StartseiteLiterarisches LebenWir spielen mit Daniel Kehlmann: »Mein Algorithmus und ich«

Wir spielen mit Daniel Kehlmann: »Mein Algorithmus und ich«

Nicht sehr groß, aber schön: Daniel Kehlmanns Rede »Mein Algorithmus und ich« als Büchlein mit Pappeinband
Nicht sehr groß, aber schön: Daniel Kehlmanns Rede »Mein Algorithmus und ich« als Büchlein mit Pappeinband

»Mein Algorithmus und ich«, der Text der Rede, die Daniel Kehlmann unlängst in Stuttgart hielt, ist nun als kleines bibliophiles Büchlein erhältlich. Kehlmann berichtet von einer Reise ins Silicon Valley, wo er zusammen mit Computer und KI eine Geschichte schreiben sollte. Für uns ein Grund, die kehlmannschen Sätze nochmals an eine Künstliche Intelligenz zu verfüttern.

Nicht mehr als Video, dafür gedruckt

Die sogenannte »Erste Stuttgarter Zukunftsrede« wurde am 9. Februar 2021 kostenlos und für alle per Livestream aus dem Stuttgarter Literaturhaus übertragen. Nun kann man sie sich im Netz nicht mehr ansehen, stattdessen ist die Rede gedruckt im Stuttgarter Klett-Cotta Verlag erschienen.

Schwarzes Vorsatzpapier
Schwarzes Vorsatzpapier

12 Euro kostet das kleine Hardcover-Bändchen mit lediglich rund 50 Seiten Redemanuskript. Ein kleines Büchlein, das mit Glanz und leichter Prägung und mit schwarzem Vorsatzpapier wohl als »bibliophile Ausgabe« für Sammler und Kehlmann-Fans zu bezeichnen ist. Während man in Sachen Buchausstattung fein gearbeitet hat, ist der Text typografisch lieblos gesetzt. Wobei auch eine Fadenheftung schöner gewesen wäre, als eine Klebebindung. Aber gut …

In seiner Rede – und jetzt in diesem kleinen Büchlein – beschreibt Daniel Kehlmann eine Reise im Februar 2020. Open Austria, die österreichische Vertretung im Silicon Valley, hatte Kehlmann nach Kalifornien eingeladen, um zusammen mit einem Algorithmus, also einer künstlichen Intelligenz (KI), eine Kurzgeschichte zu schreiben.

Daniel Kehlmann hält die 1. Stuttgarter Zukunftsrede am 9. Februar 2021 im Stuttgarter Schriftstellerhaus.
Daniel Kehlmann hält die 1. Stuttgarter Zukunftsrede am 9. Februar 2021 im Stuttgarter Schriftstellerhaus.

So beginnt der Text zunächst mit einer eher literarischen Beschreibung der Reise und den Eindrücken von der kalifornischen Technikfirmenregion. Mit dieser leichten Ironie könnte es auch ein Ausschnitt aus Kehlmanns Werk »Ruhm« sein. Nebenbei vermittelt uns Kehlmann in einfachen Worten einiges Wissen zum Thema »Künstliche Intelligenz«, bevor er schließlich an einer Tastatur Platz nimmt und mit einem Computer namens CTRL eine Geschichte schreiben soll. Das Ganze in einer Art Ping-Pong-Verfahren: Der Autor gibt einen Satz vor, dann schreibt die Maschine weiter, dann wieder der Mensch.

Kehlmanns Duktus ist angenehm. Er gibt sich zweifelsohne naiver als er ist, doch er agiert und beschreibt mit einer Offenheit für Neues und wirkt weder der Maschine gegenüber reserviert noch gleitet er in Kulturpessimismus ab, dass womöglich Computer bald große Literatur schaffen könnten. Aber man kann sich ja mal umschauen und ausprobieren.

Gab es für Kehlmann nichts Besseres?

Schade ist es jedoch, dass die Kehlmann zur Verfügung gestellte KI nicht sehr gut ist. Dabei hat sie inhaltlich und sprachlich bisweilen durchaus interessante Wendungen zu bieten, doch dummerweise stürzt die Software nach wenigen Sätzen ab und bleibt hängen wie eine Schallplatte. Kehlmann entdeckt die interessanten Sprachpfade der Maschine und lässt sich auch darauf ein, aber unglaublich kurz darauf kommt die KI ins Stottern.

Trotz dieser frühen Abbrüche wird klar, dass die Maschine zwar sprachlich passende und interessante Wendungen schafft, dass ihr aber die Intelligenz für Logik und Fortgang einer Geschichte fehlen.

Warum die Software aber so schlecht programmiert ist, dass sie schon nach wenigen Sätzen abstürzt, ist merkwürdig.

Hätte man da im Silicon Valley nicht erst mal etwas Besseres bauen können, bevor man einen Bestseller-Autor zum Testen einlädt?

Der kleine Pappband mit der Rede enthält also keine direkt mit künstlicher Intelligenz entstandene Geschichte. Eher indirekt.

