Irgendwann wurde Atemlos kriminell. Das war kurze Zeit, nachdem er in den Kellerverschlag gezogen war. Über ihm türmten sich 28 Stockwerke grauer Plattenbau, unter ihm lag, soviel er wusste, nur noch der Mittelpunkt der Erde aus kochender Lava und anderem Geschleime. Manchmal dachte er nach. Dann lag er auf dem Rücken auf der alten Matratze und starrte an die rissige, von Ruß geschwärzte Betondecke über seinem Körper. Meistens kaute er dabei auf einem Streichholz, weil er dann besser denken konnte, oder auf seiner Unterlippe, wenn er kein Streichholz zur Hand hatte, oder auf einer geschnorrten Kippe, obwohl er Nichtraucher war.
Er dachte an alles Mögliche: Daran, wie Scheiße er diesen stinkenden Keller fand, daran, was für ein Arschloch sein Vater, der alte Penner war, ihn einfach vor die Tür zu setzen – er war doch erst vierzehn – Alter, was für ein Drecksack, er dachte auch an seine Mutter, die ihm nachgelaufen war, die geweint und die Hände gerungen hatte. Er hatte nicht einmal zurück geschaut, hatte sie einfach stehen lassen, mit ihren Tränen, er konnte es nicht leiden, wenn sie anfing zu heulen, verdammt, sie wusste das ganz genau, und was konnte er schließlich dafür, er hatte nichts getan, oder jedenfalls fast nichts.
Eine von den Ghettoschlampen war schwanger, na und? Konnte doch von jedem sein, die ließen sich doch auf jeder Tischtennisplatte flachlegen, die ließen doch jeden ran. Dann dachte er an die geilen, fetten Titten, die wie Wackelpudding hin und her wippten, wenn er sie richtig stieß, und an die harten Brustwarzen, die er so lange gekniffen und gezogen hatte, bis sie schrie. Er dachte auch daran, wie leicht sie sich von hinten nehmen ließ, wie sie den geilen Arsch hochreckte und ihn mit beiden Händen für ihn aufhielt, damit er sie richtig tief ficken konnte. Dann hörte er auf zu denken und beschäftigte sich nur noch mit seinem steifen Schwanz, sah nur noch die Bilder, die ihn aufgeilten, sah noch mehr Schlampen, die sich ihm anboten, spritzte in Ärsche und offene Münder und heiße aufgequollene Fotzen, bis es ihm kam. Danach fing er von vorne an. Er konnte das stundenlang machen, wie im Rausch. Er konnte alles um sich vergessen, sogar das scheiß Rattenloch, in dem er lag, sogar die versiffte Matratze und die miefige Kälte, die sich jetzt im November tief in sein Knochenmark fraß.
Wenn er fertig war, war die Matratze noch ein Stück versiffter und die Wände noch ein Stück verschleimter, aber seine Hände waren warm und sein Kopf war leer und das war gut so. Manchmal machte er eine Dose Bier auf, oder zwei, er war kein großer Trinker, und dann ging er raus und traf die anderen Jungs. Er erzählte ihnen nichts von dem Keller, das war ihm peinlich, trotz allem. Manchmal sah er seine Schwestern von weitem, dann versteckte er sich schnell, damit sie nicht zu ihm gelaufen kamen und ihn irgend etwas fragten, was er nicht beantworten konnte. Sie waren zu klein, um zu verstehen. Er war total cool, hatte jede Menge Spaß mit den Jungs – und er überlebte allein, er brauchte keinen Menschen. Er war einfach nur total cool.
Wenn es dunkel war in seinem Keller, dachte er an die Mutter und die kleinen Schwestern, aber er fing nie an zu heulen, Männer heulen nicht. Er übte Schießen mit den Jungs, zuerst lieh er sich was, dann zog er los und besorgte sich was Eigenes. Jetzt war er schwer bewaffnet und gefährlich, jetzt war er wer, keiner konnte ihm Angst einjagen, keiner schüchterte ihn ein. Er war ein großer Junge. Nachts kaute er manchmal auf seiner Unterlippe und starrte an die Decke. Aber er heulte nicht.
Textkritik: Ein großer Junge – Prosa
Zusammenfassende Bewertung
Der Text hat nur 1 Problem: Er hat kein klares Ziel! Er schwankt zwischen einer Einsamkeits- und Verzweiflungsstudie (was ich für den starken Teil halte) und der Genese einer kriminellen Laufbahn (die außer in einer Absichtserklärung wenig Boden hat).
Deutlich wird: Eva Flug weiß etwas zu erzählen, und sie kann es auch. Im Schreiben steckt viel Handwerkliches – Schriftsteller fallen bekanntlich nicht vom Himmel, und wenn doch, dann sind sie tot.
