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Textkritik: Feuerzauber – Prosa

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Ich wollte eigentlich keine Weihnachtsgeschichte erzählen. Aber es ergab sich so. Hier unten, direkt vor unseren Augen, geschahen Dinge, die allerhöchste Verwunderung nach sich zogen.
Als Werbemann war ich erfolgreich. Unsere Agentur hatte in ihren besten Zeiten mehr als 50 Mitarbeiter. Wir verdienten klotziges Geld, aber die Kunden waren zufriedener als ich. Vor zwei Jahren bin ich ausgestiegen. Jetzt lebe ich in der Opernpassage.
Heute ist Premiere der Walküre; das bedeutet jede Menge Störung am späten Nachmittag und nochmals eine ärgerliche, hundertfache Unruhe so kurz vor Mitternacht, wenn das erschlagene Publikum zur Tiefgarage zurückströmt.
Ich kenne das: sobald der Walkürenritt vorbei ist, versteifen die meisten Männer den Hals, damit ihnen beim Einschlafen der Kopf nicht zur Seite sinkt. Mit gläubig geschlossenen Augen lässt sich vollkommene Hingabe an die Musik darstellen; wichtig ist nur das geräuschlose Atmen.
Vor einer Woche habe ich Oldies Lager in der trockenen Ecke der Opernpassage geerbt. Er ist im Marienkrankenhaus an seiner Lungenentzündung gestorben, die nahmen ihn nur ungern, fanden ihn unappetitlich, alt und überreif, aber mir hat er seinen Luxusplatz vermacht: klimatisch günstig gelegen, weil die Abgase des Parkhauses sich in dem langen Gang verlieren, der zu mir heraufführt. Nachteilig ist das ständige Klappen der feuerfesten Stahltür, die etwa zehn Meter weiter Zutritt zum Untergeschoss der Oper gewährt. Beflissene Herren stemmten sich jeweils gegen einen der schweren Türflügel, um ihren Damen – viel tiefe Provinz dabei – den Durchgang zu erleichtern.
Mit dem Heranrücken der Ouvertüre beschleunigen sich auch die Schritte der Besucher; die letzten, kurz vor fünf, rennen geradezu an uns vorbei, die Herren vorneweg, vorwurfsvoll nach hinten winkend, schon den Mantel offen, wobei reichlich Würde verloren geht und manche frisch gemeißelte Damenfrisur ins Schwanken kommt.
Egon, links neben mir in seinem Schlafsack vergraben, hob etwas den Kopf und fragte nach dem Titel der heutigen Oper. Walküre? Mit so einer war ich mal verheiratet, meinte er ernsthaft, bevor er einen Zug aus der Pulle nahm: Eine Literflasche Grüner Veltliner von Aldi, ganz gut zu trinken, aber wenn danach gekotzt wird, riecht es sehr sauer.
Die Qualität der Blicke, die uns streiften, reichte für mehrere Sargdeckel. Verständlich. Mit einer Premierenkarte für 135 Mark in der Tasche steigt man nur ungern über einen schnarchenden Sans abri hinweg! Danach schmecken die in den Pausen gereichten Lachshäppchen wie Sozialamt. Ganz zu schweigen vom Champagner für 18 Runde das Winzigglas.
Heute, am Walküren-Samstag, einem 22.Dezember, nächtigten wir zu sechst in der Passage. Leider war auch Niagara dabei, so getauft, weil er das Wasser nicht mehr halten konnte oder wollte. Deshalb fließt den verehrten Opernbesuchern ein kleines Flüsschen mit scharfem Odeur entgegen, dem sie nur auf Zehenspitzen entkommen können. Mit schlechtem Gewissen fluchen sie stumm vor sich hin.
Nicht ohne Grund erhalten wir hier unten immer wieder Besuch von Grünspechten (4.Revier), die ein bisschen Psychoterror praktizieren wollen, weil jedermann unser Matratzenlager in der Opernpassage für eine unhygienische Schweinerei hält, es sich aber nicht offiziell zu sagen wagt.
Wir wurden auch Gegenstand publizistischer Neugier. Der Rheinische Bote schickte eine zwanzigjährige Praktikantin, eine mollerte Dunkelhaarige mit Rehaugen, die, wie man hört, einen Bericht voll moderner Bestürzung verfasste, den aber der Chefredakteur auf Normalmaß zurückstutzen ließ. Das wäre ja noch schöner: Eine Mitleidshymne auf die Penner im Untergrund!
Aber Vorsicht Vorsicht – überall liegen Grüne und andere Menschenfreunde in selbst gestrickten Pullovern auf der Lauer, die uns gern als Mitglieder der menschlichen Gesellschaft bezeichnen und Empörung von sich geben, wenn man uns zu nahe tritt. Ist ja auch leicht für die, denn wir lagern ja nicht in ihrem Hausflur.
Also wie gesagt: heute waren wir sechs. Außer Egon, Niagara und mir noch Dr. Mabuse (richtiger Name unbekannt), Tirol-Rudi und Karl Museum. Dr. Mabuse war früher Bäckermeister, bis seine Frau mit seinem kroatischen Hiwi durchbrannte. Tirol-Rudi behauptet, Österreicher zu sein, spricht aber sächsisch. Der könnte aus Pirna kommen. Karl Museum heißt so, weil er immer links vom Eingang zur Kunsthalle schnorrte, bis ihn einer in der Dunkelheit mit grüner Autosprayfarbe kolorierte.
Frauen, genannt Zwiebeln (weil Egon sie zum Heulen findet), dulden wir hier unten in der Passage nicht. Aber hin und wieder sorgt sich Frau Dr. Binsenwerth um uns, eine pensionierte Dermatologin, die als Bühnenärztin der Oper agiert und auch ein Auge auf die niederen Weihen der Gesellschaft wirft.
Sie spricht einen bedächtigen süddeutschen Dialekt, jedes Wort braucht seine Zeit, was einen aber nicht täuschen sollte, denn im Grunde ist sie eine Energiepflanze, die in ihrer ständig überfüllten Altstadtpraxis jede Menge Schwalben und Schwule verarztet hat.
Die Aids-Tante kommt wieder! brummte Egon, wenn er sie in ihrem üppigen Fuchspelz erspähte (sie wagte es kühn, noch Pelz zu tragen und verkündete, darauf angesprochen, gemütlich badisch: Die Biester sind doch eh schon tot…). Gleichwohl nahm Egon in seinem speckigen Schlafsack so etwas wie Haltung an, denn eine Frau, die mit Syphilis und Tripper umzugehen wusste, nötigte ihm Respekt ab.
Die Walküren sattelten ihre Pferde und bei uns kehrte endlich wieder Ruhe ein. Die Neonröhren der Tunnelbeleuchtung lagen diebstahlsicher hinter Glasbausteinen eingesargt; einer dieser Steine war zu einem gezackten Muster zersprungen, das die ruhige Kälte des Lichtes zu geometrischen Objekten zerfaserte, die über uns wie Spinnenfinger die Decke entlang liefen.
Ich nahm einen Schluck Underberg (Schluck ist übertrieben für die wenigen Tropfen in der winzigen Pulle) als Egon sagte: auch das noch! Auch das noch: die Parkhaustür wurde erneut aufgewuchtet und ein großes Gemälde erschien. Man sah tatsächlich nur die bemalte Leinwand, hinter der ihr Träger komplett verborgen blieb. Er trug das Bild an den kreuzförmigen Holzlatten, die den bemalten Stoff von hinten straffte, und er bestand für uns nur aus zwei bejeansten Beinen, die unten herausguckten. Seine Schuhe, Adidas Jahrgang anno Herberger, ließen als Protest gegen den eigenartig schlurfenden Gang ihres Besitzers ein ärmliches Quietschen verlauten.
Wir sahen ihn von hinten, als er sich durch die eiserne Tür zur Oper zwängte, ein stämmiger Mensch mit kurzgeschorenem Haar, kariertes Hemd, keine besonderen künstlerischen Auffälligkeiten.
Dieser Mensch lief nun an die zehnmal an uns vorbei und lieferte jeweils ein Großformat, dick bemalt mit Ölfarbe, vom Parkhaus in die Oper. Wir erlebten also im Vorbeitragen das Oeuvre eines Kunstmalers, der offensichtlich auf der Wanderschaft war. Viele kraftvolle, abstrakte Motive, aber auch einige figürliche Arbeiten, darunter die gebückte Gestalt eines alten Mannes mit bleichem Schädel und weidwunder Ausstrahlung.
Biste nu langsam maa fertsch ? fragte Tirol-Rudi, als der Leinwandträger zum xten-mal an uns vorbeizelebrierte. Immerhin bewirkte diese bescheidene Anfrage, dass er beim nächsten Transport vor uns anhielt, sein riesiges Ölgemälde an die Wand lehnte und beiläufig bemerkte: Ich kann vierzig Bilder ausstellen – im Foyer, tolle Chance. Er sprach zu uns, als seien wir alte Bekannte und nicht irgendwelcher Müll, über den man in hohem Bogen hinwegspucken musste. Dann lehnte er sich neben dem Bild an die Wand und zog aus seiner Hosentasche eine Sorte Zeitungspapier, das er zu einer Rolle formte, in die er aus einem blau-weißem Paket krümeliges Zeug, vielleicht Tabak oder Kiff, schüttete. Das Endprodukt ähnelte mehr einer Tüte als einer Zigarette. Mit seinem Sturmfeuerzeug entzündet, roch diese Ladung wie eine Mischung aus Honig und Schwarzpulver.
Während er den ersten Zug nahm, dreht er mit der freien linken Hand sein Bild herum, sodass wir das Motiv betrachten konnten. Dr. Mabuse hob den Kopf etwas aus seinem Schlafsack und murmelte: Sieht aus wie ein Bauernbrot. Das ist der Mond über Gevelsberg, erklärte der Künstler. Sieht aber aus wie ein Bauernbrot, beharrte Dr. Mabuse.
Niagara hatte sich nun auch halb hochgewürgt und schaute mit glasigen Augen auf das Bild, vor dem einige Schwaden aus des Künstlers Rauchtüte vorbeistrichen. Gefällt mir, sagte Niagara, und der Künstler lachte kurz und trocken. Dann warf er seine Puste weg, nahm sein Bild und verschwand damit wie gehabt hinter der eisernen Opernpforte.
So ein Maler ist doch ein armer Hund, murmelte Egon. Schmeißt seine ganze Seele auf die Leinwand und bei der Vernissage stehen die nur davor und fressen Brötchen. Egon überfielen hin und wieder Ausbrüche von Intelligenz. Da ich in meiner Werbezeit viele Vernissagen mitgelitten hatte, musste ich ihm zustimmen.
Wir sanken wieder in Schlafstellung und hörten gar nicht, wie der Künstler auf nunmehr quietschfreien Sohlen zurück ins Parkhaus schlich. Erst als die Tür klappte, sahen wir ihn zu unserem Erstaunen quasi aus der falschen Richtung wieder auftauchen. Und nun war auch klar, warum er so lautlos vorbeikommen konnte: er ging barfuß, trotz der Kälte. Diesmal trug er ein wildes Motiv mit vielen Bäumen in der einen Hand, in der anderen einen braunen, länglichen Kasten. Er setzte die Leinwand wieder vor uns ab, öffnete seinen Kasten, entnahm ihm mehrere Tuben und begann, vor unseren Augen sein Werk mit dicken Tupfern aus Ölfarbe zu ergänzen.
Er griff sich Tuben mit Zinnoberrot, Ocker und Zitronengelb und ging ernsthaft daran, brennende Kerzen auf die verschiedenen Bäume zu tupfen, …im Schwarzwald …mit meiner russischen Freundin, sagte er dazu unbestimmt, womit er wohl das Motiv erklären wollte.
Wie ein groschengieriger Straßenkünstler malte er im Eiltempo mehr als hundert Kerzen in Rot mit gelb züngelnder Flamme und einer hellen Strahlenaura um jedes Licht. Dann hockte er sich auf den kalten Betonboden und drehte sich wieder eine seiner Wundertüten aus Kiff und Zeitungspapier, die bald zu dampfen begann. Er nahm einen Zug und verschwand. Er verschwand vor unseren Augen. Löste sich in Luft auf. Was nicht viel bedeuten wollte, denn Hirngespinste hatten wir häufiger.
Sein Gewusel vor der Leinwand hatte uns alle sechs aber ziemlich genervt und, soweit das der Alkoholspiegel erlaubte, auch geweckt. Während wir nun unbehaglich neue Positionen unter unseren lumpigen Decken und Schlafsäcken einnahmen, eine schmerzliche Sache bei so viel Rheuma und Geschwüren, entwickelte sich das zurück-gelassene Gemälde zu einem Wunderding. Ich bemerkte es nur indirekt, weil ich gar nicht hinguckte, sondern auf Egons Gesicht plötzlich den Widerschein eines warmen Leuchtens blühen sah. Seine Augen nahmen einen so verblüfften Ausdruck an, als sei ihm das Christkind persönlich erschienen. Und so ähnlich war es auch.
Die eben erst gemalten Kerzen begannen zu flackern und zu brennen: ein ganzer Wald von Weihnachtskerzen entzündete sich hier unten in unserem Tunnel. Die Flammen wiegten sich im Rhythmus des Luftstromes, der immer mal wieder vom Parkhaus her vorbeistrich. Und es waren echte Flammen. Wärme strömte von ihnen aus. Wir konsumierten alle ziemlich aufgescheucht diese weihnachtliche Festbeleuchtung, die uns der barfüßige Malerfreund hervorgezaubert hatte.
Nu gibtsn das! staunte Tirol-Rudi. Selbst der alte Niagara hob wieder den Kopf und starrte auf den Feuerzauber. Mühsam hielt er sich fast eine Minute lang aufrecht, dann sank er wieder zurück und murmelte so etwas wie Schön! Karl Museum fühlte sich an seine Kindheit erinnert und quarkte lang und breit, dass er einmal zu Weihnachten ein Filmvorführgerät bekommen hatte, das aber nie funktionierte. Wir nahmen reihum einen Schluck aus der Aldiflasche und hatten das Gefühl, allerbesten Grog zu trinken, so warmherzig war unser unterirdischer Dom mit den leuchtenden Kerzen. Ich glaube, wir waren alle glücklich.
Die Kerzen schmolzen ganz langsam herunter. Uns blieb viel Zeit zum Dösen. Erst nach Stunden verlöschte die Pracht. Als die ersten Besucher aus der Oper ins Parkhaus zurückströmten, waren alle Kerzen abgebrannt und das Bild wie ein Schnapprollo zusammengeschnurrt. Keiner von uns hatte bemerkt, dass Niagara gestorben war.

