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Textkritik: Kreuzzug des Hasses – Romananfang

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Eine schwarze Gestalt öffnet das niedrige hölzerne Gartentor. Der Junge hört sie nicht, obwohl das Tor leise in seinen Angeln quietscht. Aber es sind noch viele andere Geräusche um ihn herum: das Zwitschern der Vögel, die emsig an ihren Nestern bauen, hoch über seinem Kopf streicht singend ein sanfter Wind durch die Zweige mit ihrer weißrosa Blütenpracht, und immer wenn die Brise in einer übermütigen Bö auflebt, lässt sie Blütenblätter herabregnen, leise und sacht, so wie Schnee, der unversehens aus einem sonnig blauen Himmel fällt. Ein Schiff tutet dumpf auf dem breiten Strom. Und der Hund, fast noch ein Welpe, zerfetzt unter drolligem Knurren einen Filzpantoffel der Mutter, der durchlöchert ist und sowieso nicht mehr hatte repariert werden können, obwohl die Mutter es mehrmals versucht hat, weil die Zeiten schwer und neue Hausschuhe teuer sind.
Der Junge blickt erst auf, als ein dunkler Schatten über ihn fällt. Er erschrickt heftig.
Der Träumende weiß, nicht die gespenstische altersschwache Vogelscheuche, deren klapperdürre, fetzenbehängte Gestalt das frisch eingesäte Getreidefeld weiter landeinwärts bewacht, hat ihren Standort verlassen und ist gekommen, um ihm, dem kleinen Jungen, der er war, seine kindliche Furcht vor ihr in seinen kleinen behüteten Garten nachzutragen.
Der Träumende weiß, es handelt sich um keine übernatürliche Erscheinung, wenn auch die erbärmliche Gestalt, die da vor dem Jungen steht, einer Vogelscheuche durchaus ähnelt: Ein Bettler ist es, der in das kleine Refugium im Alten Land eingedrungen ist. In Deutschland regiert das Wirtschaftswunder, aber Wunder sind launisch wie das Schicksal und bei ihrem Wirken höchst unzuverlässig. Manche verzweifelt Hoffenden werden einfach vergessen, obwohl auch sie leben wollen. Und viele von ihnen fliehen vor der gefühllosen, eigensüchtigen Geschäftigkeit der nahen Großstadt und ziehen über Land, um von den Glücklicheren, die selbstgezogenes Obst, selbstangebautes Gemüse ihr eigen nennen, eine Mahlzeit zu erbitten, weil sie selbst gar nichts haben außer viel Zeit, die ihnen nur vertrieben wird durch die langen Märsche von Haus zu Haus, und mit der Musik ihrer knurrenden Mägen als einzigem Wegbegleiter.
Obgleich dem Träumenden all dies gegenwärtig ist, beschert der Alp ihm, jedes Mal neu, die Furcht des kleinen Jungen, der er einstmals gewesen ist, der sich seinen Hund schnappt und angstvoll »Mutter!« schreit und zum Haus rennt. Und er träumt, wie es war, als der Schatten über ihm nicht weicht, sondern ihn verfolgt bis hin zu den drei Stufen vor der Haustür, wo der Junge über seine kleinen Füße stolpert und hinfällt. Und er sieht die braungrauen, löchrigen Stiefel des Mannes mit ihrem Muster aus weißen Schweißflecken und der mit einem Gummiband gehaltenen, klaffenden Sohle, in der kleine rostige Nägelchen halten sollen, was nicht mehr zu halten ist, und die aussehen wie das Gebiss eines Hechtes. Übergroß ragen die Stiefel vor ihm auf, ihre Schäfte halb verdeckt durch die Fransen einer ehemals dunkelbraunen Cordhose und ein Stück weiter drüber durch den löchrigen, abgestoßenen Saum eines dunklen Mantels, dessen Farbe und erst recht sein Alter kaum noch zu benennen sind.
Das Kind klammert sich an seinen Hund, der laut fiepend protestiert und wild strampelt. Doch es hält ihn fest, den Mund zum Schrei geöffnet, aber die Stimmbänder vom Entsetzen gelähmt. Auch der Träumende kann nicht schreien, so sehr er sich auch anstrengt. Er keucht und windet sich auf seinem Lager und hält in schützender Abwehr die Hände über seinen Kopf. Das Grauen ist riesengroß, und es schüttelt ihn mit rohen Fäusten. Es hilft nichts, dass er weiß: Gleich öffnet sich die Tür hinter dem Kleinen, und seine Mutter breitet den Trost ihrer Stimme über ihn.
Die Mutter hat eine herbe Stimme, durchsetzt mit einer kratzigen Heiserkeit, die vom Weinen um den Vater herrührt, der die Folgen des Krieges und der Gefangenschaft nicht überlebt hat, vom ewigen Wind in der Nähe des Stromes mit seiner salzigen Meeresfeuchtigkeit, vom Klagen und von den erbitterten Racheschwüren, die einer herzlosen Gesellschaft gelten, und vom Hersagen der Gebete, die Linderung schaffen sollen und diese verweigern.
In diesem Augenblick ist ihre Stimme schrill und hart, hart wie das Nudelholz, das sie schwingt, um ihren Sohn, sich selbst, ihr Haus und ihre geringe Habe vor einem zu verteidigen, der nichts hat von alldem, nur sich selbst und seine armselige Bedürftigkeit, und der dieses Selbst genauso wertschätzt wie sie ihres und der es unterhalten muss, damit er weiterkommt auf seinem Weg von Irgendwoher nach Irgendwohin. Der Junge hört die Worte, die sie schreit. Hört Worte wie »Gesindel, Landstreicher, faules Pack, Schänder und Mordbrenner« und weiß mit den meisten nichts anzufangen. Er versteht auch nicht genau, was sie meint mit: »Ich schwöre dir bei Gott, ich schlage dich tot, du räudiger Strolch!« Der Junge vertraut darauf, dass es zu seinem Wohl, zu seinem Schutz ist.
Und ganz und gar versteht er nicht das Folgende, weiß es bis heute nicht, ob es ursprünglich ihm oder wirklich seinem Hund gegolten hat, als sich der Fuß des Mannes hebt, als er ausholt und als sich die Stiefelspitze mit der klaffenden Sohle seinem Gesicht nähert. Er spürt, wie sie kurz davor abschwenkt und statt dessen seinen Hund in seinen Armen trifft. Er weiß das Knacken im Körper des Hundes nicht zu deuten und auch nicht, warum dieser Körper plötzlich schlaff und leblos wird. Er sieht den Schrecken und die Schuld in den Augen des Bettlers, aber er erkennt beides nicht. Er sieht den Mann nur davonrennen, verstohlen nach allen Seiten nach Nachbarn Ausschau haltend, die es hier nicht gibt, jedenfalls nicht innerhalb der Distanz, welche die Schreie der Mutter überbrücken können. Es dauert nicht lange, da ist er verschwunden, als hätte es ihn nie gegeben. Nur die Worte »Mörder!« und »Elender Lump, verrecken sollst du!« und noch eine ganze Menge mehr verfolgen seine Spur. Doch nur der Flüchtling selber weiß, wie viel davon er noch gehört hat.
Die Mutter verstummt noch lange nicht. Nur leiser ist ihre beanspruchte Stimme geworden. Selbst als sie am Abend nach einem ungewöhnlich üppigen Abendessen mit viel gebratenem Fleisch eine Schaufel holt und sich im Garten unter einem der Apfelbäume zu schaffen macht, schimpft und jammert sie noch immer vor sich hin, und der Junge, der in seinem Bett liegt, hört sie abwechselnd fluchen und lamentieren über die Ungerechtigkeit und Hartherzigkeit der Welt gegenüber einer schuld- und schutzlosen verwitweten Mutter, bis er endlich einschläft.

