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Textkritik: Märchen für Erwachsene – Rapunzel – Prosa

Eine Textkritik von Malte Bremer

Märchen für Erwachsene – Rapunzel

von Ilse Scherr
Textart: Prosa
Bewertung: 0 von 5 Brillen

Ich liebe Rapunzel. Ja, genau die! – Jene, deren Haare ständig als Aufzug missbraucht werden. Ich missachte sogar, dass .zig andere im Haar des Weibes herumwühlen, das Gegenstand meiner Anbetung ist.
»Rapunzel, Rapunzel, lass mir dein Haar herunter«, schreie deshalb auch ich in luftige Höhen. Dann pfeife ich unser besonderes Signal. Heute reagiert sie besonders schnell. Das wundert mich aber nicht, denn nur ich kann ihr geben, wonach sie lechzt.
»Oh-oh-oh. Ich hab schon so sehr darauf gewartet!« Ihre an sich schmerzliche Stimme tönt diesmal besonders schrill: »Schick mir eine doppelte Portion herauf – bitte!« Rapunzels Kopfschmerzen müssen arg sein.
Schon neigt sich die Prinzessin aus dem Turmfenster. Doch noch habe ich keine Zeit, den Anblick zu genießen. Erst muss ich Tabletten aus einem Beutelchen kramen. Ich höre ein Fffft. Dann ein Plumpsen. Doch nein, es ist nicht der Zopf, nichts baumelt neben mir. Es ist – nun ja .
Aus der Ferne sieht Rapunzel gut aus. Besonders jetzt, ohne ihren ständigen Begleiter, den Eisbeutel. Das liegt daran, dass sie ihn verloren hat. Vorhin, als sie sich aus dem Fenster beugte. Sinnend betrachte ich ihn, der nun zu meinen Füßen liegt. Der Beutel schwitzt, sein eisiges Innenleben schmilzt dahin. Wie ich! Er wegen der Sonne, ich wegen meiner Begehrlichkeit, Rapunzel endlich zu erobern.
Meine Angebetete wickelt auf ihre bedächtige Art den langen Zopf ab. Teile des Flechtwerkes formen am Fensterbrett einen goldfarbenen Turban. Schon fordert dicker, kräftiger Haarwuchs weitausholende Gesten der Prinzessin. Ihr Oberkörper wiegt sich in Tanzbewegungen der Sheherezaden. Das anmutige Rollen der Schultern, die zierlichen, zugleich kräftigen Drehungen der Oberarme machen mich ganz knieweich. Und – oh – dieser Busen! Halbkugeln im Ungleichgewicht. Unwillkürlich krümmen sich meine Finger, umfassen visionär Wohlgeformtes.
Da! Das geflochtene Turban-Ungetüm am Fensterbrett verlagert sein Gleichgewicht! Der unvorhergesehene Absturz ihrer Haarpracht lässt Rapunzels Kopf nach vor rucken. Die – vermutlich – sanfte Stirne knallt gegen das Fensterbrett. Rapunzels Zopf schwingt sich als schwergewichtige Luftschlange zu mir in die Tiefe.
Mit einem Hechtsprung bringe ich mich in Sicherheit.
Knisterndes, nein knirschendes Farn umfängt mich. Offensichtlich eine besondere Sorte, denn mir schwindelt. Plötzlich gibt die Erde unter mir nach. Von heftigem Knacken begleitet, plumpse ich in ein Erdloch. Faulendes Holz rieselt von zersplitterten Bohlen.
Ich sehe über mir ein Stück blassen Himmel, also lebe ich noch.
Etwas Goldfarbenes baumelt vor meinen Augen. Es kitzelt mich! Ach ja! Rapunzels Zopf! Ärgerlich schiebe ich ihn beiseite. Ächzend steige ich einige Steinplatten hoch, welche mir als Treppe den Weg nach oben weisen.
Als Treppe!
Da kommen Scharen von Prinzen angereist, sogar einige verheiratete Könige. Sie schmachten Rapunzel an – und verschmachten am Fuß des Turmes, den sie bewohnt.
Und ich, der ich so klug bin, Rapunzels Eisbeutel-Reste für die Beule an meinem Knie zu verwenden, ich, der ich nur ein Scharlatan bin, ein arbeitsloser Prinz, der Wunderpillen gegen Kopfschmerzen verkaufen muss, um zu überleben, ich weiß, was zu tun ist:
Ich werde eine Treppe bauen – hinauf zu Rapunzels Kemenate.
Inzwischen formuliere ich meinen Minne-Antrag. Den sag ich aber erst auf, sobald ich weiß, wie sie wirklich aussieht.