© 2000 by Horst Brendel. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Bei meiner folgenden Beurteilung gehe ich davon aus, dass die beiden ersten Absätze gestrichen sind, wie ich empfehle – sonst stimmt einiges nicht!
Ich liebe es, wenn ich mir meine eigenen Vorstellungen machen darf, und ich schätze es, wenn ein Erzähler tatsächlich etwas zu erzählen hat. Dieser lässt sich Zeit, bis er zum »Eigentlichen« kommt, das das Eigentliche nicht wäre, würde der Icherzähler nicht immer wieder unterbrechen, indem er sich erinnert, z.B. an den Walkürenritt (wie kann ein Penner Opernerfahrung haben?!), oder Situationen und Personen lebendig und reduziert vorstellt. Die Sprache ist distanziert-ironisch, humorvoll, präzis (Kann der Icherzähler wirklich ein Penner sein?) – und der Icherzähler verteilt immer wieder beiläufig-genussvoll sein Fett (Aha: der Icherzähler ist ehemaliger Werbefachmann! Das erklärt die Sprachfähigkeit – aber warum hat der Icherzähler seinen Job verlassen?)
Großartig ist auch der Schluss: Ist es eines dieser Hirngespinste, was der Icherzähler am Ende erlebt, aufgewacht aus der Schlafstellung? Ein Wunder geschieht, so selbstverständlich wie das Klappen der Stahltür. Da wird nicht darauf rumgeritten, nichts hineingeheimnist, es wird hingenommen: »Ich glaube, wir waren alle glücklich«. Selbst diese schmucklose Feststellung bleibt auf der Ebene der Vermutung. Sicher ist, dass Niagara tot ist. Mehr wird nicht dazu gesagt: dem Autor sei Dank!

»Feuerzauber« ist eine großartige Kurzgeschichte, die im Verein mit ihresgleichen ein tolles Buch abgeben würde. Ich gestehe gerne ein, dass sie mich richtiggehend fortgerissen hat und ich immer wieder laut lachen musste (Ehefrau und Söhne: He, was liest du denn da?!), am Ende aber völlig verblüfft war. Hoch geschätzter Horst Brendel: Mehr davon!

Die Kritik im Einzelnen

Ich halte die ersten beiden Absätze für verzichtbar: Dass der Icherzähler in der Werbebranche tätig war, erfährt der Leser ziemlich am Ende direkt (sofern er nicht schon an der sprachlichen Gestaltung gemerkt hat, dass der Icherzähler sein Handwerk beherrscht); dass es sich (beinahe?) um eine Weihnachtsgeschichte handelt, ist dem Datum zu entnehmen und den letzten Absätzen. Der Leser muss nicht vorbereitet werden, er wird in der ersten Hälfte dieser Erzählung auch sonst immer wieder aus dem chronologischen Ablauf geholt. Nochmals: Ich würde die ersten beiden Absätze streichen zurück
Da die feuerfeste Stahltür zuvor im Präsens klappt, sollten die Herren sich an dieser Stelle stemmen – also im Präsens -, denn sie verursachen das Klappen. zurück
Ein Verständnis wird in den folgenden Sätzen viel anschaulicher und treffsicherer ausgedrückt – da kann der Hinweis verständlich entfallen. zurück
In diesem Teilsätzchen verbergen sich drei Tücken. Zunächst bereitet mir dieses sich Probleme: ist gemeint, dass niemand sich traut, den Pennern zu sagen, dass er sie für Schweine hält? Oder das niemand wagt (ohne sich), den Pennern zu sagen (.)? Oder gar, dass niemand sich offiziell einzugestehen wagt, dass er die Penner für Schweine hält?
Zum Zweiten: Was will offiziell sagen? Bedeutet es so viel wie öffentlich und bezieht sich auf die Penner selbst, wie ich oben der Einfachheit halber einmal angenommen habe? Oder bedeutet es: alle stören sich an den Pennern, aber niemand zeigt die Penner offiziell bei der Polizei an, sondern beschwert sich nur informell, sodass die »Grünspechte« ohne konkrete Handhabe ein bisschen Psychoterror praktizieren müssen im Sinne der öffentlichen Unordnung?
Zur letzten Tücke ein Beispiel: »Jedermann möchte gerne, aber traut sich nicht«. Das ist ein unsinniger und hässlicher Satz, denn ein verneintes jedermann wird zu einem niemand bzw. keiner: »Jedermann möchte gerne, aber keiner traut sich« ist klar und verständlich; in diesem logischen Dilemma steht auch dieses Teilsätzchen: »Jedermann hält es für eine Schweinerei, wagt es sich aber nicht offiziell zu sagen« – da gehörte ein niemand oder keiner rein. Ergo: Der ganze Satz muss überarbeitet werden! zurück
Die Penner im Untergrund riecht nach Bedrohung, nach Untergraben, nach Die-Gesellschaft-in-ihren-Grundlagen-erschüttern, nach RAF: das ist mir zu viel! Mir reichte aus: Das wäre ja noch schöner: eine Mitleidshymne auf diese Penner! zurück
Schwalben und Schwule: feine Alliteration! Doch muss ich gestehen: ich weiß nicht, was Schwalben sind! Will sagen: Selbstverständlich weiß ich, was Schwalben sind, aber diese Vögel sind an dieser Stelle bestimmt nicht gemeint! Sind das Prostituierte (wegen der im nächsten Absatz erwähnten Geschlechtskrankheiten)?
Das ist keine Kritik an Sprache oder Satzbau oder am Erzähler! Es gehört eigentlich auch überhaupt nicht in die Rubrik Detailkritik – aber wo soll ich eigene Defizite sonst eingestehen? zurück
Die Neonröhren verbreiten ihr Licht, sind also funktionsfähig, Eingesargte sind – bis auf vernachlässigbare Ausnahmen – absolut funktionsuntüchtig; sicher vor Diebstahl sind Eingesargte ebenfalls. Hier wird also einerseits gedoppelt und andererseits Widerspruch erzeugt, wenn leuchtende Neonröhren eingesargt sind. Hinweg mit eingesargt! zurück
Diese lyrische Darstellung von Lichtphänomenen an der Decke bereitet mir Kopfschmerzen! Da sind zunächst die geometrischen Objekte: in meinem Kopf tauchten sofort Bilder von Pyramiden, Zylindern, Kugeln und dergleichen auf, also lauter Körper (das kann einzig und allein mein persönliches Assoziations-Problem sein: davor ist niemand gefeit); das verhindert ein Verständnis des Folgenden, denn Schatten sind nicht dreidimensional.
Dann versuche ich nachzuvollziehen, wie ein Muster zu geometrischen Objekten zerfasert: zerfasern impliziert eine Unordnung, die in absolutem Kontrast steht zu geometrisch, was – wegen Zirkel und Lineal – an Regelmäßigkeit und Ordnung denken lässt. Ich kann mir allenfalls vorstellen, dass Licht dieses gezackte Muster so verzerrt auf die Decke projiziert, dass ein Zusammenhang nicht mehr wahrgenommen wird.
Schließlich: laufen die geometrischen Objekte wie Spinnenfinger über die Decke, oder sind es nicht eher die Fasern, die in dem Verb zerfasern stecken? Ich komme mit den Bildern, die dieser Satz in mir hervorruft, nicht klar: deswegen erscheint mir die Sprache in diesem Satz zu gewollt.
(Nachtrag: Ich habe meinen Sohn gefragt, was ihm zu geometrischem Objekt einfällt: er nannte spontan Kreis und auf Nachfragen weitere zweidimensionale Objekte! Was bleibt, ist der Widerspruch zum Zerfasern, denn es waren ausschließlich Vorstellungen von regelmäßigen Objekten).
(Noch ein Nachtrag, 80 Minuten später: Habe meinen zweiten Sohn gefragt: der nannte spontan Kugel und Quader – ganz wie sein Vater! Brav! Beweist aber nix, sondern zeigt nur, wie unterschiedlich Begriffe verwendet und verstanden werden können: soviel zu denen, die immer noch und immer wieder verlangen, eine Kritik müsse objektiv sein…) zurück
Was zog er aus seiner Tasche? War das etwas, das einem Zeitungspapier ähnelte? War es ein Stück Zeitungspapier? War es eine ganz bestimmte Sorte von Zeitungspapier, und wenn ja: die von der Hamburger Morgenpost oder Bild oder der Zeit? Ich kenne mich nicht aus mit Sorten von Zeitungspapier, weiß nicht einmal, ob die genannten Zeitungen sich unterscheiden hinsichtlich ihrer Papiersorte: aber viele Leser kennen wohl mehrere Zeitungen und könnten sich bei der Nennung einer Zeitung an das Papier haptisch genauer erinnern als mit dem technischen Begriff Sorte. zurück
Die Partizipialkonstruktion zu Beginn des Satzes behauptet, dass diese Ladung nur deswegen so riecht, wie sie riecht, weil sie mit dem Sturmfeuerzeug entzündet wurde. Ich glaube nicht, dass das wenige verbrannte Benzin einen so entscheidenden Einfluss auf den Geruch hat, dass das Sturmfeuerzeug diese herausragende Position – in einer Partizipialkonstruktion am Satzanfang – verdient: ist mein Unglaube der richtige (und welcher wäre das nicht), genügte ein einfaches entzündet; andernfalls lasse ich mich gerne bekehren und schwöre meinem Unglauben ab. zurück

