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Textkritik: Ein großer Junge – Prosa

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Irgendwann wurde Atemlos kriminell. Das war kurze Zeit, nachdem er in den Kellerverschlag gezogen war. Über ihm türmten sich 28 Stockwerke grauer Plattenbau, unter ihm lag, soviel er wusste, nur noch der Mittelpunkt der Erde aus kochender Lava und anderem Geschleime. Manchmal dachte er nach. Dann lag er auf dem Rücken auf der alten Matratze und starrte an die rissige, von Ruß geschwärzte Betondecke über seinem Körper. Meistens kaute er dabei auf einem Streichholz, weil er dann besser denken konnte, oder auf seiner Unterlippe, wenn er kein Streichholz zur Hand hatte, oder auf einer geschnorrten Kippe, obwohl er Nichtraucher war.
Er dachte an alles Mögliche: Daran, wie Scheiße er diesen stinkenden Keller fand, daran, was für ein Arschloch sein Vater, der alte Penner war, ihn einfach vor die Tür zu setzen – er war doch erst vierzehn – Alter, was für ein Drecksack, er dachte auch an seine Mutter, die ihm nachgelaufen war, die geweint und die Hände gerungen hatte. Er hatte nicht einmal zurück geschaut, hatte sie einfach stehen lassen, mit ihren Tränen, er konnte es nicht leiden, wenn sie anfing zu heulen, verdammt, sie wusste das ganz genau, und was konnte er schließlich dafür, er hatte nichts getan, oder jedenfalls fast nichts.
Eine von den Ghettoschlampen war schwanger, na und? Konnte doch von jedem sein, die ließen sich doch auf jeder Tischtennisplatte flachlegen, die ließen doch jeden ran. Dann dachte er an die geilen, fetten Titten, die wie Wackelpudding hin und her wippten, wenn er sie richtig stieß, und an die harten Brustwarzen, die er so lange gekniffen und gezogen hatte, bis sie schrie. Er dachte auch daran, wie leicht sie sich von hinten nehmen ließ, wie sie den geilen Arsch hochreckte und ihn mit beiden Händen für ihn aufhielt, damit er sie richtig tief ficken konnte. Dann hörte er auf zu denken und beschäftigte sich nur noch mit seinem steifen Schwanz, sah nur noch die Bilder, die ihn aufgeilten, sah noch mehr Schlampen, die sich ihm anboten, spritzte in Ärsche und offene Münder und heiße aufgequollene Fotzen, bis es ihm kam. Danach fing er von vorne an. Er konnte das stundenlang machen, wie im Rausch. Er konnte alles um sich vergessen, sogar das scheiß Rattenloch, in dem er lag, sogar die versiffte Matratze und die miefige Kälte, die sich jetzt im November tief in sein Knochenmark fraß.
Wenn er fertig war, war die Matratze noch ein Stück versiffter und die Wände noch ein Stück verschleimter, aber seine Hände waren warm und sein Kopf war leer und das war gut so. Manchmal machte er eine Dose Bier auf, oder zwei, er war kein großer Trinker, und dann ging er raus und traf die anderen Jungs. Er erzählte ihnen nichts von dem Keller, das war ihm peinlich, trotz allem. Manchmal sah er seine Schwestern von weitem, dann versteckte er sich schnell, damit sie nicht zu ihm gelaufen kamen und ihn irgend etwas fragten, was er nicht beantworten konnte. Sie waren zu klein, um zu verstehen. Er war total cool, hatte jede Menge Spaß mit den Jungs – und er überlebte allein, er brauchte keinen Menschen. Er war einfach nur total cool.
Wenn es dunkel war in seinem Keller, dachte er an die Mutter und die kleinen Schwestern, aber er fing nie an zu heulen, Männer heulen nicht. Er übte Schießen mit den Jungs, zuerst lieh er sich was, dann zog er los und besorgte sich was Eigenes. Jetzt war er schwer bewaffnet und gefährlich, jetzt war er wer, keiner konnte ihm Angst einjagen, keiner schüchterte ihn ein. Er war ein großer Junge. Nachts kaute er manchmal auf seiner Unterlippe und starrte an die Decke. Aber er heulte nicht.

© 2002 by Eva Flug. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Der Text hat nur 1 Problem: Er hat kein klares Ziel! Er schwankt zwischen einer Einsamkeits- und Verzweiflungsstudie (was ich für den starken Teil halte) und der Genese einer kriminellen Laufbahn (die außer in einer Absichtserklärung wenig Boden hat).
Deutlich wird: Eva Flug weiß etwas zu erzählen, und sie kann es auch. Im Schreiben steckt viel Handwerkliches – Schriftsteller fallen bekanntlich nicht vom Himmel, und wenn doch, dann sind sie tot.

Die Kritik im Einzelnen

Gibt das den beschränkten Geisteszustand von Atemlos wieder, dass er kochende Lava für etwas Schleimähnliches hält? Soll das einen Zusammenhang herstellen zu dem späteren Spermaschleim? Ich würde das einfach streichen, da es nichts deutlich macht! Auch den Mittelpunkt der Erde würde ich verschwinden lassen, denn das ist nur ein imaginärer Ort: kochende Lava unter der Matratze genügt vollauf! zurück
Lag er tatsächlich nur dann rücklings auf der Matratze, wenn er dachte? Oder war es nicht eher so, dass er manchmal auch nachdachte, wenn er rücklings auf der Matratze lag? Im letzteren Falle würde ich das auch so formulieren (s.u.) zurück
Eine Betondecke befindet sich normalerweise immer oben, wenn von einem Raum die Rede ist: wozu diese Betonung? Im Zusammenhang würde ich folgendermaßen verbessern:
. unter ihm gab es, soviel er wusste, nur noch kochende Lava. Wenn er mit dem Rücken auf der alten Matratze lag, dachte er manchmal nach. Dann starrte er an die rissige, von Ruß geschwärzte Betondecke; meistens. zurück
Umgangssprache hin, Jargon her: hier ist ein Adjektiv verlangt; also macht man aus Scheiße ein Adjektiv (also scheiße) oder nimmt ein richtiges, nicht minder umgangssprachliches: beschissen. zurück
Dem Vater werden vom Jungen drei Attribute zugeordnet: Arschloch, alter Penner, Drecksack; das ist weder eine Steigerung noch ein Gefälle (gefällt mir nicht: Klimax und Antiklimax klingt aber auch nicht viel besser), zumal sich der Junge selbst als Alter begreift und entsprechend anquatscht. Bescheidene Anfrage: reicht hier nicht ein einfaches Arschloch? Ich sehe nicht, was die beliebige Aneinanderreihung von Beschimpfungen leisten soll. zurück
Es heißt zu Beginn dieses Abschnittes, dass er an alles Mögliche dachte: warum dann die Mutter durch auch betonen? Streichen! zurück
Wenn er nicht zurückgeschaut hat – woher will er dann wissen, dass sie geweint und die Hände gerungen hat? Also muss er zurückgeschaut haben! Ärgerlich, dass diese Mutter über das Mütterklischee nicht hinauskommt: Händeringen und Weinen als elementare Lebensäußerung… Das hat der Text nicht verdient! zurück
Ist das ein heimliches Eingeständnis einer vielleicht doch irgendwie vorhandenen Teilschuld an der Situation? War Vater vielleicht doch kein richtiges Arschloch, sondern nur ein bisschen? Das weitere Verhalten des Jungen macht das unwahrscheinlich – also weg mit dem blinden Motiv!
Rückblickend auf den Abschnitt lässt sich sagen, dass der Junge hier gerade nicht an alles Mögliche dachte: er denkt zunächst vor allem an seine Eltern, also müsste es anders formuliert werden! Ich wage einen Verbesserungsvorschlag für den ganzen Abschnitt:
Er dachte z.B. daran, wie beschissen er diesen stinkenden Keller fand, daran, was für ein Arschloch sein Vater war, ihn einfach vor die Tür zu setzen – er war doch erst vierzehn, er dachte an seine Mutter, die ihm nachgelaufen war, er hatte sie einfach stehen lassen, er konnte es nicht leiden, wenn sie anfing zu heulen, verdammt, sie wusste das ganz genau, und schließlich hatte er nichts getan. zurück
Da der Junge hier offenbar Teile einer konkreten Ghettoschlampe plastisch erinnert und er wohl nicht direkt die Titten »gestoßen« hat, würde ich statt die hier ihre anraten: so bleibt die Person trotz allem erhalten. zurück
Wen eine Einzahl und eine Mehrzahl mit 1 Verb verknüpft werden sollen, macht das immer Verständnisprobleme; hier ist die Lösung einfach: Aus Wände wird Wand – und schon funktioniert der Satz (abgesehen davon, dass es realistischer ist.)! zurück
Ab hier fällt die Erzählung auseinander: Dass er sich vor seinen Schwestern versteckt, ist nachvollziehbar, aber dass er sich selber sagt, er sei cool – das nehme ich ihm nicht ab! Solche Dinge sagen Kinder nur zu anderen als Abwehr und Schutz, nicht zu sich selbst… zurück
Dass er nachts immer an Mutter und Schwestern denkt, überrascht: er denkt doch laut Textvorlage an alles Mögliche, und die Schwester kommen in seinen ersten Gedanken (s.o.) überhaupt nicht vor. zurück
Warum er Schießen übt, bleibt genau so unerklärlich wie die Rolle seiner Kumpels – es gibt keinerlei Hinweis, warum er jetzt kriminell werden sollte (damit begann ja die Geschichte): Nur weil er zu Hause rausgeschmissen wurde, er seinen Vater für ein Arschloch hält, sich vor seinen Schwestern versteckt und stundenlang vor sich hin wichst, statt die Ghettoschlampen zu benutzen, die ja wohl immer noch da sind und allzeit bereit?
Da bleibt nur eines: rigoros streichen, und zwar bis zum Schluss. Folgendes vermag ich noch zu retten:
Sie waren zu klein, um zu verstehen. Er war ein großer Junge, er brauchte keinen Menschen. Nachts kaute er manchmal auf seiner Unterlippe und starrte an die Decke. Aber er heulte nicht.
Da das Kriminell-Werden keinen Bezug zur Erzählung hat, sollte es am Anfang gestrichen werden, genau wie der ungeklärte Spitznamen Atemlos. Der erste Satz könnte lauten:
Er hasste den Kellerverschlag – oder wenn es unbedingt einer erläuternden Situationsbeschreibung bedarf: Vor Kurzen war er in den Kellerverschlag gezogen. So würden keine Erwartungen geweckt, die der Text nicht erfüllen will und kann. zurück

Textkritik: Fango – Prosa

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Was hab ich Angst,
(das steh ich durch)
morgen
jedenfalls
O Gott,
Was hab ich Angst

»Wohin?«, ich kurble sporadisch am Fenster, das ist nämlich kaputt. Das durchnässte Fräulein lässt sich auf den Sitz plumpsen und sagt garnix.
Zwei schreckliche Stunden später habe ich ihr immer noch keinen Laut entlockt. Sie sitzt einfach da, raucht und dreht ab und an am Radio, das den Regen übertönen soll. Ich bin ziemlich irritiert.
Als ich noch per Anhalter unterwegs war, denke ich, kam ich aus dem Erzählen gar nicht mehr heraus, wir haben ja auch viel erlebt, damals. Außerdem war mir das störrische Autobahnschweigen immer schrecklich peinlich.
Mich wurmt es ein wenig, dass sie ohne zu fragen mein Auto voll qualmt, ich habe nämlich erst vorgestern aufgehört – wegen Gabi. Aber ansprechen tu ich sie nicht. Ich kann auch stur sein.
Jetzt sagt sie endlich was, ich merke das vorher, weil sie plötzlich laut und scharf einatmet, und schiele neugierig zu ihr herüber.
Ihr Mund formt sich langsam und verkrampft zu einem O, dann zu einem breiten E, dann purzeln brüchig ein paar spastische Laute aus ihr heraus, ungefähr so:  »Bwärgnnck?«
Es hört sich ganz eindeutig nach einer wohlgewogenen Frage an, ich zucke aber trotzdem zusammen, weil es so krächzig klingt.
»W…Wie bitte?« Ich spüre meine Gesichtsmuskeln entgleiten. Sie dreht sich sichtlich erleichtert wieder nach vorn und starrt weiter auf die vorüberfliegende Tristesse.
»Ich glaube, ich habe Sie gerade akustisch nicht verstanden…«
Sie drückt schweigend ihre Kippe aus.
»Ähm, ich weiß immer noch nicht… Also ich fahre jetzt hier die nächste ab, ist das für Sie … für dich okay?«
» … … …«
Ich habe mir ganz offensichtlich eine Verrückte aufgehalst. Sie ist mager und struppig und sie riecht ein ganz kleines bisschen sauer, nach dem Regen in ihren Kleidern. An der nächsten Raststätte ist sie draußen, denke ich mir und drücke unwillkürlich etwas fester aufs Gas. Nach fünf Minuten ohrenbetäubender Stille wird es mir dann zu bunt. Sie könnte ja auch taubstumm sein.
»Hast du mir vielleicht auch ’ne Zigarette?« teste ich. Erst reagiert sie nicht. Dann greift sie hastig in die Tasche ihrer Lederjacke, holt ein zerknittertes Päckchen Tabak heraus, drückt prophylaktisch auf den Anzünder und dreht mir eine ziemlich dicke, schrumpelige Zigarette, die sie mir ohne einen Blick überreicht.
Aha. Jetzt muss ich sie aber auch rauchen. Ich bin beinahe froh über den originellen Vorwand, bei den ersten Zügen wird mir trotzdem schwindelig, ein schönes Gefühl, obwohl der Tabak kratzig und alt schmeckt.
Das nächste blaue Schild kündigt den RASTHOF NECKARBURG an. Das Ende einer Zufallsbegegnung naht, ich habe das Rauchen wieder angefangen.
Dann piepen dumpf die Anfangstöne der Toccata in d-Moll aus ihrer Jacke. Sie zuckt zusammen, rührt sich aber nicht vom Fleck. Ich drehe das Radio ab. Mein Handy hat das gleiche Klingeln gehabt. Endlich greift sie in die Tasche, kramt hektisch nach dem Handy und hält es sich dann ohne ein Wort ans Ohr. Ein paar Sekunden lang ist es sehr still im Auto. Dann piept es noch mal, als sie die rote Taste drückt. Stille.
Ich nehme entschlossen die Ausfahrt zum Rasthof.
Als sie aussteigt, will ich ihr noch ein »Komm gut weiter« oder so etwas Ähnliches mit auf ihren stummen Weg geben, da drückt sie mir ein Stückchen Papier in die Hand. Sie schaut mich nicht noch mal an, dreht sich einfach um und läuft los. Langsam und bedächtig und immer noch tropfnass. Ich schaue ihr fasziniert hinterher, bevor mich die Neugier packt und ich lieber sehen will, was auf dem Zettel steht.
Er ist leer.

© 2002 by Ben Hurley. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Das ist eine ganz nette Erlebnisschilderung, und als Leser könnte man sich durchaus Gedanken über das tropfnasse Fräulein machen, wenn einen der Ich-Erzähler an seinen teilhaben ließe; der macht jedoch unfreiwillig einen ziemlich verwirrten Eindruck, seine Verhaltensweisen kann ich kaum nachvollziehen.
Ganz doll rätselhaft: Motto und Titel!
Motto: Wer soll da Angst haben? Wer soll etwas durchstehen, der Fahrer hat es schließlich durchgestanden, das Fräulein ebenfalls? Den Text durchzustehen ist nicht schwer, er liest sich stellenweise recht flüssig und würde sich noch viel flüssiger lesen, wäre er nicht in so viele Miniabsätzchen zerfetzt worden; Angst macht der Text auch keine, mich macht er eher schmunzeln angesichts der Trotteligkeit des Protagonisten – Kurzum: als Motto könnte da auch eine Händi-Bedienungsanleitung stehen.
Titel: Fango ist ein abgelagerter Mineralschlamm, dem Paraffine und Stabilisatoren zugesetzt sind. Die feste, kalte Masse wird in speziellen Öfen auf ca. 60-70 oC erhitzt. Zur Therapie wird diese Masse auf eine Plastikfolie ca. 2cm dick ausgegossen und dann, auf ca. 50 oC abgekühlt, angelegt. Das Material wird dem Körperrelief entsprechend gut angepasst und bleibt zwischen 20-30 Minuten am Körper des Patienten. Die Eindringtiefe dieses Wärmetherapieverfahrens liegt bei etwa 2-3 cm, es kann aber angenommen werden, dass über reflektorische Vorgänge auch tiefer im Körper eine Wirkung erzeugt wird.
Fango-Packungen eignen sich zur Behandlung von großen bis mittelgroßen Flächen am Körper, die Temperaturerhöhungen im Gewebe führen (zu) einer Durchblutungssteigerung und Stoffwechselanregung, Muskelverspannungen werden gelöst und Schmerzen gelindert
. (Da kommt das her)
Dass der Text all dies nicht leistet, ist zweifellos! Soll die Überschrift ironisch gemeint sein, müsste sie dennoch einen Bezug zum Text haben; Fango hat keinen, aber Fangio hätte einen, denn der war Rennfahrer, und auch der Protagonist gibt Gas. Was wollen Motto & Überschrift? Wer klärt auf?