© 2000 by Ilse Scherr. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Da hat jemand eine reizvolle Idee: jemand stellt sich vor, wie Rapunzel tagtäglich Besuch bekommt und – wegen einer chronischen Schwäche der Nackenmuskulatur – immer wieder mit der Stirn auf das Fensterbrett knallt, während die Besucher zu ihr emporklettern, was natürlich Kopfschmerz verursacht, der bekämpft werden will. Da lässt sich was draus machen!
Aber was macht jemand? Jemand vergisst vor lauter und lautem Beifallsklatschen der Gehirnzellen, dass eine Erzählung geschrieben werden will, genauer: ein Märchen, noch genauer: ein Märchen für Erwachsene. Was geschieht?
Das Schlimmste, was einem passieren kann: Ein Vorhaben zerfasert und verirrt sich rettungslos in heillosen Assoziationen, und schellenlaute Effekthascherei vernichtet noch die versehentlich übrig gebliebenen Restbestände von Sinn. Ergebnis: verkrampfter, quälender Unsinn. Schade um die verschwendete Zeit!

Zum Trost ein kleines Drama von Margarete Jehn, betitelt Rapunter, unterbetitelt Ein Seniorendrama:

Der fürchterlich gealterte Prinz legt die Hände an den Mund und ruft zum Turmfenster hinauf.
DER PRINZ:
Rapunter, Rapunter, lass dein Haar herunter!
Er starrt nach oben.
Nichts rührt sich.
Er dreht kleine Verzweiflungsrunden, bleibt abrupt stehen, schlägt sich an die Stirn. Er stellt sich wieder in Positur und ruft zum Turmfenster hinauf.
DER PRINZ:
Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herunzel!
Er starrt nach oben.
Vorhang