Die Kritik im Einzelnen
Gibt das den beschränkten Geisteszustand von Atemlos wieder, dass er kochende Lava für etwas Schleimähnliches hält? Soll das einen Zusammenhang herstellen zu dem späteren Spermaschleim? Ich würde das einfach streichen, da es nichts deutlich macht! Auch den Mittelpunkt der Erde würde ich verschwinden lassen, denn das ist nur ein imaginärer Ort: kochende Lava unter der Matratze genügt vollauf! zurück
Lag er tatsächlich nur dann rücklings auf der Matratze, wenn er dachte? Oder war es nicht eher so, dass er manchmal auch nachdachte, wenn er rücklings auf der Matratze lag? Im letzteren Falle würde ich das auch so formulieren (s.u.) zurück
Eine Betondecke befindet sich normalerweise immer oben, wenn von einem Raum die Rede ist: wozu diese Betonung? Im Zusammenhang würde ich folgendermaßen verbessern:
. unter ihm gab es, soviel er wusste, nur noch kochende Lava. Wenn er mit dem Rücken auf der alten Matratze lag, dachte er manchmal nach. Dann starrte er an die rissige, von Ruß geschwärzte Betondecke; meistens. zurück
Umgangssprache hin, Jargon her: hier ist ein Adjektiv verlangt; also macht man aus Scheiße ein Adjektiv (also scheiße) oder nimmt ein richtiges, nicht minder umgangssprachliches: beschissen. zurück
Dem Vater werden vom Jungen drei Attribute zugeordnet: Arschloch, alter Penner, Drecksack; das ist weder eine Steigerung noch ein Gefälle (gefällt mir nicht: Klimax und Antiklimax klingt aber auch nicht viel besser), zumal sich der Junge selbst als Alter begreift und entsprechend anquatscht. Bescheidene Anfrage: reicht hier nicht ein einfaches Arschloch? Ich sehe nicht, was die beliebige Aneinanderreihung von Beschimpfungen leisten soll. zurück
Es heißt zu Beginn dieses Abschnittes, dass er an alles Mögliche dachte: warum dann die Mutter durch auch betonen? Streichen! zurück
Wenn er nicht zurückgeschaut hat – woher will er dann wissen, dass sie geweint und die Hände gerungen hat? Also muss er zurückgeschaut haben! Ärgerlich, dass diese Mutter über das Mütterklischee nicht hinauskommt: Händeringen und Weinen als elementare Lebensäußerung… Das hat der Text nicht verdient! zurück
Ist das ein heimliches Eingeständnis einer vielleicht doch irgendwie vorhandenen Teilschuld an der Situation? War Vater vielleicht doch kein richtiges Arschloch, sondern nur ein bisschen? Das weitere Verhalten des Jungen macht das unwahrscheinlich – also weg mit dem blinden Motiv!
Rückblickend auf den Abschnitt lässt sich sagen, dass der Junge hier gerade nicht an alles Mögliche dachte: er denkt zunächst vor allem an seine Eltern, also müsste es anders formuliert werden! Ich wage einen Verbesserungsvorschlag für den ganzen Abschnitt:
Er dachte z.B. daran, wie beschissen er diesen stinkenden Keller fand, daran, was für ein Arschloch sein Vater war, ihn einfach vor die Tür zu setzen – er war doch erst vierzehn, er dachte an seine Mutter, die ihm nachgelaufen war, er hatte sie einfach stehen lassen, er konnte es nicht leiden, wenn sie anfing zu heulen, verdammt, sie wusste das ganz genau, und schließlich hatte er nichts getan. zurück
Da der Junge hier offenbar Teile einer konkreten Ghettoschlampe plastisch erinnert und er wohl nicht direkt die Titten »gestoßen« hat, würde ich statt die hier ihre anraten: so bleibt die Person trotz allem erhalten. zurück
Wen eine Einzahl und eine Mehrzahl mit 1 Verb verknüpft werden sollen, macht das immer Verständnisprobleme; hier ist die Lösung einfach: Aus Wände wird Wand – und schon funktioniert der Satz (abgesehen davon, dass es realistischer ist.)! zurück
Ab hier fällt die Erzählung auseinander: Dass er sich vor seinen Schwestern versteckt, ist nachvollziehbar, aber dass er sich selber sagt, er sei cool – das nehme ich ihm nicht ab! Solche Dinge sagen Kinder nur zu anderen als Abwehr und Schutz, nicht zu sich selbst… zurück
Dass er nachts immer an Mutter und Schwestern denkt, überrascht: er denkt doch laut Textvorlage an alles Mögliche, und die Schwester kommen in seinen ersten Gedanken (s.o.) überhaupt nicht vor. zurück
Warum er Schießen übt, bleibt genau so unerklärlich wie die Rolle seiner Kumpels – es gibt keinerlei Hinweis, warum er jetzt kriminell werden sollte (damit begann ja die Geschichte): Nur weil er zu Hause rausgeschmissen wurde, er seinen Vater für ein Arschloch hält, sich vor seinen Schwestern versteckt und stundenlang vor sich hin wichst, statt die Ghettoschlampen zu benutzen, die ja wohl immer noch da sind und allzeit bereit?
Da bleibt nur eines: rigoros streichen, und zwar bis zum Schluss. Folgendes vermag ich noch zu retten:
Sie waren zu klein, um zu verstehen. Er war ein großer Junge, er brauchte keinen Menschen. Nachts kaute er manchmal auf seiner Unterlippe und starrte an die Decke. Aber er heulte nicht.
Da das Kriminell-Werden keinen Bezug zur Erzählung hat, sollte es am Anfang gestrichen werden, genau wie der ungeklärte Spitznamen Atemlos. Der erste Satz könnte lauten:
Er hasste den Kellerverschlag – oder wenn es unbedingt einer erläuternden Situationsbeschreibung bedarf: Vor Kurzen war er in den Kellerverschlag gezogen. So würden keine Erwartungen geweckt, die der Text nicht erfüllen will und kann. zurück
Textkritik: Fango – Prosa
Was hab ich Angst,
(das steh ich durch)
morgen
jedenfalls
O Gott,
Was hab ich Angst
»Wohin?«, ich kurble sporadisch am Fenster, das ist nämlich kaputt. Das durchnässte Fräulein lässt sich auf den Sitz plumpsen und sagt garnix.
Zwei schreckliche Stunden später habe ich ihr immer noch keinen Laut entlockt. Sie sitzt einfach da, raucht und dreht ab und an am Radio, das den Regen übertönen soll. Ich bin ziemlich irritiert.
Als ich noch per Anhalter unterwegs war, denke ich, kam ich aus dem Erzählen gar nicht mehr heraus, wir haben ja auch viel erlebt, damals. Außerdem war mir das störrische Autobahnschweigen immer schrecklich peinlich.
Mich wurmt es ein wenig, dass sie ohne zu fragen mein Auto voll qualmt, ich habe nämlich erst vorgestern aufgehört – wegen Gabi. Aber ansprechen tu ich sie nicht. Ich kann auch stur sein.
