Textkritik: wäre rockstar geworden – Lyrik

Eine Textkritik von Malte Bremer

wäre rockstar geworden

von Jochen Weeber
Textart: Lyrik
Bewertung: 5 von 5 Brillen

wäre
rockstar
geworden

wenn ich
nicht so

ein sensibelchen
wär
(sagt mutter)

oder nicht die füße
unter seinem
tisch gehabt hätte.

mit 15 geträumt
er schnalle
mir die
gitarre um
und

one two
test und all

so kram
brüllen

das ist
nicht das
schlechteste.

bechern in
backstagebereichen und

weiber,
weiber haben

vater wäre neidisch
(bier und weiber, beides gratis)

mutter wäre
sensibelchen

und ich

würde
nie im
leben mehr

tauschen wollen

mit diesem
hässlichen
tisch aus den sechzigern

© 2000 by Jochen Weeber. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Ein feines Gedicht! Es kommt so schmunzel-leicht daher, charakterisiert dabei so treffend die Aufbruchträume, in und mit denen man es allen zeigen kann, denen man es zeigen will – vor allem den Eltern, die als personifizierte Besserwisser & Belehrungs-Institution grundsätzlich sowieso die allerschlimmsten sein müssen (so sehr man sie – klammheimlich – auch schätzt…)! Klarer Aufbau, Spiel und bewusster Umgang mit Sprache, Beschränkung auf das Wesentliche: Lob, Lob und nochmals: Lob!