Die Kritik im Einzelnen

Wenn der Fahrer weiß, dass das Seitenfenster kaputt ist, braucht er auch nicht zu kurbeln, es sei denn, er glaubt an die göttliche Selbstreparatur; dass jemand sporadisch kurbelt, also gelegentlich, kann ich mir nur während eines längeren Zeitraumes vorstellen, und soo langsam wird unser Held »Wohin« nicht artikuliert haben! Stünde da sinnlos anstelle von sporadisch, so könnte das durchaus einer Charakterisierung des Protagonisten dienen. zurück
Ich hielte es für angebracht, zumindest die Seitentür einen Spalt zu öffnen, wenn schon das Fenster nicht zu öffnen war, durch welches das Fräulein sowohl die Frage hätte verstehen als auch das Fahrzeug betreten können! zurück
War es erst im Nachhinein schrecklich, dass er ihr keinen Laut entlockt hat? Waren bereits die Lockversuche schrecklich (oder nur ergebnislos)? Welche Versuche gibt es denn? Ich würde das Hohlwort schrecklich streichen, denn das Resultat der ungenannten Lockversuche ist schließlich Irritation (wenn man dem Ich-Erzähler vertrauen will) (s.u.). zurück
Nassfräulein sitzt nicht einfach da, sondern sie raucht und dreht sporadisch (kennen wir, kennen wir) am Radio; also weg mit einfach. zurück
Auch denke ich muss radikal getilgt werden: zum Einen ist es missverständlich, denn es könnte bedeuten, dass er sich das halt so denkt, obwohl es realiter ganz anders war; zum Anderen wird durch den einleitenden Nebensatz deutlich genug, dass jetzt Erinnerungen folgen, der irritierte Fahrer also denkt. Warum muss das besonders betont werden? Denkt er in der Regel nicht, wie z.B. beim sporadischen Fensterkurbeln? zurück
Was den Kerle wurmt, wird sofort gesagt: auf das Pseudosubjekt es kann also getrost verzichtet werden.
Am Ende dieses Abschnittchens: Worauf bezieht sich auch in der Kombination Ich kann auch stur sein? Wird hier dem Fräulein Sturheit unterstellt? Oder betont der Protagonist, dass er nach 2 Stunden vergeblicher Kommunikationsversuche auch einmal still sein kann – stur also im Sinne von trotzig bzw. Maul-Halten? Das möge der Ich-Erzähler präzisieren. zurück
Wann krampft der Mund: nur beim O oder noch beim E? Was löste den Krampf? Ist die Langsamkeit des Formens bedingt durch das Krampfen oder verursacht die allzu langsame O-Formung den Mundkrampf? Ist verkrampft gar nicht gemeint, sondern eher eine Art Mundgymnastik? Raus mit verkrampft! Die Beschreibung ist doch ohne Krampf plastisch genug! zurück
Fragen werden nicht gewogen, sondern erwogen; sie werden daraufhin geprüft, ob sie sinnvoll sind: wenn ja, sind sie wohlerwogen. zurück
Genauer: was spürt er denn? Spürt er, wie seine Gesichtsmuskeln entgleiten, oder spürt er lediglich, dass sie entgleiten? Hier ist zu meiner Überraschung einmal keine Kürzung nötig, sondern eine Erweiterung – zu meiner Erleichterung allerdings nur eine kurze. zurück
Warum ist die Stille erst jetzt penetrant? Was bringt das Fass zum Überschwappen? Sind es gar nicht diese 5 Minuten, sondern die weiteren 5 Minuten? Dann sollte es da stehen (Schröcklich: noch eine Erweiterung!). zurück
Weia: dem Fahrer wird es zu bunt – und als Folge davon brüllt er nicht oder springt aus dem fahrenden Auto oder frisst die überflüssige Fensterkurbel: nein, er fängt endlich an zu denken und stellt sich eine ganz vernünftige Frage.
Diese Frage finde ich höchst angemessen, die Verknüpfung zum Zu-bunt-Werden völlig abwegig. zurück
Auch dieser Satz muss irgendeinen Sinn haben! Mag unser Fahrer vielleicht das Händigedudel? Schließlich hatte er sich und zufällige Opfer mit dem gleichen Klingelkitschlärm belästigt! Kriegt er wehmütige Erinnerungen an Mein-erstes-Händi? Will er feststellen, ob Madame Beifahrerin richtig sprechen kann? Will er gar hören, was gesprochen wird oder wer spricht? Ist es Fürsorge, denkt er z.B., sie habe das sporadische Drehen an Radioknöpfen verlernt? Will er nicht, dass sie sein Radio nochmals anfasst? Irgendeinen Hauch von Sinn muss dieser Satz doch haben – aber welchen? zurück
Ha! Eben noch reine Vermutung, jetzt der Beweis: er hält dieses Händigedudel selbst nicht aus, denn er ist froh (endlich), als das Fräulein hektisch nach ihrem Penetranzriegel sucht! Warum aber in Dreinokias Namen hat er dann das Radio abgedreht statt auf volle Pulle? Verzweiflung könnte einen packen, wenn man so etwas geschrieben hätte! zurück
Der Text ist voll von umgangssprachlichen Wendungen und Verkürzungen, das ist Stilmittel und einem solchen Text durchaus angemessen; bei regionalen Ausdrücken wird es schwieriger: es regnet (nehme ich an, zumindest hat es offiziell nie aufgehört), Madame steigt aus, dreht sich um und läuft los. Da dachte ich an ein ziemliches Tempo, musste mich aber belehren lassen, dass sie keineswegs läuft, sondern geht: nämlich langsam und bedächtig. zurück
Dem Fräulein sei Dank! zurück

Textkritik: Deutsches Wesen – Ein Sonett – Lyrik

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In einem einz’gen klaren Worte
gar nicht leicht es ist zu sagen
was des Dichters Herz bewegt
Jedoch findet er’s im rechten Porte

Aufrecht und gerade sein
sich nicht leicht beugen lassen
Achtend eig’ne Stände, Herrscher, Klassen
Das ist er wohl – des Deutschen Hain

Drängt sein Sinn auch oft zum Kriege
schlägt ungestüm sein Puls im fremden Land
Der Sieg ist meist in Gegner’s Wiege

Reisst die Schlacht bald tiefe Wunden
Der Deutsche, – er verbindet sie
Auch kann er sich des Raubs nicht wehren
Der Werke seiner Genien höchsten Stunden.

© 2002 by Alfred Fürst. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Mein erster Verdacht: Der Schwachsinn in diesem Gedicht ist durchaus gewollt, er hat nachgeradezu Methode! Die Verstümmelung der deutschen Sprache, die Verletzung grammatischer Regeln und die Vernachlässigung selbst oberallereinfachster Zeichensetzungsregeln wird vom Autor einem Dichter angelastet, der offenbar in Ermangelung eines eigenen Gehirns im rechten Sumpf (Port) trübfischt und nur sinnlos-deutschtümelnden Blödsinn zusammenfaselt. Damit will der Autor die Nazis als einen Haufen radebrechender Deppen und arschkriechender Obertrottel brandmarken, um sie dem Gelächter preiszugeben.
Bedauerlicherweise ist dieser Verdacht eine Unterstellung: Damit würden Fähigkeiten unterstellt, die der Autor nicht besitzt. So bedaure ich zutiefst, keine Minusbrillen verpassen zu können: Die Unbeholfenheit, auch nur einen einzigen richtigen Satz auf die Reihe zu bekommen, gepaart mit diesem Sendungsbewusstsein, hat schon etwas Tragikomisches. Fazit:
Oberpeinlich!

Die Kritik im Einzelnen

Was folgt, ist kein Sonett: weder sind die beiden Quartette metrisch und reimmäßig identisch gebaut (a-b-b-a), noch geben sie eine Situation wieder, die dann in den beiden Terzetten (es gibt überhaupt keine zwei »Dreizeiler«) reflektiert wird. es ist halt ein weiter Weg zu der Genien höchster Stunden, dafür klingt Sonett aber hübsch einschüchternd gebüldet … zurück
Kennen wir: deswegen dichten Dichter ja auch, weil sie Was-auch-immer-es-Ist nicht in 1 Wort sagen können – es ist nicht nur gar nicht leicht, sondern schlechterdings unmöglich (meistens jedenfalls); doch welcher Dichter ist hier gemeint? Der homo poeticus per se und an und für sich, oder spricht der Dichter dieses Nicht-Sonetts (nicht der Autor!) über seine höchsteigenen Schwierigkeiten zu sagen KOMMA was sein Herz bewegt? zurück
Das ist ja der Hammer: Da gibt es tatsächlich eine Quelle in einem rechten Port PUNKT, aus der zumindest 1 Dichter schöpfen kann, wenn er nicht weiß, was sein Herz bewegt! Was aber ist ein rechter Port? Ist es ein richtiger Hafen (=Heimstätte für Schiffer) im Gegensatz zu den falschen, die sich zu Hauf an Meeresküsten und Fluss- sowie Seeufern tummeln? Ist es ein rechter Hafen im Gegensatz zu einem linken, einem oberen oder einem unteren? Ein Flughafen? Eine politische Heimstätte Rechter, die nicht wissen, was ihr Herz (oder was sie dafür halten) bewegt, und deshalb auf vorgefertigte und für 1000 Jahre konservierte dort eingebunkerte Herz- und Gemütsbeweger zurückgreifen?
Was ein Glück, dass die meisten Dichter (und andere Menschen) es nicht nötig haben, in einem Wort zu sagen, was sie bewegt! Die brauchen folglich auch keinen rechten Port. zurück
Nanana, jetzt wird aber gemogelt: das einz’ge klare Wort will unser Dichter in dem Porte gefunden haben – und was bietet er uns hier frech an? Eine ganze Zeile voll, vier einz’ge Wörter auf einem Haufen (wobei das KOMMA am Ende schamhaft unterschlagen wird – aber die deutsche Sprache war noch nie die Stärke der Lagerverwalter im rechten Port)! Und dann diese überraschende Kombination: aufrecht und gerade!!! Aufrecht UND gerade, statt z.B. dem üblichen gebeugt und ungerade oder aufrecht und kriechend (aufrecht krochen sie in des Führers Arsch) – was für prachtvolle Fundstücke aus dem rechten Port werden da der staunenden Leserschaft präsentiert! zurück
Ich werde im Folgenden nur noch einen Link pro Abschnitt setzen, sonst wird mir das zu aufwändig und unübersichtlich! Also weiter geht’s nach dem fehlenden Komma:
sich nicht leicht beugen lassen KOMMA: will sagen: will sich eigentlich schon beugen lassen, aber nicht sofort und von jedem, sondern erst nach etwas stärkerem Druck, dann aber bereitwillig; oder will dieses unsägliche Weiterführung des Dichterherzbewegenden einz’gen Wortes sagen: ich krieche bereits (siehe: aufrecht krochen…), da kannst du mich nicht mehr leicht beugen  – Ätsche-ätsche-bätsche? Das leuchtete mir auf Anhieb ein!
Achtend eig’ne Stände, Herrscher, Klassen BEISTRICH oder STRICHPUNKT oder DOPPELPUNKT oder GEDANKENSTRICH – halt,nein: der nicht, der würde falsche Tatsachen vorspiegeln!
Das einz’ge Wort nimmt von Zeile zu Zeile gewaltig an Umfang zu: irgendwann wird es wohl platzen müssen! Achtend eig’ne Ständer – oh pardon: Stände! Lang ists her: die gibt es heute nur noch als andere Um-, widrige Um-  sowie Zu- und Aufstände. Der Aufruf, die eig’nen Herrscher zu achten, würde vor allem unseren Politikern gefallen und bewegt wohl kaum eines Dichters Herz. Und Lehrer achten laut Volksmund ihre Klassen schon lange nicht mehr, sondern spielen lieber Tennis. Aber wissen will ich, wer eigentlich derjenige ist, der all das achtet – das einz’ge Wort kann es schon lange nicht mehr sein, das hat viel zu viel Gesellschaft unter seinesgleichen! Aber wer dann?
Das ist er wohl – des Deutschen Hain PUNKT: Huch – was ist den jetzt geschehen? Aufgebrochen war unser ratloser Dichter, in einem Bunker des rechten Ports das einz’ge klare Wort zu finden, doch fand er nur ein ganzes Bündel (fascies) Leergedroschenes – und jetzt entdeckt er einen ganzen Hain, worüber er prompt seine eigentliche Aufgabe vergisst (zur Erinnerung: das einz’ge klare Wort zu finden); dieser Hain muss beim gegenwärtigen Waldsterben (oho: das ist noch lange nicht ausgestanden!) komplett getürkt sein, ein Kunstheiligtum à la Kunsthonig. Warum gesteht unser Dichter nicht einfach ein, dass er im rechten Port nichts gefunden hat? Oder treibt den Dichter eine ganz andere, eine geradezu teuflische Absicht? Ich habe da eine fürchterliche Ahndung! Unser in der ersten Strophe erwähnte Dichter (nicht der Autor!) verliert jedenfalls – das gilt es festzuhalten! – vollständig Verstand und Faden und irrt in einem Plastikwäldchen herum. Doch, das hat was: mein Verdicht verdachtet sich! zurück
Der erste Beweis: Drängt sein Sinn auch oft zum Kriege KOMMA: Hier wird behauptet, des Deutschen Hain (von dem zuletzt geredet wurde) will Krieg führen, sein (des Plastik-Hains) Sinn dränge dazu – das verschlägt mir glatt die Sprache, ich gebe zu: dieser Wendung bin ich nicht gewachsen! Mein Kompliment …  Aber es ist der unzweifelhaft eindeutige Beweis Nr. 1, dass unser Rollen-Dichter jeden Faden und Verstand verloren hat!
Der zweite Beweis: schlägt ungestüm sein Puls im fremden Land KOMMA: Wenn des Hains Sinn zum Krieg drängt, erscheint es mir nur logisch, dass der Hain im fremden Land (kennt der sich in der Heimat, der Heimat, da gibt’s ein Wiedersehn fallerera nicht mehr ein noch aus? Ist ein getürkter Hain vielleicht von Geburt an prinzipiell heimatlos? Ist der Hain seiner selbst nicht mehr Herr und Meister? Wer weiß das schon, und wer will das eigentlich wissen? Ich jedenfalls nicht!), dass der Hain also im fremden Land als eigentlich Handelnder in einem verzweifelten letzten Aufbäumen ungestüm seinen Puls schlägt, damit er (der Hain) wieder zu Besinnung kommt – was leider nichts nützen wird, schließlich ist der Sinn am drängeln, Krieg will er haben, der Hainsinn. Soweit zum zweideutigen Beweis Nr. 2, dass unsere Dichter-Rolle jede Faser von Verstand verloren hat!
Der dritte Beweis: Der Sieg ist meist in Gegner’s Wiege PUNKT: Sprachlich ist der bereits erfolgreiche Sieg der Gegner über das deutsche Rechtschreib wunderschön durch das englische Genitiv-Apostrop-s belegt! Und traraurig (Nanu? Verweigert Word jetzt seinen Dienst? Schließlich habe ich dieses Wort eben gerade in meinem Überschwang erschaffen, und Word behauptet, das sei ganz in Ordnung so …  oder streckt Word freiwillig die Waffen angesichts des geballten Unsinns?) Nochmals: Und traraurig  traraurig: der Deutsche Hein hat keine Chance trotz allen Sinngedrängels: Die Gegner sind im Prinzip die geborenen Gewinner, der Deutsche Hein eine Fälschung! Soweit der drittrangige Beweis, dass die Dichterrolle irgendwo eine Unwucht hat! zurück
Sammelbeweise 4 bis 7: Zunächst einmal reisst (statt richtig: reißt) die Schlacht tiefe Wunden: Es kämpfen jetzt also nicht nur der Loser Deutscher Heinz und der Winner Gegner’s-Wiege, sondern auch noch die Schlacht, und Letztere reißt in irgendwen oder -was tiefe Wunden, die alsdann der Deutsche verbindet, der wohl gerne überall mitmischt – immerhin ist er zur Stelle. Doch hat der Deutsche noch eine Aufgabe: er soll sich des Raubs wehren. Das macht grammatisch keinen Sinn, soll es auch nicht, denn in diesem Gedicht wird…
Einen klitzekleinen Moment noch: Also wer raubt da? Richtig: Während die Schlacht in den Deutschen Heinz und die siegreiche Gegner’s-Wiege tieftriefende Wunden reißt,die der Deutsche flugs verbindet, rauben die Werke die höchsten Stunden seiner (des Deutschen) Genien. Alles klar? Ja? Dann bitte ich um Auf- und Erklärung! zurück

Textkritik: Ein Licht – Prosa

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»Ich glaub‘, ich seh‘ Licht!«
»Licht?«
»Ja! Da hinten!«
»Mädchen, das ist dein Hals, wo du da reinschaust. Kein Tunnel!«
»Aber irgendwo muss doch Licht sein
»Na ja, vielleicht ganz weit hinten. Aber das kann man nicht sehen.«
»Wozu ist da ein Licht, wenn man es nicht sehen kann?«
»Putz dir die Zähne! Und sei vorsichtig mit der Spange
»Wozu braucht man ein Licht, wenn man es nicht sehen kann?«
»Da ist doch gar keiner drin bei dir, der ein Licht sehen müsste.«
»Ist das ein Licht wie in den Weihnachtsliedern
»Mehr wie das von Rif Raf!«
»Wer ist Rif Raf?«
»Rocky Horror Picture Show. Ein Film. Da verirren sich zwei im Wald, und dann sehen sie ein Licht. Rif Raf singt dazu. Aber hinter dem Licht verbirgt sich etwas, das die beiden gar nicht wollten. Das Licht führt sie in eine Falle, eine Art Hexenhäuschen. Und hinterher finden sie es dann doch ganz toll. Darf ich mich jetzt in Ruhe rasieren?«
»Warum hast du Mami gestern so einen hässlichen Blumenstrauß zu Weihnachten geschenkt?«
»Hässliche Blumensträuße sind viel schwerer als schöne.«
»Warum?«
»Na, die Frau im Blumenladen kennt doch Mamis Geschmack. Die hat ganz schön gekuckt, als ich einen möglichst hässlichen wollte. Die hat gejammert und geschimpft, aber ich habe mich durchgesetzt. Fast hätte sie Mami angerufen und gefragt, ob sie das wirklich machen dürfe. Stell dir vor: Die wollte Mami anrufen um zu fragen, ob ich einen hässlichen Blumenstrauß als Weihnachtsgeschenk kaufen dürfe! Jedes andere Geschenk ist einfacher.«
»Warum wolltest du unbedingt einen hässlichen?«
»Damit Mami auch wirklich merkt, dass er von mir ist.«
»Weil er so hässlich ist?«
»Der fällt halt auf. Mami geht jetzt ein paar Tage daran vorbei, und jedes Mal schüttelt sie sich, und dann schimpft sie und denkt an mich. Das ist doch schön, oder?«
»Ist das auch wie ein Licht
»Vielleicht. Ein ganz großes. Ein richtiges Flutlicht, damit sie an mich denkt.«
»Wie viele Lichter gibt es denn?«
»Sechsundzwanzig.«
»Nee! Mal ehrlich!«
»Woher soll ich das wissen? Das hat immer was mit Suchen und Finden zu tun.«
»Und warum gibt es zu Weihnachten immer so viele Lichter?«
»Weil es dunkel ist. Jetzt hätt‘ ich mich fast geschnitten! Wenn Weihnachten im Sommer wäre, würden wir Fliegenfänger an den Baum hängen! Dann hätten zumindest die Fliegen ihr Licht
»Also muss es dunkel sein?«
»Ja, sonst braucht man kein Licht. Was riecht denn hier so verbrannt?«
»Die Mami ist im Garten und verbrennt deinen Blumenstrauß«
»Sie tut was?«
»Hat sie vorhin gesagt. Sie verbrennt deinen Blumenstrauß.«
»Warum?«
»Vielleicht sollst du ihn suchen?«
»Dann gibt es heute wohl kein Frühstück! Gib mir mal das Rasierwasser rüber.«

© 2002 by Bluesy. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Das könnte ein durchgängig leichter und humorvoller Dialog sein, wäre er nicht so beschwert durch die überflüssigerweise knüppeldick draufgepackte vielfältige Licht-Metaphorisiererei.
Ein Weihnachtslied-Zitat, das des Mädchens Verhalten und Fragen rechtfertigt, und einige Kürzungen würden dem Text sehr gut tun – ein Leser dürfte sich dann seine eigenen Gedanken machen!