Jetzt sagt sie endlich was, ich merke das vorher, weil sie plötzlich laut und scharf einatmet, und schiele neugierig zu ihr herüber.
Ihr Mund formt sich langsam und verkrampft zu einem O, dann zu einem breiten E, dann purzeln brüchig ein paar spastische Laute aus ihr heraus, ungefähr so: »Bwärgnnck?«
Es hört sich ganz eindeutig nach einer wohlgewogenen Frage an, ich zucke aber trotzdem zusammen, weil es so krächzig klingt.
»W…Wie bitte?« Ich spüre meine Gesichtsmuskeln entgleiten. Sie dreht sich sichtlich erleichtert wieder nach vorn und starrt weiter auf die vorüberfliegende Tristesse.
»Ich glaube, ich habe Sie gerade akustisch nicht verstanden…«
Sie drückt schweigend ihre Kippe aus.
»Ähm, ich weiß immer noch nicht… Also ich fahre jetzt hier die nächste ab, ist das für Sie … für dich okay?«
» … … …«
Ich habe mir ganz offensichtlich eine Verrückte aufgehalst. Sie ist mager und struppig und sie riecht ein ganz kleines bisschen sauer, nach dem Regen in ihren Kleidern. An der nächsten Raststätte ist sie draußen, denke ich mir und drücke unwillkürlich etwas fester aufs Gas. Nach fünf Minuten ohrenbetäubender Stille wird es mir dann zu bunt. Sie könnte ja auch taubstumm sein.
»Hast du mir vielleicht auch ’ne Zigarette?« teste ich. Erst reagiert sie nicht. Dann greift sie hastig in die Tasche ihrer Lederjacke, holt ein zerknittertes Päckchen Tabak heraus, drückt prophylaktisch auf den Anzünder und dreht mir eine ziemlich dicke, schrumpelige Zigarette, die sie mir ohne einen Blick überreicht.
Aha. Jetzt muss ich sie aber auch rauchen. Ich bin beinahe froh über den originellen Vorwand, bei den ersten Zügen wird mir trotzdem schwindelig, ein schönes Gefühl, obwohl der Tabak kratzig und alt schmeckt.
Das nächste blaue Schild kündigt den RASTHOF NECKARBURG an. Das Ende einer Zufallsbegegnung naht, ich habe das Rauchen wieder angefangen.
Dann piepen dumpf die Anfangstöne der Toccata in d-Moll aus ihrer Jacke. Sie zuckt zusammen, rührt sich aber nicht vom Fleck. Ich drehe das Radio ab. Mein Handy hat das gleiche Klingeln gehabt. Endlich greift sie in die Tasche, kramt hektisch nach dem Handy und hält es sich dann ohne ein Wort ans Ohr. Ein paar Sekunden lang ist es sehr still im Auto. Dann piept es noch mal, als sie die rote Taste drückt. Stille.
Ich nehme entschlossen die Ausfahrt zum Rasthof.
Als sie aussteigt, will ich ihr noch ein »Komm gut weiter« oder so etwas Ähnliches mit auf ihren stummen Weg geben, da drückt sie mir ein Stückchen Papier in die Hand. Sie schaut mich nicht noch mal an, dreht sich einfach um und läuft los. Langsam und bedächtig und immer noch tropfnass. Ich schaue ihr fasziniert hinterher, bevor mich die Neugier packt und ich lieber sehen will, was auf dem Zettel steht.
Er ist leer.
Zusammenfassende Bewertung
Das ist eine ganz nette Erlebnisschilderung, und als Leser könnte man sich durchaus Gedanken über das tropfnasse Fräulein machen, wenn einen der Ich-Erzähler an seinen teilhaben ließe; der macht jedoch unfreiwillig einen ziemlich verwirrten Eindruck, seine Verhaltensweisen kann ich kaum nachvollziehen.
Ganz doll rätselhaft: Motto und Titel!
Motto: Wer soll da Angst haben? Wer soll etwas durchstehen, der Fahrer hat es schließlich durchgestanden, das Fräulein ebenfalls? Den Text durchzustehen ist nicht schwer, er liest sich stellenweise recht flüssig und würde sich noch viel flüssiger lesen, wäre er nicht in so viele Miniabsätzchen zerfetzt worden; Angst macht der Text auch keine, mich macht er eher schmunzeln angesichts der Trotteligkeit des Protagonisten – Kurzum: als Motto könnte da auch eine Händi-Bedienungsanleitung stehen.
Titel: Fango ist ein abgelagerter Mineralschlamm, dem Paraffine und Stabilisatoren zugesetzt sind. Die feste, kalte Masse wird in speziellen Öfen auf ca. 60-70 oC erhitzt. Zur Therapie wird diese Masse auf eine Plastikfolie ca. 2cm dick ausgegossen und dann, auf ca. 50 oC abgekühlt, angelegt. Das Material wird dem Körperrelief entsprechend gut angepasst und bleibt zwischen 20-30 Minuten am Körper des Patienten. Die Eindringtiefe dieses Wärmetherapieverfahrens liegt bei etwa 2-3 cm, es kann aber angenommen werden, dass über reflektorische Vorgänge auch tiefer im Körper eine Wirkung erzeugt wird.
Fango-Packungen eignen sich zur Behandlung von großen bis mittelgroßen Flächen am Körper, die Temperaturerhöhungen im Gewebe führen (zu) einer Durchblutungssteigerung und Stoffwechselanregung, Muskelverspannungen werden gelöst und Schmerzen gelindert. (Da kommt das her)
Dass der Text all dies nicht leistet, ist zweifellos! Soll die Überschrift ironisch gemeint sein, müsste sie dennoch einen Bezug zum Text haben; Fango hat keinen, aber Fangio hätte einen, denn der war Rennfahrer, und auch der Protagonist gibt Gas. Was wollen Motto & Überschrift? Wer klärt auf?
