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Textkritik: Hausapotheke – Prosa

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…nehmen wir doch für einen Moment an, wir könnten das Leben in kleinen Dosen zu uns nehmen, wann immer uns danach ist…

Das Schränkchen ist weiß, außen und innen. Es hat drei Ablageflächen aus vergilbtem Plastik, bei denen ich mich gar nicht mehr daran erinnern kann, wie sie wohl vor dem Verfärben ausgesehen haben.
Ganz unten liegt die tägliche Dosis. Noch vor dem Zähneputzen hole ich mir davon, nehme einen tiefen Schluck aus der Flasche, schließe meine Augen und besinne mich auf Altbekanntes, fühle Gewohntes und glaube für einen Moment fast, ganz gewöhnlich sein zu können.
Manchmal schüttle ich die Flasche ein bisschen, das verändert den Geschmack und ich beobachte so gern die kleinen abgelagerten Partikelchen, wie sie durch die dickflüssige Flüssigkeit schweben, um sich nach gewisser Zeit doch nur wieder auf dem Boden zu sammeln und dort zu verharren.
Genau so lange, bis ich wieder in der Laune bin, sie tanzen zu sehen.

Auf der Ablagefläche in der Mitte habe ich direkt zwei Auswege. Rot und Grau.
Mit den roten Pillen kann ich jemand ganz anders sein. Und mein Gegenüber habe ich direkt dabei. Wir lachen und sind unbeschwert, ich gebe mich geheimnisvoll und bin stark, so stark, dass ich die Tabletten gar nicht immer brauche, dass ich sie manchmal, ohne sie zu schlucken, einfach wieder ausspucken kann, mit voller Wucht gegen den Spiegel, sodass sie noch ein klimpernd klirrendes Geräusch machen, wenn sie in den Spülstein fallen. Manchmal spüle ich sie dann einfach den Abfluss herunter, denn ich bin nicht auf sie angewiesen, sie haben keinen Wert.
Die grauen Pillen zeigen mir das Leben. Sie lassen mich den Regen sehen, den Wind spüren, sie brennen mir die Sonne auf den Leib.
Sie klären meinen Blick und richten ihn für einen Moment auf das Wesentliche, oder auf das, was mich im Wesentlichen traurig macht.
Sie erfrieren meine Tränen, sodass sie, auch wenn sie längst herausgeweint sind, nicht verschwinden, sodass sie nie nie wegtrocknen können, sondern auf ewig als vereiste Tropfen in meinen Augenwinkeln hängen.

Auf der obersten Ablage liegt die Lösung, der Ausweg, die letzte Tür. Die Nadel der Spritze ist schon benutzt, ihr Inhalt noch fast vollständig. Ich hab schon am Türknopf gedreht, die Tür schon geöffnet, bei den ersten Malen nur einen Spalt, nach und nach einen Blick mehr riskiert und inzwischen schon den ganzen Kopf durch die Tür gestreckt. Ich halte ihn mutig in den Gegenwind, in die strahlenden Farben und die seichte Musik. Ich halte ihn in das Ende, das doch gleichzeitig aller Freude Anfang sein könnte.
Ich kann die Spritze nicht verschließen, und so trocknet mir die Flüssigkeit langsam weg. Entweder ich brauche sie auf, oder sie wird sowieso irgendwann einfach nicht mehr da sein, sie wird sich verflüchtigt haben, vielleicht in kleinsten Spuren auf den Schranktürchen liegen und mich mit ihrem Duft an nie genutzte Chancen und eingestürzte Träume erinnern.

Was, wenn ich das verhindere, wenn ich nicht will, dass das Schränkchen bekommt, was mir zustehen könnte, was, wenn ich mir die ganze Ladung schenke, die Tür weit aufreiße und auf die Wiese renne, die sich mir zeigt? Was, wenn ich mich dort fallen lasse, mich in den stacheligen Blumen wälze und den Duft des Plastikgrases ganz in mich aufsauge?
Ich weiß nicht, ob ich dort bleiben dürfte. Ob sich nicht doch plötzlich die Tür noch einmal öffnet, oder eine andere, ob nicht plötzlich ein langer Arm nach mir greifen wird, an mir zerren wird, um mich dorthin zu bringen, wo ich noch nicht einmal mein Schränkchen habe und mir das verweste Gras an meinen Füßen als einzige Erinnerung an die Freiheit bleibt?
Was, wenn ich die Tür von innen öffnen möchte, wenn ich gehen möchte, meinen Schrank aufzufüllen?