Textkritik: Der Einreisestempel oder Die Entdeckung der Langsamkeit – Prosa

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»Big problem!« wiederholt der Immigration Officer in Kathmandu zum zehnten Mal und schüttelt bedenklich den Kopf. Christine schaut verzweifelt drein, während Peter und ich den Officer freundlich anlächeln.
Begonnen hatte das »big problem« ganz harmlos am Flughafen von Kathmandu. Bei der Einreise gab es ein buntes Durcheinander mit Pässe vorzeigen, Geld umtauschen und Gepäck einsammeln. In diesem Trubel gelangten schließlich auch Christine und ich an die Passkontrolle, wo uns ein gelangweilter Beamte mit einer lässigen Handbewegung vorbei winkte. Da dies innerhalb Europas durchaus üblich ist, hatten wir uns auch nichts weiter dabei gedacht. So gesellten wir uns vor dem Flughafen zu unserer Reisegruppe und lernten unseren Reiseleiter Peter kennen.
Als wir zwei Tage später beim Abendessen zufällig auf das Thema »Einreise« zu sprechen kamen, wurde Peter, der eigentlich schwer zu schocken ist, blass vor Schreck, als er hörte, dass Christine und ich keine Einreisestempel in unseren Pässen hatten. Ungläubig blätterte er sämtliche Seiten unserer Pässe durch. Tatsächlich kein Stempel. Das war ihm noch nicht untergekommen, obwohl wir immerhin seine siebzigste Trekkinggruppe in Nepal waren. Noch am selben Abend brachte er unsere Flugtickets und Pässe zu S.T.S. (Sherpa Trekking Service), der Agentur, mit der unsere Reisegesellschaft zusammenarbeitete. S.T.S. wurde gebeten, das Problem für uns zu lösen.
Am nächsten Abend musste Peter uns mitteilen, dass S.T.S. keinen Erfolg gehabt hatte. Obwohl Condor sogar die Passagierliste unseres Fluges zur Verfügung gestellt hatte, sei der Mitarbeiter von S.T.S. im Immigration Office abgekanzelt worden, für was für eine armselige Agentur er eigentlich arbeite, die illegal Eingereiste als Kunden habe. Die müssten sich schon selber sehen lassen.
Während sich der Rest unserer Reisegruppe am nächsten Morgen schon auf den Weg in die Königsstadt Patan machte, warteten Peter, Christine und ich auf unser Taxi, das uns zunächst zu S.T.S. fuhr. Dort bekamen wir unsere Pässe und Flugtickets wieder und ein Mitarbeiter von S.T.S. begleitete uns zum Immigration Office. Auf dem Weg gab es letzte Instruktionen: Peter ist nicht unser Reiseleiter, sondern nur ein Mitglied der Reisegruppe, das Englisch spricht, während Christine und ich kaum ein Wort davon verstehen. So sollte Peter die bevorstehende Diskussion alleine führen können und die Frage der Arbeitserlaubnis würde nicht aufgeworfen werden.
Nun stehen wir also im Immigration Office. In dem Büro sitzen an einem Tisch an der Seite zwei Männer und trinken Kaffee. Ein weiterer sitzt vor einem Tisch, der mit Papieren bedeckt ist. In einem Regal stapelt sich Papier in Kartons und Plastiktüten. Das Büro ist wohl gerade umgezogen? Hinter einer Trennwand sitzt jemand halb versteckt und blättert in einer Zeitung. Der mit den Papieren schaut schließlich fragend auf. Peter erklärt ihm, dass wir eine Bestätigung bräuchten, dass wir am 05.2.99 nach Nepal eingereist seien, und reicht ihm unsere Reisepässe.
»Why?« fragt der Officer unbeeindruckt.
Peter erklärt, dass der Officer am Flughafen uns einfach durchgewunken habe.
»Why?« kommt es wieder von gegenüber.
»Wenn wir das wüssten…«, versucht Peter ihm deutlich zu machen.
»Big problem!« kommentiert der Officer.
Eben, und darum benötigen wir den Stempel, erklärt Peter geduldig.
»Both?«
»Both.« bestätige ich. Mist, da ist die Zunge mit mir durchgegangen. Ich verstehe ja kein Englisch. Peter ruft mich auch gleich mit einem strengen Blick zur Ordnung.
Ja, beide seien wir durch die Passkontrolle nach Aufforderung des Beamten gegangen, reißt Peter das Gespräch wieder an sich.
»Why?«
Weil wir wohlerzogene Frauen sind, die tun, was ein Beamter ihnen sagt, kontert Peter und reicht ihm unsere Flugtickets und die Passagierliste von Condor.
»Big problem.«
Darauf lächelt Peter ihn einfach zuversichtlich an. Ich lächel – eher fragend, zaghaft ebenfalls. Christine schaut lieber Peter als den Officer an.
»Big problem.«
Der Officer betrachtet sämtliche Stempel und Visa in unseren Pässen. Daraufhin fragt er Peter nach dem Ausreisestempel aus Deutschland. Peter antwortet, dass wir so etwas nicht bräuchten.
»Why?«
Weil wir ein freies Land mit freien Bürgern sind, wo jeder reisen darf, wohin er will, meint Peter. Bitte, Peter, bring‘ ihn nicht zur Weißglut, denke ich nur.
Schließlich gibt der Officer nach und reicht uns das erforderliche Antragsformular, das wir nun ausfüllen sollen. Da es zur Komödie dazu gehört, übersetzt Peter Feld für Feld und sagt, was wir reinschreiben sollen.
Peter reicht die ausgefüllten Formulare an den Officer, der nochmals fragt, warum wir keinen Stempel hätten. Etliche »Why«’s und »Big problems« später bittet der Officer um zwei Passfotos. Christine hat keines dabei und flitzt nach draußen, wo ein Fotograf sein soll. In Rekordzeit ist sie mit vier Fotos wieder da. Der Officer nimmt die Fotos, betrachtet sie eingehend, nimmt die Reisepässe, studiert sie sorgfältig, nimmt die Formulare und studiert sie ebenfalls sehr genau.
»Big problem.«
Peter und ich lächeln weiter und Christine platzt der Kragen: »Wie könnt ihr nur die ganze Zeit so überlegen grinsen!«
Peter erklärt ruhig, dass er nicht überlegen grinse, sondern zuversichtlich, um dem Officer zu vermitteln, dass er davon ausgehe, dass hier alles mit rechten Dingen zugehe. Das ganze Spiel habe den Zweck, uns zu veranlassen, dem Officer ein Bakschisch anzubieten. Das komme aber nicht in Frage.
Ich sage lieber gar nichts, bevor mir im falschen Moment wieder etwas heraus rutscht.
Der Officer hat uns interessiert beobachtet und meint schließlich, er müsse den Fall nun seinem Chef vortragen, da er nicht selbst in so einer brisanten Sache entscheiden könne. Langsam scheint Bewegung in die Sache zu kommen. Oder doch nicht?
Der Officer bewegt sich nicht. Auf Peters Frage erklärt er, sein Chef sei jetzt nicht da. Klasse Aussichten!
Nach einiger Zeit schaut er auf seine Uhr. Jetzt bestünde vielleicht die Möglichkeit, den Chef zu fragen. Der Officer verlässt das Zimmer. Kurz darauf kommt er wieder und verkündet: »Boss very busy.«
Nachdem er wiederholt um die Ecke geschaut hat und versichert hat »Boss very busy«, strahlt uns der Officer an und fragt: »Do you have time?« Der Zusatz »Ich könnte mit etwas Anreiz das Verfahren beschleunigen« bleibt unausgesprochen, aber dennoch deutlich im Raume stehen.
Klar, wir haben alle Zeit der Welt, zerstört Peter seine Hoffnungen.
Endlich scheint der Officer zu seinem Chef zu dürfen. Wir müssen draußen warten. Bald geht die Tür wieder auf; wir werden hinein gewunken.
Wir betreten einen großen Raum mit Teppichboden, in dem nur ein einziger großer Schreibtisch steht. Dahinter sitzt selbstbewusst der »Boss«, im gut sitzenden Anzug, wohlgenährt. Daneben steht »unser« Officer schmal, mit hängenden Schultern. Die Rollen sind hier klar verteilt. Zackig stellt der Boss seine Fragen: Was wollen wir? Warum haben wir keine Einreisestempel? Was soll Peter hier?
Nepalesische Beamte machen keine Fehler, stellt er fest.
Mit diesem Herrn ist offensichtlich nicht zu spaßen. Das Lächeln ist uns schnell vergangen. Peter erklärt nochmals ernst, was passiert ist und verweist auf die Flugtickets und die Passagierliste von Condor. Ich schaue lieber nur noch fragend Peter an, weil ich fürchte, dass der »Boss« sonst an meinen Blicken erkennt, dass ich jedes Wort verstehe. Der »Boss« greift zum Telefonhörer, bellt etwas hinein und legt wieder auf. Kurz darauf klingelt das Telefon. Ein kurzer Wortwechsel auf Nepalesisch und der »Boss« legt wieder auf. Er fragt noch mal, warum Peter mit ist und was er in Nepal will. Peter erläutert noch mal unsere »Sprachprobleme« und seine »Urlaubspläne«. Ich fürchte, der »Boss« glaubt ihm kein Wort. Dann verkündet er das Urteil: Gegen eine Strafgebühr von 300 Rupien (ca. 9 DM) bekämen wir die Stempel. Wir sollten aber aufpassen, dass uns so etwas nie wieder passiert. »Unser« Officer bekommt schriftlich die Erlaubnis, unsere Pässe abzustempeln, und wir sind alle samt entlassen.
Auf dem Flur atmen wir und der Officer erleichtert auf. Zurück in seinem Büro schreibt der Officer eine Kassenanweisung und drückt sie Peter in die Hand. Erst muss die Strafgebühr an der Kasse bezahlt werden. Peter und Christine machen sich auf die Suche nach der Kasse, während ich warte und unsere Pässe und Flugtickets nicht aus den Augen lasse, die achtlos auf dem Tisch liegen bleiben, während der Officer sich einer jungen Australierin zuwendet, die inzwischen eingetroffen ist. Sie ist auf dem Landweg von Indien nach Nepal gekommen und hat einen Ausreisestempel in Indien, aber keinen Einreisestempel in Nepal bekommen. Die Ärmste! Erst sind wir wieder an der Reihe. Der Officer benötigt Kopien unserer Reisepässe. Peter macht sich mit Christines Pass auf die Suche nach einem Kopierer. Ich habe glücklicherweise eine Kopie dabei.
Für die Australierin beginnt die bekannte Prozedur mit »Why?« und »Big problem.«  Schließlich bekommt auch sie zumindest das Antragsformular. Wo bleibt nur Peter?
Der Officer und ich lächeln uns verlegen an. Ich ermahne mich, ja kein Ton zu sagen. Mit Schweiß auf der Stirn kommt Peter schließlich angelaufen. Im Haus wären drei von vier Kopierern gerade außer Betrieb gewesen, keucht er.
Der Officer sammelt alle Unterlagen zusammen und sortiert sie. Erst kommen die Anträge, dann die Passagierliste, dann die Kopien der Pässe. Er überprüft noch einmal den gesamten Vorgang. Dann wird alles übereinander gelegt und zusammengeheftet. Zwei der Kopien aus den Pässen hat er quer gelegt. Damit der Vorgang ordentlich aussieht, faltet er das überstehende Ende der ersten Kopie sorgfältig, zieht die Falz von beiden Seiten mit dem Fingernagel nach und reißt das überstehende Ende vorsichtig ab. Genauso verfährt er mit der zweiten überstehenden Seite. Ich habe nie zuvor jemanden erlebt, der sich so langsam bewegt hat. Dann legt er den Vorgang rechts neben sich, holt einen Stempel aus der Schreibtischschublade und ein Stempelkissen, legt beides auf seine linke Seite, nimmt die beiden Pässe, platziert sie am oberen Ende des Schreibtisches, schlägt den ersten auf, wählt sorgfältig eine Seite aus, drückt einen Stempel in den Pass, lässt ihn antrocknen, füllt Datum der Einreise und des Stempelns aus, unterschreibt und wiederholt die Prozedur mit dem zweiten Pass. Mit strahlendem Lächeln reicht er uns die Flugtickets und die Pässe.
Wir geben beides an den Mitarbeiter von S.T.S. weiter, der die letzten zwei Stunden geduldig gewartet hat und nun endlich die Trekkingpermits für die gesamte Reisegruppe beantragen kann. Als wir das Gebäude des Immigration Office verlassen haben, lachen wir erleichtert auf und knuffen uns gegenseitig. Wahre Felsbrocken sind von unseren Herzen geplumpst.
Peter hat später noch mit mehreren anderen Trekkingführern über unser Missgeschick gesprochen. Bisher hat es noch keiner erlebt, dass jemand den Flughafen von Kathmandu ohne Einreisestempel verlassen konnte. Wir haben anscheinend ein neues Kapitel in der Visa-Geschichte Nepals geschrieben.

© 2000 by Ina Alter. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen – aber nur, wenn er kann! Die Fähigkeiten des Ich-Erzählers blitzen viel zu selten auf, etwa im guten (!) Wiederholen von »big problem« oder wenigen wirklich gelungenen Schilderungen! Lästige Wiederholungen und unlustige Formulierungen sowie das ermüdende Hauptsatz-Punkt-Hauptsatz-Punkt-Hauptsatz-Punkt- lassen das Lesen zunehmend zur Qual werden.
Das Versprechen der Zitat-Überschrift entpuppt sich als warme Luft, die Langsamkeit wird nur ein einziges Mal ansatzweise sprachlich gestaltet, ansonsten erinnert – vor allem auch sprachlich – viel zu viel an die berüchtigten »Mein schönstes Ferienerlebnis«-Aufsätze. Eine entscheidende Frage harrt noch ihrer Beantwortung: Was sollte überhaupt erzählt werden? Das Ereignis selber ist weder dramatisch noch ungewöhnlich, es passiert nichts Besonderes. Da es aber in einem fremden Land geschieht, könnte der Leser anlässlich dieses Ereignisses mit Menschen, Denkweisen, Lebensumständen bekannt gemacht werden, die ihm fremd sind; das verlangt von einem Autor, dass er seinem Icherzähler eine angemessene Dosis Beobachtungsgabe verabreicht, damit sie einen längeren Text hindurch anhält. Dieser Text kann immer noch eine nette und unterhaltsame Reiseerzählung werden – aber nur, wenn da noch erheblich Arbeit investiert wird. Wie sagte schon irgendsoein Schlaubauch? Von nix kommt nix! Und da hat er verdammt Recht!