© 2001 by Barbara Jung. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Der Anfang von diesem Romananfang ließ meine Erwartung zunächst ins Bodenlose sinken, aber dann erholte sie sich zusehends und bekam nur noch stellenweise ihre Dämpfer: Es finden sich viele vorzügliche Stellen, sprachlich und inhaltlich: Diese zu vermehren muss das Ziel sein!
Weil das nur der Anfang eines Romans ist, erfahren wir fast nichts vom Hass, und gar nichts vom Kreuzzug; wir erfahren viel von der Deformation eines Kindes, von einem Trauma, das dieses Leben wohl prägt. Dies wird zum großen Teil eindringlich und sprachlich überzeugend gestaltet. Aber es bleibt noch viel zu tun, allein schon an diesem Beginn: Ich würde eine Bearbeitung empfehlen; das ist leicht gesagt, denn ich weiß nicht, wie lang der Roman (schon) ist, weiß nicht, ob die guten Momente stärker werden oder ob eher zum Fragwürdigen der weitere Text sich neigt. Und: Kann die erzeugte Spannung gehalten werden?

Die Kritik im Einzelnen

Etwas Schwarzgestaltetes bricht gleich zu Anfang in eine Idylle ein: das ist schon kein Wink mehr mit dem Zaunpfahl, da wird ein ganzer Gartenzaun geschwenkt: Liebe Leserinnen und Leser, macht euch auf etwas Erschreckendes gefasst, etwas Oberböses schlägt gleich zu!
Der auktoriale Erzähler weiß sehr wohl, dass die schwarze Gestalt ein Bettler ist: warum wird das verschwiegen? Würde das anschließende Erschrecken des Jungen an Intensität verlieren? Einen solch brachialen Beginn hat dieser Romananfang in keiner Weise verdient, geschweige denn nötig! Vielleicht wäre eine Passivkonstruktion angemessener: Das niedrige Gartentor wird geöffnet. Dieser Verbesserungsvorschlag gilt jedoch nur für diesen isolierten Satz, nicht für den weiteren Zusammenhang (s.u.). zurück
Als unerbittlicher Feind von Adjektiven frage ich, welchen Sinn diese beiden Adjektive stiften: soll niedrig eine Klein-aber-mein-Idylle unterstützen? Hölzern die Naturverbundenheit? Reicht nicht eines von diesen Adjektiven, sofern überhaupt eines sein muss? Vielleicht niedrig im Gegensatz zu einer hohen Gestalt (aber nicht hoch genug, um das Tor einfach zu überschreiten), oder hölzern im Kontrast zu dem fleischernen Bettler? Was anschließend einzig von Bedeutung ist, ist ein Quietschen! Wozu sich also mit dem Gartentor aufhalten, das seinerseits niemanden aufhält? zurück
Zunächst muss ein Gartentor quietschen, damit jemand es hören kann (oder gerade nicht: wo nichts Schallwellen verbreitet, kann jemand auch nicht nichts hören). Die nachgeschobene Konzession stellt dieses Verhältnis jedoch auf den Kopf; erneuter ein isolierter Vorschlag: Obwohl das Tor leise quietscht, hört der Junge es nicht. Die Angeln habe ich entfernt, schließlich sind sie als Hauptursache für das Tür&Tor-Quietschen landauf landab berüchtigt. zurück
Aber stellt einen Gegensatz zum Quietschen her, gemeint ist aber (!!!) eine Begründung, warum der Junge das Quietschen nicht hört! Folglich müsste der Satz anfügen: Denn es sind noch viele andere Geräusche um ihn herum.
Doch auch dieser Satz missfällt mir: sein und haben als Vollwerben drücken prinzipiell nur wenig aus, können in sehr vielen Fällen durch stärkere Verben oder bessere Konstruktionen ersetzt werden: denn andere Geräusche beschäftigen seine Aufmerksamkeit oder denn andere Geräusche übertönen es.
Das ist gewiss nicht der Weisheit letzter Schluss! Ich möchte auch nicht länger an jedem einzelnen Satz rumbosseln, sondern ich würde den ganzen Beginn umformulieren: Als das Gartentor geöffnet wird, quietscht es leise. Der Junge hört es nicht wegen der anderen Geräusche um ihn herum: Diese Inversion ist ganz bewusst, denn jetzt folgt eine Aufzählung von (mit einer Ausnahme.) Geräuschen; das unterstreicht bereits der vorliegende Text goldrichtig mit dem Doppelpunkt! zurück
Zwitschern Vögel, wenn sie bauen? Halten die nicht eher den Schnabel, um die mühsam ergatterten Bauteile nicht zu verlieren? Der Relativsatz engt die in Frage kommenden Vögel zu sehr ein! Zudem sind alle folgenden Geräusche in einem Satz versteckt, nur hier nicht! Aus stilistischen Gründen (Parallelführung) würde ich raten, auch hier einen Satz zu bilden und diesen vom nächsten durch einen Strichpunkt zu trennen usw., bis alle Geräuschquellen bekannt gegeben sind: erst dann ist der doppelgepunktete Hinweis erfüllt! Vögel begleiten zwitschernd den Nestbau; (einige Fleißvögel könnten bauen, während andere für Unterhaltung sorgten.). zurück
Hier geht es überraschend lyrisch-alliterierend zu: singend ein sanfter Wind; dazu will das präpositionslastig nominalstilige durch die Zweige mit ihrer weißrosa Blütenpracht so gar nicht passen; ich würde wagen: hoch über seinem Kopf singt sanfter Wind durch weißrote Blütenpracht (streicht musste ich streichen, schließlich ist nomen omen!).
Darüber hinaus würde ich empfehlen, die verschiedenen Geräusche nach Stärke zu sortieren, also zunächst Windgeräuschlein, dann Vogeläußerungen; zurück
Das Wort fällt ist wesentlich geräuschvoller als das, was die Blütenblätter beim Absturz treiben; wenn Blütenblätter leise fallen, ist gerade nicht das Geräusch gemeint; es handelt sich um ein Synästhesie, um einen Assoziationsbereich quer durch unsere Sinnenwelt. Die Blütenblätter fallen leicht und langsam und absolut geräuschlos von leise bleiben also lediglich die Assoziationen leicht und langsam schwebend übrig.
Da hier aber Geräusche aufgezählt werden sollen, müsste von Rechts wegen der Satz nach Blütenpracht bis zu fällt ersatzlos gestrichen werden, so sehr er auch die Jahreszeit näher bestimmen mag! zurück
Der Hund zerfetzt einen Filzpantoffel; der Filzpantoffel ist durchlöchert; der Filzpantoffel hatte nicht mehr repariert werden können. Drei Informationen werden sehr ohne Zusammenhang zusammen gehängt. Entscheidend ist doch: die Mutter hatte es aufgegeben, die Löcher zu reparieren, und so kam der Hund zu seinem Filzpantoffel. Warum dieses nachgeschobene und sowieso? Das heißt doch, dass der Filzpantoffel zwar durchlöchert war, aber aus ungenannten anderen Gründen sowieso nicht mehr zu reparieren war, selbst wenn die Löcher gestopft oder verrammelt oder vernietet oder wasweißichnichtalles wären. Hier wird versehentlich-leichtfertig eine Spur gelegt, die inhaltlich ins Abseits führt! Ein zusammenhängender Verbesserungsvorschlag erfolgt für den gesamten ersten Abschnitt am Ende desselben! zurück
