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Workshop »eBooks selbst gemacht«

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Hinweis: Dieses Workshop aus dem Jahre 2003 ist mittlerweile hoffnungslos veraltet und überholt. Aktuelle Infos dazu finden Sie z.B. hier.

eBook-Lesegeräte anno 2003Einführung zu unserem eBook-Workshop

Was bietet unser Workshop? – Was sind eBooks? – Wer liest schon eBooks? – Wie mache ich eBooks selbst und warum?

Über Sinn und Unsinn von elektronischen Büchern wird viel diskutiert. Wir wollen Ihnen in einem mehrteiligen Workshop zeigen, wie Sie eBooks selbst erstellen können, um für Ihre Texte neue Leserkreise zu erschließen.

  1. Einführung
  2. eBooks für den Palm Plattform
  3. eBooks für den Microsoft Reader

Nachtrag aus dem Jahre 2010: Dieser Workshop stammt aus dem Jahre 2003 und ist mittlerweile veraltet. Dennoch werden wir ihn nicht löschen, da er mittlerweile »historischen« Charakter hat und die eBook-Welt um den Jahrtausendwechsel zeigt.

Textkritik: Danach – Prosa

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Das musste das Paradies sein. Jedenfalls blühten überall Blumen, und auf dem sanft geneigten Wiesenhang sah er von hinten ein Mädchen sitzen. Sie war wohl eine der versprochenen Jungfrauen. Aber warum hatte sie eine gelbe Schultasche bei sich, die so aussah wie die der Schülerin in dem Bus von vorhin? Er berührte ihre rechte Schulter. Sie wandte den Kopf und sah ihn an. Ihr Blick kam aus verbrannten Augenhöhlen, und ihrem Gesicht fehlte die Haut.

© 2003 by Rupprecht Mayer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Eine bitterböse und aufklärerische Kürzestgeschichte, die unbedingt ins Arabische übersetzt werden muss – obwohl das für den Autor äußerst unangenehm werden könnte, denn islamische Fundamentalisten würden überschäumen!
Schließlich werden den Selbstmordattentätern Jungfrauen versprochen – und die Versprecher bekommen in diesem Text Recht, allerdings auf eine grauenhafte Weise: ob der erfolgreiche Bomber wohl mit dieser Jungfrau leben möchte? Die anderen aus dem Schulbus dürften wohl kaum in besserer Verfassung sein…
Ich halte solche Texte für eindringlicher und deswegen wirkungsvoller als alle gut gemeinten und sogenannten politischen Gedichte und Texte, die mit Zeigefingern um sich schmeißen.

Die Kritik im Einzelnen

Nur Positives (siehe oben).

Good Bye, eBook! Gemstar gibt auf.

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NuvoMedia Rpcketbook
Das Rocket eBook

War der Markt nicht reif – oder niemals vorhanden? Der eBook-Anbieter hat seine deutsche Niederlassung zum 31. Juli 2003 geschlossen
Update: Am 18. Juni 2003 stellte Gemstar den Verkauf der Geräte weltweit ein

Wird das gedruckte Buch aussterben? Werden wir künftig Texte auf kleinen tragbaren Geräten lesen, deren Speicherkapazität für ganze Bibliotheken ausreicht? Auf der Buchmesse 1998 konnte man zum ersten Mal den Prototyp eines buchgroßen Gerätes sehen, auf dem wechselnde Texte dargestellt werden konnten. Seitdem wird die Diskussion um die sogenannten eBooks geführt. Jede Zeitung, jede Zeitschrift berichtete regelmäßig meist zur Buchmessezeit darüber. Man fragte Schriftsteller und Computerexperten nach ihrer Meinung und diskutierte auf Veranstaltungen. Man verteufelte das Gerät, das nie das Gefühl von Papier und »echter« Literatur vermitteln werde, oder pries es als Zukunft des Lesens. Über Publicity auch außerhalb der Computer-Medien konnte man sich also beim Anbieter Gemstar wahrlich nicht beklagen.

Textkritik: ich sehe dinge – Lyrik

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hinter mir zurück bleiben,
rasierzeug, helden,
das meer bei köln,

sie werden blass,
wie ein hauch alte schrift
ich weiß kaum

noch das rot deines
schals über dem dünnbeschneiten
strand, fremd

die stimmen der freunde
unter den kastanien, der geruch
meines gartens so still

ich frage die augen, ist das jetzt
der blick des astronauten
beim verlassen der welt

sie schauen nach vorn
und sind ohne wort

© 2003 by bernd beißel. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Das ist ein auch formal weitgehend überzeugendes Gedicht, weil es dem Leser Raum gibt für seine eigenen Gedanken.
Und meine sind tröstlich-erschreckend: dass Augen zwar nach vorne blicken, aber angesprochen werden müssen, weil sie so fremd geworden sind, dass sie nicht einmal mehr Bilder nach innen vermitteln, obschon dort nur noch ein Hauch ist, an den das lyrische Ich sich klammert: Das sind die Dinge, die es sieht.

Die Kritik im Einzelnen

Das lyrische Ich beginnt mit einer starken Irritation: bleibt es hinter sich selbst (dann wäre die erste Zeile Aufforderung) oder bleiben die nach dem Komma aufgezählten Dinge zurück? Wegen des Kommas müsste es Ersteres sein, denn andernfalls wären Rasierzeug samt Begleiter Subjekt, dürften also nicht mit Komma abgetrennt werden.
Ich zöge es vor, wenn nach der ersten Zeile kein Komma stünde – dann wären zumindest mehrere Lesarten möglich!
Die Aufzählung selbst ist überraschend, schließlich geht es laut Überschrift um Dinge, wozu sicherlich Rasierzeug gehört! Aber Helden? Und das Meer bei Köln? Helden sind wesentlich historisch (hat nicht Siegfried in der Nähe herumgetobt? Obwohl: der ist ja eigentlich kein Held, sondern eher ein selbstgefällig-arroganter und vor allem dummer Übermensch), auch ein Meer bei Köln als Teil der Nordsee hat es vor Abermillionen Jahren einmal gegeben – allerdings ohne ein Köln! Immerhin gibt es noch ein Kölner Bucht und die Rheinverbindung zum Meer, auf die manche Kölner sehr stolz sind. Wie auch immer: das all dies mit Dinge bezeichnet wird, zeigt eine erhebliche Distanz! zurück
Ein hauch alte schrift kann nicht mehr verblassen, sondern nur noch verschwinden; um diesen inhaltlichen Widerspruch zu vermeiden, stünde dem blass ein so gut zu Gesicht, und fehlte anschließend das überflüssige Komma, wäre alles klar: sie werden so blass/wie ein hauch alte schrift. Es sind selbstverständlich andere Möglichkeiten offen: z.B. verblassen statt werden blass (was einen anderen Anschluss verlangte zum folgenden Satzglied…). Ein treffender Ausdruck stellt sich selten von ganz allein her… zurück
Die drei vergangenen Abschnitte bilden wegen der Enjambements eine starke Einheit, so, als ob das lyrische Ich die Erinnerungen (Farbe, Gefühl, Geruch, Geräusch) gerade noch festhalten kann – als einen Hauch. Das Motiv Meer taucht im Strand nochmals auf: kann es sein, dass sich Erinnerungen vermischen? zurück

Textkritik: Ehegymnastik – Prosa

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Während er in monotonen, gleichmäßigen Stößen gefühlsarm in sie eindringt, erwidert sie mit beinahe automatischen, rhythmisch unvorhersehbaren Bewegungen ihres geübten Vaginalschließmuskels, gut getarnt hinter wollüstig wirkenden geschlossenen Augen, seine allwöchentlichen Turnübungen auf und in ihr und widmet ihre ungeteilte Aufmerksamkeit ihren Gedanken. Nachdem sie jahrelang in sprachloser Wut lautlos in sich hinein gelitten und vor sich hin geweint hat, vermag sie nun fast, sich auf ihre wöchentliche Ehegymnastik zu freuen. Mit zunehmender Klarheit und wachsender innerer Ruhe denkt sie sich nämlich eine, nicht irgendeine, ihre Geschichte aus, feilt an den gewählten Worten wie an einem eingerissenen Fingernagel, legt nicht nur ein jedes auf die sprichwörtliche Goldwaage, sondern lässt auch jede Silbe vor ihrem unerbittlich kritischen inneren Ohr erklingen. Denn diese Geschichte, an der sie in den vergangenen 19 ½ Jahren ihres eintönigen Ehebeischlafs herumgebastelt hat, will sie bei passender Gelegenheit so perfekt formuliert und so wohlklingend wie möglich zu Papier bringen und gegebenenfalls multimedial präsentieren. Deshalb ist ihr der Wortklang fast ebenso wichtig wie die eigentliche Wortwahl.
Und hier scheint ihr der seit 19 ½ Jahren zunächst unbewusst gewünschte, in jüngerer Zeit eher ungeduldig ersehnte Zeitpunkt gekommen:
Der zum dritten Mal ausgeschriebene Wettbewerb der besten Kurzgeschichte in Brigitte war ihr im Wartezimmer des Zahnarztes beim Durchblättern derselben ins Auge gefallen. Mit einer ungeahnt starken, bisher unbekannten Vehemenz, der sie weder widerstehen kann noch will, weiß sie auf einmal, dass dies ihre Chance ist. Sie spürt mit der sich immer stärker in ihr ausbreitenden Ruhe, die durch sein rammelndes Durchstoßen ihres lädierten Unterleibs nur noch kontrastreicher wird, dass dies die einzige, ihre einzige Möglichkeit ist, »bei Troste« zu bleiben, wie ihre Großmutter einen nicht umnachteten Sinneszustand ausgedrückt hätte.
Mit ihrem unbefriedigten Sexualleben hatte sie sich schon vor Jahren abgefunden: sie, die nie verstehen wollte, wie eine Frau frigide sein konnte, merkte plötzlich, dass sie wohl selbst zu der Kategorie gehört. Dabei tut ihr Angetrauter alles ihm Mögliche an akrobatischen Verrenkungen, fummelt an ihrer Klitoris, als sei sie eine Schraube, die es gälte festzudrehen, dreht und klemmt an ihren wunden Brustwarzen, bis diese wie harte Knöpfe stehen – in höchster Erregung, wie er fälschlicher Weise ihren abwehrenden Reflex interpretiert.
Sie würde es der Welt sagen, sich zur Stimme der vielen, routinierten Beischläferinnen machen, für die die ehelichen Pflichten zu genau dem geworden sind: Eine Pflicht, die es zu ertragen gilt, um des lieben Friedens willens.
»Ist es so gut?« fragt er mühsam zwischen zwei grunzenden Stößen seines leicht behäbigen Körpers. »Hm, ja, o ja!« haucht sie mit simulierendem Pathos und weiß, dass ihr – vorausgesetzt, seine unweigerliche Ejakulation ist noch nicht unmittelbar bevorstehend – diese kleine Lüge ein Minimum von drei, vielleicht sogar fünf gesegneten Minuten totaler Einsamkeit mit den eigenen Gedanken garantiert.
Als Kind hatte ihre beste Freundin ihr erzählt, dass ihr Vater ihre Mutter in jeder Mittagspause bestieg, während die Mutter seelenruhig ihre Brigitte las. Damals hatte sie voller Entsetzen und Unverständnis reagiert und sich ein solch >frigides< Verhalten überhaupt nicht erklären können. Heute weiß sie, dass diese Frau nur eine von Tausenden ist und man sie eigentlich für ihr chosenfreies Benehmen nur bewundern kann.
Sein Gegrunze und Gestöhne wird intensiver, ein sicheres Zeichen, dass ihr friedliches Schäferstündchen in wenigen Sekunden gnadenlos beendet sein wird. Sie überwindet sich zu einem routiniert leidenschaftlichen »hm, ooh, ja, … ohjaaa!« und löst damit seinen Samenerguss aus.
Mit einem letzten Aufgebot an tierischen Urlauten bricht er über, in und auf ihr zusammen und erinnert stark an eine von einer Stecknadel gepiekste Gummipuppe. Sie kann es kaum erwarten, bis er schnaufend von ihr abrollt, und sie ins Badezimmer stürzen kann, um sich der klebrigen Spermienmasse, die ihr die Schenkel hinabsickert, zu entledigen.
Als sie erleichtert und unbefriedigt ins Bett zurückkehrt, wird sie von seinem vertrauten Schnarchen empfangen, was ihr das eigene Einschlafen mal wieder unmöglich macht. Mit leisem Seufzen dreht sie ihm den Rücken zu, und widmet ihre Gedanken der weiteren Formulierung ihrer Geschichte.

© 2003 by Bubbi F.. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Die folgende Kritik (Zusammenfassung und Einzelkritik) stammt erneut nicht von mir, Malte Bremer, sondern von Nicole Thomas. Mehr dazu und zu ihrer Person findet sich hier. Jetzt aber zu »Nicoles Meinung«:

Stilistisch nicht ganz ohne Reiz, ist der Text darüber hinaus ein Spiegelbild des geschilderten Beischlafszenarios: Unbefriedigend und im Grunde genommen überflüssig. Insbesondere die weibliche Hauptperson wirkt so eindimensional und unglaubwürdig, dass es scheint, als sei auch die Kurzgeschichte selbst nicht mehr gewesen als eine lästige Pflichtübung.
Erzähltalent ist hier zweifellos vorhanden, sieht man es doch immer wieder durch dieses ganze abstruse Konstrukt hindurchschimmern. Leider kommt es nicht einmal ansatzweise zur Entfaltung. Ich unterstelle einfach mal, dass dieser Mangel nicht zuletzt durch das eigentliche Thema des Textes bedingt ist. Dieses Thema ist so abgegriffen wie die »Brigitte« im Wartezimmer des Arztes der Hauptfigur. Dazu noch etwas Neues oder auch einfach nur etwas Interessantes beitragen zu können, das nicht in einer dieser unzähligen Frauen(frust)zeitschriften in epischer Breite schon durchdiskutiert worden wäre, grenzt an einen literarischen Kraftakt herkulischen Ausmaßes, der hier leider nicht einmal ansatzweise bewältigt wurde.

