
Die März-Sendung 2026 war eine problematische Ausgabe des Literarischen Quartetts, die der Literatur im Fernsehen keinen Dienst erwiesen hat. Es war die seltsam heterogene Buchauswahl, und es war das Rechthaben und Nicht-diskutieren-Wollen einer Teilnehmerin.
Was muss Literatur im Fernsehen wollen?
Etwas naiv mag man immer noch die Vorstellung haben, dass eine Literatursendung im Fernsehen Literatur vermitteln sollte, dass diese Sendung nicht als Service-Format die Zuschauer unterfordern, dass sie aber auf keinen Fall abschrecken sollte. Im besten Fall fördert sie Interesse und kritischen Blick auf Bücher, um zum eigenen Lesen und Urteil anzuregen.
Oder ist das eine naive Erwartung?
In guten Ausgaben des Literarischen Quartetts ist das durchaus gelungen, wie beispielsweise in der letzten. Aber allzu oft geht es schief.
Was wollte man mit der Sendung vom 13. März 2026 bei den Zuschauenden bewirken? Diese Frage ist natürlich rhetorisch gestellt, denn schließlich ist das Format eine Diskussion mit bestenfalls offenem Ausgang.
Eva Menasse wurde an dieser Stelle gerade nach ihren ersten Auftritten im Quartett für ihre Meinungsstärke und ihren präzisen Blick auf Details gelobt. Sagen was Sache ist, um ein berühmtes Zitat leicht abzuwandeln.
Wie eine beliebige Talkshow
Man mag es nicht aufs Älterwerden schieben, aber diese Meinungsstärke wird immer mehr zum Meinungsbeharren und zur Meinungsstarre. Und es wird in dieser Ausgabe noch getoppt, durch Menasses Buchauswahl, die merklich nicht vom literarischen Diskutierenwollen geprägt wirkt, sondern ein Buch mit einer politischen Aussage und Weltsicht muss als Verstärker der politischen Aussage und der eigenen Weltsicht herhalten. Und zum Ende der Runde sind wir nicht mehr im Literarischen Quartett, sondern in einer beliebigen politischen Talkshow.
Chapeau an den Gast Simon Strauß, der vehement Contra gab, nachdem Adam Soboczynskis freundlich vorgebrachte Kritik zunächst verhallte.
Wir sind aber weiterhin beim Literarischen Quartett, sodass wir über Bücher und nicht über Meta-Ebenen sprechen sollten oder über die Themen eines Buches, sondern wenn schon, dann darüber, wie das Buch die Themen verhandelt.
Man kann in einem Literarischen Quartett natürlich darüber diskutieren, ob und in welcher Form ein Buch Literatur ist. So gesehen ging die Auswahl von »Ghost Stories« fürs Quartett gerade noch in Ordnung. »Ghost Stories« ist kein Roman, auch kein reines Memoire, sondern im Kern ein bio- und autobiografisches Buch. Man kann darüber diskutieren, ob die realen Personen als Romanfiguren gesehen werden können. Und natürlich mag das Interesse bei den Zuschauern größer sein, wenn es um Siri Hustvedt und Paul Auster geht.
Bei Ben Shattucks war es die Kritik an der Editionspolitik des deutschen Verlags, die keinen Widerspruch erlaubte.
Schade war es bei all der Rechthaberei der einen Diskutierenden, dass das Lob für Lukas Rietzschels Roman fast unterging.
Der nochmalige Blick auf die letzte Ausgabe zeigt, dass es durchaus anders geht. Aber dann ist es die Voraussetzung, dass im Quartett Menschen sitzen, die sich in der Diskussion auch einmal zurücknehmen und die ihren Auftritt nicht zur bloßen Meinungsabsonderung nutzen.
Wolfgang Tischer
Link ins Web:
- Video: Das Literarische Quartett vom 13.03.2026 in der ZDF-Mediathek, die jetzt nur noch »ZDF« heißt
- Audio: Das Literarische Quartett vom 13.03.2026 in der Deutschlandfunk Audiothek und als RSS-Feed
Die in der Sendung vom 13.03.2026 besprochenen Bücher:
- Siri Hustvedt; Uli Aumüller (Übersetzung); Grete Osterwald (Übersetzung): Ghost Stories. Gebundene Ausgabe. 2026. Rowohlt Hardcover. ISBN/EAN: 9783498007881. 25,00 € » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel
- Ben Shattuck; Dirk van Gunsteren (Übersetzung): Eine Geschichte der Sehnsucht. Gebundene Ausgabe. 2026. Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG. ISBN/EAN: 9783446286504. 18,00 € » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel
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- Ece Temelkuran; Michaela Grabinger (Übersetzung): Nation of Strangers: Unsere Heimat sind wir. Gebundene Ausgabe. 2026. Rowohlt Hardcover. ISBN/EAN: 9783498007393. 25,00 € » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel


Vielen Dank für Ihren differenzierten Kommentar- Sie sprechen mir aus dem Herzen! Das Verhalten von Frau Menasse war kaum zu ertragen!
