und dieselbe Person an? Ein Verzicht auf diese albernen Partizipien würde dem Satz sehr gut tun; warum aber kommt hier die Religion überhaupt ins Spiel? Als die höchste Stufe der Nichtnarkose, das bekannte Opium fürs Volk? Dann wäre dieser mit magischem Leitungswasser gesegnete Langläufer – ich glaube, er nennt sich Mühlegg – in der Verbindung von Vollzeit-Sportler mit religiösem Wahn ja eigentlich schon auf einer höheren Stufe als jemand in Narkose! Wie war das mit dem qualitativen Sprung? zurück
Meiner Treu: diese Zeile lässt sich trefflich zusammenstreichen und mit Satzeichen verfeinern: Nein: Die perfekte Narkotisierung ist schon eine Kunst an sich und selbstredend für sich. zurück
Die Taubheit ist angeblich emotional verursacht, kann also keinesfalls von Ich erreicht werden. Was widerlich verursacht bedeuten soll, mag ich gar nicht erst ergründen wollen, und was widerlich emotional verursacht schon gleich gar nicht; ich halte eher dafür, dass die erreichte Taubheit deswegen widerlich ist, weil sie mit Emotionen bekleckert ist; das ist dann aber kein Erreichen (denn dieses impliziert ein für die betreffende Person positives Ziel), sondern ein eingeschränktes Gelingen; sind all diese Adjektive nötig, müsste dies Sätzlein folgendermaßen lauten: Dann gelingt mir manchmal nur eine widerliche, da emotional verursachte Taubheit. zurück
Welch Reichtum an Eigenschaften dieses Leben dem Leser bietet, übersteigt allmählich mein Fassungsvermögen! Deswegen sammle ich einfach alle Ein- und Unfälle in diesem Text, ausnahmslos zugehörig der Deponie Hassenswerte Adjektive: lächerlich vergänglich, hoch gepriesen, oft beweint, albern zelebriert, so genannt, lächerlich (in Kombination mit dem bereits genannten lächerlich vergänglich ergäbe sich ein lächerlich vergängliches und lächerliches Leben – wer’s braucht, wird selig: in den Niederungen des Nichtsinns), jetzt endlich plump, doch das reicht nicht, denn es folgt noch – um es in einem Aufzähl ein für alle Mal zu erledigen – sinnlich mutiert, ordinär & prall, abstoßend. Tipp: um sich die Mühen dieser Hirnblähungen zu ersparen, sollte man bei Substantiven je nach Gusto angeben (Obacht, es folgt ein Beispiel):
Dieses (siehe Adjektive im Duden S.89 bis 825) Leben ist so (siehe Adjektive im Duden S. 826, linke Spalte), dass kein (siehe Adjektive in Ohne Datum, 2. Abschnitt) Mensch, mehr versteht, wie er ohne es (siehe die ersten drei Adjektive auf dem dritten Link in www.muellseite.de) leben soll.
Selbstverständlich lässt sich auch der ganze Duden angeben (S. 87 bis 860) oder – wer es noch globaler mag – das komplette Internet: da finden sich sogar ausländische Adjektive! Das wäre die endgültige Befreiung der Literatur von der Diktatur der Autoren und Autorinnen und Schreibzwittern und Schreibnichtsen. Und ein Versprechen füge ich noch hinzu: ich werde zu keinem einzelnen deskriptiven Adjektiv aus diesem Text mehr etwas sagen, Heiliges Ehrenwort! Jede Leserin egal welchen Geschlechtes möge sich eigenkopfige Gedanken machen, welche dieser Bastarde irgend sinnstiftend sind, und welche besser getilgt werden! zurück
Fein verwobene Hirngespinste? Nicht eher fein gewobene Hirngespinste? Ich meine ja nur: wenn die Hirngespinste grob gewoben sind, wie will sie dann jemand oder etwas fein verweben, diese groben Gespinste? Ist egal? Hauptsache fein verwoben, und seien es Schiffstaue? Nun, wenn es so ist . zurück
Malte! Lass das!! Du hast es versprochen!!! zurück
Das kann gestrichen werden: der Zusammenhang zum vorhergehende Satz ist klar! zurück
Auch hier . »Malte, reiß dich am Riemen!!!!! Du hast .« Ich weiß! Reg dich ab, bin ja schon wieder ruhig! zurück
Wenn sogar legale Drogen schon genügen, um die (!!!) Sinnesempfindungen auszuschalten: wozu dann bitte die Anstrengung, die Narkose zu perfektionieren? Was könnte sie, was legale Drogen nicht auch können?
Meine Befürchtung ist zur Wahrheit geworden: Narkose hat in diesem Text keine andere Qualität als ein Nikotinrausch! Das ist alles nur aufgeregtes Getu um Nichts – schade drum: hier stürzen meine Erwartungen ins Bodenlose! zurück
Lautes Grußgegröhle vom Schrottplatz: Der Bruchteil eine Sekunde ist nicht etwa etwas, was lange dauert, bewahre: das ist nämlich aber (an diesem aber kann man Äonen kauen, wenn man könnte) ein kurzer Moment! Welch Steigerung: Ewigkeit – Sekunde – Bruchteil einer Sekunde – Augenblick – gaaanz lange nix (mindestens dreieinhalb Sekunden lang, das wären dann schon ca. 8,2 Millionen Ewigkeiten, wenn man mal bedenkt, wie viele Bruchteile eine Sekunde hat und wie viele Augenblicke in jedem Bruchteil stecken, von denen (den Augenblicken) jeder gegenüber einem kurzen Moment eine ausgewachsene Ewigkeit ist) – kurzer Moment. Gibt’s da nicht noch etwas Kürzeres als einen kurzen Moment? Einen oberkurzen z.B.? Nein?