Die Kritik im Einzelnen
Wenn der Fahrer weiß, dass das Seitenfenster kaputt ist, braucht er auch nicht zu kurbeln, es sei denn, er glaubt an die göttliche Selbstreparatur; dass jemand sporadisch kurbelt, also gelegentlich, kann ich mir nur während eines längeren Zeitraumes vorstellen, und soo langsam wird unser Held »Wohin« nicht artikuliert haben! Stünde da sinnlos anstelle von sporadisch, so könnte das durchaus einer Charakterisierung des Protagonisten dienen. zurück
Ich hielte es für angebracht, zumindest die Seitentür einen Spalt zu öffnen, wenn schon das Fenster nicht zu öffnen war, durch welches das Fräulein sowohl die Frage hätte verstehen als auch das Fahrzeug betreten können! zurück
War es erst im Nachhinein schrecklich, dass er ihr keinen Laut entlockt hat? Waren bereits die Lockversuche schrecklich (oder nur ergebnislos)? Welche Versuche gibt es denn? Ich würde das Hohlwort schrecklich streichen, denn das Resultat der ungenannten Lockversuche ist schließlich Irritation (wenn man dem Ich-Erzähler vertrauen will) (s.u.). zurück
Nassfräulein sitzt nicht einfach da, sondern sie raucht und dreht sporadisch (kennen wir, kennen wir) am Radio; also weg mit einfach. zurück
Auch denke ich muss radikal getilgt werden: zum Einen ist es missverständlich, denn es könnte bedeuten, dass er sich das halt so denkt, obwohl es realiter ganz anders war; zum Anderen wird durch den einleitenden Nebensatz deutlich genug, dass jetzt Erinnerungen folgen, der irritierte Fahrer also denkt. Warum muss das besonders betont werden? Denkt er in der Regel nicht, wie z.B. beim sporadischen Fensterkurbeln? zurück
Was den Kerle wurmt, wird sofort gesagt: auf das Pseudosubjekt es kann also getrost verzichtet werden.
Am Ende dieses Abschnittchens: Worauf bezieht sich auch in der Kombination Ich kann auch stur sein? Wird hier dem Fräulein Sturheit unterstellt? Oder betont der Protagonist, dass er nach 2 Stunden vergeblicher Kommunikationsversuche auch einmal still sein kann – stur also im Sinne von trotzig bzw. Maul-Halten? Das möge der Ich-Erzähler präzisieren. zurück
Wann krampft der Mund: nur beim O oder noch beim E? Was löste den Krampf? Ist die Langsamkeit des Formens bedingt durch das Krampfen oder verursacht die allzu langsame O-Formung den Mundkrampf? Ist verkrampft gar nicht gemeint, sondern eher eine Art Mundgymnastik? Raus mit verkrampft! Die Beschreibung ist doch ohne Krampf plastisch genug! zurück
Fragen werden nicht gewogen, sondern erwogen; sie werden daraufhin geprüft, ob sie sinnvoll sind: wenn ja, sind sie wohlerwogen. zurück
Genauer: was spürt er denn? Spürt er, wie seine Gesichtsmuskeln entgleiten, oder spürt er lediglich, dass sie entgleiten? Hier ist zu meiner Überraschung einmal keine Kürzung nötig, sondern eine Erweiterung – zu meiner Erleichterung allerdings nur eine kurze. zurück
Warum ist die Stille erst jetzt penetrant? Was bringt das Fass zum Überschwappen? Sind es gar nicht diese 5 Minuten, sondern die weiteren 5 Minuten? Dann sollte es da stehen (Schröcklich: noch eine Erweiterung!). zurück
Weia: dem Fahrer wird es zu bunt – und als Folge davon brüllt er nicht oder springt aus dem fahrenden Auto oder frisst die überflüssige Fensterkurbel: nein, er fängt endlich an zu denken und stellt sich eine ganz vernünftige Frage.
Diese Frage finde ich höchst angemessen, die Verknüpfung zum Zu-bunt-Werden völlig abwegig. zurück
Auch dieser Satz muss irgendeinen Sinn haben! Mag unser Fahrer vielleicht das Händigedudel? Schließlich hatte er sich und zufällige Opfer mit dem gleichen Klingelkitschlärm belästigt! Kriegt er wehmütige Erinnerungen an Mein-erstes-Händi? Will er feststellen, ob Madame Beifahrerin richtig sprechen kann? Will er gar hören, was gesprochen wird oder wer spricht? Ist es Fürsorge, denkt er z.B., sie habe das sporadische Drehen an Radioknöpfen verlernt? Will er nicht, dass sie sein Radio nochmals anfasst? Irgendeinen Hauch von Sinn muss dieser Satz doch haben – aber welchen? zurück
Ha! Eben noch reine Vermutung, jetzt der Beweis: er hält dieses Händigedudel selbst nicht aus, denn er ist froh (endlich), als das Fräulein hektisch nach ihrem Penetranzriegel sucht! Warum aber in Dreinokias Namen hat er dann das Radio abgedreht statt auf volle Pulle? Verzweiflung könnte einen packen, wenn man so etwas geschrieben hätte! zurück
Der Text ist voll von umgangssprachlichen Wendungen und Verkürzungen, das ist Stilmittel und einem solchen Text durchaus angemessen; bei regionalen Ausdrücken wird es schwieriger: es regnet (nehme ich an, zumindest hat es offiziell nie aufgehört), Madame steigt aus, dreht sich um und läuft los. Da dachte ich an ein ziemliches Tempo, musste mich aber belehren lassen, dass sie keineswegs läuft, sondern geht: nämlich langsam und bedächtig. zurück
Dem Fräulein sei Dank! zurück
Textkritik: Deutsches Wesen – Ein Sonett – Lyrik
In einem einz’gen klaren Worte
gar nicht leicht es ist zu sagen
was des Dichters Herz bewegt
Jedoch findet er’s im rechten Porte
Aufrecht und gerade sein
sich nicht leicht beugen lassen
Achtend eig’ne Stände, Herrscher, Klassen
Das ist er wohl – des Deutschen Hain
Drängt sein Sinn auch oft zum Kriege
schlägt ungestüm sein Puls im fremden Land
Der Sieg ist meist in Gegner’s Wiege
Reisst die Schlacht bald tiefe Wunden
Der Deutsche, – er verbindet sie
Auch kann er sich des Raubs nicht wehren
Der Werke seiner Genien höchsten Stunden.
