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Textkritik: Klosterkonzert in Bebenhausen – Lyrik

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Hineinhorchen
in längst verschüttete Klangräume
Zugeschüttet
mit dem Dröhnen der Bässe
dem Kreischen
der Nervensägen
dem Smalltalk der Oberflächlichen.

Heraustreten
aus meinen Befindlichkeiten
Das Wort »Bedeutung«
neu definieren
Der Geschwätzigkeit entsagen
Die Töne verfolgen,
bis sie sich am steinernen Gewölbe
brechen.

Entzweibrechen
den Panzer aus Gleichgültigkeit
den Kokon aus Selbstmitleid
das Eis der Lieblosigkeit.

Entschwinden
in uralte Zeiten,
die ich plötzlich rieche
schmecke
fühle.

Hinabtauchen
in die Stille in mir
Sie begrüßen
wie einen alten Freund
Längst vergessene Zuflucht finden
Die Augen schließen,
um wieder sehen zu können.
Dem Klang folgen
durch Zeiten
Räume
Erinnerungen.

Aufsteigen
in die Kühle der Nacht
Im Sternenlichtmantel
der Scham entsagend
Die Angst, das gefräßige Tier,
zurücklassend
Grenzen hautnah spüren,
mich daran reiben,
sie überschreiten
Vertrauen
Riskieren
Erkennen.

© 2001 by Cornelia Lotter. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Brauchbarer Anfang, katastrophales Ende: das Ziel ging unterwegs flöten – ließe sich aber wieder finden!
Dank der Autorin, die ermöglich hat, vieles für Schreibende vielleicht Brauchbare exemplarisch zu demonstrieren; deswegen reut mich die Arbeitszeit auch nicht. Und nochmals und zum wiederholten Male und immer wieder: Meine Vorschläge sind niemals die besten und einzigen: Sie dienen allein dazu, mögliche Wege zu zeigen, die beschritten werden könnten!

Die Kritik im Einzelnen

Ausgehend von der Überschrift Klosterkonzert betrachte ich den ersten Abschnitt gewissermaßen als Thema dieses Gedichtes: es klingen an Bässe, Kreischen, Smalltalk; von der Lautstärke her fällt das letzte aus dem Rahmen, entwickelt sich aber aus den Nervensägen. Schwierigkeiten bereiten mir die dröhnenden Bässe: ist das jetzt schon das Klosterkonzert, denn Orgelbässe dröhnen gewaltig (wobei allein ich für die Assoziation Orgel verantwortlich bin: vermutlich über die Kette Kloster > Kirche > Konzert > Bässe > Orgel)? Oder meint das einfallslos-basslastige Dröhnmusik funsüchtiger Gehörgeschädigter? Erinnern die Orgelbässe gar an die gesampelten?
Mich stört das zweimalige schütten, weil verschüttet und zugeschüttet durchaus nicht das Gleiche ist! Offenbar wurden die Klangräume des lyrischen Ich zugeschüttet von dreierlei: von einem Bassgedröhne (ich möchte es mal so nennen), vom Kreischen der Nervensägen und von Smalltalk; von Oberflächlichen sollten gestrichen werden, denn mir scheint es hier um Smalltalk prinzipiell zu gehen, egal ob von Oberflächlichen oder Tiefbohrern!
Um das falsch gedoppelte schütten zu vermeiden, möchte ich verschüttete Klangräume durch vergessene Klangräume ersetzen; die sind vergessen worden, weil sie zugeschüttet wurden und darum nicht mehr zugänglich waren. Mir ist klar, dass ich hier tief eingreife, aber das letzte Wort hat sowieso die Autorin: es ist schließlich ihr Gedicht und soll das auch bleiben. Mein Vorschlag:
Hineinhorchen
in vergessene Klangräume
zugeschüttet mit
Bassgedröhne
Nervensägen
Smalltalk
Zufrieden bin damit noch lange nicht: zwar hätte auch die Form gewonnen: die drei Themen sind auf jeweils 1 Wort reduziert, das reicht, denn das lyrische Ich braucht sich nicht lange mit den Umständen auseinander setzen und sie erläutern; es nähme sichtbar sogar vorweg, was erst in der folgenden Strophe anklingt: Bedeutung neu definieren (dazu später mehr); das Kreischen habe ich entfernt, weil es bei Sägen automatisch hörbar wird (wohingegen singende Sägen doch eher überraschen; habe mich letztes Jahr bei einem Straßenmusiker in Wien wieder einmal daran erfreuen dürfen).
Doch ärgert mich, dass Smalltalk nur zwei Silben hat, während die anderen beiden Themen jeweils vier aufweisen! Smallgetalke wäre zu sehr Karikatur (es sei denn, ironische Distanz wäre in diesem Gedicht durchgängig, das ist aber nicht der Fall), Wortgewäsche gehörte eher zum Dummschwätz eines Einzelnen, WortgeklingelWortgeklingel? Passte zwar wegen –geklingel wunderbar in den Klangraum, hat aber ebenfalls nichts mit der Kommunikationssituation von Smalltalk gemein, ist eindimensional (Politikerreden, Texte in dem zurecht berüchtigten sehr pseudowissenschaftlichen Fachjargon); Wortgeplänkel wiederum hat mit Streit um Worte zu tun, wenig mit Smalltalk. Nein: ich finde hier und auf die Schnelle keine Lösung! Vielleicht wird dafür deutlich, was Dichten für eine Knochenarbeit ist bzw. sein sollte, wenn man es ernst nimmt!
Ob diese Zeileneinteilung durchzuhalten ist, ob daraus eine Gedichtstruktur sich entwickeln lässt, vermag ich noch nicht abzusehen. zurück
Das darf aus zwei ganz wichtigen Gründen nicht heraustreten heißen: 1.) Wenn jemand irgendwo drin ist, kann er nur hinaus; nur als Außenstehender kann ich sagen, dass das lyrische Ich aus seinen Befindlichkeiten heraustreten will! 2.) Das Gedicht hat vier Richtungen: Hinein, Hinaus, Hinab, Hinauf (da steht bislang lediglich auf, das sollte aber nicht so bleiben). Das lyrische ich ist (noch) drinnen und will irgendwo hin: dann soll es das auch, und es muss sichtbar werden! zurück
Ich würde aus meinen Befindlichkeiten kürzen und meinen streichen, denn in dem gewünschten hinaustreten wird deutlich, dass es die eigenen sind. Dieser Spagat war nur nötig wegen des falschen heraustreten.
Die drei Themen waren (in dieser Reihenfolge): Billigmusik, Penetranz, Smalltalk. In welche Richtung soll hinausgetreten werden? Bedeutung, Zurückhaltung, Töne. Die Reihenfolge scheint genau umgekehrt, die beiden Reihen werden umrahmt durch die Musik (Klosterkonzert). Soweit ist das gelungen, es treten aber inhaltliche Probleme auf:
Das Wort »Bedeutung« muss keineswegs neu definiert werden, es kann nur darum gehen, die eigentliche Wortbedeutung zu finden, zu suchen, aufzusuchen, wieder zu finden, auszugraben usw. usw.: hier wage ich keinen völlig ernst zu nehmenden Vorschlag; der wäre in jedem Falle problematisch, denn beim so genannten Smalltalk werden eigentlich keine Inhalte ausgetauscht, sondern geht es vorwiegend um Befindlichkeiten und Hierarchien (genau wie bei Begrüßungsfloskeln und sonstigen Beziehungsritualen): insofern ist ein Suchen nach Inhalten nicht unbedingt der Gegenpol zum Smalltalk.
Das Gedicht stellt die Geschwätzigkeit gegen die Nervensägen; das ist soweit in Ordnung, auch wenn es sehr wortkarge Nervensägen gibt; aber warum heißt es entsagen? Ist Geschwätzigkeit wirklich so des Teufels und man so von ihr besessen, dass ihr entsagt werden muss? Reichte ein vermeiden z.B. nicht aus (das beinhaltet beides: eigenen Verzicht und Aus-dem-Weg-gehen)?
Dem temporeichen Bassdröhnen ein langsames Verfolgen von Tönen entgegen zu setzen ist auf Anhieb einleuchtend; das steinerne kann entfallen, denn kein Mensch denkt bei Gewölbe an Polyvinylchlorid oder Holz!
Zur Form bieten sich spontan zwei Möglichkeiten: für jeden Gegenpol entweder 1 Langzeile oder 2 kurze; allerdings gefällt mir sehr die formale Unterstützung des langsamen Verfolgens durch mehrere Zeilen in der Vorlage; und da in der ersten Strophe nach der Überschrift zwei Zeilen zu den verschütteten Klangräumen folgen, so kann die zweite Strophe ebenfalls mit dem zwei Zeilen zum Klangraum enden; ich wage folgenden Versuch:
Hinaustreten
aus Befindlichkeiten
Wortbedeutungen wieder finden
Geschwätzigkeit zurück lassen
Tönen folgen, bis sie am
Gewölbe brechen
Ich betone nochmals: inhaltlich stellt mich das nicht zufrieden (s.o.), formal könnte ich mich damit anfreunden, zumal die Strophenlängen jetzt auch noch identisch sind. Dass ich auch die letzten beiden Zeilen stärker verändert habe, hat mit der rhythmischen Gestaltung zu tun: die beiden vorhergehenden Zeilen sind sehr unruhig, durch die beiden letzten Zeilen läuft jetzt ein gleichmäßigen Trochäus, was die Ruhe und die Langsamkeit des Töne-Verfolgens unterstützt (deswegen auch folgen; verfolgen klingt sehr nach Action-Filmen…) zurück
Diese Strophe würde ich ersatzlos streichen!
Erstens lassen sich die drei genannten Defizite so nicht nebeneinander stellen: Gleichgültigkeit schließt sowohl Selbstmitleid als auch Lieblosigkeit aus, während Selbstmitleid durchaus zu Lieblosigkeit gegenüber anderen führen kann.
Zweitens werden diese drei angezogen: mit Panzer, Kokon und Eis(panzer) und zusätzlich miteinander verkitscht: das stört ungemein und bringt nichts außer Befremden! Was soll dieser angeschwollene So-ist-es-Moralapostel-Zeigefinger? Lassen wir doch die Befindlichkeiten des lyrischen Ichs auf sich beruhen: jeder hat seine eigenen, aus denen hinauszutreten sich immer wieder gewisslich und fürwahr lohnt!
Drittens haben diese drei Befindlichkeiten nur ganz, ganz allgemein mit den in der ersten Strophe angespielten Themen zu tun! Nein, nein und dreimal nein: weg mit dieser Strophe, ganz weg und gar weg, und beim Thema bleiben! zurück
Auch diese Strophe würde ich ersatzlos streichen: Was sollen das für uralte Zeiten sein? Etwa die in der Romantik gesuchte Einheit mit allem? Und warum sind da nur drei Sinne beteiligt? Wo ist der Bezug zum Thema? Gewiss fängt auch diese Strophe mit »ent« an wie die von mir bereits verworfene, und sowieso spräche nichts dagegen, mitten ins Gedicht ein Strophe mit anderem Beginn zu platzieren: das müsste dann aber Sinn machen! Diese Strophe stört nur, denn sie verwendet ausgeleiertste Symbolik in ausgeleiertsten Bezügen: 08/15-Breitreifen-Kitsch. Weg damit! zurück
Jetzt taucht das Gedicht noch tiefer in den Kitsch hinab! Wohin denn hinabtauchen, wenn nicht in sich selbst? Warum die Stille nur begrüßen wie einen alten Freund: ist sie denn kein alter Freund, muss das lyrische Ich so tun als ob? Und was gibt es in diesem Gefühlssumpf an vergessener Zuflucht außer dem alten Freund noch? Das schmalzt alles ach so herrlich ach so schön, Herzilein möcht herzen gehn! zurück
Spätestens seit dem ollen Oidipos gehört derlei Erkenntnis zum Standardrepertoire jedes Lebenshilfebreviers und sonstiger Sprüchesammlungen. Jeder im abendländischen Sprachraum kennt sie! Warum muss dieser alte Quark hier aufgetischt werden? Darum:
Das Gras ist grün, die Erde rund, Banane krumm, Salat gesund: das muss immer wieder mal gesagt werden, sonst weiß das ja keiner! Alle verschließen die Augen vor diesen Wahrheiten, weil sie glauben, sie nur so sehen zu können. Ach, es ist ein Elend sondergleichen mit den Augen: wie man’s macht, ist es verkehrt! »Wohin ich immer sehe, wie weh, wie weh, wie wehe!« (frei nach Faust, V.3612f) zurück
Oben wurde Töne verfolgt, jetzt wird dem Klang gefolgt, der offenbar als Echo des Brechens innerlich weiterwirkt, selbstverständlich durch Zeit und Raum und Erinnerung: Scotty, übernehmen Sie: total recall!
Die drei glorreichen Begriffe haben nichts mit den Eingangsthemen zu tun, und vor allem meinen sie sich auch nicht (wollte vorhin sich nicht jemand um Wortbedeutungen bemühen? Hier wäre jemandes Hilfe förderlich und dringend höchstnotwendig!), abgesehen von unter Umständen vielleicht beinahe ansatzweise und unter größtem Vorbehalt: die Erinnerung – aber die wurde freventlich an die uralten Zeiten genagelt (siehe vorhergehende Strophe), fällt also totaliter aus dem Raumrahmen.
Was tun (Lenin)? Mir tut es eigentlich schon Leid um dieses Gedicht, es begann doch ganz brauchbar; sicherlich ließe sich irgendwie retten:
Hinabtauchen
in Erinnerung
begrüßen
Stille
den alten Freund
Geborgenheit
Aber hat das noch was mit der Vorlage zu tun? Ich spinne hier einfach den angefangenen Faden weiter: das ist höchst billig, denn es ist nach wie vor nicht mein Gedicht, nicht einmal die Einfälle stammen von mir;
Ich nehme den in meiner Verbesserung von Strophe 1 angefangene Faden wieder auf: zunächst die Bewegungsrichtung. Dann zwei Zeilen, die den Bewegungsraum bzw. die Bewegungsrichtung kennzeichnen (deswegen kein Artikel bei Erinnerung!), dann zur Themenfolge der ersten Strophe (Billigmusik, Penetranz, Smalltalk) die Parallelführung: Stille, alter Freund, Geborgenheit (wobei die letzten beiden sich vermutlich auch vertauschen ließen, aber hier hat das Original Vorrang); Länge ebenfalls 5 Zeilen, dazu entsprechen die letzten drei Zeilen in der Anzahl ihrer Silben denen der ersten Strophe. zurück
Zu Beginn habe ich bereits dafür plädiert, dass diese Strophe aus inhaltlichen und formalen Gründen mit Hinaufsteigen beginnen muss! Und ich wiederhole das jetzt. Zudem würde ich sie nicht besonders hervorheben (wie es das Original durch die zusätzliche Einrückung vormacht – sofern das nicht ein Übermittlungsfehler gewesen ist): Hoffnung richtet sich üblicherweise nach oben, und damit hört das Gedicht zu Recht auf! zurück
Es ist wieder das Gleiche: es wird herumposaunt (=Dröhnen der Bässe), an Lesernerven gesägt (Kreischen der Nervensägen) und flaches Zeug erzählt (= Smalltalk der Oberflächlichen): Die Angst zurücklassend!!! Wo war denn bislang von einem Angsttier, einem wahrhaft gefräßigen noch dazu, die Rede? Betretenes Schweigen! Oder von Grenzen? Immerhin sind in zumindest drei Richtungen ohne Reibereien dank der Musik völlig selbstverständlich die Grenzen überschritten worden! Oder von Scham – der zu entsagen nebenbei erneut nach feierlich gelogenem Gelöbnis stinkt: denn entsagen hat schon im Hinblick auf Geschwätzigkeit überhaupt nicht funktioniert, wie man an allen vier nach diesem Gelöbnis entstandenen Strophen feststellen kann, durch die der Leser mit Kitschgeschwätz nachgeradezu zugeschüttet wird? Eben! Und weil dem lyrischen Ich halt irgendwie plötzlich und überflüssigerweise noch auffiel, dass es so elementar menschliche Befindlichkeiten wie Angst und Scham und Grenzreibereien noch überhaupt nicht erwähnt hat, werden die jetzt aber mit Pauken und Trompeten mir nichts dir nichts und holterdipolter eifrig drangepappt, dass der Dünn(sch)leim aus allen Buchstaben trieft! Wenn dieses Verfahren sichtbares Ergebnis von Das Wort »Bedeutung« neu definieren sein soll, dann ziehe ich jedwedes Bassgedröhne allemal und jederzeit vor – und echten Smalltalk: denn da weiß ich, woran ich bin und was ich habe!
Was ist zu retten? Ich weiß nicht; formal fände ich drei Verben (wie am Ende der Strophe) nicht schlecht. Warum? Begründung: die erste Strophe hatte (in meiner Fassung) ein Partizip Perfekt und anschließend drei Nomen; die zweite ein Nomen und drei Infinitivkonstruktionen mit Nomen; die dritte wieder eine Verbform (Infinitiv statt Partizip) und anschließend drei Nomen (annähernd parallel zur ersten Strophe). Die letzte nun könnte gut auf Nomen verzichten, brauchte aber wieder Verben, da es sich bei Hinaufsteigen um eine Bewegung handelt (im Gegensatz zum Horchen in der ersten Strophe).
Ich werde jedoch keinen Versuch unternehmen: ich habe keine Lust nach Verben zu forschen, die zu den Themen taugen, denn die in der Strophe vorhandenen taugen nichts! Ich vermisse in dieser Strophe zudem jeder Bezug zum Klosterkonzert, aber der müsste unbedingt gewahrt werden (Thema Klang); ich weiß nicht, wohin hinaufsteigen: vielleicht ins Crescendo? Ist nur eine Idee, habe kein Konzert vor Ohren! Nein: das sind zu viele Unwägbarkeiten! Schließlich hat auch das lyrische Ich alle Fäden verloren oder weggeworfen oder aufgefressen und sich spontanen Einfälltigkeiten hingegeben. Das vermag ich nicht zu retten, ist eigentlich auch nicht meine Aufgabe! zurück.

Textkritik: Der Spätzünder – Prosa

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Eva teilte David am 8. März mit, dass sie ihn verlassen werde, weil sie ihr Hausfrauendasein satt hat. David erschreckte das nicht sehr. Ganz gefasst und sachlich erklärte er ihr, was nun zu tun sei: Die Kündigung für die Wohnung muss geschrieben, ein Nachmieter gefunden, der Umzugswagen bestellt werden. So war seine Art. Die alltäglichen Dinge bekam er gut hin.
David war ein Spätzünder. Sein erstes, richtiges Erlebnis mit einer Frau hatte er mit Eva. Und zu diesem Zeitpunkt war David 27 Jahre alt. Zuvor gab es für ihn nur das Studium, die engagierte Arbeit im Ausländerbeirat, die Träume von weiblichen, langen Beinen und Haaren und das Bemühen, die Erwartungen seiner Eltern zu füllen. Eva erkannte das nicht auf den ersten Blick. Ihr fiel um so mehr seine Ruhe und vermeintliche Ausgeglichenheit auf, als sie ihn auf der Party einer Bekannten kennen lernte. Alle ihre Sehnsüchte projizierte sie auf ihn. Diese seriöse Gestalt mit dem Namen David war also der Mann, der sie niemals wegen ihrer Erotik nur besitzen wollte. Vielmehr war er eben einer jener Männer, die sie als Frau schätzen würden und an ihrer Entwicklung ebenso interessiert wären, wie sie selbst. Ja, er sollte es sein –  ihr Mann für die Zukunft. Und als sie sich das erste Mal näher kamen und er ihr seine Unerfahrenheit gestand, erschreckte sie das überhaupt nicht. Vielmehr freute sie sich, diesen Menschen auf ihre Bedürfnisse abstimmen zu können. Ihn formen zu können, wie einen Klumpen Ton. Und so begab sie sich an die Arbeit. Unterrichtete ihn in der Beschaffenheit des weiblichen Körpers. Führte ihn ein in die Liebeskunst. Die erwarteten Freuden bleiben zunächst aus. Seine frühzeitigen Orgasmen konnte er nicht kontrollieren, denn dieses Ereignis, den weiblichen Körper zu entdecken, brachte ihn in jene jungmännliche Erregung, die sich aller Gelassenheit entzieht. Nur der Zufall brachte ihr ab und zu körperliche Befriedigung. Aber was ist das schon gegen den seelischen Orgasmus, der die Welt in den Topf der unendlichen Harmonie wirft?
Ein paar Monate später musste David aus beruflichen Gründen die Stadt verlassen. Eva sah das optimistisch. So konnte sie unter der Woche alles machen, was ihr in den Sinn kam, und am Wochenende alle Zeit nur mit David verbringen. Eine ideale Situation. Und so verbrachten sie zusammen viel Zeit im Bett und vor dem Fernseher. Selten sahen sie ihre Freunde, die sich schon beklagten. Aber was sind schon Freunde im Gegensatz zu einer intakten Partnerschaft? David fragte Eva oft, ob sie nicht mit ihm zusammen ziehen möchte. Eva lehnte lange ab, aber als ihr in ihrer Stadt wieder mal alles zu langweilig wurde und sie in eine tiefe Depression fiel, verkündete sie mit lautem Lachen: »Ich ziehe zu dir, David!«
David konnte sein Glück gar nicht fassen. Er besorgte alles für das gemeinsame Nest: die Wohnung, den Umzugswagen, die noch übrig gebliebenen Freunde, die halfen. Er organisierte, baute, bohrte, richtete ein. Eva floh in ihr neues Zuhause und es dauerte gar nicht lange, da packte sie wieder der Wunsch der Flucht. Diesmal weg von David. Weg vom Fernseher, vom Herd, vom Bügeleisen, vom samstäglichen Geschlechtsverkehr, vom Hineinschlingen gekochter Köstlichkeiten. Aber solange es noch das Gefühl der Geborgenheit und des Zuhauses gab, konnte sie David nicht verlassen. Schließlich hatte David alles getan, um sie glücklich zu machen, nur das Glücksgefühl stellte sich irgendwie nicht ein. Was sie jetzt brauchte, war ein neuer Anstoß, einen wahren Grund.
Und der kam, als er nicht erwartet wurde. In Form eines männlichen Menschen, der Fragen stellte, die so unbarmherzig waren:
Welche Ziele hast du in Deinem Leben?
Was willst du aus Deinem Leben machen?
Dunkel wurde es um Eva herum, als sie Antworten suchte. Dafür war der neue Mann Inspiration für sie. Er gab ihr den Ansporn, endlich ihre Abschlussarbeit für ihr Studium zu Ende zuschreiben. Er lobte sie ihrer Fähigkeit Texte zu verfassen und eröffnete ihr die Möglichkeit eines gemeinsamen Arbeitens. Er erzählte ihr seine Vorstellung von einer optimalen Beziehung und sie war sich sicher, dass er ihre ganzen Wünsche erfüllen würde. Sie hatte sich in ihn verliebt und deshalb verließ sie David von heute auf morgen.
David machte keine Anstalten, sie zurückzugewinnen. Vielmehr gestand er ihr, sie nie wirklich geliebt zu haben, weil sie einfach nicht die Frau sei, die er sich wünschte. Besonders ihr Äußeres entspräche gar nicht seinem Idealbild. Eva ging, gekränkt aber glücklich in die neue Zukunft. Von nun an sollte alles anders werden.

© 2001 by Heike Ejoh. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Das Hauptproblem liegt in der Gestaltung; die Charaktere (vor allem Eva) bleiben unscharf, die Haltung des Erzählers zu seinen Protagonisten unentschlossen: Ironisch? Liebevoll? Mitleidig? Kitschig? Mitleidend? Neutral? Von all dem findet sich etwas. Doch mit einigem Aufwand könnte aus dieser unentschlossenen Erzählung eine erschreckende werden.
Ich würde eine Überarbeitung in Richtung lakonisch-neutral vorziehen, um das Entsetzliche dieser hohlen Beziehung deutlich werden zu lassen, dabei aber Umgangssprache (mal, ganze Wünsche usw.) vermeiden: keine Wertungen, keine Ausflüge in Kitschregionen, nichts aus der Sicht von Eva oder David! Und den Titel würde ich ändern, vielleicht in »Liebesgeschichte« – denn ein Spätzünder kommt nicht vor.