Heute Morgen bin ich ins Bad gegangen, verschlafen tapste ich zum Spiegel, schaute hoch und bemerkte es sofort.
Mein Schränkchen war weg. Und damit alles vorbei.

© 2003 by Sarah-Ilona Funken. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Schade: Die angekündigte Absicht gerät im Verlauf des Textes überraschend früh aus den Augen & dem Sinn. Sprachlich sind durchaus gelungene Passagen vorhanden, es werden aber zu viele Worte gemacht; insgesamt fehlt der Erzählung eine zielgerichtete Durchformung: Was will ich eigentlich erzählen? Und wie erzähle ich das, was ich eigentlich erzählen will? Es bleibt bei guten Ansätzen.
Leben in kleinen Dosen: ich werde irgendwie den Verdacht nicht los, das hierbei fälschlicherweise an Drogen statt Leben gedacht wurde; dafür spricht die Hierarchie von unten nach oben in der Folge Flasche – Pille – Spritze, die inhaltliche Steigerung: Leicht bewegte Normalität – Persönlichkeitsveränderung – SchmerzLust (stachelige Blumen und verwesendes Plastikgras), und wenn man so will: Alkohol – XTC – Heroin (aber das sind nur Assoziationen). Wäre das gemeint gewesen, müsste das Vorwort geändert werden. Ich jedenfalls habe es beim Wort genommen und daran die Erzählung gemessen.