Die Kritik im Einzelnen

Dieses Adjektiv steht an der falschen Stelle. Aus der weitergehenden Lektüre des Textes wird ersichtlich, dass der Mann offenbar sehr wohl etwas fühlt und recht munter bei der Sache ist. Die Gefühlsarmut während des Beischlafs ist ganz eindeutig das Problem der Frau, nicht das des Mannes, insofern sollte das dann auch zwecks korrekter Zuordnung auf ihrer Seite des Satzes stehen. Noch besser wäre es allerdings, diese Beschreibung ganz wegzulassen, da sie nicht zwingend notwendig ist. Dass Monotonie nicht gerade ein Garant für sexuelle Höhenflüge ist, dürfte wohl hinlänglich bekannt sein. zurück
Diese Zusammenstellung ist so nicht ganz stimmig. Ein Rhythmus zeichnet sich gerade durch eine gewisse Vorhersehbarkeit aus, unvorhersehbar wäre höchstens ein plötzlicher Rhythmuswechsel. zurück
Welch eine Satzkonstruktion! Kann hier nicht wenigstens auf das gut verzichtet werden? Da im Folgenden nichts davon geschrieben steht, dass die Tarnung auffliegt, muss sie wohl gut sein, ansonsten wäre sie durchschaut worden. Die Formulierung gut getarnt hinter wollüstig wirkenden geschlossenen Augen liefert zwar zwei nette Alliterationen, darüber hinaus jedoch ist diese Umschreibung sehr umständlich. Der Lesefluss jedenfalls wird dadurch nicht gerade verbessert. zurück
Eine möglichst genaue Beschreibung in allen Ehren, zu einer m.E. nach dringend erforderlichen Straffung des Satzes trägt es nicht gerade bei. Turnübungen auf ihr wären hier vollkommen ausreichend, dass der wenig begabte Beischläfer in der guten Frau drinsteckt, erschließt sich daraus, dass er mit monotonen, gleichmäßigen Stößen in sie eindringt. zurück
Dass ihre Aufmerksamkeit tatsächlich so ganz und gar ungeteilt ihren eigenen Gedanken gilt, widerspricht den vorhergehenden Aussagen. Immerhin ist da nur von beinahe automatischen Bewegungen die Rede, ein kleiner aber sehr wesentlicher Zusatz, der den Automatismus zumindest relativiert. Darüber hinaus erhält die gute Frau eine wollüstig wirkende Tarnung aufrecht, und das geht nicht, ohne nicht wenigstens dann und wann ein wenig Aufmerksamkeit darauf zu verschwenden, ob Rhythmus und Mimik noch stimmen. Ließe sie den Mann einfach machen, ohne sich weiter um ihn zu kümmern, ginge die Sache mit der ungeteilten Aufmerksamkeit ja noch in Ordnung. Aber sie lässt ihn eben nicht einfach nur machen, sondern liefert ihm eine Show in Sachen Wollust. Dass sie darin inzwischen ein hohes Maß an Routine gewonnen hat, ist klar, aber wenn diese Show glaubhaft sein und damit ihre Tarnung auch weiterhin funktionieren soll, kann sie ihre Aufmerksamkeit zumindest nicht vollständig davon abziehen. zurück
Zugegeben, sprachlos ist nicht gleichbedeutend mit lautlos, trotzdem ist der Zusatz lautlos hier überflüssig, denn die Formulierung in sprachloser Wut in sich hinein gelitten sagt schon alles Wesentliche, nämlich, dass ein für beide befriedigendes Sexualleben offenbar nie ein Gesprächsthema zwischen ihnen gewesen ist. Das muss nicht noch einmal durch ein nachgeliefertes lautlos verstärkt werden. Und so ganz lautlos hat sie vermutlich wohl doch nicht gelitten, immerhin heißt es unmittelbar darauf, dass sie vor sich hin geweint hat. Oder hat sie sich bei der Heulerei nicht einmal mehr die leiseste Lautäußerung in Form eines Schluchzens gestattet? Außerdem: Warum hat die Gute in den ganzen Jahren denn nicht ein einziges Mal den Mund aufgemacht und versucht, an dieser für sie so unbefriedigenden Situation etwas zu ändern bzw. wenigstens ihrem Ärger Luft zu machen? Es gibt schon seltsame Leute. zurück
Gut zu wissen, nur: Wie kam es denn eigentlich zu diesem Sinneswandel? Oder war das etwa gar kein Sinneswandel, und Madame Frust ist einfach nur eine Masochistin, die auf psychische Demütigungen steht? Das wäre auch eine Erklärung dafür, warum sie nie versucht hat, etwas an ihrer Situation zu ändern, denn im Grunde genommen bezieht sie ihre Befriedigung dann ja aus ihrer nie artikulierten Wut und dem sinnlosen Herumgeflenne. Dass eine ungeliebte Tätigkeit irgendwann zur Gewohnheit wird, wenn man ihr mit Gleichgültigkeit begegnet, ist ja noch nachvollziehbar. Aber sich über so etwas dann plötzlich gleich zu freuen, ist schon ein wenig unglaubwürdig. zurück
Und warum schreibt man das dann nicht sofort, sondern nimmt erst noch den Umweg über eine, nicht irgendeine, statt gleich präzise das zu benennen, was eigentlich das Wesentliche ist? zurück
Dass die frustrierenden Erfahrungen unserer unbefriedigten Beischläferin zum Thema Sex in der Ehe durchaus die Qualität eines eingerissenen Fingernagels haben mögen, will ich nicht bestreiten. Nur ist zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht klar, dass sie sich in die scheinbar nie enden wollende Reihe der Erfahrungsberichterstatterinnen einreihen möchte. Und wenn man auf diese Information nicht zurückgreifen kann, wirkt dieser Vergleich etwas irritierend: ein eingerissener Fingernagel ist etwas Hässliches, Störendes, das man durch den gewählten Satzbau jedoch auch auf die geplante Geschichte beziehen könnte. In diesem Fall wäre die Geschichte dann nicht viel mehr als noch ein weiterer Frustfaktor, und das ist ja wohl ganz eindeutig nicht so gemeint. Warum kann man es denn nicht schlicht und einfach bei der Formulierung belassen feilte an den gewählten Worten? zurück
Warum hier mit nicht nur, sondern auch gearbeitet wird, ist mir nicht ganz klar. Die Goldwaage schließt das innere Ohr doch nicht aus. Besser wäre es, eine Verbindung zu schaffen, indem man das nicht nur, sondern auch durch ein und ersetzt: . legt jedes [Wort] auf die sprichwörtliche Goldwaage und lässt jede Silbe vor ihrem unerbittlich kritischen inneren Ohr erklingen. Davon ganz abgesehen: Ist es für das Verständnis des Textes wirklich absolut zwingend notwendig, das alles in so epischer Breite zu beschreiben? Oder wäre nicht vielleicht schon die Aussage vollkommen ausreichend: Mit zunehmender Klarheit und wachsender innerer Ruhe denkt sie sich ihre Geschichte aus, feilt sorgfältig an den gewählten Worten.? zurück
Dieser Hinweis ist überflüssig. Dass diese passende Gelegenheit – aus welchen Gründen auch immer – bis jetzt wohl noch nicht da war, ist ziemlich offensichtlich, ansonsten hätte sie das Ganze ja wohl schon aufgeschrieben. zurück
Wieder ein Zusatz, der gar nicht erforderlich wäre. Einmal abgesehen davon, dass zu Papier gebrachte Worte erst dann wirklich wohlklingend sind, wenn sie jemand ausspricht, impliziert eine perfekte Formulierung für gewöhnlich auch Wohlklang. Es sei denn natürlich, eines der Stilmittel besteht in perfekt gewählten Dissonanzen. In jedem Fall sagt perfekt doch schon alles Wesentliche, also wozu noch dieser Hinweis auf den Wohlklang? Mag man bei den vorhergehenden Sätzen dem Text noch eine akribische Detailliertheit zugestehen, ist dieser Satzteil selbst bei wohlwollender Betrachtung nicht viel mehr als unnötige Wortschinderei. zurück
Sofern sie kein Sachbuch schreiben möchte, in dem die Verständlichkeit des Textes Vorrang vor allem anderen hat, ist mir nicht so ganz klar, wie sie zwischen Wortwahl und -klang so strikt zu trennen vermag. Bedingt das eine nicht auch das andere? Abgesehen davon: Ist diese Erklärung überhaupt erforderlich? Der Text soll so perfekt wie möglich zu Papier gebracht und gegebenenfalls multimedial präsentiert werden. Was ist an dieser Aussage denn so unklar, dass es unbedingt noch näher erläutert werden muss? zurück
Bisher ließen mich die Länge und der kunstvoll gestrickte Aufbau der Sätze vermuten, dass der Leser den Text nicht einfach nur konsumieren, sondern auch ein wenig in seiner Lesebereitschaft und seinem Textverständnis gefordert werden sollte. Spätestens hier bin ich mir da jedoch nicht mehr so sicher. Schließlich wurde auf die Dauer der Ehe bereits im vorletzten Satz hingewiesen. Und jetzt schon wieder? Wie wäre es mit während dieser ganzen Jahre? zurück
Dieser ganze Satz ist ziemlich verworren und klingt sehr gestelzt. Besser wäre hier folgende Formulierung: Der zum dritten Mal ausgeschriebene Wettbewerb für die beste Kurzgeschichte in der »Brigitte« war ihr im Wartezimmer des Zahnarztes beim Durchblättern ins Auge gefallen. Denn erstens machen die Kurzgeschichten keinen Wettbewerb, und wenn man zweitens die Zeitschrift Brigitte deutlich als solche kennzeichnet durch ein einfaches der, kann man auf das gestelzte derselben getrost verzichten. zurück
Ungeahnt stark und ungekannte Vehemenz sind zwei Umschreibungen für ein und denselben Sachverhalt. Und eine der Beiden ist überflüssig. Meine Empfehlung wäre, das ungeahnt stark zu streichen, da der Eingriff in den Text auf diese Weise so gering wie möglich bleibt. zurück
Womit wieder einmal bewiesen wäre, dass Männer offenbar keinen Ekel empfinden, wenn sie nur geil genug sind. Stört es ihn denn gar nicht, dass er, je nach Eintrittswinkel, sich entweder in ihren Darmschlingen verheddert oder sein bestes Stück plötzlich durch ihre Bauchdecke ragt? Ja, sicher, es ist natürlich klar, dass dieses Durchstoßen nur eine gehobenere Bezeichnung für Durchnudeln – oder noch weniger salonfähigere Ausdrücke – sein soll und nichts mit beschädigten Eingeweiden zu tun hat. Aber wenn man so sehr auf abfällige Umschreibungen des männlichen Beischlafverhaltens versessen ist, kann das eben schon einmal in unfreiwillige Komik münden, wenn der Leser die dargebotenen Beschreibungen einfach einmal wörtlich nimmt. Etwas weniger Geringschätziges ist vermutlich nicht ganz so befriedigend während des Schreibens, vermeidet jedoch andererseits ungewollte Erheiterung während des Lesens. zurück
Etwas Kontrastreiches ist nicht ruhig, sondern lebhaft, und Lebhaftigkeit ist für gewöhnlich eher das Gegenteil von Ruhe. Hier findet sich ein ähnlicher Widerspruch wie schon bei der Formulierung rhythmisch unvorhersehbar. Sicher können derartige Formulierungen auch bewusstes Stilmittel sein, Stichwort Oxymoron, aber dazu wird diese Technik wiederum nicht konsequent genug angewandt. Aus diesem Grund bin ich hier eher dazu geneigt, es als Fehler anzukreiden, denn es als Stilmittel zu betrachten. zurück
Diese Retardierung bzw. Verstärkung ist eine ähnliche Wortschinderei wie zuvor der Umweg über eine Geschichte hin zu ihre(r) Geschichte. Ich gebe zu, dass es im Grunde genommen eine sehr gelungene Methode ist, innerhalb des Textes selbst noch einmal zu unterstreichen, dass Madame Frust sich selbst offenbar nicht wichtig genug nimmt, um sich auch nur einmal direkt und ohne Umschweife an die erste Stelle zu setzen. Andererseits bleibt diese Frau derart eindimensional, dass solche fein gestrickten Verflechtungen letztendlich nicht mehr als leere Worthülsen und somit überflüssig sind. zurück
Wunderbar. Wissen wir also endlich auch, wie Großmama sich auszudrücken pflegte. Dieser Text quillt geradezu über vor unbeantworteten Fragen, aber statt sich auch nur im Entferntesten darum zu kümmern, wird lieber die Großmutter zitiert. Ist ja auch eine für das Verständnis des Textes absolut unverzichtbare Information. Nur dass ich den Sinn und Zweck, warum hier plötzlich noch die Oma ins Spiel gebracht wird, absolut nicht erkennen kann und darum auf wilde Spekulationen angewiesen bin. Möglicherweise sollte frustrierender Sex in der Ehe hier zu einem generationenübergreifenden Problem aufgebauscht werden. Allerdings ist eine Andeutung wie diese hier viel zu vage, um einen interessanten weiteren Aspekt in dieser Geschichte bilden zu können. Und so dient der Hinweis auf die Großmutter letztendlich doch nur dazu, den Satz um neun Worte zu verlängern. zurück
Unbefriedigendes Sexualleben erscheint mir hier angemessener als unbefriedigtes Sexualleben, schließlich ist nicht der Sex selbst unbefriedigt, sondern die Frau ist diejenige, die keine Befriedigung erfährt. zurück
Die Satzstellung ist hier nicht wirklich gelungen, denn im ersten Moment läuft der Leser Gefahr, sich zu einer ähnlichen Fehlinterpretation zu versteigen wie der so unglaublich tumbe Ehemann. Meine Empfehlung wäre, den Satz zu überarbeiten und ihn idealer Weise in mehrere Sätze zu unterteilen – vielleicht ergäbe sich dadurch auch die Möglichkeit, das nicht ganz so glückliche klemmt an ihren Brustwarzen durch kneift in ihre Brustwarzen zu ersetzen. Zumindest jedoch würde ich zu folgender Umformulierung raten: ein abwehrender Reflex, den er fälschlicherweise als höchste Erregung interpretiert. zurück
Eine Pflicht, selbst eine ungeliebte, gilt es zu erfüllen, nicht zu ertragen. Natürlich ist hier auch ein erhebliches Maß an stillschweigender Duldung involviert, dennoch erscheint mir die gewählte Wortkombination mit ihrer undifferenzierten Vermengung von aktivem und passivem Verhalten nicht ganz stimmig. zurück
So, spätestens hier ist der Punkt erreicht, an dem der Text sich selbst unweigerlich ad absurdum führt. Madame Frust hat doch angeblich 19 ½ Jahre lang in sprachloser Wut in sich hinein gelitten – und woher um alles in der Welt weiß sie dann mit so absoluter Sicherheit, dass sie Unfrieden heraufbeschwört, wenn sie ihre Enttäuschung einmal artikuliert? Ist sie Hellseherin? In jedem Fall jedoch ist diese Frau ein einziges Rätsel. Erstens: Warum hat sie in den ganzen Jahren nicht ein einziges Mal etwas gesagt? Um des lieben Friedens willen, klar, denn dank ihrer untrüglichen übersinnlichen Fähigkeiten weiß sie, dass ihr Mann natürlich kein Verständnis zeigen wird. Fein. Gehen wir also einfach mal davon aus, dass ihr Angetrauter sich für den besten Liebhaber unter der Sonne hält und von dieser Ansicht auch auf gar keinen Fall abzubringen ist. Bleibt immer noch die Frage, warum sie sich das alles satte 19 ½ Jahre(!) lang bieten lässt. Sind da irgendwelche Kinder, deretwegen sie um jeden Preis den Familienfrieden erhalten möchte? Oder will sie nur einfach das Image vom perfekten Paar nicht ankratzen? Dazu müsste von den Streitereien zwar erst einmal etwas an die Öffentlichkeit dringen, aber dieses Risiko besteht immerhin. Es gibt mit Sicherheit noch sehr viele andere sexuell unbefriedigte Ehefrauen, aber die haben wenigstens ihre Gründe. Und einen auch nur andeutungsweise nachvollziehbaren Grund kann ich bei Madame Frust selbst bei allerbestem Willen nicht entdecken. Bliebe vielleicht noch die Märtyrerinnen-Variante: Sie ist frustriert, sagt jedoch nichts, um den Mann nicht zu verletzen. Das würde dann ein sehr hohes Maß an Liebe voraussetzen, das Ganze über einen so langen Zeitraum mitzumachen, aber von Liebe kann ich hier nichts entdecken – es sei denn, Madame Frust empfindet es als Liebe, den Ehemann zu verachten. Wie es scheint, ist dieser Text so sehr darauf fixiert, die Gedanken einer sexuell unbefriedigten Frau während des ehelichen Beischlafs wiederzugeben, dass darüber hinaus ganz vergessen wurde, dieser Frau – von dem Mann ganz zu schweigen – einen Lebenslauf und daraus resultierend Beweggründe für ihr Verhalten mitzugeben, so dass dieses dem Leser schlüssig erscheint. zurück
Diese Charakterisierung wirkt hier seltsam deplaziert. Dass der Mann vollen Körpereinsatz bringt, ist ohnehin klar, und die Beschreibung seines leicht behäbigen Körpers wäre an anderer Stelle, vielleicht sogar schon früher im Text, wesentlich besser aufgehoben. zurück
Zwei Dinge. Erstens simuliert hier nicht das Pathos, sondern die Frau. Zweitens muss man an dieser Stelle den ohnehin schon sehr niedrig einzuschätzenden IQ der holden Beischläferin noch einmal nach unten korrigieren. Da fragt der Mann sie schon, ob es gut für sie ist – die Theorie, dass er sich ausschließlich auf sich und sein eigenes Vergnügen konzentriert, wird hier übrigens mal eben widerlegt -, und was säuselt sie als Antwort? Treffer, versenkt. Allerspätestens hier bietet sich ihr doch die perfekte Gelegenheit, endlich etwas an ihrer Situation zu ändern. Sie müsste statt »Hm, ja, o ja!« einfach nur einmal »Hm, ja, o ja – aber lass uns doch einfach noch mal etwas anderes versuchen.« sagen und ihn so ganz unauffällig, weil noch zusätzlichen Lustgewinn ihrerseits in Aussicht stellend, dazu bringen, einfühlsamer zu sein. Aber nein, sie tut es natürlich nicht. Immerhin liefe sie dann ja auch Gefahr, vielleicht einmal so etwas wie sexuelle Befriedigung zu erleben. zurück
Ist noch nicht unmittelbar bevorstehend klingt furchtbar umständlich und geschraubt, steht noch nicht unmittelbar bevor wäre eindeutig lesefreundlicher. zurück
Ich mag mich irren, aber hätte sie nicht weitaus mehr Ruhe und noch »totalere« Einsamkeit, wenn sie dieses ganze Theater zu einem möglichst baldigen Abschluss bringen würde? zurück
Wäre der Rest des Textes mit größerer ironischer Distanz zur Hauptfigur formuliert worden, fände sich hier der unbestreitbare Höhepunkt einer Beschreibung alltäglichen Ehe- und Beischlafwahnsinns. Da der Rest des Textes, anders als diese mit sicherer, leichter Hand verfasste Szene, jedoch einfach nur sehr konstruiert und schwerfällig wirkt, erscheint diese Beschreibung kein bisschen ironisch oder komisch, sondern einfach nur absurd. zurück
Diese Formulierung ist schlichtweg sachlich falsch. Frigidität oder, fachsprachlich korrekt, Störung der weiblichen Sexualität, ist eine ganz konkrete medizinische Indikation, also nichts Launenabhängiges. Es gibt doch auch kein blinddarmentzündetes oder rippengebrochenes Verhalten. zurück
Zweifellos eine interessante Wortschöpfung, nur leider ist sie fast ein bisschen zu kreativ, so dass sich ihre Bedeutung nicht so ohne weiteres erschließt und man wieder einmal nur mutmaßen kann, was eigentlich gemeint ist. Chose ist laut Duden definiert als »Sache, Angelegenheit, peinliches Vorkommnis«. Habe ich richtig geraten, wenn ich vermute, dass chosenfreies Benehmen besagt, die Mutter der Freundin habe durch ihr Verhalten eine peinliche Situation vermieden? Falls ich mit dieser Vermutung richtig liege, möchte ich entschiedenen Widerspruch anmelden. Für mich sieht das Ganze eher danach aus, als hätte die Gute Pech, dass ihr Angetrauter sich durch einen solchen Affront nicht im Geringsten beirren lässt. zurück
Wieder diese unnötige Detailversessenheit. Auf ihr reicht völlig, den Rest kann sich der Leser schon denken. zurück
Das bestreite ich, es sei denn, Madame Frust lutscht ihrem unfähigen Gatten während des Beischlafs vor lauter Langeweile die Knochen aus dem Leib. Dieser Vergleich ist nur bedingt komisch. Vielmehr reizt er durch seine aufgesetzt anmutende Verächtlichkeit nur wieder zu übertreiben spitzfindiger Betrachtung. zurück
Das wurde nun schon so oft betont, dass es inzwischen auch wirklich der Letzte begriffen haben dürfte. Wie wäre es statt dessen mit erleichtert, weil gesäubert oder einer ähnlichen Formulierung? zurück
Ach, die Arme! Nicht nur, dass ihr Angetrauter im Bett eine Niete ist, nein, schlimmer noch, die beiden sind so arm, dass sie sich nicht einmal mehr ein Sofa leisten können, auf das sie in so einem Fall ausweichen könnte. Das ist ja wirklich zu traurig! zurück
Und der vorliegende Text ist möglicherweise das Resultat? So reizvoll der Gedanke auch ist, dass sich der Kreis auf diese Weise schließt, angesichts dessen, was dann dabei herausgekommen wäre, könnte man diese Aussage regelrecht als Drohung empfinden. zurück

© 2003 by Nicole Thomas. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Textkritik: Hausapotheke – Prosa

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…nehmen wir doch für einen Moment an, wir könnten das Leben in kleinen Dosen zu uns nehmen, wann immer uns danach ist…

Das Schränkchen ist weiß, außen und innen. Es hat drei Ablageflächen aus vergilbtem Plastik, bei denen ich mich gar nicht mehr daran erinnern kann, wie sie wohl vor dem Verfärben ausgesehen haben.
Ganz unten liegt die tägliche Dosis. Noch vor dem Zähneputzen hole ich mir davon, nehme einen tiefen Schluck aus der Flasche, schließe meine Augen und besinne mich auf Altbekanntes, fühle Gewohntes und glaube für einen Moment fast, ganz gewöhnlich sein zu können.
Manchmal schüttle ich die Flasche ein bisschen, das verändert den Geschmack und ich beobachte so gern die kleinen abgelagerten Partikelchen, wie sie durch die dickflüssige Flüssigkeit schweben, um sich nach gewisser Zeit doch nur wieder auf dem Boden zu sammeln und dort zu verharren.
Genau so lange, bis ich wieder in der Laune bin, sie tanzen zu sehen.

Auf der Ablagefläche in der Mitte habe ich direkt zwei Auswege. Rot und Grau.
Mit den roten Pillen kann ich jemand ganz anders sein. Und mein Gegenüber habe ich direkt dabei. Wir lachen und sind unbeschwert, ich gebe mich geheimnisvoll und bin stark, so stark, dass ich die Tabletten gar nicht immer brauche, dass ich sie manchmal, ohne sie zu schlucken, einfach wieder ausspucken kann, mit voller Wucht gegen den Spiegel, sodass sie noch ein klimpernd klirrendes Geräusch machen, wenn sie in den Spülstein fallen. Manchmal spüle ich sie dann einfach den Abfluss herunter, denn ich bin nicht auf sie angewiesen, sie haben keinen Wert.
Die grauen Pillen zeigen mir das Leben. Sie lassen mich den Regen sehen, den Wind spüren, sie brennen mir die Sonne auf den Leib.
Sie klären meinen Blick und richten ihn für einen Moment auf das Wesentliche, oder auf das, was mich im Wesentlichen traurig macht.
Sie erfrieren meine Tränen, sodass sie, auch wenn sie längst herausgeweint sind, nicht verschwinden, sodass sie nie nie wegtrocknen können, sondern auf ewig als vereiste Tropfen in meinen Augenwinkeln hängen.

Auf der obersten Ablage liegt die Lösung, der Ausweg, die letzte Tür. Die Nadel der Spritze ist schon benutzt, ihr Inhalt noch fast vollständig. Ich hab schon am Türknopf gedreht, die Tür schon geöffnet, bei den ersten Malen nur einen Spalt, nach und nach einen Blick mehr riskiert und inzwischen schon den ganzen Kopf durch die Tür gestreckt. Ich halte ihn mutig in den Gegenwind, in die strahlenden Farben und die seichte Musik. Ich halte ihn in das Ende, das doch gleichzeitig aller Freude Anfang sein könnte.
Ich kann die Spritze nicht verschließen, und so trocknet mir die Flüssigkeit langsam weg. Entweder ich brauche sie auf, oder sie wird sowieso irgendwann einfach nicht mehr da sein, sie wird sich verflüchtigt haben, vielleicht in kleinsten Spuren auf den Schranktürchen liegen und mich mit ihrem Duft an nie genutzte Chancen und eingestürzte Träume erinnern.

