halt, mich
durchfährt
das wissen strahlt wie ein blitz
in deinen augen bin ich
verloren
bist auch du
bei mir
verrät eins
das andere ist,
was ich nicht will
-st du mich frag
ich muss sehen küssen halten
wir uns fest
geklammert aneinander
umeinander drehen wir uns
drehen umeinander am besten
du hältst mich
aufwecken? gedeiht sich
gut was gut
tust du mir ist
– wie ist dir
zu mute kommt man nicht einfach
so war das unser
auf tritt und schritt folgst du
mir lässt du keine ruhe ist,
ruhe? ohne sturm zieht auf
düsteren wolken
heran mit
euch habe ich
erwartet nichts von mir ist nicht
bange fragen sind andere
weniger gewohnt ist
das schweigen sagt mir mehr als
mir lieb ist ruhe? ist,
wenn uns
nichts mehr verbindet
uns
ist es
gleich
wissen wir mehr
Textkritik: ohne titel – Lyrik
Zusammenfassende Bewertung
Eine Liebeserklärung in höchst spannender Verpackung, die die darob entstehende Verstörung formal überaus deutlich macht!
Ganz aber hat der Verfasser dem Leser offenbar nicht getraut, denn immerhin setzt er noch erläuternde Zeichen …
Die Kritik im Einzelnen
Ich möchte gar nichts weiter tun, als die möglichen Lesarten dieser ersten Zeilen einmal auseinanderzuklamüsern:
halt,
halt mich
halt, mich durchfährt das wissen
das wissen strahlt wie ein blitz
das wissen strahlt wie ein blitz in deinen augen
wie ein blitz in deinen augen bin ich
in deinen augen bin ich
in deinen augen bin ich verloren
bin ich verloren
bin ich verloren, bist auch du
verloren bist auch du
verloren bist auch du bei mir
bist auch du bei mir
bei mir verrät eins das andere
das andere ist…
zurück
Textkritik: zeitlos – Lyrik
JETZT
(habe ich
ein zeitlos
gezogen
in der lotterie des augenblicks
hauptpreis
ein hauch von ewigkeit
das beste daran
jedes los gewinnt
ein leben lang)
BIN ICH UNSTERBLICH
Zusammenfassende Bewertung
Hier kriegt das Ewigkeits- und Unendlichkeitsgeschwafel endlich auch einmal in Gedichtform sein feines Fett weg; übrig bleibt ein leichtes Spiel mit sinnentleerten Begriffen. Noch besser wäre es allerdings ohne die verlinkte Zeile!
Gelungen auch: die Form, die Auseinanderziehung des Jubelrufes durch die trügerische Begründung: Unsterblichkeit lediglich ein Leben lang.
Die Kritik im Einzelnen
Diese Zeile stört massiv in diesem Gedicht: es geht um Zeit, um die Veralberung der Unendlichkeit, um zeitlos bzw. Zeitlos; zieht jemand ein Los, dauert das sowie so nur einen Augenblick (das Ziehen, nicht die unbedingt die Entscheidung), das ist auch überhaupt nicht wichtig!.
Was aber geschieht hier? Hier wird mit dem Bedeutungs-Hammer ein massiver Kitschpfahl in das zarte Fleisch des Gedichtes getrieben: die Lotterie es Augenblicks! Damit wir der das feine Spiel zeitlos-Zeitlos verdrängt zugunsten der sattsam bekannten Augenblick-Ewigkeit-Sülze!
Ich bitte händeringend um Revision oder Entfernung dieser Zeile! Lebenslotterie? Lotterieleben? Glücksspirale? Besser wäre: Entfernung der ganzen Zeile. Aber alles, sogar Mülleimer oder Super 6 oder literaturcafe.de, wäre in dieser Zeile tausendmal besser als Lotterie des Augenblicks! zurück
Textkritik: Das Märchen vom blauen Dunst – Prosa
Es waren einmal ein König und eine Königin, die lebten mit ihren drei Söhnen glücklich und zufrieden in ihrem Reich. Groß und mächtig war es nicht, nährte aber die Seinen ausreichend. Das Land war ringsum von hohen Bergen umgeben. Den Bewohnern fehlte die Leidenschaft, so wollten sie nicht ergründen, was jenseits der unübersteigbar scheinenden Felsen wäre. Demzufolge meinten sie, die einzigen Menschen zu sein. Ferner waren sie in der glücklichen Lage keine Kriege führen zu müssen, mit wem auch?
