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Textkritik: Moralische Zeigefinger wie dümpelnde Schwimmwesten

»Weltenende« heißt ein großartiges und bekanntes Gedicht von Jakob von Hoddis aus dem Jahre 1911. Aktuell kann man es sicherlich wieder einmal hervorziehen und lesen. Das ist besser, als unter dem gleichen Titel eine misslungene Parodie zu schreiben, findet Textkritiker Malte Bremer.

Weltende

von Berthold Kuhne
Textart: Lyrik
Bewertung: 0 von 5 Brillen

Dem Bürger fliegt vom runden Kopf der Hut
Skifahrer stehen auf grünen Pisten
Und tief im Volke steigt die Wut
Schwimmwesten dümpeln an den Küsten.

Glatzen feiern feixend in den Straßen
Die Fäuste in den Taschen ballt die Meute
Man würde gerne wieder mal vergasen
Man fährt gewollt mit Autos in die Leute

Heuschrecken fressen ganze Länder
Das Klima kippt, Vulkane spucken
Die Zombies torkeln an die Ränder
Und unter Masken tut es jucken

Der Würgeengel zieht vorbei
Und klopft in diesen Tagen
Der Bürger kauft rasch Nudeln ein
Denn Jahwe schickt die Plagen

© 2020 by Berthold Kuhne. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Das ist eine grauslich zusammengestümperte Verballhornung von Jakob van Hoddis‘ großartigem Gedicht »Weltende«, erschienen 1911 unter dem Eindruck des nahenden Weltendes, nämlich dem Zusammenstoß des Halleyschen Kometen mit der Erde im Jahre 1910, was ja nicht stattgefunden hat. Diese Quelle verschweigt der Autor des heute besprochenen Gedichtes! Lieber verfasst er selbständig ein eigenes, höchst politisches Gedicht, um die Menschheit endgültig wachzurütteln, schließlich droht ja wieder einmal ein Weltuntergang, wohl wegen Corona, der Flüchtlinge und der Glatzen und der Vulkane und der Heuschrecken und Pipapo (nach Belieben zu ergänzen …)

Hier das großartige Original von Jakob van Hoddis aus dem Jahre 1911:

Weltende

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Ironische Wendungen wie Dachdecker gehn entzwei oder die wilden, hupfenden Meere oder der Schnupfen wurden überhaupt nicht bemerkt, geschweige denn verstanden! Stattdessen: Moralische Zeigefinger wie dümpelnde Schwimmwesten …

Wird alles immer Schlechter? Nein, es war schon vor 20 Jahren so, als ich Hoddis’ Original das erste Mal in einer Textkritik zitiert habe.

Die Kritik im Einzelnen

Warum wird aus dem spitzen Kopf wird ein runder gemacht. Wird irgendetwas dadurch besser? zurück

Nicht einmal Hoddis‘ Versmaß wird eingehalten! Wozu auch sich Mühe geben? Stattdessen muss man jetzt Skifahrer lesen, und eine Silbe fehlt völlig! zurück

Ach ja? Welche Wut denn? Darauf, dass einem nix Vernünftiges mehr einfällt? Bei Hoddis hallt es wie Geschrei, ist also hörbar! zurück

Wo gibt es feiernde Glatzen? Sollen damit Nazis gemeint sein? Was für ein abgedroschenes Klischee! Und welche Meute ballt die Fäuste in den Taschen? Wer will wieder vergasen? Das ist alles nur oberpeinlich! Und selbstverständlich fährt man in die Leute. Zu man gehört übrigens auch der Autor dieses Dummfugs. Ich jedenfalls nicht! zurück

Seit wann fressen Heuschrecken halbe oder ganze Länder? Die fressen Länder kahl – das ist etwas ganz anderes! Und Zombies an den Rändern der spuckenden Vulkane, und dann juckt es auch noch unter den Masken, sofern man und frau derlei trägt (Hinweis: Das Gedicht stammt aus der Zeit, als wir noch keine Alltagsmasken tragen mussten, da hatte der Begriff noch eine andere Bedeutung). Es wird kein Grund dafür genannt, warum Masken getragen werden … Hauptsache, man bekommt diese verbal-inhaltliche Müllkippe irgendwie geschlossen. zurück

Prima: Der liebe Gott trägt die Verantwortung? Dann ist ja alles geritzt und in Butter! Wozu dann dieses ziellose Geschreibe, das als Gedicht angepriesen wird? zurück

© 2020 by Malte Bremer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe – gleich welcher Art – verboten.