Es gibt Leute, die finden es zum Totlachen, wenn sie lesen (oder selber schreiben), dass jemand 3,678955674536 Meter weit gesprungen ist, oder dass ein Auto nach heftigem Bremsvorgang (ohne ABS) genau 0,000846784253678564536 Millimeter vor einer Stahlwand zum Stehen kommt. Die obige Steigerung gehört in die gleiche Kategorie. Ich halte überhaupt nichts davon, denn es ist weder anschaulich noch verständlich. Es ist einfach nur (siehe Adjektive im Duden S. 87 bis 860). zurück
Wir hatten gerade ein völlig unangebrachtes aber, also folgt logischerweise ein - na? Wer weiß es? Nein, kein Adjektiv! Sondern es folgt ein . Richtig: – völlig unangebrachtes Dennoch. Es gibt offenbar nichts, was nicht noch schlimmer gemacht werden kann. zurück
Eigentlich würde ich gerne wissen, ob die verschwindend geringe Momentausdehnung länger oder kürzer ist als ein kurzer Moment, von wegen der Relation zu den 8,2 Millionen Ewigkeiten und vor allem der Anschaulichkeit wegen! Stellen wir uns doch einmal vor, wegen einer massiven Momentausdehnung wären es jetzt nur noch 8,1967548765 Millionen Ewigkeiten, dann hat doch die Momentausdehnung – Moment mal! Halt! Stopp! Zurück das Ganze! Muss ich mir Moment als einen dreidimensionalen Körper vorstellen mit drei Ausdehnungsachsen? Ist es nur ein zweidimensionales Ding mit zweierlei Dehnungsmöglichkeiten? Ist Moment ein Punkt auf einer Strecke und damit ohne jede Ausdehnungsmöglichkeit, was ein wenig dünner ist als verschwindend gering? So viele Fragen, so wenig Antworten! Böse, böse Welt! Das schreit geradezu nach einer Narkose: ich gehe jetzt zu Bett! Es ist Null Uhr und fünfundsiebzig Minuten, und um halbsechs in der Früh muss ich raus und was Ernsthaftes arbeiten, um mir meine Druckerpatronen zu verdienen! zurück
Hallo! Da bin ich wieder mit frischem Mut und hellwach! Wenn ich so zurückblicke auf das, was ich zu später Stund auf den Bildschirm gebracht habe, würde ich am liebsten wieder von vorne anfangen wegen der Ungenauigkeiten und Schludrigkeiten und Adjektive – aber das kann ich mir nicht leisten, sonst werde ich nie fertig!
Was wollte ich eigentlich? Ach ja: Die wundersame Verwandlung von Fertigkeiten in Fähigkeiten!
Was ist geschehen? Hat die fürs Spezielle zuständige Fertigkeit mutiert und ist zu einer globalen Fähigkeit geworden? Das ist ein logischer Rückschritt und völlig überflüssig: ohne Lernfähigkeit hätte Ich sich nie und nimmer eine Narkotisierfertigkeit aneignen können. Eine Narkotisierungsfähigkeit aber hat es nie gegeben und wird auch nie geben! zurück
Da ham wir den Salat: sollte vielleicht jemand die Ansicht vertreten haben, dass meine Fragen zur Dimensionalität der Momentausdehnung überzogen, wenn nicht gar abwegig gewesen seien, der wird hier sich reumütig sein Haupthaar strubbeln müssen und lautstark bekennen: »Ich bereue, ich bereue, ich bereue (drei Mal wegen der magischen Wirkung)! Recht hat er gehabt!« Herausragender Sekundenbruchteil! Nicht gilt der eindimensionale Zeitstrahl, nein: er bekommt unversehens einen Zacken in die zweite Dimension! Ich könnte jetzt die alte Momentskala wieder bemühen und darüber grübeln, ob die Einheit herausragender Sekundenbruchteil länger oder gar kürzer (lassen wir mal die Höhe bzw. Tiefe) ist als der stinknormale Bruchteil einer Sekunde – aber da ich doch zu keinem brauchbaren Ergebnis gelangen werde, nehme ich davon Abstand. zurück
Wie versprochen: Nix sag ich dazu! zurück
Wie kann das sein, dass ein Spalt breit Empfindung eindringt, schließlich ist doch die ganze Existenz narkotisiert? Lässt die Narkose nach wie jeder x-beliebige Rausch von der Stange? Erneut bestätigt sich: Narkose ist bloß ein (überflüssiges) Synonym für Droge! zurück
Ich fände es weit einleuchtender, wenn die Gedanken nicht nur vor sich hin wirken, sondern das Ich vom Ich betäuben, das wegen eines unmöglichen Spaltes in der angeblich perfekt narkotisierten Existenz zum Vorschein kommt. zurück
Ich sag nix! zurück
Ab jetzt sage ich überhaupt nichts mehr!!! zurück
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Textkritik: Liebe oder: Wie Fallstricke – Prosa
Dies waren ihre nutzlosen Hände, sie waren immer noch da, vor ihr, um sie herum, immer dieselben, sie konnte sie an den Lebenslinien in den Handflächen, den grauen Adernflüssen auf den Handrücken erkennen. Bei ihrem Gesicht war sie sich nicht so sicher. Morgens vor ihrem Badezimmerspiegel, wenn sie sich in die Augen sah, die Stirnhaut unter der strengen Selbstinspektion straffte, sodass noch nicht mal Falten zu sehen waren (die bügelte sie sich jeden Abend mit den Fingerspitzen und teurer Creme raus), wurde ihr Gehirn leer, als hätte es sich in ihr Ebenbild verlagert, und sie selbst wusste nicht mehr, warum sie da stand und wer sie war. Bestimmt war eine Sicherung in ihrem Gehirn durchgebrannt und Teile davon lagen jetzt im Dunkel. Sie lief sich anziehen ins Schlafzimmer, wo sie den Spiegel einen Kopf tiefer gehängt hatte, sodass sie zwar sicher war noch da zu sein, sich aber nicht sah.