Der Filzpantoffel wäre durchaus noch zu retten gewesen, entnehme ich verblüfft diesem obwohl: denn nur Mutter hat nach mehrmaligen Versuchen aufgegeben (und hat andere wohl an eigenen Versuchen gehindert). Wäre Mutter in den vorherigen Satz gezogen worden, wäre obwohl berechtigt: Mutter hatte ihn nicht mehr reparieren können, obwohl sie es mehrmals versucht hatte leuchtet mir auf Anhieb ein. Die Originalversion dagegen ist unfreiwillig komisch. zurück
Warum erschrickt der Junge? Der Junge erschrickt, weil er aufblickt und etwas sieht. Was sieht der Junge? Er sieht einen schwarzen Schatten. In Reinschrift: Der Junge blickt auf, sieht einen schwarzen Schatten und erschrickt darob. So weit so gut.
Aber: Warum blickt der Junge auf? Nun: der Junge blickt auf, weil ein schwarzer Schatten über ihn fällt, woraufhin er den schwarzen Schatten, den er gerade gesehen haben muss ohne zu erschrecken, unversehens sieht, woraufhin er erschrickt, weil er hastenichtgesehen den schwarzen Schatten plötzlich sieht, der wie gesagt seinerseits wiederum zunächst gesehen werden musste, damit er anschließend gesehen werden konnte.
Erschreckend: diese Addition von Ereignisses funktioniert nicht! Nicht so! zurück
So, wir sind am Ende des ersten Abschnittes angelangt: das behaupte ich, obwohl der Satz im vorliegenden Text einzeln steht: aber zu Unrecht (meine ich): Der Abschnitt beginnt mit etwas Unbekanntem, es folgt eine Idylle, dann der Schrecken, verursacht durch das Unbekannte aus der ersten Zeile; der Rahmen ist geschaffen, und ich finde keinen Grund, diesen Satz besonders hervorzuheben, zumal sich die Situation im folgenden Absatz radikal ändert!
Ich habe damit gedroht, den ersten Absatz (meinen ersten Absatz) nochmals und erstmals im verbesserten Zusammenhang zu präsentieren; ich versuche mich dabei eng an die Vorlage zu halten. Dass man durchaus anderer Meinung sein kann, ist Binse! Und nicht minder Binse ist, dass mein Vorschlag ebenfalls verbesserungswürdig sein wird. Es geht mir auch nur um die Hauptfehler.
Darüber hinaus: In dem vorliegenden Text ist dieser der einzige Absatz, der so problematisch ist! Alles andere hat sehr viel Hand und Fuß und Kopf und Bauch – allein schon deshalb mache ich mir die Mühe! Los geht’s:
Als das Gartentor geöffnet wird, quietscht es leise. Der Junge hört es nicht wegen der anderen Geräusche um ihn herum: hoch über seinem Kopf singt sanfter Wind durch weißrote Blütenpracht; Vögel begleiten zwitschernd den Nestbau; ein Schiff tutet dumpf auf dem breiten Strom; der Hund, fast noch ein Welpe, zerfetzt unter drolligem Knurren einen Filzpantoffel der Mutter, den sie nicht mehr hatte reparieren können ungeachtet all der Versuche: in diesen schweren Zeiten, wo neue Hausschuhe teuer sind. Als ein dunkler Schatten über ihn fällt, blickt der Junge erschrocken auf.
PS: dass das erste und letzte Satzgefüge mit als beginnen, ist mitnichten Zufall! zurück
Zwischen diese beiden Wörter gehört ein Doppelpunkt! Dem Leser wird Zeit gegeben, über den plötzlichen Sichtwechsel nachzudenken: »Der Träumende weiß:«, und es folgt anschließend (wie schon oben bei den Geräuschen), was der Träumende weiß. zurück
Hier wird überflüssigerweise 2x die selbe Aussage getroffen: der Träumende war einst der kleine Junge. 1x muss genügen: .ist gekommen, dem kleinen Jungen, der er war seine. zurück
Ebenfalls ein Doppelpunkt zwischen die beiden Wörter, um die beiden Absätze parallel zu führen. zurück
Da im parallelen Absatz nach dem Doppelpunkt mit einer Negation fortgefahren wurde, könnte und sollte das hier (annähernd) wiederholt werden: Der Träumende weiß: um keine übernatürliche Erscheinung handelt es sich, wenn. zurück
Hier wird wieder addiert, statt dass der Zusammenhang geklärt wird: Wunder sind nicht launisch und zusätzlich unzuverlässig, sondern unzuverlässig, weil sie launisch sind: Wunder schlagen zu, wenn sie Bock drauf haben! Will heißen: .aber Wunder sind in ihrem Wirken höchst unzuverlässig, denn sie sind launisch wie das Schicksal. zurück
Da sind wieder so lecker Adjektive, da möchte ich doch wieder zupacken: ist Eigensucht kein Gefühl, nicht sogar ein sehr starkes, nämlich bereits eine Sucht? Was ist eine gefühllose Sucht? Eigensucht mag ein falsches Gefühl sein, ein böses meinethalben, ein gesellschaftsschädigendes auch, ein verbreitetes, ein gekämmtes, ein nützliches sogar überaus: Geschäftigkeit ist entweder gefühllos oder eigensüchtig, also muss eines der beiden (bin gerade sehr gnädig gestimmt!) erwürgt werden. Diese Entscheidung überlasse ich Besonneneren. zurück
Was soll das und, was soll das und, was soll das tun in diesem Satz, das und, was soll das tun? Raus damit, sogar das Komma davor kann fehlen (muss aber überhaupt nicht, iwo!), schließlich ist der Satz noch nicht beendet: das Motiv des Herumziehens wird deutlich, und durch das (grammatisch wohl eher falsche) Komma wird es betont! Aber ja kein und! Keine erneute Addition! zurück
Der Schatten hat keinen Grund, zu weichen: Wenn der Junge weg läuft, dann in der Hoffnung, dem Schatten zu entrinnen, nicht in der Erwartung, dass der Schatten seinerseits weicht, also sich weg bewegt! Korrekt könnte es heißen: Und er träumt, wie es war, als der Schatten über ihm sich nicht abschütteln lässt, sondern ihn verfolgt bis hin. zurück
Der Junge sieht zunächst die durch fransige Hosenbeine halb verdeckten Stiefelschäfte; offenbar wandert sein Blick etwas höher, also nach oben (nicht drüber: dann hinge der Mantel über den Fransen, der Junge hätte sie nicht sehen können); ein Stück weiter drüber ist nur noch unverständlich! Frage: sieht er den Mantelsaum ein Stück oberhalb des Stiefelschaftes? Wenn dem so ist, sollte es auch so heißen! In jedem Falle ist hier mehr sprachliche Genauigkeit erforderlich: schließlich sind dem Jungen all diese Details eingebrannt, und dann will ich mir als Leser das auch bildlich vorstellen können dürfen! zurück