Die Kritik im Einzelnen

Warum die literarische Anspielung? Der Text hat doch mit dem Inhalt des genannten Buches nichts zu tun?! Der Einreisestempel langt vollständig! zurück
Da Schreck und Schock nicht dasselbe ist, würde ich anraten, die vorangeschickte Charakterisierung von Peter positiv zu formulieren, etwa: Peter, sonst die personifizierte Gelassenheit (.) zurück
Wegen der Wiederholung würde ich unserer Pässe streichen: es ist auch so klar, wessen Seiten von Peter geblättert werden! zurück
Das doppelte für liest sich stolperig: (.) abgekanzelt worden, für welch armselige Agentur (.) zurück
Es gab Instruktionen, heißt es; und dass Peter etwas können sollte, ist keine Instruktion mehr, sondern ein Wunsch. Kürzer und logischer wäre es folgendermaßen: Dann kann Peter die Diskussion alleine führen, und die Frage nach seiner Arbeiterlaubnis (.) zurück
Der Icherzähler soll kein Englisch können und gibt folgerichtig Peters Äußerungen in der indirekten Rede wieder, da ja übersetzt wird. Hier scheint Peter den Officer aber direkt mit deutschen Wörtern anzusprechen: das sollte geändert werden! zurück
Ich vermute, dass das indirekte Rede sein soll. Diese zu gestalten, gibt es mehrere Möglichkeiten, von denen alle verwendet werden (dem Verständnis hülfe es ungeheuer, wenn in dem vorliegenden Text nur eine Möglichkeit verwendet würde als sicherer Hinweis: das ist jetzt indirekte Rede); eines aber ist bei allen gleich: hier müsste satt wir ein sie stehen, denn Peter ist ja gewissermaßen nur der Dolmetscher. Und selbst wenn in dem wir der Icherzähler steckt: bei der Wiedergabe des Redeinhalts wird er zum neutralen Berichterstatter und sollte sich raushalten: auch ein Leser hat es dann einfacher! Dieses verwirrende wir kommt noch an mehreren Stellen vor, ich werde dazu aber nichts mehr schreiben. zurück
Diese Form existiert nicht: lächle oder lächele! zurück
Wir sind bestimmt kein freies Land, aber sicher lässt sich sagen, dass wir in einem freien Land leben! zurück
Gerade hat Peter erklärt, dass er selbst spielt, nämlich dass alles in Ordnung ist. Dieser Satz jedoch bezieht sich auf den officer, und das bekommt ein Leser aber erst beim Weiterlesen mit. Um dieses Missverständnis auszuschließen, muss der Satz anders beginnen: Der officer zögere die Angelegenheit heraus, um (.) oder ähnliche Konstruktionen: Hauptsache, es wird sofort klar, dass jetzt vom officer gesprochen wird. zurück
In welchem falschen Moment ist schon einmal etwas herausgerutscht? Ich finde keinen falschen Moment in diesem Reiseerlebnis; dass der Icherzähler einmal versehentlich Englisch gesprochen hatte, geschah nicht in einem solchen, denn er hatte überhaupt nicht Englisch sprechen dürfen. Diese Äußerung bleibt mir rätselhaft. zurück
Zwei Sachen kurz nacheinander: wie wäre es mit Angelegenheit? zurück
Das hätte nicht passieren dürfen: die Überschrift zitiert die Entdeckung der Langsamkeit, weigert sich aber hier zu beschreiben, was innerhalb einiger Zeit passiert! Was geht in den Personen vor? Was ist zu sehen an dem Nebentisch? Womit beschäftigt sich der officer in dieser Zeitspanne? Wenn es ein Reiseerlebnis ist, was hier geschildert wird, wäre es notwendig, einige Zeit für einen Leser nachvollziehbar zu gestalten: dann muss nicht einmal mehr geschrieben werden, dass einige Zeit vergangen ist; die vergeht wie im Fluge, wenn das Vergehen spannend, humorvoll und/oder lebendig ausgestaltet wird. zurück
Vermeidbare Wiederholung: um die Ecke geschaut und versichert hat (.) zurück
Auch das ist doppelt gemoppelt, sowohl aber als auch dennoch drücken einen Gegensatz aus. Weg mit dennoch. zurück
Hier gilt das Gleiche wie für »nach einiger Zeit«: wenn es tatsächlich um die Langsamkeit geht, um die Bedächtigkeit, dann will ich das erleben und nicht durch Schnitte irgendwo hingehetzt werden! zurück
Diese Form gibt es nicht; es heißt gewinkt, schon immer. zurück
Gerade eben wurden die Personen hinein gewinkt. Dass jetzt berichtet wird, sie würden den Raum betreten, ist zu viel Worte um nichts! Bei dieser Art von Exaktheit wird der Belanglosigkeit und damit der Langeweile Tor und Tür geöffnet! Das lässt sich steigern: wir wurden hinein gewinkt. Wir betreten (auch nicht sehr elegant, die gleichen Satzanfänge – stammt aber in diesem Falle nicht von mir!) den Raum, bleiben stehen und schauen uns um usw. – hier würden statt zu erzählen nur noch Selbstverständlichstes ausgebreitet. Warum nicht sofort mit der Beschreibung des Raumes anfangen? zurück
Hier würde ich aus stilistischen Gründen eine Parallel-Konstruktion empfehlen: zu Boss, im gut sitzenden Anzug, wohlgenährt sollte es beim officer heißen unser Officer, mit hängenden Schultern, schmal. Dass sowohl der Boss sitzt als auch der Anzug direkt anschließend, ist sprachlich äußerst dürftig! zurück
Die Rollen sind nicht nur in diesem Raum klar verteilt: weg mit hier! zurück
Die Fragezeichen kennzeichnen die folgenden drei Hauptsätze als direkte Fragen; der Inhalt wiederum ist nur in indirekten Fragen möglich! Solche Fehler stören ziemlich und zunehmend! Korrekt müssten die Sätze lauten: (.) seine Fragen: was wir wollen, warum wir keine Einreisestempel haben, was Peter hier will. zurück
Warum jetzt plötzlich Umgangssprache? Was stört an einmal? zurück
Erneut eine dieser lästigen Wortwiederholungen… zurück
Und die nächste: Lässt man im Satz davor an der Kasse weg, würde nichts fehlen: die Strafgebühr muss dennoch bezahlt werden. Peter und Christine könnten sich dann wiederholungsfrei auf die Suche begeben. zurück
Soll das zunächst heißen? zurück
Wiederholungen, Wiederholungen, Wiederholungen: das liest sie so, wie es sich barfuß über ein Stoppelfeld läuft: nur für Hartgesottene! In 3 Sätzen 3x Kopie und 2x Pass!!! Einfallsloser geht es wirklich nicht. Beispiel, aus der Tastatur geschüttelt und ohne Anspruch auf literarische Qualität, aber wiederholungsfrei: Der officer benötigt Kopien unserer Reisepässe; Peter macht sich mit Christines auf die Suche nach einem entsprechenden Gerät, ich hatte glücklicherweise vorgesorgt. Vielleicht ist es jemandem aufgefallen: durch den Gebrauch verschiedenerlei Satzzeichen wird zusätzlich das Einerlei der Mini-Hauptsätze durchbrochen, die diesen Text so zerstückeln! zurück
Endlich besinnt sich der Icherzähler auf seine Aufgabe und seine Qualitäten: er erzählt anschaulich, lebendig (abgesehen von den leidigen Wiederholungen, die wohl auch in diesem Absatz vorkommen müssen) von des officers Aktionen.
Verzichten könnte der Icherzähler auf seinen Kommentar, er habe noch nie jemanden gesehen, der sich so langsam bewegt habe: um Klassen eindrucksvoller wäre es gewesen, hätte er uns an dieser Langsamkeit teilhaben lassen: hat der officer vielleicht noch die Qualität der Stempelfarbe überprüft? Musste er nach den Teilen suchen? Hat er den Stempel ordentlich abgelegt oder ihn gar hingestellt? Waren seine Handlungen eher umständlich-gewissenhaft oder in Zeitlupe? Gab es Denkpausen? Was trieb der officer währenddessen: rollte er mit den Augen, runzelte er verschiedene Partien seiner Stirn? zurück

Textkritik: Das Büffet – Lyrik

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Ein Büfett
ist schon okay,
stehst du vorne in der Menge.

Aber es ist äußerst trist,
wenn man ganz weit hinten ist
und nicht ran kommt im Gedränge.

Denn du siehst die leck’ren Sachen
schnell verschwinden in den Rachen
all der vielen Menschen hier,
die im Gegensatz zum Tier,
wenn sie satt sind weiter fressen
und im Saufen sich noch messen,
die sich, randvoll bis zum Kragen,
endlos mästen bis ihr Magen
alles wieder von sich speit
und sich von dem Schmaus befreit;
doch man findet dies gerecht,
weil man schließlich dafür blecht.

Auch du selbst, der du weit hinten
siehst das Festmahl schnell entschwinden
und drum geiferst Gift und Galle,
bist im Grunde wie sie alle,
bist nur leider unbesonnen,
viel zu spät dazugekommen.

© 2000 by Ulrich Selzer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Wer sich mit Gedichten auch nur ein bisschen auskennt, leidet in der Regel unsäglich, wenn selbst ernannte Dichterfürsten mit zusammengestümperten endlosen Versen irgendwelche Jubilare ehren wollen: Diese Ergüsse sind in der Regel handwerklich grauenerregend schlecht, ganz zu schweigen vom Inhalt, aber die Vortragenden kommen sich Wunder weiß wie vor. Solch Gerümpel in Kurzfassung findet sich – finanziell honoriert – zu Hauf in der Regenbogenpresse, angeblich fabriziert von Hausfrau &Co.

Büffet hat den unschlagbaren Vorteil, handwerklich sauber gemacht zu sein. Die Reime stimmen, durch alle Strophen zieht sich ein einheitliches Versmaß, es hat einen Rahmen (den Standort des du) – ich kann mir durchaus Gelegenheiten vorstellen, wo es Menschen Spaß machen kann, dieses Gedicht zu hören.
Aber unbestreitbar bleibt, dass der Reim stellenweise auch dieses Gedicht unter Preisgabe des Inhalts dominiert. Das ließe sich problemlos durch zusätzlichen Arbeitsaufwand beheben (der müsste ebenfalls begradigen die allzu auffälligen Verschiebungen im Satzbau der letzten Strophe). Es würde dann ein kleines, nettes Gedicht ohne Ambitionen außer der: zu unterhalten.