In der Küche grinsten die Küchenspachteln sie blöd mit langen Zähnen an, die Gabeln drehten ihr hohnvoll gebeugte Frauenrücken zu, Messer blitzten böse. Der Kühlschrank gähnte ungefragt offen, Schranktüren und Borte schlugen nach ihr, Besteck, Töpfe, Deckel, die ganzen dämlichen Küchengeräte führten einen blechernen Hexentanz um sie herum auf. Der Abfalleimer war gefüllt mit Zeug, das sie aus Überzeugung nicht benutzte, Plastiktaschen, Einpackmaterial, Inkontinenzbinden, Schweineknochen, eine Besessene wohnte hier, nicht sie.
Ging sie durch die Wohnung, stieß sie sich blaue Flecken an Möbeln, verhakte sich an Stuhlbeinen und Klinken, prallte in Türrahmen und Wände, diese schienen sich auf sie zu zu bewegen, sicher mit einem teuflischen Bela Lugosi dahinter, der sie langsam ersticken wollte.
So zog sie ihren Mantel an und lief auf die Straße. Es war die Jahreszeit, wo die Sonne jeden Tag einige Minuten mehr zugibt. Ein Hauch von Frühling war jedoch mehr Idee als Wirklichkeit, das fade Grau der Straßenzüge war zwar oben von einer dürren schrägen Sonne rosa angemalt, aber die Kälte biss sie in die Wangen. Sie setzte sich auf eine Bank unter kahlen Kastanien. Um sie herum lief das Leben weiter. Der Autolärm brauste wie gewöhnlich.
Die Bank auf der sie saß, ihren falschen Pelz dicht um die Beine gezogen, drehte der Chaussee den Rücken zu. Sie sah auf ein breites, modernes Apartmenthaus mit weiten Glastüren, die sich auf mit riesigen getrockneten Pflanzen dekorierte Eingangshallen öffneten. Jenseits der Eingangshalle sah sie durch die Glashinterwand das kahle Gestrüpp des dahinter liegenden Gartens. Damals, in jener Nacht, waren noch spät aus jeder der Türen mit gestraffter Leine die Hundebesitzer getreten. Wie lange hatten sie hier gesessen?
Damals, wie sie einige Sekunden geblendet im Scheinwerferlicht ihrer späten Ankunft stand, hatte sich ihr eine Gesellschaft vornehmlich Fremder geöffnet, alle hatten liebenswürdige, der Gelegenheit entsprechende Worte mit ihr gewechselt. Fröhliche Weihnachten. Schönes Fest. Ein warmes, alkoholinspiriertes Wohlwollen, das sich sofort zuspitzte in die intensive Hitze seiner Aufmerksamkeit. Es war, als wäre sie in eine Rumpelkammer getreten, voller alter, abgelegter Gefühle. Ein Wunder, dass sie alles wieder erkannte. Das alte Spiel, an dessen Regeln sie sich erinnerte. Er reichte ihr ein Glas Champagner. Sie lächelte ihn an. Er trug eine enge, bunte Brokatweste über weißem, sich bauschendem Hemd auf konvex gewölbter Brust wie jemand, der gewohnt war, Herzen zu gewinnen. Sein Blick hing an ihr, sein Gesicht ein Triangel, dunkle krause Haare, das Kinn länglich zugespitzt, Zähne blitzend im Lächeln. Er wich nicht von ihrer Seite. Wie ein Rad schlagender Pfau drehte und wendete er sich vor ihr. Leicht und glücklich schwebte sie neben ihm durch die hell erleuchteten Räume, wohl unter Einwirkung der vielen Champagnerbläschen.