Was, wenn ich das verhindere, wenn ich nicht will, dass das Schränkchen bekommt, was mir zustehen könnte, was, wenn ich mir die ganze Ladung schenke, die Tür weit aufreiße und auf die Wiese renne, die sich mir zeigt? Was, wenn ich mich dort fallen lasse, mich in den stacheligen Blumen wälze und den Duft des Plastikgrases ganz in mich aufsauge?
Ich weiß nicht, ob ich dort bleiben dürfte. Ob sich nicht doch plötzlich die Tür noch einmal öffnet, oder eine andere, ob nicht plötzlich ein langer Arm nach mir greifen wird, an mir zerren wird, um mich dorthin zu bringen, wo ich noch nicht einmal mein Schränkchen habe und mir das verweste Gras an meinen Füßen als einzige Erinnerung an die Freiheit bleibt?
Was, wenn ich die Tür von innen öffnen möchte, wenn ich gehen möchte, meinen Schrank aufzufüllen?

Heute Morgen bin ich ins Bad gegangen, verschlafen tapste ich zum Spiegel, schaute hoch und bemerkte es sofort.
Mein Schränkchen war weg. Und damit alles vorbei.

© 2003 by Sarah-Ilona Funken. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Schade: Die angekündigte Absicht gerät im Verlauf des Textes überraschend früh aus den Augen & dem Sinn. Sprachlich sind durchaus gelungene Passagen vorhanden, es werden aber zu viele Worte gemacht; insgesamt fehlt der Erzählung eine zielgerichtete Durchformung: Was will ich eigentlich erzählen? Und wie erzähle ich das, was ich eigentlich erzählen will? Es bleibt bei guten Ansätzen.
Leben in kleinen Dosen: ich werde irgendwie den Verdacht nicht los, das hierbei fälschlicherweise an Drogen statt Leben gedacht wurde; dafür spricht die Hierarchie von unten nach oben in der Folge Flasche – Pille – Spritze, die inhaltliche Steigerung: Leicht bewegte Normalität – Persönlichkeitsveränderung – SchmerzLust (stachelige Blumen und verwesendes Plastikgras), und wenn man so will: Alkohol – XTC – Heroin (aber das sind nur Assoziationen). Wäre das gemeint gewesen, müsste das Vorwort geändert werden. Ich jedenfalls habe es beim Wort genommen und daran die Erzählung gemessen.

Die Kritik im Einzelnen

Wir nehmen also an, dass man das Leben in kleinen Dosen zu sich nehmen kann, wann immer einem danach ist. Das heißt: nehme ich keine Dosis, dann hat sich’s ausgelebt – ich muss mich also darum kümmern, dass die Hausapotheke immer gut gefüllt ist. Richtig? Richtig!
Im untersten Fach lagert gewissermaßen der Alltag, der sich in engen Bahnen ändert, wie es anschaulich im Bild der schwebenden Partikel dargestellt wird, die immer wieder unweigerlich auf dem Boden der Tatsachen landen. zurück
Da gefällt mir vieles nicht: zunächst einmal würde ich statt auf der Ablagefläche in der Mitte lieber lesen: auf der mittleren Ablage, im vorigen Absatz hieß es schließlich schlicht ganz unten. Dann irritiert mich dieses direkt – es könnte wie das Umgangssprachliche verstanden werden, also im Sinne von sogar, was inhaltlich passen würde; passen könnte auch zwei direkte Auswege, wenn es denn Auswege wären: ich erinnere daran, dass alle Mittel in der Hausapotheke lebensnotwendig sind; woraus aber soll Leben der Ausweg sein? Der Ausweg aus dem Tod? Besser stünde hier zwei Möglichkeiten, und der ganze Satz könnte lauten:
Auf der mittleren Ablage bieten sich sogar zwei Möglichkeiten: rot und grau.
Ich empfehle den Doppelpunkt, denn die beiden Möglichkeiten folgen unmittelbar! zurück
Jemand ganz anderes? Oder nur ganz anders? Ich vermute, das verdankt sich einer nachträglichen Korrektur, die unkorrigiert geblieben ist… zurück
Das ist schlechterdings unmöglich, denn jetzt wird die Grundannahme verletzt! Es ließe sich aber retten, wenn hier der Irrealis verwendet würde: der unterstützte zusätzlich die Stärkefantasien! Weiter: wenn ich etwas geschluckt habe, tue ich mich verdammt schwer, es wieder auszuspucken, es sei denn, ich bediene mich bestimmter unappetitlicher Techniken. Also kann hier weiter gekürzt werden. Aber der Satz ist noch nicht zu Ende: zurück
Klimpernd klirren ist Geräusch genug, da muss kein Geräusch mehr draufgesattelt werden. Eine Gesamtlösung folgt gleich, denn der Satz ist immer noch nicht zu Ende: zurück
Nur eine Kleinigkeit: fallen sie regelmäßig in den Spülstein? Oder springt die Pille der Ausspuckerin ins Gesicht zurück oder bleibt sie am Spiegel kleben (was ein anderes Geräusch wäre) oder stürzt sie sogar auf den Boden? Wenn sie regelmäßig im Spülstein endet (offenbar putzt sich die Icherzählerin die Zähne in der Küche, wo es kein Waschbecken gibt, und hat über dem Spülstein ihr Plastik-Badezimmerschränkchen hängen; je nun: warum nicht?), lässt sich auf die Bedingung verzichten. Das nur als Vorlauf für meinen Verbesserungsvorschlag:
Wir lachen und sind unbeschwert, ich gebe mich geheimnisvoll und bin stark, so stark, dass ich die Tabletten gar nicht mehr brauchte, sondern ich sie einfach mit voller Wucht gegen den Spiegel spucken könnte, sodass sie klirrend in das Waschbecken klimperten. zurück
Wie ist die Protagonistin in den Abfluss geraten, da sie die Pillen zu sich her spülen kann? Es muss hinunter heißen, falls man sich nicht damit begnügen kann, sie  einfach in den Abfluss oder weg zu spülen. Dieses Teilsätzchen könnte nahtlos dem vorhergehenden angehängt werden: . in das Waschbecken klimperten, wo ich sie wegspülte. zurück
Selbstverständlich nicht, ist doch schon gesagt worden, dass jemand die Pillen nicht braucht (dennoch ist die Icherzählerin objektiv auf die Pillen angewiesen wegen ihrer lebenserhaltenden Wirkung – aber die Einleitung scheint endgültig ad acta gelegt worden zu sein); jedenfalls ist der Rest ab dem letzten Link überflüssig. zurück
Die grauen Pillen lassen den Regen sehen, sie lassen den Wind spüren, aber sie brennen die Sonne auf den Leib. Eine Erklärung für dieses eigenwillige Pillenverhalten habe ich nicht; ich wäre damit zufrieden, wenn sie Wind und Sonne spüren ließen – doch wer will schon, dass ich zufrieden bin? zurück
Ist das Absicht oder Versehen? Erfrieren ist ein intransitives Wort, transitiv wäre einfrieren: die graue Pille könnte die Tränen einfrieren oder vereisen lassen (auf dem lassen beharre ich jetzt). zurück
Da hat sich eine Menge angesammelt: 1.) Warum hängen die vereisten Tropfen nur in den Augenwinkeln, wenn alle Tränen vereist werden, auch, die schon längst herausgeweint sind? Wurde bislang nur einmal geweint und das bereits im Ansatz erstickt? 2.) Eis trocknet sehr wohl, auch ohne Umweg über Zu-Wasser-Werden: wer einmal Wäsche bei konstanten Minustemperaturen zum Trocknen aufhängt, wird diese Erfahrung auch in unseren Breiten machen können – sofern er nicht dringend auf die Wäsche angewiesen ist… 3.) Wenn Tränen erfroren werden (was nicht geht, aber man weiß ja, was gemeint ist), dann werden sie – man höre und staune – zu vereisten Tränen! Das ist geradewegs so, als ob, wenn jemand stürbe, dieser in der Regel so stirbt, dass er hinterher tot wäre: der nackte Wahnsinn! Deswegen muss man eigentlich beides nicht besonders hervorheben. 4.) Außer der Ewigkeit ist nichts ewig: das ist ein viel zu langes Wort! Oder ist nie nie noch länger – wobei sich zum zweiten Male die Frage stellt: liegt hier ein Korrekturfehler vor oder wurde bewusst Umgangssprache gewählt?
Es wäre so einfach gewesen: Sie lassen meine Tränen in den Augenwinkeln einfrieren.
So; das zweite Fach wurde fachfraulich begutachtet, der zweite Absatz ist beendet, es folgt der dritte Absatz und damit das dritte Fach: immerhin stimmt bis jetzt die Form! zurück
Drei Nomen werden hier präsentiert, aber keines hat irgendetwas mit der Einleitung zu tun: es geht schließlich keinesfalls um Lösung oder Ausweg oder um eine letzte Tür (wo sind denn – bitteschön – die anderen Türen?!), sondern um die freie Wahl zwischen drei (vier?) unterschiedlichen Lebens-Dosen (ein saublöder Plural, das!). zurück
Was hier mit dem Bild Tür gemacht wird, ist in Ordnung, aber es passt halt nicht zum angekündigten Vorhaben. Ungeklärt ist, wieso Gegenwind identisch sein soll mit dem Ende – aber hier kann ich nichts verbessern. zurück
Auch hier wieder fette Wiederholungen: die Flüssigkeit trocknet langsam weg, die Flüssigkeit wird irgendwann nicht mehr da sein, die Flüssigkeit wird sich verflüchtigen: ja, ja und nochmals ja: ich hatte es doch schon bei wegtrocknen kapiert, und eine Steigerung findet nicht statt, im Gegensatz zu den verschiedenen Türöffnungswinkeln zuvor! Auch das wäre schnell zu bereinigen:
Ich kann die Spritze nicht verschließen! Entweder brauche ich sie auf, oder der Inhalt wird sich verflüchtigen, sich vielleicht in kleinsten Spuren auf das Schranktürchen legen und mich mit seinem Duft an nie genutzte Chancen und eingestürzte Träume erinnern. zurück
Dazu fällt mir nichts ein, das heißt: dazu könnte ich eine Menge sagen, aber ich mag nicht, denn der ganze Absatz hat überhaupt nichts mehr mit dem Thema zu tun: was soll denn ein Plastikschränkchen mit einer Dosis Leben anfangen??? Und wie verwest Plastikgras??? zurück
Der letzte Absatz ist in Ordnung bis auf die letzten vier Wörter (wer es genau wissen will: Und damit alles vorbei): sofort eliminieren!!! Das ist schon kein Zaunpfahl mehr, da bekommt der Leser einen ausgewachsenen Zaun um die Ohren! zurück

Textkritik & Gegenkritik: Hirn mit Ei – Lyrik

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Weil Weiber geistreich Beine spreizen,
wohlweislich seine Reime reizen,
schreibt ein Meister geil bei Zeiten:
»Einfach Eine heimbegleiten

© 2003 by Johann Jandl. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Hier stehen die Eier im Vordergrund, zu wenig das Hirn, will sagen: viel zu wenig wurde gefeilt, als dass ich diese Spielerei so durchlassen könnte …
Wie immer bei solchen unfertigen Texten: man ahnt, was gemeint sein könnte, und man fragt sich, warum manche sich damit zufrieden geben.

Die Kritik im Einzelnen

Hier beginnt das Problem: wie spreizt jemand seine Beine geistreich, egal ob Männlein oder Weiblein? Dies Wort bringt hier so wenig Sinn hervor wie etwa eisfrei oder Schleimbrei, ganz im Gegensatz zu gewagteren Schöpfungen wie feist-dreist und anderen zu findenden Ei-Wörtern – ich kann zum wiederholten Male nur allerdringendst auf den Gebrauch von Reimlexika hinweisen … zurück
Ein Ei hat sich schon verabschiedet und einem o Platz gemacht; das ist minder tragisch, schließlich sind sinnvolle Lautketten schwierig herzustellen, und seit der Barockzeit versuchen sich immer wieder Menschen mit mehr oder weniger Erfolg daran, siehe z.B. die Buchstabensuppe hier im literaturcafe.de (soviel Eigenwerbung muss sein); dass aber besagte Beine spreizenden Weiber mit ebendieser Tätigkeit lediglich Reime reizen wollen statt des Reim-Kleistermeisters höchsteigene Hormone in Wallung zu bringen, will mir nicht in den Dickschädel. zurück
Der Meister ist wider Erwarten doch einigermaßen angetörnt, denn jetzt schreibt er geil. Warum aber schreibt er bei Zeiten? Was droht ihm zu entschwinden? Wieso schreibt er nicht zum Beispiel als Ersatzhandlung, weil er sich nicht traut – schließlich liegen die willigen Weiber ja provozierend bei ihm im Zimmer herum – die folgende Zeile auf zwei oder drei Seiten als eine Art Strafarbeit? Oder ist gemeint, dass der Meister rechtzeitig so schreibgeil geworden ist, dass er nunmehr endlich überhaupt und egal was schreiben kann (was dem Einen sein faulender Apfel, sind dem Anderen gespreizte Beine)? Ach, wer das wüsste … zurück
Da haben wir’s! Das heißt, wir haben gar nichts mehr: ein Weib gefällt ihm offenbar nicht, das will er heimbegleiten; die anderen bleiben bei ihm und spreizen derweil weiter ihre Beine, und er ist den Anblick los – das bedeutet aber doch, er ist gar nicht geil geworden, wie genau eine Zeile zuvor zu lesen war; sollte er aber dennoch geil geworden sein, ist der Reimmeister ein Heimbegleit-Fetischist: ob die Weiber das wissen?
Und für wen er die erlösenden Worte schreibt, wird immer unklarer. zurück

© 2003 by Malte Bremer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

 

Erstmals mit einer Gegenkritik!
Was soll eine Gegenkritik? Ganz einfach: maltes meinung ist meine Meinung, und ich versuche sie nachvollziehbar zu begründen, denn nur so ist Kritik hilfreich. Aber keine Kritik hat Anspruch auf die absolute Wahrheit. Es lassen sich viele Befunde durchaus unterschiedlich bewerten: enthält für mich hohe Plateausohlen ein blödsinniges Adjektiv, weil hoch in der Definition von Plateausohle steckt, könnte das jemand anders als Stilmittel sehen: es wird etwas durch die Wiederholung besonders betont – man denke z. B. an meist unüberlegt hingeschriebene Wendungen wie kaltes Eis oder heiße Sonne. Man kann und darf und soll also durchaus anderer Meinung sein als ich – aber man muss sie begründen! Jetzt, im Mai 2004, erreichte mich eine eMail, die sich mit einem von mir im März 2003 besprochenen Text anders auseinandergesetzt hat als ich und folglich zu einem anderen Ergebnis kommt – mit den erwähnten sorgfältigen Begründungen. Solche Auseinandersetzungen sind überaus sinnvoll und erhellend, und deshalb wollen wir diesen Text den interessierten Besuchern zugänglich machen.
Lesen Sie also zu diesem Gedicht auch die Gegenkritik von Thomas Mechler:

Hallo Herr Bremer,
ich bin gerade auf Ihre Kritik des Gedichtes »Hirn mit Ei« gestoßen, und meiner Meinung nach tun Sie diesem Stückchen doch ein wenig Unrecht. Es ist sicherlich nicht der größte Wurf aller Zeiten, aber so aus dem hohlen Bauch raus hätte ich ihm doch 2-3 Brillen (vielleicht sogar auch noch mehr) vermacht.
Formal würde ich zuerst einmal sagen, dass der Autor seine Spielereien doch auf einem recht akzeptablen Niveau betreibt.
Da ist zuerst die Einhaltung des Versmaßes zu erwähnen, wenn dieses auch im dritten Vers vom vierhebigen Jambus zum vierhebigen Trochäus wechselt. In diesem Zusammenhang halte ich die einmalige Verabschiedung des Ei’s zugunsten eines O’s auch für verzeihlich, denn sie findet auf einer unbetonten Silbe statt.
Zerfällt das Gedicht bereits aufgrund des Versmaßes in zwei Teile, so wird dies noch dadurch verstärkt, dass der erste Teil sowohl durch eine Alliteration eingeleitet wie auch beendet wird. Wenn man ganz spitzfindig sein wollte, könnte man dem noch hinzufügen, dass durch die beiden Ws in wohlweislich der zweite Vers wiederum in Gestalt des Weil Weiber an den ersten Vers angebunden wird.
Als Nächstes finde ich das Reimschema beachtenswert: Wir haben es hier mit zwei Paarreimen zu tun, welche erneut die Zweiteilung des Gedichtes unterstreichen. Auf der anderen Seite entpuppen sich diese Paarreime auch als unechte Reime (spreizen, reizen, Zeiten, …-begleiten), wodurch eine Verbindung zwischen den zwei Teilen des Gedichtes hergestellt wird. Darüber, inwieweit Form und Inhalt miteinander korrespondieren, möchte ich mich jetzt nicht weiter auslassen, denn das ganze soll ja weder einen Abituraufsatz noch eine Seminararbeit ergeben. Es geht mir lediglich darum zu zeigen, dass in diesem Gedicht mehr steckt als eine blödsinnige Spielerei mit den Ei’s.
Aber auch bezüglich der inhaltlichen Kritik kann ich nicht so ganz mit Ihnen übereinstimmen:
Hier steht zuerst einmal die Frage im Raum, wie jemand seine Beine geistreich spreizen kann. Nun, ich denke, darauf gibt es sogar eine ziemlich sinnhafte Antwort:
Mit dem Satz Weil Weiber geistreich Beine spreizen werden zwei Ebenen angesprochen: Während das geistreich auf den Intellekt verweist, spricht das Beine spreizen das Körperliche an. Mann kann diesen Vers also in der Art deuten, dass die Weiber beim Gespräch mit dem Meister diesen auf geistreiche Art zweideutig unzweideutig anmachen. Aber warum tun sie dies? Die Antwort darauf gibt der zweite Vers: Die Weiber versuchen in vollem Bewusstsein (wohlwissend) die Reime des Dichters zu reizen. Das heißt, es geht weniger darum sich mit dem Meister in der Kiste als vielmehr sich in seinen Reimen wieder zu finden. (Pointiert könnte man sagen, es ist der Versuch sich als Muse zu prostituieren, und als Hurenlohn winkt die Unsterblichkeit.) Was macht aber der Meister, anstatt die Weiber erotisch zu besingen? Er schreibt geil wie er ist: »Einfach Eine heimbegleiten!«.
In diesem Zusammenhang fragen Sie in Ihrer Kritik, warum der Meister bei Zeiten schreibt und was ihm zu entschwinden droht. Weiterhin fragen Sie, warum er nicht z.B. als Ersatzhandlung schreibt, weil er sich nicht an die willigen Weiber rantraut, die bei ihm im Zimmer liegen.
Nun, ich würde sagen, dass er genau dies tut, zumal aus dem Text nicht hervor geht, dass die Weiber wirklich bei ihm im Zimmer sind.
Aus diesem Grund gehe ich davon aus, dass sich der Meister bei Zeiten, also rechtzeitig, an seinen Schreibtisch geflüchtet hat, um das aufzuschreiben, was er sich nicht in die Tat umzusetzten traut. Sprich, er hat sich aus der Affäre gezogen, bevor es zu einer solchen kommen konnte.
Um diese Interpretation zu stützen ist es hilfreich zu fragen, wessen Geistes Kind der erste Vers eigentlich ist. Beschreibt das lyrische Ich hier einen objektiven Tatbestand, oder gibt es lediglich die subjektive Wahrnehmung des Meisters wieder? Ich plädiere hier für die zweite Lesart, denn dann ergibt das ganze einen eindeutigen Sinn: Der Meister hat Angst vor Frauen und vor seiner eigenen Geilheit. Deswegen qualifiziert er diese als geistreiche Weiber ab, die ihn nur deswegen anmachen, weil sie Teil seiner Kunst werden wollen. Statt sich auf eine Frau einzulassen flüchtet er lieber in seine Dichterstube und sublimiert dort seine Männerfantasien.
Aber da ist noch eine weitere Spur im Text, die es anzudenken gilt. Meines Erachtens lässt sich nämlich dieser nicht weiter beschriebenen Meister beim Namen zu nennen. Einfach Eine heimbegleiten – das erinnert mich doch stark an »Mein schönes Fräulein, darf ich wagen, meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen?«. Hier gräbt Faust Gretchen an, indem er ihr vorschlägt, sie nach Hause zu begleiten …
Goethe zu unterstellen, er habe beim Schreiben des Faust auch seine verklemmten Männerfantasien befriedigt, sieht zwar auf den ersten Blick wie die Demontage eines Dichterfürsten durch einen Schreiberling aus, der ihm nicht das Wasser reichen kann. Bei genauem Hinsehen trifft das aber ziemlich ins Schwarze: So flüchtete der junge Goethe zum Beispiel Hals über Kopf aus Straßburg, weil ihm der Boden bei Friederike Brion zu heiß geworden ist. Geblieben ist davon vor allem das Gedicht »Willkommen und Abschied«. Darüber hinaus gibt es noch einige seltsame Beziehungen Goethes zu Frauen, aber wie gesagt geht es hier nicht um ein Proseminar, sondern darum zu zeigen, dass hinter Johann Jandls Gedicht sich mehr verbergen könnte, als eine Spielerei mit zu wenig Hirn und zuviel Ei.
Vielleicht handelt es sich bei dem Gedicht tatsächlich um eine in der Tat ziemlich bösartige Auseinandersetzung mit Goethe, die darin gipfelt unseren allseits geliebten und geschätzten Dichterfürsten als »Hirn mit Ei« (wohlgemerkt nur mit einem Ei ) zu bezeichnen. Mir würde das gefallen und ich würde in diesem Falle ohne wenn und aber für die volle Punkt bzw. Brillenzahl plädieren. Ansonsten würde ich bei 2-3 Brillen bleiben, denn das Gedicht hat es wirklich nicht verdient, mit so schrecklichen Dingen wie der Pseudoballade oder dem Horrorsonett auf einer Ebene zu stehen.