Die Kritik im Einzelnen

David erschreckte das nicht sehr; ganz sachlich erklärte er ihr . : das tut es doch vollständig; wieso muss er das noch ganz gefasst sagen, es ist doch nichts Schreckliches passiert? Und am Schluss stellt sich raus, dass er sie eh nie wirklich geliebt habe – also ein entscheidender Grund weniger, eine Fassung zu verlieren! zurück
Es handelt sich hier bestimmt nicht um weibliche und lange Beine und kurz-struppige Hundehaare, sondern eher um lange Beine und Haare: das Komma irritiert heftig! Wären die Beine weiblich-lang, funktionierte der Satz vom Verständnis: würde jedoch weiblich so betont, drängte sich nahezu automatisch ein männlich-kurzes Bein auf – das will aber wohl kaum einer wollen. Sinnvollerweise sollte hier stehen, dass David von langen Frauenbeinen und -haaren träumte: alles wäre klar, nichts mehr gäbe es zu deuteln und zu mutmaßen. zurück
Erotik kann man nicht haben wie Krätze oder Hunger, aber man kann erotische Signale senden oder Erotik ausstrahlen, erotisch wirken oder unerotisch; was also freut Eva? Dass David sie niemals nur wegen ihrem Aussehen besitzen wollte?
Oder gehört das nur tatsächlich zu besitzen? Dann bedeutete das: David wollte Eva niemals wegen ihrer erotischen Ausstrahlung nur besitzen, sondern auch mit ihr schlafen. Was auch immer gemeint ist: es sollte klarer gemacht werden. zurück
Wem soll er es eigentlich sonst gestehen? Ist doch niemand mehr da (sofern nicht sein Händi in Alarmbereitschaft lauert)! Also weg mit ihr! zurück
Was hat es nur mit dem erschrecken auf sich? Oben erschreckt David etwas nicht sehr, und schon wenige Zeilen weiter erschreckt Eva etwas überhaupt nicht: warum sollte Eva denn erschrecken? Ist denn ein Erschrecken in einer solchen Situation normal: »Huch wie schrecklich, der weiß ja gar nicht, wie das geht?« Ich gestehe: ich bin keine Frau, vielleicht denken Frauen ja tatsächlich so in froher Erwartung des erfahrenen Mannes – das hat schließlich eine Frau geschrieben. Mir kommt das komisch vor; ich fände es viel besser, wenn es denn hieße: Und als sie sich das erste Mal näher kamen und er seine Unerfahrenheit gestand, freute sie sich, diesen Menschen auf ihre Bedürfnisse abstimmen zu können. zurück
Das ist sehr gestelzt: sie begab sich an die Arbeit! Denn Arbeit ist kein Ort, an den man sich begeben kann, und es kein Ereignis, das sich begeben kann: Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Weib einen Mann nach ihrem Willen formte zu höchsteignem Nutz & Frommen. Geringfügig besser wäre, wenn sie sich an die Arbeit machte; aber Arbeit wird gemeinhin mit Missvergnügen, Unterbezahlung und Stechuhr verbunden – und so schlimm wird Evas Trainingsprogramm wohl nicht gewesen sein; frisch auf, ans Werk – nämlich ans frohgemuthe Erschaffen von etwas Neuem: sie machte sich ans Werk. Das ließe ich mir gefallen, denn es würde dem Sachverhalt gerecht! zurück
Die jungmännliche Erregung entzieht sich der Gelassenheit? Das heißt doch: die Gelassenheit hatte bis dato Davids jungmännliche Erregung fest im Griff und unter Kontrolle, und jetzt – dank Evas fachfraulichen Workshops – kann die jungmännliche Erregung sich endlich erfolgreich der Gelassenheit entziehen! Getreu der Parole: Kampf der Gelassenheit, Freiheit für die jungmännliche Erregung!
Liebe Eva: irgendetwas hast du da aber ganz ganz falsch gemacht! Selbst schuld, wenn später alles schief geht… zurück
Was ist das für ein seltsam Ding: ein seelischer Orgasmus (ist das so ne Art Höllenfahrt – der Himmel hat´s bekanntlich nicht so sehr mit Orgasmus?), der die Welt (ist das jetzt nur die Erde oder schon die ganze Welt? Wohl eher letzteres, also das All mit allem Gesums, die Erde ist ja bekanntlich schon ziemlich im Eimer.) in den Topf (Erstaunlich groß, dieser Topf!) der unendlichen Harmonie wirft, und was ist größer als die Unendlichkeit? Keine Ahnung! Es muss wohl ein Topf sein: warum auch nicht!).
In dieses weitläufige Gefäß gehört unverzüglich der ganze Satz ab Aber was ist das schon .! Platz genug wird sein, denn bereits in ihm schmoren im eigenen Saft vor sich hin: Welt, unendliche Harmonie und last not least der unendliche Kitsch, der – aus diesen überdimensionalen Wörtern empor schnellend – den darob erschrockenen zurückfahrenden Leser vergeblich einzufangen versuchte und hilflos abstürzte. zurück
Da stellt sich unwillkürlich die Frage: später als was: später als der seelische Orgasmus oder als der Zufall oder als der ersten jungmännlichen Erregung oder als dem Kennen lernen? Ein einfaches nach einigen Monaten reichte, damit würde ein Zeitraum genannt, und nicht unnötigerweise ein Zeitpunkt! zurück
Der Satz ist völlig überflüssig – und inhaltlich ärgerlich, denn er widerspricht dem vorvorigen: kaum geschrieben, schon vergessen? Ich bin nicht der Tropf der unendlichen Harmonie, der alles schluckt!
Ärgerlich: verbringen. Wort Wort Wort. Wort Wort verbrachten . Diese Wiederholung nach so kurzer Lesezeit ist jämmerlich!
Ärgerlich: sie wollte alle Zeit nur mit David verbringen – und dann hängen sich die beiden vor die Glotze!!! Versteht man das heutzutage unter »die Zeit mit jemandem verbringen«? Zusammen Teletubbies gucken? Das ist echt verbrachte Zeit – im Sinne von totschlagen!
Ärgerlich: Es hätte so schön weiter gehen können: .alle Zeit nur mit David verbringen. Eine ideale Situation. Selten sahen sie ihre Freunde, die sich schon beklagten. Aber was sind schon Freunde . Hier wird von ganz allein deutlich, dass der Plan in Erfüllung gegangen ist (und es wird nicht vor aller Welt versehentlich offen gelegt, auf wie peinliche Weise Evas Plan daneben gegangen ist: hocken vor der Glotze!!!).  zurück
Diese Frage hat sich mir bisher noch nie gestellt: ich sehe Freunde nicht im Gegensatz zu einer intakten Partnerschaft; und schon gar nicht frage ich mich, was sie im Gegensatz zu einer intakten Partnerschaft sind: denn im Gegensatz zu einer intakten Partnerschaft kann immer nur eine kaputte Partnerschaft sein, aber keineswegs ein oder mehrere Freunde; diese Frage ist schlichtweg blödsinnig! Aber fragen darf man ja mal!
Zum Beispiel darf man fragen, wie intakt eine Partnerschaft ist, die sich auf Bett und Teletubbies reduziert; da wäre ich als Kumpel auch sauer: »Keine Zeit, müssen Teletubbies-Filme gucken, damit unsere Beziehung intakt bleibt!« Freund von so was wäre ich nie geworden!
Trotzdem wage ich einen sprachlichen Verbesserungsvorschlag: Aber was bedeuten schon Freunde, wenn man mit sich selbst genug hat? zurück
Da schau her: Eva ist dumm! Erst bringt sie David im Bett das Falsche bei; dann freut sie sich, dass sie während Davids beruflicher Abwesenheit alles machen kann, was ihr in den Sinn kommt aber bedauerlicherweise ist da nix im Sinn, denn bereits hier wird ihr wieder (ein)mal alles zu langweilig. Nicht mal die Glotze kann sie nutzen: die braucht sie ja beim trauten Zusammensein mit David. Eva: bist schon a arms Weibstück! zurück
Das musste ja so kommen! David falsch ausgebildet, Leere im Kopf, Langeweile wohin sie schaut – nicht einmal ein seelischer Orgasmus könnte sie da noch retten! Ja ja, sagte der dicke große Waldbär, ich hab’s kommen sehen.zurück
Was tut eine, die so ist wie unsere Eva und eine tiefe Depression hat? Sie lacht laut und trifft eine Entscheidung! Böswillig könnte ich jetzt schreiben: Eva konnte vorher ja nichts entscheiden, denn im Kopf war ja nichts; jetzt hat sie glücklicherweise ein tiefe Depression, und die kann erheblich mehr entscheiden und lauter lachen als nichts. Aber ich bin nicht böswillig. Deswegen schreibe ich das auch nicht.
Ich schreibe: Da hat Sprachschludrigkeit zugeschlagen! In Davids Abwesenheit war Eva alles zu langweilig geworden, und sie war deswegen vorübergehend (muss sein: sonst wäre Eva noch drin!) in eine tiefe Depression gefallen! Das ist abgeschlossene Vergangenheit (Plusquamperfekt), liegt also demnach hinter ihr: dann könnte sie, als David wieder kommt, mit lautem Lachen ihren Willen kundtun. Alles wäre an seinem richtigen Platz! zurück
David hat Eva nie geliebt! Dieser Gefühlsausbruch ist so falsch wie überflüssig; es reicht, dass David alles besorgt usw. Über Davids Gefühle sollte sich besser der Leser Gedanken machen. Weg mit diesem Satz! zurück
Diese gefühlsbetonte Wortkombination (hinein schlingen, Köstlichkeiten) passt nicht zu der lakonischen Aufzählung: dazu passte eher »gemeinsamen Nahrungsaufnahme« zurück
Ich leugne entschieden, dass es dieses Gefühl tatsächlich gab: zunächst wurde gerade erst die Eintönigkeit des täglichen Miteinander dargestellt, und jetzt wird behauptet, das sei identisch mit »Geborgenheit und Zuhause«: abgelehnt!
Selbst wenn es dieses Gefühl aus unerklärlichen Gründen dennoch gäbe: warum sollte jemand – selbst unsere einfältige Eva – Geborgenheit oder ein Zuhause fliehen? Das ergibt nur Unsinn!
Was der wahre Grund ist, wird später angegeben: Eva fühlt sich verpflichtet, nicht mehr und nicht weniger! Korrigiert und unter Einbeziehung des folgenden Das läse sich dann beispielsweise Folgendes:
Diesmal weg von David. Weg vom Fernseher, vom Herd, vom Bügeleisen, vom samstäglichen Geschlechtsverkehr, von der gemeinsamen Nahrungsaufnahme. Aber sie konnte David nicht verlassen, denn er hatte alles getan, um sie glücklich zu machen; nur das Glücksgefühl stellte sich irgendwie nicht ein. Was sie jetzt brauchte . zurück
Eva braucht keinen neuen Anstoß, sie braucht überhaupt einen (das mit der tiefen Depression scheint ja nicht mehr zu klappen .); grammatisch muss es heißen: . war ein Anstoß, ein wahrer Grund (nicht einen wahren Grund). Inhaltlich fragt sich, ob Anstoß wichtiger ist als wahrer Grund oder ob gemeint ist: wahrer Grund als Anstoß oder ob Eva so genügsam geworden ist, dass jeder Anstoß gleichzusetzen ist mit dem wahren Grund; das lässt sich nur verbessern, wenn eine Entscheidung getroffen wird über Evas Charakter und den Grad der Distanz des Erzählers zu Eva (Ironie, Sachlichkeit, Mitleid .). Das ist allein Sache der Autorin! zurück
Diese Fragen sind nicht unbarmherzig: sie sind trivial wie das Leben! Also entweder die Fragen weglassen oder unbarmherzig – am allerbesten aber beides: soll das männliche Wesen doch Fragen stellen und Eva vergeblich Antworten suchen: das genügt vollauf! Was gehen uns die Fragen an? Und der Text vermiede den Absturz in die ausgetrampelten Niederungen der zeigefingernden Lebensberatungsliteratur und könnte sich auf seine ureigenste Aufgabe beschränken: eine Geschichte erzählen: also weg mit den Fragen und unbarmherzig! zurück
Dieses Bruchstück ist wohl mehrfach vergeblich überarbeitet worden, übrig bleibt ein Fragment. Entweder er lobte ihre Fähigkeit oder er lobt sie wegen ihrer Fähigkeit bzw. er lobte sie ihrer Fähigkeit wegen. Wegen des Anschlusses Texte zu verfassen zöge ich die mittlere Version vor. zurück
Wenn sie sicher wäre, dass er ihre Wünsche nur halb erfüllen würde: wäre sie dann auch mit ihm gegangen? Oder wenn er nur ihre halben Wünsche erfüllte statt der ganzen? Sie war sich doch eher sicher, dass er alle ihre Wünsche erfüllen würde – also sollte es so zu lesen sein; wenn sie sich nur sicher war, dass er im Gegensatz zu David ihre Wünsche ganz erfüllen würde, sollte es so zu lesen sein. Das hat wieder etwas mit Evas Charakter zu tun und kann hier nicht entschieden werden! zurück
Braucht’s diesen märchenhaften Kitsch-Schluss? Der Titel ist »Der Spätzünder« – damit soll wohl David gemeint sein (was ich nicht verstehe: wieso zündet der spät? Im Bett doch wohl eher zu früh! Und wenn er am Ende gesteht, dass er Eva nicht richtig geliebt hat, ist das auch keine Spätzündung: warum sollte er das sagen, sie hat ihn ja auch nicht geliebt, sondern wollte ihn sich zurechtstutzen? Ist sie der Spätzünder, als sie endlich erkennt, dass Liebe so nicht funktionieren kann? Dann müsste der Titel »Die Spätzünderin« lauten.). Wo war ich doch gleich? Ach ja: der Titel soll auf David hinweisen, dann sollte er auch das letzte Wort haben. Die angeblich rosa Zukunft von Eva darf uns herzlich egal sein. Geben wir David das letzte Wort! zurück

Textkritik: Harry – Prosa

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Man weiß von Harry, dass er drei unfertige Texte im Kleiderschrank hat, außerdem arbeitet er jetzt an einem vierten, den Stoff liefert ihm Derrida.
Hey, Harry!
Harry liebt es gar nicht, in so leichtsinniger Weise angesprochen zu werden, er ist misstrauisch, er denkt an das Höchste, und alle, die ganz Hohes begrübeln, mögen nicht recht vertraulich zu den Nebenmenschen sein.
Da ist immer so etwas Geistiges, was solchen Leuten vorschwebt. Solche Menschen sehen immer die Notwendigkeit vor sich, die ihnen zuflüstert: Denke! Harry muss nachdenken, das steht obenan in seinem Programm, und das ist das Unheimliche, das ihn beständig ein wenig foltert, das ihn schärfer horchen lässt, das ihm befiehlt, ein nervös-zerissenenes Gesicht zu machen.
Er hat eine feine, scharfgeschnittene Denkernase. Gewisse Karikaturisten zeichnen gerne über solche Nasen im Profil her.
Mir liegt daran, eine ernstes Denkerportrait zu bieten, und da heißt es so sehr aufpassen, kommt es so sehr darauf an, keinen Wesenszug zu übertreiben.
Kollege Harry!
Er hört dieses Wort nicht gern, er möchte am liebsten niemandes Kollege sein, er ist so eine Art scheuer Philosoph, der den Mantelkragen in die Höhe zieht. Wenn man seine Hand lebhaft drückt, knackt sie, und wenn Harry seinen Hut auf, so ist sein Kopf sehr interessant.
Er fürchtet immer, man könne über ihn spotten, aber es gibt gewisse Menschen, die man nur dann getreu abbildet, indem man über sie spottet.
Harry hat eines Nachts einen flüchtig entworfenen Tractatus suicidalis im Kaffeehaus liegen lassen, auf so einem Kaffeehaussofa, auf das der Gewohnheitskaffeeschlürfer sich in der Regel so nachlässig-cool hinwirft, um Kaffee zu schlürfen und in die Luft zu starren.
Ein anderer hat die Abhandlung gefunden, genommen, eingesteckt, nach Hause getragen, abgeschrieben, vollendet, buchfähig gemacht und zum Bucherfolg auf der Buchmesse gebracht.
Es war auch nach Derrida. Ja, ja. Bei Derrida, diesem französischen Denkrebell, ist alles gegen den Strich, das wird jeder empfunden haben, der ihn einmal gelesen hat.
Harry studiert die Stoffe, nicht das Leben; das Leben, das er zu erleben bekommt, ist bis jetzt noch nicht weit her. Er ist Taxifahrer und Buchhandelsgehilfe, das hat er erlebt und das ist nach seiner eigenen Meinung kein apartes Erlebnis.
Schade, dass er nicht, sagen wir beispielsweise, zur Zeit des großen Wilhelm II. zur Welt gekommen ist; er hätte dann dem einen oder dem andern jener geistvollen Schlingel, die damals in die Höhe schossen, schon gezeigt, was er gekonnt hätte.
Die Sache ist die: Harry kann alles und will alles, aber er tut effektiv nichts. Er schleppt jetzt Bücher, weil er selber körperlich arbeiten will, er träumt von einer großen Seinstheorie, weil er selber durch und durch vom Teufel des Denkens besessen ist, er denkt über Gedichte nach, weil er selber welche hätte machen müssen, wenn er gewollt hätte.
Er wird böse sein, wenn er dies liest. Ich werde ihm sagen: Da, nimm! Und werde ihm das wenn auch kleine, so doch für ihn nicht belanglose Honorar in die Hand zu drücken, das ich für diese Studie bekomme.
Spötter haben manchmal die Extravaganz, menschenfreundlich zu sein.
Ach Gott, Harry ist so arm, so weltverlassen. Man bedenke, er denkt nur an Hohes und Erstklassiges. Er ist nicht ein Mensch wie andere Menschen, gerade so, wie die meisten Menschen nicht Menschen sind wie andere Menschen.
Ich aber gehöre entschieden unter die Hunderttausend. Ich bin zum Verwechseln einem Büroangestellten ähnlich, und ich bin so froh, so gewöhnlich zu sein.
Man höre diesen Unterton rachsüchtigen Neides!
Weshalb sollte ich Harry beneiden? Im Gegenteil, ich bedaure ihn. Ich schreibe ja über ihn, ich muss ihn also unter mir fühlen, denn sonst schriebe ich ja nicht »über« ihn. Diese Gemeinheit – hinzugehen und über denkende Menschen zu schreiben, als ob sie. Und dann ist dieser Harry ja noch nicht einmal interessant, höre ich den Leser.

© 2001 by Peter Goeckel. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Das ist eine sehr gelungene bissige Studie, die jeden Schreibenden trifft, der sich ernsthaft um das Schreiben bemüht! Und am Ende keine Leser findet…
Gleichzeitig gelingt der Spott über sich selbst: Ich kann das gut nachvollziehen, diese selbst gewählte Einsamkeit, diese Überzeugung von der eigenen Fähigkeit (die ich gleichzeitig niemandem offenbare). Nur Weniges stört mich, aber das steht in der Einzelkritik!

Die Kritik im Einzelnen

Lange hat es gedauert, bis ich mich zu Wort melde, dafür aber gleich doppelt; zum Ersten weiß ich nicht, was es mit Harrys Kopf auf sich hat: Wirkt der nur interessant, wenn Harry seinen Hut auf hat? Oder ist sein Kopf erst dann interessant, wenn er seinen Hut auflupft, der Kopf also für einen Moment ganz sichtbar wird? Das Entscheidende ist vermutlich Opfer einer Übertragungs-Panne geworden.
Zum zweiten ist interessant als Beschreibung von Harrys Kopf gegenüber allen anderen Beschreibungen überaus fad & nichtssagend, passt sich seinerseits aber nahtlos dem nicht minder schwächelnden Schwachvollverb ist an: so ist sein Kopf sehr interessant. Ich werde den Verdacht nicht los, dass das Absicht sein könnte – aber ich frage mich, welche, und ich finde keine Antwort. zurück
Harry wurde bisher zweimal angesprochen: Hey, Harry und Kollege Harry. Das weckt Erwartungen, denn es scheint nach der zweiten Nennung Stilmittel geworden zu sein; tatsächlich jedoch wird Harry nicht mehr angesprochen. Ich hielte weitere Anreden für angebracht, da sinnvoll; vor diesem Absatz würde ich Dichter Harry als Anrede einsetzen: es fügt sich nahtlos an spottet und verweist auf seine im Folgenden dargestellten dichterischen Qualitäten zurück
Dieses umgangssprachliche so würde ich hier streichen. zurück
Mit diesem umgangssprachlichen so würde ich analog verfahren: welche Atmosphäre in diesem Etablissement herrscht, wird durch die herrlich-penetrante Wiederholung von Kaffee in vielerlei Variationen deutlich genug: ich wüsste keinen besseren Ort, um einen Tractatus suicidalis zu platzieren – in der leisen Hoffnung, man würde diesem Zaunpfahlwink nachkommen. zurück
Das Leben ist bis jetzt noch nicht weit her? Grammatisch hat dieser Satz eine leichte Schieflage, heißen könnte er Das Leben ist bis jetzt noch nicht weit gediehen oder Mit seinem Leben ist es bis jetzt noch nicht weit her.
Vielleicht aber liegt hier eine bewusste Verdrehung vor, im Zuge des oben angekündigten Spottes? Ich bin mir nicht sicher, dazu ist meine Irritation viel zu leicht! zurück
Hier würde ich erneut eine Anrede einfügen: und zwar Genie Harry: einerseits hat sich der Geniegedanke überlebt (siehe die historische Reminiszenz), andererseits kann und will Harry alles. zurück
Teufel des Denkens? Nicht besser Denkteufel? zurück
Das umgangssprachliche selber zugunsten des selbst aufgeben! zurück
Das umgangssprachliche selber zugunsten des selbst aufgeben! zurück
Hier würde ich eine letzte Anrede einfügen: Einsamer Harry: das passt gut zwischen die menschenfreundliche Extravaganz des Spötters und den ganz großen Einsamen da droben. zurück
Das ist so schmunzelig-spöttisch wie die genial-derbe Version aus dem Leben des Brian: Brian: Ihr seid doch alles Individuen! – Chor der 1000: Ja, wir sind alles Individuen! – Eine einzelne Stimme: Ich nicht! zurück

Textkritik: Blecherne Herzen – Lyrik

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Fließbandstraßen durchziehen die Landschaft
Wie bleierne Quecksilberströme;
Zäh, stickig, Leben atmend.
Fortschritt, soweit das Auge reicht;
Das Duell gegen die Bequemlichkeit
Längst verloren; mit stumpfen Waffen gekämpft.
Das Visier nur halbherzig heruntergeklappt;
Der Tellerrand als Kosmos reicht uns
Völlig aus.

Hetzende, handybehängte Menschen eilen durch
Bunte, farblose Gänge; kommunizierend –
das Handy als Tor zur Welt.
Erreichbar zu sein – was für ein Segen.
Nur noch Stand-by erlaubt; sprechen miteinander in
Jeder Sekunde, und doch sagen wir uns nichts.
Weben einen fiependen Maschendraht des Miteinanderseins
Um unsere dürstende Seele;
Ein Harnisch nur für blecherne Herzen.

Und doch – noch nicht alles verloren.
Lass uns eine Oase sein in der steinernen Wüste
Der Alltäglichkeit; ein Leuchtturm, umtost von
Der brüllenden Brandung der Konformität.
Kein Harnisch nötig; seelenverwandt – kein Handy der Welt
Kann leisten, was uns schweigend gelingt –
Kommunikation ursprünglich, unverfälscht –
Transmitter nur störend.
Lass mich in Deinen Augen lesen wie in einem Buch
Lass uns den Tellerrand sprengen.

© 2001 by Oliver Georgi. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Grober Unfug.

Ein paar Alliterationen, ein paar Paradoxa, eine ausgeprägte Händiphobie und wandernde Straßen machen noch lange kein Gedicht. Dieses Gedicht ist nicht zu retten, dazu ist es viel zu wichtigtuerisch. Wer will, kann daraus lernen, dass er seine Einfälle nicht einfach stehen lässt, sondern sie in einen schlüssigen Zusammenhang einarbeitet! Ein dauernder Wechsel der Bilder führt in der Regel zu unfreiwilligem Nonsense.
Zum Theme »Liebe in schwierigen Zeiten« empfehle ich stattdessen dieses Gedicht von Else Lasker-Schüler aus dem Jahre 1902:

Weltende

Es ist ein Weinen in der Welt,
als ob der liebe Gott gestorben wär,
und der bleierne Schatten, der niederfällt,
lastet grabesschwer.

Komm, wir wollen uns näher verbergen.
das Leben liegt in aller Herzen
wie in Särgen

Du! Wir wollen uns tief küssen –
es pocht eine Sehnsucht an die Welt,
an der wir sterben müssen

Die Kritik im Einzelnen

Wenn einfache Straßen die Landschaft durchziehen, wäre das Bild schon hart an der Schmerzgrenze; schließlich ziehen Straßen und Wege üblicherweise sich durch Wälder und Felder, oder sie durchschneiden sie und dergleichen mehr. Eine Personifizierung aber der Straßen, die als totum pro parte (das Ganze steht für das Einzelne: hier sind wohl »Blechkarossen« gemeint, gesteuert von denen mit den blechernen Herzen oder von den blechernen Herzen – dann hätte ich nämlich auch noch an das pars pro toto erinnert, wo ein Einzelnes – hier das Herz – für das Ganze stünde: den Chauffeur) durch die Gegend ziehen, also. ich weiß nicht, ob ich damit mich anfreunden kann. Zumal es ja nicht nur dieses Bild allein ist, denn:
es sind ja nicht hundsgewöhnliche Straßen, die da durch die Natur trampeln: es handelt sich um Straßen, die sich selbst bewegen, eben um Fließbandstraßen! So etwas soll es auf Flughäfen geben, habe ich irgendwo gelesen, und natürlich in SF-Romanen: Rollbänder nennt man das wohl! Wenn also diese sich selbst bewegenden Bänder sich gleichzeitig von ihrem Standort fortbewegen, verpufft jede Wirkung: das wirkt nur noch aufgeplustert, da ist ein gehörig Übermaß an Bewegung drin; und die Wortschöpfung Fließbandstraße verdient die Bezeichnung Schöpfung nicht, dazu sind die beiden Begriffe viel zu eindeutig und ähnlich, als dass eine Verbindung irgendeinen Sinn ergeben könnte. zurück
Durch die Landschaft spazierende und in sich selbst rotierende Fließbandstraßen schienen als Bild noch nicht stark genug, deswegen muss dieser wüste Wust jetzt verglichen werden, um den wahren Sinn zu offenbaren: denn wie laufen diese Gebilde? Sie ziehen wie Quecksilberströme! Die sind aber offenbar nicht giftig genug: da muss noch eine kräftige Portion Blei dazu: die Quecksilberströme sind nämlich bleiern.
Haben wir es hier mit einem metallurgischen Gedicht zu tun? Fließband, Blech, Blei, Quecksilber? Klar: Blei (schwer und grau) bildet einen tollen Kontrast zu Quecksilber (flink und silbern), beide sind ziemlich giftig, und wenn so etwas durch die Landschaft zieht, geht die natürlich kaputt – wer hätte das gedacht! Jetzt gehen uns aber die Augen auf und über: die Blechbeherzten verpesten die Umwelt mit ihrem bleifreien Benzin auf den quecksilberhaltigen Straßen, die sich zum Glück nur langsam bewegen.
Schön; die bösen Umweltverschmutzer haben das übliche Fett auf den lyrischen Deckel gekriegt. Da könnte das Gedicht doch eigentlich beendet sein, oder? Was soll denn jetzt noch kommen? zurück
Huch nein: der Leser weiß ja nicht, dass bleierne Quecksilberströme zäh fließen (ich wusste es auch nicht, konnte mir es aber vorstellen); das wird ihm jetzt ganz deutlich gemacht, dass auch die letzten Unsicherheiten bezüglich der Konsistenz ziehender Blei-Quecksilber-legierten Fließbandstraßen ausgeräumt werden. Dass sie auch noch stickig ziehen, überrascht nur wenig: Abgase = stickige Luft; hier wird halt wieder draufgepappt und drangepappt, damit es noch ungenießbarer wird.
Jetzt aber zum ersten Gelungenen in diesem Gedicht: Leben atmend. Im Zusammenhang zu dem überladen obergiftigen Metallgebilde meinen diese beiden Wörter nämlich genau das Gegenteil: es atmet nicht Leben, sondern es verbraucht Leben – das ist gekonnt! zurück
Nein, das Auge reicht nicht weit! Von Fortschritt redet kein Mensch mehr, das heißt heute Entwicklung neuer Technologien oder Hightech oder Standort Deutschland oder Zukunft oder Vision oder anderes Wortgehülse mehr. Fortschritt? Den hat Enzensberger schon längst lyrisch beerdigt, der muss nicht mehr ausgegraben werden. Mit seinem »Es geht aufwärts, aber nicht vorwärts« hat er mehr gesagt als alle bisherigen Zeilen des Gedichtes. zurück
Und wieder misslingt die Arbeit mit Kontrasten: Bequemlichkeit kämpft selbstverständlich nicht, also ist ein Kampf gegen sie per definitionem unmöglich. Sie lässt sich lediglich bekämpfen, wenn man denn will. Bequemlichkeit liegt faul danieder, wird sich nicht wehren. Das Bild eines Duells zwischen »uns« und der Bequemlichkeit ist wohl absichtlich so gewollt; das macht es aber überhaupt nicht besser.
Ich habe es gerne bequem, meine Anlage zur Askese ist überaus verkümmert. Brecht meint dazu (aus: Tu will kämpfen lernen und lernt sitzen, aus Me-Ti, Buch der Wendungen):
»Tu sagte: Wenn man immer danach strebt, die bequemste Lage einzunehmen und aus dem Bestehenden das Beste herauszuholen, kurz, wenn man nach Genuss strebt, wie soll man da kämpfen? Me-Ti sagte: Wenn man nicht nach Genuss strebt, nicht das Beste aus dem Bestehenden herausholen will und nicht die beste Lage einnehmen will, warum sollte man da kämpfen?« zurück
Zum Glück ist die erste Strophe hier beendet. Erfahren habe ich nichts Neues, stattdessen werden die bösen Zeiten beklagt – warum auch nicht. Das ist schließlich der Tellerrand bzw. Standardkosmos der Gebrauchslyrik.
Übrigens: Auch von diesem »uns« lasse ich mich nicht vereinnahmen: dazu ist es mir zu trivial.
Frage auch: was hat alles bisher gesagte mit den blechernen Herzen zu tun – abgesehen von der metallurgischen Schiene? Vielleicht beantwortet ja die zweite Strophe diese Frage. zurück
So schön die Alliteration hetzende, handybengte auch sein mag, so sehr wird sie vom hocherhobenen Zeigefinger zum Kuschen in den Schämwinkel verwiesen: einerseits sind Menschen selten händibehängt, das gilt allenfalls für fliegende ndi-ndler auf Flughäfen und Raststätten, andererseits ist die Betonung, dass hetzende Menschen eilen (was sollen hetzende Menschen denn sonst tun? Durch die Straßen bummeln?), eher peinliche Sprachpanne denn lyrische Leistung: in händibehängte Händler hetzen dagegen hätten wir viermal das gequält-hämische Hä-Lachen am Stück, schlösse man ein hechelnd an, gar fünfmal! Nur: warum sollte jemand so etwas schreiben?
Was weiterhin negativ auffällt: Auch die erste Zeile der ersten Strophe hatte mit Bewegung zu tun: dort wurden eigentümliche Fahrwege personifiziert; jetzt hetzen die Menschen höchstpersönlich: was also sollte die Personifizierung in der ersten Strophe, wenn sie hier durch reale Personen aufgehoben wird? Die inhaltliche Parallelführung führt den Beginn der ersten Strophe ad absurdum. Wenn das man gut geht! zurück
durch bunte, farblose Gänge; sowohl bunt, als auch farblos; durch bunte Gänge und durch farblose Gänge. Das Mittlere ist albern, das Letztere trivial. Zum Glück hat man die Wahl! Ich mag aber diese Wahl nicht, werde mich enthalten. Allerdings sage ich mir: besser durch farblos-bunte Gänge laufen als durch hochvergiftete Natur; diese Menschen werden mir nachgeradezu sympathisch, denn sie verhalten sich durchaus vernünftig: sollen die Straßen doch durch die Natur marschieren, wir bleiben in unseren bunten Städten; zwar hat die Bequemlichkeit irgendwie gewonnen, aber wir Widerborste hetzen, allein ihr zum Trotz, das wäre ja gelacht – wenn es nicht zum Weinen wäre. zurück
Was ist an dieser Zeile so Besonderes, dass sie als einzige mit einem kleinen Buchstaben anfängt? Je nun.
Weder Händi noch Internet sind das Tor zur Welt, das ist schon seit deren Anfängen bekannt & sicher. Unsicher aber ist, ob die Wörter Handy als Tor zur Welt ironisch sein sollen oder tatsächlich meinen, was sie sagen.
Wie hetzt – pardon: eilt man hetzend eigentlich kommunizierenderweise durch Gänge, während Händis an einem herumhängen? Tragen diese Hetzer alle Headsets (auch hier eine schöne Alliteration, die ließe sich der obigen Hä-Folge anbinden, etwa durch das Partizip beheadsettet), oder tragen sie stolz diese praktischen, da vollwaschbaren Händi-Event-Jacken mit im Stoff integrierten Leitungen, Anschlüssen, Mikrophonen und Kragenlautsprechern?
Oder geschieht hier gar etwas Archaisches: Reden die etwa direkt miteinander? Einfach so? Ohne Händi? Muss wohl so sein, nur so erklärt sich das gemeinschaftliche Eilen trotz des behaupteten Sieges der Bequemlichkeit: wenn es einer eilig hat, weil er z.B. aufs Klo muss (im Schritt nasse Hosen sind fürwahr unbequem), und er mitten in einer lebhaften Diskussion inmitten seiner Mitmenschen sich befindet, z.B. darüber, wie arg doch alles ist: dann ist es doch nur konsequent und überaus freundlich, wenn sie alle mit ihm eilen, während Händis ungenutzt & missachtet an ihnen herumbaumeln und traurig vor sich hin melodeien. Das lobe ich mir! zurück
Wie viele Leute reden miteinander ohne Händi und sagen sich nichts? Was soll diese künstliche Aufregung über einen Hammer namens Händi, schließlich ist das nur ein Werkzeug? Man lege alle Händis auf einen Haufen: was haben wir dann? Einen Berg Small-talk? Eine Anhäufung von Weltentoren (von mir aus auch Stargates)? Die Rettung der Menschheit, da jetzt alle nur noch ernsthaft & bedeutungsvoll tiefsinntriefend über das Wesen des Menschen pausenlos einander sich austauschen? Das wäre der Augenblick, wo ich meinen Unglauben aufgeben und mich an den HErrn wenden würde mit der Bitte, dieser Hölle ein Ende zu bereiten! Aber ich weiß, er würde mich nicht erhören, und ich weiß, dass es zu solch einer Situation nicht kommen wird.
Mir Nichthändi-Besitzer sei eine technische Anmerkung erlaubt: wenn ein Händi in Stand-by Funktion ist, dann wird es nicht benutzt, sondern hängt quasi bereit zum Loslegen; insofern ist das angehängte sprechen miteinander jede Sekunde in jeder Beziehung abwegig – aber was soll’s: Hauptsache, Händifrust wird rausgeschäumt. Wenn’s der Seelensäuberung dient: absolvo te! zurück
Fiepende Händis? Das hat was Niedliches: mir fallen da balgende Hundewelpen ein und nette Mäusejunge: hübsch.
Wir weben Maschen? Ich weiß nicht, ob ich Stefan Raab auch für diesen Unfug verantwortlich machen darf, vermutlich leider nicht. Maschen entstehen beim Häkeln und Stricken (auf eine eng verwandte Art werden auch Maschendrahtzäune hergestellt), aber nie beim Weben.
Maschendraht des Miteinanderseins? Ich wähle mir selbst aus, mit wem ich mich verhake! Freiwillig betrete ich weder Container noch Gefängnis. Ich fühle mich in keinster Weise in einer eingezäunten Zwangsgemeinschaft. Ich habe kein Händi, keinen Schredder, keine Pumps, keinen Universalschraubendreher: ich brauche das alles nicht. Stattdessen aber:
Ich habe eine eigen Seele! Ganz allein für mich! Die dürstet auch nicht, denn die stille ich regelmäßig, weil ich sie lieb habe! Unsere dürstende Seele? Um mit Rühmkorf zu sprechen: Die Menschheit? / Ans Herz damit! / Aber ohne mich. zurück
Auch die zweite Strophe neigt sich dem Ende, aber nicht, ohne mir zum Abschied erneut sinnloses Grübeln gehörig abzuverlangen: Wozu bitte sehr benötigen Blechherzen einen Harnisch? Ist das Blech zu dünn oder angerostet? Ist Blech nicht genug Harnisch, falls gemeint sein soll, dass menschliche Regungen wie Einander-etwas-Sagen eingebuchtet sind? Braucht es da wirklich noch den zusätzlichen Harnisch »Fiepender Maschendraht des Miteinanderseins«? Und verdurstet eure Gruppen-Seele derweil in der Blechbüchse »Herz«? Immerhin tauchen die blechernen Herzen nach der Überschrift wieder einmal auf. Weiß zwar noch immer nicht, was das sein soll, scheint aber zumindest kein blindes Motiv zu sein (sofern es ein Motiv ist). zurück
Aha: erwartungsgemäß folgt die Troststrophe (und die ist eine Zeile länger als die beiden apokalyptischen ersten): ein Heiland ist in Sicht. Es ist inhaltlich zwar eigentlich noch gar nichts Schlimmes passiert (außer dass Menschen fröhlich miteinander kommunizieren und Händi Händi sein lassen, während die Natur von entmenschten Straßen vergiftet wird), aber Trost ist schließlich immer gut! zurück
Nein und abermals nein! Weder will ich Oase sein, denn die ist vor allem für verirrte dürstende Menschen da, noch Leuchtturm, um anderen heim zu leuchten inmitten der hübsch alliterierenden (brausend) brüllenden (Brecher)Brandung – und ganz besonders dann nicht, wenn ich mit einem geliebten Menschen zusammen bin, denn dann habe ich keine Zeit, anderen heim zu leuchten oder sie aufzunehmen, um ihren Seelendurst zu löschen.
Eine ganz persönliche Anmerkung: was wäre eine Oase ohne Wüste? Ein Leuchtturm ohne Schiffe? Das Alltägliche: das ist das Leben! Die jeden Tag brav & fraglos zur Arbeit gehen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen: das sind die Helden! Jeder von ihnen ist etwas Besonderes, Einzigartiges! Das soll brüllende Konformität sein nur deswegen, weil sie ein Händi besitzen? Konformität brüllt nicht: das tun Besserwisser wie ich und du. zurück
Es passt zu dieser Sammelklage, dass wieder einmal unbeachtet bleibt, was noch in der vorherigen Strophe gepredigt wurde: denn wie kann es Seelenverwandtschaft geben, wenn alle nur 1 gemeinsame Seele haben? Mit sich selbst verwandt? Oh heilige Einfalt! zurück
Was will uns hier weisgemacht werden? Ursprüngliche und unverfälschte Kommunikation sei die schweigende? So wie die zwischen Magen-Darmtrakt und Einlegesohle? Und das soll ein Händi nicht können? Ich bitte doch sehr: unser oben hergestellter Händihaufen kann sich auf diese schweigende und ursprüngliche Weise doch allerbestens verständigen! Wer da zuhören könnte! Der könnte noch was lernen auf und über die ursprünglich und unverfälschte Art, so wie sie schon in der Bibel beschrieben wird: Am Anfang war das Schweigen; und: Und Gott schwieg, es werde Licht!
In diesen Zeilen feiert der Unsinn weiter sein grelles schellenlautes Fest – und es wird noch doller: zurück
Was meint dieses Wort? Ist es die Kurzform für Neurotransmitter (ohne die im Hirn nichts mehr liefe)? Kaum vorstellbar! Ist es das englische Wort für Sender? Wenn ein Sender nicht nötig ist, ist auch ein Empfänger überflüssig, und damit jede Kommunikation unmöglich, denn die setzt Sender und Empfänger voraus: dann klappt nicht einmal mehr schweigende Kommunikation. Diese Bedeutung ist es also auch nicht.
Folglich muss es etwas Neues sein, erschaffen aus dem Verb transmittieren, was übertragen, übersenden bedeutet. Ob das aber weiter hilft? Wir werden sehen, dass dieses Wort erwartungsgemäß in jeder Hinsicht voll daneben langt! zurück
Lesen will das lyrische Ich? – aber bitte ohne Transmitter! Also Augen zu und zusätzlich Licht aus, verstanden? Und keine Schummelei, ohne Transmitter ist ohne Transmitter! Und lesen will es in den Augen des geliebten anderen Wesens? Ebenfalls Augen zu, ein inneres Seelenglimmen könnte ja die Dunkelheit und die geschlossenen Lider des lesewütigen Ichs durchstoßen: das wäre eindeutiger Regelverstoß: ohne Transmitter ist ohne Transmitter, ursprünglich und unverfälscht! Also Licht aus und beide die Augen zu! Und jetzt?
Viel Spaß beim Lesen!
Und falls jetzt beide verschämt die Lider ein wenig öffnen und etwas Licht machen (z.B. bei ihrem Händi die Stand-by-Funktion aktivieren: manche glimmen da recht heimelig verschwiegen…) und lesen: bitte allerhöchste Obacht! Denn das Buch in den Augen des Gegenüber könnte ja zufällig eine Händi-Betriebsanleitung sein oder ein Wanderführer für bleierne Quecksilberströme oder gar ein Gedicht über blecherne Herzen: das würde so was von Ins-Auge-gehen! zurück
Schön, Gewalt ist in, warum also nicht sprengen? Kommt doch gleich so viel geräuschvoller daher als das einfache und wirkungsvolle »Über den Tellerrand schauen«. Jedoch: dazu müsste man sich aufrichten, und aufrechter Gang ist bekanntlich nicht jedermanns Sache; also wegsprengen, und man hat freien Blick ohne sich aufrichten zu müssen.
Ich habe bereits festgehalten, dass die letzte Strophe 1 Zeile länger ist als die beiden anderen. Ich weiß auch in diesem Falle nicht, warum das so sein muss: ließe man und doch – noch ist nicht alles verloren einfach weg, hätte die letzte Strophe ebenfalls neun Zeilen und höbe sich hervor durch die Aufforderung Lass am Anfang, die sich am Ende noch 2mal wiederholt.
Zu retten ist das Gedicht damit auch nicht mehr: es bleibt pure Leichenfledderei. zurück