Schnell kam die offene Attacke. Er sagte: »Ich liebe Ihre Bluse. Wirklich geschmackvoll. Seide natürlich. Es ist warm hier, wollen Sie nicht Ihre Strickjacke ausziehen?« Unsicherheit ergriff sie. Sie streckte ihren Oberkörper, lächelte zu ihm hoch, schob sich ein giftgrünes Stück Konditoreidekoration der Weihnachtstorte zwischen die sepia-dunklen Lippen. Gottseidank hatte sie ihren Büstenhalter angezogen.
»Hören Sie, Sie flirten doch nicht mit mir,« sagte sie geradeheraus, in den Augen Herausforderung. »Man sieht das hier nicht so, aber ich bin jetzt nicht mehr jung.«
»Nicht doch.« sagte er. »Frauen altern nicht. Sie bleiben immer zwanzig«. Und die anderen hier, dachte sie, all diese künstlerischen Hausfrauen, mit ihren dicken beringten Fingern und ausgedehnten Hüften? Warum nicht die?
Er ging um sie herum. »Sie erregen mich«, sagte er und schaute auf ihre Brüste.
»Sie sind wirklich schnell bei der Hand«, gab sie scharf zurück.
Er wurde verlegen, verstummte. Sein Blick glitt von ihr weg. Dann ging er auf den Flügel zu, schlug den Deckel zurück, versuchte sich, ein wenig holprig, an einem Scott Joplin. Danach sang er, sich auf dem Klavier begleitend, sanft ein Spiritual, spielte einige Kinderszenen, fiel schließlich in lauthalse Elvis Presley Imitationen, bei denen die ganze Gesellschaft klatschte und mitsang.
Sie saß steif, gerade, auf ihrem Stuhl, hielt mit spitzen Fingern dekorativ das leere Sektglas vor der Brust. Röte stieg ihr von unten in die Wangen. Eine Hitzewelle? Nicht doch, mit ihren Mutterröhrenheinzelmännchen, wie ihre medizinische Tochter ihre Hormonpillen nannte.
Er kam zu ihr zurück, sah sie erwartungsvoll an. Lächelnd sagte sie ihm Freundlichkeiten. »Ach,« sagte sie, »sind Sie Sänger? Sie haben einen schönen Bariton.« Er gehörte dem Opernchor an, sang auch solo auf Veranstaltungen. Ein Mann, der gelernt hatte, seine Brust konvex aufzuwölben, auch wenn er sich nicht danach fühlte.
Als die Gesellschaft sich auflöste, drückte er im Gedränge ihre Hand, blieb an ihrer Seite. Ein regnerisches Weihnachten dieses Jahr. Die Lichter der Stadt spiegelten sich auf den leeren Straßen wider, alles war in schwarz-weiß, sie waren dunkle Schatten, die zeitweilig ineinander verschmolzen.
Sitzt sie jetzt allein auf ihrer kalten Bank. Sie ist die Frau im Magritte, den sie irgendwo gesehen hat. Sie sitzt in toter, buckeliger Steinwüste, Rücken gegen einen Felsen gelehnt, die rechte Hand in der Herzgegend. Sie hebt ihr Gesicht dem eines Mannes entgegen, ein diffuses, helles Triangel, dichtes lockiges Haar, sein Mund berührt warm ihre Lippen. Der Kopf des Mannes klebt am Himmel. Sein Körper ist nicht da. Sein Sex ist nicht da. Das braucht sie alles nicht. Von seinen Lippen aus läuft ein Strom tief in ihren Körper, wärmt ihn auf, lässt ihr Blut schneller fließen, stimuliert ihren Herzschlag. Geheime Sekretion beginnt: 250 verschiedene Säfte werden vom Körper losgemacht. Ihre Nervenleiter herunter läuft Dopamin, möchte ein Neuronenfeuerwerk ingange setzen.
Sitzt sie da auf ihrer kalten Bank, den Kopf verwirrt, die aufgewühlte Biochemie zwischen den Beinen, sitzt praktisch drauf, komischer Platz für Gefühle, etwas bewegt sich in ihr, das nicht Liebe ist. Funktion von was. Aber von was? Denn schon weiß sie nicht mehr, wie er aussah. Die Augen, das spitz zulaufende Kinn, die dunklen, krausen Haare, das alles gehörte zu einem anderen Gesicht. Zu einem, das ihr Herz einmal in Aufruhr versetzte. Vor sehr langer Zeit. Es war schon gut so, dass er nicht mehr anrief.
Zusammenfassende Bewertung
Zunächst mal will & muss ich meiner Begeisterung Ausdruck verleihen über diesen genialen ersten Satz: Dies waren ihre nutzlosen Hände, sie waren immer noch da . Was für ein Mensch, der seine Hände für nutzlos hält, sie als nicht zu sich gehörig betrachtet, sie beobachtet wie etwas Fremdes, das um ihn herum scharwenzelt, einem zugelaufenen Hündchen gleich – das weckt gespannte Neugier, da will ich weiterlesen, solch einen Menschen will ich kennen lernen!
In der Regel wird die Bedeutung des ersten Satzes zu wenig beachtet, obwohl sich genau hier entscheidet, ob ein Leser gerne weiter lesen will oder seine Stirn bereits Falten zu werfen droht; wer selber schreibt, weiß zwar darum, wie mühselig es ist, überhaupt einen Anfang zu finden – aber wenn endlich mit dem Schreiben begonnen werden kann, scheint das Problem allzu häufig gelöst; doch das ist ein Trugschluss!