Zusammenfassende Bewertung
Mein erster Verdacht: Der Schwachsinn in diesem Gedicht ist durchaus gewollt, er hat nachgeradezu Methode! Die Verstümmelung der deutschen Sprache, die Verletzung grammatischer Regeln und die Vernachlässigung selbst oberallereinfachster Zeichensetzungsregeln wird vom Autor einem Dichter angelastet, der offenbar in Ermangelung eines eigenen Gehirns im rechten Sumpf (Port) trübfischt und nur sinnlos-deutschtümelnden Blödsinn zusammenfaselt. Damit will der Autor die Nazis als einen Haufen radebrechender Deppen und arschkriechender Obertrottel brandmarken, um sie dem Gelächter preiszugeben.
Bedauerlicherweise ist dieser Verdacht eine Unterstellung: Damit würden Fähigkeiten unterstellt, die der Autor nicht besitzt. So bedaure ich zutiefst, keine Minusbrillen verpassen zu können: Die Unbeholfenheit, auch nur einen einzigen richtigen Satz auf die Reihe zu bekommen, gepaart mit diesem Sendungsbewusstsein, hat schon etwas Tragikomisches. Fazit:
Oberpeinlich!
Die Kritik im Einzelnen
Was folgt, ist kein Sonett: weder sind die beiden Quartette metrisch und reimmäßig identisch gebaut (a-b-b-a), noch geben sie eine Situation wieder, die dann in den beiden Terzetten (es gibt überhaupt keine zwei »Dreizeiler«) reflektiert wird. es ist halt ein weiter Weg zu der Genien höchster Stunden, dafür klingt Sonett aber hübsch einschüchternd gebüldet … zurück
Kennen wir: deswegen dichten Dichter ja auch, weil sie Was-auch-immer-es-Ist nicht in 1 Wort sagen können – es ist nicht nur gar nicht leicht, sondern schlechterdings unmöglich (meistens jedenfalls); doch welcher Dichter ist hier gemeint? Der homo poeticus per se und an und für sich, oder spricht der Dichter dieses Nicht-Sonetts (nicht der Autor!) über seine höchsteigenen Schwierigkeiten zu sagen KOMMA was sein Herz bewegt? zurück
Das ist ja der Hammer: Da gibt es tatsächlich eine Quelle in einem rechten Port PUNKT, aus der zumindest 1 Dichter schöpfen kann, wenn er nicht weiß, was sein Herz bewegt! Was aber ist ein rechter Port? Ist es ein richtiger Hafen (=Heimstätte für Schiffer) im Gegensatz zu den falschen, die sich zu Hauf an Meeresküsten und Fluss- sowie Seeufern tummeln? Ist es ein rechter Hafen im Gegensatz zu einem linken, einem oberen oder einem unteren? Ein Flughafen? Eine politische Heimstätte Rechter, die nicht wissen, was ihr Herz (oder was sie dafür halten) bewegt, und deshalb auf vorgefertigte und für 1000 Jahre konservierte dort eingebunkerte Herz- und Gemütsbeweger zurückgreifen?
Was ein Glück, dass die meisten Dichter (und andere Menschen) es nicht nötig haben, in einem Wort zu sagen, was sie bewegt! Die brauchen folglich auch keinen rechten Port. zurück
Nanana, jetzt wird aber gemogelt: das einz’ge klare Wort will unser Dichter in dem Porte gefunden haben – und was bietet er uns hier frech an? Eine ganze Zeile voll, vier einz’ge Wörter auf einem Haufen (wobei das KOMMA am Ende schamhaft unterschlagen wird – aber die deutsche Sprache war noch nie die Stärke der Lagerverwalter im rechten Port)! Und dann diese überraschende Kombination: aufrecht und gerade!!! Aufrecht UND gerade, statt z.B. dem üblichen gebeugt und ungerade oder aufrecht und kriechend (aufrecht krochen sie in des Führers Arsch) – was für prachtvolle Fundstücke aus dem rechten Port werden da der staunenden Leserschaft präsentiert! zurück
Ich werde im Folgenden nur noch einen Link pro Abschnitt setzen, sonst wird mir das zu aufwändig und unübersichtlich! Also weiter geht’s nach dem fehlenden Komma:
sich nicht leicht beugen lassen KOMMA: will sagen: will sich eigentlich schon beugen lassen, aber nicht sofort und von jedem, sondern erst nach etwas stärkerem Druck, dann aber bereitwillig; oder will dieses unsägliche Weiterführung des Dichterherzbewegenden einz’gen Wortes sagen: ich krieche bereits (siehe: aufrecht krochen…), da kannst du mich nicht mehr leicht beugen – Ätsche-ätsche-bätsche? Das leuchtete mir auf Anhieb ein!
Achtend eig’ne Stände, Herrscher, Klassen BEISTRICH oder STRICHPUNKT oder DOPPELPUNKT oder GEDANKENSTRICH – halt,nein: der nicht, der würde falsche Tatsachen vorspiegeln!