Die Kritik im Einzelnen

Ein Mädchen steht vor dem Spiegel, sperrt den Mund auf schaut in seinen Mädchenrachen und erwartet Licht: das ist zunächst einmal überraschend und spannend, und ich denke dabei an das magische Kinderzeit – so zwischen dem 3. und 5. Lebensjahr -, wo sich solcherlei Überraschendes häufig ereignet. zurück
Ging ich bislang von einem sehr jungen Mädchen aus (wozu auch die vorausgegangene Frage nach dem Sinn des Lichtes passt), so bin ich jetzt doch einigermaßen überrascht: gibt es tatsächlich schon Spangen für Milchgebisse? Ich dachte immer, die würden den 12-14-Jährigen in Serie verpasst, wenn der Kopf ziemlich ausgewachsen ist (oder was auch immer der Grund sein mag: zwar weiß ich viel, doch möcht‘ ‚ch nicht alles wissen). Diese Spange irritiert mich heftigst: ließe sich die nicht streichen? zurück
Auch meine Kenntnis von Weihnachtsliedern ist eher beschränkt: Wie lichtlastig (Word rät an lichtlästig bzw. lichtlistig) sind die? In den 10 wohl bekanntesten Liedern kommt Licht nur in dreien vor, z.B. in dem mir völlig unbekannten – was nix heißen will – »Fröhlich soll mein Herze springen«, wo es heißt »schaut den Stern, der euch gern Licht und Labsal gönnet« (was wohl kein Grund ist, in seinen Hals zu schauen) oder in »Fröhliche Weihnacht überall!«, wo das Licht gleich mehrfach leuchtet, nämlich in »denn es kommt das Licht der Welt« sowie doppelt in »Licht auf dunklem Wege, unser Licht bist du« (was wohl beides keinen Bezug zur Speiseröhre hat) und schließlich in »Ich steh‘ an deiner Krippe hier«, da lautet es geballt: »die Sonne, die mir zugebracht / Licht, Leben, Freud‘ und Wonne. / O Sonne, die das werte Licht / des Glaubens in mir zugericht’« – hier allerdings gesteh ich gerne zu, dass Kinder bei »das werte Licht des Glaubens in mir zugericht’« sehr wohl auf die Idee verfallen könnten, in sich nach eben diesem Licht zu forschen! zurück
Eine sehr überraschende Wendung: erst sucht das Mädchen nach einer inneren Beleuchtung, jetzt verknüpft es »Licht« mit »an jemanden denken«, obwohl der vorausgegangene Dialog diesen Schluss nicht zulässt: ich finde keinen Zusammenhang zwischen den Erläuterungen zu Rif Raf und dem hässlichen Weihnachtsstrauß, schließlich war das Licht in der Rocky Horror Picture Show nicht hässlich, sondern allenfalls das, was sich dahinter verbarg (mit allem Vorbehalt). Wieso kommt also das Mädchen auf diese verblüffend-merkwürdige Weiterführung? Nicht alles lässt sich mit »Kindermund« begründen!
Ich empfehle hier folgende Veränderung:
»Der fällt halt auf. Mami geht jetzt ein paar Tage daran vorbei, und jedes Mal schüttelt sie sich, und dann schimpft sie und denkt an mich. Das ist wie ein richtiges Flutlicht, damit sie an mich denkt.«
»Wie viele Lichter gibt es denn?«
Nicht mehr das Mädchen zieht diese seltsame Schlussfolgerung, sondern der Vater führt auf das Thema zurück, indem er einen neuen Begriff einführt, der das Mädchen ins Grübeln bringt. zurück
Oha: Das Lebenslicht erlischt und Gottes Licht leuchtet den Fliegen, wenn sie sich zu Tode gezappelt haben? Warum erhebt sich der Vater so zynisch über das Kind, das wissen will, aber auf diese Weise nie verstehen wird? Es geht folgerichtig auch nicht darauf ein. Es stünde dem Vater besser an, auf diesen Satz zu verzichten: er will so gar nicht passen zu dem bisherigen Versuch, seiner Tochter was zu erklären. zurück

Textkritik: die hände – Lyrik

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langsam
entfalte ich meine hände
vom sturz

lass sie blühen

übrigens
ich brauche sie
damit ich das gesicht in etwas
einwickeln kann
wenn es mir zum weinen kommt

© 2001 by marcin szrama. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Ein ruhiges, melancholisches, zurückgezogenes Gedicht.
Und ein sehr einsames: denn wer wird das eingewickelte Gesicht auspacken und das Geschenk sehen: jemanden, der weint, nach einem Sturz? Aber die ersten beiden Zeilen des dritten Abschnittes müssen in den Reißwolf; sie verletzen die behutsame Balance, das Gedicht droht abzustürzen!

Die Kritik im Einzelnen

Ein gelungenes Bild: vor mir sehe ich einen gestürzten Menschen (wobei es keine Rolle spielt, ob innerlich oder äußerlich gestürzt oder beides); der rappelt sich zunächst nicht auf, sondern der bewegt die Hände, die (logischerweise) mit abgestürzt sind; hier jedoch wird das besonders betont durch die zunächst irritierende Zusammensetzung: ich entfalte meine Hände vom Sturz.
Das kann auch bedeuten, dass lediglich die Hände abgestürzt waren; als Bild würde ich das so deuten, dass die Hände ihre Funktion(en) nicht mehr ausüben konnten: das lyrische Ich hatte sich selbst nicht mehr gespürt. zurück
In der Fortführung des Bildes (ich entfalte meine Hände) lässt das lyrische Ich jetzt die Hände blühen; damit wird den Händen eine gewisse Selbstständigkeit zugewiesen: sie werden freigegeben, damit sie (von sich aus) blühen können; das gilt aber nur, wenn lassen hier als zulassen verstanden wird!
Verstehe ich lassen aber im Sinne von veranlassen, bleibt das lyrische Ich die bestimmende Person, die das »Heft in der Hand hat« (was in diesem Zusammenhang ein sehr schräges Sprach-Bild ist.); das passte nach meinem Dafürhalten besser zum ich entfalte des ersten Abschnittes. zurück
In dieser Strophe wird der ruhige Ton verlassen und die Bildebene: das lyrische Ich wendet sich an einen Leser, dem es völlig überflüssigerweise etwas erklären will; damit gerät dieses Gedicht unverdienterweise in die gefährliche Nähe der moralisierenden Auf- und Erbauungsergüsse, die jeder Mensch, der ein Stift halten kann und seine 7 Zwetschgen beieinander hat, in Serie aus Ärmeln schütteln könnte (und viele haben nichts Besseres zu tun).
Soll doch der Leser sich seine Gedanken machen, getreu dem Beuys’schen Motto: Wer nicht denken will, fliegt raus! Der Leser merkt schon selbst, wenn er denn nachdenkt, worum es geht. Dieses geschwätzige übrigens / ich brauche sie tut mir geradezu körperlich weh! Ich empfehle dringend, diese beiden Zeilen ersatzlos zu streichen! Der Vorteil wäre ein mehrfacher:
Zunächst wäre die Form deutlicher: 3 Zeilen, 1 Zeile, 3 Zeilen; dadurch würde die Doppeldeutigkeit von lassen verstärkt; dann würde die Kette entfalten – blühen lassen – damit ich einwickeln kann nicht völlig unnötigerweise unterbrochen, die Bildebene bliebe unmittelbar erhalten; so wäre auch gewährleistet, dass ein Leser eher über den Inhalt nachdenkt als darüber, warum das lyrische Ich das braucht! Reicht die Vorstellung denn nicht aus, wie angenehm und zärtlich eine Berührung durch Hände sein muss, die Blüten gleichgesetzt werden? Das trauernde Gesicht, eingehüllt in Blütenblätter als Trost und Schutz, denn eingewickelt ist es für andere nicht mehr kenntlich?
Mir reicht das aus: also weg mit diesen beiden Zeilen, weg mit übrigens, ich brauche sie!

Textkritik: Die Erde fleht uns um Erbarmen – Lyrik

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Noch hören wir die Vögel singen,
seh’n Fische froh durchs Wasser springen,
und Blumen in den schönsten Farben
am regenfrischen Tau sich laben.

Noch gibt es sonnenreiche Tage
und kühle, sommerliche Nächte,
vergnügte Ess- und Trinkgelage,
und Zuversicht in höh’re Mächte.

Noch hoffen Menschen, lieben, träumen,
erfreuen sich der schönen Erde;
woll’n alles tun und nichts versäumen,
so dass sie niemals sterben werde.

Noch können wir die Welt erhalten,
wenn wir das gleiche Ziel erstreben
und uns’re Umwelt so verwalten,
dass Mensch und Tiere überleben.

Noch glaubt der Mensch in gute Sterne;
auch wenn so mancher will verzagen.
Die Wahrheit liegt seit je im Kerne:
Ein guter Baum wird Früchte tragen.

Darum ein Aufruf an: Euch Alle!
Die Erde fleht uns um Erbarmen
Ein »Halt!« der dunklen Erdenfalle,
sonst wird die Ohnmacht uns umarmen.

Die Erde bebt, sie fleht um Gnade;
dem Untergang will sie entgehen.
Doch böse Ichsucht, oh so schade,
lässt uns ihr Flehen nicht verstehen.

Noch ist es Zeit den Lauf zu kehren,
der keinem eine Zukunft bietet.
Lasst uns die Erde darum ehren:
»Wir haben Sie ja nur gemietet

© 2001 by Alesig Nitlaf. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Und wieder einmal: Schrecklich gut gemeint, und schrecklich daneben gelangt. Im trauten Kreise gleichgesinnter Weltuntergangs-Stimmungsmacher mag das Gedicht eifrig benickt und beklatscht werden – als Gedicht aber taugt es nichts.
Ein winziger Trost: Handwerklich nicht schlecht: durchgängiges Metrum, (fast) identisches Reimschema, Wiederholung als Stilmittel (Noch als Strophenanfang). Aber das bleibt reine Äußerlichkeit, hat mit dem Inhalt nichts zu tun: die Stropheneinteilung z.B. ist völlig beliebig.

Die Kritik im Einzelnen

Ach wie schön ist die Natur: BSE, MKS, AIDS, Krebs, Alzheimer, Rotfäule, Mehltau; Milzbrand: Hauptsache, die Vögel singen und die Fischlein (Word mal wieder: schlägt Fischleim vor!!!) springen… pardon: die Fische! Die sind froh dabei, wie wir am Lächeln des Barrakudas erkennen können, wenn er gerade wieder einen Springfisch vernascht hat. Und wer steht nicht staunend vor der Herkulesstaude, wenn sie sich mit Tau voll laufen lässt, um Feinde besser verätzen zu können?
Aber meine Fantasie klappt ihre Flügel ein, wenn sie sich »regenfrischer Tau« vorstellen soll: Tau steht eh schon für Morgen und Frische und für durstige Buschmänner, die ihn von ausgelegten Blättern sammeln. Regenfrische Frische? Und das bei dem sauren Zeugs, das Petrus auf uns entsorgt?
Diese Bilder sind so verstaubt und veraltet, dass es schon beinahe Leichenfledderei ist, sie wieder ans Tageslicht zu zerren: wer solche Heile-Natur-Sülze (Word empfiehlt u.a.: Heils-Natur-Sülze: auch nicht schlecht!) mag, soll mal bei Jehovas Zeugen nachschauen; ich gehe jede Wette ein, dass in deren betulichen Broschüren auch Bilder von springenden, lächelnden Fischlein… pardon: Fischen zu finden sind. zurück
Die erste Strophe hatte sich auf ihre Weise mit der belebten nichtmenschlichen Natur beschäftigt, jetzt werden Tag und Nacht erledigt, Ballermann und Glauben jedweder Couleur; der Paarreim wandelt sich (versehentlich?) zum Kreuzreim, der dann immerhin durchgehalten wird.
Inhaltlich ist diese Strophe nicht minder dürftig: Sonnentage, Sommernächte und Saufereien! Ein gutes Drittel der Menschheit leidet unter Wassermangel: die hätten nur zu gerne ein paar Regenwochen mehr. Doch dass das Proll-Mallorca als menschliche Errungenschaft gepriesen wird, deren Fortbestand auf alle Fälle gesichert werden muss – so als eine Art menschliches Weltkulturerbe -, ist ein schon mehr als tragischer Missgriff.
Erleichtert wird zudem festgestellt, dass es noch Zuversicht in höh’re Mächte gibt; ich bin davon überzeugt, dass die Zuversicht »XYZ wird’s schon richten« (XYZ ist nach eigenem Gusto zu ersetzen) dem Anliegen der Autorin eher zuwiderläuft, denn zu leicht entlässt eine solche Zuversicht den Menschen aus seiner Verantwortung. Doch das nur am Rande. zurück
Loggisch: Wenn Menschen noch Zuversicht haben, hoffen sie auch; und dass Menschen lieben und träumen, ist allein aus biochemischen Gründen notwendig. Sollten die Menschen solches nicht mehr tun, dann sind es keine Menschen mehr. Ob sich die Menschen der Erde erfreuen, ist zweifelhaft: Menschen freuen sich fraglos an vielen Dingen, auch an vielen Naturerscheinungen: angeblich gibt es sogar Tornadosammler und Vulkanfetischisten. Warum muss das aber so betont werden?
Zur inhaltlichen Schräglage gesellt sich jetzt ein sprachlicher Fehler: Einerseits haben Menschen ein Ziel (final), andererseits wird das Ergebnis als Folge dargestellt (konsekutiv): ersetzte man so dass durch damit, wäre der Satz zumindest sprachlich korrekt. Dass Menschen ganz allgemein alles tun und nichts versäumen wollen zum ewigen Leben der Erde, stimmt keineswegs. Warum auch: die Erde braucht die Menschen nicht: die überlebt, bis Supernova Sonne in spe sie dermaleinst verschlingt (was sie aber nicht tun wird, denn dazu ist sie zu klein: Hobby-Astronom Franzl sei Dank für diese Information!). zurück
Wie gesagt: wir können die Erde nicht erhalten, und die Welt gleich gar nicht! Es geht – wie in den Zeilen deutlich wird – eigentlich auch überhaupt nicht um den Erhalt der Erde, sondern allein um das Überleben der Menschen: wer soll sich denn an Springfischen freuen, wenn nicht der Mensch? Springen werden die jedoch auch unabhängig von unserer klammheimlichen Freude, schließlich sind die schon gesprungen, als es noch keine Menschen gab! Sehr freundlich, dass auch Tiere noch in den Überlebensplan aufgenommen werden, vor allem wohl die Genießbaren. Aber was ist mit den Pflanzen? Die genießbaren Tiere brauchen sie offenbar nicht mehr, sogar eingefleischte Pflanzenfresser wie die Rindviecher fressen inzwischen Ihresgleichen: als Nes-Kuh. Was machen wir nur mit den Pflanzen? zurück
Hier sollte es wohl an gute Sterne heißen.
Zum dritten Male wird ein Glaube erwähnt, ganz explizit der an die guten Sterne (und natürlich die bösen: das eine geht ohne das andere nicht!). Mancher glaubt wohl nicht an die Sterne (ich z.B.), und der verzagt dann wohl (ich allerdings nicht): sein Problem! Was das soll, weiß ich nicht: die Strophe wiederholt in den ersten beiden Zeilen bereits Gesagtes, denn das Noch zu Beginn jeder Strophe deutet an, dass die Freude an Springfischen bereits im Abklingen ist, dass es also zur Zeit 5 vor 12 ist (wie schon seit Jahrhunderten: manche Uhren gehen eben langsamer!), wobei 12 mindestens den Untergang des Weltalls markieren soll: ach, wir lächerlichen, aufgeregten & wichtigtuerischen Menschlein!
Dass eine Wahrheit im Kerne liegt, mag ja sein: aber welche Wahrheit denn? Und welcher Kern? Des Pudels Kern z.B. war weiland keineswegs die Wahrheit, sondern ein Schalk. Hier wird eine Redensart zu einer metaphysischen Erkenntnis aufgepustet und platzt wie eine Seifenblase: Ein guter Baum wird Früchte tragen. Unser Kirschbaum im Garten leidet unter einer Art Baum-AIDS, der ist absolut nicht gut und trägt Früchte in solch Übermaß, dass die Nachbarn staunen und sich über die Kirschen freuen, die wir ihnen schenken (wir machen uns nichts aus Kirschen).
Welches »gut« ist hier gemeint? Gehört es zu böse (moralisch) oder zu schlecht (funktionsuntauglich)? Ist der biblische Baum gemeint, etwa der bei Matthäus 3,10: Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt. Darum, welcher Baum nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen? Kann nicht sein: da geht es nur um die Früchte! Halt, da: Matthäus 7,17: Also ein jeglicher guter Baum bringt gute Früchte; aber ein fauler Baum bringt arge Früchte. Stimmt nicht, wie ich aus eigener Erfahrung weiß! So einfach ist die Welt nicht gebaut. Vielleicht hilft der Zusammenhang weiter: Seht euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Kann man auch Trauben lesen von den Dornen oder Feigen von den Disteln? Also ein jeglicher guter Baum bringt gute Früchte; aber ein fauler Baum bringt arge Früchte. Ein guter Baum kann nicht arge Früchte bringen, und ein fauler Baum kann nicht gute Früchte bringen. Ein jeglicher Baum, der nicht gute Früchte bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. Darum an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. In jedem Falle geht es um die guten Früchte, nicht einfach um Früchte wie im Gedicht. Soviel zur Seifenblase.
Wenn auch der biologische Aspekt falsch ist, hat doch der Rat, die Menschen an ihren Taten zu messen (statt an ihren Versprechungen), durchaus etwas für sich: das ist vielleicht der Kern dieser Aussage. Böse Zungen meinen, mit diesem Zitat ließen sich auch die christlichen Gewalttaten begründen: die falschen Propheten abhauen und ins Feuer werfen… zurück
Erfreulich: das Gedicht wird geoutet als das, wofür es sich hält: für einen flammenden Aufruf an uns alle, was durch den Doppelpunkt besonders betont wird. Der Pressesprecher der Erde teilt uns mit, dass die Erde uns um Erbarmen anfleht.
Wieso eigentlich, ist doch alles noch in Butter und hoffnungsfroh, sogar die Springfische? Wessen sollen wir uns denn erbarmen? Wir erfreuen uns doch schließlich der schönen Erde, wie ich gerade erfahren habe! Klar: 5 vor 12 ist wie gesagt schon lange 5 vor 12, und fröhlich geht die Welt zu Grunde, heißt es – doch die Erde will unser Erbarmen?
Geschätzte Erde: wir haben dich nicht geschaffen, aber wir haben den göttlichen Auftrag, dich uns unterthan zu machen, wende dich also gefälligst an deinen Erschaffer (oder von mir aus auch an deinen Hausmeister, den Erdgeist), und halte deine Pressesprecher besser im Zaum! Du wirst uns problemlos überleben, und du wirst uns nicht vermissen, darauf gebe ich dir mein feierlichstes Ehrenwort! zurück
Hatte das Gedicht bislang den Vorzug, wegen all seiner inhaltlichen Banalitäten überaus eingängig zu sein, so folgt jetzt überraschenderweise eine Rätselzeile: Ein »Halt!« der dunklen Erdenfalle.
Wer ruft da »Halt!«? Wir alle im Chor, nachdem wir die Botschaft des Pressesprechers vernommen? Der Pressesprecher? Die Erde? – Nein: die nicht, die ist schon seit ihrer Jungfernzeugung auf Fürsprecher angewiesen, die erst erschienen sind, als alles zu spät war! Mmh…!
Vielleicht finden wir den bzw. die Rufer in der Wüste, wenn wir aufklären können, wem oder was da Einhalt geboten werden soll; wären es z.B. Schüler, könnte man mit großer Wahrscheinlichkeit auf Lehrer schließen, bei Mördern auf Tatort-Kommissare, bei Kampfhunden auf Insassen des Rotlichtmilljös. Dieses Halt! nun gilt der Erdenfalle, und zwar der dunklen (wo ist die bunte Erdenfalle hin?). Jetzt muss ich einen Fallenfachmann fragen, schließlich kann ich nicht alles wissen: gibt es High-Tech-Fallen, die auf Zuruf reagieren (Schnapp zu! Schnapp auf! Halt! Sitz! Nicht das Blümchen!)? Und wenn ja: gibt es eine, die auch Planeten fängt… Ach ja? Und wie heißt die? Schwarzes Loch? Doch, das hilft schon, natürlich, es soll ja eine dunkle Erdenfalle sein, schwarz ist doch ziemlich dunkel! Und reagiert so ein Schwarzes Loch auf einen energischen oder freundlichen Zuruf? Wieso nicht bekannt? Ach so, also kein Einziger ist zurückgekehrt, der das jemals versucht hat… Tja dann: danke für die freundliche Auskunft!
Tut mir Leid: Keine Chance, diese Rätselzeile zu erschließen! Ich jedenfalls werde mich hüten, einem Schwarzen Loch zu nahe zu treten! Also rufen schon einmal nicht wir alle. zurück
Wenn das eine Warnung sein soll, so bewirkt sie genau das Gegenteil: Umarmungen sind etwas prinzipiell Schönes. Wer träumt schon davon, sich beim Sterben zu quälen? Ist es nicht viel angenehmer, selbst vom Tod sanft umarmt zu werden? Laut dieser Zeile umarmt uns dann nicht einmal der Tod, sondern die Ohnmacht: wir leben noch, sind nur vorübergehend weggetreten, wenn das Schwarze Loch sich die Erde schnappt. Nein: davor muss uns niemand warnen, weder ein Pressesprecher noch das Gedicht! zurück
Nochmals, hoch geschätzte Erde: wir haben dich nicht geschaffen, und auch für die Schwarzen Löcher tragen wir keine Verantwortung; du wendest dich eindeutig an die falsche Adresse! Bebe von mir aus, was das Zeug hält: uns wird eine sanfte Ohnmacht vor dem Ärgsten schützen. Rede selbst mit der dunklen Erdenfalle, versuche es mit einem »Halt!« oder »Erbarme dich meiner!« oder »Gnade!« – vielleicht reagiert sie ja bei dir! Mach’s gut, altes Haus, und: Kopf hoch, wird schon werden! zurück
So einfach lösen sich Probleme: bisher war ich der Meinung, bis auf die Rätselzeile ziemlich viel verstanden zu haben, jetzt wird mir erklärt, dass wegen meiner bösen Ichsucht (meine gute Ichsucht ist bedauerlicherweise gerade ohnmächtig geworden) ich nichts verstehe und dass das schade sei – nicht, weil ich an böser Ichsucht laboriere, sondern du – ja: du! – genau so, Sie sowieso, und er dahinten am Monitor schon lange: nämlich schlichtweg wir alle verstehen keinen Deut von dem, was die Erde erfleht!
Nun: wenn das so ist: wozu dann dieses Gedicht? zurück
Soweit kommt es noch, dass wir den Lauf der Erde kehren, die Sonne plötzlich im Westen aufgeht: da mache ich nicht mit; außerdem gibt es sehr alte Quellen, die von einem solchen Ereignis aus frühester Zeit berichten – dazu hat es uns schon damals nicht gebraucht! Zudem hätte diese Kehrtwendung genau so wenig oder viel Zukunft wie in der anderen Richtung, da die dunkle Erdenfalle überall lauert!
Dass hier offenbar so etwas wie »Sachzwänge« oder »Lauf der Dinge« gemeint sein soll, ist mir bewusst: nur kommt in dem Gedicht außer den Springfischen keinerlei Bewegung vor: Es ist ein genießendes Stillestehen; das einzige, das sich vielleicht bewegen könnte (wegen dem »Halt!«) könnte die dunkle Erdenfalle sein, was immer sich dahinter verbirgt. Mit anderen Worten: diese Strophe hat keinerlei Bezug mehr zu den vorherigen, sie braucht die vorhergegangenen überhaupt nicht. Mir geht es genau so. zurück
Soso: wir sollen die Erde ehren, weil wir sie nur gemietet haben? Von wem denn? Und zu welchem Preis? Doch selbst wenn wir sie gemietet hätten: ehrt jemand eine Mietwohnung mehr als eine Eigentumswohnung? Ein Leihbuch mehr als das eigene? Einen gemieteten Partner mehr als den »eigenen«? Aber wozu die Grübeleien: wir verstehen doch sowieso nur Flughafen: also ab nach Proll-Mallorca zu den Sangria-Eimern: ehren wir die Erde auf die Weise, die sie gern hat! zurück