Aus: MiniDramen; Alle Rechte beim Verlag der Autoren, Frankfurt am Main

Die Kritik im Einzelnen

Inwiefern wühlen andere in Rapunzels Haar herum? Sie missbrauchen es als Aufzug, heißt es zuvor: das bedeutet, dass Rapunzel die vielen anderen mit ihren Haaren emporzieht; wollen diese vielen den unweigerlichen Absturz vermeiden, sollten sie sich besser festklammern, statt zu wühlen! Oder wühlen sie erst, wenn sie oben angekommen sind (= Märchen für Erwachsene)? zurück
Wenn die beiden schon ein besonderes Signal haben: wozu dient dann der Schrei? Als Ankündigung, dass ein Signal kommt? Das wäre dürftig; besser: Schrei streichen! zurück
Wenn sie heute besonders schnell reagiert, müssen außergewöhnliche Umstände vorliegen, und das sollte ich schon wundern; weil aber ich sich nicht wundert, kann Rapunzel auch nicht besonders schnell reagieren, sondern logischerweise so schnell wie üblich. zurück
Oh-oh-oh sagt überhaupt nichts aus! Ob es ein Ausruf des Erstaunens ist, eine Warnung, ein lustvolles Gestöhne (= Märchen für Erwachsene), Rapunzel ihrem Brüderchen droht oder sich selbst: der Text soll es zeigen, nicht diese hilflos-stammelnde Lautfolge; also hinfort! zurück
Wenn etwas baumelt, kann es nicht Plumpsen: warum wird diese Banalität so aufgebauscht? Und wieso macht ich so ein lächerliches Geheimnis um den Eisbeutel: Es ist – nun ja . Das wirkt erstens verkrampft und ist zweitens völlig überflüssig. Also weg! zurück
Gerade hatte ich keine Zeit, Rapunzel zu begutachten, jetzt schwafelt er über ihr gutes Aussehen, statt sich um das zu kümmern, was da hinunter geplumpst ist: die zuvor überflüssigerweise angelegte Verkrampfung krampft weiter: ebenfalls streichen! zurück
Endlich wird gesagt, dass da ein Eisbeutel runter gefallen ist, angeblich der ständige Begleiter (dazu später mehr) Warum denn nicht gleich? zurück
Jetzt verkrampft sich sogar der Krampf: soooo schrecklich kompliziert ist der Text nicht, als dass jetzt erklärt werden müsste, dass das Hinuntergeplumpste dieser Eisbeutel gewesen ist! Das nachgelieferte vorhin, als . ist bereits peinlich, so bemüht witzig stelzt es einher. Hahaha. zurück
Warum klettert ich nicht einfach hoch? Warum tut er nicht, was all die vielen tun? Hapert’s an seiner Potenz (= Märchen für Erwachsene)? zurück
Das muss Scheherezade heißen, mit es-ze-ha und im Singular, denn es handelt sich um den Namen der Person, die tatsächlich Märchen für Erwachsene erzählen konnte und erzählt hat (1000 und 1 Nacht); der Plural dieser Form gilt für die Märchen selbst, und die konnten keineswegs tanzen, wie hier unterstellt wird. Was also soll der Unfug? Soll das etwa auch witzig sein? zurück
Da ein Busen gemeinhin doppelt vorhanden ist, wäre zumindest ein oh oh angebracht, aber aus oben genannten Gründen sollte es besser ganz entfallen! zurück
Soll das Umfassen visionär sein? Nicht eher imaginär? Schließlich ist der Busen nicht grabschbar, aber durchaus Realität an Rapunzel und nicht nur eine Vision! Oder ist Wohlgeformte visionär? Dann ist ichs Gestöhne angesichts der Halbkugeln eher auf eine Bedauern zurückzuführen, dass Rapunzels Busen diesen visionären Halbkugeln nicht entspricht. Grammatisch ist dieser Satz zutieftst unbefriedigend, denn auch imaginär ließe sich auf Wohlgeformtes beziehen! Sinnvoll könnte es heißen Unwillkürlich krümmen sich meine Finger, als umfassten sie Wohlgeformtes! Damit wären sowohl das falsche visionär und die Unklarheit im grammatischen Bezug eliminiert. zurück
Was passiert, wenn jemand sein Gleichgewicht verlagert? In gar keinem Falle erfolgt ein Sturz, denn das Gleichgewicht (was ja kein Gewicht ist, sondern ein Zustand) bleibt bei jeder Verlagerung des Gleichgewichtes erhalten. Etwas anderes ist, wenn jemand sein Gewicht verlagert oder das Gleichgewicht verliert oder das Übergewicht bekommt: da ändert sich der Zustand. Doch wer weiß: vielleicht soll ja auch das ganz bewusst witzig sein. zurück
Dieses Rucken erfolgt erst dann, wenn die Masse des fliegenden Haares zum Stillstand kommt, der Turban sich also abgewickelt hat! Während des Absturzes ruckt gar nichts. Was soll’s: wenn’s der Witzfindung dient, ist wohl jedes Mittel recht! zurück
Erlaubt sei die Frage: was befürchtet ich? Zuallererst erwartet er nach einem Plumpsgeräusch, dass der Zopf neben ihm baumelt: der erreicht also den Boden nicht. Jetzt hat ich Angst, dass der Zopf ihn treffen könnte, und da er sich nicht einfach bückt (dann würde der Zopf über ihm baumeln, nicht neben ihm, was ja zur Lebensrettung genügte), sondern weghechtet, muss der Zopf also doch bis auf den Boden prallen können: wieso erwartete er also (s.o.), dass der Zopf allenfalls neben ihm baumelt? Und – viel schlimmer, denn der letzte Witz geht verloren – Rapunzel würde nicht mit der Stirn auf das Fensterbrett prallen und keinerlei Kopfschmerzen erdulden müssen, da die Fall-Energie des Zopfes sich umwandelt, wenn der Zopf den Boden deformiert: da bleibt nichts übrig für ein Rucken. zurück