Textkritik: Mit der schönen Müllerin – Prosa

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Das Hasenbachtal, stelle ich mir vor, hätte gerade geschlossen, mag sein wegen Urlaubs der Hasen. Aber eines schönen Tages, wenn die Hasen wieder da sind, würden wir es doch noch erlaufen können. Es läuft uns nicht fort, einstweilen könnten wir es, könnte ich mir denken, auch mit anderen Tälern versuchen.
Wir liefen die Bäche hinauf und hinter, stundenlang, tagelang, du voran, ich hinterher am Stock, aber du ohne Stocken, Mühlbach, Dörsbach, Sülzbach, aber nicht den Hasenbach, wie gesagt, Mühlenbäche allesamt, denn überall sind hier einmal Mühlen gewesen. Begegnest du ihren schönen Namen, die auf alten Holztafeln stehen, so klappert dir jedes Mal eine herzliche Erinnerung. Real klappert es freilich nicht mehr unter den alten Mühlengebäuden, unterm Dach dagegen schon manchmal, denn sie sind ein wenig heruntergekommen; doch den alten Mühlenstolz haben sie beibehalten. Im oberen Jammertal, das der Dörsbach mit seinem melodiösen Geräusch füllt, gibt es, du erinnerst dich, noch ein letztes Mühlrad im Keller, das sich unter den Wasserwirbeln dreht und das man nicht sieht, aber doch hören kann, immerhin. Dort wohnte einst die schöne Müllerin, wie auch der Franz Schubert eine gekannt hatte. Seit sie aber nicht mehr Müllerin ist, die Frau Müller, die uns Mineralwasser und trockene Brezel verkauft, ist sie auch nicht mehr schön.
den Bachläufen weg, kann sein, stiegen wir dann zum Kloster Arnstein hinauf, droben siehst du seine hohen steinernen Bögen weiter himmelwärts steigen. Es ist gut ausruhen in der Kirchenstille dort. Wenn du durch eines der Fenster in ein rund geschnittenes Stück Himmel schaust, so wie ich immer in dein Gesicht schaue, dann überfällt dich ein plötzliches Wohlsein, und ein jedes sehnt sich, du nach einem jungen Gott, der dich ewig in Ordnung hält, ich nach dir und der schönen Müllerin. Dass ich euch in den Armen halten könnte für ein paar Augenblicke!
Jedoch, es muss weiter gelaufen werden. Laufen! Was läuft, lebt. Alles Lebendige läuft, mit und ohne Bein, kriecht, fliegt, schwimmt, bewegt sich, wächst und sinkt zurück. Curro, ergo sum. Selbst die dicksten Bäume streichen leichtfüßig durch die Wolken und sehen sich im großen Kreis immerwährend an Sonne, Mond und Sternen vorbeilaufen. Was ein Gefühl! Meine Gottheit wäre ein bewegender Geist, der uns endlos am Laufen hält, notfalls musst du dir das Geistige die Kehle hinablaufen lassen. Himmel vom Fass, wie der Rühmkorf sagte. Menschenskind, der Rühmkorf!
Abends, wenn wir zu Tische sitzen, müde und wohl vom langen Laufen, wie ich mir denke, dass wir dort säßen, dann laufen die Kellner, und je mehr wir ihnen auftragen, desto hurtiger wird uns von ihnen aufgetragen. Ganz ohne Zweifel haben sie ebensoviel Freude am Laufen wie die Wanderer und wie die vielen laufenden Wasser ringsherum. Wasser jedoch bringen sie uns nur zu Beginn, solange sie noch nicht wissen, mit wem sie es zu tun haben, dann Wein, Lahnwein. Honni soit qui mal y pense! Gleichwohl hätten sie, so hätte ich es gern, auch noch andere Weine, die sie bereitwillig ausschenkten. Man müsste der Lahntäler Gastlichkeit ein großes Lob nachrufen, alles in allem.
der Bank aus, auf der wir, will mir scheinen, von der Rotenhöhe kommend, unsere Wandertage beendeten, hast du einen Blick über Weinähr hin ins Gelbachtal. Auch den Gelbach hätten wir nicht mehr ablaufen können. Der Gelbach und der Hasenbach stehen für die Aufgaben, die wir, um wieder auf dem Laufenden zu sein, noch würden erfüllen müssen. Sitzend und schauend, vom Umherschweifen gesättigt tief bis ins Gehwerk hinein, könnten wir uns des Gedankenschweifens lange enthalten. Allein die kleinen Glücksvorstellungen sind nicht zum Absitzen zu bringen, sie wandern unentwegt weiter im Kopf herum. Wie könnte ich, läuft es mir durch den Sinn, meine Wanderbeinchen frisch halten, dass sie nicht früh schon nach Beinhaus röchen? Du riechst nach den frischen Wassern, genau wie die schöne Müllerin, genau diesen Geruch, nehme ich mir vor, wollte ich dann mitnehmen, wenn ich nach Nassau hinunter ginge zur Bahn.
Ich kann aber nicht fort. Ich kann nicht gehen und auch noch weiter leben dazu. Ich könnte nicht lange am Leben bleiben in meinem Niemandsland von Stadt nach den drei Tagen Leben in den Tälern. Tatsächlich bin ich, nachdem ich tagelang kreuz und quer zwischen den Bächen umhergezogen war, nicht nach Frankfurt gefahren an diesem Abend. Ich habe auch gar nicht den direkten Weg nach Nassau genommen. Vielmehr bin ich von der Rotenhöhe aus in entgegengesetzter Richtung über den Berg nach Obernhof gerannt und auf der anderen Lahnseite durch den Wald nach Bergnassau zurückgekehrt, wo ich in der Nacht angekommen bin. Der Anton hat schon auf mich gewartet und hat gleich gesagt, dass ich nicht einfach fortlaufen darf. Das weiß ich schon, dass ich eigentlich nicht fortlaufen darf. Aber der Anton ist selbst schuld daran. Ich hatte ihm doch jeden Tag Grüße aufgetragen, aber ich glaube, er hat sie niemals ausgerichtet. Er sagt immer, ein Pfleger habe viel zu viel zu tun, und er sei schließlich kein Gemischtwarenladen, sondern eine staatliche Heil- und Pflegeanstalt. Ich mag seine witzigen Bemerkungen gern. Jetzt gibt es keinen Grund mehr zum Fortlaufen. Ich habe nämlich die Menschen, die mir draußen begegneten, alle schon gebeten, dass sie die schöne Müllerin von mir grüßen sollen. Es waren siebenundfünfzig, das habe ich mir genau gemerkt, einmal sogar eine Gruppe von neun Personen und acht Hunden. Sie waren sehr nett, haben freundlich gelacht und haben alle versprochen, dass sie die Grüße ausrichten werden.
Ach, wie wird sie sich freuen!

(Musik: G.F.Händel, »Wassermusik«-Suite, Sätze 2 (Menuett), 3 (Affettuoso) und 11 (Air), und Allessandro Marcello, Konzert für Oboe in d-moll, Sätze 2 und 3, Adagio und Presto (wird auch gern von Trompete in a-moll gespielt), und natürlich Franz Schubert, Liederzyklus »Die Schöne Müllerin«.)

© 2001 by Albrecht Verron. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Ein melancholisch-heiterer und sehr musikalisch-verspielter Text. Eine tiefe Verbeugung vor dem Autor!

Die Kritik im Einzelnen

Die Verbindung Stock – stocken ist bereits ohne dieses aber stark genug; ich würde darauf verzichten. Vielleicht wäre sogar eine Umstellung denkbar: du voran ohne Stocken, ich hinterher am Stock; das geht jedoch nur, wenn Stocken nicht gleichzeitig ein Ortsname ist … zurück
Auch hier: ich bin unkundig der räumlichen Gegebenheiten; sieht ein Wanderer das Kloster mitsamt seinen Bögen erst, wenn er auf dem Berg angekommen ist, so ist der Satz völlig korrekt; sähe er die Bögen bereits vorher, würde ich den Satz in einen relativen umwandeln: dessen hohe steinernen Bögen weiter himmelwärts steigen. zurück
Menschenskind, mein Gott Rühmkorf: das möchte ich aber so was von dick unterstreichen! Lyrik schreiben ist schön und gut, aber dazu gehört vor allem auch Lyrik lesen und lernen von den Großen: und Rühmkorf ist ein ganz Großer!
Und überhaupt: Rühmkorf und der Himmel: Wie das Auge austeilt, so empfängt es; / strömt dem Himmel zu – und trinkt ihn ex (La-Paloma-Lied); bis der Himmel haart (Wiegen- oder Aufklärelied); Nimm es für nichts, es sei als ein grobes Gelüst / dem Himmel beizuwohnen. (Bocks-Gesang); -höh! wie der Himmel ihm bis unters Haar schwappt (Selbstportrait 1958); Der Himmel wie ein Präser Gottes / über die entflammte Welt gezogen (Auf Sommers Grill)
Buchempfehlung? Gerne: Peter Rühmkorf, Lethe mit Schuß, Bibliothek Suhrkamp 1285 (Auswahl von Robert Gernhardt); Peter Rühmkorf, Gedichte; Rowohlt (herausgegeben und kommentiert von Bernd Rauschenbach). zurück
Bisher fand die Wanderung eigentlich im Kopfe statt: könnte ich mir denken / kann sein / wie ich mir denke / so hätte ich es gern / will mir scheinen / nehme ich mir vor ;dazu die Irrealis-Formen des Konjunktiv II, die sich auch noch Realis-Formen gleichen und einen eigenartigen Schwebezustand erzeugen (stiegen, liefen, beendeten);
Darüber hinaus wurde mit einer Partnerin gesprochen, die sich erinnert an örtliche Gegebenheiten, also (mit dem Erzähler-Ich?) schon einmal da war, was ein weiterer Beweis ist für eine Kopfreise (oder Gedankenspiel) wäre.
Jetzt bekommt diese Reise unvermittelt eine starke Realität: drei Tage lang war ich gewandert in diesen Tälern. Aus der Traum? Bleibt nur noch eine Erinnerung? zurück
Das Erzähler-Ich ist offenbar Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt, der er entlaufen ist, um nach schönen Müllerin zu suchen. Also ein Verrückter? Schließlich gibt es die schöne Müllerin realiter nicht. Allerdings gibt es das Erzähler-Ich auch nicht! zurück
Diese Angaben waren vom Autor an den Text gehängt, gehören offenbar dazu: Händel habe ich mir angehört, Teile des Liederzyklus auch: ein Zusammenhang zu diesem Text ist hörbar – mehr kann ich dazu nicht sagen. zurück

Textkritik: Kreuzzug des Hasses – Romananfang

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Eine schwarze Gestalt öffnet das niedrige hölzerne Gartentor. Der Junge hört sie nicht, obwohl das Tor leise in seinen Angeln quietscht. Aber es sind noch viele andere Geräusche um ihn herum: das Zwitschern der Vögel, die emsig an ihren Nestern bauen, hoch über seinem Kopf streicht singend ein sanfter Wind durch die Zweige mit ihrer weißrosa Blütenpracht, und immer wenn die Brise in einer übermütigen Bö auflebt, lässt sie Blütenblätter herabregnen, leise und sacht, so wie Schnee, der unversehens aus einem sonnig blauen Himmel fällt. Ein Schiff tutet dumpf auf dem breiten Strom. Und der Hund, fast noch ein Welpe, zerfetzt unter drolligem Knurren einen Filzpantoffel der Mutter, der durchlöchert ist und sowieso nicht mehr hatte repariert werden können, obwohl die Mutter es mehrmals versucht hat, weil die Zeiten schwer und neue Hausschuhe teuer sind.
Der Junge blickt erst auf, als ein dunkler Schatten über ihn fällt. Er erschrickt heftig.
Der Träumende weiß, nicht die gespenstische altersschwache Vogelscheuche, deren klapperdürre, fetzenbehängte Gestalt das frisch eingesäte Getreidefeld weiter landeinwärts bewacht, hat ihren Standort verlassen und ist gekommen, um ihm, dem kleinen Jungen, der er war, seine kindliche Furcht vor ihr in seinen kleinen behüteten Garten nachzutragen.
Der Träumende weiß, es handelt sich um keine übernatürliche Erscheinung, wenn auch die erbärmliche Gestalt, die da vor dem Jungen steht, einer Vogelscheuche durchaus ähnelt: Ein Bettler ist es, der in das kleine Refugium im Alten Land eingedrungen ist. In Deutschland regiert das Wirtschaftswunder, aber Wunder sind launisch wie das Schicksal und bei ihrem Wirken höchst unzuverlässig. Manche verzweifelt Hoffenden werden einfach vergessen, obwohl auch sie leben wollen. Und viele von ihnen fliehen vor der gefühllosen, eigensüchtigen Geschäftigkeit der nahen Großstadt und ziehen über Land, um von den Glücklicheren, die selbstgezogenes Obst, selbstangebautes Gemüse ihr eigen nennen, eine Mahlzeit zu erbitten, weil sie selbst gar nichts haben außer viel Zeit, die ihnen nur vertrieben wird durch die langen Märsche von Haus zu Haus, und mit der Musik ihrer knurrenden Mägen als einzigem Wegbegleiter.
Obgleich dem Träumenden all dies gegenwärtig ist, beschert der Alp ihm, jedes Mal neu, die Furcht des kleinen Jungen, der er einstmals gewesen ist, der sich seinen Hund schnappt und angstvoll »Mutter!« schreit und zum Haus rennt. Und er träumt, wie es war, als der Schatten über ihm nicht weicht, sondern ihn verfolgt bis hin zu den drei Stufen vor der Haustür, wo der Junge über seine kleinen Füße stolpert und hinfällt. Und er sieht die braungrauen, löchrigen Stiefel des Mannes mit ihrem Muster aus weißen Schweißflecken und der mit einem Gummiband gehaltenen, klaffenden Sohle, in der kleine rostige Nägelchen halten sollen, was nicht mehr zu halten ist, und die aussehen wie das Gebiss eines Hechtes. Übergroß ragen die Stiefel vor ihm auf, ihre Schäfte halb verdeckt durch die Fransen einer ehemals dunkelbraunen Cordhose und ein Stück weiter drüber durch den löchrigen, abgestoßenen Saum eines dunklen Mantels, dessen Farbe und erst recht sein Alter kaum noch zu benennen sind.
Das Kind klammert sich an seinen Hund, der laut fiepend protestiert und wild strampelt. Doch es hält ihn fest, den Mund zum Schrei geöffnet, aber die Stimmbänder vom Entsetzen gelähmt. Auch der Träumende kann nicht schreien, so sehr er sich auch anstrengt. Er keucht und windet sich auf seinem Lager und hält in schützender Abwehr die Hände über seinen Kopf. Das Grauen ist riesengroß, und es schüttelt ihn mit rohen Fäusten. Es hilft nichts, dass er weiß: Gleich öffnet sich die Tür hinter dem Kleinen, und seine Mutter breitet den Trost ihrer Stimme über ihn.
Die Mutter hat eine herbe Stimme, durchsetzt mit einer kratzigen Heiserkeit, die vom Weinen um den Vater herrührt, der die Folgen des Krieges und der Gefangenschaft nicht überlebt hat, vom ewigen Wind in der Nähe des Stromes mit seiner salzigen Meeresfeuchtigkeit, vom Klagen und von den erbitterten Racheschwüren, die einer herzlosen Gesellschaft gelten, und vom Hersagen der Gebete, die Linderung schaffen sollen und diese verweigern.
In diesem Augenblick ist ihre Stimme schrill und hart, hart wie das Nudelholz, das sie schwingt, um ihren Sohn, sich selbst, ihr Haus und ihre geringe Habe vor einem zu verteidigen, der nichts hat von alldem, nur sich selbst und seine armselige Bedürftigkeit, und der dieses Selbst genauso wertschätzt wie sie ihres und der es unterhalten muss, damit er weiterkommt auf seinem Weg von Irgendwoher nach Irgendwohin. Der Junge hört die Worte, die sie schreit. Hört Worte wie »Gesindel, Landstreicher, faules Pack, Schänder und Mordbrenner« und weiß mit den meisten nichts anzufangen. Er versteht auch nicht genau, was sie meint mit: »Ich schwöre dir bei Gott, ich schlage dich tot, du räudiger Strolch!« Der Junge vertraut darauf, dass es zu seinem Wohl, zu seinem Schutz ist.
Und ganz und gar versteht er nicht das Folgende, weiß es bis heute nicht, ob es ursprünglich ihm oder wirklich seinem Hund gegolten hat, als sich der Fuß des Mannes hebt, als er ausholt und als sich die Stiefelspitze mit der klaffenden Sohle seinem Gesicht nähert. Er spürt, wie sie kurz davor abschwenkt und statt dessen seinen Hund in seinen Armen trifft. Er weiß das Knacken im Körper des Hundes nicht zu deuten und auch nicht, warum dieser Körper plötzlich schlaff und leblos wird. Er sieht den Schrecken und die Schuld in den Augen des Bettlers, aber er erkennt beides nicht. Er sieht den Mann nur davonrennen, verstohlen nach allen Seiten nach Nachbarn Ausschau haltend, die es hier nicht gibt, jedenfalls nicht innerhalb der Distanz, welche die Schreie der Mutter überbrücken können. Es dauert nicht lange, da ist er verschwunden, als hätte es ihn nie gegeben. Nur die Worte »Mörder!« und »Elender Lump, verrecken sollst du!« und noch eine ganze Menge mehr verfolgen seine Spur. Doch nur der Flüchtling selber weiß, wie viel davon er noch gehört hat.
Die Mutter verstummt noch lange nicht. Nur leiser ist ihre beanspruchte Stimme geworden. Selbst als sie am Abend nach einem ungewöhnlich üppigen Abendessen mit viel gebratenem Fleisch eine Schaufel holt und sich im Garten unter einem der Apfelbäume zu schaffen macht, schimpft und jammert sie noch immer vor sich hin, und der Junge, der in seinem Bett liegt, hört sie abwechselnd fluchen und lamentieren über die Ungerechtigkeit und Hartherzigkeit der Welt gegenüber einer schuld- und schutzlosen verwitweten Mutter, bis er endlich einschläft.

© 2001 by Barbara Jung. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Der Anfang von diesem Romananfang ließ meine Erwartung zunächst ins Bodenlose sinken, aber dann erholte sie sich zusehends und bekam nur noch stellenweise ihre Dämpfer: Es finden sich viele vorzügliche Stellen, sprachlich und inhaltlich: Diese zu vermehren muss das Ziel sein!
Weil das nur der Anfang eines Romans ist, erfahren wir fast nichts vom Hass, und gar nichts vom Kreuzzug; wir erfahren viel von der Deformation eines Kindes, von einem Trauma, das dieses Leben wohl prägt. Dies wird zum großen Teil eindringlich und sprachlich überzeugend gestaltet. Aber es bleibt noch viel zu tun, allein schon an diesem Beginn: Ich würde eine Bearbeitung empfehlen; das ist leicht gesagt, denn ich weiß nicht, wie lang der Roman (schon) ist, weiß nicht, ob die guten Momente stärker werden oder ob eher zum Fragwürdigen der weitere Text sich neigt. Und: Kann die erzeugte Spannung gehalten werden?