Die Kritik im Einzelnen

Wir nehmen also an, dass man das Leben in kleinen Dosen zu sich nehmen kann, wann immer einem danach ist. Das heißt: nehme ich keine Dosis, dann hat sich’s ausgelebt – ich muss mich also darum kümmern, dass die Hausapotheke immer gut gefüllt ist. Richtig? Richtig!
Im untersten Fach lagert gewissermaßen der Alltag, der sich in engen Bahnen ändert, wie es anschaulich im Bild der schwebenden Partikel dargestellt wird, die immer wieder unweigerlich auf dem Boden der Tatsachen landen. zurück
Da gefällt mir vieles nicht: zunächst einmal würde ich statt auf der Ablagefläche in der Mitte lieber lesen: auf der mittleren Ablage, im vorigen Absatz hieß es schließlich schlicht ganz unten. Dann irritiert mich dieses direkt – es könnte wie das Umgangssprachliche verstanden werden, also im Sinne von sogar, was inhaltlich passen würde; passen könnte auch zwei direkte Auswege, wenn es denn Auswege wären: ich erinnere daran, dass alle Mittel in der Hausapotheke lebensnotwendig sind; woraus aber soll Leben der Ausweg sein? Der Ausweg aus dem Tod? Besser stünde hier zwei Möglichkeiten, und der ganze Satz könnte lauten:
Auf der mittleren Ablage bieten sich sogar zwei Möglichkeiten: rot und grau.
Ich empfehle den Doppelpunkt, denn die beiden Möglichkeiten folgen unmittelbar! zurück
Jemand ganz anderes? Oder nur ganz anders? Ich vermute, das verdankt sich einer nachträglichen Korrektur, die unkorrigiert geblieben ist… zurück
Das ist schlechterdings unmöglich, denn jetzt wird die Grundannahme verletzt! Es ließe sich aber retten, wenn hier der Irrealis verwendet würde: der unterstützte zusätzlich die Stärkefantasien! Weiter: wenn ich etwas geschluckt habe, tue ich mich verdammt schwer, es wieder auszuspucken, es sei denn, ich bediene mich bestimmter unappetitlicher Techniken. Also kann hier weiter gekürzt werden. Aber der Satz ist noch nicht zu Ende: zurück
Klimpernd klirren ist Geräusch genug, da muss kein Geräusch mehr draufgesattelt werden. Eine Gesamtlösung folgt gleich, denn der Satz ist immer noch nicht zu Ende: zurück
Nur eine Kleinigkeit: fallen sie regelmäßig in den Spülstein? Oder springt die Pille der Ausspuckerin ins Gesicht zurück oder bleibt sie am Spiegel kleben (was ein anderes Geräusch wäre) oder stürzt sie sogar auf den Boden? Wenn sie regelmäßig im Spülstein endet (offenbar putzt sich die Icherzählerin die Zähne in der Küche, wo es kein Waschbecken gibt, und hat über dem Spülstein ihr Plastik-Badezimmerschränkchen hängen; je nun: warum nicht?), lässt sich auf die Bedingung verzichten. Das nur als Vorlauf für meinen Verbesserungsvorschlag:
Wir lachen und sind unbeschwert, ich gebe mich geheimnisvoll und bin stark, so stark, dass ich die Tabletten gar nicht mehr brauchte, sondern ich sie einfach mit voller Wucht gegen den Spiegel spucken könnte, sodass sie klirrend in das Waschbecken klimperten. zurück
Wie ist die Protagonistin in den Abfluss geraten, da sie die Pillen zu sich her spülen kann? Es muss hinunter heißen, falls man sich nicht damit begnügen kann, sie  einfach in den Abfluss oder weg zu spülen. Dieses Teilsätzchen könnte nahtlos dem vorhergehenden angehängt werden: . in das Waschbecken klimperten, wo ich sie wegspülte. zurück
Selbstverständlich nicht, ist doch schon gesagt worden, dass jemand die Pillen nicht braucht (dennoch ist die Icherzählerin objektiv auf die Pillen angewiesen wegen ihrer lebenserhaltenden Wirkung – aber die Einleitung scheint endgültig ad acta gelegt worden zu sein); jedenfalls ist der Rest ab dem letzten Link überflüssig. zurück
Die grauen Pillen lassen den Regen sehen, sie lassen den Wind spüren, aber sie brennen die Sonne auf den Leib. Eine Erklärung für dieses eigenwillige Pillenverhalten habe ich nicht; ich wäre damit zufrieden, wenn sie Wind und Sonne spüren ließen – doch wer will schon, dass ich zufrieden bin? zurück
Ist das Absicht oder Versehen? Erfrieren ist ein intransitives Wort, transitiv wäre einfrieren: die graue Pille könnte die Tränen einfrieren oder vereisen lassen (auf dem lassen beharre ich jetzt). zurück
Da hat sich eine Menge angesammelt: 1.) Warum hängen die vereisten Tropfen nur in den Augenwinkeln, wenn alle Tränen vereist werden, auch, die schon längst herausgeweint sind? Wurde bislang nur einmal geweint und das bereits im Ansatz erstickt? 2.) Eis trocknet sehr wohl, auch ohne Umweg über Zu-Wasser-Werden: wer einmal Wäsche bei konstanten Minustemperaturen zum Trocknen aufhängt, wird diese Erfahrung auch in unseren Breiten machen können – sofern er nicht dringend auf die Wäsche angewiesen ist… 3.) Wenn Tränen erfroren werden (was nicht geht, aber man weiß ja, was gemeint ist), dann werden sie – man höre und staune – zu vereisten Tränen! Das ist geradewegs so, als ob, wenn jemand stürbe, dieser in der Regel so stirbt, dass er hinterher tot wäre: der nackte Wahnsinn! Deswegen muss man eigentlich beides nicht besonders hervorheben. 4.) Außer der Ewigkeit ist nichts ewig: das ist ein viel zu langes Wort! Oder ist nie nie noch länger – wobei sich zum zweiten Male die Frage stellt: liegt hier ein Korrekturfehler vor oder wurde bewusst Umgangssprache gewählt?
Es wäre so einfach gewesen: Sie lassen meine Tränen in den Augenwinkeln einfrieren.
So; das zweite Fach wurde fachfraulich begutachtet, der zweite Absatz ist beendet, es folgt der dritte Absatz und damit das dritte Fach: immerhin stimmt bis jetzt die Form! zurück
Drei Nomen werden hier präsentiert, aber keines hat irgendetwas mit der Einleitung zu tun: es geht schließlich keinesfalls um Lösung oder Ausweg oder um eine letzte Tür (wo sind denn – bitteschön – die anderen Türen?!), sondern um die freie Wahl zwischen drei (vier?) unterschiedlichen Lebens-Dosen (ein saublöder Plural, das!). zurück
Was hier mit dem Bild Tür gemacht wird, ist in Ordnung, aber es passt halt nicht zum angekündigten Vorhaben. Ungeklärt ist, wieso Gegenwind identisch sein soll mit dem Ende – aber hier kann ich nichts verbessern. zurück
Auch hier wieder fette Wiederholungen: die Flüssigkeit trocknet langsam weg, die Flüssigkeit wird irgendwann nicht mehr da sein, die Flüssigkeit wird sich verflüchtigen: ja, ja und nochmals ja: ich hatte es doch schon bei wegtrocknen kapiert, und eine Steigerung findet nicht statt, im Gegensatz zu den verschiedenen Türöffnungswinkeln zuvor! Auch das wäre schnell zu bereinigen:
Ich kann die Spritze nicht verschließen! Entweder brauche ich sie auf, oder der Inhalt wird sich verflüchtigen, sich vielleicht in kleinsten Spuren auf das Schranktürchen legen und mich mit seinem Duft an nie genutzte Chancen und eingestürzte Träume erinnern. zurück
Dazu fällt mir nichts ein, das heißt: dazu könnte ich eine Menge sagen, aber ich mag nicht, denn der ganze Absatz hat überhaupt nichts mehr mit dem Thema zu tun: was soll denn ein Plastikschränkchen mit einer Dosis Leben anfangen??? Und wie verwest Plastikgras??? zurück
Der letzte Absatz ist in Ordnung bis auf die letzten vier Wörter (wer es genau wissen will: Und damit alles vorbei): sofort eliminieren!!! Das ist schon kein Zaunpfahl mehr, da bekommt der Leser einen ausgewachsenen Zaun um die Ohren! zurück