Das einz’ge Wort nimmt von Zeile zu Zeile gewaltig an Umfang zu: irgendwann wird es wohl platzen müssen! Achtend eig’ne Ständer – oh pardon: Stände! Lang ists her: die gibt es heute nur noch als andere Um-, widrige Um- sowie Zu- und Aufstände. Der Aufruf, die eig’nen Herrscher zu achten, würde vor allem unseren Politikern gefallen und bewegt wohl kaum eines Dichters Herz. Und Lehrer achten laut Volksmund ihre Klassen schon lange nicht mehr, sondern spielen lieber Tennis. Aber wissen will ich, wer eigentlich derjenige ist, der all das achtet – das einz’ge Wort kann es schon lange nicht mehr sein, das hat viel zu viel Gesellschaft unter seinesgleichen! Aber wer dann?
Das ist er wohl – des Deutschen Hain PUNKT: Huch – was ist den jetzt geschehen? Aufgebrochen war unser ratloser Dichter, in einem Bunker des rechten Ports das einz’ge klare Wort zu finden, doch fand er nur ein ganzes Bündel (fascies) Leergedroschenes – und jetzt entdeckt er einen ganzen Hain, worüber er prompt seine eigentliche Aufgabe vergisst (zur Erinnerung: das einz’ge klare Wort zu finden); dieser Hain muss beim gegenwärtigen Waldsterben (oho: das ist noch lange nicht ausgestanden!) komplett getürkt sein, ein Kunstheiligtum à la Kunsthonig. Warum gesteht unser Dichter nicht einfach ein, dass er im rechten Port nichts gefunden hat? Oder treibt den Dichter eine ganz andere, eine geradezu teuflische Absicht? Ich habe da eine fürchterliche Ahndung! Unser in der ersten Strophe erwähnte Dichter (nicht der Autor!) verliert jedenfalls – das gilt es festzuhalten! – vollständig Verstand und Faden und irrt in einem Plastikwäldchen herum. Doch, das hat was: mein Verdicht verdachtet sich! zurück
Der erste Beweis: Drängt sein Sinn auch oft zum Kriege KOMMA: Hier wird behauptet, des Deutschen Hain (von dem zuletzt geredet wurde) will Krieg führen, sein (des Plastik-Hains) Sinn dränge dazu – das verschlägt mir glatt die Sprache, ich gebe zu: dieser Wendung bin ich nicht gewachsen! Mein Kompliment … Aber es ist der unzweifelhaft eindeutige Beweis Nr. 1, dass unser Rollen-Dichter jeden Faden und Verstand verloren hat!
Der zweite Beweis: schlägt ungestüm sein Puls im fremden Land KOMMA: Wenn des Hains Sinn zum Krieg drängt, erscheint es mir nur logisch, dass der Hain im fremden Land (kennt der sich in der Heimat, der Heimat, da gibt’s ein Wiedersehn fallerera nicht mehr ein noch aus? Ist ein getürkter Hain vielleicht von Geburt an prinzipiell heimatlos? Ist der Hain seiner selbst nicht mehr Herr und Meister? Wer weiß das schon, und wer will das eigentlich wissen? Ich jedenfalls nicht!), dass der Hain also im fremden Land als eigentlich Handelnder in einem verzweifelten letzten Aufbäumen ungestüm seinen Puls schlägt, damit er (der Hain) wieder zu Besinnung kommt – was leider nichts nützen wird, schließlich ist der Sinn am drängeln, Krieg will er haben, der Hainsinn. Soweit zum zweideutigen Beweis Nr. 2, dass unsere Dichter-Rolle jede Faser von Verstand verloren hat!
Der dritte Beweis: Der Sieg ist meist in Gegner’s Wiege PUNKT: Sprachlich ist der bereits erfolgreiche Sieg der Gegner über das deutsche Rechtschreib wunderschön durch das englische Genitiv-Apostrop-s belegt! Und traraurig (Nanu? Verweigert Word jetzt seinen Dienst? Schließlich habe ich dieses Wort eben gerade in meinem Überschwang erschaffen, und Word behauptet, das sei ganz in Ordnung so … oder streckt Word freiwillig die Waffen angesichts des geballten Unsinns?) Nochmals: Und traraurig traraurig: der Deutsche Hein hat keine Chance trotz allen Sinngedrängels: Die Gegner sind im Prinzip die geborenen Gewinner, der Deutsche Hein eine Fälschung! Soweit der drittrangige Beweis, dass die Dichterrolle irgendwo eine Unwucht hat! zurück
Sammelbeweise 4 bis 7: Zunächst einmal reisst (statt richtig: reißt) die Schlacht tiefe Wunden: Es kämpfen jetzt also nicht nur der Loser Deutscher Heinz und der Winner Gegner’s-Wiege, sondern auch noch die Schlacht, und Letztere reißt in irgendwen oder -was tiefe Wunden, die alsdann der Deutsche verbindet, der wohl gerne überall mitmischt – immerhin ist er zur Stelle. Doch hat der Deutsche noch eine Aufgabe: er soll sich des Raubs wehren. Das macht grammatisch keinen Sinn, soll es auch nicht, denn in diesem Gedicht wird…
Einen klitzekleinen Moment noch: Also wer raubt da? Richtig: Während die Schlacht in den Deutschen Heinz und die siegreiche Gegner’s-Wiege tieftriefende Wunden reißt,die der Deutsche flugs verbindet, rauben die Werke die höchsten Stunden seiner (des Deutschen) Genien. Alles klar? Ja? Dann bitte ich um Auf- und Erklärung! zurück
Textkritik: Ein Licht – Prosa
»Ich glaub‘, ich seh‘ Licht!«
»Licht?«
»Ja! Da hinten!«
»Mädchen, das ist dein Hals, wo du da reinschaust. Kein Tunnel!«
»Aber irgendwo muss doch Licht sein.«
»Na ja, vielleicht ganz weit hinten. Aber das kann man nicht sehen.«
»Wozu ist da ein Licht, wenn man es nicht sehen kann?«
»Putz dir die Zähne! Und sei vorsichtig mit der Spange.«
»Wozu braucht man ein Licht, wenn man es nicht sehen kann?«
»Da ist doch gar keiner drin bei dir, der ein Licht sehen müsste.«