Die Kritik im Einzelnen

Warum der Wechsel von du zu man? Fast alle weitere Zeilen haben ebenfalls du; ändern lässt es sich ebenfalls blitzschnell, da ohne jede Umstellung innerhalb des Satzes. Die ersten beiden Ströphlein ließen sich zu einer verbinden: das ergäbe eine 6-zeilige Eingangsstrophe, parallel zur Schlussstrophe; inhaltlich beschreiben beide 3-Zeiler die Ausgangssituation: die Bewertung eines Büffets in Abhängigkeit vom Platz in der Menge – die Verbindung zu einer Strophe wäre also inhaltlich sogar geboten. zurück
Die fehlenden Satzzeichen erschweren ein Lesen und damit ein Verständnis; sinnvoll müsste oder könnte es heißen: die – im Gegensatz zum Tier -, wenn sie satt sind, weiter fressen (.) zurück
Der Inhalt dieses Verses findet sich bereits zwei Zeilen zuvor im satt; die Doppelung ergibt sich aber nicht aus inhaltlichen Gründen, sondern aus der Notwendigkeit, für fressen einen Reim zu bilden, der sich in der folgenden Zeile in messen findet; daraus ergibt sich die seltsame Folge zu viel essen – zu viel trinken – zu viel essen. Um das zu beheben, müsste stärker inhaltlich in den Text eingegriffen werden. zurück
Die Menschen mästen sich gerade nicht endlos, sondern nur bis zu dem Augenblick, an dem sie alles von sich geben; endlos hieße, sie würden in kolportierter römischer Manier nach dem Reihern erneut essen, per Pfauenfeder sich von dem Schmaus befreien usw.; davon aber ist in diesem Gedicht nicht die Rede! Darüber hinaus bedeutet randvoll bis zum Kragen, dass jedes weitere Krümelchen unweigerlich zum Überlaufen führen muss – mithin ist endlos weiter mästen dreifach falsch und übertrieben. Hier diktiert eindeutig der Reim das Geschehen, nicht das Geschehen den Reim! zurück
Zwei verschiedene Magenaktionen werden einfach aneinander gereiht, anstatt dass die verschiedenen Aspekte verdeutlicht werden, nämlich der Vorgang speien und das Ziel befreien. Ich würde folgende Änderungen anregen: alles wieder von sich speit, so sich von dem Schmaus befreit oder (was ich vorziehen würde): (.) und sich so vom Schmaus befreit. zurück
Da sich man auf die Menschen bezieht, ließe es sich das erste durch sie ersetzen: doch sie finden dies (.) Eine Änderung des folgenden man geht technisch nicht so einfach, wäre aber auch nicht unbedingt notwendig; das Hauptproblem liegt jedoch ganz wo anders:
Gerecht und blecht reimen sich, als seien sie eigens dafür geschaffen; aber was ist gerecht am Kotzen? Gemeint ist doch nur, dass die Gesellschaft ihre Reiherei ganz okay findet. Das hat mit Gerechtigkeit bzw. ihrem Gegenteil nicht mal im Ansatz etwas zu tun. Hier verzerrt der Reim den Inhalt gewaltig! zurück

Textkritik: Das Spiel – Prosa

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Sie stand da. Stand einfach nur da. Wie eine Statue. Wortlos. Ohne sich zu bewegen stand sie an der Straßenecke und schien auf etwas zu warten. Sie trug einen langen Trenchcoat und hatte den Gürtel nicht mit der Schnalle geschlossen, sondern die beiden Hälften verknotet. Unter dem Trenchcoat schauten die schwarzbestrumpften Beine heraus. Schöne Beine, wie er meinte. Sie hatte die Unterschenkel verschränkt und beide Hände in den Taschen. Ihr langes, sorgfältig gekämmtes, blondes Haar war rechts über die Schulter geworfen, die linke Seite lag auf der Vorderseite des Trenchcoats. Sie trug hochhackige Schuhe, die ihre Figur betonten. Ihr Make-up war sehr elegant und dennoch unscheinbar. Der Halsausschnitt des Trenchcoats gab den Blick auf eine dezente Perlenkette frei. Und sonst gar nichts. Man konnte vermuten, dass sie nichts darunter trug. Das war es vielleicht, was ihn veranlasste, hinzusehen. Männer haben einen Blick für so etwas.
Er saß in einem Straßencafé in Zweibrücken, inmitten der Altstadt, um die Tageszeitung zu lesen, als sie ihm auffiel. Beim Lesen trank er immer mal wieder an seinem Café au Lait. Beim Absetzen der Tasse fiel sie ihm auf, als sein Blick zufällig aus dem Fenster des Cafés schweifte. Seltsam, dieser ruhende Pol inmitten der Hektik der Passanten. Er beobachtete sie eine Zeit lang, um sich dann wieder der Zeitung zu widmen.
Nach einiger Zeit schaute er auf die Uhr, da er zur Messe musste. Eine Schuh und Lederwarenmesse, die hier in Zweibrücken stattfand. Er hatte noch reichlich Zeit, stellte er fest. Wie zufällig blickte er aus dem Fenster, und stellte fest, dass sie immer noch dastand. Wie eine Erscheinung aus einer Anderen Welt. Er runzelte die Stirn und dachte: »Wer würde eine Frau solange warten lassen
Da begegneten sich ihre Blicke. Kurz nur, aber es war deutlich zu spüren. Verlegen schaute er wieder in die Zeitung, Desinteresse heuchelnd. Aber nichts desto trotz schauten die Augenwinkel dennoch hin.
Nach einiger Zeit hatte er sie vergessen. Zu vielfältig die Neuigkeiten, und zu stressig der vor ihm liegende Tag.
Plötzlich sagte eine sehr weibliche stimme:
»Darf ich mich zu ihnen setzen?«
Er schaute auf und war erstaunt. Es war die Frau von der Straßenecke. Sie schaute ihn an, eine Antwort erwartend. »Natürlich, bitte«, antwortete er verduzt.
»Äh, Entschuldigung, aber ich habe Sie beobachtet. Mag sein, dass ich zu sehr geglotzt habe«, versuchte er verlegen.
»Ist schon gut. Ich bin offensichtlich versetzt worden.«
»Welcher Volltrottel würde eine Frau versetzen? Ich meine grundlos?«
»Ich weiß es nicht. Ich kenne ihn ja nicht.«
Er war ein wenig sprachlos in diesem Augenblick. Gab sie ihm doch Anlass zu vielen Spekulationen.
»Aah, ein Blind Date. Treffen mit einem Unbekannten. Stelle ich mir sehr aufregend vor«, sagte er, die Verlegenheit ablegend. Jetzt war nur noch Neugier da. Brennende Neugier. Er betrachtete die Frau jetzt, da sie nahe war, genauer. Ein edles Gesicht, hohe Wangenknochen, braune Augen. Die Augenfarbe ließ ihn die Stirn runzeln. Blondinen mit braunen Augen? Eher selten.
»Ja«, sagte sie, »Wenn man nicht versetzt wird?«
»Ist bestimmt ein blödes Gefühl, wenn man sich freut, zurechtmacht, pünktlich da ist, und dann stehen gelassen wird«, sagte er, ihre Antwort mit Spannung erwartend.
»Stimmt. Ist aber auch nicht das erste Mal«, sagte sie
»Na ja, ob man sich so leicht daran gewöhnt…ich weiß nicht
Die Serviererin stand mittlerweile am Tisch und wollte die Bestellung aufnehmen.
»Café au lait, bitte«, sagte sie zu dem Mädchen.
»Zwei, ich bekomme auch noch einen«, korrigierte er die Bestellung.
»Ich möchte ja nicht indiskret sein«, sagte er, »Aber wie geht so etwas vonstatten? Ich hatte nämlich noch nie das Vergnügen eines Blind Date
Sie sah ihn erstaunt an. Als ob es Menschen geben könnte, die diese Erfahrung noch nie gemacht hätten. Er hielt ihrem prüfenden Blick stand. Schaute direkt in ihre Augen. Er konnte normalerweise in den Augen der Menschen lesen, wie in einem Buch. Aber da war nichts. Absolut nichts, was er hätte erkennen können. Ihre schönen braunen Augen ließen ihn nicht die Tiefe ihrer Seele erkennen. Das machte sie nur noch interessanter für ihn. Er wartete lange auf eine Antwort, und schaute ihr dabei unablässig in die Augen. Sie erkannte wohl keine negative Absicht in seinen Augen, und sagte:
»Kontaktanzeigen. Es passiert über Kontaktanzeigen. Gott, das glaube ich nicht. Ich erzähle Ihnen hier Dinge über mich…..Sie müssen ja denken, ich sei Nymphoman oder so!«
»Äh, ich will ganz ehrlich sein, der Gedanke ist mir gekommen. Aber, wenn es Ihnen nichts ausmacht, möchte ich das SIE ablegen. Mein Name ist Kyle
Er streckte ihr die Hand entgegen. Hoffte, sie würde sein Angebot annehmen.
Und tatsächlich, sie ergriff seine Hand. Er erhob sich, nahm ihre Hand und hauchte ihr einen Kuss auf den Handrücken. (…)

(Der Originaltext ist noch lange nicht zu Ende – aber genau hier habe ich jede Lust verloren, eine weitere Zeile auch nur zu anzuschauen; wer den Rest lesen will, möge sich an den Autor wenden)

© 2000 by Thomas R. Buntrock. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Schrott.

