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Textkritik: Sage mir zwei – Lyrik

Eine Textkritik von Malte Bremer

Sage mir zwei

von Stefan Lehnhardt
Textart: Lyrik
Bewertung: 1 von 5 Brillen

Sage mir zwei,
zwei Hälften des Ganzen.
Gib mir die zwei,
gib mir zwei Hoden,
gib sie schnell.
Schneid sie in Hälften,
innen wird’s hell.
Es quellen entgegen
Arkaden von Rohren,
es ist ein Bewegen
aus tausenden Poren.

Dann gib das Hirn,
trenne die Sphären.
Was soll dies lehren,
wo ist die Stirn?
Muschelbruch ist das,
mit Samen vermengt,
die Hände noch triefend
und beides verschenkt.

© 2002 by Stefan Lehnhardt. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

In goethescher Kurzvers-Manie(r) wird hier ein anatomisches Gedicht präsentiert, das inhaltlich und formal nicht hält, was es verspricht.
Sollte es eine Blödelei sein, dann geht mir der Sinn für diese Art von Blödelei ab. Dem Verfasser attestiere ich gerne und durchaus Schreibfähigkeiten, aber der Gegenstand taugt einfach nichts: Er trieft von Ungereimtheiten. Wer anatomische Gedichte mag, sei an Benn verwiesen:

Kleine Aster

Ein ersoffener Bierfahrer wurde auf den Tisch gestemmt.
Irgendeiner hatte ihm eine dunkelhelllila Aster
zwischen die Zähne geklemmt.
Als ich von der Brust aus
unter der Haut
mit einem langen Messer Zunge und Gaumen herausschnitt,
muss ich sie angestoßen haben, denn sie glitt
in das nebenliegende Gehirn.
Ich packte sie ihm in die Brusthöhle
zwischen die Holzwolle, als man zunähte.
Trinke dich satt in deiner Vase!
Ruhe sanft,
kleine Aster