© 2003 by Thomas Mechler. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Textkritik: Sie – Prosa

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Seinen ersten Blick auf die Schöne erhaschte Quintus, hinter beschmiertem Fenster stehend, nur flüchtig. Die Empfehlung eines ihrer Ex-Liebhaber hatte ihn in ihre Nähe gelockt. Quintus, siebenundvierzigjähriger Hauptbuchhalter eines Kaufhauskonzerns, war seit einigen Monaten »midlife-crisis-verstört«, wie seine Freunde es ausdrückten. Immer öfter hatte er in den letzten Wochen Zeitungsinserate studiert. Annoncen. Geschaffen für diese Klientel Mann. Jetzt war er nun fast da, drängelte sich an ein anderes, noch dreckigeres Stück Glas, reinigte es mit einem seiner weichen Papiertaschentücher, von denen er mindestens fünf stets in seiner linken Hosentasche hatte. Mit neugierigen Augen glupschte er immer noch hinüber, rieb mit feuchten Händen salzige Perlen von seinem blassen Gesicht. Das verstellte ihm die Sicht, nur schemenhaft erkannte er ihre Umrisse, atmete tief ein, es roch nach Diesel, und obwohl sie ihn nicht hören konnte, flüsterte er: »Einfach herrlich.« Sie lag fast nackt auf ihrem Wasserbett.

Sein Brillengestell kratzte für den Bruchteil einer Sekunde an der Scheibe entlang. Überstürzt nahm er es ab und überprüfte es gründlich auf Beschädigungen. Brillen waren seine Leidenschaft, besonders die mit kleinen, runden, schwarz eingefassten Gläsern und leichten, schmalen Stegen. Erst vor kurzem hatte er das einzigartige Stück in dem wirklich nicht billigen Optikerladen am Markt erworben. Er konnte keine Schrammen erkennen. Gottlob. Behutsam setzte er die Sehhilfe wieder vor seine Augen. Der wunderbare Ausblick war inzwischen hinter einem Grauschleier verschwunden, der sich aus den unzähligen Wassertröpfchen seines heißen Atems auf der Fensterscheibe gebildet hatte. Im Hintergrund hörte er ein unbekanntes Signal.

Benebelt schlotterte er eine steile Treppe hinunter, humpelte, zog sein linkes Bein schwerfällig hinterher, der Abgang wurde länger und länger. »Das hält doch mein Meniskus nicht aus«, dachte er. Seine Brille. Sein Meniskus. Er hatte ihn verknackst, nicht beim Sport, nicht während der Büroarbeit und beim Sex schon gar nicht. Wie sollte man sich dabei auch das Knie verdrehen? Die Stufen hatten etwas von Unendlichkeit, wie die bohrenden Schmerzen im Knie. Im Kopf. Wenn nichts mehr weitergeht. Die letzte Stiege war erreicht. Quintus atmete tief durch. Der Dieselgeruch hatte sich verzogen, frische Luft drang in seine Nikotinlunge. Er zündete sich eine Zigarette an. Seine Brille verlangte keine Standort-Korrektur. Nur seine beständig schlechte Laune der letzten Monate lechzte nach Veränderung.

Nach ein paar Schritten war er endlich angekommen. Ganz bei ihr. Sie begrüßte ihn kühl. Das war ihre Art. Er genoss ihre Gerüche. Er genoss ihre Vielfalt. Genoss all ihre Seiten. Sie wurde seine Genossin und heimliche Liebe. Beim Abschied meinte er zu hören: Wende dein Gesicht der Sonne zu, dann fallen die Schatten hinter dich… und wunderte sich, dass viele ihrer ehemaligen Verehrer sie nicht mehr besuchten. Jemand rief  »Passengers to…«. Quintus beeilte sich. Zum ersten Mal nach vierzehn Tagen. Er konnte wieder laufen und lachen. Eine sonor grummelnde Fähre verschluckte ihn in ihrem riesigen Schlund. Diesmal nahm er einen Platz auf dem offenen Deck. Schmeckte die salzige Meeresluft auf seinem braungebrannten Gesicht. Im Hintergrund verschwand Texel, eine der vielen, vielen Inseln auf diesem Globus. Für ihn war sie einzigartig.

© 2003 by Dieter Mickisch. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Jammerschade! Der Anfang ist ganz brauchbaraber dann wird dieses bis zum Abwinken bekannte Hach-wie-raffiniert-ich-den-Leser-an-der-Nase-herumführen-Kann wie üblich knüppeldick aufgetragen.
Warum lässt der Autor die Zusammenhänge nicht offen, nicht mehrere Sichtweisen zu? Warum haut er dem Leser die Hinweise immer wieder penetrant um die Ohren? Oder: warum beschreibt er nicht von vornherein eine Annährung an die Insel? Schreiben kann er doch…

Die Kritik im Einzelnen

Da Quintus steht, könnte er die Schöne eigentlich genau betrachten, nicht nur flüchtig – es sei denn, die Schöne bewegte sich (was sie nicht tut, wie wir später erfahren); der Blick durch das beschmierte Fenster kann also weder flüchtig sein noch muss er erhascht werden, sondern eher ist der Schönen Anblick unscharf  oder verschliert oder brüchig  oder verschwommen oder oder  – das hängt von der Art der Beschmierung ab. Da ist der Erzähler gefordert! zurück
Das wäre ein viel besserer Erster Satz, weil er gleich zu Anfang Interesse weckt – Blicke auf Schöne oder Schönes sind viel zu alltäglich, vor allem die durch Fenster!  Der Beginn könnte sich dann zum Beispiel so lesen:
Die Empfehlung eines ihrer Ex-Liebhaber hatte Quintus in ihre Nähe gelockt: aber ein beschmiertes Fenster behinderte seinen ersten Blick auf die Schöne. zurück
Wozu dient diese ausschweifende Charakterisierung? Ist der Kerl nicht schon bedauernswert genug, wenn er dank Empfehlung eines Ex-Liebhabers auf Spannerfüßen wandert? Ich würde dringend anraten, den ganzen Sums seit dem letzten Hyperlink ersatzlos zu streichen – zumal Quintus später durch allerlei Eigenheiten viel lebendiger wird als durch all diese Schubladen! zurück
Wo bitte war er jetzt? Fast da? Er steht doch vor einem beschmierten Fenster – daer geht’s nicht mehr!  Und wozu dient das nun beim fast? Beabsichtigt er etwa, durch das Fenster zu klettern – und rauf auf die Schöne? Dann wäre er bislang tatsächlich nur jetzt nun fast da…  Empfehle wieder: Streichung! zurück
Das erste Fenster war nur beschmiert, das zweite war noch dreckiger (sofern mit Stück Glas ein weiteres Fenster gemeint ist) – aber erst jetzt fällt Quintus siedendheiß ein, das er Fenster reinigen könnte: das nenne ich eine gelungene Charakterisierung, denn es zeigt Quintus‘ Gier; schön auch wird seine Buchhaltermentalität deutlich, da er immer mindestens (!) fünf Papiertaschentücher in der linken (!) Hosentasche mit sich führt; einen besseren Beweis kann der Erzähler nicht liefern, dass die von mir empfohlene Streichung der ausufernden Beschreibung tatsächlich notwendig ist! zurück
Glubschen ist in der Regel ein neugieriges Schauen (da die Augen hervorquellen) – also kann auf mit neugierigen Augen getrost verzichtet werden; zu fragen wäre vielleicht, ob glubschen stark genug ist: ich stelle mir eher einen stierenden oder starrenden Quintus vor. zurück
Ein Rätselsatz:
Erstens: Wenn Quintus sich Schweißtropfen vom Gesicht wischt, kann ihm das die Sicht nicht verstellen, sie allenfalls kurzfristig stören oder sie immer wieder behindern, abhängig vom Grad seiner Schweißproduktion. Es sei denn, die Schweißperlen wäre Schweißströme und er hätte Hände wie Schaufeln.
Zweitens:  Wenn die Sicht verstellt ist (was sie ja nicht ist), kann Quintus nicht einmal Umrisse erkennen, auch nicht schemenhaft, sondern dann sieht er überhaupt nichts! Wenn seine Sicht nur behindert ist, dann sieht er allemal mehr als schemenhafte Umrisse. Woher kommen also die schemenhaften Umrisse? Weiß ich nicht. Folge: weg mit diesem Teilsatz! Lassen wir Quintus glubschen und schwitzen und anschließend atmen. zurück
Wenn Brillen – wie wir später erfahren – seine Leidenschaft sind, wird auch ein Quintus sie niemals überstürzt abnehmen, sondern höchstens alarmiert oder erschrocken oder dergleichen (Word-Thesaurus empfiehlt unter anderem: bestürzt, aufgeweckt, beunruhigt, geängstigt, aufgefahren, erschaudert, eingeschüchtert usw. usw.: na bitte!) zurück
Weißt du wie viel Sternlein stehehen?  Stünde im Text etwa fünf Wassertröpfchens seines heißen Atems, könnte ich darüber lachen – aber unzählige Wassertröpfchen enthält genau eine nichtabzählbare Menge zu viel, ein allerobermegahyperüberflüssiges Adjektiv: weg damit! zurück
Wieso denn das? Was hat er denn zu sich genommen? zurück
Wieso denn das? Ist ihm etwa kalt? zurück
Wer sein Bein hinterher zieht, humpelt automatisch; deswegen kann kein Mensch humpeln und sein Bein hinterher ziehen, sondern er humpelt, weil er sein Bein hinterher zieht. Das hat was mit sprachlich-inhaltlichen Zusammenhängen zu tun. zurück
Menisken kann man nicht verknacksen, dazu sind sie viel zu elastisch. Man kann sie einklemmen, einreißen, abreißen, oder sie können einfach Schmerzen bereiten, wenn die Bänder ausgeleiert sind – und ich weiß, worüber ich schreibe!!! zurück
Streichen, diesen Unsatz, der überhaupt keine Information oder Steigerung enthält. zurück

Textkritik: Wilde Rose – Lyrik

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Die schönste aller schönen Blumen
ist die wilde Rose
nicht ihre Schwester in der Vase
die schlanke, dornenlose

Und mag ihr Duft auch stärker sein
und leuchtender ihr Kleid
doch ist ihr Glanz nur äusserlich
und kurz ist ihre Zeit

Die schönste aller schönen Blumen
ist die wilde Rose
nicht ihre Schwester aus der Zucht
die stolze, seelenlose

Jedoch auch sie verführte mich
ich gab ihr manchen Kuss
ein nettes, schnelles Stelldichein
ohne Hochgenuss

Die schönste aller schönen Blumen
ist die wilde Rose
nicht ihre Schwester aus dem Treibhaus
in geklonter Pose

Die wilde Rose ist wie ich
ungezähmt und frei
trägt Staub in ihrem Blütenkleid
und lächelt doch dabei

Die schönste aller schönen Blumen
ist die wilde Rose
ich liebe und verehre dich
komm blühe und bezauber mich
will mich nach dir nur sehnen
du Schönste aller Schönen

© 2003 by Tee-Ei2000. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Ein formal durchaus korrekt durchgeführtes Lied, das unter breitgetrampelt herkömmlichen Naturmetaphorismen leidet, aber durch ein Weniges zu einer (überflüssigen) Parodie hätte werden können. So erscheinen mir die Pannen eher als Versehen. Ein Trost: die Form ist durchaus gelungen. Und allein dafür gibt es Brillen.
Die Rose ist schon immer Inbegriff für eine Frau mit besonderer Betonung ihres Geschlechtsteils; lange vor Goethes Knab bedeutet im Volkslied Eine Rose brechen immer und nur Mit einer Jungfrau schlafen. Auch die anderen Naturmetaphern in dem Text Wilde Rose transportieren ungebrochen fröhlich Altbekanntes: man braucht nach der ersten Strophe nicht weiter zu lesen, denn man weiß, was kommt. Diese Bestätigung von bis zum Erbrechen Bekannten ist die Domäne unserer volkstümlichen Musik – wozu ich auch den Deutschen Schlager rechne. Ausnahmen mag es geben, ich kenne keine und bemühe mich auch nicht darum, weil mir Deutscher Schlager und volkstümliche Musik letztlich schnurzegal sind; und wenn ich zufällig etwas hören muss, kommt mir alles fürchterlich bekannt vor. Mit Grinsen erinnere ich mich noch an die Zeit, als Peter Alexanders und Udo Jürgens‘ Kitschliedchen zu Protestsongs hochstilisiert wurden… Ich frage mich, wann Jürgen Drews oder der mit den vielen Freundschaftsbändern am Handgelenk anfangen, ihre Liedlein zu hiphoppen – oder tun die das gar schon?
Doch bei Gedichten falle ich immer wieder darauf herein, denn irgendwo in mir schlummert so etwas wie Hoffnung, dass Ausgelutschtem doch noch etwas Neues abgewonnen werden kann.