Da ich jetzt dran bin mit schreiben, muss ich schnell noch meinen Lieblingsanfang zitieren: »An einem frühen Junimorgen 1872 ermordete ich meinen Vater – eine Tat, die mich damals tief beeindruckte.« (Ambrose Bierce, Ein unvollständiger Brand; in: Bierce, Lügengeschichten und Fantastische Fabeln, Haffmans 1987, Übers. von Viola Eigenberz und Trautchen Neetix, S.9)
Toll! Überzeugend! Überraschend!
Am Ende der Erzählung las ich nochmals den Anfang: Sind die Hände nutzlos, weil sie niemanden zum Anfassen haben? Weil sie den Sänger nicht angefasst haben? Was für ein Leben, das sich auf 1 Bank reduziert und 1 Weihnachtserinnerung, die sich heillos vermischt mit einer noch entfernteren; die letzte (verpasste?) Chance; und dazu die beiläufig erwähnte Tochter, die keine ist: »Es möchte kein Hund so länger leben!« (Faust, V. 376) Und all das wird mit scharfer Beobachtungsgabe anschaulich geschildert.
Die Kritik im Einzelnen
Es mag Absicht sein, dass in diesem Satz Hand dreimal genannt wird, schließlich scheinen die Hände die Protagonistin zu nerven (bzw. sie sich wegen der Nutzlosigkeit ihrer Handwerkszeuge), und die Wiederholung unterstützte das; dennoch hielte ich die Wiederholung für verzichtbar, denn die Hände sind so eigenständig, dass eine Verwechslung mit Flächen und Rücken anderer Objekte entfällt und die Selbstständigkeit der Hände betont würde: sie konnte schließlich ihre Hände (wieder)erkennen an den Lebenslinien und den grauen Aderflüssen.
Da es sich um Hände handelt, sind deren beide Seiten durch Lebenslinien und Aderflüsse bereits eineindeutig gekennzeichnet, sodass auch Flächen und Rücken entfallen dürfen.
Ich merke gerade, dass ich Aderflüsse geschrieben habe, obwohl der Text Adernflüsse vorsieht. Beide Wörter gibt es nicht, aber meines mag ich wohl lieber, wenn ich das andere schon gar nicht erst wahrgenommen habe. Pragmatisch würde ich graue Äderung vorschlagen, dann wäre auch das Problem mit der überladenen Metapher Ader(n)fluss gelöst, es gibt viel zu viele Parallelen (Wasser & Blut; Verästelung; offenes & geschlossenes System), als dass sie einen Erkenntnisgewinn bedeutete zurück
Hier hat ein Hauptsatz begonnen, wird jetzt unterbrochen und setzt sich erst einige Zeilen weiter fort, was ein Verständnis erschwert; der eigentliche Hauptsatz aber ist Morgens vor dem Badezimmerspiegel (.) wurde ihr Gehirn leer – und diese Aussage ist nicht richtig, denn da gehört die Bedingung dazu. Wenn der Anfang des Hauptsatzes in den Bedingungssatz gestopft würde (was mühelos geht), läse sich das folgendermaßen klar und verständlich:
Wenn sie morgens in den Badezimmerspiegel schaute, sich in die Augen sah, die Stirnhaut unter der strengen Selbstinspektion straffte, sodass noch nicht mal Falten zu entdecken waren (die bügelte sie sich jeden Abend mit den Fingerspitzen und teurer Creme raus), wurde ihr Gehirn leer, (.)
Das sehen (direkt nach sah) habe ich durch entdecken ersetzt, um Wiederholungen zu vermeiden. zurück
Wegen der anhaltenden Spiegelfechterei würde ich hier »angesichts der strengen Selbstinspektion« vorziehen. zurück
Ich nehme an, dass hier nicht sich gemeint ist, sondern ihr Gesicht; denn immerhin sieht sie ja, dass sie noch existiert, also muss sie sich sehr wohl sehen. zurück
So schön der identische Binnenreim Zeug-Überzeugung auch ist: der Satz erfüllt meine Erwartungen nicht, denn ich erhoffte eine ähnlich gekonnte Auflistung von all dem Zeug, das sie aus Überzeugung nicht benutzte wie bei der Gestaltung der Küchenutensilien; stattdessen folgt eine Liste von normalen Müllinhalten, die nach Gebrauch (also Benutzung!) im Abfalleimer deponiert werden.
Meine Erwartung kommt daher, dass ich mich fragte: Was zum Teufel kann das sein, das die Protagonistin aus Überzeugung nicht benutzt, aber immer wieder bekommt oder gar besorgt, dass sie es in den Abfalleimer werfen muss? Sind das Aufforderungen, winzige Lose auszurollen und/oder ekelhaft schmeckende Bildchen zu kleben und/oder Flächen frei zu rubbeln nur um festzustellen, dass man drei Osterküken gratis bekommen kann? Sind es gar diese drei Osterküken? Kauft sie lappigen Kopfsalat zur Unterstützung darbender ansässiger Salathändler, isst ihn aber aus Überzeugung nicht? Besorgt sie sich in einschlägigen Geschäften alle gewaltverherrlichenden Filme und wirft sie weg, um die Jugend und das Alter davor zu schützen?