Textkritik: Zweifel – Prosa

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Wenn man eine Frau kennen lernt, dann hat sie etwas Neues, Unberührtes und Geheimnisvolles. Ihre Seele ist wie ein zugefrorener See, bei dem die Eisschicht die Sicht auf den Grund verwehrt. Und ihr Körper ist wie ein verpacktes Geschenk. Man kann den Inhalt anhand der Maße und des Gewichts abschätzen, aber was wirklich drin steckt, bekommt man erst zu sehen, wenn man das Papier entfaltet.
Ich hatte sie vor zwei Wochen zum ersten Mal gesehen und jetzt lag sie auf meinem Bett. Sie sah sehr gut aus, wie sie da lag. Ihre Haare waren auf dem Kissen ausgebreitet. Ich kniete neben ihr und sah sie an. Wir hatten unsere Kleider noch an. Keiner sagte etwas. Ich versuchte alles zusammenzutragen, was ich bisher von ihr wusste, und es zu beurteilen. Vermutlich tat sie das Gleiche. Der Haken an der Sache war: Man wusste nie, ob ich man jemanden schon genug kannte, um es zu riskieren. Sich darauf einzulassen, verletzt zu werden, ist eine gefährliche Sache. Andererseits schlummerten vielleicht Dinge in dieser neuen Frau, die man gar nicht wissen wollte.
Ich war mal mit einer Krankenschwester zusammen. Ich liebte sie sehr und sie mich auch. Eines Tages, wir waren gerade ein Jahr zusammen, erzählte sie mir, dass sie vor vier Jahren beinahe vergewaltigt worden wäre. Die Geschichte erhielt für sie eine ganz neue Bedeutung, als sie herausbekam, dass der Täter ein Saufkumpan ihres Vaters war. Ihr Vater hatte das Leben seiner Tochter genau vorgeplant. Und in seinem Plan war Entjungferung im Alter von 16 fällig und zwar mit einem Mann seiner Wahl. Ich war schockiert. Und ich war mir um so deutlicher ihrer Liebe bewusst. Sie hatte mir die schlimmste und intimste Geschichte Ihres Lebens erzählt und mir somit ihr uneingeschränktes Vertrauen gezeigt. Kurze Zeit später trank sie sich auf einer Party einen an und erzählte die Story einem Typen, der zufällig neben ihr saß.
Die Frau, die auf meinem Bett lag, war schwer zu beurteilen. Sie war wunderschön. Von einer gewissen Perspektive aus. Sie schminkte sich nicht und sie trug keine allzu femininen Kleidungsstücke. Dem Anschein nach hatte sie allerhand gelesen. Von früheren Beziehungen sprach sie kaum und im Moment lag sie einfach nur da. Das einzige Aktive an ihrem Körper waren ihre Augen. Sie versuchten in meinem Gesicht zu lesen. Sie wartete offensichtlich auf einen ersten Schritt von mir. In mir kämpfte der Wunsch das Geschenk auszupacken, den Inhalt zu befühlen, daran zu schnuppern und schließlich an der richtigen Stelle hineinzubeißen. Andererseits hatte ich keine Lust alles alleine zu machen.
Vor einiger Zeit saß ich in einer warmen Sommernacht in einem Studentencafé mit nichts als einem Feuerzeug und einer vollen Schachtel Zigaretten. Vier Stunden und 15 Zigaretten später öffnete ich einer neuen Bekanntschaft die Beifahrertür meines Wagens. Ich war unerfahren und fühlte mich auch so, denn sie wusste genau was sie wollte. Sie lotste mich zu ihrer Wohnung, führte mich in ihre Dusche und gab mir Seife und ein Handtuch. Als ich aus der Duschkabine trat, stellte ich fest, dass sie meine Kleider mitgenommen hatte. Ich wickelte mir das Handtuch um die Hüfte und trat in den Flur. Sie rief mich aus dem Schlafzimmer. Ich betrat den Raum, in dem ein riesiges Bett stand und einige Kerzen brannten. Sie trug nur noch einen seidenen Slip und einen knappen Büstenhalter. Ich staunte so sehr über die Situation, mich und sie, dass ich nicht in der Lage war, abzuschätzen, wie das hier weitergehen würde, obwohl es offensichtlich war. Ich setzte mich aufs Bett. Sie kicherte und ihre Hände bewegten sich flink auf ihrem Rücken und öffneten den BH-Verschluss. Ich atmete ein und aus und dann hatte sie auch den Slip ausgezogen. Im Gegensatz zu den meisten Frauen sah sie ohne Kleider noch schöner aus. Ich bekam große Zweifel. Sie kannte mich nicht. Ich war nicht schön. Also ging sie mit jedem erstbesten Typen ins Bett. Die Vorstellung verschlang nicht viel geistige Energie. Dennoch spürte ich, wie all das gestaute Blut aus meinen Schwellkörpern wich und sich in meinem Kopf sammelte. Ich brachte es in dieser Nacht nicht und am nächsten Morgen warf sie mich ohne weitere Worte aus ihrer Wohnung.
»Was denkst Du gerade?« fragte sie mich. Ich veränderte meine Position auf dem Bett. So oft ich diese Frage schon gehört habe, ich war nie darauf vorbereitet. Ich hatte mir keine clevere Antwort zurechtgelegt, die ich freundlich lächelnd präsentieren konnte. Deshalb dachte ich darüber nach, was ich wohl erklärtermaßen denken konnte. Bilder von hungernden Kindern gingen mir durch den Kopf, Jesus am Kreuz, eine Wiese voller Pusteblumen. In Ermangelung brauchbarer Alternativen versuchte ich Zeit zu gewinnen: »Was glaubst Du?« »Ich habe zuerst gefragt,« beharrte sie.
Zwei Jahre zuvor hatte ich starke Schmerzen. Ich konnte nichts essen und beim Pinkeln brannte es. Nierensteine attestierte mir eine praktische Ärztin. Obwohl ich ihr sagte, dass ich einiges an Schmerzen aushalten konnte, verschrieb sie mir ein starkes Mittel. Ich legte das Rezept auf meinen Nachtisch und mich zu meiner damaligen Freundin ins Bett. Mitten in der Nacht wachte ich auf, weil ich Glassplitter im Magen hatte. Jedenfalls fühlte es sich so an. Ich brauchte das Schmerzmittel. Mit zitternden Fingern wählte ich die Notrufnummer. »Welche Apotheke hat heute Nachtdienst?« – »Keine Ahnung«. Meine Freundin liebte mich sehr. Meine Schmerzen spiegelten sich in ihrem hübschen Gesicht wieder. Ich drückte ihr meinen Autoschlüssel und das Rezept in die Hand. Eine Stunde später war sie wieder da. Mit dem Schmerzmittel. Ich hatte mir in der Zwischenzeit die Unterlippe zerbissen. Obwohl ich die doppelte Dosis schluckte, konnte ich nicht schlafen. Sie lag in Löffelposition hinter mir und hatte ihre Arme um mich geschlungen. Von hinten streichelte sie meine Brust. Am nächsten Morgen diagnostizierte mir ein anderer Arzt eine akute Blindarmentzündung und einen weiteren Tag später lag ich in einem Krankenhausbett und mein Blinddarm im Müllcontainer. Als meine Freundin mich zum ersten Mal besuchte, brach sie spontan in Tränen aus. Die Infusionen und der Schlauch, der aus der Operationsnaht heraus zu einem Beutel mit Blut und Sekret führte, machten ihr Angst. Nach meiner Entlassung aus dem Krankenhaus stritten wir uns oft. Eines abends, als wir nebeneinander im Bett lagen, fragte sie mich, was zwischen uns nicht stimme. Ich wusste es genau und ich sagte es ihr. Ich sah sie nach diesem Abend nur noch ein einziges Mal, als ich einige Kleidungsstücke aus ihrer Wohnung holte. Meine Antwort hatte wahrheitsgemäß gelautet: »Du liebst mich und ich habe Dich nur gern«.
Ich atmete tief ein. Sie hatte zuerst gefragt und ich stand nun vor der Wahl, ob ich ihr das sagen würde, was sie hören wollte. Das hieße eine Lüge mehr auf meinem Kerbholz und im Gegenzug einen Punkt mehr auf meiner sexuellen Highscoreliste. Oder ich konnte ihr sagen, dass ich nicht so recht wusste, ob ich schon soweit war. Ich entschied mich für Letzteres und ignorierte damit meine allen Zweifeln zum Trotz vorhandene Erektion. Sie setzte sich auf und griff nach meinen Händen. Sie hatte ihre Augen keinen Moment abgewandt. »Doch«, sagte sie, »Du bist soweit«. Sie kannte mich kaum und ich hoffte, dass sie Recht behalten würde.

© 2001 by Deef. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

So soll es sein: eine amüsant-spannende, gut komponierte Erzählung!
Diesen Text habe ich sehr gerne gelesen und gerne redigiert:
Gerne gelesen, denn ich war neugierig auf all die Erlebnisse des Protagonisten, aus denen er vergeblich Schlüsse zu ziehen versucht! Er trägt zusammen, was er von ihr weiß? Nichts da: Er trägt seine Erinnerungen zusammen, voller Zweifel, ob er dieses Mal wohl das Richtige macht! Und ob es das Richtige war – darüber erfahren wir nichts;
Gerne redigiert: Denn nur Kleinigkeiten sind es, an denen gefeilt werden muss!