Dennoch kam eines Tages ein Fremder ins Land, beladen mit den Errungenschaften und der Gier seiner Zivilisation. Enttäuscht verließ er jedoch alsbald das Land. Seine Erwartungen hatten sich nicht erfüllt, keine Bodenschätze, keine Märkte, die zu erschließen wären, es gab nichts, was mitzunehmen sich lohnte. Mit leichtem Gepäck wollte er über die Berge, so ließ er allen unnötigen Ballast zurück. Ein Flimmerkasten hatte ganz besonders das Interesse der Königsfamilie gefunden, so bekam er einen Ehrenplatz im Schloss.
Täglich versammelte sich nun der ganze Hofstaat um die laufenden Bilder zu bewundern. Am besten gefielen die ganz kurzen Bildfolgen mit einprägsamer Musik. Sie zeigten Dinge, die kein Bewohner je gesehen hatte. Weiße, zehn Zentimeter lange Stangen gaben blauen Dunst, damit wären die Menschen glücklich, stark, schön und frei. Der König erklärte, er brauchte diese Dinger unbedingt zu seiner und der Königin Glückseligkeit. Also sandte er seine Söhne aus, sie zu suchen. Dem Ersten, der damit zurückkäme, versprach er sein Reich. Dies war für die jungen Männer ein großer Anreiz, konnte sich doch der König für keinen Erben entscheiden. Jeden zweiten Tag versprach er die Krone einem Anderen.
Reich bepackt mit Segenswünschen und anderen unbrauchbaren Dingen machten sich die beiden älteren Brüder auf den Weg. Der Jüngste sollte zu Hause bleiben, war er doch ein rechter Tollpatsch, auch von den Brüdern als solcher verlacht. Zudem wollte ihn die Königin nicht den Gefahren der Wanderschaft aussetzen.
So zog er sich in seine Kammer zurück, dort wolle er nachdenken.
Die zwei Prinzen aber wanderten in kleineren und größeren Kreisen im ganzen Land umher. Kein Zwerg, keine Hexe und auch keine Fee eilte ihnen zu Hilfe. Es war nichts zu machen, keine Spur der kleinen weißen Stängel. Auch der Einfall des Ältesten führte zu nichts. Er meinte, man könne doch irgendetwas anderes entzünden, Lianen zum Beispiel. Doch deren Rauch war grau und trübe.
Der Jüngste aber saß noch immer in seiner Kammer und dachte nach.
Die Jahre gingen ins Land. König und Königin, grau und alt geworden, sehnten ihre Söhne herbei. Diese hatten durch das lange Wandern auf denselben Wegen tiefe Gräben ins Land gezogen und waren darin versunken. Es hieß, sie irrten noch immer dort herum, ab und zu begegneten sie einander. Über die Gräben wurden Brücken geschlagen, um nicht dem Getriebe der Bevölkerung Einhalt zu gebieten.
Der Jüngste aber saß noch immer in seiner Kammer und dachte nach.
Aus seinem Kopf stieg nach langen Jahren blauer Dunst empor und hüllte das Schloss in bläuliche, dichte Rauchschwaden. Als die Königin endlich aus dem Fenster sah, sie hatte sich das abgewöhnt, um nicht die tiefen Gräben sehen zu müssen, in denen die Söhne umherirrten, rief sie aufgeregt nach dem König: »Ach, mein lieber Gemahl, sieh nur wie der blaue Dunst unser Schloss einhüllt!« Späher wurden ausgesandt, sie sollten die Quelle des begehrten Dunstes finden. Alles deutete schließlich darauf, dass der Qualm aus dem Schlosse selbst komme, und der denkende Jüngste wurde zu guter Letzt in seiner Kammer entdeckt. Großer Jubel brach aus. Der Knabe – nun schon zum stattlichen Manne gereift – wurde König. Da er so wenig ehrgeizig wie eigennützig war, lehrte er seine Eltern und auch seine Untertanen die Kunst der Raucherzeugung durch Nachdenken.
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie glücklich und zufrieden und haben noch immer keine Zigaretten.
