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Preis der Leipziger Buchmesse 2021: Will man diese fünf Romane wirklich lesen?

Preis der Leipziger Buchmesse 2021

Obwohl es auch 2021 keine Leipziger Buchmesse gibt, wird zumindest der »Preis der Leipziger Buchmesse« am 28. Mai 2021 vergeben. Je fünf Titel sind in den Kategorien Belletristik, Sachbuch und Übersetzung nominiert. Unser Textkritiker Malte Bremer macht mit den Belletristik-Werken wie immer den »Buchhandelstest«: Was taugen die Romananfänge? Will man die Bücher weiterlesen?

Iris Hanika: Echos Kammern

Iris Hanika: Echos Kammern

Aus Gründen der Chronologie fangen wir in Manhattan an, und um die Erzählung nicht sinnlos zu zerfleddern, sondern der Bahn der Ereignisse vielmehr pfeilgerade zu folgen, geht es erst einmal nur um Sophonisbe.

So beginnt dieser Text. Die Ich-Erzählerin bedient sich hier des Pluralis Majestatis Wir, um die Distanz zu uns Leser:innen zu wahren, als wären wir Schmarotzer. Wohlwollend wird uns Volk mitgeteilt, dass es in diesem Text um eine weibliche Person namens Sophonisbe gehe und dass das ein ungewöhnliche Name sei.

Da schau her: Nie wäre ich darauf gekommen, dass Sophonisbe ein ungewöhnlicher Name sein soll … Will da die Autorin witzig sein?

Ach ja: Die Autorin braucht auch noch auch noch einen jungen Prinzen für ihren Text, und der hat, weil Prinz, einen normalen Namen (der selbstverständlich nicht genannt wird), während alle anderen ungewöhnliche Namen tragen! So ist es Brauch in Iris Hanikas Welt.

Und ehe ich’s vergesse: Wichtig ist auch (sonst hätte die Autorin das ja nicht extra geschrieben), dass Roxana und Sophonisbe nicht die Namen zusammenführen würden, sondern allein die Umstände: Roxana würde ein Zimmer zu vermieten haben und Sophonisbe eines mieten wollen.

Aha. Hm. Soweit also der Blick in die Zukunft. Und an dieser Stelle angekommen, habe ich aufgehört zu lesen: Das ist so angestrengt gewollt und bemüht und albern. Wenn dieses Gefasel für die Shortlist ausgewählt wurde, wie schlimm muss es dann erst um die die anderen Auserwählten stehen?

Hanika, Iris: Echos Kammern: Roman. Gebundene Ausgabe. 2020. Droschl, M. ISBN/EAN: 9783990590560. 22,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel
Hanika, Iris: Echos Kammern: Roman. Kindle Ausgabe. 2020. Literaturverlag Droschl. 18,99 €  » Herunterladen bei amazon.de Anzeige

Judith Hermann: Daheim

Judith Hermann: Daheim

Das ist mal wieder ein grandioser Text: Gradlinig, schnörkellos, ja: auch spannend: Ich hatte keine Ahnung von der Zigarettenherstellung (rauche auch nicht): Jetzt bin ich quasi dank Judith Hermann Facharbeiter in einer Zigarettenfabrik! Nicht, dass ich mir das gewünscht hätte: Es hat sich einfach ereignet wegen Judith Hermanns Roman, den ich sofort kaufen werde! Die Wahrnehmung der Fabrikarbeiterinnen in dieser von einem Höllenlärm erfüllten Anlage, was Sprechen verhinderte: Sich Anschreien war angesagt, was die Halssehnen kräftig und schön hervortreten ließ, gestikulieren, sie hatten knappe Gesten für Ficken und Scheitern.

Ich rückte den Tabakstrang gerade, wenn er in Schieflage geriet. Von sieben bis 12, eine halbe Stunde Mittagspause und nochmal drei Stunden weiter. Ich sah zum Zerteiler rüber, in dem der Strang in einzelne Zigaretten geschnitten wurde, aus dem Tausende von Zigaretten herausfielen, all diese Zigaretten, die die Menschen draußen in der Stadt rauchen würden. Vor der Arbeit. In der Pause. Nach dem Essen. Während des Streitens. Während der Liebe und nach der Liebe.

Rauch.

Hermann, Judith: Daheim: Roman. Gebundene Ausgabe. 2021. S. FISCHER. ISBN/EAN: 9783103970357. 21,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel
Hermann, Judith: Daheim: Roman. Gebundene Ausgabe. 2021. S. FISCHER. ISBN/EAN: 9783103970357. 21,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel
Hermann, Judith: Daheim: Roman. Kindle Ausgabe. 2021. FISCHER, S. 18,99 €  » Herunterladen bei amazon.de Anzeige

Christian Kracht: Eurotrash

Christian Kracht: Eurotrash

Wenn du Deutschland
liebst,
dann besuche es lieber
nicht.

So lässt Christian Kracht Jorge Luis Borges zu Wort kommen. Warum auch immer: Mir sagt es jedenfalls nichts. Ich bin in Deutschland geboren, lebe hier und habe viele Teile besucht.