Die Arroganz von Frau Menasse, deren Literaturkritik ich vor einigen Jahren noch als wohltuend fundiert gehalten habe, geht mir zunehmend seit mehreren Sendungen auch auf die Nerven. Besonders schlimm war es, wenn eine andere Mitstreiterin wie Juli Zeh z.B. , dabei war. Natürlich sind unterschiedliche, auch strittige, Meinungen über einen Text wünschenswert. Aber etwas höflicher könnte es schon sein. „Fortiter in re, suaviter in modo“!
Ich schließe mich den Kommentaren von Herrn Tischer und Frau Weber voll und ganz an. Zu fragen ist darüber hinaus, ob Frau Dorn mit ihrem etwas gouvernantenhaften Stil als Leiterin des Literarischen Quartetts noch geeignet ist.
„Differenzierter Kommentar“? Ich fand das Gespräch der vier angenehm lebhaft und wohltuend. So sollte man streiten. Faschismus in den USA? Nun ja. Gewalt auf den Straßen, Regierungsbeamte, die unbewaffnete Bürger erschießen? Hat’s gegeben in den letzten Wochen, nesspa?
Ihre Kritik ist ein wenig einseitig, Herr Tischer. Man könnte durchaus „undifferenziert“ sagen.
Ich schließe mich der Kritik an, Frau Menasse war unerträglich, die ganze Runde hat nur aufeinander eingebrüllt. Ich habe abgeschaltet. Wer soll von diesen Besprechungen Lust bekommen, die Bücher zu lesen? Darum sollte es doch gehen, uns Zuhörern Lust machen, die besprochenen Bücher zu lesen.
Wenn Frau Menasse nochmals in der Runde ist, schalte ich nicht mehr ein.
Schade um die früher mal so gute Sendung.
Frau Menasses Haltung ist doch bekannt – fand sie in dieser Sendung gut. Äußerst gestört fühlte ich mich durch Adam Soboczynski. Er sprach darüber, dass es im Osten ja nicht nur verpeilte Russlandfreunde geben würde. So eine Frechheit und Unverschämtheit! Hiermit gebe ich bekannt, dass ich eine sehr sehr große Russlandfreundin – ja eine Russlandverehrerin im höchsten Maße bin. Und zwar vor allem: wegen Tolstoi, wegen Puschkin, wegen Tschaikowski, Iwan Schischkin, wegen Prokofjew, wegen Schostakowitsch, wegen dem russischen Ballett, wegen dem russischen Eiskunstlauf, wegen Moskau, wegen Petersburg, wegen dem Baikalsee, wegen Sibirien, wegen Sotschi…diese Liste könnte ich noch lange fortsetzen. Das heißt nicht, dass ich mit dem russischen Angriff gegen die Ukraine einverstanden bin, das nicht – aber ich erkenne klar, dass Russland nicht der Alleinschuldige an diesem Krieg ist. Was soll das – verpeilte Russlandfreunde? Finde gut, dass es im Westen nicht nur perpeilte Amerikafreunde, verpeilte Freunde anderer Länder gibt. Schlimm, diese Wortkonstruktion. Im übrigen: in Deutschland gibt es derzeit 12,1% Analphabeten, in Russland derzeit etwa 0,4 %! Die absolute Zahl der politischen Gefangenen ist derzeit in GB ca. dreimal höher als in Russland.
Wer in Deutschland lebt, sollte nicht so überheblich und arrogant über andere Länder urteilen – Deutschland liefert z.B. viele Waffen in Kriegsgebiete, von Rammstein aus werden z.T. völkerrechtswidrige Angriffe gestartet – auf den Straßen gibt es oft Gewalt, sogar an Schulen, die Meinungsfreiheit ist hier stark eingeschränkt… all das ist für Herrn Adam S. wohl nicht so relevant – für mich ist dieser Herr in Zukunft ebenfalls völlig unrelevant.