Die Kritik im Einzelnen

Das Gedicht beginnt mit diesen drei Zeilen; es hat selbst keine Überschrift. Aber ich wollte dieses Gedicht nicht einfach »Ohne Titel« nennen, denn das wäre ja einer. Also habe ich – wie es häufig und üblich ist – die erste Zeile (in diesem Falle die Strophe: »wäre« wäre zu albern gewesen) als Überschrift und damit Kennzeichnung gewählt.
Im Übrigen möchte ich zu Kritik etwas sagen: Allzu häufig wird darunter nur die Kennzeichnung von Fehlern gedanklichen, inhaltlichen und sprachlichen Ursprungs verstanden. Kritik ist aber einfach eine gedankliche Auseinandersetzung und enthält per se Positives – soweit vorhanden. Die folgende Kritik enthält nur Positives! zurück
In den ersten vier Strophen klingt das Thema an:  der Wunsch, Rockstar zu werden, Mutters Einschätzung des Lyrischen Ichs sowie Vaters patriarchalisches Machtwort in seinem Reich. Hat Mutter eigentlich recht mit ihrer Bezeichnung? Immerhin wird »sagt Mutter« eingeklammert nachgeschoben, als der Satz »wenn ich nicht so ein Sensibelchen wär« eigentlich bereits beendet ist und bis dahin als Selbsteinschätzung durchgehen kann. Beide Sichtweisen sind möglich: das erzeugt eine leise Spannung. zurück
Hier ist für mich die einzig rätselhafte Stelle: wer ist das, der dem lyrischen Ich die Gitarre umschnallt? Von den genannten Personen kommt nur der Vater in Betracht – aber warum sollte der seinen Sohn wegschicken? Schließlich kann er ihn dann nicht mehr erziehen!
Wenn er die Traumvorstellung des lyrischen Ichs ist, müsste er aber sich die Gitarre umhängen und nicht dem lyrischen Ich. Eine starke Identifizierung von Traum-Ich und dem lyrischen Ich kann auch nicht gemeint sein, denn die ist bereits in der ersten Strophe festgezurrt. Ist ein ungenannter Rockstar gemeint, der das lyrische Ich auf die Reise schickt, ihm quasi einen Anstoß gibt? Ist es eine Identifikation, die während dem (vorgestellten) Schreibprozess sich ereignet: das gealterte lyrische Ich erinnert sich an seine Wünsche, die ihm inzwischen sehr fremd geworden sind, aber sie werden beim Schreiben immer vertrauter, so dass aus dem fremden er (dem jungen lyrischen Ich) unerwartet ein vertrautes ich wird?
Warum ich mir solch umständliche Gedanken mache? Weil ich bei diesem Gedicht den Eindruck habe, dass an ihm gearbeitet und gefeilt worden ist. Ich mag mich täuschen, aber das würde mich nicht ärgern. Es kann auch ganz anders sein: Vielleicht liegt ein Abschreibfehler vor (nicht von mir), und es müsste heißen »er schnalle sich die Gitarre um« oder sogar »ich schnalle mir die Gitarre um«. Autor allein weiß! zurück
Nach den vier Eingangsstrophen mit Wunsch und Hindernissen nun in vier Strophen die Situation vor dem Konzert; schön die Irreführung beim Mikrofontest: Nach one, two und test erwartete ich selbstverständlich ein wenn nicht englishes, so doch zumindest germishes all – um dann unvermittelt in das umgangssprachlich-lässige “all so Kram brüllen” zu geraten: fein gemacht! Zu meinen eigenen Band-Zeiten fand ich mich auch immer großartig, als ich mit umgehängter Gitarre fachmännisch das Mikro testete, am besten vor Publikum, obwohl ich doch nicht singen durfte, weil ich es nicht konnte. Nein: »das ist nicht das schlechteste«, das kann ich voll und ganz bestätigen. zurück
chan in ckstäidschraichän: Ich bitte um Entschuldigung wegen der Schreibweise, aber sie hilft vielleicht, die Alliteration (be bzw. ba) und die Vokalharmonie zu verdeutlichen, womit diese beiden harmlosen Zeilen gespickt sind! »bechern in backstagebereichen« – das klingt, das macht Laune zum Mitbechern! zurück
Das Konzert selber fehlt logischerweise in diesen vier Strophen, denn ein Rockstar zeichnet sich nicht durch die Musik aus, sondern durch seine Beliebtheit (ich hatte gerade Beleibtheit getippt und dann kritisch an mir hinabgemustert.) und das Hinterher: das vor allem! Damals hießen diese Wesen Groupies. Was für Vorstellungen eines Pubertierenden vom vollen Leben, das er bei den Eltern nie hätte leben dürfen/können/wollen: Wein, Weib und Gesang hieß das vor meiner Zeit, sex and drugs and rock’n’roll in den 60er und 70ern. Und heute, im Jahrhundert der vielen Nullen?
Unser lyrisches Ich ist hier voll in seinem Element: Bier und Weiber, dass Vater neidisch wird auf seinen Sprössling, der das wahre Leben leben kann, das Vater nie hat leben können; Bier und Weiber, dass Mutter jammert und verzagt (wunderbar die Umkehrung des »sensibelchen«). zurück
In den letzten 4 Strophen wird die Abrechnung endgültig vollzogen: Das traumverlorene lyrische Ich würde nie im Leben (!) mehr zurück wollen ins Elternhaus: es ist selbständig geworden (das schreibt sich jetzt selbstständig: hat man mir erfolgreich ausgetrieben, muss ich mühsam wieder lernen – falls ich das will!).Wo war ich? Ach ja: das lyrische Ich ist selbstständig und selbstbewusst geworden, hat sich sogar eine eigene einzeilige Strophe verpasst: frappierender lässt sich Selbstbewusstsein in einem Gedicht nicht demonstrieren! Das ehemalige Zuhause ist fremd geworden und überflüssig; in dieser vorgestellten Entfremdung wird der symbolische Tisch aus der vierten Strophe, unter den man die Füße gestreckt hat, zu einem konkreten hässlichen aus einer bestimmten Zeit, mit dem man nichts mehr zu tun haben will.
Das alles aber bleibt Fantasie, wird spielerisch vorweggenommen: man ist nicht Rockstar geworden, wie die erste Strophe beweist! Man schaut vielleicht MTV oder VIVA2 und seufzt gelegentlich, man ist Bankangestellter oder Versicherungsvertreter oder Literaturkritiker oder oder und hat einen hässlichen Ikea-Tisch. Wird darunter auch mal jemand seine Füße strecken und deswegen leiden (müssen)?
Im Gegensatz zu Vater gilt Folgendes: Rockstar sein: Das ist nicht schwer! (Rockstar werden leider sehr!) zurück

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