Schade: werde ich jetzt nie erfahren (wäre aber spannend gewesen). zurück
Die Aufzählung ist beendet, es folgt ein Resümee, denn die Besessene wohnt nicht im Abfalleimer! Also wäre statt Komma ein anderes Satzzeichen angebracht: ein Doppelpunkt, ein Gedankenstrich (-, nicht -: das ist nämlich der Trennungs- bzw. Bindestrich!), das Auslassungszeichen ., ein Semikolon; zur Not auch ein langweiliger Punkt. zurück
Wer ist denn das? Eine Romanfigur? Eine Filmgestalt? Ein Schauspieler? Muss irgendetwas mit Horror zu tun haben; und irgendwie kommt mir der Name auch bekannt vor! Was sagt der Brockhaus? Amerikanischer Filmschauspieler ungarischer Herkunft: »wurde berühmt als Dracula auf der Bühne (1927) und im Film (Dracula, 1930); blieb danach v.a. dem Horrorfilm verbunden.«
Wer sagt’s denn? Niemand, hat ja auch niemand was gesagt. Jetzt möchte ich nur noch wissen, wie dieser Béla Blasko als Dracula ausschaut, schließlich will ich den Vorstellungen der Autorin folgen können! Dazu werde ich das Internet bemühen; nur habe ich keinen eigenen Internetanschluss, wird also wieder etwas aufwendig . Bin wieder zurück, habe beeindruckende Bilder von ihm gefunden, die aber leider alle Copyrightvermerke besitzen! Wer sie sehen möchte und Internetverbindung hat, der soll auf schauen klicken und schauen!
Was lernen wir daraus? Lesen bildet, auch im Internet. zurück
Können Straßenzüge ein oben haben? Meiner Ansicht nach habe die vorwiegend ein unten und ein bisschen was an den Seiten, und vor allem sind sie lang. An dieser Stelle würde ich Straßenschluchten empfehlen, denn die haben oben zumindest eine Enge! zurück
Die Protagonistin setzt sich auf eine Bank, lebt aber noch: deswegen läuft um sie herum das Leben nicht weiter, denn es hat je keine Veranlassung, es nicht zu tun. Im folgenden Satz ist es nicht der Autolärm, der braust, sondern die Autos lärmen. Gekürzt hießen diese beiden Sätze dann: »Um sie herum brauste das Leben: die Autos lärmten wie gewöhnlich.« zurück
Eine Chaussee ist breit, hat häufig Bäume und Grünflächen an den Seiten, was wiederum zu Straßenschluchten nicht passt. Dann würde ich einfach bei Straßen bleiben: keine Züge, keine Schluchten – dafür hier die Chaussee. zurück
Wenn das 1 Appartementhaus ist, hat es auch nur 1 Eingangshalle: (.) mit weiten Glastüren, die sich auf eine mit riesigen getrockneten Pflanzen dekorierte Eingangshalle öffneten. Was riesige getrocknete Pflanzen sind, weiß ich nicht: Ich kenne nur Trockenblumen, die zumeist geballt auftreten in grauenhaften knistrig-strohigen Gestecken! Prangte ein solches auch noch riesig in einer Eingangshalle, würde ich mich weigern, ein solches Haus zu betreten! Zumindest würde ich anstelle der Protagonistin mich verkehrt herum auf diese Bank setzen und die vorbeilärmenden Autos genießen. Vielleicht aber ist »ausgetrocknet« gemeint oder gar »vertrocknet« . zurück
In jener Nacht ist Vergangenheit genug und braucht kein Damals als Einleitung, zumal auch die Zeitenfolge korrekt ist. Da die genaue Zahl der Türen nicht bekannt ist, ist die Betonung »aus jeder der Türen« überflüssig: das einfachere »aus allen Türen« leistet hier bessere Dienste! zurück
Um ein mögliches Stolpern beim Lesen zu vermeiden, würde ich umstellen: waren (…) aus allen Türen die Hundebesitzer mit gestraffter Leine getreten. zurück
Der Satz wird sofort wieder unterbrochen: das lässt sich leicht ändern: Als sie damals (.) Wenn jetzt jemand meint, damals sei hier ebenso überflüssig wie vorhin, dann könnte ich jemand durchaus Recht geben, habe aber keine Lust dazu: Ich gehe davon aus, dass in den beiden letzten Sätzen des vorigen Abschnitts eine Erinnerung einsetzt. Jetzt beginnt aber ein neuer Abschnitt, und der muss nicht unbedingt an diese Erinnerungen anknüpfen. Tatsächlich ist es so, dass die Erinnerung in dem folgenden Abschnitt vor jener am Ende des letzten Abschnittes liegt, was durch das damals betont wird.