Die Kritik im Einzelnen

Das ist allerdings ein Problem: was steckt im Inhalt? Das Ding an sich, quasi die Idee Inhalt? Gemeint ist doch wohl, dass im Geschenk etwas steckt, genauer: dass sich tatsächlich etwas unter der Verpackung verbirgt. Sollte dieser Satz überleben dürfen, würde ich folgendermaßen streichen:
Man kann den Inhalt anhand der Maße und des Gewichts abschätzen, aber zu sehen bekommt man ihn erst, wenn man.zurück
Hier wird es schwierig: vielleicht sollte das Geschenk besser ausgepackt sein (also Perfekt), bevor man den Inhalt erkennen kann; Menschen tragen – je nach Jahreszeit – verschiedene Schichten von Verpackung. Aber eigentlich möchte ich etwas ganz Anderes:
Ich plädiere dafür, diesen Absatz vollständig zu streichen! Weder weckt er Interesse, noch hat er etwas mit dem anschließenden Verhalten des Zweiflers zu tun; dieser Absatz könnte vortrefflich als Einleitung dienen in das tot getrampelte Kitsch-Thema »Rätsel Frau«, doch das wird zum Glück nicht behandelt! Also nochmals: ersatzlose Streichung des ganzen ersten Abschnittes; die Erzählung gewinnt dadurch nur, z.B. eine klare Rondo-Form (Jetzt – Damals – Jetzt – Damals – Jetzt – Damals – Jetzt). zurück
Sie sah aus, ich sah sie an: zur Abwechslung vielleicht ich betrachtete sie? zurück
Als ich dieses noch zum ersten Mal gelesen habe, musste ich laut auflachen: großartig, wie viel an Erwartung und Hoffnung und Scheu in diesem kleinen Wort versteckt wurde: da muss keine Absicht, kein Wunsch, kein Verlangen artikuliert werden: Wir hatten unsere Kleider noch an – das ist einfach genial! zurück
Das sollte um es zu beurteilen heißen, schließlich ist Zusammentragen und Beurteilen nicht eine einfache Addition von Tätigkeiten, sondern das Zusammentragen dient einzig und allein dem Zweck, das Ergebnis zu begutachten. zurück
Hat Ich das nötig, sich hinter man zu verstecken? Aber nicht die Bohne! Weg also mit diesem und dem nächsten man – neben dem ist sinnig-irrtümlicherweise sogar noch ein ich vorhanden! – her mit dem Ich! zurück
Jetzt wird es heikel: was zu riskieren hat Ich Bedenken? Gedanklich etwas zu beurteilen birgt lediglich das Risiko, sich zu irren – und das ist völlig ungefährlich, solange der Irrtum brav in den eigenen Hirnwindungen furiert (? untauglicher Versuch, Furore-Machen in ein starkes Verb zu wandeln; wo aber kann ich üben, wenn nicht hier?)! Das Risiko beginnt erst, wenn jemand mit seinem Urteil andere irrtümlich verletzt; doch Ich hat Angst, selbst verletzt zu werden: das kann aber weder mit der Beurteilung noch mit ihrer Äußerung etwas zu tun haben!
Hier fehlt ein Zwischenschritt, den nur der Autor selbst setzen kann! zurück
Es gilt auch hier: persönlich bleiben, also das Ich betonen; das man zum Teufel schicken! zurück
Dieses mal ist Umgangssprache; bisher hatte ich nicht den Eindruck, als wolle sich der Text bewusst auf dieser Ebene bewegen; die Sprache wird lediglich einfach gehalten; deswegen empfehle ich wieder einmal einmal (statt mal) zurück
Im vorvorletzten Abschnitt hatte der Protagonist das beurteilen wollen, was er an Wissen von der Frau zusammengetragen hatte; hier wird die Frau selbst zum Objekt seiner Beurteilung! Für mich ist das nicht dasselbe, nicht einmal das gleiche. Entweder präsentiert Ich hier das Ergebnis seiner Beurteilung, oder er tut etwas ganz Anderes, indem er beispielweise die Frau einschätzt. zurück
Auch hier bitte ich um etwas Hochsprachliches: allein – Danke! zurück
Wie lange ist vor einiger Zeit? Umfasst das mehrere Jahre? Mindestens zwei Sommer müssten verstrichen sein, damit das Folgende Sinn macht. Ich würde kürzen und ändern, um auch das doppelte in zu eliminieren:
Während einer warmen Sommernacht saß ich einmal in einem Studentencafé. Einmal ist unbestimmter als vor einiger Zeit. zurück
Mir gefällt das und zwischen den flinken Fingern und dem BH-Verschluss nicht: die Absicht der Kichernden war doch, ihren BH auszuziehen, und nicht, ihre Fingerfertigkeit auf ihrem Rücken zu demonstrieren! Warum also soll sie nicht schlicht kichernd und mit flinken Fingern ihren BH-Verschluss öffnen? zurück
Was jetzt folgt, sind keine Zweifel, sondern es ist eine Schlussfolgerung angesichts des eigenen Mickertums; der Protagonist hätte Zweifel bekommen können, ob die Fingerflinke tatsächlich ihn meint oder nicht doch eher sein Gemächte, aber dann hätte er zuvor überzeugt sein müssen, dass sie ihn meint; darüber ist im Text jedoch nichts zu finden. Hier tut Überarbeitung Not! zurück
Was heißt an dieser Stelle erklärtermaßen? Nichts ist von ihm gesagt (erklärt) worden, sondern er denkt nach; was denkt er nach? Er denkt nach, was er denken konnte; das wiederum geht grammatisch nicht: Flinkfingers Frage ist vorbei, und desgleichen der Zeitpunkt, an dem er etwas gedacht haben könnte. Heißen könnte es richtig zum Beispiel:
Deshalb dachte ich darüber nach, was ich passenderweise hätte gedacht haben können. zurück
Mir ist nicht bekannt, was der Protagonist als Nachtisch zu sich zu nehmen pflegt, ich glaube aber nicht, dass Rezepte dazu gehören. Könnte es sein, dass hier ein kleines t heimtückisch-heimlich sich auf und davon gemacht hat? Ein Nachttisch als Ablage für Rezepte dagegen deucht mich ein vernünftig Ding! zurück
Es ist nicht wahr, dass der Protagonist seine Erektion ignorierte, denn erstens hat er sie ja gespürt und zweitens hätte ihm ein Ignorieren keinen Vorteil gebracht, schließlich war er nicht allein; was er aber getan hat: er hat sie offen verleugnet gegenüber dem Frauenzimmer auf seinem Bett! Und das muss er jetzt büßen. zurück

Textkritik: Die gedroschene Welt – Lyrik

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Die gedroschene Welt liegt vor mir,
bereit um aus ihr Bilder zu mahlen,
bereit um aus ihr Leben zu backen.

Doch:
Es fehlen Farbe, Mühle, Atem und Herd.

Die gedroschene Welt liegt vor mir,
und wäre schöner gewesen,
wäre sie am Halm geblieben!

© 2001 by Elisabeth Mittag. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Mensch Elisabeth, schreibe bloß weiter!
Behutsam wird mit den sprachlichen Mitteln umgegangen, Gefühle werden nicht aufgedrängt, sondern dürfen sich entwickeln, ein ausgeprägtes Gefühl für den Zusammenhang von Form und Inhalt ist zu spüren – und wenn man wie ich dann noch weiß, dass die Autorin 17 Jahre alt ist: dann kann man nur noch staunen und gratulieren und hoffen:

Die Kritik im Einzelnen

Das versteckte Partizip »bereit (seiend)« bezieht sich grammatisch logisch auf gedroschene Welt, was zur Folge hat, dass das Vorhaben des lyrischen Ichs, nämlich aus der Welt Bilder zu mahlen, dieser Welt als Absicht unterschoben wird: dann müsste der folgende Satz eine passivische Konstruktion haben: bereit zu Bildern gemahlen zu werden.
Das aber klingt ausgesprochen hässlich und ist zudem falsch, denn schließlich will das lyrische Ich aktiv werden! Zudem fehlte der Gleichklang mahlen-malen: gemahlen-gemalt liefert nicht die gleichen Kopfbilder. Ich würde empfehlen, bereit beide Male zu streichen; die unmittelbare Nähe der Absichtserklärung um aus ihr (…) zu mir würde die immer noch vorhandene Anbindung an gedroschene Welt abschwächen – sie schwänge gewissermaßen nur noch mit: das lyrische Ich will es so, und auch die Welt will es so. zurück
Dieses Doch kriegt ein ungeheures Gewicht, da es völlig allein und gleichzeitig vor der längsten Textzeile steht – das will aber nicht zu dem resignativen dritten Abschnitt passen. Entfiele der dritte Abschnitt ganz (was ich mir durchaus vorstellen könnte), wäre ich uneingeschränkt einverstanden. So aber empfehle ich ein Anpassung an die Vorgaben des ersten Abschnittes: Doch fehlen Farbe und Mühle, / Atem und Herd. Das zweifache und hat seine Entsprechung in dem zweifachen zu, denn es verbindet die Substantive wie das zu die Elemente der Infinitivkonstruktion. zurück
Das Komma nach vor mir ist in diesem Abschnitt falsch (nicht, dass sich Autoren unbedingt nach den Regeln richten müssten – iwo! Aber entsprechende Änderungen müssten ganz bewusst gesetzt sein, und das erscheint mir hier fraglich) und wohl darauf zurückzuführen, dass die erste Zeile hier wiederholt wird. Das Komma aber könnte bleiben, finge die folgende Zeile nicht mit und an, sondern mit sie; dadurch ergäbe sich eine Überkreuzstellung der Zeilenanfänge: sie wäre … gegenüber wäre sie …, was wiederum den Kontrast verstärkte zu dem absoluten Paralleleismus am Ende des ersten Abschnitts. Zusammengefasst ergäbe sich folgender Verbesserungsvorschlag:

Die gedroschene Welt liegt vor mir,
um aus ihr Bilder zu mahlen,
um aus ihr Leben zu backen.

Doch fehlen Farbe und Mühle,
Atem und Herd.

Die gedroschene Welt liegt vor mir,
sie wäre schöner gewesen,
wäre sie am Halm geblieben!

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Textkritik: Mühlenmäuse – Lyrik

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Unten in der alten Mühle
traf sich in des Kellers Kühle
die gesamte Mäusemeute
zu verteiln die fette Beute

Wüst wars da in dieser Runde,
stritten sie die dritte Stunde,
wem wie viel von diesem Specke
ohne Unverschämtheit schmecke.

»Räuberratte! – Mehlbenässer!
Mietzenkrauler! – Köttelfresser!«,
solche und noch andre Namen
gaben hier den Umgangsrahmen.

»Nichts kriegst du, du Spitzmausfratze!
Hol dich Raul, die fette Katze!«
Pautz. Bei dieser frommen Bitte
landet Raul in ihrer Mitte

»Wenn schon: Kater! -« murrt er strenge
in die angsterstarrte Menge,
»Hab euch Kleinen zugehört,
denk doch, dass das niemand stört?«

Schleunig schütteln alle Mäuse
zugleich ihre Hirngehäuse.
»Sicher wollt ihr nicht mehr streiten«,
raunt er rings nach allen Seiten,

»drum, wenn alle einig wären,
würd ich mich bereit erklären,
dieses Speckstück für einstweilen
mitzunehmen und verteilen,

später, an der Mühlbachquelle.
Außer, jemand ist zur Stelle
sich dagegen zu erfrechen
möcht ihn dann alleine sprechen.«

Heftig schütteln da die Mäuse
aus dem Kopfhaar ihre Läuse.
»Gut«, sagt Raul , »ich muss dann weiter«,
packt den Speck und rauf die Leiter.

Nach der ersten kurzen Pause
Jubel, Trubel, Mäusesause.
Wie die Kleinen da frohlocken,
tanzen, aufeinander hocken,

und die Mäuse, einer Meinung,
gratulieren zur Entscheidung
ihren Streit so schlau zu enden,
sich an Raul, die Katz, zu wenden.

© 2001 by Zero. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Eine gelungene politische Fabel, die stellenweise eine erfreuliche sprachliche Leichtigkeit erreicht.
Deutlich wird aber auch, welch Arbeit und Leistung hinter und in den Versen eines Busch oder Heine oder Gernhardt stecken muss, denn die lesen sich immer so selbstverständlich federleicht, als könne das jeder. Werch ein Illtum!
Ein Wort noch zu Fabeln überhaupt: Eigentlich waren Fabeln immer politisch; Lehren zu moralischem Nutz und Frommen der Jugend wurden erst seit dem 18. Jahrhundert aufgepfropft, und zwar wortwörtlich: sie wurden ausformuliert hinter die Fabel gestellt, etwa zu der Fabel vom Storch und dem Schwan, wo der Schwan seinen Gesang angesichts des Todes dem Storch so begründet: er werde in einen Stand treten, wo er weder dem Hunger noch der Verfolgung länger ausgesetzt sei.
Das war schon bei Äsop politisch gemeint: Die Zensur und Verfolgung von Künstlern und politisch Andersdenkenden oder Aufmüpfigen war normal, auch noch im letzten Jahrhundert (dem 20.). Was muss das in Äsops Fabel für ein Staat sein, in dem Menschen sich über den Tod freuen?
Die aufgepfropfte Nutzanwendung zur obigen Fabel: Lehre. Der Tod ist die gewisse Befreyung von allen Beschwerlichkeiten, Leiden und Gefahren des Lebens. Prima: haltet die Klappe, denn das Leben ist ein Jammertal! Bezeichnenderweise leitet Richardson seine Fabelsammlung mit folgenden Worten ein (in der Übersetzung vom alten Lessing): Sittenlehre für die Jugend in den auserlesensten äsopischen Fabeln, mit dienlichen Betrachtungen zur Beförderung der Religion und der allgemeinen Menschenliebe. (Kinder- und Jugendliteratur der Aufklärung, Reclam 9992, S. 242/243)
Belehrende und moralische Gedichte werden auch heute noch in Massen hergestellt. Ich freue mich, dass Zeros Fabel nicht dazu gehört!

Die Kritik im Einzelnen

Das ist zu flach: es war da nicht wüst, sondern wüst ging es zu: hier ist action angesagt! Vorschlag: Wüst gings zu in dieser Runde. zurück
Da es schon längere Zeit wüst hergeht, würde ich das sie durch ein schon ersetzen. zurück
Die Frage ist nicht, wie viel jede Maus vertilgen kann, sondern vertilgen soll: jeder schmeckt sicher alles. Kleine Verbesserung (Wozu gibt es schließlich Reimlexika? Z.B das Standardwerk von Steputat bei Reclam – inzwischen sogar als CD-Rom erhältlich, oder »Das große Reimlexikon« von Günter Pössinger, Heyne-Ratgeber 5102.) für die ganze Strophe: Wüst gings zu in dieser Runde,/stritten schon die dritte Stunde,/wer wie viel von diesem Specke/ohne Unverschämtheit schlecke. zurück
Gut an dieser Stelle: der Zeitenwechsel vom Präteritum zum Präsens! Denn jetzt wird es wohl richtig Katz-Maus-dramatisch! zurück
Auch hier habe ich nur kleine Verbesserungsvorschläge anzutragen die Ehre: schleunig beschreibt nur das Tempo, in dem die Mäuseschar willfahrt: eifrig würde auch den Opportunismus ins rechte Bild rücken; zugleich hat den hochsprachlichen Ton auf der zweiten Silbe, müsste hier also gegen den natürlichen Sprachrhythmus betont werden; das wäre durchaus möglich, wenn hier etwas Unerwartetes geschieht, der (wissend-aufmerksame) Leser also auch durch die Form darauf aufmerksam gemacht würde. Das aber ist inhaltlich nicht der Fall: der Mäuse Gehorsam ist fraglos. Verbesserungsvorschlag: Schleunig schütteln alle Mäuse/eifrigst ihre Hirngehäuse. zurück
Die herrschaftliche Großzügigkeit des Katers würde deutlicher, wenn er sich bereit erklären könnte, statt es gleich zu tun; für einstweilen hat etwas Unherrschaftlich-Umgangssprachliches, und die angehängten Infinitivkonstruktionen sind grammatikalisch brüchig. Vorschlag: drum, wenn alle einig wären,/könnt ich mich bereit erklären, dieses Speckstück hier einstweilen/mitzunehmen und zu teilen.
Kleines inhaltliches Problem dabei: teilen und verteilen meinen nicht das Gleiche; doch schließlich ist es nur ein Vorschlag, der möglichst viel der Vorlage bewahren soll. Und es ist auch nicht mein Gedicht! zurück
Muss der Großherzog Kater so deutlich werden? Ist es für ihn tatsächlich im Bereich des Möglichen, dass ein Maus auch nur Piep macht? Ich finde es angemessener, wenn Raul seine arrogante Selbstsicherheit genüsslicher zur Schau stellte. Auch hier ein Vorschlag, wobei die Zeile mit dem viel zu empörten erfrechen vollkommen ersetzt wird: Außer, jemand wär zur Stelle,/meinen Vorschlag abzuschwächen./Würd ihn gern alleine sprechen…
Die unausgeführten Punkte am Ende gehörten unbedingt dazu: so ein Angebot muss wirken können! zurück
Nach packt den Speck ist eine Unterbrechung notwendig, denn die Satzkonstruktion wird verlassen: Raul sagt und packt, dann aber fehlt das Verb nach dem folgenden und : Vorschlag: packt den Speck – und rauf die Leiter. zurück
Ich finde die doppelte Tatsachenverdrehung vergnüglich: die Mäuse bleiben trotz Rauls Ermahnung stur bei Katz, andererseits aber tun sie so, als sei alles nach ihrem Wunsch und Willen bestens geregelt worden. zurück

Textkritik: Stimmen im März – Lyrik

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Schick das Dunkel ins Licht! –
Reiß die Bleiche vom Himmel! –
Die Kristalle wollen sterben
Erlöse sie!

Zünde den Regenbogen!
Ich will aufbrechen
Ins Blütenfeuerwerk

Worauf wartest Du?
Umarme mich! –

© 2001 by Hagen von Sendling. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Ist das eine Parodie? Sollen hier die üblichen Frühlingsgefühle gekippt werden? Oder ist das unfreiwilliger Humor, weil die völlig überzogenen Bilder eigentlich tiefernst gemeint sind? Ich vermag das nicht zu entscheiden, denn mir fehlt eine zweite Stimme, die die Überschrift doch nahe legt: die müsste in einer einzeiligen (um die Form zu wahren) Schluss-Strophe zu Wort kommen und könnte antworten: »Nein Danke!« Dann hätte dieses Gedicht die Lacher auf seiner Seite und alle Brillen verdient!
So aber? Das Gedicht hat durchaus etwas für sich in seiner Reduktion auf wenige Elemente: die abnehmende Zeilenzahl, die Befehle, die Gedankenstriche, die lautliche Gestaltung (schick-ins-Licht; reiß-bleich…), die kaputten Bilder. Es könnte als Liebesgedicht gelesen werden angesichts des dräuenden Frühlings: in mir ist es so finster und der Himmel ist so bleich: umarme mich, Liebste(r), damit ich meine Starrheit verliere und meine Gefühle explodieren können; es könnte als Frühlingsgedicht gelesen werden: liebe Sonne, wärme ich, damit ich nach dem langen dunklen Winter vom Schnee befreit werde (vom Eise befreit sind …) undsoweiter undsoweiter undsoweiter ad libitum.
Ich werde vorsichtshalber nur eine Brille vergeben: wegen dem Handwerklichen, und weil ich eben nicht weiß, ob das Handwerkliche versehentlich ein ernst gemeintes Gedicht verhunzt hat oder ob die Verhunzung gewollt war.