Die Kritik im Einzelnen

Das macht doch Hoffnung: immerhin ist die schlanke, dornenlose Rose damit 1.) eine schöne Blume und nicht eine hässliche, und 2.) hat ihr doch niemand den zweiten Platz streitig gemacht! Und Vasenschwester kann sich beruhigend auf die Blumenschulter klopfen und sagen: Lieber schön und schlank und dornenfrei als schön und fett und dornig!
Forschen ließe sich auch nach dem Übeltäter, der eine wilde Rose gepflückt, sie ihrer Dornen beraubt, einer Diät unterzogen und in eine Vase gestopft hat – es handelt sich doch wohl um eine leibliche Schwester? Oder sollte es doch eine weitläufige Schwester sein (alle Menschen sind Brüder, alle Blumen sind Schwestern)? Soll hier eine wilde Rose mit einer erzogenen verglichen werden?
Fest steht jedenfalls: auf Satzzeichen wird verzichtet (ein Komma darf hier bleiben, später übrigens noch eins), und die erste Strophe gibt das Schema vor. zurück
Das Subjekt der ersten Strophe ist: die wilde Rose. Alles, was in der zweiten Strophe folgt, gilt also für die wilde Rose: sie duftet stärker, ihr Kleid leuchtet anmutender (da kömmt 1 Erinnerung hoch: »Die Rosen und der Tulipan, die ziehen sich viel schöner an als Salomonis Seide, als Sahalohomohonihis Seide«), jedoch ist der Glanz nur äußerlich, und ihre (Lebens)Zeit kurz.
Also wenn das so ist und ich egal welche Blume wäre, dann würde ich ein Leben in der Vase aber so was von vorziehen! Ab in die Gärten, Blumen rupfen und in Vasen stecken.
Klar: gemeint war das Gegenteil. Nützt aber nichts, wenn es anders geschrieben steht.
Ein kleines Problem bedarf noch der Aufmerksamkeit: wenn Vasenschwesters Glanz nur äußerlich ist – worin besteht der innere Glanz von Wildlingin? Welches sind und wie äußern sich diese inneren Werte, auf denen hier bestanden wird? Bienentreue? Bodenständigkeit? Mitleid mit Blattläusen? zurück
Die Form gewinnt: Die erste Strophe ist gewissermaßen der Refrain, der jetzt wiederkehrt: Variation gibt es – wie es sich für einen guten Refrain gehört – nur wenig, hier bei den beiden Schlusszeilen in der Ortsbestimmung und den beiden Adjektiven am Ende; um dem möglichen Missverständnis in der ersten Strophe zu begegnen, würde ich vorschlagen, aus der Zucht mit in der Vase zu tauschen.
Dringender allerdings wird die Frage nach den inneren Werten: Vasenschwester wird immerhin die Menscheneigenschaft Stolz zugeordnet und zusätzlich die Zombie-Eigenschaft seelenlos – daraus ergibt sich zumindest 1 innerer Wert bei Wildlingin: Bescheidenheit. Welch innerer Glanz… Zudem verfügt Wildlingin über ein Seelchen (was bekanntlich kein Wert ist), das vielleicht dermaleinst in der Hölle bruzzelt, denn Wildlingin sticht andere mit ihren Dornen, z.B. den (ge)läufigen Knab. Glücklich, wer keine Seele hat: der kann auch nicht bruzzeln. Ein weiterer Pluspunkt für Zuchtprodukt Vasenschwester. zurück
Da schau her: das lyrische Ich geht ganz schön zur Sache, will heißen, es lässt sich gerne verführen; aber das sagen alle lyrischen Ichs und Konsorten alleweil allerorten allerwelt, denn Schuld hat seit Adam und Eva halt das Weib – Gott sei Dank! Unser lyrisches Ich merkt selbstverständlich beim ersten Kuss noch nicht, dass Vasenschwester ohne innere Werte und seelenclean war, sondern es gab ihr manchen Kuss, was in 1 nettes & schnelles Stelldichein mündete, bedauerlicherweise ohne Hochgenuss.
Damit ist noch nicht geklärt, wen das lyrische Ich sonst noch benutzt hat (um die Sache mal richtig zu stellen): immerhin muss es zumindest 1 Vorgängerin gegeben haben, denn auch die Vasenschwester hat ihn »verführt«! Darf man spekulieren? Kann es Wildlingin gewesen sein? Hat sie ihn etwa gestochen, was zum Hochgenuss führte? Oder hat er sich mit Gänseblümchen gemein gemacht, gar an Löwenzahn versucht, bei Klee sein Glück gesucht? Alles zusammen? Mein lieber Scholli, welch Schwerenöter…
Zur Erinnerung: auch hier ist der logische Bezug falsch, denn das sie aus auch sie verführte mich bezieht sich inhaltlich wieder auf die wilde Rose, was der Verständnis erschwert (sofern es wirklich etwas zu verstehen gibt). zurück
Es folgt wieder der Refrain, er verlässt aber in der letzten Zeile das bisher vorgegebene Schema: statt zweier Adjektive folgt nun ein Rätsel: in geklonter Pose. Posen sind nicht biologisch, also auch nicht klonbar; dass die Rosen in einem Treibhaus alle gleich sind, stimmt einfach nicht: sie sind genau so gleich wie die wilden – und geklont sind sie auch nicht, das wäre viel zu aufwändig (Der aufmerksame Leser Hans Berger hat mich völlig zu Recht darauf hingewiesen, dass »sämtliche Rosensorten (…) echte Klone (sind), mit der identischen genetischen Konstitution der „Mutterpflanze“, unabhängig davon, ob sie als Stecklinge vermehrt wurden oder, wie bei den meisten Rosen, als okulierte (Augenveredlung) Veredlungen.« Ich habe mich hier unpräzise ausgedrückt, denn ich dachte dabei nur an das Klonen wie im Falle Dolly. Danke!). Auch die Models und die ihnen nacheifernden Besessenen sind nicht gleich (dabei genügen jene schon längere Zeit nicht mehr den Ansprüchen der Werbung: da wird retuschiert, was das Zeug hält).
Nein: dieser Refrain taugt nicht! Da es der letzte richtige Refrain ist, würde ich eine Mischung aus den beiden anderen Refrainschlüssen empfehlen (und das schreibe ich, der Adjektivhasser… Weit ist es mit mir gekommen, tief bin ich gesunken, finster wird es um mich her…): z.B. die Kombination schlanke, seelenlose oder stolze, dornenlose – zudem würde das einen Sänger dieser Zeilen doch einigermaßen verwirren: es wäre damit zu rechnen, dass er mitten im Lied abbricht… Wär das was, oder nicht oder doch?
Wenn es denn neue Adjektive sein sollen: die scharfe, wurzellose oder die kalte, bienenlose oder die forsche, arbeitslose – der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt! Und Reimlexika können da wahre Wunder wirken. zurück
Nanana: wer sich so leicht verführen lässt, ist alles andere als frei, und schon gar nicht ungezähmt! Frei und ungezähmt sind die, die verführen – so wie die Vasenschwester. Und dass auch das lyrische Ich lächelnd ein verstaubtes Blütenkleid trägt, gibt mir erheblich & schwerst zu denken! Ich verrate aber nicht, was… zurück
Jetzt knallt das lyrische Ich endlich die Karten auf den Tisch, zeigt, wes Ungeistes Kind es ist: es lümmelt bräsig irgendwo herum, behauptet es liebe und verehre die ungezähmte und freie Wildlingin und fordert sie auf, zu ihm zu kommen (Gattung: Wanderrose: rosa itinerans), gefälligst zu blühen (freilich und ausschließlich für das lyrische Ich) und ihn zu bezaubern (das lyrisches Ich war also noch gar nicht bezaubert, die Liebeserklärung zuvor folglich ganz und erwartungsgemäß Standardgeschwalle) – also wenn das nicht Machogehabe pur ist! zurück
Jetzt wird auch noch das Blaue vom Himmel herunterversprochen: will mich nach dir nur sehnen lügt da das lyrische Ich, das so leicht verführbar ist, und macht gleichzeitig deutlich: »Wenn du die Nacht bei mir verbracht hast, muss ich leider weg, aber keine Angst, ich werde mich anschließend ewig nach dir sehnen, und zwar nur nach dir!«
Das ist das Ende vom Lied, die Quintessenz gewissermaßen. Weder neu noch überraschend noch überzeugend. Wenn ich Wildlingin wäre, wenn ich Wildlingin wäre, dann würde ich diesen sülzenden Machofuzzi nicht nur stechen, den würde ich erstechen!  zurück

Textkritik: Aufstand – Prosa

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Die erste Warnung war wohl das unerklärliche Zucken seiner papierenen Hände beim Brotschneiden gewesen. Margrets forschende Blicke hafteten an seinem Rücken, während er blasses Blut aus seinem Finger saugte. Es war kaum der Rede wert, rechtfertigte keinerlei Beunruhigung. Dennoch betrachtete Thomas seinen verbundenen Finger argwöhnisch, hatte er doch deutlich in Erinnerung, wie dieser in plötzlichem Ungehorsam sich sozusagen unter die Klinge des Brotmessers geworfen hatte. Wie gesagt: eine erste Warnung und im Lichte späterer Entwicklungen zweifellos eine ernst zu nehmende.
Thomas war in Eile, sein Terminkalender mit Unannehmlichkeiten zugepflastert. Er steckte drei Disketten in die Manteltasche und klapperte ohne Abschied die Stiegen hinunter und über die Gasse.
Die tiefstehende Morgensonne blendete ihn, vielleicht war er auch noch nicht völlig wach. Als er die Bremsen kreischen hörte, hatte er keine Zeit zu erschrecken. Erst als der weiße Mercedes schleudernd und unwahrscheinlich nahe zum Stehen kam, wurde sich Thomas der überstandenen Gefahr bewusst, und ohne auf den hysterischen Fahrer zu achten rief er sich selbst zur Ordnung: »So wach doch endlich auf!«
Der Zwischenfall hatte seine Knie gelockert und er musste mehrmals innehalten, bis er wieder zu entschiedenem Ausschreiten fähig war. Überhaupt empfand er eine bedrohliche Verunsicherung, da seine Gliedmaßen – ohne ihm offen den Dienst zu verweigern – die sonstige Präzision missen ließen. Wie ein ungeübtes Orchester spielten seine Muskeln bald vor, bald nach dem Takt.
Die gläserne Halle der U-Bahnstation bot sich Thomas als rettender Hafen. Er schenkte dem Schnellimbissmädchen ein schnelles Lächeln und hatte kein Bedenken, sich der ausnahmsweise funktionierenden Rolltreppe anzuvertrauen, die ihn zum untergründigen Bahnsteig führte.
Eisig fegte der Wind einem abfahrenden Zug hinterher. Thomas schloss den obersten Mantelknopf. Seine Hand fuhr in die Tasche und brachte ein vergessenes Buch zum Vorschein. Zerstreut begann er die abgegriffenen Seiten umzublättern und versenkte sich in Maupassants Paris. Als Thomas vom Buch aufsah, erstarrte er. Unbewusst hatte er sich bis auf wenige Zentimeter der Bahnsteigkante genähert. Ein bebrillter Pakistani rief ihm etwas zu und gestikulierte hilflos. Thomas trat mehrere Schritte von der Gefahr zurück und steckte das ablenkende Buch in den Mantel.
Plötzlich hob sich sein Fuß und tat einen Schritt nach vor. Thomas erschrak, da er seinem Fuß keinen derartigen Befehl gegeben hatte, und trat wieder zurück. Doch es war nicht abzustreiten, dass der Fuß die aufgezwungene Bewegung nur widerwillig ausführte und seinerseits auf die geringste Unachtsamkeit seines Besitzers wartete. Thomas sammelte seine zu früher Morgenstunde für gewöhnlich wenig beeindruckende Konzentration und versuchte die Kontrolle zurückzugewinnen. Doch sein respektloser Fuß hob und senkte sich. Ein Schritt. Der andere Fuß. Noch ein Schritt. Thomas starrte auf den Abgrund, der sich einladend vor ihm auftat, kämpfte sich einige Schritte zurück, nur um sogleich wieder Terrain zu verlieren. Sein Hilferuf formte sich nur in seinem Kopf, den widerspenstigen Lippen entkam kein Ton. Der Kampf erschöpfte ihn zunehmend, der Schweiß strömte über seine Stirne und blendete seine Augen. Er wollte sich das Salz aus den Augen wischen, doch seine Hand schlug ihm nur die Mütze vom Kopf.
Plötzlich löste sich sein verschleierter Blick vom Abgrund und setzte sich auf einer nostalgisch frisierten Schwarzhaarigen fest. Trotz größter Willensanstrengung vermochte Thomas nicht, seinen Blick an die Leine zu legen, und während er sich unter kümmerlichen Siegen und ständigen Niederlagen der Katastrophe näherte, hing sein Auge zwanghaft am mutigen Make-up der dunklen Dame. Und an ihr klebte es noch immer, während sein Wille wie die Anspannung eines besiegten Armdrückers zusammenbrach und sich gedankenlos dem fatalen Vorwärtsdrang seines Körpers ergab.
Seine Füße zeigten keine Eile, setzten nur einen Schritt vor den andern, und Thomas vernahm das Donnern des einfahrenden Zuges, die panische Stimme aus dem Lautsprecher, die Schreie der Zeugen. Nur die nostalgische Dame schien die sich anbahnende Tragödie nicht zu bemerken. Thomas lächelte ihr zu, als er über die Kante ging. Der Pakistani griff noch nach ihm, doch ins Leere, während der Zug mit kreischenden Rädern zwar notgebremst, aber um viele Meter zu spät die Trägheit besiegte.

© 2003 by Wolfgang Ratz. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Eine harmlos-fatale und heimtückische Geschichte, präzise erzählt mit der notwendigen Distanz, sprachlichem Einfallsreichtum und Freude am Fabulieren
und kleineren, leicht zu behebenden Mängeln, die die Qualität geringfügig herabsetzen.

Die Kritik im Einzelnen

Vergeblich versuche ich mir papierene Hände vorzustellen, aber ich scheitere: Hände dünn wie Papier? Kenne ich bisher nur aus Animationsfilmen, wenn Dampfwalzen oder ähnlich mächtige Gefährte Körperteile vorübergehend verbreitern. Die Händehaut dünn wie Papier – aber dann sind die Hände nicht papieren, sondern die Haut; die Hände verknittert wie Papier? Aber das gälte nur für verknittertes Papier. Frage: Bedarf es dieses Adjektivs (meine Lieblingsfrage)? Antwort: Nein (meine Lieblingsantwort auf meine Lieblingsfrage)!
Außerdem stellt sich später heraus, dass allenfalls 1 Hand gezuckt hat, also sollte hier angemessen auch nur von 1 Hand geschrieben werden! zurück
An dem Satz ist überhaupt nichts auszusetzen, selbst das Adjektiv blass hat etwas Eigenes, denn daran denkt niemand bei Blut. Nein, mir geht es um Bedeutung und Rolle von Margret: wer ist das? Was sucht sie in diesem Text? Sie taucht nur hier auf – und dann nie mehr! Fehlte sie und ihr an des Protagonisten Rücken haftender Blick, fehlte dem Text nichts – so finde ich. Ich würde den ganzen Satz einfach streichen. zurück
Hier tut sich eine Zeitenfalle auf: alles ist bisher im Präteritum erzählt, jetzt wird festgestellt, dass jenes In-den-Finger-Schneiden schon länger und »abgeschlossen« zurück liegt, während das Blutsaugen und das Betrachten des verbundenen Fingers offenbar so kurz nacheinander erfolgen, dass zum Verbinden eigentlich gar keine Zeit blieb, der verbundene Finger also (ausgehend von der verwendeten Zeitstufe) ein anderer sein muss als der Blutende. Das aber ist gewiss nicht beabsichtigt. Wie entgeht man aber einer solchen Zeitenfalle?
Ich erlaube mir einen Vorschlag, der nur kürzt und die Reihenfolge im ersten Absatz verändert:
Die erste und im Lichte späterer Entwicklungen zweifellos ernst zu nehmende Warnung war wohl das unerklärliche Zucken seiner Hand beim Brotschneiden gewesen. Es war kaum der Rede wert, rechtfertigte keinerlei Beunruhigung. Dennoch betrachtete Thomas seinen verbundenen Finger argwöhnisch, hatte er doch deutlich in Erinnerung, wie dieser in plötzlichem Ungehorsam sich sozusagen unter die Klinge des Brotmessers geworfen hatte. zurück
Wenn man wie ich schnöderweise Margret entfernt hat, ist es wohl sinnvoll, ohne Abschied ebenfalls zu eliminieren. Andernfalls natürlich nicht! So greift eben eins ins andere bei einem guten Text… zurück
In unseren Breiten gibt es keine hoch stehende Morgensonne: die ist qua Geburt tief stehend und bleibt es auch noch eine ganze Weile: das Adjektiv hat keinerlei Funktion mehr, darf also befreit nach Hause gehen und von der tief stehenden Mittagssonne am Äquator träumen. zurück
Ich nehme eigentlich an, dass der Erzähler hier keine Entscheidung trifft zu Gunsten der Morgensonne, also offen lässt, ob Morgensonne oder mangelnde Wachheit oder beides Ursache war (oder sogar ungehorsame Beine) für das unverhoffte Betreten der Gasse – doch dann würde ich vielleicht schon zu Beginn dieses Absatzes erwarten: Vielleicht blendete ihn die Morgensonne, vielleicht war er auch noch nicht völlig wach. zurück
Ich rätsele und rätsele, ob die Verbindung von Bahnstation mit dem metaphorischen Hafen bewusster Spott ist oder unfreiwilliger Humor – zumal völlig unklar bleibt, worin das Rettende der gläsernen Halle denn nun eigentlich besteht: dass alle Thomas sehen können, auch außerhalb der Halle? Dass da keine Autos fahren und Brotmesser außerhalb seiner Reichweite liegen, z.B. in der Imbissbude? Der Satz suggeriert eine Bedrohung, die Thomas überhaupt nicht empfindet. Ich würde diesen Satz auf eine Ortsangabe reduzieren und einfach mit dem Folgenden verbinden: In der gläsernen Halle der U-Bahnstation schenkte er dem Schnellimbissmädchen ein schnelles Lächeln und hatte keine Bedenken… zurück
Warum gestikuliert der Pakistani? Weil der ins Buch Vertiefte nichts gehört hatte und der Pakistani deshalb zu umso lauteren Gesten Zuflucht nimmt? Weil er dem ihn nun betrachtenden Thomas signalisieren will, dass er ihm bedauerlicherweise nicht hätte helfen könne, da er am Boden festgewachsen ist? Gestikuliert er, weil das seine Arme so wollen, hat er diese vielleicht so wenig unter Kontrolle wie Thomas – zunehmend – seine Beine?
Ach, wie einfach wäre alles, würde er nicht so hilflos gestikulieren! zurück
Vorher war die Abfolge klar: Es wurde Thomas kalt, er schließt den Mantelknopf und steckt zumindest eine frierende Hand in eine Tasche, wo die Hand dann überraschenderweise fündig wird. Jetzt steckt die oder die andere Hand den Fund in den Mantel. In dem Mantel steckt aber schon Thomas! Warum steckt Hand das Buch nicht einfach zurück oder wieder weg – schließlich weiß ein Leser doch, wo das Buch ursprünglich verborgen geruht hatte? zurück
Ständige Niederlagen lassen aber auch nicht die allerkümmerlichsten Siege zu – denn schließlich sind es ja ständige Niederlagen: wenn schon Adjektive, dann bitte ernst nehmen! Weg mit den kümmerlichen Siegen, denn immerhin setzt ständige Niederlagen ein immer wieder versuchtes Aufbegehren voraus! Das aber ist beileibe kein Sieg, nicht einmal ein kümmerlicher! zurück
Wo ist das andere Auge geblieben? Er wird es doch nicht beim Wischen verloren haben, zumal er es gar nicht getroffen hat? Ich plädiere hier ganz stark für beide Augen: Die Kette beginnt mit blendete seine Augen und sollte über aus den Augen, verschleierter Blick und seinen Blick wieder bei Augen enden: hingen seine Augen zwanghaft… zurück
Auch hier handelt es sich um zwei Augen, obwohl man sich durchaus die Frage stellen darf, ob nicht das eine Auge am Make-up hing, während das andere irgendwo an der Dame klebte; schließlich hängt nicht alles, was klebt (dennoch kann durchaus etwas kleben, was man hängen sieht). Wenn es ein und dasselbe Auge wäre, müsste es schließlich auch grammatisch Und an ihm klebte es noch immer heißen – wegen dem Geschlecht von Make-up.
Darin will ich mich jedoch gar nicht festbeißen, ich ziehe eine Streichung des ganzen Teilsätzchens vor allem anderen und bei weitem vor, denn schließlich hing das Auge bereits zwanghaft, und dieser Zwang wurde nirgendwo aufgelöst. Dann hieße es: …hingen seine Augen zwanghaft am mutigen Make-up der dunklen Dame, während sein Wille zusammenbrach wie die Anspannung…
Aufmerksame Leser werden bemerkt haben, dass ich zusammenbrach in meiner Version vorgezogen habe; das geschah aus und zum Selbstschutz, denn ich habe den Satz dauernd falsch gelesen, weil sich in meinem Hirn das wie auch bei mehrmaligem Lesen tückisch in ein sowie verwandelte. Weniger aufmerksamen Lesern darf das schnurzegal sein. zurück
Also: mit den Füßen ist das so eine Sache, denn während hochsprachlich und im Norden Deutschlands Füße klar abgegrenzte Teile sind, bezeichnen die süddeutschen Füße – zumindest umgangssprachlich – das Gebilde von den Zehenspitzen bis zu den Hüftgelenken, Fuß steht also synonym für Bein. Nun weiß ich nicht, wie das in Österreich ist, habe zu meinem Leidwesen mein Lexikon österreichisch-deutsch verlegt. Ich nehme aus süddeutscher Solidarität einmal an, dass auch Österreich mit Fuß ein komplettes Bein gemeint, denn um Schritte zu machen, braucht es einfach Beine. Man kann zwar sowohl einen Fuß vor den anderen setzen als auch ein Bein vor das andere, das spielt keine Rolle; wenn ich mir aber eine Filmszene vorstelle, wo ich eine Großaufnahme zweier Füße sehe, die sich bewegen, würde ich hochsprachlich niemals sagen, es seien »Füße, die keine Eile zeigten,« oder »einen Schritt vor den anderen setzten«, sondern ich würde sagen, dass die Füße vorrückten oder ähnlich Fantasieloses. Mein Änderungsvorschlag: Man ersetze Füße durch Beine. zurück
Überraschung: Wann hat Thomas denn die Kontrolle über seine Beine wiedergewonnen, sodass er hier selbst & willentlich gehen kann? Im Gegensatz zum Wortlaut halte ich dafür, dass Thomas nicht über die Kante ging, sondern dass seine Beine ihn über die Kante trugen (oder kippten) – bekanntlich machen die immer noch, was sie wollen: Thomas lächelte ihr noch zu, als er über die Kante kippte (oder: …, als seine Beine ihn über die Kante trugen/kippten. – Aber das wäre mir zu lang!). zurück