Hätte ich aber Lust und wollte jemand Recht geben, würde ich mich mit aller Argumentationsgewalt dafür einsetzen, dieses gerade überzeugend verteidigte damals zu streichen und folgendermaßen zu verfahren: ausgehend von der unumstößlichen Feststellung, dass besagte letzte Sätze des vergangenen Abschnittes (blSdvA) eine längere Erinnerungsphase einleitet, wäre es sinnstiftend, mit den blSdvA den neuen Abschnitt zu beginnen und das längere Verweilen vielleicht durch einen Geviertstrich (-) kenn zu zeichnen (Nanu? Kaum befleißige ich mich amtlichen Nominalstils, geht der normale Sprachgebrauch in die Binsen! Sieht aber irgendwie nicht schlecht aus – lässt sich bestimmt als Stilmittel einsetzen; werde mal ein bisschen üben .).
Wer hat jetzt Recht? Ich oder ich? Wenn ihr mich fragt: ich würde es vorziehen, den Absatz da zu lassen, wo die Autorin ihn gesetzt hat; die zweite Version ist mir zu akademisch. zurück
Hier dräut ein Missverständnis, denn die nachgeschobene und durch Komma hinter (!) dem Partizip abgetrennte Beifügung könnte sich auch auf die Protagonistin beziehen! Formulieren würde ich: Es war, als wäre sie in eine Rumpelkammer voller alter, abgelegter Gefühle getreten. Und alles wird eindeutig. zurück
Da erstens diese Attacke nicht schnell kam, sondern erst jetzt, da zweitens ein mitdenkender Leser anhand (müsste eigentlich anohr heißen, aber dies schöne Wort gibt es nicht) der Worte des Triangels erkennt, dass das eine offene Attacke ist (Männer halten das vielleicht eher für eine dreiste Anmache), kann der ganze Satz ersatzlos (sic!) gestrichen werden. zurück
Da sie auf dem Stuhl steif sitzt, muss sie das notwendig gerade, denn niemand kann steif lümmeln. Mann kann höchstens noch steif auf einem Stuhl liegen, wenn man partout protzen will bzw. von Leichenstarre heimgesucht worden ist. Weg damit! zurück
Was denn sonst? Streichen! zurück
Streichen! zurück
Das Blut fließt erst schneller, wenn der Herzschlag stimuliert ward (in Richtung der olympischen Tugenden citius, altius, fortius: ansonsten tritt im Blutkreislauf Ebbe ein); Folge: erst den Herzschlag stimulieren, dann das Blut schneller fließen lassen. Vielleicht sogar nur das Blut, da beschleunigter Herzschlag ja notwendige Bedingung dafür ist, also gestrichen werden kann! Streichen ist immer besser!!! zurück
Sind das tatsächlich 250? Skier unglaublich! Die Alten kannten gerade mal vier Säfte (Schleim, Blut, grüne Galle, schwarze Galle) – wenn die das geahnt hätten! Aber losgemacht wurden die Säfte auch damals nicht, die lassen sich ja nicht anbinden wie ein Hündlein! Die werden produziert und ausgeschüttet. zurück
Ich höre meine verstorbene Tante aus Sonderburg in Dänemark reden: ingange! Das klingt so nach Schleswiger Platt. Hier aber wäre Hochdeutsch angemessener: in Gang setzen. zurück
Textkritik: (ohne Titel) – Lyrik
Dieser
winzige Wind
den die Wimpern ins Ohr tragen
wenn niemand spricht.
Zittern
befiehlt der Hauch
den Händen unterm Tisch
Wasser zu kühlen
die Hitze in den roten Augen
die was sehen wollten
das nicht ist
etwas
das aus der Tasche fiel
auf dem langen Weg nach Haus
das jetzt auf Wegen liegt
der Glückliche
der es in der Sonne blinken sieht
und sicher verstaut
oder fest in den Fäusten hält.
Zusammenfassende Bewertung
Dieser
winzige Wind
den die Wimpern ins Ohr tragen
wenn niemand spricht
Zittern
befiehlt der Hauch
den Händen unter dem Tisch
Wasser
zu kühlen die Hitze
in den Augen
Endete das Gedicht hier, dürfte ich mich trauen, es ein Meisterwerk zu nennen. Ich würde allenfalls vorsichtig das vorschlagen, was ich gerade vorgeführt habe: nämlich die dritte Strophe – analog zu den anderen beiden – mit 1 Wort beginnen zu lassen.
Bedauerlicherweise folgen noch dreieinhalb Strophen – und die machen nur kaputt! Alles, was an Stimmung, an Gefühl, an denkbaren Situationen verdichtet war, wird hemmungslos breitgetrampelt. Eigentlich sind die letzten drei Strophen nämlich ebenfalls ein eigenes Gedicht, allerdings ein kitschlastiges:
etwas
fiel aus der Tasche
auf dem langen Weg nach Haus
das jetzt auf Wegen liegt
der Glückliche
der es in der Sonne blinken sieht
und sicher verstaut
oder fest in den Fäusten hält
Brauchen diese Verse die obigen als Einstimmung? Kommen die nicht prächtig allein zurecht? Wären sie nicht die Zierde einer jeden Ratgebergedichtsammlung für melancholische Stündchen, Beziehungskrisen oder Anfälle von Weltschmerz?