»Also« (so hebt der eigentliche Text an), »Also, ich musste wieder auf ein paar Tage nach Zürich.« Der Grund wird auch genannt: Die Mutter des Ich-Erzählers wolle ihn dringend sprechen, und das Telefonat sei ganz unheimlich gewesen, was beim Ich-Erzähler das gesamte verlängerte Wochenende dazu führte, dass er unter starker Verstopfung litt … Kann ja mal vorkommen, so eine starke Verstopfung! Aber was – bitteschön – hat das mit der Mutter zu tun? Und warum teilt der Ich-Erzähler zudem völlig zusammenhanglos noch mit, dass er vor einem Vierteljahrhundert eine Geschichte geschrieben hat, die er Faserland genannt hatte, aber sich nicht mehr erinnert, warum? Er weiß nur noch, dass sie in Zürich mitten auf dem Zürichsee relativ traumatisch endet …

Es folgen viele weitere Erinnerungen an Zürich, an einen Verkaufsstand, an Baldrian, Zürichs Altstadt, den Paradeplatz, eine klandestine, einschläfernde Filmvorführung und und und … Es reicht! Schluss! Eurotrash werde ich nicht weiterlesen! Warum bloß wurde dieser Text als Quoten-Buch eines Mannes auf die Liste genommen?

Kracht, Christian: Eurotrash: Roman. Kindle Ausgabe. 2021. Kiepenheuer & Witsch GmbH. 18,99 €  » Herunterladen bei amazon.de Anzeige

Friederike Mayröcker: da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete

Friederike Mayröcker: da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete

Dieser Text ist typisch für Friederike Mayröcker: Da kann frau:man nichts falsch machen, sofern man&frau ihren sprunghafte Stil mag, der Bilder anregt, die sich letztlich aber nicht fassen lassen, da sie häufig nur angedeutet werden:

einen Stosz Teller gesichtet auf Küchenhocker, so transzendent, dasz du aus der Ferne. Dasz es ein Trost sei dasz es mein ganzes Glück am Morgen, dasz eine weisze Plastiktasse mit Henkel mein ganzes Glück.

Dazu gehört auch ihre konsequente Verwendung des sz statt ß, was der Entstehung dieses Buchstabens entspricht, im Text aber ein irritierender Störfaktor ist: Warum auch nicht? Ihre Texte sind eben nicht gradlinig, sondern sprunghaft und entwickeln einen ganz eigenen Sog.

Mayröcker, Friederike: da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete (Bibliothek Suhrkamp). Gebundene Ausgabe. 2020. Suhrkamp Verlag. ISBN/EAN: 9783518225158. 24,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel

Helga Schubert: Vom Aufstehen – Ein Leben in Geschichten

Helga Schubert: Vom Aufstehen: Ein Leben in Geschichten

Mein idealer Ort ist eine Erinnerung.

Das muss nicht unbedingt ein schöner oder ein konkreter Ort sein. Kann es zwar auch, aber mir scheint eine konkrete Erinnerung an was auch immer hier viel bedeutsamer zu sein: Denn was ist ein idealer Ort? Das kann auch einfach ein Gefühl sein, das jemandem an einem konkreten Ort widerfahren ist! Bei Helga Schubert werden Ort und Gefühl sofort konkretisiert: Ihr idealer Ort ist das

Aufwachen nach dem Mittagsschlaf in der Hängematte im Garten meiner Großmutter am ersten Tag der langen wunderbaren Sommerferien.

Helga Schubert, Bachmannpreisträgerin des Jahres 2020, erzählt gradlinig, lakonisch, verzichtet auf weitschweifige Erläuterungen und erreicht so ein Tiefe, die man vielen Möchtegern-Schrifthersteller:innen nur wünschen kann!

Malte Bremer

Schubert, Helga: Vom Aufstehen: Ein Leben in Geschichten. Gebundene Ausgabe. 2021. dtv Verlagsgesellschaft. ISBN/EAN: 9783423282789. 22,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel

1 Kommentar

  1. Ja, möchte ich,lieber herr Bremer und habe sie auch schon angefragt und ein paar auch schon auf meiner Liste. Finde ich ganz ehrlich für eine spannende Auswahl, die die ganze literarische Bandbreite abdeckt, obwohl mir bewußtist, daß es noch soviel andere Romane gibt, die auch sehr interessant sind,beispielsweisedas neue Buchder Juli Zeh, oder das der Raphaela Edelbauer oder den Benedict Wells über den hier schon diskutiert wurde, aber Friederike Mayröcker ist wohl nicht Alltagskost aber wohl die bekannteste österreichische Dichterin neben der Frau Jelinek und auch interessant, wie man mit fast hundert Poesie schreibt und was sich dabei verändert.
    Das Buch der Helga Schubert interessiert mich sehr und ich freue mich auf das Lesen, von Christian Kracht habe ich noch nichts gelesen, sollte ich aber, über das Buch der Iris Hanika habe ich schon viel gehört und bin sehr neugierig und spannend sicher auch die Judith Hermann, da weiß ich am wenigstens und habe nur einmal einen Erzählband gelesen und warauf der “Fried-Preis- Verleihung” und dann gibt es noch die Übersetzungen, die Sachbücher interessieren mich weniger. Die “USA – Trilogie” liegt seit November auf meinen Stapel, da habe ich Angst vor den tausendfünfhundert Seiten. Aber die Übersetzungder Ann Cotten finde ich sehr spannend undwürde ich gern lesen.Die anderen Büchern sind, glaube ich, sehr originell und waren mir bisher unbekannt, also schönes Lesen, obwohl es ja noch soviel anderes gibt!

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