Die Kritik im Einzelnen

Etwas Schwarzgestaltetes bricht gleich zu Anfang in eine Idylle ein: das ist schon kein Wink mehr mit dem Zaunpfahl, da wird ein ganzer Gartenzaun geschwenkt: Liebe Leserinnen und Leser, macht euch auf etwas Erschreckendes gefasst, etwas Oberböses schlägt gleich zu!
Der auktoriale Erzähler weiß sehr wohl, dass die schwarze Gestalt ein Bettler ist: warum wird das verschwiegen? Würde das anschließende Erschrecken des Jungen an Intensität verlieren? Einen solch brachialen Beginn hat dieser Romananfang in keiner Weise verdient, geschweige denn nötig! Vielleicht wäre eine Passivkonstruktion angemessener: Das niedrige Gartentor wird geöffnet. Dieser Verbesserungsvorschlag gilt jedoch nur für diesen isolierten Satz, nicht für den weiteren Zusammenhang (s.u.). zurück
Als unerbittlicher Feind von Adjektiven frage ich, welchen Sinn diese beiden Adjektive stiften: soll niedrig eine Klein-aber-mein-Idylle unterstützen? Hölzern die Naturverbundenheit? Reicht nicht eines von diesen Adjektiven, sofern überhaupt eines sein muss? Vielleicht niedrig im Gegensatz zu einer hohen Gestalt (aber nicht hoch genug, um das Tor einfach zu überschreiten), oder hölzern im Kontrast zu dem fleischernen Bettler? Was anschließend einzig von Bedeutung ist, ist ein Quietschen! Wozu sich also mit dem Gartentor aufhalten, das seinerseits niemanden aufhält? zurück
Zunächst muss ein Gartentor quietschen, damit jemand es hören kann (oder gerade nicht: wo nichts Schallwellen verbreitet, kann jemand auch nicht nichts hören). Die nachgeschobene Konzession stellt dieses Verhältnis jedoch auf den Kopf; erneuter ein isolierter Vorschlag: Obwohl das Tor leise quietscht, hört der Junge es nicht. Die Angeln habe ich entfernt, schließlich sind sie als Hauptursache für das Tür&Tor-Quietschen landauf landab berüchtigt. zurück
Aber stellt einen Gegensatz zum Quietschen her, gemeint ist aber (!!!) eine Begründung, warum der Junge das Quietschen nicht hört! Folglich müsste der Satz anfügen: Denn es sind noch viele andere Geräusche um ihn herum.
Doch auch dieser Satz missfällt mir: sein und haben als Vollwerben drücken prinzipiell nur wenig aus, können in sehr vielen Fällen durch stärkere Verben oder bessere Konstruktionen ersetzt werden: denn andere Geräusche beschäftigen seine Aufmerksamkeit oder denn andere Geräusche übertönen es.
Das ist gewiss nicht der Weisheit letzter Schluss! Ich möchte auch nicht länger an jedem einzelnen Satz rumbosseln, sondern ich würde den ganzen Beginn umformulieren: Als das Gartentor geöffnet wird, quietscht es leise. Der Junge hört es nicht wegen der anderen Geräusche um ihn herum: Diese Inversion ist ganz bewusst, denn jetzt folgt eine Aufzählung von (mit einer Ausnahme.) Geräuschen; das unterstreicht bereits der vorliegende Text goldrichtig mit dem Doppelpunkt! zurück
Zwitschern Vögel, wenn sie bauen? Halten die nicht eher den Schnabel, um die mühsam ergatterten Bauteile nicht zu verlieren? Der Relativsatz engt die in Frage kommenden Vögel zu sehr ein! Zudem sind alle folgenden Geräusche in einem Satz versteckt, nur hier nicht! Aus stilistischen Gründen (Parallelführung) würde ich raten, auch hier einen Satz zu bilden und diesen vom nächsten durch einen Strichpunkt zu trennen usw., bis alle Geräuschquellen bekannt gegeben sind: erst dann ist der doppelgepunktete Hinweis erfüllt! Vögel begleiten zwitschernd den Nestbau; (einige Fleißvögel könnten bauen, während andere für Unterhaltung sorgten.). zurück
Hier geht es überraschend lyrisch-alliterierend zu: singend ein sanfter Wind; dazu will das präpositionslastig nominalstilige durch die Zweige mit ihrer weißrosa Blütenpracht so gar nicht passen; ich würde wagen: hoch über seinem Kopf singt sanfter Wind durch weißrote Blütenpracht (streicht musste ich streichen, schließlich ist nomen omen!).
Darüber hinaus würde ich empfehlen, die verschiedenen Geräusche nach Stärke zu sortieren, also zunächst Windgeräuschlein, dann Vogeläußerungen; zurück
Das Wort fällt ist wesentlich geräuschvoller als das, was die Blütenblätter beim Absturz treiben; wenn Blütenblätter leise fallen, ist gerade nicht das Geräusch gemeint; es handelt sich um ein Synästhesie, um einen Assoziationsbereich quer durch unsere Sinnenwelt. Die Blütenblätter fallen leicht und langsam und absolut geräuschlos von leise bleiben also lediglich die Assoziationen leicht und langsam schwebend übrig.
Da hier aber Geräusche aufgezählt werden sollen, müsste von Rechts wegen der Satz nach Blütenpracht bis zu fällt ersatzlos gestrichen werden, so sehr er auch die Jahreszeit näher bestimmen mag! zurück
Der Hund zerfetzt einen Filzpantoffel; der Filzpantoffel ist durchlöchert; der Filzpantoffel hatte nicht mehr repariert werden können. Drei Informationen werden sehr ohne Zusammenhang zusammen gehängt. Entscheidend ist doch: die Mutter hatte es aufgegeben, die Löcher zu reparieren, und so kam der Hund zu seinem Filzpantoffel. Warum dieses nachgeschobene und sowieso? Das heißt doch, dass der Filzpantoffel zwar durchlöchert war, aber aus ungenannten anderen Gründen sowieso nicht mehr zu reparieren war, selbst wenn die Löcher gestopft oder verrammelt oder vernietet oder wasweißichnichtalles wären. Hier wird versehentlich-leichtfertig eine Spur gelegt, die inhaltlich ins Abseits führt! Ein zusammenhängender Verbesserungsvorschlag erfolgt für den gesamten ersten Abschnitt am Ende desselben! zurück
Der Filzpantoffel wäre durchaus noch zu retten gewesen, entnehme ich verblüfft diesem obwohl: denn nur Mutter hat nach mehrmaligen Versuchen aufgegeben (und hat andere wohl an eigenen Versuchen gehindert). Wäre Mutter in den vorherigen Satz gezogen worden, wäre obwohl berechtigt: Mutter hatte ihn nicht mehr reparieren können, obwohl sie es mehrmals versucht hatte leuchtet mir auf Anhieb ein. Die Originalversion dagegen ist unfreiwillig komisch. zurück
Warum erschrickt der Junge? Der Junge erschrickt, weil er aufblickt und etwas sieht. Was sieht der Junge? Er sieht einen schwarzen Schatten. In Reinschrift: Der Junge blickt auf, sieht einen schwarzen Schatten und erschrickt darob. So weit so gut.
Aber: Warum blickt der Junge auf? Nun: der Junge blickt auf, weil ein schwarzer Schatten über ihn fällt, woraufhin er den schwarzen Schatten, den er gerade gesehen haben muss ohne zu erschrecken, unversehens sieht, woraufhin er erschrickt, weil er hastenichtgesehen den schwarzen Schatten plötzlich sieht, der wie gesagt seinerseits wiederum zunächst gesehen werden musste, damit er anschließend gesehen werden konnte.
Erschreckend: diese Addition von Ereignisses funktioniert nicht! Nicht so! zurück
So, wir sind am Ende des ersten Abschnittes angelangt: das behaupte ich, obwohl der Satz im vorliegenden Text einzeln steht: aber zu Unrecht (meine ich): Der Abschnitt beginnt mit etwas Unbekanntem, es folgt eine Idylle, dann der Schrecken, verursacht durch das Unbekannte aus der ersten Zeile; der Rahmen ist geschaffen, und ich finde keinen Grund, diesen Satz besonders hervorzuheben, zumal sich die Situation im folgenden Absatz radikal ändert!
Ich habe damit gedroht, den ersten Absatz (meinen ersten Absatz) nochmals und erstmals im verbesserten Zusammenhang zu präsentieren; ich versuche mich dabei eng an die Vorlage zu halten. Dass man durchaus anderer Meinung sein kann, ist Binse! Und nicht minder Binse ist, dass mein Vorschlag ebenfalls verbesserungswürdig sein wird. Es geht mir auch nur um die Hauptfehler.
Darüber hinaus: In dem vorliegenden Text ist dieser der einzige Absatz, der so problematisch ist! Alles andere hat sehr viel Hand und Fuß und Kopf und Bauch – allein schon deshalb mache ich mir die Mühe! Los geht’s:
Als das Gartentor geöffnet wird, quietscht es leise. Der Junge hört es nicht wegen der anderen Geräusche um ihn herum: hoch über seinem Kopf singt sanfter Wind durch weißrote Blütenpracht; Vögel begleiten zwitschernd den Nestbau; ein Schiff tutet dumpf auf dem breiten Strom; der Hund, fast noch ein Welpe, zerfetzt unter drolligem Knurren einen Filzpantoffel der Mutter, den sie nicht mehr hatte reparieren können ungeachtet all der Versuche: in diesen schweren Zeiten, wo neue Hausschuhe teuer sind. Als ein dunkler Schatten über ihn fällt, blickt der Junge erschrocken auf.
PS: dass das erste und letzte Satzgefüge mit als beginnen, ist mitnichten Zufall! zurück
Zwischen diese beiden Wörter gehört ein Doppelpunkt! Dem Leser wird Zeit gegeben, über den plötzlichen Sichtwechsel nachzudenken: »Der Träumende weiß:«, und es folgt anschließend (wie schon oben bei den Geräuschen), was der Träumende weiß. zurück
Hier wird überflüssigerweise 2x die selbe Aussage getroffen: der Träumende war einst der kleine Junge. 1x muss genügen: .ist gekommen, dem kleinen Jungen, der er war seine. zurück
Ebenfalls ein Doppelpunkt zwischen die beiden Wörter, um die beiden Absätze parallel zu führen. zurück
Da im parallelen Absatz nach dem Doppelpunkt mit einer Negation fortgefahren wurde, könnte und sollte das hier (annähernd) wiederholt werden: Der Träumende weiß: um keine übernatürliche Erscheinung handelt es sich, wenn. zurück
Hier wird wieder addiert, statt dass der Zusammenhang geklärt wird: Wunder sind nicht launisch und zusätzlich unzuverlässig, sondern unzuverlässig, weil sie launisch sind: Wunder schlagen zu, wenn sie Bock drauf haben! Will heißen: .aber Wunder sind in ihrem Wirken höchst unzuverlässig, denn sie sind launisch wie das Schicksal. zurück
Da sind wieder so lecker Adjektive, da möchte ich doch wieder zupacken: ist Eigensucht kein Gefühl, nicht sogar ein sehr starkes, nämlich bereits eine Sucht? Was ist eine gefühllose Sucht? Eigensucht mag ein falsches Gefühl sein, ein böses meinethalben, ein gesellschaftsschädigendes auch, ein verbreitetes, ein gekämmtes, ein nützliches sogar überaus: Geschäftigkeit ist entweder gefühllos oder eigensüchtig, also muss eines der beiden (bin gerade sehr gnädig gestimmt!) erwürgt werden. Diese Entscheidung überlasse ich Besonneneren. zurück
Was soll das und, was soll das und, was soll das tun in diesem Satz, das und, was soll das tun? Raus damit, sogar das Komma davor kann fehlen (muss aber überhaupt nicht, iwo!), schließlich ist der Satz noch nicht beendet: das Motiv des Herumziehens wird deutlich, und durch das (grammatisch wohl eher falsche) Komma wird es betont! Aber ja kein und! Keine erneute Addition! zurück
Der Schatten hat keinen Grund, zu weichen: Wenn der Junge weg läuft, dann in der Hoffnung, dem Schatten zu entrinnen, nicht in der Erwartung, dass der Schatten seinerseits weicht, also sich weg bewegt! Korrekt könnte es heißen: Und er träumt, wie es war, als der Schatten über ihm sich nicht abschütteln lässt, sondern ihn verfolgt bis hin. zurück
Der Junge sieht zunächst die durch fransige Hosenbeine halb verdeckten Stiefelschäfte; offenbar wandert sein Blick etwas höher, also nach oben (nicht drüber: dann hinge der Mantel über den Fransen, der Junge hätte sie nicht sehen können); ein Stück weiter drüber ist nur noch unverständlich! Frage: sieht er den Mantelsaum ein Stück oberhalb des Stiefelschaftes? Wenn dem so ist, sollte es auch so heißen! In jedem Falle ist hier mehr sprachliche Genauigkeit erforderlich: schließlich sind dem Jungen all diese Details eingebrannt, und dann will ich mir als Leser das auch bildlich vorstellen können dürfen! zurück
Diesem sein sei ein schleuniger & stillschweigender Auszug aus dem Satz angeraten: es trampelt nur auf der grammatisch korrekten Struktur herum – denn schließlich bezieht sich dessen sowohl auf Farbe wie Alter: eines dunklen Mantels, dessen Farbe und erst recht Alter. zurück
Wir hatten gerade eine Steigerung: Farbe und erst recht Alter; jetzt sind beide wieder gleich, denn beide sind kaum noch zu benennen. Lässt sich Alter benennen? Das behagt mir miss, ich weiß aber nicht, woher das rührt; sicher bin ich nur: sowohl Alter als auch Farbe lassen sich bestimmen: für mich wäre dieses Verbum entschieden geeigneter.
Bleibt das Problem der Steigerung: Wenn kaum noch auf Farbe zutrifft, müsste Alter nicht mehr bestimmbar sein; träfe kaum noch auf Alter zu, dürfte Farbe noch einigermaßen bestimmbar sein! Wie da rauskommen?
Ich würde auf die Steigerung verzichten: .Saum eines dunklen Mantels, dessen Farbe und Alter nicht mehr zu bestimmen sind. zurück
Man stelle sich folgenden Satz vor: Das Grauen ist schnuckelig klein, und es schüttelt ihn mit rohen Fäusten. Alles klar? Prima! Dann geht’s wieder zurück.
Sollte es noch nicht klar sein: Die Größe = Stärke des Grauens ist bildlich dargestellt: Es schüttelt den Jungen mit rohen Fäusten! Dieser Satz sagt alles, er beschreibt die Auswirkungen. Niemand käme auf die Idee – stünde dieser Satz alleine – an ein kleines Gräulein zu denken! Der erste Teilssatz ist völlig überflüssig, denn er benennt nur! Heißen muss es: Das Grauen schüttelt ihn mit rohen Händen. zurück
Wie entscheidend für ein Verständnis dieses Satzes ist es, dass hier ein ganz bestimmter Krieg und eine ganz bestimmte Gefangenschaft betont wird durch die bestimmten Artikel? Reichte nicht aus: der die Folgen von Krieg und Gefangenschaft nicht überlebt hat? Ich denke: doch! Auch Artikel gehören zur Sprache und verdienen es, bewusst gesetzt zu werden! zurück
Ich kann mir im Ernst nicht vorstellen, dass hier das gemeint ist, was da zu lesen steht: der Strom mit seiner salzigen Meeresfeuchtigkeit – denn was für ein Strom sollte das sein, der nur Meeresfeuchtigkeit mit sich führt? Nicht einmal als Rinnsal dürfte dieses Unding bezeichnet werden! Hier verrinnt der Sinn in einer labyrinthischen Satzkonstruktion: vom ewigen Wind mit seiner salzigen Meeresfeuchtigkeit soll es wohl heißen, und diesen Zusammenhang darf man durch weitere substantivische Attribute nicht auseinander reißen.. Oder besser: mit seiner salzigen Meeresfeuchte; das verlagerte den Aspekt mehr auf die Substanz, weg vom Äußerlichen. zurück
Gebete als Bitten an Gott – und nur die können hier gemeint sein – sollen insofern Linderung schaffen, als sie erhört und beantwortet werden. Das ist die Hoffnung. Gebete können aber keinesfalls etwas verweigern, nicht einmal symbolisch personifiziert: sie sind ja selbst Symbol! Gebete können ungehört verhallen, um bei einer typischen Wendung zu bleiben; Hilfe verweigern kann nur der da droben (glücklicherweise nur bei denen, die an ihn glauben); der Satz könnte also lauten: .die Linderung schaffen sollen, aber unerhört verhallen (unerhört öffnete den doppelten Boden, der dieser Situation angemessen wäre; aber das ist nur meine bescheidene Meinung, passt zugestandenermaßen auch nicht zum Stil des vorliegenden Textes. Ungehört erfüllte vorzüglich seinen Zweck.) zurück
Wir wissen nicht viel von dem Bettler, und wir wissen nichts von seinem Weg; der auktoriale Erzähler weiß auch nichts von des Bettlers Weg, also sollte er nicht so tun, als wisse er etwas, als sei von Irgendwoher nach Irgendwohin irgendetwas Bedeutendes; das schrammt gefährlich nahe an der Kitschklippe, und diese Richtung hatte dieser Text bislang nicht nötig: er will eine Geschichte erzählen, was bisher inhaltlich-sprachlich in großen Passagen gelungen ist! Bitte innigst mit flehend erhobenen Armen und vor Inbrunst zitterzuckbebenden Lippen: Weg mit diesem Flachsinn! zurück
Halten zu Gnaden: das sind beileibe keine Worte, weder goldene noch wahre noch erlesene noch erhabene noch tröstende noch erlösende noch befreiende noch liebende noch flehende noch beruhigende noch noch noch; es sind ganz schnöde, einfache, stinknormale und einigermaßen ordinäre Wörter.
Ich hoffe, der Leser weiß die Anstrengung zu würdigen, die es mich gekostet hat, meine chronische Adjektiv-Allergie zu bezwingen, um diese Anhäufung von schmückenden Eigenschaftswörtern aufs virtuelle Papier bringen zu können! Dank auch schön! zurück
Der Bezug zu diesem es folgt unmittelbar in Form der indirekten Frage, damit wird es hinfällig: tilgen! zurück
Wie kann jemand einen Baum sehen, ihn aber nicht erkennen? Welcher Hirnschaden liegt hier vor? Oliver Sacks weiß von solchen organischen Störungen zu berichten – doch dieser Fall ist zum Glück anders gelagert: der auktoriale Erzähler weiß, was in des Bettlers Augen sich widerspiegelt, aber er unterstellt dieses versehentlich dem Knaben. Logisch korrekt könnte dieser Satz lauten: Er erkennt den Schrecken und die Schuld in den Augen des Bettlers nicht. Damit wird wie in der Vorlage deutlich, dass diese Gefühle vorhanden waren, der Bettler also nicht der Schwarze Mann ist, wie die Schwarze Gestalt ganz am Anfang in die Irre führt. Dass ich auf »sehen« verzichtet habe, hängt auch damit zusammen, dass der Junge den Bettler davonrennen sieht – und ich bezweifle, dass der rückwärts gelaufen ist. zurück
Zweimal nacheinander die Präposition nach nebst Nach-barn ist nachgeradezu zu nach-haltig; dabei ist nach allen Seiten verzichtbar, schließlich weiß der Flüchtige nicht, wo Nachbarn sein könnten; um nach Nachbarn zu vermeiden, würde ich nach anderen Menschen vorschlagen, denn die beinhalten selbstverständlich alle Nachbarn und weiten darüber hinaus den Kreis potentieller Helfer aus auf zufällig Anwesende, wenn es schon keine Nachbarn gibt! zurück
Auch hierbei handelt es sich um Wörter. zurück
Da es sich um Wörter handelt, muss es hier viele heißen. zurück
Ein ganz dickes Lob dem auktorialen Erzähler, dass er dem Leser hier kein Hundefleisch auftischt, sondern die Not deutlich macht; das ist viel erschreckender als platt-vordergründige Wahrheit oder wie immer man das betiteln mag. Zudem muss es ja auch kein Hundefleisch gewesen sein.zurück

Textkritik: Datenreduktion – Lyrik

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Wandlern gleich
ziehen Oszillanten
digitalisierend durch integrierte Schaltungen
und baden
im stockenden Datenfluß.

Resultierend
ist nichts meßbar
als
rechtgeeckte Wechselströme
ohne Ziel und Sinus.

© 2000 by Arnold Piok. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Da haben wir ein kleines, feines Gedichtlein, das allen Computer- und Datenfetischisten ins Stammbuch gehört! Allen Technik-Gläubigen sowieso! Und ganz besonders denjenigen, die ihren Computer denken lassen und glauben, sie seien brillant, weil sie mit einer Clipart Brief oder Homepage verunstalten können; die sind nämlich die penetrantesten Datenfetischisten: die halten alles für gut und richtig und wahr, nur weil es da ist!
Was das mit dem Gedicht zu tun hat? Je nun: ohne Ziel und Sinus halt; es sind Assoziationen, die dieses Gedicht bei mir verursacht. Das Gedicht beginnt so gediegen predigthaft, und nichts kommt dabei raus – das hat eine wunderschöne Fallhöhe!

Die Kritik im Einzelnen

Ich weiß eigentlich nicht so genau, was ein Wandler ist, aber das muss ich auch nicht; mir reicht mein Wissen, dass allerlei gewandelt werden kann: Daten, Spannungen, Strom, Wasser (in Wein); vor allem schätze ich die Assoziation zum Wandern, die sich durch das ziehen noch gewaltig verstärkt!  Das nachgestellte altertümelnde gleich gar schafft halbvergessene Bibelverse ans Tageslicht: … und Jesus wandelte unter ihnen und sprach. Da schleicht sich doch ein Grinsen in mein Antlitz? Fürwahr! zurück
Jetzt jedoch schleicht sich Zweifel ein: sollte ich mich nicht doch um das rechte Verständnis von Wandler bemühen? Hier scheint mir eine unnötige Verdoppelung vorzuliegen: selbstverständlich sind Rechteckschwingungen (schön, dies rechtgeeckte = zurecht gerückte, nicht mehr an-eckende) keine Sinusschwingungen: warum wird das betont? Oder ist das Unwissenheit? Nö: das glaub ich einfach nicht!
Denn: so ganz ohne Ziel und Sinn, so ganz ohne Ziel und Sinnus scheint es mir doch nicht zu sein. schleicht sich da etwa wieder so ein feines Grinsen in mein oberwähntes Antlitz? Wahrlich! zurück

Textkritik: Märchen für Erwachsene – Rapunzel – Prosa

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Ich liebe Rapunzel. Ja, genau die! – Jene, deren Haare ständig als Aufzug missbraucht werden. Ich missachte sogar, dass .zig andere im Haar des Weibes herumwühlen, das Gegenstand meiner Anbetung ist.
»Rapunzel, Rapunzel, lass mir dein Haar herunter«, schreie deshalb auch ich in luftige Höhen. Dann pfeife ich unser besonderes Signal. Heute reagiert sie besonders schnell. Das wundert mich aber nicht, denn nur ich kann ihr geben, wonach sie lechzt.
»Oh-oh-oh. Ich hab schon so sehr darauf gewartet!« Ihre an sich schmerzliche Stimme tönt diesmal besonders schrill: »Schick mir eine doppelte Portion herauf – bitte!« Rapunzels Kopfschmerzen müssen arg sein.
Schon neigt sich die Prinzessin aus dem Turmfenster. Doch noch habe ich keine Zeit, den Anblick zu genießen. Erst muss ich Tabletten aus einem Beutelchen kramen. Ich höre ein Fffft. Dann ein Plumpsen. Doch nein, es ist nicht der Zopf, nichts baumelt neben mir. Es ist – nun ja .
Aus der Ferne sieht Rapunzel gut aus. Besonders jetzt, ohne ihren ständigen Begleiter, den Eisbeutel. Das liegt daran, dass sie ihn verloren hat. Vorhin, als sie sich aus dem Fenster beugte. Sinnend betrachte ich ihn, der nun zu meinen Füßen liegt. Der Beutel schwitzt, sein eisiges Innenleben schmilzt dahin. Wie ich! Er wegen der Sonne, ich wegen meiner Begehrlichkeit, Rapunzel endlich zu erobern.
Meine Angebetete wickelt auf ihre bedächtige Art den langen Zopf ab. Teile des Flechtwerkes formen am Fensterbrett einen goldfarbenen Turban. Schon fordert dicker, kräftiger Haarwuchs weitausholende Gesten der Prinzessin. Ihr Oberkörper wiegt sich in Tanzbewegungen der Sheherezaden. Das anmutige Rollen der Schultern, die zierlichen, zugleich kräftigen Drehungen der Oberarme machen mich ganz knieweich. Und – oh – dieser Busen! Halbkugeln im Ungleichgewicht. Unwillkürlich krümmen sich meine Finger, umfassen visionär Wohlgeformtes.
Da! Das geflochtene Turban-Ungetüm am Fensterbrett verlagert sein Gleichgewicht! Der unvorhergesehene Absturz ihrer Haarpracht lässt Rapunzels Kopf nach vor rucken. Die – vermutlich – sanfte Stirne knallt gegen das Fensterbrett. Rapunzels Zopf schwingt sich als schwergewichtige Luftschlange zu mir in die Tiefe.
Mit einem Hechtsprung bringe ich mich in Sicherheit.
Knisterndes, nein knirschendes Farn umfängt mich. Offensichtlich eine besondere Sorte, denn mir schwindelt. Plötzlich gibt die Erde unter mir nach. Von heftigem Knacken begleitet, plumpse ich in ein Erdloch. Faulendes Holz rieselt von zersplitterten Bohlen.
Ich sehe über mir ein Stück blassen Himmel, also lebe ich noch.
Etwas Goldfarbenes baumelt vor meinen Augen. Es kitzelt mich! Ach ja! Rapunzels Zopf! Ärgerlich schiebe ich ihn beiseite. Ächzend steige ich einige Steinplatten hoch, welche mir als Treppe den Weg nach oben weisen.
Als Treppe!
Da kommen Scharen von Prinzen angereist, sogar einige verheiratete Könige. Sie schmachten Rapunzel an – und verschmachten am Fuß des Turmes, den sie bewohnt.
Und ich, der ich so klug bin, Rapunzels Eisbeutel-Reste für die Beule an meinem Knie zu verwenden, ich, der ich nur ein Scharlatan bin, ein arbeitsloser Prinz, der Wunderpillen gegen Kopfschmerzen verkaufen muss, um zu überleben, ich weiß, was zu tun ist:
Ich werde eine Treppe bauen – hinauf zu Rapunzels Kemenate.
Inzwischen formuliere ich meinen Minne-Antrag. Den sag ich aber erst auf, sobald ich weiß, wie sie wirklich aussieht.

© 2000 by Ilse Scherr. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Da hat jemand eine reizvolle Idee: jemand stellt sich vor, wie Rapunzel tagtäglich Besuch bekommt und – wegen einer chronischen Schwäche der Nackenmuskulatur – immer wieder mit der Stirn auf das Fensterbrett knallt, während die Besucher zu ihr emporklettern, was natürlich Kopfschmerz verursacht, der bekämpft werden will. Da lässt sich was draus machen!
Aber was macht jemand? Jemand vergisst vor lauter und lautem Beifallsklatschen der Gehirnzellen, dass eine Erzählung geschrieben werden will, genauer: ein Märchen, noch genauer: ein Märchen für Erwachsene. Was geschieht?
Das Schlimmste, was einem passieren kann: Ein Vorhaben zerfasert und verirrt sich rettungslos in heillosen Assoziationen, und schellenlaute Effekthascherei vernichtet noch die versehentlich übrig gebliebenen Restbestände von Sinn. Ergebnis: verkrampfter, quälender Unsinn. Schade um die verschwendete Zeit!

Zum Trost ein kleines Drama von Margarete Jehn, betitelt Rapunter, unterbetitelt Ein Seniorendrama:

Der fürchterlich gealterte Prinz legt die Hände an den Mund und ruft zum Turmfenster hinauf.
DER PRINZ:
Rapunter, Rapunter, lass dein Haar herunter!
Er starrt nach oben.
Nichts rührt sich.
Er dreht kleine Verzweiflungsrunden, bleibt abrupt stehen, schlägt sich an die Stirn. Er stellt sich wieder in Positur und ruft zum Turmfenster hinauf.
DER PRINZ:
Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herunzel!
Er starrt nach oben.
Vorhang

Aus: MiniDramen; Alle Rechte beim Verlag der Autoren, Frankfurt am Main

Die Kritik im Einzelnen

Inwiefern wühlen andere in Rapunzels Haar herum? Sie missbrauchen es als Aufzug, heißt es zuvor: das bedeutet, dass Rapunzel die vielen anderen mit ihren Haaren emporzieht; wollen diese vielen den unweigerlichen Absturz vermeiden, sollten sie sich besser festklammern, statt zu wühlen! Oder wühlen sie erst, wenn sie oben angekommen sind (= Märchen für Erwachsene)? zurück
Wenn die beiden schon ein besonderes Signal haben: wozu dient dann der Schrei? Als Ankündigung, dass ein Signal kommt? Das wäre dürftig; besser: Schrei streichen! zurück
Wenn sie heute besonders schnell reagiert, müssen außergewöhnliche Umstände vorliegen, und das sollte ich schon wundern; weil aber ich sich nicht wundert, kann Rapunzel auch nicht besonders schnell reagieren, sondern logischerweise so schnell wie üblich. zurück
Oh-oh-oh sagt überhaupt nichts aus! Ob es ein Ausruf des Erstaunens ist, eine Warnung, ein lustvolles Gestöhne (= Märchen für Erwachsene), Rapunzel ihrem Brüderchen droht oder sich selbst: der Text soll es zeigen, nicht diese hilflos-stammelnde Lautfolge; also hinfort! zurück
Wenn etwas baumelt, kann es nicht Plumpsen: warum wird diese Banalität so aufgebauscht? Und wieso macht ich so ein lächerliches Geheimnis um den Eisbeutel: Es ist – nun ja . Das wirkt erstens verkrampft und ist zweitens völlig überflüssig. Also weg! zurück
Gerade hatte ich keine Zeit, Rapunzel zu begutachten, jetzt schwafelt er über ihr gutes Aussehen, statt sich um das zu kümmern, was da hinunter geplumpst ist: die zuvor überflüssigerweise angelegte Verkrampfung krampft weiter: ebenfalls streichen! zurück
Endlich wird gesagt, dass da ein Eisbeutel runter gefallen ist, angeblich der ständige Begleiter (dazu später mehr) Warum denn nicht gleich? zurück
Jetzt verkrampft sich sogar der Krampf: soooo schrecklich kompliziert ist der Text nicht, als dass jetzt erklärt werden müsste, dass das Hinuntergeplumpste dieser Eisbeutel gewesen ist! Das nachgelieferte vorhin, als . ist bereits peinlich, so bemüht witzig stelzt es einher. Hahaha. zurück
Warum klettert ich nicht einfach hoch? Warum tut er nicht, was all die vielen tun? Hapert’s an seiner Potenz (= Märchen für Erwachsene)? zurück
Das muss Scheherezade heißen, mit es-ze-ha und im Singular, denn es handelt sich um den Namen der Person, die tatsächlich Märchen für Erwachsene erzählen konnte und erzählt hat (1000 und 1 Nacht); der Plural dieser Form gilt für die Märchen selbst, und die konnten keineswegs tanzen, wie hier unterstellt wird. Was also soll der Unfug? Soll das etwa auch witzig sein? zurück
Da ein Busen gemeinhin doppelt vorhanden ist, wäre zumindest ein oh oh angebracht, aber aus oben genannten Gründen sollte es besser ganz entfallen! zurück
Soll das Umfassen visionär sein? Nicht eher imaginär? Schließlich ist der Busen nicht grabschbar, aber durchaus Realität an Rapunzel und nicht nur eine Vision! Oder ist Wohlgeformte visionär? Dann ist ichs Gestöhne angesichts der Halbkugeln eher auf eine Bedauern zurückzuführen, dass Rapunzels Busen diesen visionären Halbkugeln nicht entspricht. Grammatisch ist dieser Satz zutieftst unbefriedigend, denn auch imaginär ließe sich auf Wohlgeformtes beziehen! Sinnvoll könnte es heißen Unwillkürlich krümmen sich meine Finger, als umfassten sie Wohlgeformtes! Damit wären sowohl das falsche visionär und die Unklarheit im grammatischen Bezug eliminiert. zurück
Was passiert, wenn jemand sein Gleichgewicht verlagert? In gar keinem Falle erfolgt ein Sturz, denn das Gleichgewicht (was ja kein Gewicht ist, sondern ein Zustand) bleibt bei jeder Verlagerung des Gleichgewichtes erhalten. Etwas anderes ist, wenn jemand sein Gewicht verlagert oder das Gleichgewicht verliert oder das Übergewicht bekommt: da ändert sich der Zustand. Doch wer weiß: vielleicht soll ja auch das ganz bewusst witzig sein. zurück
Dieses Rucken erfolgt erst dann, wenn die Masse des fliegenden Haares zum Stillstand kommt, der Turban sich also abgewickelt hat! Während des Absturzes ruckt gar nichts. Was soll’s: wenn’s der Witzfindung dient, ist wohl jedes Mittel recht! zurück
Erlaubt sei die Frage: was befürchtet ich? Zuallererst erwartet er nach einem Plumpsgeräusch, dass der Zopf neben ihm baumelt: der erreicht also den Boden nicht. Jetzt hat ich Angst, dass der Zopf ihn treffen könnte, und da er sich nicht einfach bückt (dann würde der Zopf über ihm baumeln, nicht neben ihm, was ja zur Lebensrettung genügte), sondern weghechtet, muss der Zopf also doch bis auf den Boden prallen können: wieso erwartete er also (s.o.), dass der Zopf allenfalls neben ihm baumelt? Und – viel schlimmer, denn der letzte Witz geht verloren – Rapunzel würde nicht mit der Stirn auf das Fensterbrett prallen und keinerlei Kopfschmerzen erdulden müssen, da die Fall-Energie des Zopfes sich umwandelt, wenn der Zopf den Boden deformiert: da bleibt nichts übrig für ein Rucken. zurück
Was hat ein Schwindelgefühl mit Farn zu tun, und sei es auch knirschendes? Was soll das für ein kausaler Zusammenhang sein? Es ist eine besondere Sorte Farn, denn ich schwindelt? Ich wird schwindelig, weil ich eine neue Sorte Farn entdeckt hat: den Knirschfarn (filicina stridens)? Oh, oh, oh, au weia & o jemine . zurück
Wenn Bohlen zersplittern, sind sie nicht morsch, und dann rieselt auch kein faulendes Holz, sondern Holzsplitter; faulendes Holz bröselt; und knirschen tut es auch nicht. Was soll das nur? zurück
Es ist eigentlich unglaublich, aber es wird sogar noch blödsinniger! Der Zopf baumelt also bis in das Loch hinein; doch statt ihn zu ergreifen, steigt ich Steinplatten hoch, welche ihm als Treppe den Weg weisen, will sagen: die führen nicht nach oben ins Freie (wo immer das sein mag: der einzige Zugang lag unter Knirschfarn und fauligen Splitterbohlen!), die weisen den Weg dorthin!
Weiterhin: Angeblich hat ich einen Hechtsprung vollbracht, um nicht von den Haaren erschlagen zu werden; jetzt sieht es allerdings aus, als habe er einen Standsalto gesprungen, und haargenau an der Stelle, wo Legionen von Rapunzel-Liebhabern erfolgreich auf die Haare warten, wächst Knirschfarn, unter welchem wiederum morsche Bohlen lauern auf jeden, der sich dort aufhält (bzw. auf den Aufprall entfesselten Haares).
Da komme ich nicht mehr mit. Vermutlich aber ist das ja witzig oder sogar sehr witzig. zurück
Klar: die Prinzen verschmachten alle am Boden, deswegen ist ja die ziemlich seitwärts und zugleich direkt unterhalb gelegene farnbewachsen Holzabdeckung einer treppenbewehrten Höhlung so morsch: ob all der Verwesungprodukte von Prinzen-Scharen, darunter sogar einige verheiratete Könige (als Spezial-Prinzen der ganz besonderen Art); die übriggebliebenen Kochen frisst wohl das Knirschfarn – weswegen es dann eher filicina frendens (mit den Zähnen knirschender Farn) heißen müsste.
Und ganz typisch für »Dümmer geht’s nicht«: zu Anfang des Textes haben noch .zig andere im Haar des Weibes herumgewühlt, jetzt will ich davon nichts mehr wissen, plötzlich ist ich der einzige! zurück
Als Scharlatan verkauft der Prinz Wunderpillen, die nichts taugen (sonst wäre er kein Scharlatan); Scharlatane verkaufen auch nie an die gleiche Person, weil sie nicht erschlagen werden wollen (siehe Haarsturz); die Prinzessin aber verlangt sogar die doppelte Portion: Portion (statt doppelte Dosis) muss wohl auch dem Krampf anzurechnen sein, andernfalls wäre es ja gedankenlos: also müssen die Pillen doch helfen? Der arbeitslose Prinz wäre kein Scharlatan, sondern ein Rapunzel-Wohltäter?
Dennoch outet der Prinz den Eisbeutel als ständigen Begleiter von Rapunzel: nützen die Pillen also doch nichts? Und fällt ihr jedes Mal der Eisbeutel runter, da als ständiger Begleiter er dauernd auf ihrer Stirn lagern müsste (sonst wäre er ja keiner), was zur Folge hätte jedes Mal einen Absturz, wenn eine Prinzenschar sich näherte, die Aufforderung rief, Rapunzel ihr Haar herunterwürfe und mit der Stirn, der sanften, aufs Fensterbrett knallte, was ja wohl die Ursache der Kopfschmerzen ist, woraufhin die Prinzenschar in ihrem Haar wühlte und Rapunzel sie hinaufzöge – so wie es der Beginn dieses Textes verkündet? Wie viele Eisbeutel besitzt sie wohl? Oder ist der Eisbeutel sturzfest?
Lassen wir es gut sein: so viele Fragen, so wenig Antworten. Geschwafel und Ungereimtheiten die Hülle und Fülle: Wenn das die Folge ist von »Sire, Geben Sie Gedankenfreiheit!«: nämlich dass ein Text frei von jedwedem Gedanken ist. zurück
Ein guter Rat, lieber Scharlatan: lass es bleiben! Du bist viel zu blöd, eine Treppe hinzukriegen, du warst ja schon zu blöd, die Haare zu ergreifen und dich daran hoch zu hangeln bzw. ziehen zu lassen wie Prinzenlegionen vor dir. Unfassbar, dass du bereits jetzt schon vergessen hast, wie Rapunzel aussieht, und deinen Minneantrag kannst du freiwillig vergessen: du wirst dieser Dame nie in Ehren dienen können, du bist ja nicht einmal in der Lage, Kopfschmerztabletten an die Frau zu bringen, die danach verlangt! Wieso? Na, Rapunzel wollte doch Tabletten gegen den Kopfschmerz, und die hast du ihr bislang nicht in die Haare geflochten! Siehst du? Total vergessen hast du das! Na ja, macht nix: leg dich sterben, der Farn wird den Rest erledigen: Gute Nacht! (Braver Kerl: der tut jedenfalls, was man einem sagt! Treppe bauen? Lächerlich.) zurück

