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Das Literarische Quartett vom Februar 2024: Warum strahlt man eine Radiosendung im Fernsehen aus?

Die Quartett-Besetzung vom 2. Februar 2024 (von links): Adam Soboczynski, Eva Menasse, Thea Dorn, Svenja Flaßpöhler (Foto: ZDF/Svea Pietschmann)
Die Quartett-Besetzung vom 2. Februar 2024 (von links): Adam Soboczynski, Eva Menasse, Thea Dorn, Svenja Flaßpöhler (Foto: ZDF/Svea Pietschmann)

Es wird Zeit zu gehen. Das Literarische Quartett hat jegliche Relevanz verloren. Vier Menschen sitzen an einem Tisch unter einer hellen Lampe, die man besser ausknipsen sollte.

Die Immergleichen simulieren eine Diskussion

Bereits im Dezember war es offensichtlich. Mit dem Verschwinden des Publikums hat das Literarische Quartett im ZDF jeglichen Reiz verloren. Vier Menschen saßen unter einer Lampe und fielen sich unschön ins Wort.

Für die Februar-Runde wählte man eine Viererbesetzung aus der Berlin-Bubble. Die immergleichen Menschen des Literaturbetriebs, die sich wahrscheinlich ohnehin alle 14 Tage auf irgendeinem Podium in der Hauptstadt treffen: Eva Menasse, Svenja Flaßpöhler, Adam Soboczynski und Thea Dorn.

Eine aufeinander abgestimmte Diskussion von Bühnenprofis, eine langweilige Diskussion. Hier wurde niemand laut, hier wirkten Rede und Gegenrede wie tausendmal geprobt. Hier wusste jeder, wann man reden und schweigen sollte, um einen Dialog zu mimen. Hier waren sich alle vier stets bewusst, dass es eine inszenierte Diskussion fürs Publikum da draußen ist, selbst wenn man im hellen Schein der Studiolampe sitzt.

Es wäre, so schrieb ich in einer ersten der Quartett-Besprechungen, doch auch einmal schön, einen Bestseller aus literaturkritischer Sicht zu besprechen. Aber welchen Sinn hat es, dass im Literarischen Quartett das aktuelle Buch von Haruki Murakami positiv besprochen wird, das bereits in sämtlich Feuilleton positiv besprochen wurde und das auf der Bestsellerliste Platz 1 belegt? Was bringt das an Mehrgewinn? Verschwendete Sendezeit!

Wenigstens wissen wir nun, dass Bodo Kirchhoffs Roman »Seit er sein Leben mit einem Tier teilt« offenbar nicht so peinlich ist, wie es die Vorurteile befürchten lassen.

»Wellness« von Nathan Hill ist ein kalkuliert auf den Publikumsgeschmack hingeschriebener Text und »Nachbarn« von Diane Oliver eine literarische Wiederentdeckung, bei der die erschreckensten Dinge in einer erschütternden Sachlichkeit beschrieben sind. Ein Allgemeinplatz, der für viele gute Kurzgeschichten gilt.

Entrüstet euch über diesen Niedergang! Jetzt!

Warum nur strahlt man eine Radiosendung im Fernsehen aus? Welchen Sinn hat es, dass die Vier bieder von Menschen mit Kameras abgefilmt werden? Jeder YouTube mit Jumpcuts hat mehr Dynamik im Bild. Man könnt doch in der nächsten Ausgabe vier Webcams vor die Diskutierenden positionieren, wie sie z. B. beim Bachmannpreis eingesetzt werden, und dann das Quartett im Vierer-Splitscreen ausstrahlen. Dann wäre noch mehr gespart und das Bild wirkt innovativ.

Vielleicht hat man nur deshalb Angst, das Licht über dem Tisch auszuknipsen, weil Börsenverein, Verlage und Kulturschaffende sich darüber entrüsten würden, dass wieder eine Büchersendung im Fernsehen eingestellt wurde.

Dabei sollte man sich schon jetzt beizeiten darüber entrüsten, zu was für einem lieblosen Format das Literarische Quartett verkommen ist. Nicht nur die Zuschauer, auch die Macher interessiert diese Sendung offenbar schon lange nicht mehr. Knipst das Licht aus.

Wolfgang Tischer

Link ins Web:

Die in der Sendung vom 02.02.2024 besprochenen und erwähnten Bücher:

  • Haruki Murakami; Ursula Gräfe (Übersetzung): Die Stadt und ihre ungewisse Mauer: Roman. Gebundene Ausgabe. 2024. DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG. ISBN/EAN: 9783832168391. 34,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel
  • Bodo Kirchhoff: Seit er sein Leben mit einem Tier teilt: Roman. Gebundene Ausgabe. 2024. dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG. ISBN/EAN: 9783423283571. 24,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel
  • Nathan Hill; Dirk van Gunsteren (Übersetzung); Stephan Kleiner (Übersetzung): Wellness: Roman. Gebundene Ausgabe. 2024. Piper. ISBN/EAN: 9783492072144. 28,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel
  • Diane Oliver; Brigitte Jakobeit (Übersetzung); Volker Oldenburg (Übersetzung): Nachbarn: Storys. Gebundene Ausgabe. 2024. Aufbau. ISBN/EAN: 9783351042240. 24,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel

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6 Kommentare

  1. Auf den Punkt. Das kann man (leider) trefflicher kaum sagen. Auch wenn es, was das LQ betrifft, schade ist, vor langer Zeit war es ein unterhaltsamer Wegweiser und DAS literarische Format im TV.

  2. Lieber Wolfgang, du bist ja mal wieder hart mit dem Quartett ins Gericht gegangen. Dachte ich. Dann bin ich gerade in der ZDF-Mediathek gewesen und irgendwas wird ja schon versucht dynamischer zu machen. Auf Thea Dorns Kommando: »Also, los geht’s« lautet Adam Soboczynskis erster Satz: »Ja, ich habe ein Buch mitgebracht.« Aha. Ich guck’ dann nachher mal weiter. Mach’ du derweil doch ruhig ein Ausrufezeichen hinter dem letzten Satz.

  3. Besser kann man es nicht ausdrücken! Aber als passionierter Leserin tut es schon weh, wie jetzt nach dem Schweizer Literaturclub auch das Literarische Quartett völlig überflüssig wird. Etwas Hoffnung macht dagegen immer noch das Lesenswert-Quartett mit Denis Scheck u.a. im SWR.

  4. Fand die Diskussion durchaus interessant, nur Frau Menasse und Herrn Soboczynski etwas zu herablassend, überheblich gegenüber anderen Meinungen. Frau Flaßpöhlers bringt immer eine interessante Perspektive ein und kommt deutlich sympathischer rüber.

  5. Mir aus dem Herzen gesprochen, ich stelle schon lange dieses Quartett nicht mehr an.Interessant ist z.Zt. Der Schweizer Literaturclub mit Laura de Weck, schnell witzig interessant und zum Schluß hat sie einen Leser aus dem Publikum gebeten, in Buch vcorzuschlagen.
    Mein Tip: schau Dir mal eine Ausgabe von 2004 ff an mit Roger Willemsen, J, das sind interessante Diskussionen.
    Danke!
    Mary

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