Textkritik: Semari – Auf der Fährte des Jaguars – Prosa

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Semari begab sich auf die Jagd. Pfeile und Pfeilspitzen hatte er schon vor einigen Tagen präpariert. Er hatte alles bei sich, was er zum Jagen und Zurückbringen der Beute benötigte.
Zunächst folgte er dem breiten Pfad, dem Hauptweg, den die meisten Tiere nahmen, um zum Wasserloch zu gelangen. Auf diesem Weg würde er kein Tier erlegen, selbst wenn es sich anböte. Es war ein Tabu, ein ungeschriebenes Gesetz, das niemand brach, der über einen gesunden Menschenverstand verfügte.
Das Wasserloch musste jetzt in der Nähe sein.
Die zahlreichen Geräusche und Tierstimmen wiesen darauf hin. Außerdem lag der Geruch von Feuchtigkeit in der Luft. Semari pirschte jetzt vorsichtiger voran.
Der einsame Jäger suchte sich einen Weg durch das Dickicht, der noch unberührt war, und verwischte seine Spuren hinter sich, falls er welche machte. Meist gelang es ihm, dies zu vermeiden. Wenn er auf Wurzeln trat, statt auf den Boden und wenn er sich um das Blattwerk herumwand, wie eine Schlange, hinterließ er keine Spuren. Nur wenn es nicht anders ging und er über einen Ameisenhaufen kommen musste und sich dabei am Blattwerk festhalten musste oder einem riesigen Spinnennetz auswich und dabei einige Zweige brachen, konnte ein Tier seine Spur wittern.
Einmal war er unvorsichtig gewesen.
Während er einer geringelten Baumviper ausgewichen war und hatte er sich dabei rückwärts bewegt, die Schlange dabei aber nie aus den Augen gelassen. Im letzten Moment war es ihm noch gelungen, zur Seite zu springen. Er wäre fast an den Tse n’ga-Baum gekommen.
Ein höchst giftiges Gewächs, dessen Harz das Fleisch sofort verbrannte. Tse n’ga bedeutete so viel wie Fleischfresser.
Semari konzentrierte sich jetzt auf eine mha-Gazelle. Bei rechter Betrachtung würde sie nicht viel Fleisch hergeben, obwohl das Fleisch ganz zart war.
Er verwarf das Ziel und setzte seinen Weg durch das Unterholz fort.
Schließlich stieß er auf die Fährte eines Jaguars, der offensichtlich noch nichts erbeutet hatte. Er folgte der Fährte.
Lange brauchte er nicht zu suchen. Bald hatte er die Raubkatze eingeholt. Der Wind stand gut für Semari. Der Jaguar konnte ihn nicht wittern.
Wenn er jetzt geschmeidig blieb, konnte er sich bis auf wenige Meter an ihn heranpirschen.
Der Jaguar hatte etwas im Visier. Semari konnte nicht erkennen, auf was sich das Tier konzentrierte, aber er erkannte es an der Körperhaltung und der Ohrstellung der großen Katze.
Der Jäger wagte sich noch ein wenig näher heran, um festzustellen, wo sich die Beute aufhielt.
Als er entdeckte, worauf der Jaguar aus war, zuckte er lautlos zusammen. Er musste jetzt schnell und besonnen reagieren. Jeder Moment zählte. Er brachte die vergiftete Pfeilspitze so leise und sorgfältig an, wie er es von den alten Kriegern gelernt hatte, holte weit aus und schleuderte den Pfeil, dem das Auge nicht mehr folgen konnte.
Der Jaguar hörte den Pfeil sirren, fuhr in diesem entscheidenden Moment herum und brach dann unter der Einwirkung des Giftes zusammen.
Semari kümmerte sich nicht um das Tier, ging an ihm vorbei in das Dickicht und holte das kleine Kind hervor, das vielleicht noch vor kurzer Zeit mit Muttermilch ernährt wurde. Es konnte schon laufen, doch Semari nahm es auf, flocht sich aus Blättern und Rankgewächsen einen Tragegurt und band es sich auf den Rücken.
Er kehrte zum Jaguar zurück.

Nachdem er das Tier gehäutet, das Fell zwischen Zweigen von zwei weiter auseinander stehenden Bäumen aufgespannt und die Überreste in ein mit Blättern ausgelegtes Loch gelegt hatte, deckte er den eingewickelten Kadaver sorgfältig mit Belua-Blüten und Blättern vom Goromè-Strauch ab, die einen intensiven Geruch verbreiteten und so von dem Kadaver ablenkten. Er würde mit ein paar Kriegern zurück kommen und das Fleisch bergen, bevor irgendwelche Nachträuber es entdeckten, die ihre Nase überall hineinsteckten.
Den Kiefer des Jaguars hatte er an sich genommen. Die Zähne waren als Schmuck sehr beliebt. Er würde Ragnami eine Kette machen und sie ihr als Hochzeitsgeschenk überreichen.
Das Fell war inzwischen einigermaßen getrocknet. Er schlang es um sich und das Kind auf seinem Rücken, was ihn vor anderen Tieren schützte. Er roch nach Jaguar, nicht nach Mensch. Sicher kehrte er in seine Siedlung zurück, wo er Ragnami das Kind überreichte, die sich sofort seiner annahm. Die anderen bewunderten ihn und riefen Worte des Sieges und Mutes. Der Stammesälteste lud die Krieger in seine Hütte ein, wo sie sich niederließen, um seine Geschichte anzuhören. Jeder Krieger machte Semari ein Geschenk, was so Sitte war, wenn jemand einen gefährlichen Gegner tötete, um das Leben eines Menschen zu retten. Da der Jaguar ein besonders gefährlicher Gegner war, dem man nur mit äußerstem Geschick beikommen konnte, um nicht selbst getötet zu werden, fielen die Geschenke besonders großzügig aus.
Noch bevor es dämmerte, waren Semari und drei Krieger mit den Resten des Jaguars zurück.
In der Nacht wurde ein Fest gefeiert, zu dem es verschiedene Mehlspeisen, Wurzel- und Beerengerichte, sowie Obst, Schlangenspieße und Balmão, geröstetes Jaguarfleisch, gab. Semari verheiratete sich mit Ragnami. Das gerettete Kind, ein Mädchen, wurde N’ga Alifha genannt, was »dem Jaguar entkommen« bedeutet. So kam Semari ziemlich schnell zu seiner Familie, aber er war überglücklich.
Alifha, wie sie kurz genannt wurde, entpuppte sich als ein außergewöhnlich mutiges Mädchen. Sie interessierte sich mehr für die Waffen und die Jagd als für die Arbeiten der Frauen. Alifha wollte unbedingt mit auf die Jagd. Da es aber niemals vorgekommen war, dass jemals eine Frau oder ein Mädchen auf Jagd gegangen war, wurde es ihr von den Kriegern und den Ältesten versagt.
Eines Tages, als die Männer auf Jagd waren und die Frauen ihren Beschäftigungen in der Siedlung nachgingen, erstarrte Alifha mitten in ihrer Bewegung. Sie ließ das Wurzelmesser fallen und sprang auf. Ihre Mutter, die gerade Mehlpaste machte, zuckte vor Schreck zusammen. Sie beobachtete Alifha aufmerksam. Das Mädchen schien wie verwandelt.
Sie sah es nicht. Sie hörte es nicht und sie roch es auch nicht. Alifha wusste es. Sie witterte es. Ein Jaguar war hier in der Nähe und beobachtete sie. Sie griff nach den Pfeilen ihres Vaters, fertigte in einer unglaublichen Geschwindigkeit, die nur ein erfahrener Krieger besitzen konnte, eine Pfeilspitze. Sie fingerte an ihrem Bauchgurt, an dem ein kleines Ledersäckchen befestigt war, aus dem sie eine Beere herausholte. Ihre Mutter schlug die Hände vor ihr Gesicht. Alifha tränkte die Pfeilspitze mit dem Saft der Beere, die sie vorsichtig zwischen zwei Holzstücken zerrieb und sorgfältig darauf achtete, dass kein Tropfen daneben ging. Sie war sich der Gefahr durchaus bewusst. Während ihrer Vorbereitungen hatte sie die Aufmerksamkeit der Gefahr gegenüber nicht verloren. Der Jaguar war näher gekommen, sehr viel näher. Mit dem Pfeil bewaffnet lief sie mit leisen Sohlen und weichem Gang an den Hütten in die Richtung, aus der der Jaguar kommen musste. Fünf Schritte weiter begann das Dickicht. Sie erkannte die Augen des Tieres und starrte es furchtlos an. Der Jaguar rannte los und setzte zum Sprung an. Alifha wusste, sie hatte nur einen Versuch. Sie rannte auf den Jaguar zu, duckte sich und rammte den Pfeil in seinen Bauch. Geduckt blieb sie liegen. Der Jaguar kam auf, setzte noch einmal zum Sprung an, was ihm jedoch nicht mehr gelang. Er zuckte noch einmal und blieb dann reglos liegen. Alifha nahm sich einen Stock und stocherte an seiner Pfote herum. Der Gefleckte reagierte nicht mehr.
Die erwachsenen Frauen verfielen in einen einzigen Heulton, nicht, weil sie traurig waren, sondern weil es der Triumphschrei war, der eine bedeutende Heldentat über mehrere Kilometer weit tragen konnte.
Semari und die anderen Krieger waren schon auf dem Heimweg, als sie den Heulton vernahmen. Sie eilten in schnellem Lauf zur Siedlung.
Als sie dort ankamen, hatte Alifha den Jaguar bereits gehäutet.
Schnell halfen ihr die anderen Krieger dabei, den Kadaver zu bergen und ihn in Vorratslöchern zu verstauen.
Gemeinsam mit Semari, der sehr stolz auf seine Tochter war, spannte Alifha das Fell in einen Rahmen aus geschickt verflochtenen Ästen und Zweigen. Den Kiefer des Jaguars durfte Alifha behalten, schließlich hatte sie den Jaguar erlegt.
Die Ältesten berieten über dieses Ereignis und kamen einstimmig zu dem Ergebnis, dass Alifha, die zwar als Mädchen geboren war, dennoch alle guten Eigenschaften eines Kriegers in sich trug und mit ihrem Mut bewiesen hatte, dass sie für die Jagd geeignet war.

© 2003 by Manuela Raguse. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Die folgende Kritik (Zusammenfassung und Einzelkritik) stammt erneut nicht von mir, Malte Bremer, sondern von Nicole Thomas. Mehr dazu und zu ihrer Person findet sich hier. Jetzt aber zu »Nicoles Meinung«:

Der Text enthält sehr lebendig wirkende Figuren, die sich in einer mit viel Liebe zum Detail gezeichneten Umgebung bewegen.
Leider wurde diese Liebe zum Detail nicht auf den Text selbst übertragen. Er wirkt sprachlich sehr unausgereift, ist teilweise schlicht unlogisch und klischeebeladen. Dabei ist die Grundidee der Geschichte durchaus interessant: Das Findelkind Alifha schützt das Dorf vor eben jener Gefahr, aus der sie einst selbst gerettet wurde. Schade, dass sich dieser kunstvoll geschlossene Kreis in dem ganzen Wirrwarr nicht richtig behaupten kann.

Eins noch: Manche meiner Kommentare mögen bissig bis regelrecht bösartig wirken. Das liegt jedoch ganz einfach daran, dass ich es sehr, sehr schade finde, dass das eigentliche Potenzial dieser Geschichte nicht im Mindesten ausgeschöpft wurde. Der Text wirkt, als sei hier einfach nur die Idee an sich niedergeschrieben worden. Was fehlt, ist die anschließende Weiterverarbeitung, die aus einer Idee letztendlich erst eine vollwertige Geschichte macht.