Textkritik: Fundbüro – Prosa

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Heute Morgen erwachte ich von einer Überraschung. Ich lag auf dem Boden, mein Zimmer gähnte mich an, umgab mich mit leergeräumter Gleichgültigkeit, die Wände waren nachts geweißelt worden, wer außer mir besitzt einen Schlüssel zur Wohnung, überlegte ich laut, und wie haben die Diebe, ich legte mir bereits Absicht und Kausalität zurecht, das Bett unter meinem Schlaf hervorziehen können, nicht einmal die Postkarte hing mehr über meinem Kopf, die von Schiele, mit seinen beiden Händen, 1917, gefaltet, als würden sie beten, sehnig und grob, durchfahren von Adern und Venen, sie haben mir immer Halt gegeben, gerade wegen des plötzlichen Abbrechens hinter den Ellbogen.
Nach einer kurzen erschreckten Bestandsaufnahme – Bad und Küche waren verschwunden, wo sonst die Türen wenigstens Möglichkeit gaben stehen zu bleiben oder weiter zu gehn, stieß ich jetzt auf sauber gestrichene Wand, nicht einmal Narben fielen mir auf, als wäre dort vorher nichts Anderes gewesen – begab ich mich in die Stadt um auf dem zuständigen Amt den Verlust anzuzeigen.
Die Schlange vor dem Schalter war lang, es dauerte eine Weile, bis man die Person hinter dem Glas ausmachen konnte, ein feistes geschlechtsloses Gesicht, stark überzogene Brauen, rote, umrandete Augen, ein geschwollener Mund, dessen schiefe Oberlippe akuten Herpes folgern ließ, beide Oberarme dermaßen dick, dass der Hemdsstoff, eine seidige Imitation, wie die Epidermis einer Wurst um sie herumlag. Etwas angeekelt wandte ich mich dem amtlichen Bogen zu, welchen man auszufüllen hatte.
Da keine Tische zur Verfügung standen, nur einer, weit entfernt, es wäre ein Wahnsinn gewesen den Platz in der Schlange zu verlassen, nutzte man jeweils den Rücken des Vorstehenden zum Schreiben, eine krakelige Angelegenheit. Der Bogen war übersichtlich gestaltet, aber mit unmöglichen Fragen und Leerstellen bevölkert, schon die erste Angabe, Name und Herkunft, schien mir unlösbar. Ich schielte auf das Blatt meiner Vorfrau, eine schlanke Wohlform, sie hatte mit Kugelschreiber einen langen Strich über die erste Seite getan, Name, Herkunft, Wohnort, Blutgruppe, Größe, Aussehen, Anzahl der Kinderkrankheiten, Familienstand, Beruf, Vorstrafen. Sie bemerkte meinen schmulenden Blick und wandte mit fragendem Ausdruck den Kopf. Es war nicht zu erkennen, ob der Ausdruck auf mich bezogen oder durch mich hervorgerufen wurde.
Ist Ihnen aufgefallen, begann ich leise und verlegen, alle persönlichen Angaben sind offensichtlich nicht durchführbar, woran das wohl liegen mag. Sie hob ihre Schultern, eine lange Bewegung, in die ich mich ohne Zögern verliebte, und sagte, mag sein, das liegt an dem schleichenden Verlust, über Nacht, und wie geht es Ihnen? Jemand weiter vorn in der Reihe sah zu uns herunter, das alles sind Angaben, die von der zuständigen Behörde gemacht werden, deshalb sind Sie doch da, nicht wahr, woher sollen Sie dergleichen denn wissen, aber Sie werden sich einen neuen Bogen besorgen müssen, wenn Sie Vermutungen angestellt haben, nicht wahr, machen Sie sich auf einigen Ärger gefasst, es reißt Ihnen jeder den Kopf ab hier, auch wenn Ihr Gesicht bereits fehlt.
Ängstlich und eingeschüchtert sahen wir uns an, ob ein Durchstreichen wohl schon eine Vermutung ist, ihre Hände begannen zu flattern, einen Moment später auch meine, als stünde ich in irgendeiner Verbindung mit ihr, ich weiß nicht, aber vielleicht können Sie den Durchschlag noch nutzen, wenn der Kugelschreiber nicht zu stark durchdrückt. Dankbar lächelnd wandte sie ihren Kopf wieder nach vorne und ließ ihre Schultern sinken, ich hatte Lust sie zu streicheln, tat es aber nicht.
Hinten, am Eingang, entstand ein Getümmel, als ein Mann sich in die Reihe der Stehenden drängte und murmelte, schimpfte, den Blick auf den Boden gerichtet, mit seinem dunklen Gesicht nach den zurecht zürnenden Menschen ausschlagend, er trug eine sibirische Pelzmütze, einen langen Lodenmantel, die linke Hand hielt, wie im Krampf, einen schwarzen Aktenkoffer, vielleicht ein Beamter, sagte die Wohlform vor mir, mag sein. Wir sahen uns stumm an, sie legte sich in meine Augen, aber als meine Lider sich senkten, verließ sie die Iris jäh und mit furchtbarem Atem und ich wusste nicht, ob ich etwas erwidern sollte.
Das ist nicht der richtige Weg, flüsterte sie vor sich hin, wie bitte, ich beugte mich an ihre Schulter heran, an die linke, in die ich mehr als in die rechte verliebt war, das ist nicht der richtige Weg, flüsterte sie noch einmal, deutlicher jetzt und zu mir gewandt. Inzwischen waren wir kurz vor dem Schalter zu stehen gekommen. Als ich zur Seite sah, blitzte mich fremd und zu nah jener boshafte Blick an, den ich zuvor schon gesehen hatte, lass mich bloß vor, du seniler Berührbarer, zischte der dunkle, fast schwarze Mund in dem verrückten Gesicht.
Ich besann mich einen Augenblick lang, der Mann sah zu meiner Vorfrau hin, zischte, er lässt mich nicht vor, ich habe ein Recht darauf, sagen Sie ihm verdammt noch mal, er soll mich jetzt vorlassen, he, hören Sie mich, und sie drehte sich um, ohne Erstaunen, musterte mich, als sähe sie mich zum ersten Mal, nun machen Sie ihm doch Platz, vielleicht geht es dann schneller, ich spürte den Trotz in mir, sagte, ich sei zuerst hier gewesen und immerhin habe er kein zugelassenes Signal, wenn er es hätte, würde ich gerne zur Seite gehn.
Dann aber, plötzlich und ohne zu wissen warum, nahm ich die Hand des dunkelhäutigen Mannes, führte sie an meine Stirn, küsste sie und sah in die blitzenden Augen, die langsam verschwammen, weil wir uns nah standen, du bist nicht der Erste, du hast nichts zu tun, aber wir sind alle gesichtslos, warum willst du das nicht endlich verstehen, komm endlich herunter von deinem Baum und gib denen zurück, die du bestohlen hast, ich weiß es doch, wir wissen es alle hier, du musst dich nicht länger verstecken, du musst nicht den Amtsweg beschreiten, damit du nicht bloßgestellt scheinst, gib dich auf, sag, dass du Dieb bist, gestohlen hast, sag es, aber da lief er schon weinend weg, eine Treppe hinunter, ins Freie, das vorher nicht da gewesen war, und meine Wohlform lief ihm hinterher.
Ich hatte meinen Platz gerettet, sogar einen dazu gewonnen, worauf es mir immer nur ankommt, reden und einlullen, die Tiefen der andern berühren, damit sie sich loslassen und fortlaufen, damit ich den Platz nehmen kann, den sie freigeben, ich stand direkt vor dem Schalter, aber was hatte ich gewonnen, das feiste Gesicht sah mich an, drückte mir einen Türschlüssel in die Hand, sagte, sehen Sie dort nach, und die spiralförmigen Schallwellen seines Lachens drückten mich fort, aus der Reihe, dem Gleichmaß hinaus.

© 2000 by Frank Reinhard. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Eine meisterliche Erzählung! Und eine tiefe Verbeugung meinerseits!
Der Verzicht auf Vordergründiges, der durchgehalten-atemlose Stil, das Selbstverständliche des Bizarren, Absurden, Unerwarteten, die präzise sprachliche Gestaltung: eine wunderbare Komposition!

Die Kritik im Einzelnen

Das kann nicht sein: die Überraschung wird durch eine Veränderung bewirkt, die frühestens wahrgenommen werden kann mit dem Aufwachen; die Überraschung ist also nicht Ursache des Aufwachens, welches Missverständnis durch die Präposition von provoziert wird: Heute Morgen erwachte ich mit einer Überraschung träfe den Sachverhalt besser! zurück
Sicherlich ist die Bestandsaufnahme nicht erschreckt (was ja nur ein Augenblick ist), und auch nicht erschrocken: das ist der Bestandsaufnehmer. Die Partizipialkonstruktion führt in die Irre, denn das Subjekt muss genannt werden: Erschrocken machte ich eine kurze Bestandsaufnahme. zurück
Es handelt sich um zwei Möglichkeiten, müsste also Möglichkeiten heißen; ersetzte man gaben durch eröffnen, fände sich ein weiterer Bezug zu Türen: ., wo sonst die Türen zumindest die Möglichkeiten eröffneten, stehen zu bleiben oder weiter zu gehen, . (jetzt bleibt nur noch die Möglichkeit, stehen zu bleiben). zurück
Dieses Wort lese ich zum ersten Mal (Word – immer wachsam – schlägt Erstaunliches als Verbesserung vor: Schmuländen z.B.: was in Bill Gates Namen soll denn das für eine Verbesserung sein? Was soll das überhaupt sein?). Hat schmulen was mit Schmu zu tun, diesem leichten Betrug? Ah jetzt: da: Duden weiß: landsch. für verstohlen blicken, schielen! Gefällt mir, dieses Wort! Wüsste jetzt noch gerne, in welcher Landsch. solch hübsche Wörter gebräuchlich sind. zurück
Wenn von der zuständige Behörde diese Angaben bereits gemacht werden: wozu müssen dann die Bögen noch ausgefüllt werden? Sind es Daten, die die Behörde einmal erhoben hat und jetzt zur Kontrolle erneut verlangt? Sind es Daten, die die Behörde hier neu erhebt? Ich verstehe den Satz nicht. zurück
Ich bin mir nicht sicher – aber: mehrmals habe ich Atmen gelesen, das erschien mir unbewusst offenbar einleuchtender: Und ich muss meinem Verleser Recht geben: sie verließ die Iris jäh und mit furchtbarem Atmen; hier unterstützte ein plötzliches furchtbares Atmen  das jähe Verlassen: Das wäre ein einmaliges, besonderes Atmen gegenüber dem normalen, während ein furchtbarer Atem einfach ein furchtbarer Atem wäre, also ein beständiges furchtbares Atmen. zurück
Dieses Teilsätzchen darf getrost fehlen: es folgt weder positive noch negative Reaktion der gestreichelten Wohlform, sondern unser Protagonist wird durch das entstandene Getümmel abgelenkt (was ich mich freue, sogar in diesem vorzüglichen Text etwas zum Streichen gefunden zu haben .) zurück
Ach: warum ausgerechnet hier die schöne Wohlform zu einer nüchternen Vorfrau degradieren, wenn Pelzmützen-Ekel sich gerade an sie wenden will? Lieber Frank Reinhard: Lassen Sie der Wohlform ihren angestammten Namen! zurück

Textkritik: Poesie und Prosa – Lyrik

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»Prosa ist der Tod«,
Sagte der Schwan und kotzte.
Ich sprach: »Mein Engel,
Du bist schön, auch wenn du kotzt –
Auch Prosa ist Poesie«.

© 2000 by Fr. Wagenfeld. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Das ist überhaupt kein Gedicht!

Obst und Orangen
von Malte Bremer

»Orangen sind der Tod«,
Sagte der Schwan und kotzte.
Ich sprach: »Mein Engel,
Du bist schön, auch wenn du kotzt –
Auch Orangen sind Obst.«

Wer Poesie mag, muss keine Prosa mögen; wer Obst mag, darf Orangen verweigern. Das ist dermaßen trivial, dass es schon weh tut beim Hinschreiben – aber irgendwas muss ich schreiben, denn irgendeinen Sinn muss doch die Belehrung am Schluss haben – doch welche, welche, welche???
Was in aller Welt soll dieser Text? Wer hilft? Wer klärt auf?

Die Kritik im Einzelnen

»Prosa ist der Tod«, sagte der Schwan und kotzte. Ich sprach: »Mein Engel, du bist schön, auch wenn du kotzt – Auch Prosa ist Poesie«.
Was ändert sich eigentlich, wenn ich dieses Gedicht als fortlaufenden Text schreibe? Nichts ändert sich; die Form ist vollkommen willkürlich, es gibt keine, es gibt auch sonst nicht das klitzekleinste Hinweislein darauf, dass es sich um ein Gedicht handeln könnte: kein Metrum, keinen Reim, keine Bilder (außer einem kotzenden Sprechschwan, der mein Engel heißt und keine Prosa mag).
Warum also diese Form? Soll das ein Beweis sein für »Prosa ist Poesie«? Dann wäre es ein miserabler und würde nur das Vorurteil unterstützen, dass Poeten, sofern sie sich als Lyriker gebärden, ihre Zeilen lediglich ganz prosaisch zusammenstoppeln.
Was bleibt von diesem »Gedicht« außer dem kotzende Schwan und dem entsprechenden Nachgeschmack? zurück

Textkritik: die rasur – Prosa

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ich wache auf, wische den schlaf aus meinem gesicht und streiche automatisch über meine wangen, bartstoppeln kratzen und mein haar ist durcheinander. »rasieren wäre mal wieder nicht schlecht« denke ich, ziehe mich ungeduldig an, während die wände enger werden und schaffe es gerade noch, aus meinem zimmer in den flur zu treten, ohne zerquetscht zu werden. ich überprüfe kurz mein äußeres im spiegel, doch ehe ich auf die straße trete, kontrolliere ich tastend, ganz vorsichtig, ob der asphalt mich trägt und als ich die härte des untergrunds an den zehenspitzen fühle, weiß ich, daß alles in ordnung ist. das leben draußen meine ich. ich laufe zum friseur meines vertrauens, setze mich auf den durchgesessenen stuhl und rufe strahlend: »eine rasur bitte, aber gründlich!«. zeit vergeht, während ich mein gesicht eingehend im spiegel studiere, besonderes augenmerk auf die stoppeln gerichtet. der spiegel verrät mir nicht, welches ich auf der richtigen seite sitzt. sitze ich auf der richtigen seite? »einen moment, ich hole die groben werkzeuge!« ruft der friseur, meine wangen sind schon bedeckt mit rasierschaum. ich blicke aus dem fenster, es regnet, die tropfen sind golden, vertreiben das gefühl der heimatlosigkeit und ich sage laut: »hier bin ich richtig!«
der friseur läßt sich auffallend zeit. mir wird das warten zu dumm, ich will mir unbedingt den schaum vom kalten regen abwaschen lassen, sofort! ich öffne die schwere ladentür, doch zu meiner überraschung hat die welt sich gedreht, schwindelnde höhen, die jetzt tiefen sind, erstrecken sich zu meinen füßen, die dichte krone eines baumes berührt meinen kopf. der regen tröpfelt gegen die sohlen meiner fußspitzen, die über die schwelle ragen. der friseur steht im raum und ruft fordernd: »einmal rasieren, der herr!« erfüllt mit vorfreude auf glatte wangen nehme ich wieder platz, die prozedur dauert einige sekunden und zufrieden stehe ich auf, zahle und mache mich auf den heimweg.

© 2000 by marcus kober. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Unentschlossen & unrein & unfertig
Erzählungen zum Thema Traum gibt es in Hülle und Fülle, und bei den besten ihrer Art streiten sich die Fachgelehrten immer noch und immer wieder, ob diese Erzählung nun einen Traum darstellt oder nicht. Träume gibt es auch die unterschiedlichsten: von den absolut realistischen über absurde bis hin zu assoziativen.
Was aber will »die rasur«? Soll das ein assoziativer Traum sein? Dann sollte man diesen Assoziationen nachspüren können! Soll es ein absurder Traum sein? Dafür ist er zu realistisch. Soll es ein realistischer Traum sein? Dazu ist er zu sprunghaft. Soll das gar kein Traum sein? Aber was denn dann?
Worum geht es überhaupt? Um die Rasur, die der Protagonist erst will, dann wieder nicht, dann wieder doch? Geht es um Heim und Heimatlosigkeit (das sich verengende Zimmer, der vertraute Frisörladen, die richtige Seite am Spiegel)? Morgendliches Unwohlsein? Folgen einer durchzechten Nacht? Oberflächlichkeit eines Erzähler-Ichs? Cool-Sein?
Hier fehlen Linie, Konzept, Thema; es fehlt eine klare Vorstellung vom Protagonisten und der Situation; stattdessen Konfusion und blinde Motive und Leipziger Allerlei bis hin in den Kleinschreibdummfug.

»Solch ein Ragout, es muss Euch glücken;
Leicht ist es vorgelegt, so leicht als ausgedacht.«

(Faust, Vorspiel auf dem Theater)

Die Kritik im Einzelnen

Sind Wangen nicht Teil des Gesichts? Gerade hat das Erzähler-Ich den Schlaf aus seinem Gesicht gewischt und dabei doch offensichtlich nichts von den Bartstoppeln gespürt. Sind das etwa besondere Bartstoppeln, die einer eigenen Begutachtung bedürfen? Soll das alles ein morgendliches Standardritual darstellen, nämlich erstens den Schlaf aus den Augen reiben (so steht es genau nicht da, hätte aber den Vorteil, dass eine gesonderte Stoppelbegutachtung Sinn machte!) und zweitens Reifegrad der Bartstoppeln überprüfen? zurück
Staun & Starr: Diesem Wesen wachsen außer Bartstoppeln noch durcheinandere Haare auf den Wangen! Damit hat sich das Erzähler-Ich eindeutig als Werwesen zu erkennen gegeben. Vermutlich ist gemeint, dass das Erzähler-Ich zusätzlich den Verstrubbelungsgrad der Kopfbehaarung überprüft, nachdem es die Bartstoppeln genügend gekratzt hat; steht aber nicht so da.
Diese Überprüfung der Kopfhaare sorgt im Text nur für sinnlose Irritation und kann vollständig entfallen, denn diese Frisur bleibt bis zum Ende unverändert: diese Haare spielen keine Rolle – außer: den Satz gewaltig zu vermurksen. zurück
Da haben wir den Salat: Nachdem ein Durcheinander der Kopfhaare als letzte und damit wichtigste Erkenntnis des erwachten Werwolfes formuliert ward, fällt diesem Wesen blödsinnigerweise »rasieren« ein! So etwas würde ich allenfalls einem Skinhead durchgehen lasen (aber ein solcher wiederum könnte schwerlich ein Durcheinander der Kopfhaarstoppeln konstatieren .) zurück
Warum ein Enger-Werden der Wände stinknormal ist, die Tragfähigkeit des Asphalts aber sorgfältigst mit den nackten Zehen überprüft werden muss (obwohl das Wesen sich doch angeblich angezogen hat, wozu ich eigentlich auch Schuhwerk zähle), bleibt so beliebig, wie es für das Fortschreiten der Geschichte völlig egal ist, in Kurzform: »alles in Ordnung« zurück
Holla, jetzt wird es dem Leser aber gegeben: Ätschebätsche, Zimmer & Asphalt nix in Ordnung, reingefallen! Nur das Leben draußen ist in Ordnung!
Bedauerlicherweise gibt es da keines (außer dem Wesen und dem Frisör des Vertrauens). Was also soll dieser Satz? zurück
Das Vertrauen in diesen Frisör scheint nicht sonderlich groß zu sein, denn sonst hätte ein strahlendes »Eine Rasur bitte!« bestimmt genügt. Die Aufforderung »aber gründlich« straft seine Auffassung über den Frisör Lügen. Wir haben es folglich mit einem Lügenbold zu tun! zurück
Warum fragt das Wesen den Spiegel nicht einfach: »Spieglein, Spieglein an der Wand, wer sitzt richtig in diesem Land?«  Das akustische Signal des Spiegels hätte ihm eine eindeutige Lösung für sein existenzielles Problem geliefert, schließlich hat ein Spiegelbild kein Gehör, und zweitens weiß der Spiegel, wer vor (und wer in ihm) sitzt.
Klar: das Wesen weiß das auch, schließlich verrät der Spiegel es ihm nicht, das stoppelige Wesen wird ihn also schon gefragt haben! Doch zieht das Wesen die falschen Folgerungen aus dem Keine-Antwort-Hören: da es nichts hört, sitzt es auf der falschen Seite; Pech gehabt. zurück
Die ganze onthologische Tiefe dieses Problems, ob das Wesen auf der richtigen Seite des Spiegels sitzt, wird hier auf die Spitze getrieben: so vorläufig-endgültig war das Wesen in seinen inneren Grübeleien versackt, dass es – trotz Starrens auf die eigenen Bartstoppeln im Spiegel – überhaupt nicht bemerkt hat, dass der Frisör um es herum aktiv geworden war und das Stoppelfeld mitttels Rasierschaum erfolgreich jedem Blick entzogen hatte. zurück
Wo kommt das denn her? Zunächst ist das Wesen ungeduldig, weil es rasiert werden will, dann ist es unaufmerksam, weil es die Schuhe anzuziehen vergisst, dann ist es vorsichtig, weil es dem Asphalt nicht traut, dann ist es schier glücklich, weil es daheim beim Frisör des Vertrauens ist, denn es vergibt seinen Auftrag strahlend, dann ist es überflüssigerweise unsicher, weil es den Spiegel nicht hört – und jetzt müssen goldene Tropfen das Gefühl der Heimatlosigkeit vertreiben? Ich wiederhole die Frage: Wo kommt das her? Auch im Spiegel sitzt er immer beim Frisör seines Vertrauens, auch da regnet es goldene Tropfen im Fenster. Ich frage zum dritten und letzten Mal: Wo kommt dieses Heimatlosigkeitsgefühl her?
Eben! Warum dürfen die goldenen Tropfen nicht den Gilb in morsche Vorhänge ätzen? Das wäre genauso sinnvoll. zurück
Woher weiß er das? zurück
Das ist eine faustdicke Lüge! Erstens dreht sich die Welt sowieso; es wäre leicht ungenehm, wenn sie es nicht ununterbrochen täte! Immerhin kommt die Erläuterung sofort, das Erzähler-Ich sieht sich offenbar selbst genötigt, derlei abzugeben: die Welt stehe Kopf. Aber selbst das stimmt nicht, denn dann stünde der Frisörladen seinerseits Kopf, der denkt aber nicht daran, der bleibt von und in diesem Durcheinander völlig ungerührt: um ihn herum steht alles Kopf. Spannend: wo liegt wohl die Drehachse? zurück
Höhen und Tiefen erstrecken sich nicht: erstrecken hat etwas mit Weite zu tun, mit flächig gedachten Objekten (alle Arten von Wüsten z.B., oder Tundras und Steppen und Wälder und Felder .). Das Wort passt hier nicht, es kann aber problemlos gestrichen werden, ohne dass etwas fehlte. (Meine Lieblingsregel: Streichen, streichen und nochmals streichen!) zurück
Jetzt werden wir über die Drehachse aufgeklärt: angenommen, der Baum ist sagen wir 5m hoch, und das Erzähler-Ich 1,80m groß, dann ergäbe das eine Drehachse in der Höhe von 6,80m über dem Boden. Selbstverständlich ist mir bewusst, dass auch das Haus sich gedreht haben könnte, dann müsste es 6,80m hoch sein, um zu dem gleichen Phänomen zu gelangen; und je höher der Baum, desto höher das Haus. Immerhin: ein tröstlicher Gedanke, dass ein Baum so nahe vor (wenn nicht in) einem Frisörgeschäft wächst, dass er – auf den Kopf gestellt – mit seiner Krone (!!!) den Kopf eines Wesens berührt, dass auf der Türschwelle dieses Ladens steht. Muss wohl so etwas wie eine Pappel sein, ganz doll von seitlichen Trieben befreit, damit die Krone überhaupt eine Chance hat, den Kopf unseres Wesens berühren zu können, oder ein höchst bedauernswerter verbogener Baumkrüppel. zurück
Ach was: der Regen tröpfelt nur noch? Und von diesem tröpfelnden Regen hatte er sich den Rasierschaum abwaschen lassen wollen? Dieses Wesen wird immer alberner! zurück
Die Sohle ist eine Fläche: zu Fußsohle zählt die große Lauffläche zwischen Ferse und Zehenansatz; wer sich an der Unterseite der Zehen verletzt, verletzt sich am Zeh, nicht an der Sohle. Wer sich etwas in die Sohle tritt, der meint nicht die Zehen. Wer keine Zehen mehr hat, ist immer noch stolzer Besitzer einer Fußsohle! Wer keine Fußsohle mehr hat, kann durchaus noch vollständige und anmutige Zehen haben.
Die Sohlen der Fußspitzen ist grober Unfug, wie es auch Fersen der Fußspitzen wäre! Mit Fußspitze ist das äußerste Ende der Zehe(n) gemeint, die sich beim Wachsen am meisten nach vorne gewagt hat. Und wenn die über eine Schwelle ragen, dann sind die Unterseiten dieser Spitzen (und nur die) nach unten offen. zurück
Diese Aufforderung »Einmal Rasieren« kann ein Kunde sagen, oder ein Frisör kann fragen »Einmal rasieren, der Herr?« . Was der Frisör hier fordert, ist mir nicht klar: Eigentlich müsste er das Wesen doch daran erinnern, das es rasiert werden wollte, und zwar gründlich (was das Wesen ja inzwischen nicht mehr will: es möchte stattdessen den Schaum loswerden). Und warum ruft der Frisör das mit Vorfreude? Etwa weil er endlich die groben Werkzeuge einsetzen kann (bedauerlicherweise werden wir nie erfahren, was das ist)?
Ach nein: dank des verschnarchten Kleinschreib ist uns lediglich ein neuer Satzanfang entgangen! Zu dumm aber auch – obwohl: auf glatte Wangen nehme ich wieder Platz durchaus auch einen schönen sprachlichen Unsinn machte, wie so vieles in diesem Text; und überhaupt: warum schließlich sollte sich das Wesen auf glatte Wangen vorfreuen, wenn es zugleich den Schaum loswerden will (s.o.)! zurück
Gott sei Dank! zurück

Textkritik: Arrhythmien – Prosa

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Der erste Versuch war gescheitert. Bauer lag kraftlos auf seinem Bett. Es würde einer enormen Kraftanstrengung bedürfen, den Weg zum Fenster ein zweites Mal zu schaffen.
Er verfolgte die Arrhythmie seines Herzens. Zwei, drei Schläge kamen normal. Dann ein Aussetzer. Stillstand von zwei Sekunden. Und dann wieder, als ob das Herz Versäumtes nachholen wolle, drei, vier Schläge in rascher Serie, gefolgt von einer erneuten Pause.
Er nahm die Schläge im ganzen Körper wahr. Es waren seine eigenen Lebenssignale, die intermittierend durch die Brust holperten, mit kräftigem Stakkato, dann sanft, kaum wahrnehmbar, schwach, schließlich ausblieben, um nach Sekunden erlösend wiederzukehren.
Extrasystolen, behaupteten die Kardiologen.
Bauer hatte sich nie mit den Ärzten darüber gestritten. Aber er empfand die Unterbrechungen nicht als Extrasystolen, als zusätzliche Pumpversuche der Herzkammer, sondern als vorübergehenden Herzstillstand. Er fühlte sich von seinem Herzen im Stich gelassen, wenn er sekundenlang zwischen Leben und Tod schwebte, bevor rettende Lebenszeichen erneut durch seine Brust pflügten.
Schwester Stanka hatte Sonntagsdienst. Misstrauisch kontrollierte sie Bauer in kurzen Abständen. Diesmal gab sie vor, die Klebeelektroden auf seiner rasierten Brust zu überprüfen. Während sie auf die Heftstellen drückte, vollführte das Oszillogramm auf dem Monitor zusätzliche Kapriolen.
»Zufrieden?«
»Alles bestens«, antwortete Stanka.
»Lebe ich noch?«
»Scheusale leben länger.«
»Weshalb sind Sie nicht in Kroatien geblieben?«
»Zu viele deutsche Touristen… Schlafen Sie!«