Diesem sein sei ein schleuniger & stillschweigender Auszug aus dem Satz angeraten: es trampelt nur auf der grammatisch korrekten Struktur herum – denn schließlich bezieht sich dessen sowohl auf Farbe wie Alter: eines dunklen Mantels, dessen Farbe und erst recht Alter. zurück
Wir hatten gerade eine Steigerung: Farbe und erst recht Alter; jetzt sind beide wieder gleich, denn beide sind kaum noch zu benennen. Lässt sich Alter benennen? Das behagt mir miss, ich weiß aber nicht, woher das rührt; sicher bin ich nur: sowohl Alter als auch Farbe lassen sich bestimmen: für mich wäre dieses Verbum entschieden geeigneter.
Bleibt das Problem der Steigerung: Wenn kaum noch auf Farbe zutrifft, müsste Alter nicht mehr bestimmbar sein; träfe kaum noch auf Alter zu, dürfte Farbe noch einigermaßen bestimmbar sein! Wie da rauskommen?
Ich würde auf die Steigerung verzichten: .Saum eines dunklen Mantels, dessen Farbe und Alter nicht mehr zu bestimmen sind. zurück
Man stelle sich folgenden Satz vor: Das Grauen ist schnuckelig klein, und es schüttelt ihn mit rohen Fäusten. Alles klar? Prima! Dann geht’s wieder zurück.
Sollte es noch nicht klar sein: Die Größe = Stärke des Grauens ist bildlich dargestellt: Es schüttelt den Jungen mit rohen Fäusten! Dieser Satz sagt alles, er beschreibt die Auswirkungen. Niemand käme auf die Idee – stünde dieser Satz alleine – an ein kleines Gräulein zu denken! Der erste Teilssatz ist völlig überflüssig, denn er benennt nur! Heißen muss es: Das Grauen schüttelt ihn mit rohen Händen. zurück
Wie entscheidend für ein Verständnis dieses Satzes ist es, dass hier ein ganz bestimmter Krieg und eine ganz bestimmte Gefangenschaft betont wird durch die bestimmten Artikel? Reichte nicht aus: der die Folgen von Krieg und Gefangenschaft nicht überlebt hat? Ich denke: doch! Auch Artikel gehören zur Sprache und verdienen es, bewusst gesetzt zu werden! zurück
Ich kann mir im Ernst nicht vorstellen, dass hier das gemeint ist, was da zu lesen steht: der Strom mit seiner salzigen Meeresfeuchtigkeit – denn was für ein Strom sollte das sein, der nur Meeresfeuchtigkeit mit sich führt? Nicht einmal als Rinnsal dürfte dieses Unding bezeichnet werden! Hier verrinnt der Sinn in einer labyrinthischen Satzkonstruktion: vom ewigen Wind mit seiner salzigen Meeresfeuchtigkeit soll es wohl heißen, und diesen Zusammenhang darf man durch weitere substantivische Attribute nicht auseinander reißen.. Oder besser: mit seiner salzigen Meeresfeuchte; das verlagerte den Aspekt mehr auf die Substanz, weg vom Äußerlichen. zurück
Gebete als Bitten an Gott – und nur die können hier gemeint sein – sollen insofern Linderung schaffen, als sie erhört und beantwortet werden. Das ist die Hoffnung. Gebete können aber keinesfalls etwas verweigern, nicht einmal symbolisch personifiziert: sie sind ja selbst Symbol! Gebete können ungehört verhallen, um bei einer typischen Wendung zu bleiben; Hilfe verweigern kann nur der da droben (glücklicherweise nur bei denen, die an ihn glauben); der Satz könnte also lauten: .die Linderung schaffen sollen, aber unerhört verhallen (unerhört öffnete den doppelten Boden, der dieser Situation angemessen wäre; aber das ist nur meine bescheidene Meinung, passt zugestandenermaßen auch nicht zum Stil des vorliegenden Textes. Ungehört erfüllte vorzüglich seinen Zweck.) zurück
Wir wissen nicht viel von dem Bettler, und wir wissen nichts von seinem Weg; der auktoriale Erzähler weiß auch nichts von des Bettlers Weg, also sollte er nicht so tun, als wisse er etwas, als sei von Irgendwoher nach Irgendwohin irgendetwas Bedeutendes; das schrammt gefährlich nahe an der Kitschklippe, und diese Richtung hatte dieser Text bislang nicht nötig: er will eine Geschichte erzählen, was bisher inhaltlich-sprachlich in großen Passagen gelungen ist! Bitte innigst mit flehend erhobenen Armen und vor Inbrunst zitterzuckbebenden Lippen: Weg mit diesem Flachsinn! zurück
Halten zu Gnaden: das sind beileibe keine Worte, weder goldene noch wahre noch erlesene noch erhabene noch tröstende noch erlösende noch befreiende noch liebende noch flehende noch beruhigende noch noch noch; es sind ganz schnöde, einfache, stinknormale und einigermaßen ordinäre Wörter.
Ich hoffe, der Leser weiß die Anstrengung zu würdigen, die es mich gekostet hat, meine chronische Adjektiv-Allergie zu bezwingen, um diese Anhäufung von schmückenden Eigenschaftswörtern aufs virtuelle Papier bringen zu können! Dank auch schön! zurück
Der Bezug zu diesem es folgt unmittelbar in Form der indirekten Frage, damit wird es hinfällig: tilgen! zurück
Wie kann jemand einen Baum sehen, ihn aber nicht erkennen? Welcher Hirnschaden liegt hier vor? Oliver Sacks weiß von solchen organischen Störungen zu berichten – doch dieser Fall ist zum Glück anders gelagert: der auktoriale Erzähler weiß, was in des Bettlers Augen sich widerspiegelt, aber er unterstellt dieses versehentlich dem Knaben. Logisch korrekt könnte dieser Satz lauten: Er erkennt den Schrecken und die Schuld in den Augen des Bettlers nicht. Damit wird wie in der Vorlage deutlich, dass diese Gefühle vorhanden waren, der Bettler also nicht der Schwarze Mann ist, wie die Schwarze Gestalt ganz am Anfang in die Irre führt. Dass ich auf »sehen« verzichtet habe, hängt auch damit zusammen, dass der Junge den Bettler davonrennen sieht – und ich bezweifle, dass der rückwärts gelaufen ist. zurück
Zweimal nacheinander die Präposition nach nebst Nach-barn ist nachgeradezu zu nach-haltig; dabei ist nach allen Seiten verzichtbar, schließlich weiß der Flüchtige nicht, wo Nachbarn sein könnten; um nach Nachbarn zu vermeiden, würde ich nach anderen Menschen vorschlagen, denn die beinhalten selbstverständlich alle Nachbarn und weiten darüber hinaus den Kreis potentieller Helfer aus auf zufällig Anwesende, wenn es schon keine Nachbarn gibt! zurück
Auch hierbei handelt es sich um Wörter. zurück
Da es sich um Wörter handelt, muss es hier viele heißen. zurück
Ein ganz dickes Lob dem auktorialen Erzähler, dass er dem Leser hier kein Hundefleisch auftischt, sondern die Not deutlich macht; das ist viel erschreckender als platt-vordergründige Wahrheit oder wie immer man das betiteln mag. Zudem muss es ja auch kein Hundefleisch gewesen sein.zurück