»Ist das ein Licht wie in den Weihnachtsliedern?«
»Mehr wie das von Rif Raf!«
»Wer ist Rif Raf?«
»Rocky Horror Picture Show. Ein Film. Da verirren sich zwei im Wald, und dann sehen sie ein Licht. Rif Raf singt dazu. Aber hinter dem Licht verbirgt sich etwas, das die beiden gar nicht wollten. Das Licht führt sie in eine Falle, eine Art Hexenhäuschen. Und hinterher finden sie es dann doch ganz toll. Darf ich mich jetzt in Ruhe rasieren?«
»Warum hast du Mami gestern so einen hässlichen Blumenstrauß zu Weihnachten geschenkt?«
»Hässliche Blumensträuße sind viel schwerer als schöne.«
»Warum?«
»Na, die Frau im Blumenladen kennt doch Mamis Geschmack. Die hat ganz schön gekuckt, als ich einen möglichst hässlichen wollte. Die hat gejammert und geschimpft, aber ich habe mich durchgesetzt. Fast hätte sie Mami angerufen und gefragt, ob sie das wirklich machen dürfe. Stell dir vor: Die wollte Mami anrufen um zu fragen, ob ich einen hässlichen Blumenstrauß als Weihnachtsgeschenk kaufen dürfe! Jedes andere Geschenk ist einfacher.«
»Warum wolltest du unbedingt einen hässlichen?«
»Damit Mami auch wirklich merkt, dass er von mir ist.«
»Weil er so hässlich ist?«
»Der fällt halt auf. Mami geht jetzt ein paar Tage daran vorbei, und jedes Mal schüttelt sie sich, und dann schimpft sie und denkt an mich. Das ist doch schön, oder?«
»Ist das auch wie ein Licht?«
»Vielleicht. Ein ganz großes. Ein richtiges Flutlicht, damit sie an mich denkt.«
»Wie viele Lichter gibt es denn?«
»Sechsundzwanzig.«
»Nee! Mal ehrlich!«
»Woher soll ich das wissen? Das hat immer was mit Suchen und Finden zu tun.«
»Und warum gibt es zu Weihnachten immer so viele Lichter?«
»Weil es dunkel ist. Jetzt hätt‘ ich mich fast geschnitten! Wenn Weihnachten im Sommer wäre, würden wir Fliegenfänger an den Baum hängen! Dann hätten zumindest die Fliegen ihr Licht!«
»Also muss es dunkel sein?«
»Ja, sonst braucht man kein Licht. Was riecht denn hier so verbrannt?«
»Die Mami ist im Garten und verbrennt deinen Blumenstrauß«
»Sie tut was?«
»Hat sie vorhin gesagt. Sie verbrennt deinen Blumenstrauß.«
»Warum?«
»Vielleicht sollst du ihn suchen?«
»Dann gibt es heute wohl kein Frühstück! Gib mir mal das Rasierwasser rüber.«
Zusammenfassende Bewertung
Das könnte ein durchgängig leichter und humorvoller Dialog sein, wäre er nicht so beschwert durch die überflüssigerweise knüppeldick draufgepackte vielfältige Licht-Metaphorisiererei.
Ein Weihnachtslied-Zitat, das des Mädchens Verhalten und Fragen rechtfertigt, und einige Kürzungen würden dem Text sehr gut tun – ein Leser dürfte sich dann seine eigenen Gedanken machen!
Die Kritik im Einzelnen
Ein Mädchen steht vor dem Spiegel, sperrt den Mund auf schaut in seinen Mädchenrachen und erwartet Licht: das ist zunächst einmal überraschend und spannend, und ich denke dabei an das magische Kinderzeit – so zwischen dem 3. und 5. Lebensjahr -, wo sich solcherlei Überraschendes häufig ereignet. zurück
Ging ich bislang von einem sehr jungen Mädchen aus (wozu auch die vorausgegangene Frage nach dem Sinn des Lichtes passt), so bin ich jetzt doch einigermaßen überrascht: gibt es tatsächlich schon Spangen für Milchgebisse? Ich dachte immer, die würden den 12-14-Jährigen in Serie verpasst, wenn der Kopf ziemlich ausgewachsen ist (oder was auch immer der Grund sein mag: zwar weiß ich viel, doch möcht‘ ‚ch nicht alles wissen). Diese Spange irritiert mich heftigst: ließe sich die nicht streichen? zurück
Auch meine Kenntnis von Weihnachtsliedern ist eher beschränkt: Wie lichtlastig (Word rät an lichtlästig bzw. lichtlistig) sind die? In den 10 wohl bekanntesten Liedern kommt Licht nur in dreien vor, z.B. in dem mir völlig unbekannten – was nix heißen will – »Fröhlich soll mein Herze springen«, wo es heißt »schaut den Stern, der euch gern Licht und Labsal gönnet« (was wohl kein Grund ist, in seinen Hals zu schauen) oder in »Fröhliche Weihnacht überall!«, wo das Licht gleich mehrfach leuchtet, nämlich in »denn es kommt das Licht der Welt« sowie doppelt in »Licht auf dunklem Wege, unser Licht bist du« (was wohl beides keinen Bezug zur Speiseröhre hat) und schließlich in »Ich steh‘ an deiner Krippe hier«, da lautet es geballt: »die Sonne, die mir zugebracht / Licht, Leben, Freud‘ und Wonne. / O Sonne, die das werte Licht / des Glaubens in mir zugericht’« – hier allerdings gesteh ich gerne zu, dass Kinder bei »das werte Licht des Glaubens in mir zugericht’« sehr wohl auf die Idee verfallen könnten, in sich nach eben diesem Licht zu forschen! zurück
Eine sehr überraschende Wendung: erst sucht das Mädchen nach einer inneren Beleuchtung, jetzt verknüpft es »Licht« mit »an jemanden denken«, obwohl der vorausgegangene Dialog diesen Schluss nicht zulässt: ich finde keinen Zusammenhang zwischen den Erläuterungen zu Rif Raf und dem hässlichen Weihnachtsstrauß, schließlich war das Licht in der Rocky Horror Picture Show nicht hässlich, sondern allenfalls das, was sich dahinter verbarg (mit allem Vorbehalt). Wieso kommt also das Mädchen auf diese verblüffend-merkwürdige Weiterführung? Nicht alles lässt sich mit »Kindermund« begründen!