Die Kritik im Einzelnen

Der ersten Aufforderung kann jeder Leser und jede Leserin nachkommen: ich würde z.B. »die linke und die rechte Hälfte« sagen oder »die obere und die untere« oder – ganz einfach – »die erste und die zweite«; als versierter Umgangssprachler würde ich mich vielleicht sogar dahin versteigen, von der kleineren und der größeren Hälfte zu sprechen: egal wie, es ist weißihrwisstschonwer nicht schwer. Schön diese Doppelung von zwei am Ende der ersten und zu Beginn der zweiten Zeile, die ja von Rechts wegen eine Verdreifachung ist, denn mehr oder weniger als zwei Hälften gibt es nun einmal nicht. zurück
Jetzt bekommt der Leser gleich drei Befehle (siehe oben?): er soll dem lyrischen Ich etwas geben, und zwar die zwei, dann noch zwei Hoden, und schließlich sollen die beiden Hoden schnell gegeben werden – offenbar ist da etwas Dringendes am drängeln!
Doch zunächst einmal muss ich Einhalt gebieten: Wie war das am Anfang? Ich sollte zwei Hälften des Ganzen sagen! Zwei Hoden aber sind nicht zwei Hälften eines Ganzen, auch wenn sie zu zweit (abgesehen von den notorischen Nebenhoden) im Scrotum sich aufzuhalten pflegen. Warum also werden aus den zwei Hälften des Ganzen unversehens die Bestandteile eines Paares? Und was wäre dann das Ganze? Hm… zurück
Die nächste Aufforderung steht an (glücklicherweise hat mir niemand Hoden gegeben): ich soll beide Hoden in Hälften schneiden (dann hätte ich sage und schreibe vier Hälften); und nun? Innen wird’s hell behauptet das lyrische Ich. Das will mir nicht einleuchten: wenn ich die Hoden in Hälften schneide, sind die Schnittflächen außen; man kann jetzt lediglich sehen (eine entsprechende Beleuchtung vorausgesetzt), wie zwei Hoden innen einmal ausgesehen haben können. Hell wird’s in den Hoden bzw. den Hodenhälften jedoch nicht.
Warum jedoch habe ich dem lyrischen Ich die Hoden schnell geben sollen, wenn ich sie dann zu zerteilen habe? Hält das lyrische Ich sie dabei in der Hand? Oder muss ich mir eigene Hoden besorgen, um diesen Befehl ausführen zu können? Und was treibt derweil das lyrische Ich mit seinen Hoden bzw. mit denen, die ich ihm schnell gegeben habe – schließlich bin ich ein folgsamer Mensch? zurück
Jetzt kann ich der Bilderkaskade nicht mehr folgen: da quillt was hervor – ich dachte immer, Hoden seien von relativ fester Konsistenz, sodass nichts herausquillt, wenn man hineinschneidet – doch ich lasse mich gerne belehren; Arkaden von Rohren quellen hervor: ich bezweifle, dass dieser Begriff für Kapillare oder Kanälchen angemessen ist; oder soll hier das Gewaltige des Herausquellens verdeutlicht werden? Und: aus welchen Poren bewegt sich da was? Haben die Hodenrohre ihrerseits Poren, aus denen Ungenanntes quillt? Wenn nicht: wo befinden sich die Poren dann? Etwa neben den Rohren?
Die Hoden sind zerschnitten, die Rohre liegen herum, aber wir wissen immer noch nicht, was die beiden Hälften des Ganzen sind; zum Glück folgt die zweite, allerdings verbotener- und illegalerweise um 3 Zeilen kleinere »Hälfte« des ganzen Gedichts: vielleicht klärt sich dennoch alles auf… zurück
Hoden sind ziemlich unten, Hirn ziemlich oben: Vernunft und Sex? Oder Gefühl und Sex? Soll das beides den Menschen ausmachen? Das lyrische Ich will jetzt jedenfalls Hirn haben, und ich soll es ihm geben und die Sphären trennen – ich nehme einmal an, die linke und rechte Gehirnhälfte oder Großhirn von Mittel- und Kleinhirn – ne: dann hätten wir keine zwei mehr, darum ging es jedoch am Anfang. Warum ich auch hier das Hirn erst weggeben muss, bevor ich seine Sphären trennen darf, bleibt nicht weniger unergründlich als der Umgang mit den Hoden, immerhin wird die Unergründlichkeit durchgehalten. zurück
Sehr gute Frage! zurück
Stirn? Stirn gab’s heute nicht: Heute waren Hoden und Hirn angesagt! zurück
Wo kommt der Muschelbruch her, und vor allem: welcher? Etwa die leichte muschelförmige Absplitterung z.B. an Linsenrändern, die durchaus den Blick verzerren kann? Oder der organische Muschelbruch aus zermalmten Muschelschalen, der als Streugut in Vogelkäfigen und Aquarien verwendet wird? Dann wäre der, der da sein Hirn weggegeben hat, ziemlich heftig verkalkt gewesen, wenn beim Trennen der Sphären der Kalk herausrieselt…
Dieser Hirnkalk wurde mit Samen vermengt: dann ist also wohl Samen aus den mysteriösen Poren gekrochen statt aus den Rohren, in denen er sich normalerweise tummelt – meiner Treu, der scheint auch schon ziemlich verkalkt gewesen zu sein! Und kurz vor dem Ende des Gedichtes trieft diese obergeile Mischung dem Schneider von den Händen – selbst Schuld, warum hat er auch keine Schutzhandschuhe angezogen!
Zu allem Überfluss hat Schneider oder lyrisches Ich diesen Brei auch noch verschenkt – das heißt: nein, er hat beides verschenkt, aber der Brei war ja ein Ganzes… hoppala, da schau, man muss nur Geduld haben, kommt Zeit kommt Rat, aller guten Dinge sind ungefähr zwei – wie fing das Gedicht doch an? Sage mir zwei, /zwei Hälften des Ganzen – Richtig! Das Ganze ist der Brei, und der besteht aus zwei hoffentlich gleich großen Hälften, denn sonst wären es keine: 1 Teil Hirnkalk, 1 Teil männlicher Samen, frisch aus Hodenrohrporen geschlüpft.
Könnte es nicht sein, ich meine, ist dieser Brei nicht doch eher ein Symbole für den Leib-Geist-Einheitsbrei (die Seele lassen wir einmal weg, dafür sind andere zuständig) oder für die Substanz, woraus der HErr den Menschen geschaffen hat – trockene Spermien, trockenes Hirn, und dennoch triefend? zurück

© 2002 by Malte Bremer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe – gleich welcher Art – verboten.