Um wie viel mehr kommen die ersten drei Strophen ohne diesen Wurmfortsatz aus: Sie hätten einen Platz verdient in anspruchsvolleren Lyrik-Sammlungen!
Die Kritik im Einzelnen
Die erste Strophe spricht mich sehr an: sie strahlt Ruhe aus, ein Staunen über die Wahrnehmung, die erst in absoluter Stille möglich wird; die vielen i-Laute, die dreifache Alliteration winzig, Wind, Wimper: ein grandioser Beginn! Ich sehe zwei Menschen ruhig nebeneinander sitzen, sie spüren die Nähe, sie genießen sie. Ich merke: ich gerate ins Schwärmen! zurück
Schlagartig ändert sich die Situation: dieser winzige Wind, der Hauch, ändert seinen Charakter: er hat alle Leichtigkeit verloren und tritt militärisch-massiv auf, denn er befiehlt den Händen zu zittern. Ich empfinde das als ein Zittern aus innerer Unruhe, als ein Erinnern, hervorgerufen durch diese minime Wahrnehmung. Diese Strophe bildet einen starken Kontrast zur ersten; das erzeugt Spannung! zurück
Wird hier ein Wunsch nach Wasser ausgesprochen? Die erste Strophe war für mich ein Ausdruck ungläubigen Staunens, die zweite beinhaltet eine innere Unruhe; aber die dritte? Werden die brennenden Augen hervorgerufen durch eine Erinnerung? Dann könnte es ein Wunsch sein. Es ist aber auch möglich, dass eine Person weint: Wasser ist dann kein Wunsch, sondern Wasser kühlt bereits. Letzteres gefällt mir besser. Die Spannung würde sich so auch besser lösen in etwas Neuem.
Noch eine dritte Möglichkeit bietet sich an: der hauch befiehlt nicht nur »zittern«, er befiehlt auch »Wasser« – das würde mir noch mehr zusagen! Letztlich macht genau das den Reiz aus: alle drei Möglichkeiten, die ich jetzt genannt habe, sind denkbar, auch alle drei gleichzeitig. Das führt dazu, dass ich mir Gedanken mache, was in mir vorgeht, wenn ich mich an Trauriges erinnere. Dieses Gedicht schreibt mir gerade nicht vor, was ich empfinden soll: es ruft Empfindungen hervor. Und das macht es so wertvoll – bis hierher jedenfalls!
Frage: muss das Rot der Augen so betont sein? Hitze lässt doch ebenfalls an rot denken, vor allem im Zusammenhang mit Augen (siehe brennende Augen). Ich halte rot an dieser Stelle für verzichtbar. Es führt auch leicht in die Irre, denn Augen sind vom Reiben oder vor Müdigkeit oder vom Weinen rot. Rote Augen haben also durchaus eine bestimmte Bedeutung (wohingegen der winzige Wind etwas Neues ist! Hier bedeutet das Adjektiv etwas, bei den Augen beschreibt es nur). zurück
Jetzt folgt ein gewaltiger Bruch; die Augen werden vom lyrischen Ich kommentiert: die wollten etwas sehen, das nicht ist. Damit wird ihnen ein Mangel vorgeworfen, eine Einschränkung, ja Blindheit: sie hätten sehen müssen, dass da nichts ist. Die lyrische Ebene wird verlassen: es folgt eine Belehrung. Diesen Wechsel im Ton empfinde ich als herben Verlust: schade! zurück
Die Belehrung wird weitergeführt, indem erläutert wird: das wurde verloren; man hatte es schon in der Tasche gehabt. Der lange Weg nach Haus riecht zu süßlich nach Heimkommen und Heimweh und Fremde und Einsamkeit: irgendwo auf diesem langen Weg hat jemand was verloren; ganz platt wird jetzt ausgesprochen, was in den ersten beiden Strophen höchstens erschließbar war. Das tut weh! Und dass dieses etwas jetzt auf Wegen liegt (statt auf dem Weg) ist sicher Absicht, aber ich mag dieses Rätsel nicht lösen, es ist die Mühe nicht mehr wert. zurück
Es wird noch trivialer! Übersetzt heißen diese Zeilen: Ach ich Unglücklicher, der ich im Dunkeln sitze und den Goldschatz (blink blink blink) für immer verloren habe. Kotz & Würg!!! zurück
Zum Schluss noch eine Alliteration (fest, Fäuste), ansonsten der Ratschlag, besser etwas in der Hand (bzw. Faust) fest zu halten, als zu glauben, es sicher in der Tasche zu haben; diese umwerfende Erkenntnis wird als moralischer Lehrsatz ans Ende gestellt, und da der er von so tiefer Wahrheit durchdrungen ist, kriegt er sogar eine eigene Zeile ganz für sich allein! Es ist zum Heulen … zurück


Interview mit Dr. Horst Benzing von der Bertelsmann Buch AG über die rechtlichen Aspekte der elektronischen Textverbreitung

Eine dreitägige Veranstaltung im Literarischen Colloquium Berlin widmete sich dem Schreiben und Lesen im digitalen Zeitalter






































