Textkritik & Gegenkritik: Hirn mit Ei – Lyrik

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Weil Weiber geistreich Beine spreizen,
wohlweislich seine Reime reizen,
schreibt ein Meister geil bei Zeiten:
»Einfach Eine heimbegleiten

© 2003 by Johann Jandl. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Hier stehen die Eier im Vordergrund, zu wenig das Hirn, will sagen: viel zu wenig wurde gefeilt, als dass ich diese Spielerei so durchlassen könnte …
Wie immer bei solchen unfertigen Texten: man ahnt, was gemeint sein könnte, und man fragt sich, warum manche sich damit zufrieden geben.

Die Kritik im Einzelnen

Hier beginnt das Problem: wie spreizt jemand seine Beine geistreich, egal ob Männlein oder Weiblein? Dies Wort bringt hier so wenig Sinn hervor wie etwa eisfrei oder Schleimbrei, ganz im Gegensatz zu gewagteren Schöpfungen wie feist-dreist und anderen zu findenden Ei-Wörtern – ich kann zum wiederholten Male nur allerdringendst auf den Gebrauch von Reimlexika hinweisen … zurück
Ein Ei hat sich schon verabschiedet und einem o Platz gemacht; das ist minder tragisch, schließlich sind sinnvolle Lautketten schwierig herzustellen, und seit der Barockzeit versuchen sich immer wieder Menschen mit mehr oder weniger Erfolg daran, siehe z.B. die Buchstabensuppe hier im literaturcafe.de (soviel Eigenwerbung muss sein); dass aber besagte Beine spreizenden Weiber mit ebendieser Tätigkeit lediglich Reime reizen wollen statt des Reim-Kleistermeisters höchsteigene Hormone in Wallung zu bringen, will mir nicht in den Dickschädel. zurück
Der Meister ist wider Erwarten doch einigermaßen angetörnt, denn jetzt schreibt er geil. Warum aber schreibt er bei Zeiten? Was droht ihm zu entschwinden? Wieso schreibt er nicht zum Beispiel als Ersatzhandlung, weil er sich nicht traut – schließlich liegen die willigen Weiber ja provozierend bei ihm im Zimmer herum – die folgende Zeile auf zwei oder drei Seiten als eine Art Strafarbeit? Oder ist gemeint, dass der Meister rechtzeitig so schreibgeil geworden ist, dass er nunmehr endlich überhaupt und egal was schreiben kann (was dem Einen sein faulender Apfel, sind dem Anderen gespreizte Beine)? Ach, wer das wüsste … zurück
Da haben wir’s! Das heißt, wir haben gar nichts mehr: ein Weib gefällt ihm offenbar nicht, das will er heimbegleiten; die anderen bleiben bei ihm und spreizen derweil weiter ihre Beine, und er ist den Anblick los – das bedeutet aber doch, er ist gar nicht geil geworden, wie genau eine Zeile zuvor zu lesen war; sollte er aber dennoch geil geworden sein, ist der Reimmeister ein Heimbegleit-Fetischist: ob die Weiber das wissen?
Und für wen er die erlösenden Worte schreibt, wird immer unklarer. zurück

© 2003 by Malte Bremer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

 

