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StartseiteLiterarisches LebenDas Literarische Quartett im April 2021: Missachtung der Übersetzerinnen

Das Literarische Quartett im April 2021: Missachtung der Übersetzerinnen

Das Literarische Quartett vom 09.04.2021 und von links nach rechts: Thea Dorn, Moritz von Uslar, Dörte Hansen und Marko Martin (Foto: ZDF/Svea Pietschmann)
Das Literarische Quartett vom 09.04.2021 und von links nach rechts: Thea Dorn, Moritz von Uslar, Dörte Hansen und Marko Martin (Foto: ZDF/Svea Pietschmann)

Wir müssten über Stil und Frisuren sprechen. Aber geht das noch? Bei Männern, wohlgemerkt. Geht das da? Egal. Besser nicht. Reden wir über das Literarische Quartett vom April 2021 und über verschwiegene Übersetzerinnen.

Ich würde gerne die Redezeiten im Literarischen Quartett vom April 2021 stoppen, finde das jetzt aber zu pedantisch und habe das Gefühl, dass Dörte Hansen am wenigsten gesagt hat und Moritz von Uslar am meisten, Unterbrechungen gleich zweimal mit einem automatisierten »Entschuldigung« hinweggebügelt. Achtet man als Zuschauerin, die ich heute bin, auf sowas derzeit besonders? Mag die Zeiten mal jemand stoppen?

Es ist, wie ich seit Pierre Bayard weiß, durchaus spannend, über Bücher zu sprechen, die man nicht gelesen hat. Es ist auch spannend, Rezensionen über Bücher zu vergleichen, die man nicht gelesen hat. Die Bücher, nicht die Rezensionen.

»Eurotrash« von Christian Kracht ist so ein Buch, bei dem eine Besprechung in den namhaften und nicht-namhaften Feuilletons und Kultursendungen gesetzlich vorgegeben zu sein scheint. Man glaubt, alles über dieses Buch gelesen zu haben, was die Lektüre des Buches selbst obsolet macht. Man will sich dem entziehen. Aber auf der anderen Seite müssen auch wir beim literaturcafe.de immer wieder feststellen, dass Zeilen über ein überall besprochenes Buch begierig geklickt werden. Gelegentlich scheint es einfach.

Hat es sich das Quartett ebenfalls einfach gemacht, indem Kracht auch hier besprochen werden musste? Das Ganze von Thea Dorn im Stil der Klickaufmerksamkeitsrhetorik angekündigt: »Wir wollen diskutieren, wie grandios die Schweizfahrt … tatsächlich ist.«

Das Problem vieler Kracht-Besprechungen ist, dass im Kracht-Text eine Figur namens Kracht auftaucht, die Parallelen zum Autor Kracht aufweist, was dazu führt, dass gemutmaßt wird, was echt und erfunden und was warum erfunden ist und was Mama dazu sagen würde. Das Problem der Autor-Erzähler-Abgrenzung, die in der Vergangenheit des Quartetts nicht immer sauber erfolgte.

Da war es wohltuend, dass sich die Vier – Marko Martin war auch mit dabei – auf dieses Glatteis nicht begeben haben, dass Autor Kracht der Autor geblieben ist und Figur Kracht die Figur. Thea Dorn beeindruckte Mitdiskutant von Uslar mit dem Wissen, dass »Eurotrash« im angelsächsischen Sprachraum das Synonym für deutschsprachiges Regietheater sei, was weitere Interpretationen des Textes zuließ. Am Ende blieb man als Zuschauerin mit der Erkenntnis zurück, dass Krachts Roman seine Höhen und Tiefen habe. Wenig überraschend und dennoch in Ordnung.

In dieser Ausgabe des Quartetts ging es vermehrt um die Inszenierung von Texten und die Glaubwürdigkeit von Figuren. Yishai Sarid, der in seinem Roman »Siegerin« offenbar nicht mit dem interpretatorischen Holzhammer arbeitet und der Leserin das Denken überlässt und Kazuo Ishiguro, dessen Roboterhauptfigur in »Klara und die Sonne« das Quartett nicht immer folgen konnte. Man einigte sich nicht.

Durchgefallen ist nur das Buch »Dann sind wir Helden« von Tina Uebel, dem von Uslar attestierte, die Autorin habe keine Sprache und es sei für ihn eher »eine Welt-am-Sonntag-Kolumne in Buchlänge«. Diese »stilistische Bauchschmerzen« konnten Dorn und Hansen nachvollziehen, Dorn bescheinigte dem Buch positiv einen »klaren Verzweiflungskern«.

Ärgerlich ist und bleibt es, dass die Übersetzerinnen Ruth Achlama (»Siegerin«) und Barbara Schaden (»Klara und die Sonne«) wieder nicht genannt wurden. Sie sind aktuell (12. April 2021) nicht mal auf den Detailseiten der Bücher auf der ZDF-Website erwähnt und auch nicht auf dem Sendeplakat zu finden. Eine mehrfache Missachtung der wichtigen Übersetzungsarbeit, zumal die Sendung seit einiger Zeit auch als Audio-Podcast abrufbar ist. Da reicht ein kurzes Einblenden in der Fernsehsendung nicht.

Wolfgang Tischer

Link ins Web:

Die in der Sendung vom 09.04.2021 besprochenen Bücher:

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