Die Kritik im Einzelnen

Dieser Befehl hat es aber auch so was von in sich! Sollte jemand tatsächlich gehorchen, würde er sein schwarzes Wunder erleben: schließlich geht das Licht dabei elendig drauf, das Dunkle wird es mit einem Happs verschlucken – und es wird schön finster werden; denn da wieder einmal der Kitschkampf Lücht gegen Fünsternüs (oder umgekehrt) beschworen wird, muss leser davon ausgehen, dass der Befehlsgeber ein Anhänger der dunklen Seite der Macht ist (möge sie nicht mit ihm sein), schließlich erteilt er einen Mordauftrag – gegen wen auch immer: das Licht wäre in jedem Falle ausgerottet. Der anschließende Gedankenstrich lässt hoffen, dass der Befehlsgeber noch heute vergeblich auf einen willfährigen Dummkopf wartet! zurück
Fein: es hat sich kein Dummkopf gefunden, jetzt beruhigt sich der Oberbefehlshaber und startet einen zweiten Versuch: die Bleiche soll vom Himmel! Frage: wie kommt die dahin? Was will die da? Ich kenne Bleiche nur als den Ort, auf dem man frisch gewaschenes Linnen auslegt, damit die Sonne (statt dem weißen Riesen) für das weißeste Weiß unser aller Leben sorgt!
Oder ist damit so etwas wie Farblosigkeit gemeint, so eine Art leichte Leichenbleiche? Dann sollte es aber das Bleiche heißen (Ha: wozu habe ich einen Duden? Augenblick: Blei, Bleiasche  – nanu: brennt das denn? – , Bleibe, bleiben, Bleiberecht, bleich, Bleiche: die; – tja, aber das ist wieder die Persil-Konkurrentin). Egal. Mit dem Duden kommt man keinem Text auf die Spur!
Reiß die Bleiche vom Himmel – das könnte sogar ein bleiches weibliches Wesen sein, dass aus unerfindlichen Gründen am Himmel herum turnt. Wie auch immer: Auch hier redet der Oberbefehlshaber gegen eine Wand, denn wieder folgt ein Gedankenstrich, und wieder erneuert sich Leser-Hoffnung, dass kein Trottel sich finden möge, diesen unverständlichen Befehl auszuführen – denn der muss schief gehen! zurück
Der General ist unzufrieden mit seinem immer offener zutage tretenden Autoritätsverlust, versucht es jetzt auf der menschlich-esoterischen Schiene und wirbt um Verständnis: angeblich hat er davon Kenntnis erlangt, dass Kristalle sterben wollen (was Salzkristalle angeht: kein Problem, denn Sterben ist ihr ureigenster Zweck, dafür sind sie dann das Salz in der Suppe! Welches Kristall kann das schon von sich sagen? Selbst die Schneeflocke schmilzt hier beschämt vor sich hin!), und jetzt soll so ein Erlöserheini die Kristalle erlösen:
Erlöserheini: General, melde gehorsamst: kann Befehl nicht ausführen!
General: Was fällt Ihnen ein?
Erlöserheini: General, wünschen Sie, dass ich die Kristalle von ihrem Todeswunsch erlöse, oder wünschen Sie, dass ich die Kristalle in die Suppe werfe?
General: Welche Suppe?
Erlöserheini: Mit Verlaub: die symbolische, damit die Kristalle sich auflösen, also symbolisch sterben können!
General: Frechheit, ich lehne Suppen in jeder Form ab! Führen Sie unverzüglich den Befehl aus!
Erlöserheini: Wie Sie wünschen! (erlöst den General).
Die erste Strophe ist beendet; der Ton ist ziemlich gewalttätig und herrisch, der Inhalt trägt in seiner Verrücktheit parodistische Elemente; der Titel »Stimmen im März« deutet auf vorzeitigen Vorvorfrühling hin, und die Stimme (ich erkenne in dieser Strophe nur eine) ist ganz allein (siehe Gedankenstriche). zurück
Zünde die Bombe! Der Befehlston bleibt, unser General ist zunehmend verwirrt: jetzt sieht er schon einen Regenbogen als bedrohlich an und will ihn wegsprengen: erst hat er Angst vor dem Licht, dann vor irgendeiner Bleiche (schließlich liebt er Fünsternüs nur pur), dann vor lebendigen Kristallen, jetzt soll der Regenbogen dran glauben! zurück
Warum soll der Regenbogen gesprengt werden? Weil unser undichter General aus lauter Angst vor Licht in ein Blütenfeuerwerk aufbrechen will? Das leuchtet mir nicht ein! Zwar kann ich mir vorstellen, dass ein explodierender Regenbogen Farbsplitter versprüht: aber was will unser Licht-und-Farben-Hasser in einem Blütenmeer? HErr, errette mich aus dieser Fünsternüs! (HErr: Nix is!)
Die zweite Strophe findet ihr unrühmliches Ende, sie weist eine Zeile weniger auf, und es gibt nur noch einen sinnlosen Befehl, den wohl auch niemand befolgt, wie der Gedankenstrich am Ende zeigt! zurück
Ich denke ja nicht im Traum daran, so jemanden zu umarmen! So ein Nichtsnutz soll sichs gefälligst selbst besorgen. Er darf auch gerne seine absurden Befehle ausführen – ohne mich, und laber mich gefälligst nie mehr an! zurück

Textkritik: ein lachtraum – Prosa & Lyrik

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aus meinem verlorenen kopf wachsen kerzen gedachte dochte blicken zündschnurfunken nur funken über glatte flammen wachs weiß tropft weiche windungen entlang und vergessene pfade erwachen oder erwecken nervenauswüchse vor jahren überwuchert von allen tagen zugewachsen, überwacht. ausgelacht

heute nur noch den wachsmantel schmelzen
nein, schmunzeln
kaum aufgewacht, ein lachen
oder doch ein lachs – ein laichender lachs stört – ein stör laicht kaviar – kaviar ist rund
das ist ganz leicht
ein lächeln wächst auf meinem mund!

© 2001 by la kritzolina. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Mir gefällt dieser Text! Es hat mir Vergnügen bereitet, den diversen Assoziationen und Assoziationsmöglichkeiten nachzuspüren. Am Ende (und nicht nur da!) wuchs ein Lächeln auf meinem Mund. Das ist Unterhaltung im guten Sinne!
Dieser Text erinnert mich an die assoziativen Schreibversuche aus den 50ern (das ist beileibe keine Abwertung!). Automatisches Schreiben (man versucht festzuhalten, was einem im Kopf herumspukt, Bilder, Gerüche, Wörter, Gefühle – und wenn einem das Hirn dazwischen funkt, man also nicht weiß, was man schreiben soll, muss man Wellenlinien ziehen Zeile um Zeile) führt immer noch zu erstaunlichen Ergebnissen, die allerdings – wie immer – bearbeitet werden müssen. Hier allerdings sind die Assoziationen nicht zufällig:
Dieser Text – nicht Prosa, nicht Lyrik – ist durchgearbeitet. Zu Lyrik gehören die lautlichen Gestaltungen wie Homonyme (stört – Stör, wachsen – Wachs, leicht – laicht), Gebilde wie (ge)dachte – dochte; Endreime (rund – mund) und Stabreime (lachen – lachs – laichen), Alliterationen (wachs weiß . weiche windungen); zur Prosa zählt gewiss der erste lange Abschnitt.
In seiner äußeren Form bildet dieser Text das Aufwachen ab: Im ersten Abschnitt noch (traum)verloren, holt »Wirklichkeit« die aufwachende Erzählerin ein: sie plant, was sie heute noch erledigen muss, dann kippt sie wieder zurück usw.

PS: Wer schon andere Kritiken von mir gelesen hat, der wird vielleicht zu wissen glauben, dass ich prinzipieller Gegner des Kleinschreib sei: dem ist nicht so! In diesem Text hat das eine positive Wirkung, da die Ähnlichkeit mancher Wörter auch optisch nicht durch Großschreibung gestört wird: Und mit gerade diesen Ähnlichkeiten wird gespielt. Nein: Hier stiftet Kleinschreibung Sinn!

Die Kritik im Einzelnen

Entfällt! Man kann über Assoziationen nur wenig streiten: Einem kommen sie zu gewollt vor, manchen wird der Text zu gemacht erscheinen, manche werden nichts damit anfangen können. Ich selbst bin mir an manchen Stellen auch unsicher, und nur deswegen vergebe ich keine 5 Brillen – aus Feigheit!

Textkritik: Die Rolltreppe – Prosa

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Es war ein leichtes Streicheln an ihren Innenschenkeln, ein fast unmerkliches. So, als ob eine Fliege vorsichtig auf nackter Haut auf ihnen empor tapse.
Ein leises angenehmes Kitzeln, das von unten in ihre Sinne drang, während von oben raue Wahrnehmungen dagegen tackerten. Hautköpfe, Haarbüschel, Buntjacken, Aktenkoffer. Menschen überholten Schandra links, während sie rechts auf den silbrigen, ineinander gleitenden Ritzen stand, eine Hand auf dem mitfahrenden kalten Gummi.
Auf der Rolltreppe vom U-Bahn-Untergeschoss Marienplatz zum Ausgang Weinstraße. Plattform nach Plattform erklimmend, um endlich hinauf zu kriechen durch das letzte Loch. Der Himmel winkt bereits, das befreiende Rollband ist betreten. Eng an eng stehen die Menschen, Stufe um Stufe. Ihre Haarpracht wird hinaufgetragen ans Licht.
Schandra träumt. Sie trägt einen Mantel über dem kurzen Rock, der ihr jetzt von hinten gegen die Schenkel weht, von einem starken Luftzug gegen ihre Beine gedrückt wird, sie ein unwillkürliches Zucken denken lässt. Nur denken. Wegzucken von dieser Berührung, die ungewohnt ist.
Eine Fingerspitze, die sich langsam die Schenkelinnenseite hinauf in Richtung Schritt bewegt, die wartet auf den sie maßregelnden Aufschrei, das Herumwirbeln, Kreischen, Sie unverschämter Kerl Sie.
Bis dieser Schrei ertönt, bewegt sie sich weiter, millimeterweise, sacht, vielversprechend, das Innerste des Körpers kitzelnd. Schandra dreht sich nicht um. Vielleicht ist das, was sie als zarte Hand eines verklemmten Buben fantasiert, die knochige Pranke eines alten Türken. Vielleicht… wie sich das Kitzeln von der Außenhaut der Seidenstrümpfe in den Unterleib ausbreitet… sehen all die Menschen, die hinter ihr stehen, jetzt zu. Vielleicht… oh bitte, noch ein Stück höher… Schandra fühlt einen Ruck durch ihren Körper gehen, wie ein aus dem Zahnrad gefallenes Glied schert sie aus der rechten Reihe aus, stapft plötzlich trotzig auf der linken Seite der Rolltreppe ein Stück nach oben, stellt sich wieder rechts in eine Lücke. Eroberungsaufforderungsspiel.
Sie spürt, wie sich direkt hinter ihr etwas in Bewegung setzt. Ein Wesen in Wintermantel. Schwarz, mit Aktenkoffer. Schandra weiß nicht, wie sie in das vorüberziehende Gesicht blicken soll. Sehnsuchtsvoll, mein Gott tu was, oder vorbeugend abweisend? Sie hat es noch nicht gesehen. Ist er hässlich oder schön?
Er ist gepflegt. Die schwarzen Haare vom Friseur akkurat geschnitten. Ein Hemd mit Krawatte. Ein Lodenmantel. Die Aktentasche hebt er mit einer Hand hoch, leicht vor seinen Körper. Er schaut Schandra an.
Seine Augen flackern, die Wangen sind bleich wie die eines Vampirs. Er stellt sich vor Schandra in eine Lücke.
Das Ende der Rolltreppe naht. Er wird hinunterkatapultiert in den Fußgängerstrom der Weinstraße, muss weitergehen und Schandra, die hinter ihm bleibt, aus den Augen verlieren. Er geht aufrecht, wie ein tapferer Mann. Traurig sieht Schandra dem entopferten Jäger nach. Er verschwindet in einer engen Häuserspalte.

© 2001 by Claudia Carl. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Das hätte ein leichter erotischer Tagtraum einer Frau werden können, hätte der Text sich nicht in überflüssigen und unverständlichen Wortlabyrinthen verirrt.
Das beginnt bereits bei der Überschrift: die Rolltreppe spielt keine Rolle, aber alles spielt sich auf ihr ab (abgesehen von dem höchst seltsamen Schluss): von Rechts wegen müsste dieser Text »Auf der Rolltreppe« heißen. Die Grundidee und einige Stellen in der ersten Hälfte (bis zu dem von mir vermuteten Ende des Traums) kann ich genießen; das Ende jedoch…
Übung macht den Meister: und sonst gar nichts! Andernfalls ersticken die besten Einfälle in untauglichen Wörtern.