Die Kritik im Einzelnen

Dieser Satz kann problemlos weggelassen werden. Man sollte davon ausgehen, dass ein Jäger weiß, wie er nach erfolgreicher Jagd die Beute transportieren kann. Das muss nicht noch einmal besonders betont werden. zurück
Dieser Zusatz ist nicht unbedingt erforderlich, zumal der Text dadurch ein wenig holpert. zurück
Hier werden zu viele Worte gemacht um einen Sachverhalt, der sich ganz knapp in einem einzigen Satz zusammenfassen lässt: Auf diesem Weg ein Tier zu erlegen, galt als tabu. Damit bliebe der Sinn der Aussage gewahrt, gleichzeitig hätte man den Text gestrafft. zurück
Ein Absatz ist an dieser Stelle nicht unbedingt sinnvoll. Es wäre besser, die beiden darauf folgenden Sätze noch mit hinzuzunehmen. zurück
Der Lesefluss des Textes ließe sich entscheidend verbessern, wenn man die vier vorhergehenden Sätze kürzt bzw. komplett weglässt. Mein Vorschlag wäre: Der Jäger suchte sich einen Weg durch das unberührte Dickicht und achtete darauf, keine Spuren zu hinterlassen, indem er auf Wurzeln trat, statt auf den Boden, und sich um das Blattwerk herumwand wie eine Schlange. Durch diese Komprimierung wird auch das Spannungsmoment der Jagd deutlicher herausgestellt. Gleichzeitig wird so noch ein im ursprünglichen Text enthaltener logischer Fehler korrigiert: Unberührt ist höchstens das Dickicht, nicht jedoch der Weg selbst. zurück
Besser: und sich dabei am Blattwerk festhielt, auf diese Weise vermeidet man das zweite musste. Davon abgesehen: Wieso schafft es Semari einmal offenbar problemlos, sich am Blattwerk festzuhalten, während er ein anderes Mal unweigerlich Zweige zerbricht? zurück
Diese Aussage knüpft nicht wirklich flüssig an den vorhergehenden Text an. Dass Semari seine Spuren verwischt, deutet darauf hin, dass sie nicht gesehen werden sollen. Jetzt jedoch geht es plötzlich darum, dass die Tiere ihn unter Umständen wittern könnten. Dieser Sprung zwischen zwei Sinneseindrücken verhindert, dass der Abschnitt eine nahtlose Einheit bildet. Ganz abgesehen davon ist die Windrichtung wesentlich bedeutsamer als geknickte Zweige. So lange der Wind in Semaris Richtung weht, kann seine Beute ihn nicht wittern. Ob er dabei im Dickicht hinter sich menschlichen Geruch zurücklässt, ist in diesem Zusammenhang eher unerheblich. zurück
Kann es sein, dass dieser Satz beim Korrekturlesen einfach übersprungen wurde? Er ergibt nämlich überhaupt keinen Sinn. Dieser Satz ist nicht viel mehr als eine Baustelle. Also, bitte erst das Gebäude hochziehen, dann bin ich auch gern bereit, einen Kommentar zu der Architektur zu geben. zurück
Ist der Absatz hier Absicht oder ein Formatierungsfehler? zurück
Meine Empfehlung wäre, das mha groß zu schreiben, um es besser als Namen kenntlich zu machen. zurück
Das obwohl hat keinen logischen Bezug zu nicht viel Fleisch. Diesen Satz würde ich umstellen: Obwohl ihr Fleisch ganz zart war, gab sie bei rechter Betrachtung nicht viel her. Besser noch: Obwohl ihr Fleisch ganz zart war, hatte sie bei rechter Betrachtung nicht viel. Die Umschreibung gab nicht viel her impliziert, dass die Gazelle ihr Fleisch freiwillig hergeben würde. Das ist jedoch äußerst unwahrscheinlich. zurück
Und warum ist das so offensichtlich? Woran genau erkennt Semari denn, dass die Großkatze noch nichts erbeutet hat? So, wie es im Text steht, ist das nicht mehr als einfach nur eine unbewiesene Behauptung. Bevor man jetzt jedoch dazu übergeht, eine Erklärung für Semaris Wissen nachzuliefern, sollte man diese Behauptung lieber auf ihre Wichtigkeit hin überprüfen. Für das Verständnis des Textes ist sie nämlich gar nicht erforderlich und kann ganz einfach weggelassen werden. Mein Vorschlag wäre: Schließlich stieß er auf die Fährte eines Jaguars und folgte ihr. zurück
Diese Formulierung klingt eher umgangssprachlich und abwertend, stattdessen würde ich wenn er jetzt vorsichtig war empfehlen. zurück
Das erinnert eher an einen menschlichen Jäger, der mit einem Gewehr auf die Beute angelegt hat. Besser wäre Der Jaguar fixierte etwas. zurück
Zudem stört mich noch etwas ganz Anderes. Auch wenn diese Geschichte fantastische Züge trägt, finde ich es störend, dass hier Tiere zusammengewürfelt werden, die in der Realität nichts oder nur bedingt miteinander zu tun haben. Das Verbreitungsgebiet der Gazelle reicht von Afrika bis China, das des Jaguars erstreckt sich von Mexiko bis Paraguay. So oder so läge da mal eben ein kompletter Ozean zwischen Großkatze und potenziellem Beutetier. Die Baumviper ginge ja noch. Die gibt es zwar in erster Linie in China in Form der Chinesischen Baumviper, aber wenigstens deckt sich da der Lebensraum noch halbwegs mit dem der Gazelle. zurück
Diese Textstelle ist missverständlich formuliert. Sie könnte auch dahingehend interpretiert werden, dass der Jäger aus der Haltung der Großkatze auf deren Beute schließen kann. Das ist zum einen relativ unwahrscheinlich und zum anderen ja auch gar nicht gemeint. Mein Vorschlag wäre, den Satz anders zu formulieren: aber er sah die angespannte Körperhaltung und die Ohrstellung der großen Katze. zurück
Das lautlos ist an dieser Stelle gar nicht erforderlich. Wenn jemand zusammenzuckt, verursacht das im Allgemeinen kein Geräusch. zurück
Abgesehen davon, dass ich keine Idee habe, wie genau man eine Pfeilspitze eigentlich laut anbringen könnte, gibt mir Semaris Jagdmethode Rätsel auf. Die Formulierung holte weit aus und schleuderte lässt eher auf einen Speer schließen als auf einen Pfeil. Die Jagd mit einem Blasrohr würde ich auf Grund dieser Beschreibung komplett ausschließen, da man mit einem Blasrohr nicht ausholt. Dann bestünde natürlich noch die Möglichkeit, dass Semari mit so einer Art Wurfpfeil jagt. Aber das müsste dann bitte besonders betont und gegebenenfalls erklärt werden, da man bei einer Jagd mit Pfeilen sonst automatisch die Jagd mit Pfeil und Bogen voraussetzt. Außerdem würde ich auch diesen Satz wieder kürzen, wobei ich jetzt einfach mal von der Jagd mit Pfeil und Bogen ausgehe: Er brachte die vergiftete Pfeilspitze so sorgfältig an, wie er es von den alten Kriegern gelernt hatte, spannte den Bogen und schoss. Die ursprüngliche Retardierung, falls es denn eine solche überhaupt hatte sein sollen, ist nicht geglückt. Sie verliert sich in überflüssigen Kommentaren und Erklärungen, die ausgerechnet in diesem aufregenden Moment das Tempo herunterschrauben. Darüber hinaus enthält der Satz noch einen weiteren sachlichen Fehler, den ich bei der sprachlichen Korrektur erst einmal nicht berücksichtigt habe, um den Satz nicht vollständig verwerfen zu müssen: Es ist absolut unlogisch, die Waffe erst im Angesicht der Beute einsatzbereit zu machen. Durch ein solches Vorgehen wäre der Jäger doch gar nicht flexibel genug. Die Beute wartet schließlich nicht ewig darauf, endlich erlegt zu werden. zurück
Auch hier ist die Formulierung wieder viel zu umständlich, als dass sie das Geschehen angemessen vermitteln könnte. Das hier beschriebene Ereignis bildet einen ersten Höhepunkt, der jedoch nur angerissen und dann sofort wieder beiseite geschoben wird. Selbst in dieser entscheidenden Szene kommt nahezu keinerlei Spannung auf. Mein Vorschlag wäre, diesen einen Satz in mehrere aufzuspalten: Der Jaguar hörte den Pfeil sirren. Fauchend wirbelte er herum, doch es war bereits zu spät. Tödlich verwundet brach er zusammen. Dass man auch dieses Beispiel wesentlich besser formulieren könnte, versteht sich. Es dient einzig dazu, eine mögliche Variante zu zeigen, wie der Text an Spannung und Tempo gewinnen könnte. zurück
Warum diese Aussage ein vielleicht enthalten muss, verstehe ich ehrlich gesagt nicht. Ein wahrscheinlich fände ich da schon angemessener. Und da der Leser hier zum ersten Mal mit der Beute des Jaguars konfrontiert wird, wäre es besser, statt das Kind ganz generell ein Kind zu sagen. Außerdem ließe sich die Tatsache, dass dieses Findelkind gerade eben dem Säuglingsalter entwachsen ist, auch deutlich prosaischer formulieren als durch die romantisch-verklärte Umschreibung mit der Muttermilch. zurück
Der Ausdruck Rankgewächse klingt ein wenig unbeholfen und mutet zudem auch noch falsch an. Die Begriffe Rankengewächse oder, besser noch, ganz einfach Ranken scheinen mir hier geeigneter. Viel interessanter als korrekte sprachliche Bezeichnungen ist jedoch die Frage: Wie viele Hände hat Semari eigentlich? Immerhin nimmt er erst das Kind auf und flicht dann einen Tragegurt. Vorausgesetzt, dass der Jäger doch nur zwei Hände hat: Wäre es umgekehrt nicht irgendwie sinnvoller? zurück
Dieser Satz ist wieder ziemlich lang und ließe sich gut in mehrere kürzere unterteilen. Aber selbst, wenn man ihn nicht unterteilt, ließe er sich ohne Schwierigkeiten verbessern. Viele Bilder lassen sich auf das Wesentliche reduzieren, ohne dass dabei wichtige Informationen verloren gingen. Beispiel: Statt der langatmigen Beschreibung: das Fell zwischen Zweigen von zwei weiter auseinander stehenden Bäumen aufgespannt könnte man auch kurz und präzise sagen, dass Semari das Fell zum Trocknen aufgespannt hatte. Zudem stört mich der Begriff Kadaver. Er klingt nicht wirklich appetitanregend. Auch die doppelte Verwendung ein und desselben Begriffes innerhalb einer so kurzen Textpassage ist nicht besonders glücklich. zurück
Auch hier sollte man wieder jede Information auf ihre Notwendigkeit hin prüfen. Warum heißt es nicht einfach: Die Zähne des Jaguars hatte er an sich genommen. Er würde daraus eine Kette für Ragnami machen und ihr diesen Schmuck als Hochzeitsgeschenk überreichen. Erstens geht es nicht so sehr um den Kiefer, als vielmehr um die Zähne. Deren Wert wiederum ergibt sich aus der Tatsache, dass Semari daraus ein Hochzeitsgeschenk für Ragnami fertigen will. Im Hinblick auf den zukünftigen Ehefrieden wäre es ziemlich unklug, etwas zu verwenden, das als Schmuck unbeliebt wäre. zurück
Besser: und lobten seinen Mut. zurück
Statt seine Geschichte besser Semaris Geschichte, da das seine sonst statt auf Semari auf den Stammesältesten bezogen werden könnte. Davon abgesehen schleicht sich hier eine gewisse Schludrigkeit im Umgang mit Begriffen ein. Semari ist ein Jäger, also müsste der Stammesälteste wohl eher die Jäger als die Krieger in seine Hütte einladen, vielleicht auch die Jäger und die Krieger. So jedoch werden hier zwei Begriffe gleichgesetzt, zwischen denen eigentlich sorgfältiger unterschieden werden sollte. Es handelt sich hierbei keineswegs um Synonyme. zurück
Auch hier wieder: Besser wären zwei Sätze, wobei der zweite dann mit: Dies war so Sitte beginnen könnte. Klingt zwar immer noch etwas spröde, aber dafür bliebe der Eingriff in den ursprünglichen Text möglichst gering. zurück
Der komplette Mittelteil des Satzes ist überflüssig. Er erklärt sich bereits durch die Aussage, dass der Jaguar ein besonders gefährlicher Gegner war. Außerdem ist das gedoppelte besonders nicht ganz so elegant, besser wäre: Da der Jaguar ein besonders gefährlicher Gegner war, fielen die Geschenke entsprechend großzügig aus. zurück
Auch wenn die Bedeutung dieses Namens sich bis heute vermutlich nicht geändert hat, wäre es besser, bei der Vergangenheitsform zu bleiben. Dieser Wechsel bildet einen kleinen Bruch im Text, zumal auch zuvor schon die Bedeutung des Wortes Tse n’ga-Baum erklärt wurde, ohne die Vergangenheitsform zu verlassen. zurück
Wenn er damit nicht glücklich gewesen wäre, warum hätte er dann jetzt schon heiraten und eine Familie gründen sollen? Außerdem stört mich das schwärmerische überglücklich. Würde es nicht reichen, zu sagen, dass er glücklich darüber war? zurück
Ehrlich gesagt, bin ich an dieser Stelle versucht zu stöhnen: Oh nein, bitte nicht dieses abgegriffene Klischee schon wieder! Denn spätestens ab dieser Stelle ist es dann eigentlich überflüssig, noch weiterzulesen. Es ist nämlich sonnenklar, was passieren wird: Alifha wird ihren so außergewöhnlichen Mut unter Beweis stellen, und dadurch sämtliche Ältesten und Krieger/Jäger so schwer beeindrucken, dass diese sie prompt als Kriegerin/Jägerin akzeptieren. Und wer liest schon gern eine Geschichte, deren Ende vorhersehbar ist? Außerdem: Wenn es in dieser Dorfgemeinschaft schon einen Ältestenrat gibt, dann haben auch nur die Ältesten etwas zu bestimmen und nicht noch zusätzlich die Krieger/Jäger. Wie wäre es mit folgender Version: Alifha, wie sie kurz genannt wurde, entpuppte sich als eigenwilliges Mädchen. Statt sich den üblichen Arbeiten der Frauen zu widmen, half sie lieber ihrem Vater dabei, Waffen für die Jagd zu fertigen. So winkt man wenigstens nur mit dem Zaunpfahl, statt gleich die komplette Chinesischen Mauer zu schwenken. Ganz abgesehen davon, dass dank einer solchen Änderung auch die diversen sprachlichen sowie logischen Holprigkeiten auf einen Schlag geglättet wären. zurück
Wäre vielleicht nicht schlecht, wenn man noch einmal präzisieren könnte, auf wen dieses sie sich eigentlich bezieht. Immerhin kommen sowohl Ragnami als auch Alifha für dieses Personalpronomen in Frage. zurück
Und spätestens an dieser Stelle taucht dann ein Problem auf. Hat der Leser das sie vorher nämlich auf Alifha bezogen, ergäbe sich hier ein Widerspruch zu der Aussage und sie roch es auch nicht. zurück
Erneut dieses nebelhafte sie. Dafür kommen in diesem Fall Alifha oder Ragnami oder Alifha und Ragnami oder ganz allgemein die Frauen des Dorfes in Frage. Die Gefahrenzone reicht damit von eng begrenzt bis sehr weit. Es wäre schön, wenn das noch etwas präziser gesagt werden könnte. zurück
Wo bewahrt Semari seine Pfeile eigentlich auf? Etwa mitten im Freien? Immerhin muss Alifha offenbar einfach nur die Hand ausstrecken, um an die Waffen zu gelangen. Und wieso hat Semari die Pfeile überhaupt zurück gelassen? Benötigt er die nicht eigentlich für die Jagd? Dann wieder diese zweifelhafte Geschichte mit den nachträglich angebrachten Pfeilspitzen. Schlimmer noch: Statt die anderen Frauen zu warnen, setzt das Mädchen sich hin und fertigt ungeachtet der nahenden Gefahr erst noch gemütlich die entsprechende Waffe an. Bitte: Wie glaubwürdig ist denn das? zurück
Auch dieser Satz ist wieder viel zu umständlich konstruiert. Warum heißt es nicht einfach: Aus dem Ledersäckchen an ihrem Gürtel holte sie eine Beere? zurück
Besser: Ihre Mutter schlug die Hände vors Gesicht. Sonst könnte man den Satz auch so interpretieren, dass Ragnami die Hände vor Alifhas Gesicht schlägt. Bleibt noch die Frage: Warum tut Ragnami das überhaupt? Angst um die Tochter kann es ja eigentlich nicht sein, denn bisher deutet nichts darauf hin, dass außer Alifha noch jemand die Gefahr bemerkt hat. Außerdem ist es im Grunde genommen gar nicht so wichtig, was die Mutter in diesem Moment tut, solange Alifhas Tätigkeit dadurch nicht beeinflusst wird. zurück
Und wieder ein Satz mitten im Aufbau. Sprachlich korrekt müsste es heißen: Alifha tränkte die Pfeilspitze mit dem Saft der Beere, die sie vorsichtig zwischen zwei Holzstücken zerrieb; sie achtete sorgfältig darauf, dass kein Tropfen daneben ging. Dazu kommen auch hier wieder logische Ungereimtheiten: Wie kann es sein, dass kein Tropfen verloren geht, wenn doch offenbar nichts da ist, das den gewonnenen Saft auffangen könnte? Darüber hinaus werden Pfeilspitzen für gewöhnlich aus Knochen, Steinen, Dornen oder ähnlichen Materialien gefertigt, die allesamt nicht saugfähig sind. Der Ausdruck tränkte ist in diesem Zusammenhang folglich nicht korrekt. Mein Vorschlag wäre: Alifha befeuchtete die Pfeilspitze mit dem Saft der Beere. Bestenfalls noch: Alifha zerrieb die Beere auf der Pfeilspitze, befeuchtete die Waffe mit dem giftigen Saft. zurück
Dieser Satz ist überflüssig. Er wiederholt nur noch einmal in etwas abgewandelten Worten die Aussage des vorhergehenden Satzes. zurück
Wenn schon, dann lief sie auf leisen Sohlen und mit weichen Schritten an den Hütten vorbei. zurück
Alifha und der Jaguar rennen aufeinander zu, die Katze springt über das sich duckende Mädchen hinweg – und das alles auf einer Länge von gerade einmal fünf Schritten? Ich glaube, es wäre ganz gut, einmal über die Wahrscheinlichkeit der hier angegebenen Distanz nachzudenken. Und wäre ein Speer für einen solchen Angriff nicht ungleich besser geeignet? So ein Jaguar ist schließlich keine Hauskatze. Noch etwas: Wenn Alifha sich so sehr für die Jagd interessiert, wie in dem ursprünglichen, unkorrigierten Text behauptet, wäre es doch nur logisch, wenn sie eigene Waffen angefertigt hätte, also Pfeile und einen Bogen, auf den sie jetzt ebenfalls zurückgreifen könnte. Falls Alifha einen Wurfpfeil benutzt, müsste das, wie zuvor schon bei Semari, noch einmal betont werden, indem statt Pfeil die präzise Bezeichnung Wurfpfeil verwendet wird. zurück
Und ihm auch nichts gebracht hätte, da er es offenbar nicht für nötig hält, sich umzudrehen. Immerhin befindet sich Alifha mittlerweile doch wohl hinter dem Jaguar, zumindest jedoch auf gleicher Höhe mit ihm. In jedem Fall jedoch muss der Jaguar sich in eine andere Richtung wenden, wenn er sich wieder auf das Mädchen stürzen möchte. zurück
Wenn man das sich aus dem Satz herausstreicht, klingt er weniger holprig. Außerdem klingt: und stocherte an seiner Pfote herum nicht wirklich passend. Besser wäre: und stieß damit gegen die Pfote der großen Katze. zurück
Worüber sollten sie denn auch traurig sein? Etwa darüber, dass der Jaguar ihnen eben keinen Schaden zugefügt hat? Die eigentlich relevante Erklärung für jenen Heulton ist der Triumphschrei. zurück
Korrekt müsste es heißen die Kunde einer bedeutenden Heldentat. Außerdem könnte man auch diesen Satz wieder problemlos in zwei Sätze aufteilen und präzisieren: Die erwachsenen Frauen verfielen in einen lang gezogenen Heulton. Es war ein Triumphschrei, der die Kunde dieser bedeutenden Heldentat über mehrere Kilometer weit trug. zurück
Erstens ist die Gleichsetzung von Jägern und Kriegern nach wie vor nicht korrekt, auch wenn ich das jetzt nicht wirklich jedes Mal explizit angestrichen habe. Zweitens würde ich statt die anderen Jäger hier nur die Jäger schreiben, denn immerhin ist Alifha ja (noch) nicht als vollwertige Jägerin anerkannt. Drittens kann man statt den Kadaver auch das Fleisch sagen. Und viertens würde ich vorschlagen, das Fleisch zu zerteilen zu schreiben, denn geborgen hat Alifha die Beute ja schon. zurück
Um diesen Satz erst einmal zu entwirren, würde ich spannte Alifha das Fell in einen aus Ästen und Zweigen geflochtenen Rahmen vorschlagen. Dann bleibt noch die Frage, warum dieser Rahmen eigentlich so wichtig ist. Antwort: Er ist es nicht. Also könnte man den Satz ganz einfach kürzen: Gemeinsam mit Semari, der sehr stolz auf seine Tochter war, spannte Alifha das Fell zum Trocknen aus. zurück
Auch hier tendiere ich wieder dazu, den Kiefer in die Zähne ändern zu wollen, immerhin sind die Zähne das eigentlich Bedeutsame. Außerdem würde ich noch schließlich hatte sie das Tier erlegt schreiben. So lässt sich die Doppelung des Wortes Jaguar vermeiden. zurück
Wurde dieses Klischee denn immer noch nicht ausreichend strapaziert? Diesen Zusatz würde ich streichen. Zudem wird der Satz dadurch auch wieder kürzer und weniger kompliziert. Und spätestens hier sollte eigentlich auch deutlich werden, dass Jäger und Krieger zwei unterschiedliche Bezeichnungen sind: Alifha hat sich als Kriegerin bewiesen und darf jetzt mit auf die Jagd – nicht etwa mit in den Krieg. Meiner Meinung nach sollte der Satz, wenn überhaupt, folgendermaßen lauten: Die Ältesten berieten über dieses Ereignis und kamen einstimmig zu dem Ergebnis, dass Alifha alle guten Eigenschaften eines Jägers in sich trug und mit ihrem Mut bewiesen hatte, dass sie für die Jagd geeignet war. zurück

© 2003 by Nicole Thomas. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Textkritik: Der erste Kuss 2002 – Prosa

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Sie ist von unbeschreiblicher Schönheit. Die langen dunkelbraunen, gelockten Haare hängen über ihre leicht gebräunten Schultern. Ein Teil ihres zarten, schmalen Gesichts verdecken ein paar Strähnen. Kastanienbraune Augen suchen seinen Blick. Ihre vollen Lippen sehnen sich nach den seinigen. Langsam nähert er sich ihrem Gesicht. Sie schaut ihn weiterhin mit ihrem leidenschaftlichen Blick an. Er schließt die Augen berührt ihre Lippen. Danach sitzt er noch lange vor seinem Schreibtisch mit ein wenig Staub auf den Lippen. Demnächst wird er mal wieder seinen Bildschirm abstauben müssen.

© 2002 by Philipp Berger. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Eine nette Idee – aber die Durchführung lässt bis auf den Schluss sehr zu wünschen übrig!
Das Erfreulichste ist, dass ein 16-Jähriger für diesen Text verantwortlich zeichnet: Da ist noch gewaltiges Lernpotenzial vorhanden. Und Hut ab, dass er sich einer öffentlichen Kritik stellt!

Die Kritik im Einzelnen

Oh nein!!! Das ist absolut unzulässig: Entweder beschreibt der Erzähler die Schönheit, oder er lässt es sein; oder er beschreibt das, was er beschreiben kann: Schließlich will ich als Leser ja wissen, ob der Erzähler sein Handwerk versteht oder nicht; aber so zu tun, als sei man ein begnadeter Erzähler, könne aber dennoch die Schönheit nicht beschreiben – das ist billig und vor allem unredlich! Der Satz muss verschwinden bzw. auf seinen Kern reduziert werden: Sie ist schön. zurück
Zwar kann ihre Schönheit angeblich nicht beschrieben werden, dennoch legt sich der Erzähler jetzt ins Zeug, was nichts anderes bedeutet, als dass der erste Satz purer Unsinn gewesen ist! Aber bleiben wir bei diesem Satz:
2 braun in 1 Sätzlein kommt schröcklich hülflos: ein Leser könnte mutmaßen, der Erzähler könne doch nicht erzählen… Reicht es nicht, wenn die Schöne einfach nur dunkle Haare hat? Schließlich denkt niemand dabei an dunkelrot oder dunkelblau! Oberüberflüssig ist das Adjektiv lang, denn kurze Haare können bei allem Wohlwollen nicht über irgendwelche Schultern hängen; streiten ließe sich auch, ob gelockte Haare oder Locken angebrachter wäre, denn bei so wenig Genauigkeit in den beiden ersten Sätzen vermag ich nicht zu entscheiden, ob der Schönen Haare eher ansatzweise Locken haben, also gelockt sind, oder ob echte Locken auf ihrem Haupte prangen; das kann bestenfalls der Erzähler wissen, sofern er sich eine klare Vorstellung von der Schönen gemacht hat (falls nicht, wird es jetzt aber höchste Zeit!). Auch die Art des Hängens ließe sich verdeutlichen, indem das farblose hängen ersetzt würde durch z.B. ringeln oder kräuseln oder locken und anderem mehr, schließlich soll eine Beschreibung anschaulich sein: ach, es gibt zu tun noch so allerlei in diesem kleinen Satz – aber von nix kommt nix! zurück
Da der Satz mit dem Nominativ ein Teil beginnt, stolpert ein geübter Leser (und nur um die geht es) bereits beim Verb verdecken, denn der Plural will und will nicht passen. Nachdem er dreimal gestolpert ist und seine Stirnrunzeln geschüttelt hat, entdeckt er schließlich irritiert das folgende ein paar Strähnen: »Hä?« könnte ihm eine unhöfliche Silbe entfahren (höflich wäre z.B. wie bitte, werde ich immer wieder belehrt), und stillschweigend den Plural beim Verb korrigierend begönnen sich seine Hirnwindungen zu verkrampfen: »Wieso in Dreischriftstellers Namen verdeckt ein Teil des Gesichts ein paar Haarsträhnen???« Tja, und dann erst merkt er, dass der Satz eigentlich mit einem astreinen Akkusativ hätte beginnen müssen: Einen Teil ihres zarten, schmalen Gesichts verdecken ein paar Strähnen. Wäre die stinknormale Satzstellung verwendet worden – und da gehe ich jede Wette ein -, hätten selbst viele geübte Leser den falschen Akkusativ nicht bemerkt, weil er umgangssprachlich schon lange die Regel ist: Ein paar Strähnen verdecken ein Teil ihres zarten, schmalen Gesichts. zurück
Jetzt wird uns nach wenigen Worten das dritte braun um die Ohren geschlagen, das nervt allmählich: wie wär’s denn mit kastanienfarbigen Augen oder etwas lifestylemäßig Hipperem wie cyberpurple Augen – man möge bitte die entsprechenden Haarfärbe- bzw. Lippenschmiermittelkatalogen konsultieren, da gibt es Aberwitziges! zurück
Der Satz kann mühe- und problemlos entfernt werden, schließlich haben sich ihre vollen Lippen nach den seinigen gesehnt, einen leidenschaftlichen Blick hatte es nie gegeben (von wegen weiterhin!!!); und dass sie ihn mit leidenschaftlichem Blick (auch das ist offenbar ein wichtiges Wort, da es schon wieder bemüht wird) anschaut statt mit leidenschaftlichen Ohrläppchen: wozu muss das erwähnt werden? Hätte ein einfaches sie schaute ihn leidenschaftlich an nicht völlig gereicht? Doch, hätte – aber am allerbesten wäre kein Satz an dieser Stelle. zurück
In diesem Winzsatz fehlt entweder ein Komma oder ein und – ach, wenn man nicht alles selber macht! Dass nicht klar ist, womit der Protagonist ihre Lippen berührt, lasse ich als bewusstes Gestaltungsmittel durchgehen wegen der späteren Auflösung. zurück
Es freut mich, dass ich zu den beiden letzten Sätzen nur eine einzige Frage habe: warum muss er den Bildschirm mal wieder abstauben? Hat er sich im vergangenen Jahr schon häufiger einen Satz staubiger Lippen geholt? Wenn das gemeint ist, darf es so stehen bleiben; ist das nicht gemeint, reicht aus: Er wird wohl seinen Bildschirm abstauben müssen. Das ließe offen, ob er nochmals und immer wieder die Bildschirmlippen küssen möchte oder dank des staubigen Erlebnisses so ernüchtert ist, dass er lediglich den Staub loswerden will. In allen Fällen ist jedoch demnächst verzichtbar. zurück

