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Textkritik: Schwierig, ohne dem Kitsch anheim zu fallen

Abschied, Liebeskummer, Trauer, Tod: Nicht nur Schreibanfänger versuchen sich daran, große Gefühle in Texten zu be- und verarbeiten. Meist ist das Ergebnis kitschig und durchsetzt von Phrasen und verbrauchten Bildern. Wie in diesem Text, den sich Textkritiker Malte Bremer angesehen hat.

Der Weg nach Kashi

von Soma Y’Luz
Textart: Prosa
Bewertung: 2 von 5 Brillen

In den Himmel schauen, bis kein Lidschlag mehr folgt. Hören mit aller Kraft in den weiten Raum hinein, auf die Mahnungen, die Zeichen … Jeden Tag die langen Gespräche mit ihm. Noch ist er da. All die alten Rituale befolgen: das abgelegte Gold, die Knotenschnur, das Wasser aus dem Fluss zum Wasser in den Fluss, die Pomana … Nur verschleiert gehe ich auf die Straße. Eine Frau sagt: So etwas macht man heute nicht mehr. Ich schaue sie wortlos an und bin froh, dass ich mich nie um sowas gekümmert habe. Nichts soll mich ablenken von meinem Schmerz; kein einziges der Rituale werde ich auslassen. Und ich werde so traurig sein, wie ich es bin.

Gebete. So konzentriert wie noch nie in meinem Leben. Mich immer wieder beschwören mit diesem einen Mantra: »But today … I’ll kneel only to truth, follow only beauty and obey only love.« Nur jetzt nicht verraten, was uns Gesetz war in all den Jahren, trotz allem weiter gehen auf diesem Pfad. Auch wenn es Wüste ist, auch wenn der Wind nun eisig einsam um mich weht.

Immer wieder … in den unendlichen Raum der Nacht entgleiten und alle Sterne absuchen nach ihm. Manchmal ihn spüren, ganz nah, und weit um mich. Der ganze Weltraum spricht.

Tiefen Frieden in mir spüren. Schön war’s! denke ich. So un-gezähmt, und am Ende waren wir frei. Das war das eigentlich Besondere. Und der lange, lange Weg dahin … Nichts ausgelassen, auch die schmerzvollsten Krisen nicht, die zwischen uns beiden und die von jedem einzelnen dazu.

Wir haben uns ein Versprechen gegeben. Über allen Raum und alle Zeit hinweg. Wer wird mich dann führen? fragte er mich einmal, bevor er ging. Und ich antwortete: Wer wird mich daran erinnern, die Kochplatte auszuschalten? Ich lache in den Himmel hinein und zwinkere ihm zu.

Rückkehr an den alten Ort. Lanzarote. Da, wo alles begann, nicht nur unsere Liebe; auch wir, als Mensch, haben uns hier selbst noch einmal zur Welt gebracht. Wir drangen in die Vulkane ein, bis nichts mehr übrigblieb von uns.

Zwei Zeilen aus den Gedichten an ihn tauchen in mir auf: »… und entfachten das Feuer einer ganzen Insel …« und: »… wir errichteten uns Monumente der Stille …«. Unser Leben, nicht nur auf der Insel. Stille zu Feuer, Feuer zu Stille. Ewigkeit. Weit hinaus über die Zeit.

Als wir die Asche ins türkis-schäumende Meer geben, leuchtet mein ganzes Herz. Ich kann seine Freude spüren beim Eintauchen in die Gischt.

In den kalten Winternächten ist es, wann ich ihn vergebens suche. Ihn, und den Sinn ohne ihn. Vergebens. Das Herz rast bis zum Zerreißen. Kalter Entzug. Bis zum Balkon sind es nur wenige Schritte. In entscheidenden Momenten legt sich Dsor, die Katze, auf meine Brust und schaut mich durchdringend an. Wochen später stürzt sie sich an meiner statt vom Dach und bricht sich das Genick. Beim Sterben halte ich ihren kleinen Kopf in meiner Hand, und der Schmerz bricht mit Gewalt aus mir heraus. Dieses Mal muss ich nicht stärker sein als der, der stirbt. Ich weine sieben Tage lang, ohne ein einziges Mal zu unterbrechen.

Mittenrein in das heilsame Sortieren, Aufräumen, Briefe-Lesen dringt die Welt mit Wucht in mein geschütztes Leben ein; dreht sich einfach weiter, während ein Mensch den Atem aufgab.

