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Das Literarische Quartett im Mai 2021: Vom Aufstehen eingeschlafen

Das Literarische Quartett im Mai 2021: Nur Vea Kaiser (rechts) kann dem Roman »Das Jahresbankett der Totengräber« etwas abgewinnen, Götz Alsmann, Thea Dorn und Eva Menasse nicht (Foto: ZDF/Svea Pietschmann)
Das Literarische Quartett im Mai 2021: Nur Vea Kaiser (rechts) kann dem Roman »Das Jahresbankett der Totengräber« etwas abgewinnen, Götz Alsmann, Thea Dorn und Eva Menasse sehen das anders (Foto: ZDF/Svea Pietschmann)

Freitagnacht beim Literarischen Quartett: Bereits während der harmonischen Diskussion über »Vom Aufstehen« eingenickt und am Ende beim Streit um »Das Jahresbankett der Totengräber« wieder aufgewacht. Gerne würde ich am Samstagmorgen den Rest dazwischen als Podcast nachhören. Aber warum gibt es den erst am Montag?

Also vor dem samstäglichen Joggen MediathekView starten, die Sendung von gestern suchen, die Videodatei herunterladen. Online-Konverter aufrufen, die Videodatei hochladen, als Audiodatei speichern, in die Dropbox hochladen und auf dem Smartphone offline verfügbar machen, da auf der Laufroute kein Mobilfunkempfang besteht. Aufwändig und kompliziert, dauert aber nur drei Minuten, und ich kann das Literarische Quartett verlustfrei hören. Sehen muss man es nicht.

Diesmal sind erneut Vea Kaiser und Eva Menasse zu Gast beim Quartett. Erstmals dabei ist der Musiker Götz Alsmann, vielen noch als Gastgeber der Sendung »Zimmer frei« in Erinnerung. Gastgeberin des Quartetts ist wie immer Thea Dorn.

Beim Laufen langweile ich mich nochmals durch das Gespräch über Helga Schuberts Buch »Vom Aufstehen«. Mittlerweile ist es überall besprochen und in den höchsten Tönen gelobt worden. Und auch die Vier sind voll des Lobes. Ich habe nichts Neues gehört und nichts Neues erfahren. Schon seit Wochen steht das Buch auf der Bestsellerliste. Anders als bei »Eurotrash« in der vergangenen Sendung keine neuen Erkenntnisse.

Es folgt die Diskussion um »Blond« von Joyce Carol Oates. Ein Buch aus dem Jahre 2001, das vergriffen war und jetzt in einer »überarbeiteten Neuausgabe« nochmals aufgelegt wurde. Das lese ich nach dem Laufen auf der Website des ZDF. Aufgrund der #MeToo-Debatte ist der 1.000-Seite-Roman über das Leben von Marilyn Monroe wieder aktuell. Was da »überarbeitet« wurde und dass das Buch von Uda Strätling, Sabine Hedinger und Karen Lauer übersetzt wurde, bleibt in der Sendung unerwähnt. Die Diskussion macht Lust darauf, das Buch zu lesen. Immer bleibt im Hintergrund der Diskussion der Aspekt, dass es ein Roman und keine Biografie ist. Eva Menasse fasst das Wesen dieser biografisch geprägten Prosa in einem Satz wunderbar zusammen: »Wenn es nicht so gewesen ist, dann müsste es so gewesen sein.«

Götz Alsmann stellt die Neuübersetzung von »Eine gewöhnliche Geschichte« von Iwan Gontscharow vor. Ein russischer Roman aus dem Jahre 1847. Lobend wird von Alsmann die Übersetzerin Vera Bischitzky erwähnt. Alsmann, Kaiser und Manesse fassen den Inhalt mit ganz unterschiedlichen Blicken zusammen. Alle machen Lust darauf, den Roman zu lesen, um vielleicht einen eigenen Blick hinzuzufügen. So soll es sein.

Am Schluss dann »Das Jahresbankett der Totengräber« von Mathias Enard. Vea Kaiser lobt auch hier die Übersetzung, nennt aber nicht die Übersetzer Holger Fock und Sabine Müller. Es erfolgt keinerlei Einordnung, wer Mathias Enard ist und dass das Original in französischer Sprache verfasst wurde.

Lediglich eines entnehme ich der Diskussion: Auf der ganzen Welt scheint nur Vea Kaiser diesen Roman gut zu finden. Außer den rund 160 Seiten Rahmenhandlung ist für die anderen Drei der Rest der 480 Seiten entbehrlich und wirr. Das klingt so überzeugend vorgetragen, dass man dieses Buch nicht zur Gegenprobe lesen will. Erscheinen wird es übrigens erst am Montag.