Typografisch leider Durchschnitt: »Mein Algorithmus und ich«
Typografisch leider Durchschnitt: »Mein Algorithmus und ich«

Das Interessante aber ist: Jede und jeder kann Kehlmanns Versuche kostenlos selbst ausprobieren, nicht mit CTRL, aber mit einer weitaus leistungsfähigeren KI mit dem Namen GPT-3. Die ist so mächtig, dass die Herstellerfirma Open AI erst mal alle Schnittstellen weitestgehend deaktiviert hat, da man Missbrauch fürchtete.

Kehlmanns CTRL wurde zum Lernen auch mit Texten aus Reddit gefüttert und auch GPT-3 wurde mit den Textmassen des Internets trainiert. Somit fehlt den Maschinen buchstäblich buchstäblich (sic) jede Moral.

Jedoch gibt es eine im literaturcafe.de bereits vor einiger Zeit vorgestellte Textadventure-Schnittstelle »AI Dungeon« auf Basis von GPT-3, die selbst in ihrer abgespeckten Form dem CTRL-Output ebenbürtig erscheint.

Mit KI schreiben wie Kehlmann

Daher haben wir uns den Spaß erlaubt und zwei von Kehlmanns Anfängen, mit denen er das Text-Ping-Pong startete, auch bei »AI Dungeon« eingegeben, und wir schauen uns mal die Ergebnisse an (Eingabemodus »Custom«). Alle Beispiele sind auch in Kehlmanns Text in englischer Sprache.

Kehlmanns erster getippter Satz lautet:

It was a beautiful day in summer.

CTRL macht weiter:

The sun shone brightly on the green grass and flowers of the garden, but there were no birds to sing or insects to hum.

Kehlmann attestiert dieser Ergänzung »eine unheimliche Note, ein Hauch von David Lynch.«

Nun geben wir den selben Anfang in »AI Dungeon« ein. Hier lautet die Fortführung der Maschine:

The sun shone brightly, and the air smelled of flowers. It was a perfect day to go for a walk around the park.

Hier fehlt die unheimliche Note und alles klingt bieder. Auffallend ist der identische Anfang.

Aber da die KI eine KI ist, müsste sie einiges an Varianten draufhaben. Also noch einmal »It was a beautiful day in summer« eingetippt. Das Ergebnis diesmal:

The sun shone brightly, and the air smelled of flowers. You were just about to go for a walk when you heard some noise coming from outside your door.

»What’s going on?«

Aha! Da tut sich doch gleich mehr auf! Da hat die Maschine schon den ersten Konflikt skizziert. Und gleich wurde auch die mündliche Rede eingeführt.

Und noch ein dritter Versuch mit dem selben Satz und dem Ergebnis:

»What the hell are you doing out here? You should be at home with your family!« one of them shouts from behind you and then another runs up to grab you by the arm.

Holla! Jetzt geht es aber zur Sache und der Sommertag nimmt definitiv eine andere Wendung. Wer sind »them«? Jetzt darf man selbst weiter kreativ werden.

Hier könnten wir natürlich weiterschreiben wie Kehlmann. Aber natürlich nicht 1:1 wie Kehlmann, denn schon mit der ersten Maschinenerwiderung läuft die Story in eine andere Richtung.

Versuchen wir noch Kehlmanns zweites Vorgabe-Beispiel:

I was looking for an apartment. It didn’t go well.

CTRL macht bei Kehlmann weiter mit:

»Hey man, you have a nice ass and you’re not afraid of anything.«

Auch CTRL geht hier gleich in den Dialog und Kehlmann ist »verblüfft« und er habe diese Fortführung nicht kommen sehen. Das mag auf Reddit zurückzuführen sein.

Was macht »AI Dungeon« aus der missglückten Wohnungssuche?

I ended up in a shelter with some other people who were homeless and had nowhere to go.

Naja, da geht die Maschine gleich sehr ins Extreme, klingt aber ein klein wenig auch wie ein Romananfang von Paul Auster.

Der zweite Versuch ist wieder interessanter, und wir stellen die Eingabe hier nochmals bewusst an den Anfang:

»I was looking for an apartment. It didn’t go well. I ended up in a shelter.«

»A shelter?« you ask, surprised. »What happened there? What did they do to you?«

She shrugs helplessly.

Dieser Anfang hat wiederum mehrere bemerkenswerte Wendungen, die man selbst bei einem menschlichen Gegenüber in einem Schreibseminar selten erlebt. Zum einen bindet die KI das »I« aus der Eingabe diesmal direkt in eine wörtliche Rede ein, sodass es gar nicht mehr ein Ich-Erzähler ist, der den Satz spricht. Tatsächlich spricht der (oder die) erst danach. Und im dritten Absatz wird aus dem Gegenüber definitiv eine Frau.

Mit seiner »Stuttgarter Zukunftsrede« hat es der prominente Autor Kehlmann geschafft, dass das Thema »Schreiben mit KI« durchaus in die Feuilletons gelangt.

Hat er auch Sie dazu angeregt, das ganze mit »AI Dungeon« einmal selbst auszuprobieren?