*

Die Ärzte hatten ihr EKG, mit dem sie die Extrasystolen Schwarz auf Weiß belegen konnten. Sie verfügen über eine intelligente Gerätediagnostik, mit deren Hilfe sie Patienten bei lebendigem Leib sezieren und in physikalische Messgrößen zerlegen. Sie besitzen Endoskope, mit denen sie in Bauers Herz hineinsahen, haarscharf an der Seele vorbei.
Seiler, der Oberarzt der Endoskopie, hatte seine endoskopischen Werkzeuge durch eine Kanüle in Bauers Leisten versenkt und sich langsam bis zum Inneren des Herzens emporgeaalt.
»Spüren Sie was?«
»Nein.«
»Ich drehe den Monitor etwas, dann können Sie zusehen.«
Bauer sah rotbraunes, wabbeliges Gewebe.
»Gut so?«
»Ich sehe geradewegs in eine geöffnete Vagina.«
»Sieht nur so aus,« sagte Seiler, der den Blick starr auf den Monitor gerichtet hielt und gleichzeitig an einer Apparatur hantierte, »…es ist Ihr Herz.«
Der Kardiologe erklärte Bauer die bewegten Bilder.
»Keine Vernarbung zu erkennen, scheidet also als Ursache des Vorhofflimmerns aus… Ich verankere jetzt eine kleine Elektrode an Ihrer Herzwand… Keine Sorge, ich übernehme die Prozesssteuerung Ihrer Pumpe… Merken Sie, wie es schneller schlägt?… Und jetzt langsamer… Sehr gut… Jetzt Ihr Vorhofflimmern… ist das so?«
Bauers Herz begann zu stolpern, das vertraute Stakkato, kurzer Stillstand, gefolgt von rascher Schlagfolge.
»Mann, hören Sie auf!«
»Sofort. Ist das Vorhofflimmern so, wie ich es jetzt simuliere?«
»Ja.«
»Gut, machen wir Schluss.« Seiler drückte auf seiner Tastatur herum und Bauers Herz lief schlagartig rund.
Bauer atmete auf.
»Einwandfreier Sinusrhythmus… Wie oft tritt das Vorhofflimmern auf?«
»Zuerst alle drei Jahre, jetzt einmal im Monat.«
»Wie lange halten die Rhythmusstörungen dann jeweils an?«
»Vierundzwanzig Stunden, dreißig Stunden, hat auch schon drei Tage gedauert.«
»Hm, wir machen noch einen Versuch. Wir wollen sehen, ob Ihr Reizleiter intakt ist… Ich erhöhe die Frequenz auf 150, 160.«
Das Herz begann zu jagen. Es dröhnte bis in Bauers Hals.
»Gleich überstanden… ich schalte die Impulsvorgabe ab… nun muss die Herzfrequenz sinken… tut sie…120…110…«
Seiler verfolgte die sinkenden Frequenzen wie einen Countdown.
»…Reizleiter in Ordnung,« stellte er schließlich fest.
»Und nun?«, fragte Bauer.
»Alles in bester Ordnung. Ihr Herz ist organisch gesund. Keine Vernarbungen, Reizleiter ohne Befund, normaler Sinusrhythmus,« er blätterte in Bauers Akte, »arterielle Hypertonie, kein Anhalt für koronare Störungen, keine höhergradigen Stenosen, myokardszintigraphisch Normalbefund…, wahrscheinlich Funktionsstörung.«
»Wie, Funktionsstörung?«
»Was machen Sie beruflich? Ich meine verstehen Sie etwas von Elektrik oder Elektronik?«
»Ich kann eine Glühbirne wechseln.«
»Gut. Stellen Sie sich vor, Ihr Herz ist Bestandteil eines Regelkreises. Außer dem Herz befindet sich die Galle in dem Regelkreis, Ihr Magen, die Bauchspeicheldrüse, die Lunge…«
»…wie wär’s mit meinem Hirn?«, fragte Bauer.
Seiler akzeptierte: »…richtig, Ihr Gehirn.«
»Danke,« sagte Bauer.
»Nehmen wir an, Ihr Gehirn signalisiert Gefahr. Sofort schlägt Ihr Herz schneller.«
Bauer nickte.
»Laufen Sie eine Treppe hoch, erhöht sich die Herzfrequenz. Begeben Sie sich zur Ruhe, wird der Puls langsamer.«
Bauer nickte wieder.
»Das sind einfache Beispiele für die Abhängigkeiten innerhalb eines funktionierenden Regelkreises. Beruhigt sich das Herz nicht, nachdem sie oben angekommen, oder zu Bett gegangen sind, können wir von einer Funktionsstörung ausgehen.«
»So weit waren wir auch schon vor fünf Jahren,« stellte Bauer fest.
»Ich verstehe nicht?«
»Ich bin zum zweiten Mal Gast in Ihrem Klinikum. Nach drei Wochen gründlichster kardiologischer Untersuchung sagte man mir vor fünf Jahren das gleiche.«
»Was?«
»Steht in meiner Kurve: Funktionsstörung. Herz organisch gesund. Ich hätte jetzt mal gerne gewußt, wie ich diese grässlichen Rhythmusstörungen wieder loswerde, die meinem gesunden Herzen an die Nieren gehen. Spinnt die Galle, oder die Bauchspeicheldrüse, ist es das geheimnisvolle vegetative Nervensystem, oder ist es alles zusammen?«
»Kann ich nicht sagen, Herr…«, Seiler suchte in den Unterlagen nach Bauers Namen, »…Herr Bauer.«
»Und warum können Sie mir das nicht sagen, Herr Doktor?«
»Ich bin Kardiologe.«
»Wie, Kardiologe.«
»Mein Spezialgebiet ist die Kardiologie. Ich kann Ihnen über Ihr Herz erschöpfend Auskunft geben, zur Galle müssen Sie einen Internisten befragen…«

*

Es war Sonntag. Auf der Station herrschte Ruhe. Ein Kardiologe tat auf mehreren Stationen gleichzeitig Dienst und ließ Bauer warten. Der Fensterflügel war gekippt. Am Morgen war der Hausmeister angerückt und hatte sich am Fenster zu schaffen gemacht. Er hatte Bauer mehrmals mit neugierigen SoSiehtEinSelbstmörderAus-Blicken bedacht, schwieg aber. Normalerweise knottern Handwerker herum, wenn sie zu einem ungeplanten Einsatz gerufen werden, dachte Bauer. Aber Selbstmord ist eines der seltenen Fachgebiete, von denen Hausmeister nichts verstehen.
Später hatte Stanka das Fenster überprüft.
»Ein bisschen komisch sah es schon aus, als Sie wie eine Schildkröte auf dem Fenstersims hingen.«
»Freut mich, wenn ich Sie erheitern konnte,« sagte Bauer, ohne die Augen zu öffnen, »Sie hätten mich hängen lassen sollen. Ich hätte es geschafft.«
»Jetzt muss ich auch noch einen Bericht schreiben. Wie schreibt man Suizid?«
»Ist mir egal. Schreiben Sie’s kroatisch.«
»Ich schreibe: …fand den Patienten über dem Fenstersims keuschend vor. Halb drinnen, halb draußen. Ein mitleiderregender Anblick. Wollte den Patienten zuerst erlösen. Ein kleiner Stoß hätte genügt. Zog ihn dann aber doch zurück…«, sie überlegte eine Weile, »…was ich inzwischen bereue.«
»Warum?«
»…weil ich das Scheusal seit zwei Wochen persönlich kenne.«
»Sie hatten Ihre Chance. Wo bleibt der Doktor?«
»War der noch nicht bei Ihnen?«
»Der Student war hier. Wir haben uns ausgezeichnet unterhalten.«
Dr. Kress kam ins Zimmer, gefolgt von dem Studenten. Er warf einen kurzen, prüfenden Blick auf Bauer und blätterte dann rasch durch die Krankenakte, die er mitgebracht hatte. An zwei oder drei Stellen hielt er kurz inne, legte die Kurve schließlich auf den Tisch und wandte sich dem Patienten zu.
»Wie geht’s, Herr Bauer.«
Kress warf einen kurzen Blick auf den Monitor.
»Vorhofflimmern?«
»Diesmal ist es anders.«
Kress legte eine Manschette um Bauers Arm, pumpte diese auf und setzte sein Stethoskop auf die Armbeuge. Dann beobachtete er eine Weile das Oszillogramm auf dem Monitor, das sich ständig verändernde Schwingungsbilder darstellte. Die Amplituden sprangen wie Fontänen empor, wenn es in Bauers Brust rumorte, um anschließend auf der Grundlinie zuckend zu verenden.
»Können Sie’s beschreiben?«
»Ich möchte sterben.«
»Wie man hört, haben Sie das beinahe geschafft. Am Vorhofflimmern werden Sie nicht sterben. Jedenfalls noch nicht…«
»…dann an den neuen Tabletten.«
»Die Umstellung muss mit einer erhöhten Dosis erfolgen, damit Ihr Körper ausreichend Amiodaonhydrochlorid puffert. Das kann anfangs zu kleinen Komplikationen führen.«
»…Amio…?«
«Amiodaonhydrochlorid.«
»Amiodaonhydrochlorid…?«
»…müssen Sie sich nicht merken. Wenn Sie es vertragen, erhält Ihr Leben eine neue Qualität.«
»Und wenn ich es nicht vertrage?«
»Wir kriegen das wieder hin. Sie müssen noch etwas Geduld haben.«
»Mein Kreislauf fährt Achterbahn. Mein Kopf ist leer. Ich fühle mich wie ausgekotzt. Ich sehe nur noch gleißende Helligkeit.«
Kress hörte schweigsam zu.
»Mein Herz stolpert mit vierzig Schlägen auf den Abgrund zu, während es gleichzeitig mit 16000 Schwingungen vibriert. Das sehen Sie nicht in Ihrem Oszillogramm… hier,« Bauer machte eine Kopfbewegung in Richtung Monitor, »hinter diesen lustigen, grünen Schwingungen verbirgt sich nämlich die Hölle!«
Kress setzte sich auf den Bettrand und sah Bauer an. Der Student drückte sich mit dem Rücken gegen die Zimmerwand. Stanka stand im Gegenlicht des Fensters. Einige lange Sekunden war es still im Raum. Dann fragte Kress:
»Wie kommen Sie gerade auf 16000?«
Bauer schloss die Augen und antwortete ganz ruhig:
»…meine persönliche Höchstfrequenz. Drei Umdrehungen mehr, und ich explodiere.«
Kress ergriff Bauers Arm.
»Ihre Psyche oszilliert 16000-fach und produziert Angst, Herr Bauer. Ihre Psyche versucht sie fertigzumachen, weil das Herz alle zehn Sekunden so tut, als wolle es stehen bleiben.«
Während er das sagte, deutete Kress auf das Oszillogramm, dabei behielt er Bauers Augen fest im Blick. Bauer rührte sich nicht. Er sah Kress an und nickte schließlich mit den Augenlidern.
»Das Herz tut aber nur so, Herr Bauer. Es wird weiterschlagen! Beruhigt Sie das?«
»Was nützt mir Ihre Beruhigung, wenn mein Herz davon nichts weiß?«
»Treten Sie Ihrer Psyche in den Hintern! Ihre Psyche ist der Schweinehund, der Sie fertig macht.«
Kress ließ sich von dem Studenten die Akte geben.
»Sie nehmen die Tabletten seit drei Tagen?« Kress sah zu Stanka hinüber, »wir gehen schon heute mit der Dosierung runter. Statt sechs, nur vier Tabletten.«

*

Bauer versuchte zu schlafen. Mehrmals hintereinander schrak er aus seinem Sekundenschlaf auf, wenn das Herz stillstand. Unwillkürlich vollführte er kleine Körperbewegungen, die seinen Kreislauf aktivierten. Er hob einen Arm, reckte ihn gegen die Decke oder zog die Beine an den Körper, streckte sie wieder. Allmählich wurden die Arrhythmien für einige Minuten erträglicher.
Doch dann, wenn er wieder einschlief, erinnerte ihn sein stolperndes Herz an die Falle, die ihn gefangen hielt.
Bauer begann mit Hilfe seiner Uhr zu kontrollieren, wie lange die Schlafphasen waren. Denn vielleicht täusche ich mich, dachte er, und bilde mir nur ein, es seien Sekunden gewesen, und in Wahrheit waren es vielleicht einige Minuten.
Woher nahm Kress die Gewissheit? Was, wenn er sich irrte? Wenn dieses Amio…chlorid heute Nacht seine seltene, aber nachgewiesene Ausnahme von der Regel zelebrierte. Bauer wusste, dass Antiarhythmika sich häufig kontraproduktiv verhalten und ihrerseits Rhythmusstörungen auslösen, gegen die sie eigentlich wirken sollten.
Bauer kontrollierte die Uhr und versuchte sich die genaue Zeit einzuprägen.
Da der Sekundenzeiger nicht auf zwölf war, hielt er die Uhr solange in der Hand, bis die Minute voll war. Danach legte er die Uhr zur Seite und versuchte sich die Zeit zu merken. Einundzwanzig-Uhr-Siebenundzwanzig.
Würde sein Tod bei Kress und den anderen Kardiologen Bestürzung hervorrufen?
Sie würden nicht in gleicher Weise betroffen sein wie Bauer. Klar! Natürlich würden sie nicht in gleicher Weise betroffen sein. Aber würden sie überhaupt betroffen sein? Würden sie ihren Fehler erkennen, die kleine diagnostische Abweichung von der erwarteten Bandbreite, die über Leben oder Tod entscheidet?
Ein Ruck durch den Oberkörper weckte ihn erneut auf. Sogleich begann er mit den Beinen zu strampeln, hob den Oberkörper ungefähr zehn Zentimeter hoch und ließ ihn wieder in die Kissen sinken. Die Pulsfrequenz stieg unmittelbar. Die Heftigkeit Arrhythmie wurde schwächer und erträglicher. Bauer griff nach der Uhr. Aber er hatte die letzte Zeitfixierung vergessen.
Einundzanzig-Uhr-Fünfunddreißig-Und-Zwanzig-Sekunden. Er versuchte sich die Zeit zu merken.
Was hatte der Hausmeister am Fenster verändert, um das Öffnen zu verhindern?
Was kann man mit einer Bohrmaschine und einem Schraubenzieher verändern, was er, Bauer nicht revidieren könnte. Vielleicht konnte der Hausmeister Krankenschwestern oder Kardiologen beeindrucken. Wer mittels Endoskopen Venen und Herzen durchforschen kann, muss nicht zugleich darüber Bescheid wissen, wie ein Fensterverschluss funktioniert.
Bauer besaß einen Schraubenzieher. In seiner Reisetasche hatte er seit zwanzig Jahren ein Schweizer Offiziersmesser. Es hatte ihn auf allen Reisen begleitet. Ein Reisewecker und das rote Offiziersmesser mit Flaschenöffner, Korkenzieher, Nagelfeile und mehreren Schraubenziehern.
Es würde kein Problem bereiten, das Messer zu finden. Bauer wusste blind, in welchem Fach der Reisetasche es sich befand. Vielleicht fehlte ihm die Kraft, die Schraubenzieherklinge herauszuklappen. Das hatte er noch nicht bedacht.
Bauer sah auf die Uhr.
Einundzwanzig-Uhr-Siebenunddreißig-Und-Fünfzehn-Sekunden. Er merkte sich die Zeit und versuchte zu schlafen.

*

Als die Nachtschwester gegen Zehn das Krankenzimmer betrat, war das Bett verlassen. Die EKG-Kabel hingen ungeordnet am Oszillographen, der eine gespenstig vibrierende Horizontale abbildete.
Der Fensterflügel stand weit offen.

© 2000 by Klaus Schwingel. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Arrhytmien ist lebendig und flüssig und unprätentiös erzählt – und von Stanka würde ich sehr gerne mehr lesen!
Probleme bereitet mir der Inhalt: da geht einer nochmals in eine Klinik, die ihm nicht hatte helfen können, um sich dort umzubringen (was ihm beim zweiten Versuch auch gelingt). Bauer kennt die Untersuchungsprozeduren samt aller Ergebnisse auswendig (sie werden dem Leser ausgiebig geschildert: man merkt, dass der Autor sich zumindest fachkundig gemacht hat) und lässt die Ärzte wursteln, die offensichtlich nichts davon wissen, dass Bauer schon einmal dort gewesen ist: und das ist etwas, das ich aus meiner eigenen Erfahrung überhaupt nicht nachvollziehen kann; die Krankenhäuser führen genauestens Buch und lagern Patientendaten über Jahrzehnte, weil sie bzw. andere Kliniken den Zugriff brauchen. (Bauer hätte sich in der Klinik auch nicht unter falschem Namen bzw. Geburtsdatum anmelden können – das kann schon allein wegen dem Datenabgleich mit Krankenkassen usw. nicht funktionieren).
Wozu das alles? Warum bringt Bauer sich um? Wieso geht er dazu in diese Klinik? Ich verstehe nicht, kann es nicht nachvollziehen. Aber es hielt mich lange beschäftigt: vielleicht weiß ja ein aufmerksamerer Leser mehr und hilft?

Die Kritik im Einzelnen

Zweimal das Wort Kraft so kurz nacheinander fällt in diesem Text richtiggehend auf, da sonst viel Wert auf eine saubere sprachliche Gestaltung gelegt wird! zurück
Das Wort intermittierend bedeutet, dass bestimmte Ereignisse in Perioden auftreten; ich würde auf dieses Wort verzichten: im vorangegangenen Absatz ist die formale Struktur der Arrhythmien beschrieben, im diesem die Intensität. Das Wort intermittierend trägt nichts Neues zu diesem Verständnis bei. zurück
Pflügen ist etwas sehr Gewalttätiges, hier aber ist wohl etwas Erlösendes gemeint, schließlich handelt es sich um rettende Lebenszeichen: da muss ein anderes Verb her! zurück
Während suggeriert nicht nur eine Gleichzeitigkeit, sondern auch eine Dauer: unwillkürlich entsteht das Bild, als ob Stanka mehrere Heftstellen gleichzeitig eine längere Zeit drückt. Das Überprüfen vom richtigen Elektrodensitz verlangt aber kein längeres Drücken, sondern ein kurzes: ein wenn wäre hier ausdrucksstarker, weil vor allem das wiederholte Drücken der einzelnen Heftstellen betont wird. zurück
Soll das heißen, dass auf dem Monitor schon die ganze Zeit über Kapriolen zu sehen sind statt ein sich wiederholendes Muster? Das stünde dann im Widerspruch zu den ersten Abschnitten, wo eine Regelmäßigkeit in den Arrhythmien beschrieben wird. Ich glaube eher, dass das Drücken der Elektroden diese Regelmäßigkeit unterbricht durch besondere Kurven, eben durch Kapriolen. Weg mit zusätzlich! zurück
Das scheint mir reichlich übertrieben! Ich empfehle dringend eine Streichung von sezieren und dem folgenden Wort; dann hieße der Satz: .mit deren Hilfe sie Patienten bei lebendigem Leib in physikalische Messgrößen zerlegen. In zerlegen schwingt ausreichend Metzgerei mit! zurück
Zum Ersten: eine Kanüle in Bauers Leisten geht logisch und technologisch nicht: hätte es Leiste heißen sollen? Zum Zweiten hat Bauer nicht sich emporgeaalt, selbst wenn er hinterher etwas sieht: sondern er hat sie (= seine endoskopischen Werkzeuge) emporgeaalt. Tippfehler? zurück
Hier ist sehr vieles rätselhaft (siehe Zusammenfassende Beurteilung), aber dass ein Arzt nach dem Namen eines Patienten in seinen Unterlagen wortwörtlich suchen muss, kommt mir maßlos übertrieben vor, schließlich gehen Ärzte tagtäglich mit solchen Unterlagen um, und jedes Blatt trägt den Namen des Patienten. Der Satz muss heißen .Seiler schaute in die Unterlagen. zurück
Keuchend? Oder ist das ein Wort, dass Stanka falsch gelernt hat? zurück
Was hindert Bauer daran, mit dem Kopf zu nicken? Was lässt ihn erstarren? Warum sagt er nicht einfach ja – kurz darauf redet er doch wieder ganz normal? zurück
Auf lässt sich ohne Weiteres streichen, die Kombination aus-auf stolpert ziemlich. zurück
Ich gestehe: ich verstehe nichts in diesem Satz! Welches ist der Fehler von Kress und anderen Kardiologen? Welches sind die Parameter von kleine diagnostische Abweichung? Wovon kann eine Diagnose abweichen – außer von ihresgleichen? Welches wäre diese andere, und worin bestand die Abweichung? Was ist gemeint mit einer Bandbreite, die angeblich über Leben und Tod entscheidet?  Was ist eine erwartete Bandbreite? Wer hat sie erwartet, wer nicht? Für wen war die erwartete Bandbreite schmäler oder breiter als die, die. ja, was: über- oder unterschritten wurde? Oder war die erwartete schmäler oder breiter als eine »erwartbare« Bandbreite – doch das führt auch nicht weiter, ich drehe mich im Kreis. Ich kann nur wiederholen: Ich verstehe nichts. Ich schließe aus dem Unverstandenen lediglich:  Bauer will Kress und die anderen dafür verantwortlich machen, wenn er sich umbringt. Nun gut, wenn es ihm hilft! zurück
Die Heftigkeit der Arrhythmie? zurück
Dieser Satz bringt keinerlei Information, die über die des folgenden hinausgeht – er kann gestrichen werden: wer blind weiß, wo etwas ist, muss selbstverständlich nicht finden. zurück

Textkritik: Primavera schreitet durch das Land – Lyrik

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lilasamtener Duft
schmeichelt
dem Vogelsang

feucht
kriecht es
aus dem weichen Grund
der Vorjahreswiese

hungrig
summt die Hummel
ihren Befruchtungstanz

in den Knospen
klopfen
zarte Blütenblätter
zum Aufbruch

ich
Mensch
häute meine
Winterstarre
befreie
die wollenen Gefühle
zu wacher
Zartheit

© 2000 by Heidrun Schaller. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Eine zärtlich-leichte Hommage an den Frühlingsbeginn, mit viel Gespür und Erfahrung und Kenntnis und Wissen wunderbar gestaltet! Ich schätze dieses Gedicht!
Sicher: Es gibt Legionen Frühlings- und Frühlingsanfangs-Gedichte – und ich selbst kenne eine Menge hervorragender. Langweilig aber wird es nie: Denn die Gestaltung setzt den Reiz, nicht das Thema!

Die Kritik im Einzelnen

Gleich in der ersten Strophe wird das Sensorium aktiviert, gewissermaßen erweckt durch die Primavera (da will der Artikel vom deutschen Frühling nicht so recht passen): Sehen, Fühlen, Riechen in der Synästhesie lilasamtener Duft, Zartheit klingt an in Samt und schmeicheln; dass dieses Gedicht zentriert gesetzt ist und alle Satzzeichen fehlen, unterstützt diese schwebende Leichtigkeit. zurück
Die erste, langsame Bewegung findet statt: etwas kriecht feucht; genauer wird es nicht benannt. Der Schnee ist geschmolzen, die Wiesen liegen feucht. zurück
Der Tanz der Hummel wird quasi hörbar durch die Alliteration summ-humm-hun (dazu noch der doppelte u-laut in Befruchtung); Befruchtung lässt werdendes Leben bzw. Neubeginn assoziieren, der Tanz involviert Freude. Was braucht es mehr?
Beim Wiederlesen von »summt die Hummel« tauchte die entsprechende Zeile aus Jandls »Bestiarium« im Gedächtnis auf (in Schrift und Ton): »Hummummummummeln brummummummummen.« In seinem Gedicht treibt er die Lautmalerei augenzwinkernd auf die Spitze – vor allem, wenn man ihn selber seine Texte lesen hört. Ich werde ihn vermissen: mit Ernst Jandl starb ein ganz Großer! zurück
Auch hier eine feine Alliteration: Knospen-klopfen; zunächst schien mir klopfen eine zu laute Aktion der – ausgesprochen – zarten Blütenblätter, dann aber sah ich eher die Ungeduld: wenn Zartes klopft, kann das nicht laut sein, sondern allenfalls drängend: die Blütenblätter wollen raus!
Im Zusammenhang zur vorangegangenen Strophe taucht eine Frage auf: wovon ernährt sich eine Hummel, wenn es nur Knospen gibt? Als Nichtbiologe gehe ich davon aus, dass Hummeln sich mit irgendetwas aus offenen Blüten ernähren – doch genau diese Nahrungsquelle fehlt. Wecken die Hummeln mit ihren Lauten und ihrem Tanz die Blüten? Dazu gehört, dass ich Primavera die Zeitachse lang schreiten sehe, in dem Gedicht also auch eine Chronologie finde! zurück
Die Strophe fällt allein schon durch ihre Länge aus dem Rahmen: es kommt also etwas besonderes: hier ist es das lyrische Ich, das sich selbst befreit nach Empfang der Sinneseindrücke; durch die Wiederholung des zart aus der vorausgegangenen Strophe wird eine starke inhaltliche Parallele zu dieser gezogen: der Ausbruch aus der Winterstarre wird in eins gesetzt mit dem Knospen: die Selbstständigkeit des Ich ist also nur trügerisch, denn Primavera hatte ihre Hand im Spiel.
befreie die wollenen Gefühle ist eine grandiose Metapher, dazu fällt mir so viel ein, dass ich lieber gar nicht erst anfange zu schreiben: lesen und genießen und seine Gedanken, Erinnerungen und Gefühle schweifen lassen, von den mutterseitig selbstgestrickten wollenen Unterhosen bis – jetzt habe ich doch damit angefangen, dabei wollte ich eigentlich nicht; also höre ich besser hier auf! zurück