Zusammenfassende Bewertung
Vorbemerkung: Die folgende Kritik (Zusammenfassung und Einzelkritik) stammt zum ersten Male nicht von mir, Malte Bremer, sondern von jemand anderem: sie heißt Nicole Thomas, ist 30 Jahre und hat mit Grafik-Design zu tun. Sie hatte sich an mich gewandt wegen einer Kritik, die ihrer Meinung nach unangemessen war. Nun kommen solche Zuschriften immer mal wieder vor, und ich antworte auch darauf, es sei denn, irgend ein Gestörter ergeht sich in Beschimpfungen und Beleidigungen. In der Regel biete ich den Kritik-Kritikern an, es doch einmal selbst zu versuchen – bisher allerdings vergeblich. Nicole hingegen war zu meiner grenzenlosen Überraschung sofort einverstanden! Hier können Sie jetzt ihre erste Arbeit lesen, und Sie können ihr selbstverständlich über das Kontaktformular Lob oder Tadel zukommen lassen! Einfach unten ihren Namen anklicken. Jetzt aber zu »Nicoles Meinung«:
Der Text zeichnet sich durch eine klare, präzise Sprache und einen feinen Sinn für Humor aus. Altbekannte Märchenmotive werden hier gekonnt mit modernen Elementen verbunden.
Weit weniger gekonnt ist dagegen der Umgang mit dem eigentlichen Thema des Textes. Hier wird der Versuch unternommen, hinlänglich bekannten Belehrungen über Sinn und Unsinn des Zigarettenrauchens einen originellen Aspekt abzugewinnen. Doch um das zu erreichen, wäre beim Winken mit dem mahnenden Zeigefinger größtmögliche Zurückhaltung geboten gewesen, was leider nicht der Fall ist. Dass dieses Märchen, sprachlich sehr gut umgesetzt, inhaltlich unaufhaltsam ins Klischeehafte driftet, schmälert den Lesegenuss in nicht unerheblichem Maße.
Die Kritik im Einzelnen
Neugier oder Entdeckergeist erscheinen mir in diesem Zusammenhang als passendere Begriffe, sie beschreiben den Sachverhalt, dass sich niemand Gedanken über die Welt jenseits der Berge macht, konkreter als der Begriff Leidenschaft. zurück
Dieser Satz ist im Grunde genommen unnötig, da zum Verständnis des Textes nicht zwingend erforderlich. Soll er dennoch beibehalten werden, um der Schilderung des Lebens in diesem Königreich eine weitere Facette hinzuzufügen, würde ich Folgendes vorschlagen: Daher waren sie in der glücklichen Lage, keine Kriege führen zu müssen. Die Frage mit wem auch? lockert den Text zwar ein wenig auf, ist jedoch andererseits nicht unbedingt notwendig und kann somit weggelassen werden. Dem Verständnis des Textes tut das keinen Abbruch, andererseits verbessert sich durch das Weglassen der Lesefluss. Daher statt ferner stellt diesen Satz in einen engeren Bezug zu dem vorhergehenden Text. zurück
Im Hinblick darauf, dass dieser Fremde die Bewohner des Königreiches nicht in heillose Verwirrung stürzt, wäre meine Empfehlung, im vorhergehenden Abschnitt den Satz Demzufolge meinten sie, die einzigen Menschen zu sein einfach ersatzlos zu streichen. Die Geschichte funktioniert auch dann noch, und bisweilen sogar ein wenig besser, wenn die Einwohner des Königreiches diesem Irrtum nicht unterliegen. zurück
Das unnötig kann weggelassen werden, es sei denn, man möchte wirklich noch einmal verstärkt darauf hinweisen, wie unnütz viele der Dinge sind, die der Fremde ursprünglich mit sich führte. Außerdem empfiehlt es sich, ein diesmal oder eine ähnliche Formulierung in den Satz einzuflechten: Dieses Mal wollte er mit leichtem Gepäck über die Berge, denn zumindest einmal hat er die ganzen Dinge ja schon über die Berge getragen, nämlich als er in das Königreich hinein kam. zurück
Flimmerkasten klingt zu sehr nach Flimmerkiste. Dieser Ausdruck hat abwertenden Charakter und tut dem ansonsten wirklich sehr hübschen Text des Märchens an dieser Stelle keinen Gefallen. Ich denke, eine kleine, nicht zu umständliche Umschreibung wie ein Kasten mit beweglichen Bildern wäre hier angebrachter. Die von mir vorgeschlagene Formulierung ist zwar immer noch nicht das Wahre, deutet jedoch hoffentlich an, worauf ich eigentlich hinaus wollte. zurück