Die Kritik im Einzelnen

Oha: das fängt aber schon sehr bedeutsam an! Eine sie stand da, stand einfach da (zweifach geht auch nicht), stand wie eine Statue (die pflegen bekanntlich immer einfach so dazustehen), wortlos (wohl im Gegensatz zu den schwätzenden Statuen) und – man lese und staune: – ohne sich zu bewegen! Eine Statue, die sich nicht bewegt!
Ob diese Statue dabei nicht vielleicht doch ein wenig vor sich hin gemurmelt hat? Wie will das dieser Mensch hören, der sie durch ein Fenster sieht (wie sich später herausstellt), es sei denn, er hat Augen mit Ohren? Oder ist das eine messerscharfe Schlussfolgerung, die daraus gezogen wird, dass Statuen von Haus aus gemeinhin stumm sind? Muss deswegen als sensationelle Erkenntnis unbedingt zu Papier gebracht werden: Wenn schon jemand wie eine Statue steht, dann hat er gefälligst nicht zu reden?
Es hätte vollkommen gereicht zu schreiben, dass jemand eine sie beobachtet, die bewegungslos wartet (warten tut man immer auf etwas oder auf jemanden, das bedarf keiner besonderen Betonung): hier wird etwas Normales zu einer Sensation aufgeblasen, indem immer Gleiches wiederholt wird bis zur Blödsinnigkeit: Das mag als Steigerung gedacht sein, kommt aber nur kitschig: was ist an Bewegungslosigkeit so einzigartig, dass über sie dermaßen überzogen und albern herumgefaselt werden muss? zurück
Auch hier: Geschwafel! Warum heißt es denn nicht: Sie (…) hatte die beiden Hälften des Gürtels nicht mit der Schnalle geschlossen? Logisch: Es wäre überflüssig – aber warum müssen dann die beiden Hälften des Gürtels verknotet werden? Vermutlich, weil der Gürtel kaputt war: in zwei Stücke zerrissen – eine obere und eine untere Hälfte oder eine linke oder rechte. Sonst wären es ja keine Hälften. Ich bin glücklich, dass meine Gürtel nur zwei Enden aufweisen und keine Hälften. So hätte ich ganz einfach schreiben können: »Sie hatte den Gürtel nicht mit der Schnalle geschlossen, sondern die Enden verknotet.« Das kann ich mir vorstellen zurück
Es gibt Erstaunliches: Gürtel haben Hälften, und Haar hat zwei Seiten, nämlich eine linke und eine rechte! Es freut immerhin, dass hier nicht ebenfalls Hälften steht, wäre irgendwie doch auch möglich gewesen, so zu schreiben, oder! Ich nehme mal an, dass es eigentlich nicht so gemeint war – aber so steht es da, und ein Leser gerät ins Grübeln …
Also: Rechts war das Haar über die Schulter geworfen, links lag es auf der Vorderseite des Trenchcoats. Schön. Dennoch kann ich mir die Frisur immer noch nicht vorstellen – obwohl viel Wert auf Präzision gelegt wird: Man denke nur an die Darstellung des bewegungslosen Dastehens, der Körperhaltung, des Gürtels (bei allem sprachlichen Unfug bleibt der Wunsch nach Genauigkeit unbestritten) – ich kann mir also immer noch nicht genau vorstellen, auf welcher Seite dieser Frau das Haar über die Schulter geworfen ist, denn rechts ist abhängig vom Standort: meint rechts jetzt die linke Hälfte der Frau (aus Sicht des gegenüber sitzenden Betrachters) oder die rechte Seite der Frau (aus Sicht der vollständigen Frau)? Das wäre problemlos zu lösen, wüsste der Leser, ob die Frau das Haar über ihre (das wäre dann auch ihre Sicht) rechte bzw. linke Schulter geworfen hätte. zurück
Was für eine Figur? Die verbirgt sich nach meinem Kenntnisstand unter einem Trenchcoat, und das sind ziemlich geräumige Kleidungsstücke, unter denen sich allerhand an Nicht-Figur verstecken kann; oder ist der Trenchcoat gar keiner, sondern ein figurbetonender Maßmantel? Lösung: dem heimlichen Beobachter geht die Fantasie durch, weil er überhaupt nichts sieht! zurück
Da wird ein gräuliches Ragout zusammengebraut: das elegante, aber dennoch unscheinbare Make-up (elegante Make-ups sind, so wird dem Leser weis gemacht, normalerweise aufdringlich); die Perlenkette war dezent (vielleicht gibt es tatsächlich protzige Perlenketten, da kenn ich mich zu wenig aus, Geschmäcker sind auch verschieden: doch wenn der Typ, wie er selbst sagt, vermutlich genau deswegen die Frau anglotzt: warum beschreibt er die Perlenkette nicht genauer, z.B. ob es ein oder zwei kleine oder mittelgroße Perlen waren, zumal unter der Perlenkette ausdrücklich gar nichts zu sehen war, nicht einmal Haut); er sieht nichts unter der Perlenkette und vermutet, dass sie nichts darunter trägt – tatsächlich sieht er Haut unter der Perlenkette; und der geile Bock, der er sein muss, vermutet nicht etwa, dass eine darunter liegende Bluse den gleichen Ausschnitt aufweist, nicht einmal ein weiterer oder tiefer Blusenausschnitt genügt seiner Gier: In seinem Kleinhirn hat er die Statue bereits ausgezogen bis auf Schuhe, Strümpfe, Perlenkette und Trenchcoat: Männer haben einen Blick für so etwas, steht da geschrieben. Nun, dann bin ich eben kein Mann, ich würde so was nie an einer Perlenkette erkennen können, sei sie noch so dezent. zurück
Die Qualität des Ragouts bessert sich nicht, die neuen Zutaten passen wieder nicht – oder eigentlich gerade! Da hockt einer im Straßencafé, um zu lesen: das heißt, er hat die Absicht zu lesen! Und während er noch diese Absicht hat, fällt ihm die Trenchcoat-Figur auf. Wie wir bereits wissen, hat er sie ausgiebig beglotzt und ist bereitwillig seinen Fantastereien gefolgt; aus den folgenden Zeilen wird deutlich, dass er schon längst beim Lesen war, als er die Blonde erblickte – demnach saß er nicht im Café, um zu lesen, sondern er saß im Café und las (man mag diese Kritik für überzogen halten, aber wer es ernst meint mit dem Schreiben, sollte das Schreiben selbst ernst nehmen. In »Das Spiel« türmt sich bereits gefährlich Unausgereiftes, Unfertiges und Unsinniges, und ich bin gerade erst mitten im zweiten Absatz!)
Sie fiel ihm also auf. Und warum fiel sie ihm auf? Weil etwas seltsam war – das ist ein Killer-Adjektiv, denn es enthebt jeden Autors des Nachdenkens und des Formulierens, da er von vornherein aufgeben darf: seltsam suggeriert Unfassbarkeit und Einzigartigkeit, die in Worte zu übertragen jeder Versuch sinnlos ist, denn Vergleichbares gibt es nicht. Was ist hier seltsam? Der ruhende Pol inmitten der Hektik der Passanten. Da ich diesen Satz wieder wörtlich nehme, entsteht tatsächlich ein seltsames Bild: Jemand steht bewegungslos in der Mitte von einer Gruppe Menschenwesen, die hektisch um diesen jemand herumkreisen (soviel zu Pol) – doch da es so bestimmt nicht gewesen ist, war es so auch nicht gemeint; hier ist halt wieder ein sprachliches Bild erfolgreich zu Grabe getragen worden; daran, dass eine Person nicht ebenfalls hektikt, wenn andere es tun, ist gar nichts seltsam – aber angesichts des Killer-Adjektivs soll jeder Leser dem Autor beipflichten: meiner Treu, wie seltsam, diese seltsame Frau! Gottseidank (jetzt schlägt mir Word 2000 ernsthaft »Gottspeidank« als Korrektur vor! Wenn man nicht alles selber macht…) schaut der Typ endlich weg, wäre irgendwie seltsam, wenn er es nicht irgendwann täte. zurück
Er schaut auf die Uhr, da er zur Messe musste; um welche Messe es sich handelt, hätte in einem Aufwasch erledigt werden können, stattdessen stelzt diese Information wichtigtuerisch hinterher; ich schaue übrigens nie auf die Uhr, weil ich irgendwo hin muss: Ich tue das um festzustellen, wie spät es ist oder ob ich noch Zeit habe bis zu irgendwelchen Ereignissen; das Gleiche stellte der Protagonist auch fest, und unmittelbar anschließend stellte er fest (welch Reichtum an Ausdrucksmöglichkeiten), dass die Frauenstatue immer noch stand – aber nicht wie eine Statue, sondern wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt – holla: ein nichtgrünes Marsweibchen. Welch Kitschfloskel: Eine andere Welt muss es schon sein, anders lässt sich Besonderes heutzutage mehr darstellen. So wie der Typ dann die Stirn runzelt, so auch ich: denkt der tatsächlich eine Frau? Denkt er (ich erinnere an seine Geilheit) nicht eher diese Frau? Oder ist er schon so machomäßig drauf, dass er niemals egal welche Frau warten lassen würde, weil sich für ihn jede Frau auf einen Punkt reduziert? zurück
Schnulz: Da begegneten sich ihre Blicke – es steuerte schon von Anfang an darauf zu, und jetzt findet es endlich statt, in bewährter Manier: der Augenkontakt war kurz, aber deutlich zu spüren; kennen wir doch alles, das ist doch der älteste Hut … wieder soll Triviales als Erlesenes verkauft werden! Augenkontakte sind immer zu spüren, so kurz sie auch sein mögen, da gibt es kein wenn und aber, es sei denn zu Pflege des Kitsches; und selbstverständlich schaut er wieder weg: Der Augenkontakt war doch kurz, das habe ich gerade eben gelesen, was soll das bloß!!! Obwohl ich allmählich ernsthaft in Zweifel gerate, ob nicht »nach einiger Zeit« in diesem Text an dieser Stelle (vom Wegschauen war die Rede) ebenfalls möglich gewesen wäre, dann hätten wir es immerhin drei Mal (statt zwei Mal) kurz nacheinander lesen müssen/können/dürfen, und außerdem ist die Dauer von kurz ja schließlich Ansichtssache, Oder? Aber genau!
Och nö: das… Ich weiß nicht, wie lange ich mir das noch antue, das wird ja noch schlimmer: Jetzt geschieht etwas dennoch nichtsdestotrotz, hier wird vor lauter Sülzerei doppelt gemoppelt; da kann ich glatt Verschärfungen vorschlagen, es geht noch dümmer: trotzdem schaute er gleichwohl des ungeachtet nichtsdestotrotz dennoch immerhin hin, wobei das doppelte hin am Ende gewisslich ebenfalls etwas zusätzlich Qualitäts-Förderndes beiträgt. Wobei nicht vergessen werden darf: Ich habe die Textvorlage böse verbogen: Nicht er schaut hin, auch nicht seine Augen, nein – die Augenwinkel schauen hin!!! Die Augenwinkel höchstpersönlich besitzen in diesem Typ ihre höchsteigenen Winkeläuglein!  Der schaut nicht aus den Augenwinkeln, der kann mit diesen gucken – das wären dann 6 Augen, sofern die Winkeläuglein selbst nicht ebenfalls eigene Augenwinkel-winkeläugleinwinkel-winkeläuglein hätten usw., das wird dann sehr schnell unübersichtlich (nicht nur sprachlich: hatte schon mit diesem Wort Riesenprobleme); und wenn er 6 Augen hätte, dann hätte das etwas Spinniges, was bei diesem Text auf eine ganz eigene Weise einleuchtend ist! zurück
Da ist es: das zweite nach einiger Zeit – lassen wir es! Er hatte sie vergessen. Jetzt gucken seine Augenwinkel ganz alleine, er kümmert sich nicht mehr drum, schließlich müssen die zentrale Augäpfel vielfältige Neuigkeiten aufsaugen! Was ist schon ein Nackt-Unter-Trenchcoat-Frauenstatuen-Pol, pausenlos umrundet von hektischen Passanten, also eine wahrhaft außerirdische Erscheinung, gegen die Neuigkeit vom Autounfall auf der B312? Die jedenfalls kann er vor lauter zukünftigem Stress gerade noch lesen, zum Aliennin-Glotzen reicht es nicht mehr (was macht der Spinnenaugenkerl eigentlich, wenn er tatsächlich im Stress ist? Nicht auszudenken: sicherlich etwas Seltsames, vielleicht sogar etwas sehr Seltsames). Oder hat er nicht die Augenwinkel vergessen, sondern die Zeitung oder die Blicke oder die Frau? Alles zusammen? Vergiss es!  zurück
Erstaunt, verduzt, verlegen, ein wenig sprachlos (bedauerlicherweise: Ich hatte ich mir totale Sprachfinsternis gewünscht; vergebens): Gefühlchen oder was weiß ich werden benannt, statt dass die sichtbaren Reaktionen geschildert würden; wie drückte sich denn die Verlegenheit aus (außer in dem kindischen äh, das fast ausnahmslos jedem beim Reden widerfährt)? Rollte er die Zeitung zusammen (irgendwo muss die doch noch sein) und rührte damit in den Resten seines café au lait?
