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Textkritik: Ehestreit mit Biss und Mimose

Ein klein wenig erinnert der Text, den sich unser Textkritiker Malte Bremer heute angesehen hat, an den bitterbös lakonischen Tonfall mancher Grimms Märchen. Für einen Ehestreit mit Biss vergibt der Textkritiker fünf Brillen.

Mimose im Mann

von Jolanda Brigger-Ruppen
Textart: Prosa
Bewertung: 5 von 5 Brillen

Sie waren noch nicht lange ein Ehepaar, da fing sie an, ihn zu quälen mit kleinen Bosheiten. Mit so winzigen Gemeinheiten, dass er sie zuerst gar nicht bemerkt hatte. Als sie die Gemeinheiten auch auszusprechen begann, machte er sich Sorgen darüber, dass er irgendwann nicht mehr auf seine Worte würde achten können, und er fragte seine Frau, wie lange sie es so zu betreiben gedenke mit ihm.

Sie fertigte ihn damit ab, dass er sich das einbilde und dass er eine Mimose in sich habe, die eines Mannes unwürdig sei. Die Mimose abzuhärten beschloss er da, damit sich diese nie mehr würde beschweren können bei ihm; und er stellte sich jeden Tag mehrmals vor den Spiegel, stramm und aufrecht, bespuckte das Spiegelbild und verfluchte und beschimpfte es aufs Übelste, was zur Folge hatte, dass die Mimose plötzlich jede Gemeinheit und überhaupt Unglaubliches und Unmögliches locker wegstecken konnte.

Da begann die Ehefrau, dem Ehemann die Ohrläppchen zu ziehen, wenn er auf der Couch saß, sie gab ihm auch sehr freche Nasenstüber, und ab und zu legte sie gar Reißnägel aus, darauf hoffend, dass er sich draufsetzen würde. Zudem fuchtelte sie mit der Fliegenklatsche rum und tat unschuldig, wenn sie ihn am Kopf erwischt hatte, worauf er anfing, seinen Körper zu stählen, indem er in eiskaltem Wasser badete, nackt auf dem nackten Boden schlief und Nahrungsmittel aß, die ihm den Magen umdrehten.

Klar, dass das der Ehefrau nicht passte: sie bekämpfte die neuen Strategien des Mannes radikal. Sie ließ den Sanitärinstallateur kommen, beauftragte ihn, dafür zu sorgen, dass das Wasser nur körperwarm aus den Hähnen fließe, engagierte einen Bodenleger, der alle Böden mit dicken Korkplatten auslegen musste, und sie bestückte alle Nahrungsmittelschränke mit Zahlenschlössern und schloss diese ab. Und auf den Tisch kamen nur bekömmliche Speisen oder die Lieblingsgerichte des Ehemannes. Das merkwürdige Verhalten seiner Frau gefiel dem Ehemann dermaßen, dass er es mit kleinen Geschenken verdankte.

Und bald schon kam es der Gattin nie mehr in den Sinn, den Gatten mit Gemeinheiten zu quälen.

© 2020 by Jolanda Brigger-Ruppen. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Das hat Zug, das hat Biss: Mal ein Ehestreit der besonderen Art! Schön das Spiel mit dem Wort Mimose: Einerseits die anfällige, zarte Blume, andererseits das Schimpfwort für angeblich empfindsame (oder empfindliche?) Menschen!

Die Kritik im Einzelnen

Was ist schlimmer: Gemeinheiten oder Bosheiten? Da hätte doch eins von beiden genügt! Nämlich das, was die Autorin für das Schlimmere hält. zurück

Wenn man sich jetzt die Mimose tatsächlich als eine Pflanze vorstellt, kann die einem schon leidtun! zurück

© 2021 by Malte Bremer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe – gleich welcher Art – verboten.