Textkritik: Der Sieger oder die hohe Kunst des Stolperns – Prosa

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***

Montag morgen, sieben Uhr. Frisch wie immer, dynamisch, frohgelaunt, voller Tatendrang geht er in den Tag. Bei seinem »guten Morgen beisammen« trifft er unvermittelt auf seinen Chef. Dieser nimmt ihn aus den Augenwinkeln kurz wahr, fixiert ihn, dreht sich wieder um und geht in Richtung Büro.
»Ach Stepper, kommen Sie doch bitte gleich mal mit.«
Stepper gefiel der Tonfall nicht, das Timbre, der Rhythmus, die deutlich wahrnehmbare Aggression in den Worten. Jedes einzelne gestochen scharf gesprochen, kein Zusammenschleifen, keine Satzmelodie. Jedes Wort wie ein Hammer, der auf den Amboß fällt, das heiße Eisen beizeiten zu formen. Stepper schwitzt.
Alles nur Einbildung, reiß dich zusammen. Du hast dich doch erst vor zwei Wochen beim Betriebsausflug in Basel – oder war es Zürich? Jedenfalls haben wir uns ganz prächtig unterhalten. Und die Depotspritze wirkt gegen diese lächerliche Angst doch ausgezeichnet, versucht Stepper sich zu beruhigen.
»Stepper, altes Haus, setzen Sie sich, Kaffee?«
»Ja, bitte.«
Altes Haus, das bedeutet nichts Gutes. Letzte Woche nannte er Heidi »unsere Seele«, und eine Stunde später taucht sie heulend auf, entlassen. Nun ja, sie geht auf die fünfzig zu und hat erhebliche Probleme mit der neuen Software und den flachen Hierarchien, die seit geraumer Zeit für höhere Rendite sorgen sollen. Heidi und die Standortprobleme!
»Stepper, wie lange arbeiten wir schon zusammen? Das müssen ja Lichtjahre sein!«
Jetzt spürt er es wieder, trotz Depotspritze, dieses Gefühl, das sich wie Mehltau ausbreitet, das den Hals austrocknen läßt, wo man immerzu schlucken muß, weil die Zunge im oberen Mundraum festklebt.
»Ich, ähh, ich war doch von Anfang an, also ich meine…«, stammelt er.
Bilder der letzten Jahre schießen ihm durch den Kopf. Er, Stepper, immer aktiv vorne mit dabei neben dem Chef, meist gut gelaunt. Ohne ihn fing keine Sitzung an. Er ist jemand, auf ihn wird gehört. Um ihn muß man sich bemühen, er gehört zum inneren Zirkel der Firma. Das heißt bis auf neulich, als es um diese Verschlankungs-Diskussion ging. Er wurde nicht mit einbezogen, fällt ihm jetzt auf.
»Genau, Stepper, sie waren von Anfang an dabei, und das ist ja nun schon eine Weile her. Sie gehören sozusagen zum Inventar, mein Lieber, aber Spaß beiseite.«
Der Chef nahm einen Schluck Kaffee, den mittlerweile die Sekretärin gebracht hatte.
»Sie kennen die Regel. Wir haben sie ja sozusagen gemeinsam aufgestellt. Ich kann nun wirklich kein Auge mehr zudrücken, Stepper. Es fehlen ihnen 10 Punkte, glatte 10 Punkte zuwenig, Stepper.«
Stepper stammelt etwas. Er sei wieder auf dem Weg nach oben. Vielleicht hätte er doch den ein oder anderen Abschluß am Wochenende tätigen sollen, statt in diesem blöden Boot zu sitzen und auf Wind zu warten.
Stepper schwitzt. Sinnlos erscheint jeder Widerspruch. 10 Punkte zuwenig. Die Regeln sind bekannt. Dieses Gefühl, das ihm den Hals zumacht und den Rachen austrocknen läßt, sagt ihm: wer die Regeln nicht kennt, muß gehen. Wer die Regeln kennt und sie nicht einhält muß auch gehen.
Jetzt war also er an der Reihe. Er, der erfahrene Außendienstler, ein alter Hase, gewieft, mit einem festen Kundenstamm. Er, Stepper, hat die Norm verfehlt, um gerade mal 10 Einheiten. Der Chef hält sich an die Regel. Warum sollte er sich gerade bei ihm nicht daran halten. Warum sollte die Physik für ihn nicht gelten, wo sie überall und jederzeit für alle gilt, ein göttliches Axiom! Stepper schämt sich ob seiner Torheit. Fakten zählen. Letzten Monat hat es den Glesing erwischt. Das war abzusehen. Glesing war ein Schönwetter-Verkäufer.
Beinahe hätte es ja letztes Jahr geklappt mit dem Aufhören, als dann diese Sache mit dem Herz passieren mußte. Ausgerechnet an der letzten Raststätte vor der Ausfahrt. Und dann haben sie ihn alle besucht in der Klinik, und sie haben ihm gut zugesprochen. Das würde er schon schaffen und die Firma braucht ihn doch und all diese Dinge eben. Die Ärzte waren ganz begeistert, wie schnell er wieder regenerierte. Er werde wieder voll einsatzfähig sein. Das hat ihn schon gefreut, hat er doch seine Arbeit vermißt, seine Kunden, die ihm baldige Genesung wünschten, die nach ihm, nach Herrn Stepper fragten.
»Stepper, sind Sie noch da oder träumen Sie schon von der großen Frührentnerfreiheit, na ist schon gut, Sie kennen mich ja. Über die Abfindung werden wir uns einigen. Nehmen Sie Urlaub oder gehen Sie zu Ihrem Arzt, der soll Ihnen eine Kur verpassen, das machen wir dann schon passend, Stepper!«
Stepper hörte die Worte wie durch eine Wand, nicht für ihn bestimmt, von ganz weit herkommend, wie damals die Worte des Pfarrers im Beichtstuhl. Unwirklich, aus einer anderen Welt kommend. Sie waren an ihn gerichtet und doch erreichten sie ihn nicht, nicht wirklich. Damals nicht und auch jetzt nicht.
»Stepper, nun machen Sie nicht so ein trostloses Gesicht. Sie wissen ganz genau, daß ich nicht anders kann, Mensch! Betrachten Sie die Angelegenheit einmal nüchtern. Die paar Jahre bis zur Rente kriegen Sie doch locker rum, Sie sind clever, und die Geschichte mit Ihrem Herz, Mensch Stepper, da müssen Sie ehrlich dankbar sein!«
Gleich werden die Knie anfangen zu zittern. Die Beine werden ihren Dienst verweigern, werden taub und wie abgestorben sein. Ich werde hier sitzen bleiben müssen, für immer, dachte Stepper.
Ihm drängen sich Szenen von grotesker Komik auf. Er sitzt wie eine Puppe im Sessel. Der Chef starrt ihn an, versucht ihn anzusprechen, schreit auf ihn ein, läuft aufgeregt im Büro umher. Schließlich greift er zum Hörer, wählt und schreit einige Sätze hinein. Kurz darauf kommen die zwei in Weiß gekleideten durchtrainierten jungen Männer mit einer Trage zur Tür herein. Vorsichtig fassen sie ihn an, setzen ihn auf die Trage, um ihn dann, einem Sitzbild gleich, aus dem Büro zu tragen! Dieses Bild ist so komisch, so skurril, daß Stepper lächeln muß.
»Stepper, es freut mich, daß Sie die Sache so gelassen sehen. Das spricht für Sie und Ihre souveräne Einstellung dem Leben gegenüber. Sie haben mich nicht enttäuscht, Stepper«, meinte der Chef jovial, und er lächelte ihm dabei aufmunternd zu.
Steppers Knie fangen nicht an zu zittern. Er wundert sich darüber und schaut kurz, nur ganz kurz an sich hinunter, so als wolle er es auch sehen, mit seinen eigenen Augen sehen, daß seine Knie wirklich nicht zitterten. Jetzt schießen ihm wieder Bilder durch den Kopf, Bilder seines Lebens, Situationen, die er bestanden hatte. Sein ganzes Leben hindurch mußte er immer wieder etwas bestehen, und dabei hatte er nie sein Gesicht verloren. Dies prägte seine Einstellung, seine Lebenshaltung: Verliere nie dein Gesicht!
Es war nach seinem dreißigsten Abschluß, er eilte in die Klinik, um Rita aufzusuchen. Es ist sicher alles gut gegangen, sie wird noch etwas schwach sein, vielleicht erkennt sie mich auch noch nicht aber sicher ist alles gut gegangen.
Der Stationsarzt teilte ihm mit, daß er zwei Stunden zu spät gekommen sei.
Jetzt nicht stolpern, nicht straucheln, das muß jetzt erst alles organisiert werden und dann sieht man weiter, sagte er sich. Nachdem er die Beerdigung gemeistert hatte, erlaubte er sich eine Träne.
»Ich habe da schon mal was vorbereitet, lesen Sie es sich durch. Ich bin überzeugt, auch in Ihrem Sinn formuliert zu haben. Sie können selbstverständlich auch mit einem Anwalt sprechen, Sie wissen, es ist reine Formsache.«
Der will mich stolpern sehen, denkt Stepper, jetzt gleich will er mich stolpern sehen!
Als Ministrant wurde er bevorzugt zum Hochamt eingeteilt, und besonders an hohen Festtagen war die Kirche voller Gläubiger, die nur gekommen waren, um ihn stolpern zu sehen. Davon war er jedenfalls fest überzeugt. Die ganze Gemeinde wartete jahrelang vergeblich auf diesen Tag. Er war der perfekte Ministrant gewesen.
Man muß sich auf das Wesentliche konzentrieren, sich nicht ablenken lassen und diese Sache dann konsequent durchziehen, dann kann einem das Leben nicht mehr krumm kommen, sagte er sich immer wieder. Davon war er überzeugt. Es war dies seine Lebenshaltung, den Menschen und den Dingen gegenüber.
Er war gerne Ministrant, denn jedes mal nach der Heiligen Messe überkam ihn dieses Glücksgefühl einer wohligen Zufriedenheit, so wie man sich nach einer körperlichen Anstrengung ermattet auf sein Bett sinken läßt und den Augenblick genießt. Nicht daß Stepper ein gläubiger Christ gewesen wäre, nein, er konnte es sich nicht näher erklären, es interessierte ihn auch nicht weiter. Es war das Gefühl, wieder gewonnen zu haben, und dafür empfand er tiefen Dank. Er hatte lange darüber nachgedacht, schließlich war er überzeugt davon, bevorzugt, ja auserwählt zu sein, ein Liebling der Götter. Wie in der griechischen Mythologie, seiner Lieblingslektüre.
»Stepper, man muß Sie wirklich beneiden. Sie haben es geschafft. Sind wir mal ehrlich. Die ganze Schinderei, all die Jahre, alles für’n Arsch, Mensch! Stepper, wissen Sie was, Sie sind nun ein freier Mann!«
Die Leute waren gegangen, der Pfarrer und der Organist hatten ebenfalls die Kirche verlassen. Jetzt war Stepper mit ihm allein. Er unterhielt sich ganz zwanglos mit ihm. Stepper hatte es wieder einmal allen gezeigt, auch ihm, der ebenfalls darauf wartete, ihn endlich stolpern zu sehen, wegen der Demutshaltung, die ihm fehlte, die er innerlich nicht hatte aufbringen können, vermutete Stepper. Er, Stepper, war hier der Sieger und sonst keiner. Er lief in der Kirche umher, als sei er zu Hause, und nachdem er diese Zufriedenheit ausgiebig genossen hatte, stellte er sich vor den Altar, atmete tief durch und verließ die Kirche, ohne wie es üblich war auf die Knie zu sinken und sich dabei zu bekreuzigen.
Als erfolgreicher Verkäufer, unmittelbar nach dem Vertragsabschluß, erlebte er immer wieder diese Wohlgefühl, das ihm alles bedeutete, und nur so erreichte er es. Dies war sein Geheimnis, sein Antrieb. Er brauchte diese Belohnung immer wieder. In ihr lag etwas Zwanghaftes, dem sich Stepper nicht entziehen konnte. Sein Erfolg mußte immer wieder bestätigt werden, immer wieder aufs Neue.
»Ja, also dann Stepper, machen Sie es gut, wir sehen uns dann nächste Woche. Bis dahin haben wir den Formalkram erledigt.«
Stepper ist glücklich, er weiß es mit jeder Faser seines Körpers, sie werden ihn tragen. Er wird sein Gesicht nicht verlieren, er wird nicht stolpern. Er wird wieder siegen, so wie damals in der Kirche und beim Tod seiner Frau. Er steht auf, geht mit festem Schritt hoch konzentriert auf seinen Chef zu, reicht ihm die Hand, atmet tief durch, dreht sich souverän um und geht in Richtung Türe, hält inne, dreht sich noch einmal zu seinem Chef und fragt lächelnd: »Tschuldigung Chef, kann ich eben mal schnell Ihre Toilette benutzen?«

© 2000 by Willi Herdrich. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Das Problem beginnt in der Überschrift: Eine Erzählung wird versprochen »über die hohe Kunst des Stolperns«. Davon ist jedoch nie die Rede, denn Stepper stolpert nicht. Sollte die Überschrift gar ironisch gemeint sein, müsste der Text zumindest einen entsprechenden Unterton haben, der fehlt aber völlig. Der Untertitel könnte vielleicht lauten »über die hohe Kunst des Nicht-Stolperns«, bringt nichts als ebenfalls die aufdringliche Alliteration von Stolpern, Stepper und dem Englischen step. Wozu ein solcher Untertitel?
Das Problem setzt sich fort mit Stepper: Sein Charakter ist völlig unausgegoren; was treibt Stepper eigentlich an, was ist sein Problem, warum versagt er, inwiefern versagt er? Dazu braucht es eine klare Vorstellung von dieser Person und kein Sammelsurium von Zutaten! Es gibt eine einsame, in Ansätzen verständliche Erinnerung: die an seine Ministrantenzeit; der Tod von Steppers Frau ist lächerlich banal so, wie er beschrieben wird: Da gibt es nichts zu bewältigen; diese beiden einzigen Beispiele stehen völlig auf verlorenem Posten gegenüber dem gewaltigen Anspruch von »Sein ganzes Leben hindurch musste er immer wieder etwas bestehen«.
Ich danke dem Autor für die vielen Möglichkeiten, einfache Verbesserungen zeigen zu können!

Die Erzählung will ein ernstes Thema gestalten: die plötzliche Arbeitslosigkeit eines geübten Verdrängers. Es bleibt bei einem Versuch. Dennoch ist die Darstellung dieses Arsches von Chef einfach grandios, wie er sich einzig und allein in und durch seine Äußerungen entlarven darf! Das sollte doch auch bei Stepper gelingen, wenn es beim Chef möglich war?! Eine Überarbeitung würde sich lohnen!