Textkritik: Datenreduktion – Lyrik

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Wandlern gleich
ziehen Oszillanten
digitalisierend durch integrierte Schaltungen
und baden
im stockenden Datenfluß.

Resultierend
ist nichts meßbar
als
rechtgeeckte Wechselströme
ohne Ziel und Sinus.

© 2000 by Arnold Piok. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Da haben wir ein kleines, feines Gedichtlein, das allen Computer- und Datenfetischisten ins Stammbuch gehört! Allen Technik-Gläubigen sowieso! Und ganz besonders denjenigen, die ihren Computer denken lassen und glauben, sie seien brillant, weil sie mit einer Clipart Brief oder Homepage verunstalten können; die sind nämlich die penetrantesten Datenfetischisten: die halten alles für gut und richtig und wahr, nur weil es da ist!
Was das mit dem Gedicht zu tun hat? Je nun: ohne Ziel und Sinus halt; es sind Assoziationen, die dieses Gedicht bei mir verursacht. Das Gedicht beginnt so gediegen predigthaft, und nichts kommt dabei raus – das hat eine wunderschöne Fallhöhe!

Die Kritik im Einzelnen

Ich weiß eigentlich nicht so genau, was ein Wandler ist, aber das muss ich auch nicht; mir reicht mein Wissen, dass allerlei gewandelt werden kann: Daten, Spannungen, Strom, Wasser (in Wein); vor allem schätze ich die Assoziation zum Wandern, die sich durch das ziehen noch gewaltig verstärkt!  Das nachgestellte altertümelnde gleich gar schafft halbvergessene Bibelverse ans Tageslicht: … und Jesus wandelte unter ihnen und sprach. Da schleicht sich doch ein Grinsen in mein Antlitz? Fürwahr! zurück
Jetzt jedoch schleicht sich Zweifel ein: sollte ich mich nicht doch um das rechte Verständnis von Wandler bemühen? Hier scheint mir eine unnötige Verdoppelung vorzuliegen: selbstverständlich sind Rechteckschwingungen (schön, dies rechtgeeckte = zurecht gerückte, nicht mehr an-eckende) keine Sinusschwingungen: warum wird das betont? Oder ist das Unwissenheit? Nö: das glaub ich einfach nicht!
Denn: so ganz ohne Ziel und Sinn, so ganz ohne Ziel und Sinnus scheint es mir doch nicht zu sein. schleicht sich da etwa wieder so ein feines Grinsen in mein oberwähntes Antlitz? Wahrlich! zurück

Textkritik: Märchen für Erwachsene – Rapunzel – Prosa

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Ich liebe Rapunzel. Ja, genau die! – Jene, deren Haare ständig als Aufzug missbraucht werden. Ich missachte sogar, dass .zig andere im Haar des Weibes herumwühlen, das Gegenstand meiner Anbetung ist.
»Rapunzel, Rapunzel, lass mir dein Haar herunter«, schreie deshalb auch ich in luftige Höhen. Dann pfeife ich unser besonderes Signal. Heute reagiert sie besonders schnell. Das wundert mich aber nicht, denn nur ich kann ihr geben, wonach sie lechzt.
»Oh-oh-oh. Ich hab schon so sehr darauf gewartet!« Ihre an sich schmerzliche Stimme tönt diesmal besonders schrill: »Schick mir eine doppelte Portion herauf – bitte!« Rapunzels Kopfschmerzen müssen arg sein.
Schon neigt sich die Prinzessin aus dem Turmfenster. Doch noch habe ich keine Zeit, den Anblick zu genießen. Erst muss ich Tabletten aus einem Beutelchen kramen. Ich höre ein Fffft. Dann ein Plumpsen. Doch nein, es ist nicht der Zopf, nichts baumelt neben mir. Es ist – nun ja .
Aus der Ferne sieht Rapunzel gut aus. Besonders jetzt, ohne ihren ständigen Begleiter, den Eisbeutel. Das liegt daran, dass sie ihn verloren hat. Vorhin, als sie sich aus dem Fenster beugte. Sinnend betrachte ich ihn, der nun zu meinen Füßen liegt. Der Beutel schwitzt, sein eisiges Innenleben schmilzt dahin. Wie ich! Er wegen der Sonne, ich wegen meiner Begehrlichkeit, Rapunzel endlich zu erobern.
Meine Angebetete wickelt auf ihre bedächtige Art den langen Zopf ab. Teile des Flechtwerkes formen am Fensterbrett einen goldfarbenen Turban. Schon fordert dicker, kräftiger Haarwuchs weitausholende Gesten der Prinzessin. Ihr Oberkörper wiegt sich in Tanzbewegungen der Sheherezaden. Das anmutige Rollen der Schultern, die zierlichen, zugleich kräftigen Drehungen der Oberarme machen mich ganz knieweich. Und – oh – dieser Busen! Halbkugeln im Ungleichgewicht. Unwillkürlich krümmen sich meine Finger, umfassen visionär Wohlgeformtes.
Da! Das geflochtene Turban-Ungetüm am Fensterbrett verlagert sein Gleichgewicht! Der unvorhergesehene Absturz ihrer Haarpracht lässt Rapunzels Kopf nach vor rucken. Die – vermutlich – sanfte Stirne knallt gegen das Fensterbrett. Rapunzels Zopf schwingt sich als schwergewichtige Luftschlange zu mir in die Tiefe.
Mit einem Hechtsprung bringe ich mich in Sicherheit.
Knisterndes, nein knirschendes Farn umfängt mich. Offensichtlich eine besondere Sorte, denn mir schwindelt. Plötzlich gibt die Erde unter mir nach. Von heftigem Knacken begleitet, plumpse ich in ein Erdloch. Faulendes Holz rieselt von zersplitterten Bohlen.
Ich sehe über mir ein Stück blassen Himmel, also lebe ich noch.
Etwas Goldfarbenes baumelt vor meinen Augen. Es kitzelt mich! Ach ja! Rapunzels Zopf! Ärgerlich schiebe ich ihn beiseite. Ächzend steige ich einige Steinplatten hoch, welche mir als Treppe den Weg nach oben weisen.
Als Treppe!
Da kommen Scharen von Prinzen angereist, sogar einige verheiratete Könige. Sie schmachten Rapunzel an – und verschmachten am Fuß des Turmes, den sie bewohnt.
Und ich, der ich so klug bin, Rapunzels Eisbeutel-Reste für die Beule an meinem Knie zu verwenden, ich, der ich nur ein Scharlatan bin, ein arbeitsloser Prinz, der Wunderpillen gegen Kopfschmerzen verkaufen muss, um zu überleben, ich weiß, was zu tun ist:
Ich werde eine Treppe bauen – hinauf zu Rapunzels Kemenate.
Inzwischen formuliere ich meinen Minne-Antrag. Den sag ich aber erst auf, sobald ich weiß, wie sie wirklich aussieht.

© 2000 by Ilse Scherr. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Da hat jemand eine reizvolle Idee: jemand stellt sich vor, wie Rapunzel tagtäglich Besuch bekommt und – wegen einer chronischen Schwäche der Nackenmuskulatur – immer wieder mit der Stirn auf das Fensterbrett knallt, während die Besucher zu ihr emporklettern, was natürlich Kopfschmerz verursacht, der bekämpft werden will. Da lässt sich was draus machen!
Aber was macht jemand? Jemand vergisst vor lauter und lautem Beifallsklatschen der Gehirnzellen, dass eine Erzählung geschrieben werden will, genauer: ein Märchen, noch genauer: ein Märchen für Erwachsene. Was geschieht?
Das Schlimmste, was einem passieren kann: Ein Vorhaben zerfasert und verirrt sich rettungslos in heillosen Assoziationen, und schellenlaute Effekthascherei vernichtet noch die versehentlich übrig gebliebenen Restbestände von Sinn. Ergebnis: verkrampfter, quälender Unsinn. Schade um die verschwendete Zeit!

Zum Trost ein kleines Drama von Margarete Jehn, betitelt Rapunter, unterbetitelt Ein Seniorendrama:

Der fürchterlich gealterte Prinz legt die Hände an den Mund und ruft zum Turmfenster hinauf.
DER PRINZ:
Rapunter, Rapunter, lass dein Haar herunter!
Er starrt nach oben.
Nichts rührt sich.
Er dreht kleine Verzweiflungsrunden, bleibt abrupt stehen, schlägt sich an die Stirn. Er stellt sich wieder in Positur und ruft zum Turmfenster hinauf.
DER PRINZ:
Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herunzel!
Er starrt nach oben.
Vorhang