Durch diese konkrete Größenangabe holpert der Text ein wenig. Besser wäre kleine, weiße Stäbchen oder eine ähnliche Umschreibung, denn dass es sich um Zigaretten handelt, wird aus dem darauffolgenden gaben blauen Dunst hinreichend ersichtlich. zurück
Aber warum, wenn doch bisher alle auch ohne Zigaretten schon glücklich und zufrieden waren? Vielleicht könnte man dieser Aussage noch einen Satz voranstellen, der das Ganze ein wenig erklärt: Zum ersten Mal erwachte die Neugier des Königs. Damit wäre auch noch einmal die Veränderung deutlich herausgestellt, die dank des Fremden Einzug in das Königreich gehalten hat, denn ursprünglich war den Bewohnern Neugier fremd. Und durch einen solchen Satz erklärt sich dann auch die Notwendigkeit, an dem eigentlich zufriedenstellenden Ausgangszustand Änderungen vornehmen zu wollen. Denn so lange die Neugier nicht gestillt ist, kann für den König und die Königin auch das Glück nicht mehr vollkommen sein. zurück
Besser: und ähnlich nützlichen Dingen. Möge der Leser einfach selbst entscheiden, ob er Segenswünsche für hilfreich oder unnütz hält. zurück
Vielleicht besser: und begann, nachzudenken. Diese Formulierung lenkt ein bisschen besser ab von der sich unvermeidlich aufdrängenden Frage: Worüber denn?, zumindest jedoch eröffnet man sich durch diese veränderte Formulierung die Chance, die Beantwortung dieser Frage noch ein wenig hinauszuschieben. zurück
An dieser Stelle fragt man sich unweigerlich, warum die beiden Brüder nicht jenseits der Berge nachsehen. Denn dass es dort noch weit mehr gibt, als die Einwohner des Königreiches ursprünglich glaubten, müsste ihnen spätestens seit der Ankunft des Fremden eigentlich klar sein. Vielleicht ließe sich das Ganze auflösen, indem man den ersten Satz noch ein wenig ergänzt: Die zwei Prinzen aber wanderten in kleineren und größeren Kreisen im ganzen Land umher, das ihrer Meinung nach alles enthielt, was es in der Welt gab. So wird ein wenig deutlicher, warum sie sich niemals über die Grenzen des Königreiches hinaus begeben. zurück
Einfach hinreißend dieses Bild der Brüder, die aller Misserfolge zum Trotz nicht von altbekannten Bahnen abweichen! Wirklich gut gelungen, dieser Abschnitt! zurück
Spätestens hier jedoch könnte ein dezenter Hinweis darauf erfolgen, worin der Gegenstand der Überlegungen des Jüngsten besteht, und vor allem, welche Früchte sein Nachdenken trägt. Vielleicht hat er ja neue, effizientere Methoden des Ackerbaus ersonnen oder schönere Gebäude, in denen die Menschen komfortabler wohnen können als bisher. Einfach nur Nachdenken, ohne dass etwas Konkretes dabei herauskommt – und sei es einfach nur eine neue philosophische Erkenntnis -, ist beinahe ebenso sinnlos wie das ergebnislose Herumirren der beiden Brüder. Dann könnte man anschließen: Schließlich war sein Geist so erfüllt von neuen Ideen, dass nach langen Jahren blauer Rauch aus seinem Kopf emporstieg und das Schloss in dichte Schwaden hüllte. zurück
Besser: sie tat das nur noch selten. Denn wenn die Königin es sich abgewöhnt hat, aus dem Fenster zu sehen, warum tut sie es dann plötzlich dennoch? zurück
Diesen Zusatz bitte auf jeden Fall streichen! Sicher, er entbehrt nicht eines gewissen Humors, dieser jedoch tritt gegenüber dem erhobenen Zeigefinger zu sehr in den Hintergrund. Der mahnende Zeigefinger schwingt sich auch so schon deutlich genug quer durch den ganzen Text, dass er wirklich nicht noch mehr herausgestellt werden muss. zurück
Textkritik: Augen im Fahrstuhl – Prosa
»… finden Sie sich bitte um 10.30 Uhr in unserem Büro, Zimmer 1412 ein!«
Mit dieser Einladung in der Innentasche des grauen Jacketts war Herr Groß auf dem Weg zum Vorstellungsgespräch. Ein Außendienstmitarbeiter wurde gesucht. Er brauchte den Job. Korrektes Auftreten und gepflegtes Äußeres, darauf kam es an. Das wusste er.