Erstmals mit einer Gegenkritik!
Was soll eine Gegenkritik? Ganz einfach: maltes meinung ist meine Meinung, und ich versuche sie nachvollziehbar zu begründen, denn nur so ist Kritik hilfreich. Aber keine Kritik hat Anspruch auf die absolute Wahrheit. Es lassen sich viele Befunde durchaus unterschiedlich bewerten: enthält für mich hohe Plateausohlen ein blödsinniges Adjektiv, weil hoch in der Definition von Plateausohle steckt, könnte das jemand anders als Stilmittel sehen: es wird etwas durch die Wiederholung besonders betont – man denke z. B. an meist unüberlegt hingeschriebene Wendungen wie kaltes Eis oder heiße Sonne. Man kann und darf und soll also durchaus anderer Meinung sein als ich – aber man muss sie begründen! Jetzt, im Mai 2004, erreichte mich eine eMail, die sich mit einem von mir im März 2003 besprochenen Text anders auseinandergesetzt hat als ich und folglich zu einem anderen Ergebnis kommt – mit den erwähnten sorgfältigen Begründungen. Solche Auseinandersetzungen sind überaus sinnvoll und erhellend, und deshalb wollen wir diesen Text den interessierten Besuchern zugänglich machen.
Lesen Sie also zu diesem Gedicht auch die Gegenkritik von Thomas Mechler:

Hallo Herr Bremer,
ich bin gerade auf Ihre Kritik des Gedichtes »Hirn mit Ei« gestoßen, und meiner Meinung nach tun Sie diesem Stückchen doch ein wenig Unrecht. Es ist sicherlich nicht der größte Wurf aller Zeiten, aber so aus dem hohlen Bauch raus hätte ich ihm doch 2-3 Brillen (vielleicht sogar auch noch mehr) vermacht.
Formal würde ich zuerst einmal sagen, dass der Autor seine Spielereien doch auf einem recht akzeptablen Niveau betreibt.
Da ist zuerst die Einhaltung des Versmaßes zu erwähnen, wenn dieses auch im dritten Vers vom vierhebigen Jambus zum vierhebigen Trochäus wechselt. In diesem Zusammenhang halte ich die einmalige Verabschiedung des Ei’s zugunsten eines O’s auch für verzeihlich, denn sie findet auf einer unbetonten Silbe statt.
Zerfällt das Gedicht bereits aufgrund des Versmaßes in zwei Teile, so wird dies noch dadurch verstärkt, dass der erste Teil sowohl durch eine Alliteration eingeleitet wie auch beendet wird. Wenn man ganz spitzfindig sein wollte, könnte man dem noch hinzufügen, dass durch die beiden Ws in wohlweislich der zweite Vers wiederum in Gestalt des Weil Weiber an den ersten Vers angebunden wird.
Als Nächstes finde ich das Reimschema beachtenswert: Wir haben es hier mit zwei Paarreimen zu tun, welche erneut die Zweiteilung des Gedichtes unterstreichen. Auf der anderen Seite entpuppen sich diese Paarreime auch als unechte Reime (spreizen, reizen, Zeiten, …-begleiten), wodurch eine Verbindung zwischen den zwei Teilen des Gedichtes hergestellt wird. Darüber, inwieweit Form und Inhalt miteinander korrespondieren, möchte ich mich jetzt nicht weiter auslassen, denn das ganze soll ja weder einen Abituraufsatz noch eine Seminararbeit ergeben. Es geht mir lediglich darum zu zeigen, dass in diesem Gedicht mehr steckt als eine blödsinnige Spielerei mit den Ei’s.
Aber auch bezüglich der inhaltlichen Kritik kann ich nicht so ganz mit Ihnen übereinstimmen:
Hier steht zuerst einmal die Frage im Raum, wie jemand seine Beine geistreich spreizen kann. Nun, ich denke, darauf gibt es sogar eine ziemlich sinnhafte Antwort:
Mit dem Satz Weil Weiber geistreich Beine spreizen werden zwei Ebenen angesprochen: Während das geistreich auf den Intellekt verweist, spricht das Beine spreizen das Körperliche an. Mann kann diesen Vers also in der Art deuten, dass die Weiber beim Gespräch mit dem Meister diesen auf geistreiche Art zweideutig unzweideutig anmachen. Aber warum tun sie dies? Die Antwort darauf gibt der zweite Vers: Die Weiber versuchen in vollem Bewusstsein (wohlwissend) die Reime des Dichters zu reizen. Das heißt, es geht weniger darum sich mit dem Meister in der Kiste als vielmehr sich in seinen Reimen wieder zu finden. (Pointiert könnte man sagen, es ist der Versuch sich als Muse zu prostituieren, und als Hurenlohn winkt die Unsterblichkeit.) Was macht aber der Meister, anstatt die Weiber erotisch zu besingen? Er schreibt geil wie er ist: »Einfach Eine heimbegleiten!«.
In diesem Zusammenhang fragen Sie in Ihrer Kritik, warum der Meister bei Zeiten schreibt und was ihm zu entschwinden droht. Weiterhin fragen Sie, warum er nicht z.B. als Ersatzhandlung schreibt, weil er sich nicht an die willigen Weiber rantraut, die bei ihm im Zimmer liegen.
Nun, ich würde sagen, dass er genau dies tut, zumal aus dem Text nicht hervor geht, dass die Weiber wirklich bei ihm im Zimmer sind.
Aus diesem Grund gehe ich davon aus, dass sich der Meister bei Zeiten, also rechtzeitig, an seinen Schreibtisch geflüchtet hat, um das aufzuschreiben, was er sich nicht in die Tat umzusetzten traut. Sprich, er hat sich aus der Affäre gezogen, bevor es zu einer solchen kommen konnte.
Um diese Interpretation zu stützen ist es hilfreich zu fragen, wessen Geistes Kind der erste Vers eigentlich ist. Beschreibt das lyrische Ich hier einen objektiven Tatbestand, oder gibt es lediglich die subjektive Wahrnehmung des Meisters wieder? Ich plädiere hier für die zweite Lesart, denn dann ergibt das ganze einen eindeutigen Sinn: Der Meister hat Angst vor Frauen und vor seiner eigenen Geilheit. Deswegen qualifiziert er diese als geistreiche Weiber ab, die ihn nur deswegen anmachen, weil sie Teil seiner Kunst werden wollen. Statt sich auf eine Frau einzulassen flüchtet er lieber in seine Dichterstube und sublimiert dort seine Männerfantasien.
Aber da ist noch eine weitere Spur im Text, die es anzudenken gilt. Meines Erachtens lässt sich nämlich dieser nicht weiter beschriebenen Meister beim Namen zu nennen. Einfach Eine heimbegleiten – das erinnert mich doch stark an »Mein schönes Fräulein, darf ich wagen, meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen?«. Hier gräbt Faust Gretchen an, indem er ihr vorschlägt, sie nach Hause zu begleiten …
Goethe zu unterstellen, er habe beim Schreiben des Faust auch seine verklemmten Männerfantasien befriedigt, sieht zwar auf den ersten Blick wie die Demontage eines Dichterfürsten durch einen Schreiberling aus, der ihm nicht das Wasser reichen kann. Bei genauem Hinsehen trifft das aber ziemlich ins Schwarze: So flüchtete der junge Goethe zum Beispiel Hals über Kopf aus Straßburg, weil ihm der Boden bei Friederike Brion zu heiß geworden ist. Geblieben ist davon vor allem das Gedicht »Willkommen und Abschied«. Darüber hinaus gibt es noch einige seltsame Beziehungen Goethes zu Frauen, aber wie gesagt geht es hier nicht um ein Proseminar, sondern darum zu zeigen, dass hinter Johann Jandls Gedicht sich mehr verbergen könnte, als eine Spielerei mit zu wenig Hirn und zuviel Ei.
Vielleicht handelt es sich bei dem Gedicht tatsächlich um eine in der Tat ziemlich bösartige Auseinandersetzung mit Goethe, die darin gipfelt unseren allseits geliebten und geschätzten Dichterfürsten als »Hirn mit Ei« (wohlgemerkt nur mit einem Ei ) zu bezeichnen. Mir würde das gefallen und ich würde in diesem Falle ohne wenn und aber für die volle Punkt bzw. Brillenzahl plädieren. Ansonsten würde ich bei 2-3 Brillen bleiben, denn das Gedicht hat es wirklich nicht verdient, mit so schrecklichen Dingen wie der Pseudoballade oder dem Horrorsonett auf einer Ebene zu stehen.