Aus: MiniDramen; Alle Rechte beim Verlag der Autoren, Frankfurt am Main

Die Kritik im Einzelnen

Inwiefern wühlen andere in Rapunzels Haar herum? Sie missbrauchen es als Aufzug, heißt es zuvor: das bedeutet, dass Rapunzel die vielen anderen mit ihren Haaren emporzieht; wollen diese vielen den unweigerlichen Absturz vermeiden, sollten sie sich besser festklammern, statt zu wühlen! Oder wühlen sie erst, wenn sie oben angekommen sind (= Märchen für Erwachsene)? zurück
Wenn die beiden schon ein besonderes Signal haben: wozu dient dann der Schrei? Als Ankündigung, dass ein Signal kommt? Das wäre dürftig; besser: Schrei streichen! zurück
Wenn sie heute besonders schnell reagiert, müssen außergewöhnliche Umstände vorliegen, und das sollte ich schon wundern; weil aber ich sich nicht wundert, kann Rapunzel auch nicht besonders schnell reagieren, sondern logischerweise so schnell wie üblich. zurück
Oh-oh-oh sagt überhaupt nichts aus! Ob es ein Ausruf des Erstaunens ist, eine Warnung, ein lustvolles Gestöhne (= Märchen für Erwachsene), Rapunzel ihrem Brüderchen droht oder sich selbst: der Text soll es zeigen, nicht diese hilflos-stammelnde Lautfolge; also hinfort! zurück
Wenn etwas baumelt, kann es nicht Plumpsen: warum wird diese Banalität so aufgebauscht? Und wieso macht ich so ein lächerliches Geheimnis um den Eisbeutel: Es ist – nun ja . Das wirkt erstens verkrampft und ist zweitens völlig überflüssig. Also weg! zurück
Gerade hatte ich keine Zeit, Rapunzel zu begutachten, jetzt schwafelt er über ihr gutes Aussehen, statt sich um das zu kümmern, was da hinunter geplumpst ist: die zuvor überflüssigerweise angelegte Verkrampfung krampft weiter: ebenfalls streichen! zurück
Endlich wird gesagt, dass da ein Eisbeutel runter gefallen ist, angeblich der ständige Begleiter (dazu später mehr) Warum denn nicht gleich? zurück
Jetzt verkrampft sich sogar der Krampf: soooo schrecklich kompliziert ist der Text nicht, als dass jetzt erklärt werden müsste, dass das Hinuntergeplumpste dieser Eisbeutel gewesen ist! Das nachgelieferte vorhin, als . ist bereits peinlich, so bemüht witzig stelzt es einher. Hahaha. zurück
Warum klettert ich nicht einfach hoch? Warum tut er nicht, was all die vielen tun? Hapert’s an seiner Potenz (= Märchen für Erwachsene)? zurück
Das muss Scheherezade heißen, mit es-ze-ha und im Singular, denn es handelt sich um den Namen der Person, die tatsächlich Märchen für Erwachsene erzählen konnte und erzählt hat (1000 und 1 Nacht); der Plural dieser Form gilt für die Märchen selbst, und die konnten keineswegs tanzen, wie hier unterstellt wird. Was also soll der Unfug? Soll das etwa auch witzig sein? zurück
Da ein Busen gemeinhin doppelt vorhanden ist, wäre zumindest ein oh oh angebracht, aber aus oben genannten Gründen sollte es besser ganz entfallen! zurück
Soll das Umfassen visionär sein? Nicht eher imaginär? Schließlich ist der Busen nicht grabschbar, aber durchaus Realität an Rapunzel und nicht nur eine Vision! Oder ist Wohlgeformte visionär? Dann ist ichs Gestöhne angesichts der Halbkugeln eher auf eine Bedauern zurückzuführen, dass Rapunzels Busen diesen visionären Halbkugeln nicht entspricht. Grammatisch ist dieser Satz zutieftst unbefriedigend, denn auch imaginär ließe sich auf Wohlgeformtes beziehen! Sinnvoll könnte es heißen Unwillkürlich krümmen sich meine Finger, als umfassten sie Wohlgeformtes! Damit wären sowohl das falsche visionär und die Unklarheit im grammatischen Bezug eliminiert. zurück
Was passiert, wenn jemand sein Gleichgewicht verlagert? In gar keinem Falle erfolgt ein Sturz, denn das Gleichgewicht (was ja kein Gewicht ist, sondern ein Zustand) bleibt bei jeder Verlagerung des Gleichgewichtes erhalten. Etwas anderes ist, wenn jemand sein Gewicht verlagert oder das Gleichgewicht verliert oder das Übergewicht bekommt: da ändert sich der Zustand. Doch wer weiß: vielleicht soll ja auch das ganz bewusst witzig sein. zurück
Dieses Rucken erfolgt erst dann, wenn die Masse des fliegenden Haares zum Stillstand kommt, der Turban sich also abgewickelt hat! Während des Absturzes ruckt gar nichts. Was soll’s: wenn’s der Witzfindung dient, ist wohl jedes Mittel recht! zurück
Erlaubt sei die Frage: was befürchtet ich? Zuallererst erwartet er nach einem Plumpsgeräusch, dass der Zopf neben ihm baumelt: der erreicht also den Boden nicht. Jetzt hat ich Angst, dass der Zopf ihn treffen könnte, und da er sich nicht einfach bückt (dann würde der Zopf über ihm baumeln, nicht neben ihm, was ja zur Lebensrettung genügte), sondern weghechtet, muss der Zopf also doch bis auf den Boden prallen können: wieso erwartete er also (s.o.), dass der Zopf allenfalls neben ihm baumelt? Und – viel schlimmer, denn der letzte Witz geht verloren – Rapunzel würde nicht mit der Stirn auf das Fensterbrett prallen und keinerlei Kopfschmerzen erdulden müssen, da die Fall-Energie des Zopfes sich umwandelt, wenn der Zopf den Boden deformiert: da bleibt nichts übrig für ein Rucken. zurück
Was hat ein Schwindelgefühl mit Farn zu tun, und sei es auch knirschendes? Was soll das für ein kausaler Zusammenhang sein? Es ist eine besondere Sorte Farn, denn ich schwindelt? Ich wird schwindelig, weil ich eine neue Sorte Farn entdeckt hat: den Knirschfarn (filicina stridens)? Oh, oh, oh, au weia & o jemine . zurück
Wenn Bohlen zersplittern, sind sie nicht morsch, und dann rieselt auch kein faulendes Holz, sondern Holzsplitter; faulendes Holz bröselt; und knirschen tut es auch nicht. Was soll das nur? zurück
Es ist eigentlich unglaublich, aber es wird sogar noch blödsinniger! Der Zopf baumelt also bis in das Loch hinein; doch statt ihn zu ergreifen, steigt ich Steinplatten hoch, welche ihm als Treppe den Weg weisen, will sagen: die führen nicht nach oben ins Freie (wo immer das sein mag: der einzige Zugang lag unter Knirschfarn und fauligen Splitterbohlen!), die weisen den Weg dorthin!
Weiterhin: Angeblich hat ich einen Hechtsprung vollbracht, um nicht von den Haaren erschlagen zu werden; jetzt sieht es allerdings aus, als habe er einen Standsalto gesprungen, und haargenau an der Stelle, wo Legionen von Rapunzel-Liebhabern erfolgreich auf die Haare warten, wächst Knirschfarn, unter welchem wiederum morsche Bohlen lauern auf jeden, der sich dort aufhält (bzw. auf den Aufprall entfesselten Haares).
Da komme ich nicht mehr mit. Vermutlich aber ist das ja witzig oder sogar sehr witzig. zurück
Klar: die Prinzen verschmachten alle am Boden, deswegen ist ja die ziemlich seitwärts und zugleich direkt unterhalb gelegene farnbewachsen Holzabdeckung einer treppenbewehrten Höhlung so morsch: ob all der Verwesungprodukte von Prinzen-Scharen, darunter sogar einige verheiratete Könige (als Spezial-Prinzen der ganz besonderen Art); die übriggebliebenen Kochen frisst wohl das Knirschfarn – weswegen es dann eher filicina frendens (mit den Zähnen knirschender Farn) heißen müsste.
Und ganz typisch für »Dümmer geht’s nicht«: zu Anfang des Textes haben noch .zig andere im Haar des Weibes herumgewühlt, jetzt will ich davon nichts mehr wissen, plötzlich ist ich der einzige! zurück
Als Scharlatan verkauft der Prinz Wunderpillen, die nichts taugen (sonst wäre er kein Scharlatan); Scharlatane verkaufen auch nie an die gleiche Person, weil sie nicht erschlagen werden wollen (siehe Haarsturz); die Prinzessin aber verlangt sogar die doppelte Portion: Portion (statt doppelte Dosis) muss wohl auch dem Krampf anzurechnen sein, andernfalls wäre es ja gedankenlos: also müssen die Pillen doch helfen? Der arbeitslose Prinz wäre kein Scharlatan, sondern ein Rapunzel-Wohltäter?
Dennoch outet der Prinz den Eisbeutel als ständigen Begleiter von Rapunzel: nützen die Pillen also doch nichts? Und fällt ihr jedes Mal der Eisbeutel runter, da als ständiger Begleiter er dauernd auf ihrer Stirn lagern müsste (sonst wäre er ja keiner), was zur Folge hätte jedes Mal einen Absturz, wenn eine Prinzenschar sich näherte, die Aufforderung rief, Rapunzel ihr Haar herunterwürfe und mit der Stirn, der sanften, aufs Fensterbrett knallte, was ja wohl die Ursache der Kopfschmerzen ist, woraufhin die Prinzenschar in ihrem Haar wühlte und Rapunzel sie hinaufzöge – so wie es der Beginn dieses Textes verkündet? Wie viele Eisbeutel besitzt sie wohl? Oder ist der Eisbeutel sturzfest?
Lassen wir es gut sein: so viele Fragen, so wenig Antworten. Geschwafel und Ungereimtheiten die Hülle und Fülle: Wenn das die Folge ist von »Sire, Geben Sie Gedankenfreiheit!«: nämlich dass ein Text frei von jedwedem Gedanken ist. zurück
Ein guter Rat, lieber Scharlatan: lass es bleiben! Du bist viel zu blöd, eine Treppe hinzukriegen, du warst ja schon zu blöd, die Haare zu ergreifen und dich daran hoch zu hangeln bzw. ziehen zu lassen wie Prinzenlegionen vor dir. Unfassbar, dass du bereits jetzt schon vergessen hast, wie Rapunzel aussieht, und deinen Minneantrag kannst du freiwillig vergessen: du wirst dieser Dame nie in Ehren dienen können, du bist ja nicht einmal in der Lage, Kopfschmerztabletten an die Frau zu bringen, die danach verlangt! Wieso? Na, Rapunzel wollte doch Tabletten gegen den Kopfschmerz, und die hast du ihr bislang nicht in die Haare geflochten! Siehst du? Total vergessen hast du das! Na ja, macht nix: leg dich sterben, der Farn wird den Rest erledigen: Gute Nacht! (Braver Kerl: der tut jedenfalls, was man einem sagt! Treppe bauen? Lächerlich.) zurück