Was ist Spinnenaug für ein Vogel, wenn er sich für ein Glotzen entschuldigt, dass dieses Wesen vom anderen Stern nicht gesehen haben kann, denn ihr Augenkontakt war nachweisbar deutlich & kurz? Ist das Anbiederung der verlegenen Art? Verlegen war er darüber hinaus in einem solchen Ausmaß, dass sie ihn glaubt beruhigen zu müssen – was ein idiotischer Gesprächsanfang! Die dumpf-verlegene Anbaggerei  setzt sich fort: welcher Volltrottel (…) grundlos; hier relativiert Spinnenaug seine prinzipielle Aussage von vorhin, denn er hat dazugelernt und kann sich jetzt Gründe vorstellen, warum jemand eine Frau warten lassen kann: z.B. möchte der Wartenlasser eine Frau einem Glotzer zukommen lassen. Was ihn zur Revision seiner Überzeugung bewogen hat, bleibt sein Geheimnis, ebenso wie seine Spekulationen. Prima: Will ich auch nicht wissen! Nach dem bisherigen Verhalten von Spinnenaug müssen diese oberdümmlichster Natur sein; dem Autor sei dank, dass er den Leser davor fürsorglichst bewahrt! zurück
Aah: der Fachmann spricht, kennt sich aus in Sachen blind date, stellt sich sogar etwas vor, nämlich dass es sehr aufregend ist – Aah: der Fachmann ist doch kein Fachmann, hat keinerlei Erfahrung, muss sich was vorstellen: Was soll dann das aah in der Gesprächseinleitung? Liegt hier ein Tippfehler vor, soll es Ääh heißen? Das könnte dann die Zeitdauer symbolisieren, die Spinnenaug benötigt, um die Verlegenheit abzulegen; laut Text findet dieser Prozess ja während der Formulierung statt (ein Partizip Präsens – wie ablegend – steht unwiderruflich für Gleichzeitigkeit). zurück
Und während er die Verlegenheit ablegt, ist (jetzt) nur noch Neugier da – das geht auch nicht, (aber was geht in diesem Text überhaupt??): während etwas weicht, kann nicht nur etwas anders da sein! Während etwas weicht, kann etwas einem Anderen Platz machen, und irgendwann kann das Andere den Platz des Etwas eingenommen haben, und erst dann ist das Andere nur noch da, ob der Kitsch nun rußende oder glimmende oder verbrannte oder – wie nicht anders zu erwarten: – brennende Neugier heißt. zurück
Dass der geile Bock die Frau jetzt genauer betrachtet, ist selbstverständlich, die Begründung allerüberflüssigst. Ich nehme sogar an, dass die Erscheinung »Ruhender Pol« sich gesetzt hat, ich nehme ebenfalls an, dass die Zeitung auf irgendeine Weise im café au lait ertrunken ist, sie kommt schließlich nicht mehr vor – trotz der irrsinnig wichtigen Neuigkeiten. Aber rätselhaft bleibt der Verbleib der Panik vor dem zukünftigen Stress: sag mir wo die Panik ist, wo ist sie gebliehieben? Gemeinsam mit den Neuigkeiten hatte sie dafür gesorgt, dass Spinnenaug die Frau vergessen hatte (war nicht nachhaltig genug, er hatte sie sofort wieder erkannt – ha, jetzt, ja: Das verursachte sein Erstaunen: er wusste noch, dass er die Außerirdische vergessen hatte, und plötzlich steht die Vergessene leibhaftig vor ihm! Man muss nur nachdenken …). Schön, vergessen wir auch den Lederwaren-Messe-Stress, es hat ihn eh nie gegeben, deswegen wurde er sicherheitshalber vorweg genommenen und verarbeitet …  zurück
Das Make-up war so unscheinbar gewesen, dass er es durch ein Fenster auf Entfernung gesehen hatte; als Trenchcoatfrau ihm gegenüber sitzt, sieht er nichts mehr davon, sondern edles Gesicht mit hohen Wangenknochen (vorher nicht erkennbar, da war bloß Make-up), und braune Augen (das ist die einzige Beobachtung, die ich Spinnenaug als neu durchgehen lasse). Und Frauenspezialist Geilbock erkennt sofort: Etwas stimmt nicht! (hell)Blonde Frauen haben blaue Augen zu haben, so wollte man es schon zu ganz anderen Zeiten, und so stellt sich ein echter Deutscher immer noch seine Traumfrau vor! Gemäß der damaligen Regeln hatte die Kombination hellblond und blauäugig als erwünschte vorzuherrschen; Geilbock hält das für Wissenschaft! Ich befürchte nicht mehr nur, ich weiß es jetzt gewiss: Lederwaren(!)bock hat Schlimmes im Kopf; dieser Text wird wohl im Sado-Maso-Quälkitsch endgültig verenden. zurück
Was will Blondchen mit ihrer Frage? Was will sie wissen? Oder sollen mit dieser Frage alle Vorurteile gegenüber Blondinen bestätigt werden? Ich nix kapieren Frage! zurück
Geilbock auch nix verstehen Frage, reden irgendwas. Fein. Und die brennende Neugier ist einem unbekannten Löschvorgang zum Opfer gefallen, hat jetzt einer »seltsamen« Spannung Raum gegeben: Was kann daran eigentlich spannend sein, wenn jemand auf eine Antwort wartet, obwohl er gar keine Frage gestellt hat? Wartete er darauf, dass Blondi ihre eigene Frage beantwortet (schafft sie nie, garantiert)? Da Blondi nicht wusste, dass Geilbock auf eine Antwort wartete, bestätigte sie schlicht und einfach seine Aussage (was eigentlich schade ist, denn ansonsten hätte das Gesabbel spätestens hier abbrechen müssen, eine Weiterführung wäre nicht möglich gewesen – ginge es in diesem Text mit rechten Dingen zu. Tut es aber nicht.) zurück
Wie lange hat die Serviererin sich dieses Gerede anhören müssen, da sie mittlerweile schon am Tisch stand? Wie hat sie das ertragen? Oder war sie etwa in diesem Augenblick an den Tisch getreten? Wurschdegal, viel wichtiger ist doch, dass jetzt zum allerersten Mal in diesem Text etwas Interessantes geschieht: Die Serviererin bestellt café au lait bei Trenchcoatblondi! Mit Mädchen muss die stehen gelassene Blind-daterine gemeint sein, grammatisch jedenfalls: Denn das letzte feminine Subjekt, das agiert hatte, war Serviererin; folglich spricht die Serviererin zu dem Mädchen; das ist vom Satzbau her notwendig & logisch – jajaja, ich weiß, ich weiß: selbstverständlich war es gaaaanz anders gemeint: dann könne alle autore besser viel schreibe egal Wörter in Reihenfolge aufeinander wenn könne verstehe man was wolle autore irgendwie …
Dass er anschließend eine korrekte Bestellung korrigiert (statt sie zu ergänzen oder eine eigene aufzugeben), kann nicht mehr überraschen: Er hat sich gedacht, Blondi hätte aus dem aufgeweichten Zeitungsrest in seiner Tasse schließen müssen, dass er ebenfalls einen café au lait hätte trinken wollen, und da er sie zum Sitzen eingeladen hat, hat sie ihn selbstverständlich zu einem solchen einzuladen: Deswegen korrigiert Macho Spinnenaug unverzüglich. zurück
Hier kapiert sogar Spinnenaug etwas: Erst kündigt er an, dass er indiskret sein will (genau deswegen werden solche Floskeln verwendet: Ich will ja nicht unverschämt sein, aber Sie sind ein ziemlicher Torftriefel – das trifft!), dann will er wissen, wie so etwas vonstatten geht. Unsere blonde Erscheinung hat nichts begriffen, denn sie ist immer noch mit dem Problem beschäftigt, wie sie die Bestellung der Serviererin am sinnvollsten erledigen kann: Das merkt der Geilbock, und da er bei der Blonden landen will, verbessert er sich flugs, er habe noch nie das Vergnügen eines blind date gehabt. Diese unüberlegte Äußerung outet ihn als definitiven Nicht-Kenner der einschlägigen blind-date-Szene (ganz im Gegensatz zu seinem Kennen-wir-kennen-wir-doch-alles-Aah von zuvor; zu Spinnenaugs Glück ist Trenchcoat-Tussi zu blöd, um das zu merken, oder es ist ihr egal). zurück
Oha? Hat sie sein Ich-kenne-alle-Fraun-Gehabe doch durchschaut, wenn sie erstaunt schaut? Aber sie schaut ihn gar nicht erstaunt an, ihr Blick ist prüfend, so will es der Autor 1 Zeile weiter. Vermutlich besitzt Blondi als Wesen von einer anderen Welt diese einzigartige Fähigkeit, jemanden mit prüfendem Blick erstaunt anzuschauen – und diesem Blick hielt Geilbock stand. Da der Normalleser im Gegensatz zum Autor nicht weiß, wie man einem Blick stand hält, folgt die Gebrauchsanweisung: Willst du einem Blick stand halten, dann schaue direkt in des Gegenüber Augen – danke für den Tipp! (Das halte ich nicht mehr lange durch … ) zurück
Da Geilbock bestimmt keine Bücher lesen kann, trifft der Vergleich absolut. Andererseits ist der Vergleich nicht ernst gemeint, sondern nichts weiter als billigstes Kitsch-Klischee. Selbstverständlich war da nichts, genauer: absolut nichts (im Unterschied zu »weniger als nichts«), wo er hinschaute (ich erinnere an die Nicht-Haut unter der Perlenkette) – Nichts-zu-Sehen ist gewissermaßen Spinnenaugs Normalzustand. Lesen wollte er eigentlich auch nicht, sondern erkennen (sofern erkennen hier nicht Überhaupt-irgendetwas-sehen bedeuten soll). Die nicht-arisch braunen Augen sind in der Zwischenzeit zu schönen geworden (beliebtes Adjektiv der Kategorie »Nichtssagend & Überflüssig«), und da Augen immer der Spiegel der Seele sind – weil Seele dann außen vor bleibt – will Spinnenaug die Seele ausloten; angeblich hatte er absolut nichts gesehen, weswegen Seele bei ihm gleichbedeutend ist mit absolut nichts: Denn zumindest die Seele muss er erkannt haben, sonst hätte er ja nicht gewusst, wem die unsichtbare Tiefe zuzuordnen ist! Sie hätte auch die des Schwachsinns sein können, der in jenen bedeutungstriefenden Sätzen produziert wurde. zurück
Bisher war Trenchcoatwoman expressis verbis noch nie interessant für ihn, das wird durch den Komparativ wett gemacht; und endlich kann Geilbock sich mit eigenen Augen überzeugen, wie Recht Aristoteles mit seiner Ansicht hatte, dass Frau so wenig wie Hammer oder Sklave eine Seele besitzt und folglich zu den Gebrauchsgegenständen gezählt werden muss: Geilbocks feuchtester Traum droht hier wahr zu werden – da lohnt sich schon ein genaueres und unablässiges Hinsehen.
Was ist denn das? Perspektivenwechsel? Wird jetzt aus Blondis Sicht erzählt? Oder handelt es sich um eine Spekulation (wohl), die Geilbock Spinnenaug anstellt, in der Hoffnung, dass seine negative Absicht nicht erkannt wird (welche denn, bitteschön? Was hat er denn vor? Will er sie in ein Lederkostüm zwängen und mit einer nagelgespickten Peitsche züchtigen? Das ist die einzige negative Absicht, die Trenchcoatwesen kennt! – selbstverständlich ist wieder mal alles gaaaanz anders, gemeint ist: bösen Absichten)- da: sie wird tatsächlich nicht erkannt! Blondi kann ebenfalls nicht lesen! Welch Erleichterung… zurück
Ich werde mir mal Kontaktanzeigen genauer anschauen. Kontaktanzeigen. Wenn Trenchcoattussi das Wort zweimal nacheinander verwendet, wieso glaubt sie es dann nicht? Was geht denn hier schon wieder ab? Ach so – vor Gott muss sich der Leser eine Pause denken, Gott gehört zur nächsten Äußerung! Diese Pause hätte aber gefüllt werden können, ja müssen mit einer schönen Erläuterung, z.B. »In seinem seltsamen Augenaufschlag erkannte sie die negative Tiefe seines überraschten Erstaunens. Sie erschrak. Fürchterlich. Rang mit sich. Mit ihrer Verfassung. Kämpfte tapfer, fasste sich und sprach mit ihren schönen braunen Augen: Gott (usw. usw. usw.)« Damit wäre Gott (usw.) in den richtigen Zusammenhang gerückt, und sprachlich oder inhaltlich würde sich beileibe nichts verschlechtern!
Wer in aller Welt ist Nympho-man? Der Gegenspieler von Spiderman (ha: Spinnenaug!)? Batman? Ironman? Machoman? Aquaman? Wieso glaubt Blondi, Geilbock könne sie für einen Mann halten? Hat sie das in seinen Augen gelesen? Auf die Frage war Geilbock nicht gefasst, prompt greift Verlegenheit um sich und findet die bekannte sprachliche Vollendung: Äh. Blöd, wie er nun einmal ist, gibt er zu, dass er sie tatsächlich für Nympho-man gehalten hat, und erfindet aus lauter Verlegenheit einen abscheulichen Namen für sich: Kyle! Mit dem wird normalerweise kleinen Kindern gedroht: »Wenn du nicht sofort aufhörst zu schreiben, kriegst du Keile!« Ob das bei Blondi fruchtet? Ich will es eigentlich nicht wissen. Die Schmerzgrenze ist erreicht … zurück
Er streckte ihr die Hand entgegen und hoffte, sie würde sein Angebot annehmen. Dieser (von mir sprachlich schon erheblich verbesserte) Satz gibt erneut Anlass zu unergiebigem Rätselraten: Das einzige Angebot ist die Hand; wenn sie diese annimmt, hat er eine weniger. Ansonsten möchte er das SIE ablegen, was aber ein Wunsch ist und kein Angebot. Blondi versteht ihn vollkommen richtig: Sie ergreift tatsächlich seine Hand. Aber statt dass er sich freut – er hat es doch so gewollt -, erhebt er sich und – nimmt ihre Hand: Jetzt hat er wieder zwei, der Glückliche!
Was in aller Welt soll dieser Händetausch? Was ist daran auszusetzen, wenn sich zwei Menschen die Hände reichen? Warum wird Einfaches in diesem Text immer so undurchschaubar kompliziert? Es reicht jetzt! Die Schmerzgrenze ist überschritten! Ich mag nicht mehr! zurück