© 2003 by Thomas Mechler. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Textkritik: Sie – Prosa

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Seinen ersten Blick auf die Schöne erhaschte Quintus, hinter beschmiertem Fenster stehend, nur flüchtig. Die Empfehlung eines ihrer Ex-Liebhaber hatte ihn in ihre Nähe gelockt. Quintus, siebenundvierzigjähriger Hauptbuchhalter eines Kaufhauskonzerns, war seit einigen Monaten »midlife-crisis-verstört«, wie seine Freunde es ausdrückten. Immer öfter hatte er in den letzten Wochen Zeitungsinserate studiert. Annoncen. Geschaffen für diese Klientel Mann. Jetzt war er nun fast da, drängelte sich an ein anderes, noch dreckigeres Stück Glas, reinigte es mit einem seiner weichen Papiertaschentücher, von denen er mindestens fünf stets in seiner linken Hosentasche hatte. Mit neugierigen Augen glupschte er immer noch hinüber, rieb mit feuchten Händen salzige Perlen von seinem blassen Gesicht. Das verstellte ihm die Sicht, nur schemenhaft erkannte er ihre Umrisse, atmete tief ein, es roch nach Diesel, und obwohl sie ihn nicht hören konnte, flüsterte er: »Einfach herrlich.« Sie lag fast nackt auf ihrem Wasserbett.