Ich empfehle hier folgende Veränderung:
»Der fällt halt auf. Mami geht jetzt ein paar Tage daran vorbei, und jedes Mal schüttelt sie sich, und dann schimpft sie und denkt an mich. Das ist wie ein richtiges Flutlicht, damit sie an mich denkt.«
»Wie viele Lichter gibt es denn?«
Nicht mehr das Mädchen zieht diese seltsame Schlussfolgerung, sondern der Vater führt auf das Thema zurück, indem er einen neuen Begriff einführt, der das Mädchen ins Grübeln bringt. zurück
Oha: Das Lebenslicht erlischt und Gottes Licht leuchtet den Fliegen, wenn sie sich zu Tode gezappelt haben? Warum erhebt sich der Vater so zynisch über das Kind, das wissen will, aber auf diese Weise nie verstehen wird? Es geht folgerichtig auch nicht darauf ein. Es stünde dem Vater besser an, auf diesen Satz zu verzichten: er will so gar nicht passen zu dem bisherigen Versuch, seiner Tochter was zu erklären. zurück
Textkritik: die hände – Lyrik
langsam
entfalte ich meine hände
vom sturz
lass sie blühen
übrigens
ich brauche sie
damit ich das gesicht in etwas
einwickeln kann
wenn es mir zum weinen kommt
Zusammenfassende Bewertung
Ein ruhiges, melancholisches, zurückgezogenes Gedicht.
Und ein sehr einsames: denn wer wird das eingewickelte Gesicht auspacken und das Geschenk sehen: jemanden, der weint, nach einem Sturz? Aber die ersten beiden Zeilen des dritten Abschnittes müssen in den Reißwolf; sie verletzen die behutsame Balance, das Gedicht droht abzustürzen!
Die Kritik im Einzelnen
Ein gelungenes Bild: vor mir sehe ich einen gestürzten Menschen (wobei es keine Rolle spielt, ob innerlich oder äußerlich gestürzt oder beides); der rappelt sich zunächst nicht auf, sondern der bewegt die Hände, die (logischerweise) mit abgestürzt sind; hier jedoch wird das besonders betont durch die zunächst irritierende Zusammensetzung: ich entfalte meine Hände vom Sturz.
Das kann auch bedeuten, dass lediglich die Hände abgestürzt waren; als Bild würde ich das so deuten, dass die Hände ihre Funktion(en) nicht mehr ausüben konnten: das lyrische Ich hatte sich selbst nicht mehr gespürt. zurück
In der Fortführung des Bildes (ich entfalte meine Hände) lässt das lyrische Ich jetzt die Hände blühen; damit wird den Händen eine gewisse Selbstständigkeit zugewiesen: sie werden freigegeben, damit sie (von sich aus) blühen können; das gilt aber nur, wenn lassen hier als zulassen verstanden wird!
Verstehe ich lassen aber im Sinne von veranlassen, bleibt das lyrische Ich die bestimmende Person, die das »Heft in der Hand hat« (was in diesem Zusammenhang ein sehr schräges Sprach-Bild ist.); das passte nach meinem Dafürhalten besser zum ich entfalte des ersten Abschnittes. zurück
In dieser Strophe wird der ruhige Ton verlassen und die Bildebene: das lyrische Ich wendet sich an einen Leser, dem es völlig überflüssigerweise etwas erklären will; damit gerät dieses Gedicht unverdienterweise in die gefährliche Nähe der moralisierenden Auf- und Erbauungsergüsse, die jeder Mensch, der ein Stift halten kann und seine 7 Zwetschgen beieinander hat, in Serie aus Ärmeln schütteln könnte (und viele haben nichts Besseres zu tun).
Soll doch der Leser sich seine Gedanken machen, getreu dem Beuys’schen Motto: Wer nicht denken will, fliegt raus! Der Leser merkt schon selbst, wenn er denn nachdenkt, worum es geht. Dieses geschwätzige übrigens / ich brauche sie tut mir geradezu körperlich weh! Ich empfehle dringend, diese beiden Zeilen ersatzlos zu streichen! Der Vorteil wäre ein mehrfacher:
Zunächst wäre die Form deutlicher: 3 Zeilen, 1 Zeile, 3 Zeilen; dadurch würde die Doppeldeutigkeit von lassen verstärkt; dann würde die Kette entfalten – blühen lassen – damit ich einwickeln kann nicht völlig unnötigerweise unterbrochen, die Bildebene bliebe unmittelbar erhalten; so wäre auch gewährleistet, dass ein Leser eher über den Inhalt nachdenkt als darüber, warum das lyrische Ich das braucht! Reicht die Vorstellung denn nicht aus, wie angenehm und zärtlich eine Berührung durch Hände sein muss, die Blüten gleichgesetzt werden? Das trauernde Gesicht, eingehüllt in Blütenblätter als Trost und Schutz, denn eingewickelt ist es für andere nicht mehr kenntlich?
Mir reicht das aus: also weg mit diesen beiden Zeilen, weg mit übrigens, ich brauche sie!