Textkritik: Spielfeld – Prosa

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Der Ball rollte unaufhaltsam Richtung Seitenauslinie. Alle sahen ihm dabei zu, nur Till, der von Beruf Schauspieler war, rannte wie ein Blöder quer über den Fußballplatz dem Ball hinterher.
Tatort Berlin-Mitte, ein Kunstrasenplatz mitten zwischen den Häusern, wo ich mich jeden Mittwoch zwischen 13 und 15 Uhr für zwei Stunden mit einem Haufen Verrückter zum Kampf um den Ball treffe.
Ich stand in Höhe der Seitenauslinie, auf die der Ball zurollte. Es war ein aussichtsloses Unternehmen. Doch Till kam dem Ball auf den letzten Metern gefährlich nah. Vielleicht konnte er’s noch schaffen. Noch einen Meter, noch einen halben. Der Ball berührte die Seitenauslinie. Till sprang – und genau in dem Moment, als der Ball mit vollem Umfang über die Seitenauslinie gerollt war, trat Till auf den Ball und drückte ihn mit der Sohle zurück ins Feld. Eine sagenhafte Leistung. »Aus!« brüllte unser Torwart, Heinz, der Theologiestudent, gehässig über den Platz. Till drehte sich wutentbrannt zu Heinz um. »Ich weiß, dass es knapp war! Ich weiß sehr wohl, dass es verdammt knapp war, aber du!« Till zeigte mit dem Finger auf Heinz. »Du kannst das von da hinten gar nicht gesehen haben!«
»Trotzdem war der Ball aus!« rief Heinz.
»Halt’s Maul!« schrie Till und drehte sich einmal nach links und einmal nach rechts. »Das können nur er!« Damit meinte er mich. »Und Achim!« gesehen haben. Damit meinte er den kleinen stämmigen Brettartisten aus unserer Mannschaft, der auf der anderen Seite des Spielfeldes ebenso wie ich auf Höhe der Seitenauslinie stand. »Achim, war der Ball aus der oder nicht?« fragte Till.
»Aus«, sagte Achim trocken.
Till drehte sich zu mir um. »Und was sagst du?«
Aus irgendeinem Grund musste ich an Anne, die Vermieterin in meiner WG, denken, heute Morgen, wie sie beim Frühstück plötzlich aufsprang, sich mit dem Rücken zu mir drehte, die Beine spreizte und mich durch ihre gespreizten Beine verkehrt herum fragte: »Sieht man da was?« Anne trug an diesem Morgen ein enges graues Sommerkleid, das kurz unter ihren Arschbacken abschloss. Was sah ich jetzt wohl? Ich meine, was lief hier ab? Anne wollte von mir wissen, ob ihr Kleid zu gewagt war? Sie hatte gleich einen wichtigen Termin. Behauptete sie. Anne behauptete auch immer, dass sie nie einen Slip trug. So wie’s aussah, hatte Anne wirklich einen wichtigen Termin, nämlich bei der Polizei, weil sie neulich nachts, als ich diese Schreie aus ihrem Zimmer hörte, doch jemand umgebracht hatte, mit einem Eispickel. »Sieht man da was?« Anne schaute mich immer noch verkehrt herum durch ihre gespreizten Beine an. Ihr Mund stand lächelnd offen. Ach nee, das war gar nicht ihr Mund.
»Was heißt sehen?«, fragte ich, »das heißt im Prinzip sieht man nur da was, wo man gar nicht hingucken soll.« Diese Art der Dialektik hatte ich mir von Nils, meinem jüdischen Freund aus Russland, angewöhnt. Seiner einzigartigen Dialektik verdanke ich auch, dass ich in einer der bittersten Stunden meines Lebens noch was zu lachen hatte: nach meiner Meniskusoperation. Ich hatte vorher ne Rückenmarkspritze bekommen, und als ich wieder auf meinem Zimmer lag, war ich immer noch von der Hüfte abwärts gelähmt. Ich fasste zwischen meine Beine, und das fühlte sich an, als ich als ob ich eine lauwarme Bockwurst in der Hand hielt. Da kam Nils rein. Er fragte mich, wie’s geht? Und ich jammert über meine furchtbaren Kopfschmerzen, die ich vom Nachlassen der Narkose hatte. Das war sein Stichwort. Nils kennt alles, was du ihm erzählst. Er war in Sibirien, in Afghanistan, hat Menschen getötet, er ist durch die Hölle gegangen. Erzähl ihm nichts, er hat alles schon erlebt, nur viel schlimmer.
»Was heißt Schmerzen?« sagte Nils, »das heißt, im Prinzip kenn ich ganz genau.« Und dann erzählte er mir von seinen 500 Knochenbrüchen, und wie er mit seinem Gipsarm damals seine Freundin nur noch in einer Stellung bumsen konnte, nämlich im Stehen von hinten auf dem Küchentisch, sodass er sich mit seinem gesunden Arm abstützen und den Gipsarm auf ihren Rücken legen konnte. Nils stellte die Szene für mich nach, während ich mit meiner Bockwurst zwischen den Beinen unter der Decke lag. »Verstehst du, nur so.« Nils stützte einen Arm in der Luft auf, während er sein Becken vor und zurück bewegte. »Anders ging nicht«, sagte er und lachte ganz fürchterlich dreckig bei dem Gedanken daran.
Soviel zu der Dialektik meines jüdischen Freundes aus Russland. Im Krankenhaus hatte ich übrigens gelegen, weil ich mich beim Fußball verletzt hatte. Mein Stichwort: Zurück aufs Spielfeld: Die alles entscheidende Frage: War der Ball aus oder nicht? »Was heißt aus?« sagte ich. »Das heißt, im Prinzip hast du einen Riesen-Sprint hingelegt, und es war verdammt knapp, aber der Ball war leider im Aus.«
»Danke«, sagte Till. Dann drehte er sich zu Achim, zeigte mit dem Finger auf ihn. »Und für dich hoffe ich, dass du den Ball wirklich Aus gesehen und nicht nur Aus gebrüllt hast, weil Heinz Aus gebrüllt hat!«

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Zusammenfassende Bewertung

Ich erinnere mich: zu Zeiten des Kalten Krieges machten anti-sowjetische Witze über einen Sender namens »Radio Eriwan« die Runde, die alle gleich gebaut waren: ein Hörer stellte Radio Eriwan eine Frage wegen angeblicher Errungenschaften oder Fehlleistungen der glorreichen Sowjetrepublik, und Radio Eriwan antwortete stets mit »im Prinzip ja« bzw. »im Prinzip nein«, um in der nachgefügten Einschränkung sich selbst Lügen zu strafen.
Die halbe Nacht habe ich mich geärgert, dass ich mir Witze so schlecht merken kann, denn ein einfaches Beispiel würde viel mehr bewirken als selbst meine klug-weitschweifigen Erläuterungen (Gar nicht wahr, dass Eigenlob stinkt, es ist im Gegenteil lebensnotwendig, sonst lobt einen ja keiner), schon wollte ich literaturcafe.de-Besucher bitten via eMail auszuhelfen, feilte grade an eingängigen Bittgesuchen (schulterklopf) – da fiel mir über dem ununterbrochenen Scheiße-Gemurmels angesichts meiner Unfähigkeit (wiedergutmach) ein alter, geschmackloser, aber eben typischer Eriwan-Witz ein:
Anfrage an Radio Eriwan: »Ist es richtig, dass es den Werktätigen der glorreichen Sowjetunion gelungen ist, aus Scheiße Marmelade herzustellen?« Die Antwort: »Im Prinzip ja; nur am Geschmack muss noch gearbeitet werden.«
Für Assoziationen, die während des Lesevorgangs in einem Leserhirn entstehen, trägt ein Autor keine Verantwortung (es sei denn, sie entsprechen seinen eigenen). Ausgehend aber von diesem klaren Prinzip der Radio-Eriwan-Witze frage ich mich: welches steckt hinter Nils‘ einzigartigen Dialektik?
In seinem Ur-Beispiel erklärt Nils, dass er im Prinzip Schmerzen kenne, schildert das, wechselt dann aber das Thema und erinnert sich an Erfreulicheres: »Themawechsel« könnte man dieses Prinzip taufen.
Der Icherzähler will daraus gelernt haben: er sehe im Prinzip was, aber da dürfe man nicht hinschauen. Dieses Prinzip erinnert an das von Radio Eriwan, hat aber nichts mit Nils‘ »Themawechsel« zu tun.
Auf Tills Frage antwortet der Icherzähler zunächst gar nicht: zwar verwendet er den Begriff im Prinzip, meint damit aber Tills sagenhafte Leistung, um anschließend die Frage direkt zu beantworten: diese Prinzip könnte man getrost »Zuckerbrot und Peitsche« nennen – denn Till ist es zufrieden.

Es gibt also keinen inhaltlichen Zusammenhang in Nils‘ einzigartiger Dialektik (vielleicht macht sie gerade das einzigartig). Es bleibt ein formaler Zusammenhang durch die Frage Was heißt… und die Einleitung der Antwort Das heißt im Prinzip …
Dass ich was anderes erwartet hatte, ist einzig mein Problem und geht nicht zulasten der Erzählung. Was bleibt also?
Ein ungemein flockig-leichter amüsanter Text, den zu lesen einen Riesen-Spaß gemacht hat, der an der entscheidenden Stelle einfach so unterbricht, um den Icherzähler bizarre Ander-Geschichten (fiel mir gerade ein wegen der Ander-Konten, muss einem nicht gefallen) Erinnerungen loswerden zu lassen, ein Text, der den Leser direkt einbezieht, wenn ihm Verhaltensmaßregeln gegeben werden, falls er Nils begegnen sollte: das Spielfeld weitet sich vom Fußballfeld zu einer erotischen und persönlichen Spielwiese, die nirgendwo peinlich wird – vielleicht eine Spur
zu gewollt (siehe Einzelkritik).

Und die Kritik im Einzelnen? Je nun: Das andere ist wichtiger – an welchem Text könnte man nicht feilen und verbessern (außer an denen von absoluten Meistern), und vielleicht belegen meine Anregungen nur, dass ich gerne Korinthen kacke? Vielleicht aber sind sie sogar hilfreich – wer weiß das schon. Jedenfalls weiß ich: Bereits übermorgen werde ich mit meinen Formulierungen nicht mehr zufrieden sein.

Die Kritik im Einzelnen

Ich würde diesen Absatz vor den vorigen stellen: Hier werden Ort und Umstände genannt, die den Erzählfluss bereits unterbrechen, kaum dass er begonnen hat; das nimmt der ungemein reizvolleren langen Unterbrechung jeden Überraschungseffekt! »Tatort« evoziert (vielleicht bewusst) Schimi-Assoziationen, die der nachfolgende Text weder einlösen noch parodieren will; es wirkt deswegen effekthascherisch – das hat dieser Text aber gar nicht nötig: wieso also nicht einfach Ort oder Berlin-Mitte ohne Schnickschnack? zurück
Wegen der Unterbrechung beginnt jetzt ein überflüssiges Rätselraten: was ist »Es«? Dass ein Ich auf der Seitenauslinie stand? Dass ein Ball auf selbige zurollt? Da weder das eine noch das andere »Unternehmen« sind, darf der Leser suchen: gemeint ist das Hinterherrennen; dazu muss der Leser aber einen ganzen Absatz überspringen! Keine Lust, also: vertauschen der beiden ersten Absätze! zurück
Der Icherzähler nennt das »Unternehmen« aussichtslos, und schon im folgenden Satz kommt der Schauspieler dem Ball »gefährlich nahe«. Das will mir nicht einleuchten, dieses »doch« ist mir zu schwach: dennoch wäre gut, zwischen den Sätzen vielleicht ein Doppelpunkt – überhaupt: die Satzzeichen! Angeblich waren es nur noch wenige Meter, die der Ball zu rollen hatte. Ich weiß natürlich nicht, wie mühsam dieser Ball rollte, aber wenn – und sei es ein Schauspieler – jemand wie ein Blöder rennen muss, um einen Ball zu kriegen, dessen Erreichen unmöglich ist, kann das Rollen nicht so gemächlich vonstatten gehen, wie die Punkte zwischen den Sätzlein den Anschein erwecken: das Komma zwischen »Noch einen Meter, noch einen halben« bildet eine lobenswerte Ausnahme; mehr davon!!! zurück
Zum Ausgleich gibt’s hier zu viele Kommas; es sind keine 3 Personen: unser Torwart, Heinz und der Theologiestudent! Das lässt sich eleganter lösen, indem z.B. das Komma zwischen Torwart und Heinz einfach getilgt wird. Dass Till sich anschließend wutentbrannt zu Heinz umdreht, ist logisch – schließlich ist dieser der einzige, der in diesem Augenblick allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Was daraus folgt? Statt Heinz hätte ein einfaches ihm genügt, und damit wäre gleichzeitig verhindert, dass selbiger dreimal nacheinander mit Namen genannt wird: sooo schön klingt Heinz nun auch wieder nicht. zurück
Irgendwie habe ich Fußballfelder anders in Erinnerung als hier beschrieben: wenn wir pro Seitauslinie zwei Linienrichter annehmen (ob nun echte oder zufällige, ist egal, zumal bei dieser außergewöhnlichen Fußballmannschaft), dann können die nicht auf verschiedenen Seiten stehen, sondern höchstens in verschiedenen Hälften; heißen müsste der Passus fußballregelgerecht also »in der anderen Hälfte des Spielfeldes« (wobei sich über das in in »in der Hälfte« natürlich nicht minder trefflich streiten ließe – man hat ja auch sonst nichts zu tun). zurück
Richtig herum zwischen gespreizten Beinen hindurch wäre eine Sensation!!! Verkehrt herum dagegen ist ziemlich überflüssig – es sei denn als Kotau vor dem geargwöhnten dumpfdummen Leser … zurück
Halten zu Gnaden: Aber da wird maßlos übertrieben! Ab hier würde ich den Rest des Satzes ersatzlos streichen; weder die Schreie noch der Mord noch der Eispickel haben irgendeine weiterführende Bedeutung – viel reizvoller ist es, sich als Leser vorzustellen, was Anna wohl in dieser Aufmachung bei der Polizei widerfährt; der Anlass ihres Besuches tritt demgegenüber vollständig in den Hintergrund. Ha: es reizt mich sogar ausgesprochen, dieses Zusammenzutreffen eigenhändig zu gestalten, aber ich muss jetzt weiter schreiben zurück
Ein viel gereister jüdischer Russe, der perfekt deutsch spricht und meinetwegen auch in Afghanistan gekämpft haben darf, das ist bereits an der Schmerzgrenze, passt aber gerade noch zu dessen einzigartiger Dialektik (siehe Zusammenfassung); aber dass der überdies noch den skandinavischen Vornamen Nils mit sich herumschleppen soll, übersteigt diese Schmerzgrenze deutlich, selbst wenn Nils eine Anspielung sein sollte auf den viel gereisten Nils Holgerson. Nein: Ein jüdischer wäre Vorname angebracht (muss nicht gerade Nathan sein, von wegen Anspielung und so), vielleicht auch ein russischer. Nils ist wie der Eispickelmord einfach zu dick aufgetragen und nimmt dieser Erzählung einiges von der wunderbaren Unbeschwertheit… zurück
Hier ist die sprachliche Flapsigkeit ebenfalls zu betont: alle anderen unbestimmten Artikel sind korrekt: warum hier nicht auch? (zurück)
Ich möchte wetten, dass hier entweder ein Wörtlein fehlt zwischen ich und ganz, z.B. ein sie oder das oder es, oder eines der genannten Wörtchen ganz ersetzen sollte. zurück