Sein Brillengestell kratzte für den Bruchteil einer Sekunde an der Scheibe entlang. Überstürzt nahm er es ab und überprüfte es gründlich auf Beschädigungen. Brillen waren seine Leidenschaft, besonders die mit kleinen, runden, schwarz eingefassten Gläsern und leichten, schmalen Stegen. Erst vor kurzem hatte er das einzigartige Stück in dem wirklich nicht billigen Optikerladen am Markt erworben. Er konnte keine Schrammen erkennen. Gottlob. Behutsam setzte er die Sehhilfe wieder vor seine Augen. Der wunderbare Ausblick war inzwischen hinter einem Grauschleier verschwunden, der sich aus den unzähligen Wassertröpfchen seines heißen Atems auf der Fensterscheibe gebildet hatte. Im Hintergrund hörte er ein unbekanntes Signal.

Benebelt schlotterte er eine steile Treppe hinunter, humpelte, zog sein linkes Bein schwerfällig hinterher, der Abgang wurde länger und länger. »Das hält doch mein Meniskus nicht aus«, dachte er. Seine Brille. Sein Meniskus. Er hatte ihn verknackst, nicht beim Sport, nicht während der Büroarbeit und beim Sex schon gar nicht. Wie sollte man sich dabei auch das Knie verdrehen? Die Stufen hatten etwas von Unendlichkeit, wie die bohrenden Schmerzen im Knie. Im Kopf. Wenn nichts mehr weitergeht. Die letzte Stiege war erreicht. Quintus atmete tief durch. Der Dieselgeruch hatte sich verzogen, frische Luft drang in seine Nikotinlunge. Er zündete sich eine Zigarette an. Seine Brille verlangte keine Standort-Korrektur. Nur seine beständig schlechte Laune der letzten Monate lechzte nach Veränderung.

Nach ein paar Schritten war er endlich angekommen. Ganz bei ihr. Sie begrüßte ihn kühl. Das war ihre Art. Er genoss ihre Gerüche. Er genoss ihre Vielfalt. Genoss all ihre Seiten. Sie wurde seine Genossin und heimliche Liebe. Beim Abschied meinte er zu hören: Wende dein Gesicht der Sonne zu, dann fallen die Schatten hinter dich… und wunderte sich, dass viele ihrer ehemaligen Verehrer sie nicht mehr besuchten. Jemand rief  »Passengers to…«. Quintus beeilte sich. Zum ersten Mal nach vierzehn Tagen. Er konnte wieder laufen und lachen. Eine sonor grummelnde Fähre verschluckte ihn in ihrem riesigen Schlund. Diesmal nahm er einen Platz auf dem offenen Deck. Schmeckte die salzige Meeresluft auf seinem braungebrannten Gesicht. Im Hintergrund verschwand Texel, eine der vielen, vielen Inseln auf diesem Globus. Für ihn war sie einzigartig.

© 2003 by Dieter Mickisch. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Jammerschade! Der Anfang ist ganz brauchbaraber dann wird dieses bis zum Abwinken bekannte Hach-wie-raffiniert-ich-den-Leser-an-der-Nase-herumführen-Kann wie üblich knüppeldick aufgetragen.
Warum lässt der Autor die Zusammenhänge nicht offen, nicht mehrere Sichtweisen zu? Warum haut er dem Leser die Hinweise immer wieder penetrant um die Ohren? Oder: warum beschreibt er nicht von vornherein eine Annährung an die Insel? Schreiben kann er doch…