Textkritik: Fundbüro – Prosa

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Heute Morgen erwachte ich von einer Überraschung. Ich lag auf dem Boden, mein Zimmer gähnte mich an, umgab mich mit leergeräumter Gleichgültigkeit, die Wände waren nachts geweißelt worden, wer außer mir besitzt einen Schlüssel zur Wohnung, überlegte ich laut, und wie haben die Diebe, ich legte mir bereits Absicht und Kausalität zurecht, das Bett unter meinem Schlaf hervorziehen können, nicht einmal die Postkarte hing mehr über meinem Kopf, die von Schiele, mit seinen beiden Händen, 1917, gefaltet, als würden sie beten, sehnig und grob, durchfahren von Adern und Venen, sie haben mir immer Halt gegeben, gerade wegen des plötzlichen Abbrechens hinter den Ellbogen.
Nach einer kurzen erschreckten Bestandsaufnahme – Bad und Küche waren verschwunden, wo sonst die Türen wenigstens Möglichkeit gaben stehen zu bleiben oder weiter zu gehn, stieß ich jetzt auf sauber gestrichene Wand, nicht einmal Narben fielen mir auf, als wäre dort vorher nichts Anderes gewesen – begab ich mich in die Stadt um auf dem zuständigen Amt den Verlust anzuzeigen.
Die Schlange vor dem Schalter war lang, es dauerte eine Weile, bis man die Person hinter dem Glas ausmachen konnte, ein feistes geschlechtsloses Gesicht, stark überzogene Brauen, rote, umrandete Augen, ein geschwollener Mund, dessen schiefe Oberlippe akuten Herpes folgern ließ, beide Oberarme dermaßen dick, dass der Hemdsstoff, eine seidige Imitation, wie die Epidermis einer Wurst um sie herumlag. Etwas angeekelt wandte ich mich dem amtlichen Bogen zu, welchen man auszufüllen hatte.
Da keine Tische zur Verfügung standen, nur einer, weit entfernt, es wäre ein Wahnsinn gewesen den Platz in der Schlange zu verlassen, nutzte man jeweils den Rücken des Vorstehenden zum Schreiben, eine krakelige Angelegenheit. Der Bogen war übersichtlich gestaltet, aber mit unmöglichen Fragen und Leerstellen bevölkert, schon die erste Angabe, Name und Herkunft, schien mir unlösbar. Ich schielte auf das Blatt meiner Vorfrau, eine schlanke Wohlform, sie hatte mit Kugelschreiber einen langen Strich über die erste Seite getan, Name, Herkunft, Wohnort, Blutgruppe, Größe, Aussehen, Anzahl der Kinderkrankheiten, Familienstand, Beruf, Vorstrafen. Sie bemerkte meinen schmulenden Blick und wandte mit fragendem Ausdruck den Kopf. Es war nicht zu erkennen, ob der Ausdruck auf mich bezogen oder durch mich hervorgerufen wurde.
Ist Ihnen aufgefallen, begann ich leise und verlegen, alle persönlichen Angaben sind offensichtlich nicht durchführbar, woran das wohl liegen mag. Sie hob ihre Schultern, eine lange Bewegung, in die ich mich ohne Zögern verliebte, und sagte, mag sein, das liegt an dem schleichenden Verlust, über Nacht, und wie geht es Ihnen? Jemand weiter vorn in der Reihe sah zu uns herunter, das alles sind Angaben, die von der zuständigen Behörde gemacht werden, deshalb sind Sie doch da, nicht wahr, woher sollen Sie dergleichen denn wissen, aber Sie werden sich einen neuen Bogen besorgen müssen, wenn Sie Vermutungen angestellt haben, nicht wahr, machen Sie sich auf einigen Ärger gefasst, es reißt Ihnen jeder den Kopf ab hier, auch wenn Ihr Gesicht bereits fehlt.
Ängstlich und eingeschüchtert sahen wir uns an, ob ein Durchstreichen wohl schon eine Vermutung ist, ihre Hände begannen zu flattern, einen Moment später auch meine, als stünde ich in irgendeiner Verbindung mit ihr, ich weiß nicht, aber vielleicht können Sie den Durchschlag noch nutzen, wenn der Kugelschreiber nicht zu stark durchdrückt. Dankbar lächelnd wandte sie ihren Kopf wieder nach vorne und ließ ihre Schultern sinken, ich hatte Lust sie zu streicheln, tat es aber nicht.
Hinten, am Eingang, entstand ein Getümmel, als ein Mann sich in die Reihe der Stehenden drängte und murmelte, schimpfte, den Blick auf den Boden gerichtet, mit seinem dunklen Gesicht nach den zurecht zürnenden Menschen ausschlagend, er trug eine sibirische Pelzmütze, einen langen Lodenmantel, die linke Hand hielt, wie im Krampf, einen schwarzen Aktenkoffer, vielleicht ein Beamter, sagte die Wohlform vor mir, mag sein. Wir sahen uns stumm an, sie legte sich in meine Augen, aber als meine Lider sich senkten, verließ sie die Iris jäh und mit furchtbarem Atem und ich wusste nicht, ob ich etwas erwidern sollte.
Das ist nicht der richtige Weg, flüsterte sie vor sich hin, wie bitte, ich beugte mich an ihre Schulter heran, an die linke, in die ich mehr als in die rechte verliebt war, das ist nicht der richtige Weg, flüsterte sie noch einmal, deutlicher jetzt und zu mir gewandt. Inzwischen waren wir kurz vor dem Schalter zu stehen gekommen. Als ich zur Seite sah, blitzte mich fremd und zu nah jener boshafte Blick an, den ich zuvor schon gesehen hatte, lass mich bloß vor, du seniler Berührbarer, zischte der dunkle, fast schwarze Mund in dem verrückten Gesicht.
Ich besann mich einen Augenblick lang, der Mann sah zu meiner Vorfrau hin, zischte, er lässt mich nicht vor, ich habe ein Recht darauf, sagen Sie ihm verdammt noch mal, er soll mich jetzt vorlassen, he, hören Sie mich, und sie drehte sich um, ohne Erstaunen, musterte mich, als sähe sie mich zum ersten Mal, nun machen Sie ihm doch Platz, vielleicht geht es dann schneller, ich spürte den Trotz in mir, sagte, ich sei zuerst hier gewesen und immerhin habe er kein zugelassenes Signal, wenn er es hätte, würde ich gerne zur Seite gehn.
Dann aber, plötzlich und ohne zu wissen warum, nahm ich die Hand des dunkelhäutigen Mannes, führte sie an meine Stirn, küsste sie und sah in die blitzenden Augen, die langsam verschwammen, weil wir uns nah standen, du bist nicht der Erste, du hast nichts zu tun, aber wir sind alle gesichtslos, warum willst du das nicht endlich verstehen, komm endlich herunter von deinem Baum und gib denen zurück, die du bestohlen hast, ich weiß es doch, wir wissen es alle hier, du musst dich nicht länger verstecken, du musst nicht den Amtsweg beschreiten, damit du nicht bloßgestellt scheinst, gib dich auf, sag, dass du Dieb bist, gestohlen hast, sag es, aber da lief er schon weinend weg, eine Treppe hinunter, ins Freie, das vorher nicht da gewesen war, und meine Wohlform lief ihm hinterher.
Ich hatte meinen Platz gerettet, sogar einen dazu gewonnen, worauf es mir immer nur ankommt, reden und einlullen, die Tiefen der andern berühren, damit sie sich loslassen und fortlaufen, damit ich den Platz nehmen kann, den sie freigeben, ich stand direkt vor dem Schalter, aber was hatte ich gewonnen, das feiste Gesicht sah mich an, drückte mir einen Türschlüssel in die Hand, sagte, sehen Sie dort nach, und die spiralförmigen Schallwellen seines Lachens drückten mich fort, aus der Reihe, dem Gleichmaß hinaus.

