Tod vor dem Leben: Ist das eBook schon am Ende?

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eBook AwardDas Aus kam nicht völlig überraschend: im April 2002 teilt der Vorsitzende der International eBook Award Foundation, Alberto Vitale, mit, dass der Preis in diesem Jahr nicht mehr vergeben wird. Die Stiftung selbst löst sich gleichzeitig auf.

Mit viel Prunk und Pomp wurde der eBook Preis zum ersten Mal im Jahre 2000 in der Frankfurter Oper verliehen. Der rote Teppich war ausgerollt, die Zeremonie glich einer kleinen Oscar-Verleihung und nach dem reichhaltigen Buffet wurden die Besucher mit einem Limousinenservice nach Hause gebracht. Lobbyarbeit in Bestform, um Verlage und Presse davon zu überzeugen, dass der Siegeszug des elektronischen Buchs beginnt.

Getragen wurde die Stiftung überwiegend von Hard- und Softwareherstellern und wichtigen großen Medienkonzernen wie Bertelsmann und AOL Time Warner. Hauptsponsor war jedoch der Microsoft-Konzern, der so den Erfolg seiner eBook-Lösungen ankurbeln wollte.

Ein Jahr später machte sich Ernüchterung breit, denn nichts hatte sich auf dem Markt geändert. Kein Siegeszug und keine Revolution. Ja, es gab eBook Geräte, und man verkaufte auch elektronische Bücher, doch blieb der Marktanteil im Endeffekt gleich Null. Das eBook ist bestenfalls eine weitere Verwertungsstufe zwischen Hardcover und Taschenbuch. Aber rechtfertigt das einen eigenen mit 100.000 Dollar (über-)dotierten Preis?

Blickt man auf die Liste der in den letzen beiden Jahren Nominierten und auf die der Gewinner, so findet man Namen wie Joyce Carol Oates und Ed McBain und – sieht man einmal vom Technology Award ab – so unterscheidet sich der eBook Award eigentlich nicht von einem normalen Literaturpreis. Die meisten der Romane und Sachbücher bleiben nun einmal Romane und Sachbücher, egal ob auf Papier oder im elektronischen Lesegerät.

Kein eBook AwardSo wenig der Award also eine wirklich neue Literaturform repräsentierte, so wenig förderte er diese auch. AOL Time Warner machte im Dezember 2001 seinen eBook-Shop iPublishing.com schon sechs Monate nach der Eröffnung wegen Erfolglosigkeit dicht. 29 Mitarbeiter konnten gehen. Einen Monat davor gab Random House – die Bertelsmann Verlagsgruppe – seinen eBook-Shop AtRandom ebenfalls auf. Es bestand so auch kein Interesse mehr an der weiteren Förderung der International eBook Award Foundation. Neue Geldgeber waren natürlich nicht zu finden.

Microsoft selbst setzt jedoch seine Lobby-Arbeit fort, wenngleich in vermindertem Umfang. Noch am Tag der Auflösung der International eBook Award Foundation gab man die Gründung einer namentlich nicht unähnlichen International eBook Association bekannt. Pikanterweise will sich diese Gesellschaft mehr um technische Aspekte des eBooks kümmern und gezielt Einfluss im europäischen Raum üben. Das lässt befürchten, dass man sich im Interesse der Hersteller für eine härtere Gesetzgebung auch und gerade bei Privatkopien einsetzen wird. Wie in den USA fordern die Hersteller, dass entsprechende Hard- oder Software verboten wird, die das Anfertigen privater Kopien ermöglicht.

Und so besteht die ernste Gefahr, dass das bislang erfolglose eBook erfolgreich bei der Beschneidung privater Nutzungsrechte eingesetzt wird.

Was die Website der Foundation betraf, so trat man etwas unrühmlich ab. Zahlreiche Websites hatten anlässlich der Meldung auf die URL der Stiftung gelinkt. Jedoch hatte man merkwürdigerweise diese bereits am Tag der Auflösung abgeschaltet und die Domain sofort wieder freigegeben. Ein ungewöhnlicher Schritt, den eine in Russland gemeldete 0190er-Abzocker Firma sofort ausnutzte. Sie reservierte sich die freie Domain sofort, und beim Aufruf des Links versucht sich nun sehr hartnäckig eine Einwahl-Software zu installieren, die die normale Einwahl-Nummer beim Provider aushebelt und durch eine teure 0190er-Nummer ersetzt.

Allerdings sind es wilde Spekulationen, dass man so die entgangenen Gewinne im eBook-Bereich wieder reinholen möchte.

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