Die Kritik im Einzelnen

Hier haben wir eine vorzügliche Übersetzung von »dynamisch«; letzteres ließe sich also entfernen: Frisch wie immer, voller Tatendrang und frohgelaunt geht er in den Tag. Frohgelaunt habe ich ans Ende gestellt, weil es dann näher bei der fröhlichen Begrüßung steht. zurück
Ich gerate in Schwierigkeiten, die Stimme seines Herrn mir vorzustellen: wodurch unterscheiden sich Tonfall und Timbre? Wie werden die durch den Rhythmus beeinflusst bzw. der Rhythmus durch diese? Nimmt Stepper diese Feinheiten wirklich wahr? Ich würde nur das letzte in dieser Aufzählung registrieren, denn nur das hätte für mich Bedeutung: die deutliche Aggression in den Worten!
Aber weiter: wenn jedes Wort gestochen scharf gesprochen ist, ist ein Zusammenschleifen von vornherein unmöglich, muss also nicht ausdrücklich erwähnt werden.
Und noch weiter: ein scharf gesprochenes Wort passt nicht in das Bild eines Hammers ­- hier muss eine Entscheidung gefällt werden, welches Bild wichtiger ist! Ich ziehe Hammer vor, denn scharfe Worte machen einen fertig, weisen einen zurecht, von einem Hammer wird man unversehens getroffen (von einem Schlag getroffen, aus heiterem Himmel usw.) – was genau hier der Fall ist. Beim Schmied fällt der Hammer nur auf den Amboss, wenn ihn (den Schmied) unversehens ein Schwächeanfall ereilt; ist er (der Schmied) gesund, schlägt er mit dem Hammer auf das zu bearbeitende Werkstück (und nicht auf den Amboss), und so weit ich im Bilde bin, braucht der Schmied nicht für jeden Schlag (für manche schon) einen eigenen Hammer: meist reichen einige Schläge mit dem gleichen Hammer, um die Grobform herzustellen. In diesem Bild ist Stepper das heiße Eisen, das vom Chef bearbeitet wird. Ich würde diesen Absatz folgendermaßen verändern:
Stepper gefiel nicht die deutlich wahrnehmbare Aggression in den Worten. Jedes einzelne Wort ein Hammerschlag, das heiße Eisen beizeiten zu formen. zurück
Dieser Satz suggeriert, dass sich Stepper ganz bewusst eine Depotspritze setzt, obwohl er andrerseits lediglich versucht, sich zu beruhigen; trotzdem verspürt er Angst, sonst würde er sie nicht lächerlich nennen müssen. Das passt auf keine Weise zusammen!
Was ist jetzt die Depotspritze? Und was bewirkt sie? Für mich ist das Setzen der Depotspritze genau dieser vergebliche Versuch, sich zu beruhigen – und ist ein Kommentar des Erzählers, aber nicht die Denkweise Steppers! Es ist ein Ritual Steppers, ein untaugliches, wie sich im Laufe der Erzählung herausstellt (dazu später mehr und Genaueres). Zur Beseitigung dieser Unreinheiten empfehle ich (oder fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker):
Jedenfalls haben wir uns ganz prächtig unterhalten, setzte sich Stepper die Depotspritze gegen aufkeimende Angst.
Das Komma ist notwendig, um einen engen inneren Zusammenhang herstellen zu können zwischen dem inneren Monolog und dem Bild »Depotspritze«. Dass die Depotspritze tatsächlich nicht wunschgemäß wirkt, wird später eh gesagt: warum hier schon alles verraten? Lassen wir Stepper doch in seiner – jetzt leicht irritierten, aber dennoch – frohgelaunt-tatendurstig-frischen Stimmung!    zurück
Mit flachen Hierarchien hätte ich auch Probleme, denn ich habe keinen Schimmer, was das ist (ich könnte mir zwar was vorstellen, aber das gehört nicht hierher); ich muss es aber auch nicht unbedingt wissen, denn es hängt irgendwie mit Rendite zusammen, und von der weiß ich wiederum nur, dass sie Lebens- und Leidenselixier ist für alle, die sowie schon mehr als genug von allem und jedem haben, also interessiert es mich nicht: ich gehe einfach davon aus, dass Stepper hier in (s)einem Fachjargon redet, und schließe daraus, dass er seinen Beruf beherrscht (was immer er treibt: hier ahnt es der Leser allenfalls).
Die Standortprobleme hingegen verursachen mir echte: Heidi war alt (schon gut, schon gut: ich ändere das sofort, schließlich wäre ich dann ja auch alt! Und wie ändert man alt, um jemanden jünger zu machen? Man steigert es.). Heidi war schon älter und kam mit der neuen Software überhaupt nicht zurecht. Was aber hat das mit »Standortproblemen« zu tun? Muss die Firma umziehen? Muss sie Leute rausschmeißen (was kein Standortproblem wäre, sondern Ergebnis verfehlter oder rücksichtsloser Firmenpolitik)? Ich kann mir diesen Absatz prima ohne Heidi und die Standortprobleme vorstellen, nichts an Zusammenhang ginge verschütt. zurück
Du meine Güte! Ist der Chef einfach nur dumm? Oder gibt er hier einen der gefürchteten Vertreterwitze zum Besten, Marke »Wie vergraule ich potentielle Vertragspartner«? Ganz deutlich wird das nicht, denn zu oft wird das Entfernungsmaß »Lichtjahre« tatsächlich mit einem Zeitmaß verwechselt. Je nach Chef (Blödmann oder Humorbolzen) sollte/könnte eine Ergänzung folgen: so was wie ein ohrenpeinigendes Meckerlachen vom Meister persönlich oder eine stille Reaktion Steppers. Muss zwar nicht sein, verdeutlicht aber den Charakter des Vorgesetzten! zurück
Mehltau ist einigermaßen abwegig! Erstens weiß wohl kaum jemand, wie sich Mehltau ausbreitet (ausgenommen natürlich all jene, die es wissen). Zweitens gibt sicher welche, die wissen, dass Mehltau weißlichgrau ist und befallene Blätter sich einrollen: aber was hat das mit einem Hals zu tun, der nicht einmal weißlichgrau belegt ist, sondern schlicht trocken? Oder rollt sich das Gaumensegel ein? Von Mehltau im Mund kann ich nur dringend abraten: viel zu aufdringlich!
Vorhin hatte das Gefühl den Namen Angst. Jetzt werden Auswirkungen von Angst beschrieben, aber nicht entschieden genug: wieso soll die Angst nicht eigenhändig (»Kann man das bei Angst sagen?« – »Klar kann man’s, hab’s doch gerade getan!« – »Ich meine: Wie soll Angst eigenhändig, wo sie doch keine Hände.« – »Du machst mich noch irre mit deiner verdammten Pingeligkeit! Jetzt ist gleich Mitternacht, schau, dass du zu Potte kommst, sonst sitzen wir übermorgen noch.« – »Ja, is ja schon gut! Krieg dich wieder ein. Alter Labersack!« – »Korinthenkacker!« – »!%#?!§$!!!« – [Labersack verlässt wütend die Tür zuknallend den Raum, worauf er hastenichtgesehn von einer erbosten, da aus einem süßen Traum gerissenen Nachbarin mit einem Maurerinnenhammer entleibt wird. Das hat er jetzt davon!]) So, jetzt kann ich den Satz in Ruhe korrigieren: Die Angst ist viel entschiedener, wenn sie aktiv eingreift, d.h. sie lässt den Hals nicht austrocknen, sondern sie trocknet ihn aus; die Depotspritze samt – dem Leser hoffentlich präsenten – Zusammenhang muss in Erinnerung gerufen werden, gehört also an den Anfang des Satzes; dem obere Mundraum gebührt sein höchsteigener schöner Name; das Festkleben der Zunge ist Folge der Austrocknung und Ursache des Schluckens, also machen wir diese Zusammenhänge auf einfachste Art und Weise deutlich; da man erst schlucken muss, wenn die Zunge bereits klebt, also nicht während des Festklebeprozesses, muss fest weg. Von mir in tiefster Nacht verbessert würde der Absatz dann so lauten (aber dann gehe ich wirklich in die Heia: heute ist schließlich auch noch ein Tag!):
Trotz Depotspritze kam wieder dieses Gefühl, das den Hals austrocknet, so dass man immerzu schlucken muss, weil die Zunge am Gaumen klebt.
Das soll genügen auch als Beispiel für die Hauptregel beim Schreiben, die da ganz einfach lautet: Streichen, streichen und nochmals streichen! Ich kann nicht jeden Satz in jedem Text so ausführlich beackern; hier aber bot es sich an, weil sich vieles demonstrieren ließ, zu Nutz und Frommen von Autor und vielen Generationen Lernwilliger.
(Jetzt werde ich ernsthaft größenwahnsinnig, und alter ego liegt erschlagen ach! in meinem Blut! Ab ins Bett und Gute Nacht!) zurück
Guten Abend! Melde mich frisch & müde zurück (und alter ego ist auferstanden von den Toten: »Hallo, altes Haus!« – «Lass mich in Ruhe!« – Ist wohl nicht soo gut drauf! Lassen wir ihn in seinem Schmollwinkel); los geht’s: da das Stammeln vom Autor gerade anschaulich demonstriert wurde, tritt automatisch die Hauptregel in Kraft, die da lautet? Na??? Richtig: Streichen, streichen und nochmals streichen! Den anschließenden Absatz, der (zu Unrecht, wie wir gleich sehen werden) mit Bilder anhebt, könnte direkt angeschlossen werden, um diese Nichtbilder an die Auslassungspunkte zu rücken, wohin sie zeitlich/inhaltlich gehören. zurück
Jetzt geht’s den Bildern an den Kragen! Wie sehen Bilder der letzten Jahre aus, z.B. das Bild von 1999? 1991 gar? Müsste wohl eher Bilder aus den letzten Jahren heißen; stimmt aber immer noch nicht, denn es sind keine Bilder, die da durch seinen Kopf jagen, sie hätten sonst zumindest kurz beschrieben werden müssen: alle warten auf Stepper, damit er die Sitzung eröffnet; der Chef, wie er Stepper vergeblich eine Gehaltserhöhung anbietet; die Kollegenschlange vor Steppers Büro, die auf seinen Rat hofft: das wären Bilder, Schnappschüsse! Stepper hingegen erinnert sich an große Zeiten, nicht mehr und nicht weniger. Dieses Problem muss der Autor selbst lösen. zurück
Die Verschlankungsdiskussion (VSD) liegt unwiederbringlich in der Vergangenheit, folglich wäre abgeschlossenen Vergangenheit (Plusquamperfekt, wer es genau wissen will) die korrekte Zeitstufe: »Er war nicht einbezogen worden« (dieses schmarotzerische mit ist still, heimlich und leise der Hauptregel geopfert worden). zurück
Dass die VSD in der Vergangenheit liegt, rechtfertigt nicht, den Chef ebenfalls dort anzusiedeln, zumal er gerade noch bei uns war: »Der Chef nimmt einen Schluck Kaffe« – es besteht kein Anlass für einen Zeitenwechsel (der gehört wohl eher in die Rubrik »Flüchtigkeitsfehler«). zurück
Dieses Stammeln kann aus zwei Gründen bleiben: zum einen wurde das obige Stammeln eliminiert, andernfalls wäre hier eine lästige Wiederholung zu bereinigen: Schwein gehabt; zum anderen folgt eine indirekte Rede, die das Stammeln selbst nicht illustriert.
Verschwinden aber muss etwas, denn Stepper stammelt nicht etwas, sondern das, was die indirekte Rede wiedergibt: »Stepper stammelt, er sei wieder auf dem Weg nach oben.« Tatatataaa: erneut ein überflüssiges Wort fachmännisch erlegt!
Zu diesem Absatz ist fünferlei anzumerken: zum einen schwitzt Stepper immer noch (siehe oben) und jetzt schon wieder. Wenn seine Hände feucht würden oder die Achselhöhlen, ließe sich das als Steigerung verstehen, und die Wiederholung wäre vermieden; zum zweiten erscheint der Widerspruch sinnlos, damit ist er es jedoch keinesfalls: also weg mit erscheint; zum dritten sagt ihm die Angst gar nichts, denn er kennt die Regeln und weiß, was passiert. Dazu benötigt er keine  enthüllende Angst; zum vierten brauchte den Satz »wer die Regeln nicht kennt, muss gehen« nicht einmal ein Mensch zu äußern, denn Stepper kennt ja die Regeln: der Gebrauchswert dieses Satzes für ihn entspräche »Wenn das Messer nicht scharf ist, fällt ein Sack Reis um«: ganz schnell vergessen; zum fünften ist die Aussage » (.) muss auch gehen« vollends unverständlich: so definiert sich schließlich eine Regel, dass bei Nichteinhaltung Konsequenzen zu erwarten sind, sogar unabhängig vom Wissen um sie. Was bleibt?
Sinnlos jeder Widerspruch. 10 Punkte zuwenig. Die Regeln sind bekannt. Wer die Regeln kennt und sie nicht einhält, muß gehen. zurück
Da der letzte Absatz erheblich verkürzt ist, würde ich diesen direkt anschließen, aber folgendermaßen verändert:
(.) muß gehen. Jetzt war also er, Stepper, an der Reihe. Er, der erfahrene Außendienstler, er, ein alter Hase mit einem festen Kundenstamm. Er hat die Norm verfehlt, um gerade mal 10 Einheiten. Der Chef hält sich an die Regel. Warum sollte er sich gerade bei ihm nicht daran halten.
Die Betonung von Steppers eingebildetem Sonderstatus erscheint hier früher, damit anschließend die Zuordnung der jeweiligen Charakterisierungen klar ist: er, Stepper und er, der… usw. usw. Ein alter Hase wäre keine alter Hase, wenn er nicht gewieft wäre (dann wäre besagter nämlich ein alter Trottel). Die Hauptregel wurde wieder im Anspruch genommen. zurück
Das Gehen-Müssen hat, da vereinbarter Rauswurf, keinerlei Bezug zur Physik, und die hat ihrerseits nur insoweit mit Axiomen zu tun (die nebenbei alles andere als göttlich, nämlich pure menschliche Erfahrung sind), als ihre Berechnungen auf mathematischen Gesetzen beruhen. Die Mathematik allerdings ist sehr wohl auf Axiomen aufgebaut, aber das hat nichts mit dem Zahlensystem zu tun, in dem wir Europäer zur Zeit rechnen. Ersatzlos streichen, Schwamm drüber! Und da wir gerade beim Streichen sind, schicken wir auch den nächsten Satz gleich mit zum Teufel: Weswegen um alles in der Welt schämt sich Stepper denn? Worin/woran zeigt oder zeigte sich seine unverschuldete Dummheit (= Torheit)? Wenn nix wiss, Rauschmiss! Wieder zwei falsche satzähnliche Getüme weniger: der Text kriegt zunehmend Form, Gehalt und Zug! zurück
In einem Beichtstuhl gibt es keine Wand, also kann er die Wörter nicht durch eine solche hören, muss er auch nicht, denn es ist ja beschrieben, wie er sie wahrnimmt; wozu also die Wand? Es wird gesagt, dass er die Worte hört, als seien sie nicht für ihn bestimmt, was dann später anlässlich der Beichtstuhl-Erinnerung wiederholt wird: wozu? Um zu betonen, dass es im Beichtstuhl seinen Ohren so erging wie jetzt beim Chef (dessen Worte hören sich sogar an »wie aus einer anderen Welt kommend«, was wiederum »unwirklich« klingt) – das ist erneut zu-viel-auf-einmal-gewollt:
Stepper hörte die Worte von ganz weit herkommen, wie damals die Worte des Pfarrers im Beichtstuhl. Sie waren an ihn gerichtet und doch erreichten sie ihn nicht, nicht wirklich. Damals nicht – und auch jetzt nicht.
So reicht der Bogen vom Chef zum Pfarrer und wieder zurück, was durch den Gedankenstrich betont wird: auch Stepper muss aus der Erinnerung wieder in die »Wirklichkeit« zurück. Wiederholungen werden vermieden.
Überhaupt: ich muss mal ein Plädoyer halten für die Aschenputtel unter den vielen Satzzeichen. Oder lieber doch nicht, sonst werde ich nie fertig! Aber eine Bitte darf ich äußern (die Erfüllung genehmige ich mir selbstverständlich ohne Ansehen meiner Person): verwendet sie alle alle alle, sie haben ein Existenzrecht, weil sie einen Sinn haben! Nicht allein Punkt und Komma und ab und zu ein Fragezeichen – das ist, als würde man in der Musik nur zwei Töne verwenden! zurück
Umständlich und inhaltlich problematisch: Stepper stellt sich vor, das etwas geschehen wird (Kniezittern) – da es geschehen wird, schließt die Zukunft auch den Anfang dieser Aktion ein: also muss der Beginn nicht nochmals betont werden (es sei denn ganz außergewöhnlich besonders extrem wichtig: Gleich werden die Knie sehr bald sich aufs Beginnen einstimmen, das Anpacken des Anfangens vom beidbeinigen Kniezittern anzubahnen in Angriff zu nehmen); im nächsten Satz wird erneut etwas geschehen (Dienstverweigerung der Beine); dem ging voraus, dass die Beine taub und wie abgestorben sind – was aber nur nach dem noch in der Zukunft liegenden Kniezittern passiert sein wird! Ich bin für die stinknormale Reihenfolge, und halte außerdem dafür, dass Stepper das nicht denkt (Gegenwart!), sondern sich vorstellt: das böte dann auch einen direkten Anschluss an den folgenden Absatz (an dem ich einiges auszusetzen gehabt haben werde!). Stinknormale Reihenfolge:
Gleich werden die Knie zittern, dann die Beine taub werden, absterben und schließlich ihren Dienst verweigern; für immer werde ich hier sitzen bleiben müssen, stellt Stepper sich vor. zurück
Solche Ankündigungen leisten das gleiche wie eine Warntafel: Obacht! Groteske Komik kreuzt! Und es wirkt gleichermaßen penetrant wie die bedauerlicherweise üblich gewordenen künstlichen Lacher in vielen, auch überhaupt nicht komischen Fernsehsendungen. Wann endlich werden diese Lachmaschinen eingesetzt bei Nachrichtensendungen oder Neujahrsansprachen: »Liebe Bürgerinnen und Bürger! (Gelächter) Wir blicken auf eine erfolgreiches Jahr (brüllendes Gelächter) zurück, in dem es uns (leises Kichern) gelungen ist (höhnische Laute und Zwischenrufe), die Weichen für das nächste Jahrtausend zu stellen (ausgelassene Heiterkeit)«?! Ich schwoff (schwiff? bin geschwoffen/geschwiffen? schweifte? bin geschweift! – immer wenn ich es mit Politik zu tun kriege, versagt mir die Dings, die ähm, na., Siewissenschon) – ich bin sogar beim Abschweifen  abgeschweift. Schon gemerkt?
Ich könnte in Zukunft vor jedem Satz ankündigen (siehe oben), was den Leser erwartet: etwa Achtung Abschweif! Warnung: Toller Ratschlag, das vorhergehende betreffend: Streichen. Vorsicht: jetzt werde ich sagen, dass ich bereits gesagt habe, dass der Übergang vom letzten Absatz zu diesem schon durch meine Verbesserung geleistet ist: Stepper muss sich nichts vorstellen, denn das ist in meiner Verbesserung des vorhergehenden Absatzes bereits geschehen. (Doch lieber keine Ankündigung: Das strengt ja fürchterlich an!)
Gleich werden die Knie zittern, dann die Beine taub werden, absterben und schließlich ihren Dienst verweigern; für immer werde ich hier sitzen bleiben müssen, stellt Stepper sich vor. Und er sieht sich im Sessel sitzen wie eine Puppe. zurück
Die Hektik des Chefs sollte nicht durch einen Punkt unterbrochen werden; der Chef sollt nicht zweimal schreien; der Chef würde Stepper auch schütteln (sozusagen als Sofortmaßnahme am Unfallort); der Chef ist sowieso im Büro, also läuft er auch genau da umher und nicht in Han Lis Garküche!
Der Chef starrt ihn an, versucht ihn anzusprechen, springt auf, schreit ihn an, schüttelt ihn, läuft aufgeregt umher, greift schließlich zum Telefonhörer und bellt einige Befehle hinein: Kurz darauf.
Auf diese Weise habe ich gleichzeitig ein unterschätztes Satzzeichen eingeschmuggelt.zurück
Warum die zwei? Bisher sind sie noch nicht erwähnt worden! Oder sind es die üblichen zwei Funktionsträger? Dann würde ich zähneknirschend dafür plädieren, üblichen hinzuzufügen, wenn es partout die sein müssen! Viel lieber wäre mir, die einfach zu entfernen.
Handelt es sich um hauseigene Sanitäter? Befindet sich das Büro in einem stillgelegten Trakt eines Krankenhaus? Dann wäre »in Weiß gekleidet« angemessen; kommen sie jedoch von einem Rettungsdienst, tragen sie mindestens alarmierend leuchtend-rotorange Westen, wenn nicht gar Jacken. Da merkt man das Weiß der Hosen kaum noch. Manche mögen zusätzlich »durchtrainiert« sein: In der Regel sind das Fachkräfte, die auch als Untrainierte durchaus wissen, mit welchen Techniken selbst Fleisch- und Phettberge auf die Trage zu manövrieren sind. Oder es sind tatsächlich die allgemein bekannten und beliebten die zwei Durchtrainierten. Hier heißt es für den Autor, eine Entscheidung treffen und dementsprechend klar formulieren. zurück
Was fummeln die am Chef rum? »ihn« bezieht sich auf diesen, da der Chef den vorletzten längeren Satz als Subjekt dominiert hat! Er ist der Täter, nicht das Opfer. Die sollen sich gefälligst um Stepper kümmern! zurück
Was ist wichtig: dass sie ihn anfassen? Oder dass sie ihn fassen? Fassen sie ihn sofort an? Versuchen sie nicht erst rauszukriegen, was mit Stepper los ist: ansprechen, anstupsen, kneifen, Puls fühlen usw.? Das ließe sich analog zu den Aktionen des Chefs schildern, im gleichen Satzrhythmus! Und was treibt der Chef derweil? Was ist mit den vollmundig angekündigten Szenen von grotesker Komik? Nichts ist damit! Stattdessen tragen sie (das sollte hier Träger heißen, dann hätten wir dreimal die Stammsilbe kurz nacheinander, und das wäre dann sogar zweimal mehr als gut tut!) auf einer Trage einem Sitzbild gleich Stepper! Ich habe meiner Lebtage noch kein Sitzbild gesehen! Oder soll Sitzbild ein Witz sein, eine heitere Erweiterung des Vokabulars, das nur schnöde Standbilder kennt (deren Figuren oder Figurengruppen stehen und sitzen und hocken und liegen dürfen, selbst Fliegendes wird in Standbildern festgehalten.)? Sitzbild? Liegebild, Hockbild, Sitzbild: – meinswegen: Das wäre dann immerhin ein dürftiger Witz – aber Lichtjahre entfernt von grotesker Komik! zurück
Hieße der Satz: »Stepper muss unwillkürlich lächeln.« wäre alles in Ordnung. Niemand kann Stepper dessen Humor vorwerfen: er ist halt so! Aber zu behaupten, dieses Sitzbild sei so komisch, so skurril, dass Stepper lächeln muss, klingt wie ein Eingeständnis: »Eigentlich hätte da was grotesk Komisches, ja sogar Skurriles stehen sollen, hat aber irgendwie nicht geklappt oder so, na ja, aber immerhin könnt ihr euch doch einbilden, es wäre so komisch, so skurril gewesen, dass Stepper lächeln muss (klar: soo komisch, dass er echt hätte lachen müssen, wäre es eh nie geworden, also war es eigentlich auch gar nicht so komisch, sondern höchstens komisch). Jedenfalls habe ich sicherheitshalber am Ende noch mal gesagt, dass das Sitzbild jetzt eigentlich komisch gewesen ist.« zurück
Meinte & lächelte stehen in der falschen Zeitstufe: es muss meint & lächelt heißen! zurück
Entfernen! zurück
Weg damit! zurück
Falsche Zeitstufe: zittern! zurück
Bilder seines Lebens sind noch nie zuvor durch seinen Kopf geschossen: das waren Bilder aus den Jahren! Jetzt aber erinnert er sich an ganz bestimmte Situationen, die sein Lebenshaltung erklären sollen; tatsächlich folgen später genau zwei Situationen! Die brauchen also nicht durch den Kopf zu jagen, sondern da kann die Erinnerung gemächlich auftauchen! Zudem sind es nicht Bilder seines Lebens, sondern – wie vorhin schon angemerkt – Bilder aus seinem Leben, konkret eben Erinnerungen an Situationen; warum nicht gleich Bilder von Situationen? Wozu dieses allmählich-umständliche Herantasten an das, was gesagt werden will? Gekürzt und umgebaut lautet der Satz folgendermaßen: Bilder von Situationen, die er bestanden hatte, tauchen in seinem Kopf auf. zurück
Sein ganzes Leben hindurch musste er nix bestehen! Es waren einzelne Momente in seinem Leben, die in dem Augenblick ihr ruhmvolles Ende fanden, als sie bestanden waren! Zurück blickt Stepper also auf eine Reihe von erfolgreich bestandenen Prüfungen. Und es waren immer wieder andere Situationen. Wenn das so ist, dann sollte man es auch so schreiben: Immer wieder in seinem Leben hatte er etwas bestehen müssen und dabei nie sein Gesicht verloren! Wegen der korrekten Zeitstufe wäre hatte gedoppelt worden, deswegen habe ich den folgenden Hauptsatz in eine Aufzählung verwandelt. zurück
Was ist der Unterschied zwischen Einstellung und Lebenshaltung? Warum steht das in dieser Reihenfolge? Solche Fragen müsste ein Autor präzise beantworten können, sollte er gefragt werden. Ich will aber keine Antwort, denn ich halte beide Begriffe für untauglich! Wieso die Feststellung, dass er nie sein Gesicht verloren hat, seine Lebenshaltung, die doch den gleichen Inhalt hat, nur prägte, vermag ich auch nicht zu deuten: was macht Steppers Lebenshaltung denn sonst noch aus? Ich sehe vielmehr, dass Steppers Erfahrungen seine Lebensregel bestimmten: Verliere nie das Gesicht! Das ist nicht nur eine Haltung, die man einnehmen kann oder nicht, sondern eine selbstgegebene Regel (oder Maxime), an die man sich zu halten hat! Und so sollte zu lesen sein: Diese Erfahrungen bestimmten seine Maxime: Verliere nie dein Gesicht! zurück
Es war nach seinem dreißigsten Abschluss gewesen; dieser Zeitpunkt liegt erledigt & unwiederholbar in der Vergangenheit; die Erinnerung an die Ereignisse sind noch da, also können die in normalem Präteritum berichtet werden. zurück
Der Satz zuvor fing schon mit es an, und am Ende des Absatzes heißt’s: sicher ist alles gut gegangen. Lassen wir ihn doch seinen Selbstbetrug stereotyp wiederholen: Sicher ist alles gut gegangen, sie wird noch etwas schwach sein, erkennt mich vielleicht auch noch nicht (als Folge des Schwachseins, deswegen kein eigener Satz), aber sicher ist alles gut gegangen. zurück
Stepper hat bereits seine Lebensregel formuliert – hat er sie jetzt aufgegeben um einer anderen willen? Das kann nicht sein, denn die Ministranten-Episode liegt zeitlich vor Ritas Tod, also muss in diesem Abschnitt Steppers ursprüngliche Regel (man muss alles konsequent durchführen) formuliert worden sein, die er bei Ritas Tod ändert. Dass zuerst von Ritas Tod erzählt wird und dann von seinen Hochamtfreuden, verwirrt wegen der Auslassungen zu Steppers Lebenshaltung. Ich habe auf meinem Blatt diesen Absatz vollständig gestrichen und gestehe nur zu gerne ein, dass mir überhaupt nichts fehlt: so komme ich auch besser mit der Umkehrung der Chronologie zurecht: der Chef will Stepper stolpern sehen, die Gemeinde will Stepper stolpern sehen; Stepper aber wird nicht stolpern, wird sein Gesicht nicht verlieren: denn auch die Ministranten-Erfahrung trägt ja, wie oben in der Erzählung ausgeführt behauptet, zu seiner Lebensregel bei und produziert keine eigene. zurück
Hier überkommt’s mich auch: Glücksgefühl einer wohligen Zufriedenheit. Unglücksgefühl einer  wohligen Zufriedenheit; Glücksgefühl eines zufriedenen Unwohlseins; Kotzgefühl eines unzufriedenen Glücks; Zufriedenheitsgefühl eines glücklichen Wohlseins; Wohlgefühl eines zufriedenen Unglücks – dem Unsinn sind nicht Maß noch Ziel gesetzt, wenn man den Anfängen nicht wehrt!
Merke: Din Doppelburger mundet nicht widerlicher als ein einfacher, und niemand schaut in zwei Fernsehapparate gleichzeitig, um besser zu sehen. Im Glücksgefühl einer wohligen Zufriedenheit wird sogar verdreifacht, und anschließend wird ein Vergleich gezogen, damit jeder, der den Überblick verloren hat, in etwa ahnen kann, was gemeint ist! Welch Verschwendung von Zeit und Mühen!
Das ist nicht mehr nur Kitsch, das ist fetter Schwulst! Wäre es nicht möglich, auf die triefende Tripel-Benennung zu verzichten und sich auf den Vergleich zu beschränken? Mit weiteren notwendigen Änderungen – nach der Messe etwa bezeichnet den Beginn eines längeren Zeitraums, sinken lassen einen kürzeren abgeschlossenen Zeitraum, Augenblick genießen einen fast gar keinen Zeitraum, der sich ereignet nach Beendigung des Sich-sinken-Lassens, was wiederum enorme Sorgfalt bei der Zeitwahl bedeutet usw. usw.: Ach so vieles hakt in diesem so harmlos dahertapernden Sätzlein – könnte dieser Satz etwa folgendermaßen lauten:
Er war gerne Ministrant, denn das Ende der Heiligen Messe genoss er so wie ein anderer das Liegen genießt, wenn er sich nach körperlichen Anstrengung ermattet auf sein Bett hat sinken lassen.
Das ist nur eine grobe Vorform, denn ich will der Vorlage nicht allzu viel Tort antun: Ich bin noch längst nicht zufrieden, habe jetzt aber eine gute Viertelstunde verschiedene Versuche allein für diesen lächerlichen Satz unternommen; mir reicht’s, es ist schließlich nicht meine Erzählung! zurück
Dass Stepper kein gläubiger Christ ist, erfahren wir demnächst sowieso; dass er es sich nicht näher erklären konnte bzw. dass es ihn nicht weiter interessierte, ist frech gelogen: später heißt es, er habe lange darüber nachgedacht. Ich glaube zu Steppers Gunsten das Letztere, und plädiere energisch dafür, diesen Satz mit Stumpf und Stiel zu entsorgen! zurück
Wo anfangen bei dem Kuddelmuddel dieser drei Sätze? Fangen wir beim Dank an, beim tiefen: wem gegenüber empfindet Jung-Stepper diesen? Offenbar doch gegenüber griechischen Göttern wie Hephaistos oder Eurynome; doch nicht die griechischen Götter pflegten sich gemeinhin 1 Liebling auszusuchen, sondern jeder Gott und jede Göttin bzw. wechselnde Koalitionen hatten ihren, den sie gegen den der anderen hetzten oder um den sie sich balgten (siehe die Lieblinge der Götter Achill oder Odysseus oder Iphigenie oder Ödipus oder oder oder). Auch war Steppers Lieblingslektüre hundertpro nicht die griechische Mythologie, denn die ist so wenig eine Lektüre wie Physik oder Himalaja, sondern er schätzte überaus die griechischen Göttersagen; dann wird er sich ausgekannt haben und wissen, wer ihn auserwählt hat: warum wird uns Lesern das vorenthalten? Es wäre doch wichtig, ja entscheidend für Steppers Charakter, schließlich war er zu diesem Zeitpunkt noch sehr jung! Wieso werden wir mit Versatzstücken abgespeist, statt mit Inhalten gefüttert?
Wenn ein Autor jedweden Geschlechts seine Protagonisten ernst nimmt, dann ist es erforderlich, sich deren Gedanken- und Gefühlswelt anzueignen; in diesem Fall bedeutet das konkret: sich Kenntnisse zu verschaffen über die griechische Mythologie, um zumindest auf Steppers Stand zu sein und Stepper gerecht zu werden. Ohne entsprechende Kenntnisse aber bedeuten diese Sätze nur warme Luft im hohlem Geschwätz, und dagegen hilft nur eines: Luft rauslassen und ab in den Restmüll! Entlüftet bleibt von diesem Absatz nur noch übrig
Er war gerne Ministrant, denn das Ende der Heiligen Messe genoss er so wie ein anderer das Liegen genießt, wenn er sich nach körperlichen Anstrengung ermattet auf sein Bett hat sinken lassen: es war das Gefühl, wieder gewonnen zu haben. zurück
Warum so schüchtern? Der Liebling griechischer Gottheiten kann sich doch problemlos mit Gott anlegen! Wenn dieser Bezug anders deutlich gemacht würde, entfiele auch das spätere Problem, als er und ihn unvermittelt und überraschend nicht mehr Stepper meinen, sondern Gott! Wie wäre es mit IHm – wie in älteren Bibeln zu lesen ist, analog zu HErr? zurück
Wenn Gott darauf wartet, dass Stepper stolpert (hier merkt man zu deutlich, woher der Name Stepper stammt; siehe dazu die Zusammenhängende Beurteilung) , ist er ein ziemlich hilfloses Wesen, jenseits von Allmacht und Allwissenheit, was herzlich wenig mit allen christlichen Sichtweisen zu tun hat; selbst griechische Götter wären ihm haushoch überlegen, Zeus hat immerhin noch seine Blitze; was aber hat jener? Was für ein Pfarrer, der Stepper dieses Gottesbild vermittelt hat. zurück
Da ist die angekündigte Umkehrung: Wäre das Gottes-Ihn gekennzeichnet wie angeraten, wäre klar, dass hier Stepper gemeint ist! Ohne Hervorhebung muss an dieser Stelle umformuliert werden, damit die Zusammenhänge sich nicht verknoten; obwohl andererseits die Vorstellung, Gott zeige nicht genügend Demut gegenüber Stepper, durchaus reizvoll wäre: Stepper fordert von Gott, innerlich angemessene Demutshaltung aufzubringen (doch, das hat durchaus was!). zurück
Ursache, Wirkung, Addition von Gleichwertigem? Die Demutshaltung fehlte ihm und er konnte sie nicht aufbringen? Wenn ich keinen Mut aufbringen kann, habe ich keinen: dann fehlt er mir. Also wohl Ursache und Wirkung, wobei die Wirkung als Auswirkung trivial ist und: gestrichen werden kann (was würde ich nur ohne die Hauptregel machen? Oh, ich wüßte schon, sag’s aber nicht! Komm ja auch nicht dazu, bin ja noch nicht fertig mit dem Streichen!). zurück
Was vermutet Stepper: dass Gott ihn stolpern sehen will? Oder weiß Stepper, dass Gott ihn stolpern sehen will, und vermutet, dass Gott das aus Rache tut, weil Stepper es an Demutshaltung fehlen lässt? Oder vermutet Stepper beides zugleich und weiß also letztlich nicht die Bohne, warum dieses Glücksgefühl wohliger Zufriedenheit über ihn herfällt? Ich will doch nur, dass ein Schreiber weiß, warum er was in die Tasten haut: das ist offenbar an einigen Stellen in diesem Text viel zu viel verlangt; denn »wer im Trüben fischt, braucht sich über die Klarheit des Wassers keine Gedanken zu machen« (Karlheinz Deschner sagte das, glaube ich). zurück
Jede Wette gehe ich ein, dass Stepper in der Kirche nicht so umher läuft wie zu Hause, denn zu Hause hat er niemals dieses Siegergefühl: zu Hause fehlen besiegte Gemeinde, besiegter Pfarrer, besiegter Organist und last not least besiegter GOtt. Dieser Vergleich haut voll daneben! Stepper hat es allen gezeigt, er ist stolz; Also stolziert er durch die Kirche, als gehöre sie ihm: er ist der Herr in diesem Haus, der HErr nicht! zurück
Es ist ganz und gar nicht üblich, auf die Knie zu sinken beim Verlassen einer katholischen Kirche, also sollte das auch nicht geschrieben werden! Man senkt ein Knie zu Boden und bekreuzigt sich in dieser Stellung. Solche überflüssigerweise falschen Sätze sind nur noch ärgerlich! zurück
Die trübe Brühe breitet sich aus, Zusammenhänge, Sinn und Steppers Psychologie gehen endgültig baden! Das stimmt mich traurig, denn diesen Absturz hatte ich nicht erwartet! Ich werde mich aber zusammen nehmen und den Nachweis liefern:
Stepper ist ein erfolgreicher Verkäufer geworden; auf dem Weg dorthin hat kein Wohlgefühl ihn ereilt (zuvor, ich erinnere mich nur allzu gut, hieß es noch geschwätzig Glücksgefühl einer wohligen Zufriedenheit – worum wohl auf diesen wohligen Wohlklang hier verzichtet worde? Vermutlich ist es lästig, so etwas Langes wie Glücksgefühl einer wohligen Zufriedenheit wieder und wieder zu schreiben (Tipp: dafür bieten Textverarbeitungen copy & paste, habe ich gerade eben erfolgreich angewendet); vielleicht wurde es einfach vergessen: wozu auch nachlesen, was man geschrieben hat, wenn völlig unerheblich ist, was man geschrieben hat.) Das (dieses Glücksgefühl einer wohligen Zufriedenheit – copy & paste) kam erst, als er ein erfolgreicher Verkäufer geworden war. Soweit alles klar? Na denn mal los:
Es war einmal ein Stepper ein erfolgreicher Verkäufer geworden, und seitdem ging es dem erfolgreichen Verkäufer Stepper ganz prima: jedes Mal wenn dieser erfolgreiche Verkäufer Stepper einen Vertrag erfolgreich abgeschlossen hatte, stürzte ein Wohlgefühl auf und in ihn und begrub, was es an Verstand noch antraf oder dafür hielt, unter sich und lullte es ein, während es heimlich daran nagte.
»Iiiiiiiiiiiiiih!!!«
Ruhe!!! Das war die Belohnung für Steppers geheimnisvollen Antrieb. Andere Verkäufer entdeckten Steppers Wohlgefühl, wurden neidisch und wollten auch so etwas haben. Sie begaben sich zu Stepper und fragten ihn: Stepper, sag uns doch, wie wird man ein erfolgreicher Verkäufer, was ist der Antrieb? Aber Stepper blieb die Antwort schuldig.
Also hetzten die Vertreter durch die Welt, sammelten Punkte, schlossen erfolgreich einen Vertrag nach dem anderen ab – aber nie schafften sie es, ein erfolgreicher Vertreter wie Stepper zu werden, nie hatten sie dieses Wohlgefühl, das nur erfolgreiche Vertreter bei erfolgreich erfolgtem Vertragsabschluss haben! Nie kamen sie unter Druck, erneut Verträge abschließen zu müssen, nein, sie taten das freiwillig: sie dachten, sie würden erfolgreiche Vertreter, wenn sie erfolgreich Verträge abschlössen! Und wenn sie nicht gestorben sind, so hetzen sie noch heute durch die Welt, schließen noch heute erfolgreich Verträge ab, und das Wohlgefühl verschont sie, weswegen sie bei Verstand bleiben.
»Und was ist aus Stepper geworden?«
Nun, liebe Kinder, die Wohlgefühldroge (böse Hexen nennen das auch Glücksgefühl oder Zufriedenheit) hat sein ganzes Gehirn aufgefressen; diese Sucht war so doll, dass er nicht einmal mehr etwas von der Sucht spürte! So vergaß er eines Tages erfolgreich den Schließ-erfolgreich-einen-Vertrag-ab-Zwang, setzte sich erfolgreich in ein Boot und wartete erfolglos auf einen Wind, statt erfolgreich einen Vertrag abzuschließen. So konnte er sich natürlich nicht wohlfühlen, und er verlor seinen Arbeitsplatz, durfte keine Verträge mehr abschließen, nicht einmal erfolgreich, und war hinfort kein erfolgreicher Vertreter mehr!
»Ist man denn nur ein erfolgreicher Vertreter, wenn man erfolgreich Verträge abschließt?«
Richtig!
»Aber warum sind dann die anderen Vertreter nicht auch erfolgreiche Vertreter gewesen?«
Das ist halt so im Märchen und außerdem ein Geheimnis! Und jetzt Schluss mit den dummen Fragen: Marsch ins Bett! zurück
Jede Faser seines Körpers weiß es: das sind mindestens zwei (sonst hieße es ja die Faser), also eine Mehrzahl! Und was wissen die Fasern? Sie wissen, dass sie Stepper tragen werden. Das stimmt jedoch nicht ganz, denn die Fasern wissen gar nichts. Da das Wohlgefühl Steppers Hirn gefressen hat (s.o.), muss er jetzt mit jeder Faser denken; deswegen weiß keine Faser was, wie ich Bösewicht unterschoben habe (wer hat’s gemerkt? Klasse!), sondern Stepper weiß mit jeder Faser was (was bleibt ihm auch übrig; merken wird es kaum einer, weswegen das Faserdenken auch nicht so betont werden müsste, denn es ist nicht schlechter als das mit seinem Kopf), selbstverständlich mit jeder Faser seines Körpers, nicht etwa seines Leibchens oder Krawattenknotens. Ob Stepper jetzt die Fasern trägt oder die Fasern Stepper – das ist eine interessante anthropologische Frage, die durchaus hart am Philosophischen vorbeischrammt, darf aber hier glücklicherweise vernachlässigt werden, denn sie meint natürlich (natürlich!) nicht die Fasern, sondern allenfalls zwei etwas dickere, die Beine nämlich! Könnte man auch direktemang schreiben, aber was könnte man nicht alles, wenn man könnte. zurück
Was soll das Stolpern in dieser Aufzählung an zweiter Stelle? Der Chef wollte ihn stolpern sehen, die Gemeinde wollte ihn stolpern sehen, GOtt wollte ihn stolpern sehen, aber nicht seine Frau und auch nicht der Stationsarzt; da »Stepper stolpern sehen wollen« das unergiebigste der Motive ist und ein äußerliches zumal, gehört es an die unwichtigste Stelle einer Aufzählung, an die erste; »sein Gesicht nicht zu verlieren« wurde mal zum Wichtigsten deklariert, jetzt aber läuft Siegenwollen ihm offenbar den Rang ab (so etwas geschieht nur, wenn man eine Erzählung nicht im Griff hat und sie sich heimlich auf und davon macht) – oder doch nicht? Ist Siegenwollen oder Seingesichtnichtverlieren die Hauptsache? Nur danach richtet sich die Reihenfolge; allerdings wird die im ganzen Text nicht klar; warum soll es dann auch am Schluss klappen! Zusätzlich wird Siegenwerden von den anderen beiden Motiven durch einen Punkt abgeklemmt, sozusagen als Quintessenz aus Gesichtnichtverlieren nach außen und Stepperstolpernsehenwollen von innen. Oder lediglich irgendwie zusammengemanscht: Denn gegen wen oder was oder wie überhaupt hat er beim Tod seiner Frau gesiegt? Weil er nicht gestolpert ist, obwohl das keiner sehen wollte? Nichts passt da zusammen. zurück
Um den Flachsinn dieser Kombination herauszufiltern, spiele ich zum Abschied gerne nochmals das Wörtlein-wechsel-dich-Spiel, denn das sagt mehr als viele Worte (garantiert gibt es Beispiele, wo dieses Spiel nicht angebracht ist: garantiert lassen sich dann wichtige & triftige Gründe dafür finden). Ausgangspunkt ist: mit festem Schritt und hoch konzentriert. Variante A: mit festem Schritt und unkonzentriert (Haut nicht hin, denn fester Schritt ist etwas Bewusstes, also Konzentriertes). Variante B: Stolpernd und hoch konzentriert (Wäre bei einem Besoffenen möglich, müsste aber korrekt heißen »stolpernd, doch hoch konzentriert«, weil es eben ein Gegensatz ist; Stepper hingegen ist nicht besoffen, nicht einmal vom Zufriedenheitsgefühl eines glückliche Wohlseins, denn besagtes ereignet sich laut Autor nur bei erfolgreichem Vertragssabschluss durch einen erfolgreichen Verkäufer). Variante C: stolpernd und unkonzentriert (hier wäre »unkonzentriert stolpernd« besser, weil unkonzentriert die Ursache des Stolperns offenbarte). Was folgt? Mit festem Schritt und hoch konzentriert taugt nichts, da ein Teil des Ganzen dem Ganzen zum Ganzen zugesetzt wird. zurück
Warum plötzlich ein und? Nehmen wir einfach jede Handlung als eine bewusste (und verpassen ihr ein entsprechend bewusstes Verb!!!), worauf nicht minder bewusst die nächste folgt; um diese Bewusstheit auch formal abzugrenzen von des Chefs Hektik (während Steppers Phantasien, er sei eine Puppe), können die einzelnen Handlungen durch Strichpunkt getrennt werden:
Stepper atmet tief durch; erhebt sich; geht festen Schrittes auf seinen Chef zu; reicht ihm die Hand; wendet sich freundlich nickend um; schreitet in Richtung Türe; hält inne; dreht sich noch einmal zu seinem Chef und fragt lächelnd: »Tschuldigung, Chef, kann ich eben mal schnell Ihre Toilette benutzen?« zurück

Hinweis: Wem der Text vielleicht bekannt vorkommt, irrt sich nicht. Er war bereits – in einer andern Version – im Bereich Prosa & Lyrik zu finden. zurück

Textkritik: wäre rockstar geworden – Lyrik

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wäre
rockstar
geworden

wenn ich
nicht so

ein sensibelchen
wär
(sagt mutter)

oder nicht die füße
unter seinem
tisch gehabt hätte.

mit 15 geträumt
er schnalle
mir die
gitarre um
und

one two
test und all

so kram
brüllen

das ist
nicht das
schlechteste.

bechern in
backstagebereichen und

weiber,
weiber haben

vater wäre neidisch
(bier und weiber, beides gratis)

mutter wäre
sensibelchen

und ich

würde
nie im
leben mehr

tauschen wollen

mit diesem
hässlichen
tisch aus den sechzigern

© 2000 by Jochen Weeber. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Ein feines Gedicht! Es kommt so schmunzel-leicht daher, charakterisiert dabei so treffend die Aufbruchträume, in und mit denen man es allen zeigen kann, denen man es zeigen will – vor allem den Eltern, die als personifizierte Besserwisser & Belehrungs-Institution grundsätzlich sowieso die allerschlimmsten sein müssen (so sehr man sie – klammheimlich – auch schätzt…)! Klarer Aufbau, Spiel und bewusster Umgang mit Sprache, Beschränkung auf das Wesentliche: Lob, Lob und nochmals: Lob!

Die Kritik im Einzelnen

Das Gedicht beginnt mit diesen drei Zeilen; es hat selbst keine Überschrift. Aber ich wollte dieses Gedicht nicht einfach »Ohne Titel« nennen, denn das wäre ja einer. Also habe ich – wie es häufig und üblich ist – die erste Zeile (in diesem Falle die Strophe: »wäre« wäre zu albern gewesen) als Überschrift und damit Kennzeichnung gewählt.
Im Übrigen möchte ich zu Kritik etwas sagen: Allzu häufig wird darunter nur die Kennzeichnung von Fehlern gedanklichen, inhaltlichen und sprachlichen Ursprungs verstanden. Kritik ist aber einfach eine gedankliche Auseinandersetzung und enthält per se Positives – soweit vorhanden. Die folgende Kritik enthält nur Positives! zurück
In den ersten vier Strophen klingt das Thema an:  der Wunsch, Rockstar zu werden, Mutters Einschätzung des Lyrischen Ichs sowie Vaters patriarchalisches Machtwort in seinem Reich. Hat Mutter eigentlich recht mit ihrer Bezeichnung? Immerhin wird »sagt Mutter« eingeklammert nachgeschoben, als der Satz »wenn ich nicht so ein Sensibelchen wär« eigentlich bereits beendet ist und bis dahin als Selbsteinschätzung durchgehen kann. Beide Sichtweisen sind möglich: das erzeugt eine leise Spannung. zurück
Hier ist für mich die einzig rätselhafte Stelle: wer ist das, der dem lyrischen Ich die Gitarre umschnallt? Von den genannten Personen kommt nur der Vater in Betracht – aber warum sollte der seinen Sohn wegschicken? Schließlich kann er ihn dann nicht mehr erziehen!
Wenn er die Traumvorstellung des lyrischen Ichs ist, müsste er aber sich die Gitarre umhängen und nicht dem lyrischen Ich. Eine starke Identifizierung von Traum-Ich und dem lyrischen Ich kann auch nicht gemeint sein, denn die ist bereits in der ersten Strophe festgezurrt. Ist ein ungenannter Rockstar gemeint, der das lyrische Ich auf die Reise schickt, ihm quasi einen Anstoß gibt? Ist es eine Identifikation, die während dem (vorgestellten) Schreibprozess sich ereignet: das gealterte lyrische Ich erinnert sich an seine Wünsche, die ihm inzwischen sehr fremd geworden sind, aber sie werden beim Schreiben immer vertrauter, so dass aus dem fremden er (dem jungen lyrischen Ich) unerwartet ein vertrautes ich wird?
Warum ich mir solch umständliche Gedanken mache? Weil ich bei diesem Gedicht den Eindruck habe, dass an ihm gearbeitet und gefeilt worden ist. Ich mag mich täuschen, aber das würde mich nicht ärgern. Es kann auch ganz anders sein: Vielleicht liegt ein Abschreibfehler vor (nicht von mir), und es müsste heißen »er schnalle sich die Gitarre um« oder sogar »ich schnalle mir die Gitarre um«. Autor allein weiß! zurück
Nach den vier Eingangsstrophen mit Wunsch und Hindernissen nun in vier Strophen die Situation vor dem Konzert; schön die Irreführung beim Mikrofontest: Nach one, two und test erwartete ich selbstverständlich ein wenn nicht englishes, so doch zumindest germishes all – um dann unvermittelt in das umgangssprachlich-lässige „all so Kram brüllen“ zu geraten: fein gemacht! Zu meinen eigenen Band-Zeiten fand ich mich auch immer großartig, als ich mit umgehängter Gitarre fachmännisch das Mikro testete, am besten vor Publikum, obwohl ich doch nicht singen durfte, weil ich es nicht konnte. Nein: »das ist nicht das schlechteste«, das kann ich voll und ganz bestätigen. zurück
chan in ckstäidschraichän: Ich bitte um Entschuldigung wegen der Schreibweise, aber sie hilft vielleicht, die Alliteration (be bzw. ba) und die Vokalharmonie zu verdeutlichen, womit diese beiden harmlosen Zeilen gespickt sind! »bechern in backstagebereichen« – das klingt, das macht Laune zum Mitbechern! zurück
Das Konzert selber fehlt logischerweise in diesen vier Strophen, denn ein Rockstar zeichnet sich nicht durch die Musik aus, sondern durch seine Beliebtheit (ich hatte gerade Beleibtheit getippt und dann kritisch an mir hinabgemustert.) und das Hinterher: das vor allem! Damals hießen diese Wesen Groupies. Was für Vorstellungen eines Pubertierenden vom vollen Leben, das er bei den Eltern nie hätte leben dürfen/können/wollen: Wein, Weib und Gesang hieß das vor meiner Zeit, sex and drugs and rock’n’roll in den 60er und 70ern. Und heute, im Jahrhundert der vielen Nullen?
Unser lyrisches Ich ist hier voll in seinem Element: Bier und Weiber, dass Vater neidisch wird auf seinen Sprössling, der das wahre Leben leben kann, das Vater nie hat leben können; Bier und Weiber, dass Mutter jammert und verzagt (wunderbar die Umkehrung des »sensibelchen«). zurück
In den letzten 4 Strophen wird die Abrechnung endgültig vollzogen: Das traumverlorene lyrische Ich würde nie im Leben (!) mehr zurück wollen ins Elternhaus: es ist selbständig geworden (das schreibt sich jetzt selbstständig: hat man mir erfolgreich ausgetrieben, muss ich mühsam wieder lernen – falls ich das will!).Wo war ich? Ach ja: das lyrische Ich ist selbstständig und selbstbewusst geworden, hat sich sogar eine eigene einzeilige Strophe verpasst: frappierender lässt sich Selbstbewusstsein in einem Gedicht nicht demonstrieren! Das ehemalige Zuhause ist fremd geworden und überflüssig; in dieser vorgestellten Entfremdung wird der symbolische Tisch aus der vierten Strophe, unter den man die Füße gestreckt hat, zu einem konkreten hässlichen aus einer bestimmten Zeit, mit dem man nichts mehr zu tun haben will.
Das alles aber bleibt Fantasie, wird spielerisch vorweggenommen: man ist nicht Rockstar geworden, wie die erste Strophe beweist! Man schaut vielleicht MTV oder VIVA2 und seufzt gelegentlich, man ist Bankangestellter oder Versicherungsvertreter oder Literaturkritiker oder oder und hat einen hässlichen Ikea-Tisch. Wird darunter auch mal jemand seine Füße strecken und deswegen leiden (müssen)?
Im Gegensatz zu Vater gilt Folgendes: Rockstar sein: Das ist nicht schwer! (Rockstar werden leider sehr!) zurück