© 2000 by Frank Reinhard. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Eine meisterliche Erzählung! Und eine tiefe Verbeugung meinerseits!
Der Verzicht auf Vordergründiges, der durchgehalten-atemlose Stil, das Selbstverständliche des Bizarren, Absurden, Unerwarteten, die präzise sprachliche Gestaltung: eine wunderbare Komposition!

Die Kritik im Einzelnen

Das kann nicht sein: die Überraschung wird durch eine Veränderung bewirkt, die frühestens wahrgenommen werden kann mit dem Aufwachen; die Überraschung ist also nicht Ursache des Aufwachens, welches Missverständnis durch die Präposition von provoziert wird: Heute Morgen erwachte ich mit einer Überraschung träfe den Sachverhalt besser! zurück
Sicherlich ist die Bestandsaufnahme nicht erschreckt (was ja nur ein Augenblick ist), und auch nicht erschrocken: das ist der Bestandsaufnehmer. Die Partizipialkonstruktion führt in die Irre, denn das Subjekt muss genannt werden: Erschrocken machte ich eine kurze Bestandsaufnahme. zurück
Es handelt sich um zwei Möglichkeiten, müsste also Möglichkeiten heißen; ersetzte man gaben durch eröffnen, fände sich ein weiterer Bezug zu Türen: ., wo sonst die Türen zumindest die Möglichkeiten eröffneten, stehen zu bleiben oder weiter zu gehen, . (jetzt bleibt nur noch die Möglichkeit, stehen zu bleiben). zurück
Dieses Wort lese ich zum ersten Mal (Word – immer wachsam – schlägt Erstaunliches als Verbesserung vor: Schmuländen z.B.: was in Bill Gates Namen soll denn das für eine Verbesserung sein? Was soll das überhaupt sein?). Hat schmulen was mit Schmu zu tun, diesem leichten Betrug? Ah jetzt: da: Duden weiß: landsch. für verstohlen blicken, schielen! Gefällt mir, dieses Wort! Wüsste jetzt noch gerne, in welcher Landsch. solch hübsche Wörter gebräuchlich sind. zurück
Wenn von der zuständige Behörde diese Angaben bereits gemacht werden: wozu müssen dann die Bögen noch ausgefüllt werden? Sind es Daten, die die Behörde einmal erhoben hat und jetzt zur Kontrolle erneut verlangt? Sind es Daten, die die Behörde hier neu erhebt? Ich verstehe den Satz nicht. zurück
Ich bin mir nicht sicher – aber: mehrmals habe ich Atmen gelesen, das erschien mir unbewusst offenbar einleuchtender: Und ich muss meinem Verleser Recht geben: sie verließ die Iris jäh und mit furchtbarem Atmen; hier unterstützte ein plötzliches furchtbares Atmen  das jähe Verlassen: Das wäre ein einmaliges, besonderes Atmen gegenüber dem normalen, während ein furchtbarer Atem einfach ein furchtbarer Atem wäre, also ein beständiges furchtbares Atmen. zurück
Dieses Teilsätzchen darf getrost fehlen: es folgt weder positive noch negative Reaktion der gestreichelten Wohlform, sondern unser Protagonist wird durch das entstandene Getümmel abgelenkt (was ich mich freue, sogar in diesem vorzüglichen Text etwas zum Streichen gefunden zu haben .) zurück
Ach: warum ausgerechnet hier die schöne Wohlform zu einer nüchternen Vorfrau degradieren, wenn Pelzmützen-Ekel sich gerade an sie wenden will? Lieber Frank Reinhard: Lassen Sie der Wohlform ihren angestammten Namen! zurück

Textkritik: Poesie und Prosa – Lyrik

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»Prosa ist der Tod«,
Sagte der Schwan und kotzte.
Ich sprach: »Mein Engel,
Du bist schön, auch wenn du kotzt –
Auch Prosa ist Poesie«.

© 2000 by Fr. Wagenfeld. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Das ist überhaupt kein Gedicht!

Obst und Orangen
von Malte Bremer

»Orangen sind der Tod«,
Sagte der Schwan und kotzte.
Ich sprach: »Mein Engel,
Du bist schön, auch wenn du kotzt –
Auch Orangen sind Obst.«

Wer Poesie mag, muss keine Prosa mögen; wer Obst mag, darf Orangen verweigern. Das ist dermaßen trivial, dass es schon weh tut beim Hinschreiben – aber irgendwas muss ich schreiben, denn irgendeinen Sinn muss doch die Belehrung am Schluss haben – doch welche, welche, welche???
Was in aller Welt soll dieser Text? Wer hilft? Wer klärt auf?

Die Kritik im Einzelnen

»Prosa ist der Tod«, sagte der Schwan und kotzte. Ich sprach: »Mein Engel, du bist schön, auch wenn du kotzt – Auch Prosa ist Poesie«.
Was ändert sich eigentlich, wenn ich dieses Gedicht als fortlaufenden Text schreibe? Nichts ändert sich; die Form ist vollkommen willkürlich, es gibt keine, es gibt auch sonst nicht das klitzekleinste Hinweislein darauf, dass es sich um ein Gedicht handeln könnte: kein Metrum, keinen Reim, keine Bilder (außer einem kotzenden Sprechschwan, der mein Engel heißt und keine Prosa mag).
Warum also diese Form? Soll das ein Beweis sein für »Prosa ist Poesie«? Dann wäre es ein miserabler und würde nur das Vorurteil unterstützen, dass Poeten, sofern sie sich als Lyriker gebärden, ihre Zeilen lediglich ganz prosaisch zusammenstoppeln.
Was bleibt von diesem »Gedicht« außer dem kotzende Schwan und dem entsprechenden Nachgeschmack? zurück