Die Kritik im Einzelnen

Wie viele Schenkel hat den dieses bestreichelte Wesen? Oberschenkel, Unterschenkel, Außenschenkel, Innenschenkel, mal 2 macht 8? Ich habe jetzt sicherheitshalber im Großen Brockhaus nachgeschaut und im Anatomieatlas: dort gibt solche Körperteile nicht! Hat hier der Innenwinkel aus der Geometrie dazwischengepfuscht? Wir sind oder waren schließlich alle Schulkinder!
Sicherheitshalber habe ich auch im Internet nachgeschaut: und siehe da: etliche Innenschenkel, vor allem bei Frauen! Deren Innenschenkel scheinen sehr anfällig zu sein, denn es werden allerlei Hilfen angeboten zum Straffen und Fettabsaugen (schlappe DM 2.900.-) und Massagen – und tatsächlich sind immer die Innenseiten der Oberschenkel gemeint – wenn es um Frauen geht; bei Tieren meint Innenschenkel »Hand« mit Unterschenkel. Geht es jedoch weder um Frauen noch um Tiere, sondern z.B. um die Erste Hilfe, heißt es »Innenschenkel (Oberschenkel)«. Man lernt nie aus! zurück
Das Streicheln wird zu sehr betont: es ist leicht – fast unmerklich – wie Fliegentapsen; ich würde leichte entfernen und sofort den richtige Ausdruck fast unmerklich setzen. zurück
In den bisherigen und folgenden Zeilen finde ich keinerlei raue Wahrnehmung: dieses blinde Motiv soll wohl dazu dienen, das Angenehme dieses Gefühls noch deutlicher zu machen; ich halte es jedoch für überflüssig und letztlich abträglich: denn ist das Gefühl angenehmer, wenn in unmittelbarer Nähe ein Ausländer zusammengeschlagen oder eine Frau vergewaltigt wird? Etwas derart Heftiges muss es schon sein, schließlich tackert die raue Wahrnehmung!
Sollte jedoch etwa ganz anderes gemeint sein, z.B. dass eine andere Rolltreppe die anschließend genannten Menschengruppen nach unten transportiert, während Schandra nach oben fährt? Dann sollte das auch so formuliert werden; auch wären es keine rauen Wahrnehmungen (denn die hat die aufwärtsfahrende Schandra), sondern und wenn es denn sein muss: raue Wirklichkeit oder banale Realität oder Alltag oder oder oder. Und ein passender Ausdruck muss gefunden werden für das leise Geräusch, das diese Rolltreppe verursacht: Tackern erscheint mir viel zu laut, doch kenne ich diese spezielle Rolltreppe nicht, dafür raunende und klopfende und summende.
Außerdem plädiere ich dafür, diesen Abschnitt direkt an den vorigen zu hängen, da sie inhaltlich direkt ineinander übergehen. zurück
Was sind Hautköpfe? Ist das die gleichnamige Pilzgattung oder die Übersetzung von »Skinheads«? Sollten letztere gemeint sein, passt das nicht in die anschließende Reihe, denn da werden nur Teilwahrnehmungen aufgezählt. Stünde hier Glatzen, könnte ein Leser sehr wohl auch an Skins denken, bei Haarbüschel auch an Punks, müsste es aber nicht, denn auch brave Bürgersleut können Haarbüschel und Glatzen tragen! Ich empfehle: Glatzen, weil das sowohl Teil als auch das Ganze meinen kann! Dadurch gewinnt die Aufzählung an Reiz. zurück
Wenn Schandra (warum der indische Frauenname? Oder soll das ein Arno Schmidt’sches Etym sein: Schande + Sandra = Schandra?) auf der Rolltreppe steht, dann unmöglich auf den ineinandergleitenden Ritzen: Darauf kann sie sich nur einen kurzen Moment stellen, bevor die Rolltreppe im Boden verschwindet – sie jedoch steht noch eine ganze Weile auf derselben! zurück
Mir ist nicht klar, wozu dieser Abschnitt dienen soll: Die Ortsangabe ist uninteressant, ausgenommen vielleicht für Kenner der Rolltreppenszene; Erklimmen und Durch-ein-Loch-Kriechen eignet etwas höchst Anstrengendes – dabei stehen alle bequem auf einer Rolltreppe; angeblich ist bereits ein befreiendes (??? Befreiung vom Sklavenjoch Rolltreppe?) Rollband betreten worden, obwohl die Menschen dicht an dicht stehen auf jeder Stufe: Bänder stelle ich mir erheblich flacher vor!
Das ist allüberall fürchterlich angestrengt und bemüht und ärgerlich unverständlich, so dass ich im vollen Bewusstsein meiner Unkenntnis der wirklichen Rolltreppen-, Rollband- und Plattformsituation des U-Bahnhofs Marienplatz zum Ausgang Weinstraße den ganzen Schmonzes rigoros zusammenzustreichen anempfehlen würde! Mein Änderungsvorschlag für die drei ersten Abschnitte liest sich so:
Es war ein fast unmerkliches Streicheln an ihren Innenschenkeln, als ob eine Fliege vorsichtig auf nackter Haut an ihnen empor tapse, ein leises, angenehmes Kitzeln, das von unten in ihre Sinne drang, während von oben der Alltag entgegen kam: Glatzen, Haarbüschel, Buntjacken, Aktenkoffer. Eng an eng standen die Menschen, Stufe um Stufe. Einige  überholten Schandra links, während sie auf den silbrigen Stufen rechts stand, eine Hand auf dem mitfahrenden kalten Gummi.. zurück
Jeder der beiden Innenschenkel (es hieß zu Beginn an ihren Innenschenkeln) hat eine entsprechende und ihm zugehörige Hautfläche – (das müsste bei einem Innenschenkel dann logischerweise dessen Außenseite sein. Wie sich das aber anhörte: Die Fingerspitze bewegt sich langsam über die Außenseiten der Innenschenkel… Gehört aber überhaupt nicht hierher, fiel mir nur gerade ein und musste schnell wieder raus.) Wo war ich eigentlich? Ja doch: Die Schenkel haben Innenseiten, das Wort muss also Schenkelinnenseiten heißen. zurück
Pardon: aber Zahnräder haben keine Glieder! Erotische Literatur rechtfertigt keinesfalls, ein Zahnrad mit einem Glied zu versehen, gar mit mehreren: das würde ich allenfalls dem Zeichner Robert Crumb durchgehen lassen, der schon seit jeher alle möglichen Gerätschaften mit männliche Gliedern bestückt hat. Zahnräder jedoch haben von Haus aus Zähne und in der Regel ein Loch für die Achse. Dass Schandra wie ein Zahn oder wie ein Loch aus einem Zahnrad ausschert, halte ich als Bild für ausdrucksarm & einigermaßen schräg. Was aber dann?
Vielleicht ist eine Versammlung von Zahnrädern gemeint, deren eines stiften geht: diese Art von Versammlungen nennt man Getriebe (z.B. in Autos oder in Kafkas Erzählung »In der Strafkolonie«: da flüchten am Ende viele Zahnräder aus der Mordmaschine). Das Bild vom Getriebe passt allerdings nicht zu Menschen auf der Rolltreppe, allenfalls zur Rolltreppe selbst; in keinem Fall könnte Schandra als ein Glied aus dem Getriebe fallen (denn da sind ebenfalls keine enthalten), sondern nur als ein Zahnrad. Auch dieses Bild wäre nicht minder schräg. Was könnte noch sein?
Soldaten! Soldaten stehen gerne in Reih und Glied, und wenn einer heraus tritt aus dieser Reihe, dann tritt er aus dem Glied, anschließend geht’s wieder zurück ins Glied. Hat wohl etwas mit Ketten zu tun, aber deren Glieder können nicht heraustreten, ohne das die Kette reißt. Die Menschenkette auf der Rolltreppe jedoch reißt nicht, wenn Menschenkettenglied Schandra aus der Kette fällt!
Mögliche Lösung: Schandra schert links aus dem Glied. Ach was: Beste Lösung: weg mit dem untauglichen und überflüssigen Vergleich, lassen wir Schandra ganz normal aus der Reihe ausscheren, nach oben stapfen und sich wieder eingliedern. So wird alles klar. Und das Wort Glied ist gerettet, muss vielleicht in einer erotischen Geschichte so sein; von mir aus darf es getrost so heißen wie im Original: stellt sich wieder in eine Lücke. zurück
Wird Schandra erst trotzig, als sie bereits aus der Reihe getreten ist? Warum ist sie denn aus der Reihe getreten? Diesem trotzig kann ich nichts abgewinnen: weg damit! Stapfen ist emotional genug, über die Ursache möchte ich mir meine eigenen Gedanken machen! zurück
Die wiederholten Angaben rechts und links sind überflüssig: sie steht schließlich auf der rechten Seite der Rolltreppe und wird links überholt: ist alles bekannt, muss nicht breitgetreten werden. Vorschlag:
Ein Ruck geht durch Schandras Körper; sie schert aus der Reihe, stapft ein Stück nach oben, stellt sich dann wieder in eine Lücke: Eroberungsaufforderungsspiel. zurück
Jetzt wird es heikel: was hat Schandra geträumt? Was ist Wirklichkeit? Endet ihre Tagträumerei an dieser Stelle, hat sie sich also auch den Ortswechsel nur vorgestellt? Es muss wohl so sein, denn anders kann ich die Rolle des Mannes direkt hinter ihr nicht begreifen! Also: ab jetzt gehe ich davon aus, dass die vergangenen drei Abschnitte alle taggeträumt sind!
Dann müsste dieser Abschnitt der rauen Wirklichkeit angehören. Wenn aber die Bewegung direkt hinter ihr war, wie will sie dann den schwarzen Wintermantel sehen, den Aktenkoffer? Wie kann jemand, der sich direkt hinter ihr in Bewegung setzt, an ihr vorbeiziehen? Der prallt doch auf Schandra! Also muss er doch zumindest schräg hinter ihr stehen, besser: zunächst zur Seite schlüpfen (was Schandra sehr wohl spüren kann, ganz im Gegensatz zum Geschlecht dieses Wesens, Accessoires, Bekleidung und Farbe), dann nach oben und an Sandra vorbei. Und erst während das Wesen an Schandra vorbei schlüpft, kann sie all das andere beobachten; bis dahin aber müsste sie sich gefragt haben, ob das Wesen ein Mann ist, und klären, auf welche Weise sie den Mann anschauen wird, wenn es tatsächlich ein Mann ist, welche zusätzlichen Faktoren eine Rolle spielen könnten usw.: sonst ist es zu spät!
Doch auf welche Weise Schandra im entscheidenden Augenblick schaut, wird im vorliegenden Text nicht einmal erwähnt: wozu dann dieses umständliche Getue? Stattdessen wird – bezogen auf das Gesicht – überflüssigerweise festgestellt: sie hat es noch nicht gesehen. Dazu müsste sie sich ja umdrehen! Diese Textstelle ist höchst schlampig durchgeführt! Einen Verbesserungsvorschlag mache ich nicht, ich habe schon mit der Aufdröselung des Unfugs genug zu tun: außerdem weiß ich nicht einmal, ob meine Voraussetzung (Traum bzw. Realität) richtig ist. zurück
Jetzt folgen kurze Beobachtungen, entsprechend kurz sollte die Beschreibung sein; dass der Kerl die Aktentasche vor sich hoch hebt, ist fürchterlich süddeutsch: denn er hebt sie nicht hoch (wozu auch, es wäre denn Fitnesswahn auch auf der Rolltreppe: Gewichtheben mit bleigefüllter Aktentasche), sondern er hält sie (Zustand, nicht Bewegung). Folgendermaßen würde ich kürzen:
Gepflegt: die schwarzen Haare vom Friseur akkurat geschnitten, Hemd mit Krawatte, Lodenmantel; die Aktentasche hält er einhändig leicht vor seinem Körper. zurück
Dieser Satz gehört unbedingt an den vorigen: da hat der Taschenheber schließlich Schandra angeschaut! Allerdings frage ich mich: wie lange? Wann schaut er nicht mehr? Oder schaut er gar noch, als er (wie weit?) vor Schandra in eine Lücke schlüpft? Oder war es nur ein kurzer Blick, weniger ein Schauen denn ein Sehen? Und wie reagiert Schandra darauf, was bewegt das in ihr… wie hat sie selbst überhaupt ihn angeschaut? Das muss sie ja, wir kriegen doch eine Beschreibung! Tote Hose: nix gibt der Text her! zurück
Von was wird er hinterkatapultiert? Schmeißt ihn jemand von der Rolltreppe, weil er dauernd Schandra anstiert? Das Ende der Rolltreppe kann es nicht sein, denn erstens katapultiert es nicht, und zweitens ist es noch gar nicht da: es naht lediglich! zurück
Ganz ehrlich: ich möchte dieser Rolltreppe nie in meinem Leben begegnen. Ich bin normale Rolltreppen gewöhnt, die ebenerdig enden, diese Killerversion aber trägt die arglos sie Betretenden nach oben hoch über die Straße, um sie anschließend in die Fußgängerzone hinunter zu katapultieren! Unseren Schandra-anstierenden Taschenstemmer hat es voll fett erwischt, macht aber gar nichts (außer dass er jetzt – es wird aber auch allerhöchste Zeit – Schandra aus den Augen verliert, hab doch geahnt, dass der die ganze Zeit Schandra anglotzt: typisch Mann.):denn er geht aufrecht! Doch nicht irgendwie aufrecht, sondern auf eine ganz spezifische Weise: nämlich wie ein tapferer Mann, z.B. einer, der Magenkoliken oder sein ausgekugeltes Hüftgelenk tapfer ignoriert, bis er tapfer aufrecht gehend endlich beim Arzt angelangt ist. Aufrecht gehend wie ein tapferer Mann? Waggelaweia! zurück
Wie bitte? Wieso Jäger? Wieso Opfer? Wieso entopfert? Was hat dieser titanianische Wortwildwuchs »entopferter Jäger« mit dem Text zu tun, der einem erotischen Traum Schandras verhandelt? Wer oder was hat denn da wen oder was gejagt? Wer oder was hat wen oder was oder wurde geopfert? Träumt die immer noch? Hat die nie geträumt? Träume ich? Ich verstehe absolut nichts mehr. Dennoch halte ich mich aufrecht wie ein tapferer Mann, bis zum bitteren Ende! Ehrenwort! zurück
Dass der Mann am Ende in einer engen Häuserspalte verschwindet – im Gegensatz zu den weiten Häuserspalten wie Stachus oder Weinstraße, tut diesem Text keinerlei zusätzlichen Tort mehr an; vielleicht gehört sich das ja so bei erotischer Literatur: enge Spalte. Was nicht gar… zurück

Textkritik: Der einzige Zeuge – Prosa

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Der riesige Türrahmen umgibt mich, muss ich jetzt vor oder zurück? Ich komme von der Straße, Staubbrocken haben mich panisch in dieses Haus laufen lassen. Vor mir wedelt eine männliche Person mit ihren oberen Extremitäten, zwei davon fleischig mattorange, die dritte schwarz. Eine Frau daneben, in weißer Arbeitskleidung. Ein Geräusch, laut, ein Knall, Achtung!, wie bei Steinschlag! Ich betrachte mich – ist alles noch dran?
Alles da. Und nun? Langsam heben sich ihre fleischigen Brüste höher und höher drücken sie auch  den Arbeitskittel. Ein kirschrotes Meer aus Blut schwimmt auf mich zu, Durst überkommt mich. Meine Füße sind blutnass, ich muss herauswatscheln, bevor die Gerinnung einsetzt! Der Boden bebt. Der Himmel wird schwarz. Gummi. Meine Beine werden zerquetscht, mein Unterleib zerplatzt. Eine Schwarze Gummisohle.
Niemand trauert, niemand begräbt meine Ameisenleiche.

© 2001 by mischka. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Zusammengemurkster Pfusch!
Wäre das Vorhaben, aus der Sicht einer Ameise zu schreiben, auch nur ansatzweise irgendwo ernsthaft durchgeführt worden, wäre der letzte Satz der denkbar überflüssigste und törichste gewesen; denn der Leser wäre allmählich in die Sicht einer Ameise gerutscht und so zur Ameise geworden, eine Aufklärung hätte den Leser dann nur als einen Dummkopf gebrandmarkt!
Dann hätte die Ameise auch normal reden können statt von mattorangenen oder schwarzen Extremitäten zu schwafeln. Doch dem Autor scheint am Ende selbst klar geworden zu sein, dass er sein Ziel meilenweit verfehlt hat: das rechtfertigt den letzte Satz, und es tröstet; und Selbsterkenntnis ist sattsam bekannt als der erste Schritt zur Besserung: auf geht’s!

Die Kritik im Einzelnen

Allerheftigst verunglückt ist bereits aller Anfang: da flüchtet ein Wesen vor Staubbrocken – dass leser hier grübelt, was denn Staubbrocken sein sollen, ist durchaus gewollt! – auf eine Türschwelle und weiß dann angeblich nicht, wohin es muss!
Bei allem Verständnis und allem Wohlwollen: Warum in Dreigoethesnamen sollte jemand angesichts eines ihn umgebenden Türrahmens – und sei der noch so riesig – auf die Idee kommen, sich freiwillig den gefürchteten Staubbrocken auszusetzen, vor denen er gerade erst panisch geflohen ist? Soll das eine Verballhornung von Türschwellenpanik, vulgo Schwellenangst, oder gar Torschlusspanik sein? Wohl kaum. Und wieso ist der Türrahmen riesig, aber das Haus nicht? Und wieso ist jemand bereits im Haus, der gerade erst auf der Schwelle verschnauft?
Ob unser Wesen jetzt verschnauft oder einen Stepp tanzt, ist dabei unwesentlich, entscheidend ist, dass das Wesen nicht mehr läuft: die Staubbrocken haben das Wesen ja auf die Türschwelle laufen lassen: grammatisch ist das Laufen beendet (nicht aber die Panik: die ist aus unbekannten Gründen von uns gegangen – ’s ist nicht schad drum!).
Dieser Sums entsteht dadurch, dass mit aller Gewalt Spannung erzeugt werden will, indem das Erzähler-Ich einer Leserin beiderlei Geschlechts Entscheidungsdruck aufzwingt: Stehend in einem riesigen Türrahmen heißt es: vor oder zurück, das ist hier die Frage! Und im folgenden Satz stellt sich peinlicherweise heraus, dass das so überhaupt nicht sein kann. Zudem bringen Staubbrocken egal welcher Größe auch nichts und niemanden zum Laufen: es ist die Angst bzw. Furcht vor einem Kontakt mit diesen!
Ist hier noch etwas zu retten? Schon, wenn leser/autor denn will: durch Verzicht auf all den verstaubten Unsinn! Ein Konzentrat dieser ersten beiden Sätze könnte beispielsweise lauten »Angst vor den Staubbrocken hat mich in dieses Haus stürzen lassen!« Mit Ausrufezeichen und einem stärkeren Verb als diesem schnarchlangweiligen laufen, damit die Angst auch sprachlich zum Ausdruck kommt und nicht nur erwähnt wird! Warum sollte man denn sonst schreiben, wenn man nichts ausdrücken will? zurück
Lassen wir den Zirkus um das Wesen: es handelt sich um eine Ameise. Wenn ein Mensch vor dieser Ameise mit den Armen wedelt, muss er sich tief bücken. Das tut er aber nicht: er wedelt mit dreierlei oberen Extremitäten neben einer Frau: dann soll er das gefälligst zumindest schräg über der Ameise tun, und nicht vor ihr; schließlich muss sie hoch blicken, wenn sie sein Gewedel sehen will!
Ich gebe ja zu: eigentlich haben Ameisen Facettenaugen und müssten keinesfalls hochblicken – aber Ameisen schreiben auch keine Erzählungen, und sie können keinesfalls einen Türrahmen von einem Fensterrahmen oder ein Haus von einem Felsen gedanklich unterscheiden; hier hätte eine Entscheidung getroffen werden müssen, wie weit die Vermenschlichung gehen soll. Durch das vor wird die Wedelperson zu sehr verkleinert. zurück
Da schau her! Die Ameise kennt zwar Türrahmen und Personen, Arme hingegen nicht – stattdessen ist ihr Extremität durchaus ein Begriff. Lassen wir es dahingestellt, ist eh wurschd, aber kümmern wir uns um die dritte Extremität, die nicht mattorange ist, sondern schwarz! Und man kann mit ihr wedeln! Und sie ist an einer Person oben angebracht! Na, dämmert’s?
Mir nicht. Ein Schwanz kann es nicht sein, der kann zwar wedeln und schwarz sein, ist aber nicht oben an einer Person. Der Kopf, eine natürliche obere Extremität, kann es ebenfalls nicht sein, denn der kann nicht wedeln, und keinesfalls kann er schwarz sein, da die Arme ja mattorange sind (aber wer weiß schon so genau, welche Verpflanzungstechniken uns die Mediziner noch schmackhaft machen werden. ).
Was also soll das sein? Mit einem schwarzen Gewehr (lang müsste das Ding schon sein, damit es eine Ameise als Extremität erkennen könnte: ein Pistölchen hätte da eher etwas Knubbelig-Warziges) ließe sich wohl wedeln, aber damit könnte der Mann die Frau neben ihm kaum beschießen (wenn das, was dann folgt, ein Schuss sein soll), wedelnd schon überhaupt nicht: als Nahkampfwaffe ist ein Gewehr allenfalls keulenmäßig einzusetzen. Lassen wir auch das auf sich beruhen. Es bringt nichts! Stellen wir uns einfach eine Peitschenschnur vor: schwarz, lang & wedelig, und knallen kann sie auch. Oder einen Krakenmann: unten normal, oben mit drei Tentakeln, von denen zwei gehäutet sind, was unter bestimmten Lichtverhältnissen bestimmt mattorange aussehen kann. Außerdem können solche Krakenmänner mit ihren Tentakeln heftig knallen, zumindest alle, die ich kenne. zurück
Wen wundert’s eigentlich noch, dass unsere Ameise weiße und blaue Arbeitkleidung unterscheiden kann und vermutlich Arbeitskleidung vom Kleinen Schwarzen? zurück
Das muss man sich mal so richtig vor Ohren führen! Da ist also jemand, der beobachtet einen krakenähnlichen Mann, der wedelt selbstverständlich mit allerlei Extremitäten, das muss er auch, denn das haben Kraken so an sich; jemand nimmt ein Geräusch wahr: »Oioioi,«stellt jemand überrascht fest, »das war ja ein richtiges Geräusch, nachgeradezu ein lautes Geräusch: könnte das gar ein Knall gewesen sein? War das Geräusch dazu eigentlich laut genug? Mal nachdenken: doch, klar, ja natürlich! Dass ich da nicht gleich drauf gekommen bin: ich habe da einen richtigen Knall gehört! Sowas aber auch. Aber halt: war da nicht noch was mit Knall? Es gibt doch so Knälle, bei denen muss man aufpassen, z.B. platzende Schellfische oder implodierende Waschmaschinen oder so irgendwie – genau, also ist Obacht angesagt, dann werde ich mich mal vorsehen und mir ,Achtung‘ zurufen, damit ich gewarnt bin! Da fällt mir übrigens ein: ,Achtung‘ ruft man auch, wenn ein Steinschlag kommt! Oder knallt ein Steinschlag? Knall=Schlag? Jetzt weiß ich gar nichts mehr, jetzt bin ich ganz verwirrt!« Deswegen (und nur deswegen) wird unser Blödmann später erfolgreich partiell zermanscht; so soll es sein: »Die Narren werden geschlachtet / die Welt wird weise« (Erich Fried, Maßnahmen)
Knallende Steinschläge gibt es tatsächlich nicht, das prasselt eher oder rumpelt; Ameisen haben bei Steinschlägen auch nichts zu befürchten, die haben es eher (besser: eher nicht) mit Staubbrocken. zurück
Die Ameise hat sich – anlässlich eines Knalls – gefragt, ob noch alles an ihr dran sei, und da sie einen appen Fühler nicht fühlen kann, muss sie sich betrachten; dabei vergisst sie in ihrer Dusseligkeit (ihr ureigenster Knall), was sie eigentlich gucken wollte, und stellt befriedigt fest, dass beide Fühler und dreieinhalb Beine friedlich zuckend neben ihr liegen: zwar nicht mehr dran, aber immerhin noch da! zurück
Die der Ameise können es zum Glück nicht sein, denn Leser weiß eigentlich noch nicht, dass eine Ameise hier rumdenkt und schaut! Aber wessen Brüste sieht sie dann? Woher will eine Ameise überhaupt wissen, was Brüste ist, wenn sie nicht einmal Arme kennt? Fleischige Brüste gar, im Gegensatz zu den pflanzlichen und biologisch-dynamischen?
Aber wer kennt sich schon in Ameisenganglien aus! zurück
Holla: hier haben wir einen beinahe astreinen Chiasmus vorliegen – Kompliment! Astrein wäre er in folgender Form: »Ihre fleischigen Brüste heben sich höher, und höher drücken auch den Arbeitskittel sie.« Chiasmus heißt übrigens Überkreuzstellung – muss man nicht wissen, wenn man schreibt!
Inhaltlich schwächelt es unverdrossen weiter: einerseits lupft der Busen sich selbst, andererseits drückt er am Arbeitskittel rum; hier wird Ursache und Wirkung verwechselt, warum auch nicht. zurück
Wer bekommt angesichts von Blut Durst? Richtig! Von einer Vampir-Ameise lese ich zum allerersten Male! Nicht schlecht! Dafür wird mir bald schlecht, d.h.: Öbelkeit öberkömmt mich. zurück
Ja um des Schöpfers Willen: trinken Ameisen etwa mit den Füßen? Ich dachte immer, die trinken gar nicht. Und selbst wenn Ameisen mit den Füßen trinken sollten: Vampir-Ameisen beißsaugen hundertpro nicht mit den Füßen, da verwette ich meine gesamte Bibliothek für! Und lass mich zusätzlich beißsaugen, denn das will ich sehen!!! zurück
Eine Ameise mit Entengang! Jetzt wird es oberdreist: als Donald würde ich eine Beleidigungsklage einreichen, da kann der Disneykonzern noch so viele Ameisenfilme animieren! Keine Ameise der Welt kann so mit dem Bürzel schwingen wie Donald, und nicht nur deswegen nicht, weil sie keinen haben! Ameisen hingegen können – im Gegensatz zu Donald – vorzüglich krabbeln, selbst dann noch, wenn dreieinhalb Beine fehlten: da blieben dann immer noch zweieinhalb, aber nur und ausschließlich zum Krabbeln! Watschelnde Ameise, was nicht gar! zurück
Welch Rätsel türmen sich noch auf? Schwarze Extremität – schwarzer Himmel – schwarze Gummisohle? Soll ich Leser mir das zusammenreimen, erklären die Zusammenhänge mir selbst (astreiner Chiasmus)? Keine Lust!
Auch keine Lust: zu erklären, warum die Beine zerquetscht werden (also durch äußere Umstände), der Unterleib aber freiwillig zerplatzt, woran die quicklebendige Lebensgemeinschaft Mittel- und Oberleib ihrerseits gewisslich eine klammheimliche Freude hat!
Immerhin: da hat aber einer mit schwarzer Gummisohle meisterlich zugetreten: alle dreieinhalb Beinchen exakt erwischt! Zumal alle Beinchen am Mittelleib befestigt sind – und dem ist nachweislich nichts passiert. Der sollte die NATO mal lehren, was das heißt: Ziele treffen! zurück
Tätätätä: hier kommt die grandiose Auflösung, dass das Erzähler-Ich eigentlich eine Ameise ist und deswegen die Staubkörner so brockig, und der Große Ameisenmanitou weiß, was sonst noch alles!
Interessant ist, welche Leiche da eigentlich begraben werden soll: die zerquetschten Beinchen und der zerplatzte Unterleib? Zudem sind Vampire unsterblich, und von Sonnenstrahlen war nicht die Rede, von Knoblauch oder Weihwasser im Blut auch nicht! Nein: diese Ameise lebt! Im Internet ewiglich… zurück

