
Der Börsenverein des deutschen Buchhandels hat eine neue Studie zur KI-Nutzung in Verlagen veröffentlicht. Vor einem Jahr hielten nur 9 Prozent der Befragten das Thema für relevant – jetzt sind es 31 Prozent. Fachkräfte einstellen will aber kaum jemand. Die Autorenperspektive bleibt naturgemäß außen vor.
Vor einem Jahr schätzten gerade einmal 9 Prozent der Verlagsmitarbeitenden die Bedeutung von Künstlicher Intelligenz für ihr eigenes Haus als hoch oder sehr hoch ein. Das war die erste KI-Studie der Interessengruppe Digital des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, damals noch mit 139 Befragten. Jetzt liegt die zweite Auflage vor, 196 Fach- und Führungskräfte haben diesmal geantwortet. 31 Prozent halten KI inzwischen für bedeutsam, die Zahl hat sich also verdreifacht.
Die Studie, die der Börsenverein in Kooperation mit der Unternehmensberatung Highberg durchgeführt hat, trägt den Untertitel »Vom Experiment zum Standard«. Tatsächlich beschreiben die Zahlen einen Übergang: vom »Wir schauen mal« zum »Wir richten uns darauf ein«.
Inhalte, Ideen, Marketing und KI
Am häufigsten setzen Verlage KI für Contentgenerierung und -bearbeitung ein (69 Prozent). Darunter fällt einiges, was für Autorinnen und Autoren unmittelbar relevant ist: Korrektorat, Plagiats- und Quellenprüfung, »neue Audioformate«. Der Einsatz im Lektorat wird in der Studie nicht als eigenständige Kategorie ausgewiesen – er dürfte sich über mehrere der genannten Felder verteilen. Wer ein Manuskript einreicht, sollte also nicht mehr davon ausgehen, dass es ausschließlich menschliche Augen lesen, bevor eine Rückmeldung kommt.
Dicht dahinter folgt der Einsatz für Ideenfindung und Recherche (66 Prozent), knapp die Hälfte nutzt KI für Marketing und Vertrieb. All das sind Anwendungen, die die bestehenden Prozesse effizienter machen sollen – nicht solche, die ihn grundlegend verändern.
Neue Geschäftsmodelle, Wettbewerbsvorteile, verbesserte Kundenzufriedenheit: Diese strategischen Felder werden zögerlicher bewertet. Hier gibt es einen deutlichen Unterschied zwischen größeren und kleineren Häusern. Große Verlage bewerten das Potenzial für Prozesseffizienz durch KI mit durchschnittlich 4,2 von 5 möglichen Punkten, kleine Verlage mit 3,3. Bei Markt- und Trendanalysen ist der Abstand zwischen großen (3,9) und kleinen Häusern (2,7) noch deutlicher.
Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass kleine Verlage schlechter dastehen – es könnte auch heißen, dass sie die nüchternere Einschätzung haben und weiterhin allein auf menschliche Intelligenz setzen.
Interne Schulungen statt neue Fachkräfte
31 Prozent der Verlage haben inzwischen eine KI-Strategie im Hause implementiert, weitere 33 Prozent planen das. Wie die Branche Kompetenz aufbaut, ist dabei aufschlussreich: 61 Prozent setzen auf internen Wissensaustausch, 55 Prozent auf Schulungen, 49 Prozent auf den Austausch innerhalb der Branche. Gezielt KI-erfahrene Fachkräfte rekrutieren dagegen nur 6 Prozent. Highberg wertet das als »mögliches strategisches Defizit« – eine Formulierung, die so vorsichtig ist, dass man sie zweimal lesen muss, um zu verstehen, was gemeint ist.
Dabei ist die Frage nicht unberechtigt. Schulungen und Branchennetzwerke helfen dabei, vorhandenen Mitarbeitenden Grundkenntnisse zu vermitteln. Wer hingegen KI-Systeme tatsächlich weiterentwickeln oder eigene Lösungen bauen will – immerhin tun das bereits 33 Prozent der Verlage, 2025 waren es noch 25 Prozent –, braucht irgendwann Leute, die das können. 6 Prozent, die gezielt nach solchen Menschen suchen, erscheinen da recht wenig.
KI kennzeichnen? Eher nicht.
Wer KI einsetzt, sollte das auch sagen. So zumindest die Erwartung auf Autorinnen- und Leserseite. Die Praxis sieht anders aus: Nur 28 Prozent der Verlage kennzeichnen laut Studie den KI-Einsatz im Impressum, in Produkten oder auf ihren Websites. 37 Prozent setzen noch nicht einmal einen sogenannten TDM Opt-Out ein – also jenen Nutzungsvorbehalt, der verhindern soll, dass die eigenen Inhalte für das Training von KI-Modellen verwendet werden dürfen. Dabei gibt es von der IG Digital seit letztem Herbst eine »Handreichung«, wie Verlage mit der KI umgehen und dies kommunizieren können.
Ab August 2026 greift die EU-KI-Verordnung mit einer Kennzeichnungspflicht für bestimmte KI-generierte Inhalte. Allerdings: Bücher und Verlagsinhalte, bei denen ein Verlag die redaktionelle Verantwortung übernimmt, fallen nach aktuellem Stand nicht darunter. Das literaturcafe.de hat diese Frage im Herbst 2025 mit einer Umfrage zu 14 realistischen Buchproduktions-Szenarien erkundet. Kein einziges der dort abgefragten 14 Szenarien wäre nach EU AI Act kennzeichnungspflichtig, nicht einmal das zu 100 Prozent KI-generierte Buch, sobald ein Verlag die redaktionelle Verantwortung übernimmt.