Er stand vor dem Bürohochhaus und schaute an der Fassade aus Glas und Beton hinauf. Das Sonnenlicht spiegelte sich blitzend in den Scheiben. Drinnen im Foyer stellte er fest, dass sich Zimmer 1412 in der 14. Etage befand. Im Fahrstuhl visierte er durch den unteren Teil seiner Zweistärkenbrille die Leiste mit den Etagennummern an. Er bemerkte, dass es keinen Knopf mit einer 13 gab und nach der 12. die 14. Etage folgte. Ein Tipp mit dem Finger. Die Tür schloss sich und er fühlte sich sanft empor gehoben. Ein Blick auf die Armbanduhr. Er würde auf die Minute pünktlich eintreffen. Plötzlich erstarb das summende Fahrgeräusch und die Kabine wurde jäh abgebremst. Ein Ruck, das Licht flackerte, verlosch und ging wieder an. Herr Groß lauschte. Stille.
»Ich werde zu spät kommen!«, schoss es ihm durch den Kopf, und: »Wie hoch hänge ich?«
Sein Finger drückte auf den roten Alarmknopf. Es ertönte eine schnarrende Stimme: »Bitte haben Sie etwas Geduld! Wir suchen bereits nach dem Fehler.«
Nun gut. Herr Groß wollte sich nicht aufregen. Jedoch zwickte seine Hose im Schritt und es juckte ihn hinten. Er ließ eine Hand in den Bund gleiten um die Ursache des Zwickens zu beseitigen. Gleichzeitig kratzte er mit der anderen die Stelle, die so entsetzlich juckte. Bald darauf kribbelte es am Schulterblatt. Er führte die Hand in das Jackett und unter der Achsel hindurch. Uuh, was war denn das? Er zog das Revers etwas ab und schnupperte. Kein Zweifel, das Deodorant versagte kläglich. Er transpirierte noch heftiger und lockerte mit rollenden Augen seine Krawatte, wobei er den Hals reckte und eine Grimasse zog. Da bildete sich in seiner Nase plötzlich ein Überdruck, der sich mit zwei heftigen Niesern entlud. Hastig riss er ein zerknülltes Taschentuch aus der Hosentasche, um der Explosion Herr zu werden. Nachdem er es wieder eingesteckt hatte, überlegte er, ob ein Rest irgendwo hängen geblieben sein könnte. Das wäre peinlich. Er erforschte mit dem Zeigefinger beide Nasenlöcher und den Bart. Da ihn das nicht zufrieden stellte, zog er einen kleinen Spiegel aus seiner flachen Aktentasche und kontrollierte mit prüfendem Blick die gefährdeten Zonen. Nichts. Gut, aber die Frisur? Bedeckte das mühsam zurecht gelegte Haar noch die kahlen Stellen? Er hielt den Spiegel in die Höhe und versuchte, sich einen Überblick zu verschaffen. Er grunzte ärgerlich, denn die Windböen draußen hatten das Ergebnis der mühseligen Morgentoilette zerzaust. Mit dem kleinen Kamm aus der Gesäßtasche richtete er die verirrten Strähnen, leckte den Handballen an und drückte sie an den Kopf. Ob auch kein Schmalz in den Ohren hing? Er zog die Stirn kraus. Das würde sehr ungepflegt wirken. Mit beiden kleinen Fingern drang er in die Gehörgänge ein und schraubte. Sorgsam betrachtete er den Fund unter den Nagelrändern. Mal gut, dass ihm das noch eingefallen war. Nun fielen ihm die dunklen Streifen unter den anderen Fingernägeln auf. Er entfernte sie mithilfe der spitzen Eckzähne. Ob auch nichts in den Zahnzwischenräumen hing? Er holte den Spiegel wieder hervor und entblößte durch Zurückziehen der Lippen die Reihen großer, gelblicher Schneidezähne. Er fand unten noch Reste vom Mohnbrötchen, die er flugs entfernte. Das hätte beim freundlichen Begrüßungslächeln schlecht ausgesehen.