Mit welche neutraler, unaufgeregter Stimme Eva Menasse Bücher vernichten kann, indem sie scheinbar lobend beginnt, um dann zielgerichtet und unverblümt Schwachstellen zu benennen.

Es bleiben zwei Bücher, die man sich gerne einmal näher anschauen möchte (Oates und Gontscharow). Schubert wurde wie überall so positiv besprochen, dass man sich gar nicht selbst davon überzeugen möchte. Und da ich nicht Vea Kaiser bin, wird mir Mathias Enard nicht gefallen. So mein Hörresümee.

Der offizielle Podcast des Literarischen Quartetts folgt am Montag.

Wolfgang Tischer

Link ins Web:

Die in der Sendung vom 14.05.2021 besprochenen Bücher:

  • Helga Schubert: Vom Aufstehen: Ein Leben in Geschichten. Gebundene Ausgabe. 2021. dtv Verlagsgesellschaft. ISBN/EAN: 9783423282789. 22,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel
  • Joyce Carol Oates; Uda Strätling (Übersetzer); Sabine Hedinger (Übersetzer); Karen Lauer (Übersetzer): Blond. Gebundene Ausgabe. 2021. Ecco Verlag. ISBN/EAN: 9783753000046. 26,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel
  • Vera Bischitzky (Herausgeber); Iwan Gontscharow; Vera Bischitzky (Übersetzer): Eine gewöhnliche Geschichte: Roman. Gebundene Ausgabe. 2021. Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG. ISBN/EAN: 9783446269255. 36,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel
  • Mathias Enard; Holger Fock (Übersetzer); Sabine Müller (Übersetzer): Das Jahresbankett der Totengräber. Gebundene Ausgabe. 2021. Hanser Berlin. ISBN/EAN: 9783446269347. 26,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel

7 Kommentare

  1. Es ist ja jedem selbst überlassen, was er oder sie lesen möchte – und ich verstehe den Drang, sich einem vermeintlichen Hype nicht hinzugeben. Helga Schuberts „Vom Aufstehen“ jedoch nicht zu lesen ist schon ein Versäumnis, mit dem man sicherlich auch leben kann, aber für mich wäre es ein Versäumnis gewesen. Ich habe vieles besser verstanden, was die Vielschichtigkeit unserer Gesellschaft, die Einordnung von Literatur hier und damals dort angeht und noch dazu regt das Buch meiner bescheidenen Meinung nach an, tatsächlich den persönlichen Dingen nachzuforschen, die immer noch in unserer Gesellschaft unbearbeitet stecken und eine „Einheit“ nach wie vor so schwierig, bis unmöglich machen. Und es rückt so manches, was gerade passiert auch in ein anderes Licht … Aber jetzt seh ich mir erst mal den Beitrag im literarischen Quartett dazu an.

  2. Ganz ehrlich wer braucht diese Sendung noch? Dieses rumgezicke jedesmal, in dieser Sendung ausnahmsweise mal nicht von Frau Dorn. Wenn dann mal eine Buchbesprechung gelingt, ist das gleich ein Lob wert. Was dieser Sendung sehr fehlt ist ein fester Gegenpol zu Frau Dorn in Form von Maxim Biller, den Frau Dorn ist ja schon ein schlaues Köpfchen.

    Aber ist den nicht das Radio z.B SWR Literatur (Bestenliste) nicht das wesentlich bessere Format und dem literarischen Buch nicht angemessener als diese Zirkusveranstaltung?

  3. Seit dem Thea Dorn diese Sendung moderiert und nicht nur Literaturkritiker dabei sind, schaue ich sie mir an. Die Kommentare von Vea Kaiser hätten mich eher entmutigt das Buch von Iwan Gontscharow zu lesen – ich habe keine Einführung in die russische Wirtschaft des 19. Jahrhunderts bekommen -, aber zum Glück kommentierten Eva Menasse und Götz Alsmann dieses Buch :-) Das Buch von Helga Schubert habe ich ebenfalls bestellt und bin schon sehr gespannt. Da Deutsch eine Fremdsprache für mich ist – sowie auch die deutsche Kultur fremd für mich ist- , hilft mir sehr wenn ich ermutigende Kommentare zu einem Buch lese; es nimmt mir die Angst davor. Vielen Dank auch für diese Seite „Literaturcafe“, es hat mir schon mehrere Tipps gegeben ;.)

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