Die Kritik im Einzelnen

Da Quintus steht, könnte er die Schöne eigentlich genau betrachten, nicht nur flüchtig – es sei denn, die Schöne bewegte sich (was sie nicht tut, wie wir später erfahren); der Blick durch das beschmierte Fenster kann also weder flüchtig sein noch muss er erhascht werden, sondern eher ist der Schönen Anblick unscharf  oder verschliert oder brüchig  oder verschwommen oder oder  – das hängt von der Art der Beschmierung ab. Da ist der Erzähler gefordert! zurück
Das wäre ein viel besserer Erster Satz, weil er gleich zu Anfang Interesse weckt – Blicke auf Schöne oder Schönes sind viel zu alltäglich, vor allem die durch Fenster!  Der Beginn könnte sich dann zum Beispiel so lesen:
Die Empfehlung eines ihrer Ex-Liebhaber hatte Quintus in ihre Nähe gelockt: aber ein beschmiertes Fenster behinderte seinen ersten Blick auf die Schöne. zurück
Wozu dient diese ausschweifende Charakterisierung? Ist der Kerl nicht schon bedauernswert genug, wenn er dank Empfehlung eines Ex-Liebhabers auf Spannerfüßen wandert? Ich würde dringend anraten, den ganzen Sums seit dem letzten Hyperlink ersatzlos zu streichen – zumal Quintus später durch allerlei Eigenheiten viel lebendiger wird als durch all diese Schubladen! zurück
Wo bitte war er jetzt? Fast da? Er steht doch vor einem beschmierten Fenster – daer geht’s nicht mehr!  Und wozu dient das nun beim fast? Beabsichtigt er etwa, durch das Fenster zu klettern – und rauf auf die Schöne? Dann wäre er bislang tatsächlich nur jetzt nun fast da…  Empfehle wieder: Streichung! zurück
Das erste Fenster war nur beschmiert, das zweite war noch dreckiger (sofern mit Stück Glas ein weiteres Fenster gemeint ist) – aber erst jetzt fällt Quintus siedendheiß ein, das er Fenster reinigen könnte: das nenne ich eine gelungene Charakterisierung, denn es zeigt Quintus‘ Gier; schön auch wird seine Buchhaltermentalität deutlich, da er immer mindestens (!) fünf Papiertaschentücher in der linken (!) Hosentasche mit sich führt; einen besseren Beweis kann der Erzähler nicht liefern, dass die von mir empfohlene Streichung der ausufernden Beschreibung tatsächlich notwendig ist! zurück
Glubschen ist in der Regel ein neugieriges Schauen (da die Augen hervorquellen) – also kann auf mit neugierigen Augen getrost verzichtet werden; zu fragen wäre vielleicht, ob glubschen stark genug ist: ich stelle mir eher einen stierenden oder starrenden Quintus vor. zurück
Ein Rätselsatz:
Erstens: Wenn Quintus sich Schweißtropfen vom Gesicht wischt, kann ihm das die Sicht nicht verstellen, sie allenfalls kurzfristig stören oder sie immer wieder behindern, abhängig vom Grad seiner Schweißproduktion. Es sei denn, die Schweißperlen wäre Schweißströme und er hätte Hände wie Schaufeln.
Zweitens:  Wenn die Sicht verstellt ist (was sie ja nicht ist), kann Quintus nicht einmal Umrisse erkennen, auch nicht schemenhaft, sondern dann sieht er überhaupt nichts! Wenn seine Sicht nur behindert ist, dann sieht er allemal mehr als schemenhafte Umrisse. Woher kommen also die schemenhaften Umrisse? Weiß ich nicht. Folge: weg mit diesem Teilsatz! Lassen wir Quintus glubschen und schwitzen und anschließend atmen. zurück
Wenn Brillen – wie wir später erfahren – seine Leidenschaft sind, wird auch ein Quintus sie niemals überstürzt abnehmen, sondern höchstens alarmiert oder erschrocken oder dergleichen (Word-Thesaurus empfiehlt unter anderem: bestürzt, aufgeweckt, beunruhigt, geängstigt, aufgefahren, erschaudert, eingeschüchtert usw. usw.: na bitte!) zurück
Weißt du wie viel Sternlein stehehen?  Stünde im Text etwa fünf Wassertröpfchens seines heißen Atems, könnte ich darüber lachen – aber unzählige Wassertröpfchen enthält genau eine nichtabzählbare Menge zu viel, ein allerobermegahyperüberflüssiges Adjektiv: weg damit! zurück
Wieso denn das? Was hat er denn zu sich genommen? zurück
Wieso denn das? Ist ihm etwa kalt? zurück
Wer sein Bein hinterher zieht, humpelt automatisch; deswegen kann kein Mensch humpeln und sein Bein hinterher ziehen, sondern er humpelt, weil er sein Bein hinterher zieht. Das hat was mit sprachlich-inhaltlichen Zusammenhängen zu tun. zurück
Menisken kann man nicht verknacksen, dazu sind sie viel zu elastisch. Man kann sie einklemmen, einreißen, abreißen, oder sie können einfach Schmerzen bereiten, wenn die Bänder ausgeleiert sind – und ich weiß, worüber ich schreibe!!! zurück
Streichen, diesen Unsatz, der überhaupt keine Information oder Steigerung enthält. zurück