© 2020 by Soma Y'Luz. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Ein misslungener Versuch, Trauer zu bewältigen … aber es ist eben äußerst schwierig, ohne dem Kitsch anheim zu fallen! Falsche Leerzeichen und Rechtschreibfehler wurden von mir korrigiert, ohne es im Einzelnen anzumerken. Zudem ist anzumerken, dass der Text viel länger ist als hier wiedergegeben. Es gibt aber weiter nichts zu sagen: Es lohnt sich nicht!

Die Kritik im Einzelnen

Man kann nicht mit aller Kraft in den Raum hinein hören: Aber man kann angestrengt lauschen! Und statt in den Himmel »zu schauen mit aller Kraft« sollte man besser in diesen starren! Es müssen keine langen Gespräche sein: Gespräche genügt vollauf! Auch muss man nicht alle die alten Rituale befolgen: Woher weiß man denn, ob das wirklich alle sind? Einfach nur die alten Rituale befolgen! Die Ich-Erzählerin kennt sie, das genügt! Sonst wirkt das nur kitschig, weil zu viel Gefühl. zurück

Auch hier lieber kürzen: Mich immer wieder beschwören mit diesem Mantra: Warum denn diesem einen? Mantras leben davon, wiederholt zu werden! Rätselhaft, wieso in der Wüste ein eisiger Wind weht? Befindet sich die Ich-Erzählerin denn in einer Eiswüste? Jeder normale Mensch denkt bei Wüste an Sandwüste und Hitze, auch wenn man weiß, dass es nachts dort sehr kalt ist: streichen! Ebenfalls zu streichen wäre, dass der kalte Wind einsam streicht: Wie soll das vor sich gehen? Wie kann ein Wind einsam eisig streichen? zurück

Diese Zeilen komplett löschen: Was soll das denn dieser unendliche Raum sein? Und wie entgleitet man in diesen unendlichen Raum der Nacht? Und seit wann spricht der ganze Weltraum? Wäre ein halber Weltraum nicht genug? Und ihn spüren ganz nah und weit? Weg damit! Da draußen ist nichts von ihm, das ist alles nur innen! Und da soll gehört es auch hin! zurück

Diese Äußerung wäre zu akzeptieren, wäre der Frieden nicht tief: Das ist eine dermaßen ausgeleierte inhaltsleere Floskel, auf die besser verzichtet werden sollte (Es sei denn, man sei ein Fan von Beerdigungskitsch!)
PS: Was wäre denn eigentlich ein flacher Frieden? Das Gegenteil vom tiefen? Und das würde dann was bedeuten? zurück

Schon wieder Raum! Und dazu auch noch die Zeit! Auch das ist eine völlig inhaltsleere Floskel: Bis dass der Tod euch scheidet heißt die religiöse Entsprechung: Streichen! zurück

Wird der vorangegangene Satz mit den Leerwörtern Raum und Zeit gestrichen, kommt jetzt die erste wirklich persönliche Äußerung: Wir haben uns ein Versprechen gegeben!  Und die Kombination von Kochplatte ausschalten mit wer wird mich führen bringt Leser*in endlich wieder auf festen Boden! zurück

Auch hier wieder kürzen: Rückkehr nach Lanzarote genügt völlig! Da braucht es keinen alten Ort! zurück

Selbstverständlich darf das allerschlimmste Kitschwort nicht fehlen: Ewigkeit! Ewigkeit bedeutet ohne Anfang und ohne Ende … und abergläubisch-religiöses Volk schwafelt das nach, salbadert sogar von Ewigkeiten: Dümmer gehts nicht! Das ist einfach nur noch peinlich! zurück

 Auch hier wieder eine typisch kitschige Wendung: mein ganzes Herz! Wie wäre es mit ein Drittel Herz? Zumindest mal was Neues … zurück

Warum so umständlich? In kalten Winternächten suche ich ihn vergebens! Damit ist doch alles gesagt! zurück

Das Herz rast. Punkt. zurück

Ausbrechen ist immer mit Gewalt verbunden: Wozu das betonen? zurück

Das ist wieder zuviel! Ich weine eine ganze Woche wäre mein Vorschlag! Sieben Tage sind mir zu biblisch! zurück

Wieso mittenrein in? Warum nicht ganz einfach: Mitten ins Sortieren, Aufräumen, Briefe-Lesen dringt die Welt in mein Leben ein! Wieso steht da geschütztes Leben? Inwiefern ist das geschützt? Worin besteht diese angebliche Wucht? Und dass sich die WELT einfach weiter dreht, bloß weil ein Mensch stirbt oder starb: Das ist doch stinknormal! Dieser Text enthält viel zu viele Klischees. Zumindest gibt es ein paar brauchbare Ansätze. Das wars aber auch schon! zurück

© 2020 by Malte Bremer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe – gleich welcher Art – verboten.