Unklar bei Urheberrecht und Datenschutz
Die größte Herausforderung bleibt das Urheberrecht: 56 Prozent der Befragten nennen Rechtssicherheit als zentrales Problem. Das ist wenig überraschend für eine Branche, die mit urheberrechtlich geschützten Inhalten arbeitet und davon lebt.
Immerhin nutzen 29 Prozent der Verlage KI bereits fĂĽr LizenzprĂĽfung, Copyright-Checks und Compliance. Das klingt nach einem Widerspruch, ist aber keiner: Man kann Tools einsetzen, um rechtliche Risiken zu managen, und gleichzeitig die rechtliche Lage fĂĽr unĂĽbersichtlich halten. Beides stimmt. Allerdings muss man sich in Sachen Datenschutz und KI-Training auf die Aussagen der KI-Unternehmen verlassen.
Was die Studie nicht beantwortet – und das liegt natürlich in der Natur der Sache –, ist die Frage, wie Autorinnen und Autoren das alles sehen. Die Befragten sind schließlich Verlagsmitarbeitende, und ethische Fragen zum KI-Einsatz wurden nicht gestellt. Eine Umfrage der Universität Cambridge hatte unlängst britische Romanautoren befragt: Jede und jeder zweite hält es für wahrscheinlich, dass KI ihre Arbeit verdrängt, 39 Prozent berichten bereits von Einkommensverlusten. Doch KI ist auch in Verlagen nicht mehr wegzudenken.
Wie wird die Zukunft?
Für 2031 erwarten 83 Prozent der Befragten eine hohe bis sehr hohe Relevanz von KI für den eigenen Verlag. Fünfjahrprognosen in einem Bereich, der sich innerhalb von zwölf Monaten so deutlich verändert hat, sind mit einem gewissen Vorbehalt zu betrachten. Vor zwei Jahren hatten schließlich nur 9 Prozent die aktuelle Bedeutung als hoch eingeschätzt .
Link ins Web
- Die vollständige Studie ist auf der Website des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels abrufbar. Detailliere Zahlen beim Börsenblatt.


Vielen Dank für die präzise Aufbereitung dieser Studie – die Verdreifachung der Relevanzeinschätzung in nur einem Jahr spiegelt genau das wider, was wir in unseren Gesprächen mit Verlagen täglich erleben.
Besonders aufschlussreich finden wir den Punkt, dass 33 Prozent der Verlage bereits eigene KI-Lösungen bauen – gleichzeitig aber nur 6 Prozent gezielt KI-Fachkräfte rekrutieren. Das erklärt, warum viele Häuser über generische Tools stolpern, die nicht auf verlagsspezifische Workflows zugeschnitten sind.
Ein Aspekt, der in der Studie noch unterbelichtet scheint: Datenschutz und KI-Training. Denn der Einsatz von KI im Lektorat bedeutet zwingend, dass unveröffentlichte Manuskripte – also das Kernkapital der Autoren und Verlage – an externe Dienste übergeben werden. Die Frage, ob diese Daten für das Training von KI-Modellen verwendet werden dürfen, ist für viele Verlage noch keine geklärte.
Bei narratiQ haben wir das bewusst von Anfang an adressiert: Alle Manuskriptdaten werden ausschließlich auf EU-Servern verarbeitet, und es findet kein Training auf Kundendaten statt. Das ist keine Selbstverständlichkeit – und sollte bei jeder KI-Lösung im Verlagskontext explizit geprüft werden, bevor man ein unveröffentlichtes Manuskript hochlädt.
Die 56 Prozent, die Rechtssicherheit als größte Herausforderung nennen, dürften das ähnlich sehen.
Patrick Meier, Co-Founder narratiQ GbR – KI-gestützte Manuskriptanalyse für Verlage
Ich bin schon gespannt, wie lange es dauert, bis die Verlage merken, daß sie durch KI überflüssig werden. KI-generierte Bücher können nämlich von Unternehmen wie Amazon mit ihren gigantischen Rechenzentren und IT-Spezialisten besser und billiger generiert und dann gleich direkt an den Endkunden vertrieben werden. Dasselbe gilt auch für andere Größen wie Google, Apple oder Microsoft.
Viele Verlage (und Autoren) werden verschwinden. Ăśbrig bleiben nur jene, die hochwertige, von Menschen gemachte BĂĽcher produzieren. Und das wird vielen in der Kulturindustrie so ergehen. Alles, was schnell, billig und an den Massengeschmack angepaĂźt auf den Markt geworfen werden soll, wird mittelfristig eine KI generieren, ob Musik, Film, Fernsehen, Literatur, Reklame.
Das Ergebnis der Studie wirft auch ein Licht auf den Anspruch, den Verlage an Autor:innen haben. Auf den Webseiten wird oft darauf hingewiesen, dass Manuskripte nur angenommen werden, wenn sie „ohne KI“ entstanden sind. Das ist so vage, dass es genaugenommen sogar die Verwendung eines LLM bei der Recherche ausschliesst oder die UnterstĂĽtzung bei der Formulierung eines Pitches. Autor:innen wird, anders gesagt, der Einsatz einer Technologie kategorisch verboten, während sie Verlage selbst bereits intensiv nutzen. Das ist das Anlegen verschiedener MaĂźstäbe und den Schreibenden gegenĂĽber unfair.