Der Fahrstuhlkorb erzitterte, als das Motorengeräusch einsetzte und die Fahrt weiter ging. Kurz darauf klopfte Herr Groß an die Tür mit der Nummer 1412. Eine weibliche Stimme bat: »Herein!«
»Guten Morgen«, begann er, »Mein Name ist Groß. Bitte entschuldigen Sie meine kleine Verspätung. Der Fahrstuhl ist stecken geblieben…«
»Ich weiß!« unterbrach ihn die blonde Dame hinter dem Schreibtisch. Sie musterte ihn, presste die Lippen aufeinander und es sah aus, als koste es sie große Mühe ihren ernsthaften Gesichtsausdruck zu bewahren. Herr Groß zog erstaunt die Augenbrauen hoch. Sie deutete auf einen Monitor, der das Innere einer Kabine zeigte, die ihm sehr bekannt vorkam.
Zusammenfassende Bewertung
Flüssig, lebendig und humorvoll.
Empfehlen würde ich einen mutigeren Umgang mit den Satzzeichen: Punkte trennen viel zu stark, vor allem da, wo es um Zusammenhänge geht. Da wären viele Stellen zu finden (z.B.: Herr Groß lauschte. Stille. statt Herr Groß lauschte: Stille.) Aber das ist Erfahrung und Übung und auch Wille.
Die Kritik im Einzelnen
Das stand hat keinerlei Bedeutung; dass es ein Bürohochhaus ist, lässt sich der Fassade aus Glas und dem Heraufblicken entnehmen; da er zu einem Vorstellungsgespräch unterwegs ist, muss es ein Büro sein.
Zusammenfassung: gekürzt hieße der Satz ganz schlicht Er schaute an der Fassade aus Glas und Beton hinauf. zurück
Das Sonnenlicht spiegelt sich in den Scheiben: okay! Das Sonnenlicht blitzt in den Scheiben: besser! Aber das Sonnenlicht spiegelt sich blitzend in den Scheiben ist zu viel – schließlich kann Sonnenlicht sich kaum träge spiegeln… zurück
Nanu: macht Draußen im Foyer denn irgendeinen Sinn, wenn jemand von außen in selbiges schreitet? Weg mit Drinnen! zurück
Alles funktioniert bestens – und das würde ich mit Doppelpunkten hervorheben, und zwar auch in den beiden Sätzen zuvor; dann ergäbe sich noch die Parallelführung Ein Tipp mit zu Ein Blick auf, was eine viel engere Verbindung schafft zwischen dem funktionierenden Aufzug und dem funktionierenden Stellenbewerber:
Ein Tipp mit dem Finger: die Tür schloss sich und er fühlte sich sanft empor gehoben. Ein Blick auf die Armbanduhr: er würde auf die Minute pünktlich eintreffen. zurück
Iiiiiih, was sind das für Laute? Ooooooh, das sind Ausrufe des Erstaunens und Ekels und der Überraschung und und und! Aaaaaaaaah, damit könnte man ja jeden Satz beginnen, aber – uuuuuuuh! – das trägt eigentlich gar nichts zum Verständnis bei! Eeeeeeeh, ääääääh, also besser weg mit solcherlei doch eher hilflosen Verbalisierungen! zurück
Gemeint ist wohl nicht die Explosion, denn die ist vorbei, bevor Herr Groß das Taschentuch zücken könnt: Herr werden kann er nur noch der Folgen der Explosion! zurück
Nun: womit denn sonst? Also hinfort mit prüfendem Blick (was gleichzeitig ein weiteres überflüssiges Attribut eliminiert: so soll’s sein!) zurück


Suhrkamp wollte 1.200 Euro Abmahnkosten wegen eines Links auf eine eBook-Datei kassieren, die der Verlag zuvor selbst in Umlauf gebracht hat. Nachdem ein Proteststurm durchs Internet ging, lenkt Suhrkamp dann aber schließlich doch noch ein.
Das Aus kam nicht völlig überraschend: im April 2002 teilt der Vorsitzende der International eBook Award Foundation, Alberto Vitale, mit, dass der Preis in diesem Jahr nicht mehr vergeben wird. Die Stiftung selbst löst sich gleichzeitig auf.