Textkritik: Dienstag, der 25. – Prosa

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Ich brauche ein Foto von mir. Kein wichtiges, nur für die Monatskarte. Schon seit Tagen. Ab heute ist es dringend. Es kann ein Automatenfoto sein, ist ja nur für die Monatskarte. Ich kann darauf aussehen wie ich aussehe. Um die fünfzig, jünger aussehend, fröhliches Wesen, Lachfalten, wenn man hinter die Brille guckt. Nicht jung, dynamisch, energisch. Also ein Fotoautomat. In meinem Hinterkopf schweben seit Jahren an jeder Ecke diese automati­schen Fotokabinen. Passable Fotos für wenig Geld. Kein Problem. Das sind die Errungenschaften der neuen Technik, die zu den glücklichen Errungenschaften der letzten Jahre zählen.
Also, ich gehe ganz pünktlich aus dem Büro, etwas überpünktlich. Ich habe in Berlin zu tun.
S-Bahnhof Karow – kein Automat. S-Bahnhof Schönhauser – wieder nichts. Bahnhof Lichtenberg – ein Automat. Vollgepinkelt, kann auch Bier sein. Ich gehe nicht nahe genug heran, um das zu unterscheiden. Alex – auf dem U-Bahnhof-Zwischendeck. Endlich. Nichts wie hin. Kaputt. Im Geldschlitz steckt Papier. Sehr einladend sieht die Kabine auch nicht aus. Vier Fotos zehn Mark. Das war doch mal nicht so teuer? Da hätte ich ja auch rechtzeitig zum Fotografen gehen können. Außerdem gucken die Leute so komisch, wie ich da reingehe. Ich kann es nicht sehen, aber spüren. Ich habe auch schön öfter welche drin sitzen und Bier trinken sehen.
Als ich rauskomme, nicht zaghaft, nein, selbstbewusst und etwas verärgert, ist überhaupt kein Mensch da. Warum ist um diese Zeit kein Mensch auf dem Alex? Die sollen mal mehr Öffentliche fahren. Na ja, die Fahrpreise steigen wie die Fotopreise
Ich habe immer noch kein Foto. Dafür bin ich leicht sauer, die Beine sind lahm und haben Kaffeedurst, die Zeit drängelt. Keine Zeit für eine Kaffeepause.
U-Bahnhof Turmstraße. Für mich weit weg vom Zentrum. Nanu, hier ein Fotoautomat. Mäßig dreckig, aber nicht offensichtlich kaputt. In der dunklen Scheibe – ist denn kein Spiegel hier? – sind meine Haare etwas ungekämmt. Ist doch modern jetzt. Oder?
Vier Fotos acht Mark. Na, Gott sei Dank war der andere Automat kaputt. Er will nur Münzen. Wird wenigstens das Portemonnaie leerer. Ist noch ein altes, für das schwere, große, harte Geld nicht gemacht.
»Meistens ist er kaputt.« Eine Männerstimme spricht mir hinter dem Vorhang von draußen Mut zu. »Haben schon viele versucht.«
Ein heller Blitz. Das war’s. Ich habe brav das rote Vögelchen angestarrt. Nun sehe ich die Gebrauchsanweisung. Zuerst den Sitz auf die richtige Höhe stellen. Wo kann man den Sitz stellen? Blitz. War das nicht Otto, der auch diese Probleme hatte?
»Das waren zwei oder drei. Die haben sogar die Funkstreife geholt. Es ging nicht. Und das Geld war weg.«
Ich lüfte den Vorhang, ein freundlicher Mann in meinem Alter. Ja, laut Gebrauchsanweisung blitzt es viermal. Ich sitze die beiden restliche Blitze brav ab und betrachte das Vögelchen.
Die Gebrauchsanweisung geht draußen weiter. Ich soll fünf Minuten und das rote Licht abwarten.
»Die Polizisten haben da bei dieser Nummer angerufen. Es hat schon viel Ärger gegeben. Die haben behauptet, sie schicken regelmäßig einen Monteur. Und dann kriegt man das Geld nicht wieder!«
Richtig aufbauend, der freundliche Mann. Vorbeugend schreibe ich mir die Telefonnummer auf. »Und die Adresse auch. An Ihrer Stelle würde ich hinfahren und das Geld verlangen.«
Die fünf Minuten sind um. Kein Foto.
»Früher hat er immer gesummt. Gibt ja immer Ärger. Die BVG will die Dinger auch weghaben.«
Noch kein Foto. Geld futsch. »Auf Wiedersehen,« sage ich zu dem freundlichen Mann, bin schon fast an der Treppe. »Hallo, Sie, es kommt!«. Zurück. Tatsache, vier Fotos. Darauf Hals, Schultern, Mantelknöpfe, Schal. Für acht Mark ein Foto meiner Mantelknöpfe.
»Na ja, daran sind Sie Schuld. Aber er ging.«
Rein in die Kabine. Der Stuhl lässt sich herunterdrehen. »Ja, so, noch ein bisschen. Sie sind ja auch nicht gerade klein. So, Sie müssen in der Scheibe ganz zu sehen sein.«
Ich habe noch acht harte Mark. Vögelchen anlächeln, Blitz.
»Ich werde mal den Vorhang zumachen und Sie allein lassen. Jetzt wird’s was.«
Blitz.
Lächeln. An einem Witz denken. Blitz. Blitz.
Es ist einundvierzig Minuten nach um. Der Mann wartet mit mir auf die Fotos. Ist ja sein Recht. »Ohne Sie hätte das nicht geklappt.« – »Nein.« – »Wenn wir nicht noch geredet hätten …« – »Dann hätten Sie Ihre Fotos gar nicht genommen.«
Und ich wüsste nicht, was ich für kleidsame Mantelknöpfe habe.
Fünf Minuten können lang sein. Erstaunlich, wie viel man mit einem freundlichen wildfremden Mann reden kann.
Die rote Lampe. Der Mann bückt sich schneller als ich zum Fotoschacht. »Noch nicht rausnehmen, sie müssen noch trocknen.« »Sie« oder »sie«? Wer kann das schon heraushören!
»Die Bilder sind doch gut geworden. Sie sind gut getroffen.«
Naja, eine Frau um die Fünfzig, Haare leicht unordentlich, Schal, Mantel, müde, Falten von der Nase zum Mundwinkel.
»Das Ohr ist richtig drauf. Das wollen die so. Ist doch gut. Die können sie sogar für den Pass nehmen.« – »Ja, es hat doch noch geklappt. Auf Wiedersehen. Und vielen Dank für Ihre Hilfe. Ohne Sie hätte ich noch keine Fotos.« – »Nein. Schönen Abend noch.«
So sehe ich also aus, wenn kein Fotograf das Beste aus mir herausholt. So sehen mich die Leute in der U-Bahn. Ich kann nicht leiden, wenn ich so alt aussehe wie ich bin. Auf allen meinen vier Fotos sehe ich so aus.
Ich habe Gott sei Dank ein Bild von mir.

© 2001 by Dolores Pieschke. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Eine unterhaltsam leichte und leicht selbst-ironische Erzählung über eine Alltagssituation, locker erzählt. Weiter so!

Die Kritik im Einzelnen

Wenn Fotokabinen wortwörtlich im Hinterkopf schweben, wird das Bild für die Erinnerung zu sehr strapaziert: Fotokabinen schweben nirgendwo! Die Protagonistin erinnert sich an Fotokabinen an jeder Straßenecke; heißen könnte es (damit auch die Ecken nicht im Hinterkopf angesiedelt werden) vielleicht: In meinem Hinterkopf sehe ich Fotokabinen an jeder Straßenecke. Das wäre schon übertrieben genug. zurück
Das bringt mich ins Grübeln: was könnten Errungenschaften der alten Technik sein, die zu den glücklichen der letzten Jahre zählen? Ich finde nichts… Dafür finde ich, dass dieses Adjektiv in aller Stille den Weg alles Radierten gehen darf. zurück
Auch wenn es noch so sehr beabsichtigt sein mag: die Wiederholung von Errungenschaften so kurz nacheinander stört! Ich habe es sie deshalb oben schon getilgt. zurück
Hier würde ich gerne meinem Lieblingsspleen nachgeben und Satzzeichen verändern, um die Dramatik zu erhöhen: Alex – auf dem U-Bahnhof-Zwischendeck?! Endlich: nichts wie hinKaputt! zurück
Eine Klitzekleinigkeit: wie wäre es, entfiele das und haben zwischen lahm und Kaffeedurst und an ihre Stätte träte ein einfaches vor, um zu verstärken, dass der Gehwerkzeuge Lahmheit unmittelbare Folge von Coffein-Entzug ist? Es hieße dann die Beine sind lahm vor Kaffeedurst. Ich meine ja nur… zurück
Oha: was hat der am Alex gewollt? Nahm der etwa auch Geldscheine? Gibt es das schon? So wenig kenne ich mich aus mit Fotoautomaten! Dem wäre abgeholfen, wenn dieses Sätzlein begönne: Dafür will er nur Münzen. zurück
Hier liegt entweder ein Übertragungsfehler vor, oder der Text wurde von der Autorin so korrigiert, dass unerklärliche Reste übrig blieben … kenne ich zur Genüge! zurück
Du sollst dir kein Bildnis machen! Hat der liebe Gott gesagt und Max Frisch. Ich persönlich schätze es, wenn jemand zu seiner Eitelkeit steht; wenn mir die Protagonistin nicht schon vorher sympathisch gewesen wäre: mit diesem Schlusswort wäre sie es spätestens geworden. zurück

Textkritik: Gute-Nacht-Gedicht – Lyrik

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Die Nacht legt ihre Schlingen um uns
und wirft uns in die Leere des Raums
Schwerelosigkeit gleitet uns von der Hand
zur anderen
-rieselt durch die Finger wie Sand

Ein Herz-Schlag-t uns die Zeit
endlich lässt uns die Tiefe fallen
Ein Schrei geht Atem holen
zum Brunnen
an der Mutter Hand
ganz unten

Was, was… was habe ich geseh’n
etwas Schönes
ich bin müde
schlafengeh’n

© 2001 by Stefan Schmidt. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Das Gedicht zappelt zwischen Raum-Zeit-Menschheitskitsch und lyrischen Bildern; die Unentschiedenheit ärgert, die lyrischen Bilder erfreuen: Allein mit Streichungen ist eine Menge zu klären! Das kann was werden, wenn jemand will …

Die Kritik im Einzelnen

Darf es vielleicht etwas weniger sein als die Leere des Raums? Z.B. einfach nur Leere? Muss die Leere in einen Raum gefüllt werden, damit der Raum dann randvoll ist von der Leere? Ist stinknormale Leere nicht schlimm genug?
Es will mir einfach nicht in den Kopf, was an dieser ausgelutschten Kitschphrase dermaßen fesselnd ist, dass ich sie immer und immer wieder als Lyrik präsentiert bekomme! Es graust einem nur noch! zurück
Wenn Schwerelosigkeit wie Sand durch Finger rieselt, muss sie annähernd das gleiche Gewicht besitzen, andernfalls könnte sie nicht rieseln. Gleitende Schwerelosigkeit könnte ich mir gerade noch vorstellen, schließlich ist das schwerelose Gleiten eine Standardfloskel und damit Allgemeingut, aber dass Schwerelosigkeit von einer Hand zur anderen gleitet und zusätzlich sandmäßig durch die Finger rieselt: da wirft mein Vorstellungskraft die Flinte in das schwerelose Korn des leeregefüllten Hohlraums!
Zusammengefasst: in der Leere des Raums geht es fröhlich & leicht zu, da wird schwerelos geglitten und gerieselt, dass es eine wahre Pracht ist – aber erst, wenn die Leere mit uns gefüllt ist: vorher war da nichts, nicht einmal Schwerelosigkeit; also geht es in der Leere überhaupt nicht zu, wir schleppen die Schwerelosigkeit wie einen Sandsack mit, wenn die Schlingen der Nacht uns in die Leere des Raums schleudern.
Fabelhaft! Was sagt uns das? Leere mit uns drin = gewichtige Schwerelosigkeit! Warum wirft die Nacht mit uns? Gibt sonst niemanden, der sich das gefallen ließe. Ich ab jetzt auch nicht mehr, da kann in einem Text so oft uns stehen wie will: für mich ist Sense.
Verbesserungsvorschlag: von dieser Strophe nur die erste Zeile, den Rest mit Stumpf und Stil entsorgen! Und von der ersten Zeile möge bleiben: Die Nacht legt ihre Schlingen Mehr braucht es nicht, uns Menschen schon gar nicht! zurück
Das ist sehr gewollt, ich lasse es aber durchgehen wegen dem Wortspiel; uns die Zeit aber vereinnahmt erneut die Menschheit und pappt erwartungsgemäß die Zeit an den Raum der verflossenen Strophe und klärt über die Bedeutung des Herzschlags auf: zuviel, zuviel, zuviel – weg damit! Ein Herz-Schlag-t genügt vollauf. zurück
Nichts bleibt einem erspart! Die Tiefe soll wohl die Tiefe des Raumes sein (er kam aus der Tiefe des Raumes…), dem erneut seine ureigenste Leere abgesprochen wird! Dass die Tiefe euch bislang im Griff hatte (also doch nicht die Leere oder der Raum oder die Schwerelosigkeit) und euch jetzt fallen lässt (welch hirnsprengender Tiefsinn: die Tiefe lässt euch fallen. »Aber ja, liebe Zweifler: das bedeutet nämlich, dass es noch tiefer geht als die Tiefe, nämlich in die allertiefste Erkenntnis, wo es am finstersten ist!«); doch ihr werdet nicht einfach so & irgendwie fallen gelassen, sondern endlich: wie lange habt ihr euch nicht schon gewünscht, fallen gelassen zu werden? All zu lange hatte die Schwerelosigkeit euch im festen Griff: endlich naht sehnsuchtsschmalzige Runderneuerungsbefreiung: Fiat Lux! Auch dieser Zeile empfehle eine stillen und endgültige Auslöschung! zurück
Diese vier Zeilen haben meine uneingeschränkte Zustimmung: kein vereinnehmendes Menschheitsgefasel mehr, keine überdimensionierten Leerwörter, sondern ein Bild, das Assoziationen ermöglicht! Es geht doch, es geht doch: ich weiß es ja! zurück
Auch mit diesen Zeile kann ich mich anfreunden, da ein Sichtwechsel stattfindet: es könnte ein Dialog sein, so einer in der (Wieder)Einschlafphase, halb hier, halb noch im Traum. Aus rhythmischen Gründen würde ich in der ersten dieser vier Zeilen ein was entfernen; ob die letzte Zeile eingerückt werden sollte, ob es drei oder vier Zeilen sein sollen, welche Zeile warum mit Großbuchstaben beginnt, warum welche Satzzeichen: das möge alles der Autor entscheiden. Zum krönenden Abschluss die Kürzfassung dieses Gedichts im Zusammenhang:

Gute-Nacht-Gedicht
Stefan Schmidt
überarbeitet von Malte Bremer

die Nacht legt ihre Schlingen
ein Herz schlag t
ein Schrei geht Atem holen
zum Brunnen
an der Mutter Hand
ganz unten

was … was habe ich gesehn
etwas Schönes
ich bin müde
schlafen gehn

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