Was hat ein Schwindelgefühl mit Farn zu tun, und sei es auch knirschendes? Was soll das für ein kausaler Zusammenhang sein? Es ist eine besondere Sorte Farn, denn ich schwindelt? Ich wird schwindelig, weil ich eine neue Sorte Farn entdeckt hat: den Knirschfarn (filicina stridens)? Oh, oh, oh, au weia & o jemine . zurück
Wenn Bohlen zersplittern, sind sie nicht morsch, und dann rieselt auch kein faulendes Holz, sondern Holzsplitter; faulendes Holz bröselt; und knirschen tut es auch nicht. Was soll das nur? zurück
Es ist eigentlich unglaublich, aber es wird sogar noch blödsinniger! Der Zopf baumelt also bis in das Loch hinein; doch statt ihn zu ergreifen, steigt ich Steinplatten hoch, welche ihm als Treppe den Weg weisen, will sagen: die führen nicht nach oben ins Freie (wo immer das sein mag: der einzige Zugang lag unter Knirschfarn und fauligen Splitterbohlen!), die weisen den Weg dorthin!
Weiterhin: Angeblich hat ich einen Hechtsprung vollbracht, um nicht von den Haaren erschlagen zu werden; jetzt sieht es allerdings aus, als habe er einen Standsalto gesprungen, und haargenau an der Stelle, wo Legionen von Rapunzel-Liebhabern erfolgreich auf die Haare warten, wächst Knirschfarn, unter welchem wiederum morsche Bohlen lauern auf jeden, der sich dort aufhält (bzw. auf den Aufprall entfesselten Haares).
Da komme ich nicht mehr mit. Vermutlich aber ist das ja witzig oder sogar sehr witzig. zurück
Klar: die Prinzen verschmachten alle am Boden, deswegen ist ja die ziemlich seitwärts und zugleich direkt unterhalb gelegene farnbewachsen Holzabdeckung einer treppenbewehrten Höhlung so morsch: ob all der Verwesungprodukte von Prinzen-Scharen, darunter sogar einige verheiratete Könige (als Spezial-Prinzen der ganz besonderen Art); die übriggebliebenen Kochen frisst wohl das Knirschfarn – weswegen es dann eher filicina frendens (mit den Zähnen knirschender Farn) heißen müsste.
Und ganz typisch für »Dümmer geht’s nicht«: zu Anfang des Textes haben noch .zig andere im Haar des Weibes herumgewühlt, jetzt will ich davon nichts mehr wissen, plötzlich ist ich der einzige! zurück
Als Scharlatan verkauft der Prinz Wunderpillen, die nichts taugen (sonst wäre er kein Scharlatan); Scharlatane verkaufen auch nie an die gleiche Person, weil sie nicht erschlagen werden wollen (siehe Haarsturz); die Prinzessin aber verlangt sogar die doppelte Portion: Portion (statt doppelte Dosis) muss wohl auch dem Krampf anzurechnen sein, andernfalls wäre es ja gedankenlos: also müssen die Pillen doch helfen? Der arbeitslose Prinz wäre kein Scharlatan, sondern ein Rapunzel-Wohltäter?
Dennoch outet der Prinz den Eisbeutel als ständigen Begleiter von Rapunzel: nützen die Pillen also doch nichts? Und fällt ihr jedes Mal der Eisbeutel runter, da als ständiger Begleiter er dauernd auf ihrer Stirn lagern müsste (sonst wäre er ja keiner), was zur Folge hätte jedes Mal einen Absturz, wenn eine Prinzenschar sich näherte, die Aufforderung rief, Rapunzel ihr Haar herunterwürfe und mit der Stirn, der sanften, aufs Fensterbrett knallte, was ja wohl die Ursache der Kopfschmerzen ist, woraufhin die Prinzenschar in ihrem Haar wühlte und Rapunzel sie hinaufzöge – so wie es der Beginn dieses Textes verkündet? Wie viele Eisbeutel besitzt sie wohl? Oder ist der Eisbeutel sturzfest?
Lassen wir es gut sein: so viele Fragen, so wenig Antworten. Geschwafel und Ungereimtheiten die Hülle und Fülle: Wenn das die Folge ist von »Sire, Geben Sie Gedankenfreiheit!«: nämlich dass ein Text frei von jedwedem Gedanken ist. zurück
Ein guter Rat, lieber Scharlatan: lass es bleiben! Du bist viel zu blöd, eine Treppe hinzukriegen, du warst ja schon zu blöd, die Haare zu ergreifen und dich daran hoch zu hangeln bzw. ziehen zu lassen wie Prinzenlegionen vor dir. Unfassbar, dass du bereits jetzt schon vergessen hast, wie Rapunzel aussieht, und deinen Minneantrag kannst du freiwillig vergessen: du wirst dieser Dame nie in Ehren dienen können, du bist ja nicht einmal in der Lage, Kopfschmerztabletten an die Frau zu bringen, die danach verlangt! Wieso? Na, Rapunzel wollte doch Tabletten gegen den Kopfschmerz, und die hast du ihr bislang nicht in die Haare geflochten! Siehst du? Total vergessen hast du das! Na ja, macht nix: leg dich sterben, der Farn wird den Rest erledigen: Gute Nacht! (Braver Kerl: der tut jedenfalls, was man einem sagt! Treppe bauen? Lächerlich.) zurück

© 2000 by Malte Bremer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe – gleich welcher Art – verboten.