Wie bereits vor einiger Zeit in einem anderen Bericht des Cafés und in einen Vortrag zur digitalen Frankfurter Buchmesse festgestellt, wird es noch etwas dauern, bis eine KI Sprache und Plot von einfachen Liebesromanen meistern wird. Aber es wird sicher kommen.

Und sofern man für die Dinge so offen ist wie Daniel Kehlmann, kann man eine kostenfreie Schnittstelle wie die von »AI Dungeon« durchaus zur Inspiration verwenden.

Kehlmann, Daniel: Mein Algorithmus und Ich: Stuttgarter Zukunftsrede. Broschiert. 2021. Klett-Cotta. ISBN/EAN: 9783608984804. 12,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel
Kehlmann, Daniel: Mein Algorithmus und Ich: Stuttgarter Zukunftsrede. Kindle Ausgabe. 2021. Klett-Cotta. 9,99 €  » Herunterladen bei amazon.de Anzeige

Link ins Web:

  • Die Schnittstelle »AI Dungeon«, die eigentlich für Textadventures konzipiert ist.
    Nach einer Registrierung mit der Einstellung »Custom« als allgemeine Schreibinspiration nutzbar (Einstieg über die Menüpunkte New Game => Prompts => Custom).
    Leider nur in englischer Sprache.

6 Kommentare

  1. Haha, gleich der erste Versuch macht AI Dungeon sprachlos. Mit Tiergeschichten kann er anscheinend nichts anfangen. Als gäbs im Internet sowas nicht!
    Ich gab ein:
    Today is the first time I will go out for at least a little work after a long long time of boredom. I have been blinded by a bad man and it seemes that was the end. I was a very promising drug sniffer. Now I am a retired dog. But my mistress would not leave me in my misery. And she found a new work for us both. Work is my life, you know?
    Die Antwort:
    The AI doesn’t know what to say. Alter, undo, or try again.

    Klar, try ich again. Aber lieber ohne KI. Die lässt mich nämlich gar nicht. Keine Aktion funktioniert und Undo ist sogar not authorized. Na ja, ich hab’s sowieso nicht ernst gemeint.

    Liebe Grüße
    Marieluise

    • Liebe Marieluise,

      ich habe dennoch mal den Text eingegeben, was bei mir funktioniert hat. Der Einstieg über die Menüpunkt New Game und Promts ist der richtige ich habe das oben ergänzt. AI Dungeons überrascht allerdings auch hier, denn aus der Tiergeschichte scheint hier im ersten Versuch eher so eine Art Rollenspiel-BDSM-Text zu werden ;)

      She has made me her slave. I can do nothing but follow orders, and she does everything to please me. If I don’t like something, then I must obey.

      Und die zweite Version ließ mich dann doch lachen:

      She has given me a place to live and food and clothes. I can’t say thank you enough for all this, Mistress.”
      “I don’t think so,” says your mother.

      Beim dritten Versuch bleibt es erst mal bei einer Tiergeschichte, aber offenbar nichts für Kinder:

      She has taught me to be a good dog. You see, she teaches me how to hunt and kill things. I have learned so much today.

      Beste Grüße
      Wolfgang

  2. Aha. Danke fürs Engagement. Ich hatte es über Custom probiert. Also der falsche Einstieg.
    Alle drei Versionen sind ein bisschen langweilig, weil sie bekannten inhaltlichen Mustern folgen. Aber ich denke, eine KI kann auch nicht gut um die Ecke denken. (Ich werde gleich mal ausprobieren, ob sie Pointen zu Witzen erfinden oder Wortspiele verstehen kann. Und wie reich ihr poetischer Sprachschatz ist.)
    Und wie du im Artikel schon geschrieben hast, man könnte sie mangels Verständnis für Plots (und höchstwahrscheinlich auch Psychologie der Figuren) wohl auch nicht in der Mitte eines Romans einsetzen, wenn einem innerlich der Vorhang vorm Kopfkino gefallen ist.
    Und dass sie echt komisch sein kann, das glaube ich auch nicht. Wahrscheinlich eignet sie sich, wenn einem zu einer Geschichte wirklich nichts einfällt als die Grundidee.
    Dass KI in absehbarer Zeit Dutzendkrimis und -schnulzen schreiben kann, bezweifle ich keine Minute. Autoren, die das reihenweise produzieren können, sind ja selber schon Automaten.

  3. Eingabe, alter Witz:
    Please, torture me, said the masochist. The sadist answered cheerfully: NO!

    AI macht den Witz kaputt und fährt gleich Verbannungsgeschütze auf:
    I want to see you suffer! You can’t have it both ways! And if you don’t like my methods, well then you should just leave this place and never return.

    Der zweite Versuch ist durch und durch unlogisch:
    I am not torturing you! You are a prisoner here and if you don’t like it, well then you can get out of this place as soon as possible.

    Der dritte kommt auch noch feministisch-moralisch (ich weiß, was die KI gelesen hat!):
    You can’t do that to a woman! I’m not going to make you suffer for your pleasure, and it’s not my place as a man to tell you what kind of pain is right or wrong.

    Da bevorzuge ich doch die traditionelle Antwort des Masochisten: Oh, bitte sag das nochmal!
    Darauf wär die KI nie gekommen! :D

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