Textkritik: ohne titel – Lyrik

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sitzen, warten, kälte sehen
kälte spüren
der schnee fällt
draußen
es ist kalt

© 2006 by Marina Thil. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

So schlecht wie kurz.
Zum Trost hier etwas Unübertreffbares zum Thema vom teuren Ror Wolf:

wetterverhältnisse
es schneit, dann fällt der regen nieder
dann schneit es, regnet es und schneit
dann regnet es die ganze zeit
es regnet und dann schneit es wieder

Die Kritik im Einzelnen

Wenn wenigstens zu Beginn der Rhythmus gehalten wäre, z. B. durch eine andere Einteilung:

sitzen, warten
kälte sehen
kälte spüren

wenn dem Schnee der Artikel genommen wäre, denn es bleibt immer Schnee, es ist kein bestimmter;
wenn das draußen entfiele, denn es wird ja wohl nicht im Kämmerlein schneien;
wenn auch noch die Feststellung es ist kalt entfiele, denn wie soll es denn anders sein, wenn die Kälte bereits gespürt wird;
wenn der fallende Schnee rhythmisch ebenfalls eingebunden wäre, z. B.:

sitzen, warten
kälte sehen
kälte spüren

und es schneit

also eine rhythmische Struktur entstünde, unterbrochen durch eine optische und damit zeitliche Distanz zwischen der Erwartung und ihrer Erfüllung (wobei ich auf das isolierte Substantiv Schnee verzichtet habe): Dann, und nur dann, ließe sich dem Werklein vielleicht noch etwas abgewinnen, aber viel gewiss nicht!

Textkritik: Quersatz – Prosa & Lyrik

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Aus der Reihe: »Sprachpathologische Fallbei(l)spiele«. Heute lassen wir Herrn Prof. Dr. phil. Dubiosus, Dozent an der Universität Quatschborn, mit seiner ebenso verblüffenden wie gewagten These zu Worte kommen. Viel Spaß nun beim aberwitzigen Versuch, ihm wenigstens streckenweise zu (ver)folgen. Fasten seat belt, und los!

Z U M B E S S E R E N K O M M U N I K A T I O N S – V E R S T Ä N D N I S…
… hier seine simple Grunderkenntnis:

Wird eine wie auch immer artikulierte Message nicht ad hoc vom Empfänger vollinhaltlich exakt so dupliziert, wie es der tatsächlichen Absicht der sendenden Person entspricht, so gebricht es oft der zu übermittelnden Botschaft an der notwendigen semantisch durchstrukturierten Mindestsignifikanz, sowohl was die einwandfreie Phonetik, als auch die klare Syntax als solche betrifft; oder es mangelt beim Empfänger zu sehr an analytisch-kognitiven Reflektionsgrundlagen in den hierfür relevanten und bei Bedarf zu aktivierenden partiellen Großhirnwindungen, die u.a. auch für das Dekodieren archaischer Symbolismen sowie für das intuitive Erkennen aller dort im Freudschen Sinne eingelagerten Archetypen zuständig sind, so dass unter Beachtung der stets redundant mitwirkenden Imponderabilien und aller genetisch-zerebralen Parameter es nur dann zu einer im wissenschaftlichen Sinne qualifizierten Analyse einer übermittelten Botschaft kommen kann, wenn gleichzeitig dem individuellen Abstraktionsvermögen, der grammatikalisch korrekten Adaption aller verwendeten Termini, sowie der Kohärenz von Sprachstil und formaler Syntax – in allen gestaffelten Facetten und Korrelationen – Rechnung getragen wird, und zwar stets in Relation zu den hervorgebrachten Tonfrequenzen, also den rein mechanisch wahrzunehmenden Luftschwingungen, ohne dabei a priori von stringent ontologisch geprägten und somit frei oszillierenden Interferenzmustern zwischen Ratio und Psyche auszugehen, da dies eher einer unzulässigen Vorwegnahme frei adaptierbarer Ideen als Äquivalent zum normativen Aspekt des Raum-Zeit-Gefüges gleichkäme, was konsequenterweise zu undefinierbaren, da erzwungenen Assoziationen mit dem Unwägbaren, wie auch zu äußerst bedenklichen Phantasmagorien, sprich zu inkonsistenter Mystik führen würde, wie sie uns beispielsweise auch aus der von Max Planck und Werner Heisenberg vorformulierten Quantenmechanik im weitesten Sinne bekannt sind, wonach, bedingt durch die komplexe Unschärferelation, die exakte Bestimmbarkeit physikalischer Vorgänge und den daraus abgeleiteten präzisen Vorhersagen in der Natur insofern stark gegen Null tendieren, als zum großen Leidwesen der gesamten Naturwissenschaft sich deren Vertretern das Universum seit geraumer Zeit eher wie ein riesengroßer, langsam sich majestätisch entwickelnder Gedanke offenbart, denn als eine rein mathematisch (verformelte) exakt berechenbare mechanistische Hyperstruktur, mit scheinbar unverrückbaren Naturgesetzen, wie man sie uns Laien seit Isaac Newtons Tagen seitens der hier infrage stehenden Physiker und Kosmologen ebenso unverdrossen wie unverfroren nur deswegen immer wieder beharrlich vorgaukeln konnte, weil es sich die in ihrem selbst errichteten Elfenbeinturm verschanzte Wissenschaftlerriege vor lauter Selbstgefälligkeit, Hybris und dümmlicher Arroganz bis heute nicht eingestehen will oder kann, dass keine ihrer von einer überaus kalten materialistischen Herangehensweise geprägten Interpretationen der beobachteten Resultate aus exorbitant teuren Feld- Reihen- und sonstigen Untersuchungen eine schlüssige Antwort auf die brennendste aller Fragen, nämlich der nach dem wirklichen Sinn des Lebens, unter schlüssiger Beweisführung von der Existenz höherer geistiger Dimensionen, geben konnte; woraus nun jeder ebenso viele, wie beliebig müßige Fehlschlüsse ziehen mag; guten Tag, und chiao!!!

Verstehst du jetzt – im Kopf verdreht –
warum kein Schwein dich recht versteht,
wenn’s um die »Letzten Dinge« geht?
Doch nimmermehr ist es zu spät,
sich einzulassen ganz konkret
auf sprachliche Seriosität,
die alles Wolkige verschmäht.
So meide künftig sehr diskret,
dass sich kein Geistesfurz mehr bläht,
und lerne schlicht aus dem Pamphlet:
Der Bandwurmsatz ist obsolet!
Gleichfalls ist hier anzumerken:
Unverständnis lässt sich stärken
durch Gebrauch von fremden Worten.
Selbst die allerfeinsten Sorten,
wie zum Beispiel »filigran«,
kommen oft sehr grob nur an.
Allerdings, und das ist bitter,
manch ein Wort gleicht seinem Zwitter.
Sagen wir: Der Weg muss weg,
klingt dies eher wie ein Gag,
doch erfüllt es keck den Zweck!

© 2002 by Dietmar Hoehn. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Satire ist, wenn etwas ganz, ganz schlecht gemacht wird.

Die Kritik im Einzelnen

Mit dem ersten Zaunpfahl wird auf den Leser eingeschlagen: Es geht nicht um Fall-Beispiele, sondern um Fallbeil-Spiele: Offensichtlich soll irgend jemand um einen Kopf gekürzt werden; schön, dass man gleich zu Anfang ahnt, was einem droht! zurück
Hab ich’s nicht gesagt? Nein, hab ich nicht, drum sag ich’s jetzt: Es wird ungemein witzig werden: Professor Dubiosus, nein, wahahas eihein göhöttlihihihicher Eiheinfahahahahahahall hubfezb leiöhjk. buierng.röchktzwrg (Pardon: habe vor Lachen die Tasten nicht mehr getroffen, zudem haben die Lachtränen vorübergehend die Elektronik verunsichert). Bitte auch um Entschuldigung, das mein übliches Hochniveau so abgerutscht ist: kommt nicht mehr vor. Aber Professor Dubiosus: Das ist ja fast so gut wie Professor Dummi oder Professor Doktor Blödius und immerhin nur wenige Lichtjahre entfernt von Pilatus‘ engem Freund Schwanzus Longus und dessen Frau Inkontinentia. zurück
Der dritte Zaunpfahl wird launig geschwungen und fliegt dem Schwinger krachend um die eigenen Ohren: Universität Quatschborn! Bin ich hier bei Stefan Raab oder in der Wochenshow? Die Humorskala ist bedauerlicherweise nach unten bodenlos offen. Universität Quatschborn. Es ist nicht zu fassen! zurück
Das kann ja heiter werden: gleich zwei Zaunpfähle in einem Satz! Schlimmer kann man nimmer mit Langeweile und Öde drohen… zurück
In diesem Text befinden sich 9 die ansonsten korrekte Satzstruktur zerstörende Zeichensetzungsfehler, ansonsten nur gähnende Öde und Langeweile und Dummheiten, genau wie angekündigt. Aber da ist noch ein Gedicht angeklebt: mal sehen! zurück
Oha: der Witzbold hat seine Schludrigkeit getan, jetzt kommt Oberlehrer Moralprediger auf Versfüßen einherstolziert und will mir erklären, was er eigentlich sagen wollte, weil er es nur uneigentlich sagen konnte – doch schon seine erste Frage verstehe ich nicht: denn mich versteht jeder! Sogar die Schweine, wenn es um die letzten Dinge geht! zurück
Das allerunwolkigste sind selbstverständlich Lehrgedichte, die strotzen nur so vor sprachlicher Seriosität: wie lässt man sich z.B. ganz unkonkret ein? Und wieso ist es nimmermehr zu spät? Wenn ich diesen Text und dieses Gedicht lese, denke ich mir, ist Hopfen und Malz hoffnungslos vergeudet – da regen sich erhebliche Zweifel an dem Wahrheitsgehalt dieser Predigt! zurück
Frage Nummer 1 (wegen der ganz konkreten Seriosität): was ist das Akkusativ-Objekt von meide? Ist das der sich selbst blähende Geistesfurz (den kann niemand meiden, der bläht sich ja von selbst & ganz allein – siehe vorliegenden Text, für den niemand etwas kann)? Ist es der Leersatz nach dem Doppelpunkt, der gemieden werden soll, etwa meide die Aussage »der Bandwurmsatz ist obsolet«? Kann ich nachvollziehen, denn ich sehe keinerlei Notwendigkeiten Bandwurmsätze zu meiden, schließlich lassen sich komplexe Sachverhalte angesichts ihrer manchmal durchaus fragwürdigen Ursache-Wirkung-Verknüpfung nicht mit simplen Konstruktionen meistern: es kommt lediglich darauf an, den Faden nicht zu verlieren – und den verliert nur, wer nichts zu sagen hat und schellenlaut mit Wörtern klingelt (siehe wieder einmal den vorliegenden Text). Ja: ich liebe geradezu die Bandwurmsätze von Kafka, Kleist, von Thomas Mann (um nur wenige zu nennen), weil es ein Genuss ist, den Windungen und Verästelungen zu folgen. Ist aber selbstverständlich nichts für Professor Dummi (der immerhin einen grammatisch fast korrekten Bandwurmsatz präsentiert hat)!
Frage Nummer 2: Von welchem Pamphlet ist hier die Rede? Wo ist die Schmähschrift, aus der ich lernen soll? Ach – die gibt es gar nicht, die ist nur ein Reimwitz, so wie die Seriosität?? Na, dann kann ich halt nichts lernen! Dass sich Pamphlet so schön auf bläht reimt, mag ja sein, aber das Wolkige sollte doch verschmäht werden, hieß es, oder?
Frage Nummer 3: Bislang reimte sich alles auf Genialität, ab jetzt plötzlich nichts mehr: was ist geschehen? Allein der Steputat bietet über 120 Reimwörter auf ät an, und über 40 auf eht: wenn einem selbst nichts mehr einfällt, kann man doch nachschlagen! Das hätte ich lobenswert gefunden, wenn die Reime sich treu geblieben wären (wegen der Seriosität, allerdings auch zu Gunsten der verschmähten Wolkigkeit): stattdessen wird auf halbem Wege Halt gemacht und ein Leser abgespeist mit karg-schnöde Paarreimen… zurück
Die hochverehrte Seriosität erhält vom Verseschmied eigenhändig den Gnadenstoß: R.I.P. Es handelt sich hier eindeutig um Wörter, nicht um Worte (=schlaue Sprüche, Lebensweisheiten, Verhaltensregeln & Konsorten) – peinlich peinlich, wenn ein Ratgeber so daneben schlägt! zurück
Worum geht es eigentlich? Um Inhalte? Um Sinn? Um Form? Um die Information, das manche Worte gleich aussehen, aber nicht das Gleiche meinen? Danke, wissen wir, kennen wir, machen wir sogar Gebrauch von! Oder um die Information, dass manche Worte gleich klingen, aber nicht das Gleiche meinen? Kennen wir auch! Geht es überhaupt bei diesem ganzen inhaltsleeren Dummbrummen um irgend etwas Anderes als sich selbst zu beweisen, für wie gut tätschel-tätschel-schulterklopf man sich selbst hält? Aber iwo! zurück

Textkritik: Der Staat New York gegen Adam – Drama

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Auszüge aus der Verhandlung
Ort: ein einfacher Gerichtssaal, völlig überlaufen, aber wohl geordnet, es herrscht Stille.

ADAM:  … und schwöre die Wahrheit zu sagen und nichts als die Wahrheit.
1. STAATSANWALT: Ihnen wird zur Last gelegt, am Abend des 19. … von ihrer Frau wissentlich… einen Apfel entgegengenommen zu haben.
2. STAATSANWALT: Als Nebenkläger treten auf ihre ehemalige Frau, Miss Eva Klein, und die versammelte Menschheit. Sie wurden auf ihre Rechte hingewiesen und haben entschieden, sich selbst zu verteidigen. Die Verteidigung hat das Wort.

1. STAATSANWALT: Ich bitte die erste Zeugin zur Aussage.
Eva: Und er versprach uns einen Baum, dessen Früchte uns machen würden wie Gott, dass wir unterscheiden könnten zwischen gut und böse. Und er gab mir diese Schlange, die mich zwang…

2. STAATSANWALT: Ich bitte zur Klärung der Umstände die Herren Augustin und Schiller.
SCHILLER: Der Beginn der Freiheit. Vom instinktgesteuerten Tier zum freien Menschen, der in Würde und durch Vernunft moralische…
AUGUSTIN: Der Beginn des Elends. Die Verfehlung für die ganze Menschheit. Nur einige sind auserwählt, der Rest fällt der Verdammnis anheim.
SCHILLER: Die Möglichkeit, mit freiem Volk auf freiem Grunde zu stehen!
AUFGEBRACHTES PUBLIKUM: Wir wollen deine Freiheit nicht!

ADAM: Und ich schwöre, ich hatte nichts im Sinn als die… was ist das für ein Gott, der… Ich bitte zu hören die Unterdrückten!

GERICHTSSPRECHER: Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil.

© 2002 by Christoph Maurer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Zu viel Ballast & Ungereimtes stört die Dramaturgie. Die Idee allein trägt nicht hinreichend.
Ich frage mich, warum diese Gerichtsverhandlung im Staate New York stattfindet und nicht etwa in Den Haag oder in Vaison la Romaine – muss denn überhaupt ein Ort genannt sein? Hier geht es doch eher um eine (pseudo)philosophische Auseinandersetzung ohne jeden realen Boden!
Ich fände es zudem raffinierter, wenn die drei Herren mit Originalzitaten vertreten wären, die einer Überprüfung standhielten: so viel Mühe muss sein! Und bei der Gerichtsverhandlung geht etliches daneben: auch hier wäre mehr Sorgfalt angebracht!
Solch kleine Dramen sind schwer – aber es gibt vorzügliche! Ich nehme die Gelegenheit wahr, eins meiner Lieblingsminidramen zu präsentieren, es passt zufällig zum Thema; geschrieben hat es Arthur Schopenhauer und heißt

Gespräch anno 33
A  Wissen Sie schon das Neueste?
B  Nein, was ist passiert?
A  Die Welt ist erlöst!
B  Was Sie sagen!
A  Ja, der liebe Gott hat Menschengestalt angenommen und sich in Jerusalem hinrichten Lassen: dadurch ist nun die Welt erlöst und der Teufel geprellt.
B  Ei, das ist ja ganz scharmant.

Die Kritik im Einzelnen

Nun fand die Apfelübergabe aber keineswegs an einem 19. wasauchimmer (steht für die Auslassungszeichen) statt, sondern am Ende des 7. Tages, als Gott sich ausruhte. Es könnte also eher ein 7.1. gewesen sein, obwohl damals subjektiv noch keine Tage gezählt wurden, wozu auch: Die beiden Menschen waren schließlich unsterblich – bis Adams Apfelbiss uns den Tod eingebrockt hat. Welchen Sinn die Auslassungszeichen nach wissentlich haben, kann ich nicht ergründen. Erfreulich übrigens, dass hier der Richtige angeklagt wird! zurück
Warum heißt Eva Klein und nicht einfach Frau Eva? Adam heißt offenbar auch nicht Adam Klein. Die Miss entstand aus der Verlagerung nach New York, könnte also bei fehlender Konkretisierung einfach ersetzt werden. zurück
Zwar folgt jetzt eine Auslassung, aber sinnvoller wäre es, der Verteidigung nicht das Wort zu geben, also den letzten Satz zu streichen, zumal anschließend Eva als Zeugin spricht, obwohl sie gerade erst als Nebenklägerin eingeführt wird…
Dabei muss noch aufgeklärt werden: wieso müssen sich Nebenkläger eigentlich verteidigen? Und was soll der Hinweis auf die Rechte bei Nebenklägern, schließlich werden die Kläger von der Staatsanwaltschaft vertreten? Hier hakt es aber ganz gewaltig! zurück
Falls mit Er Gott gemeint sein sollte, ist das falsch: Gott hat den Baum nicht versprochen, sondern ihn geschaffen – mitten im Paradies, bereit zur Plünderung. Gott hat auch nicht vor den Folgen des Fruchtgenusses gewarnt oder irgendwelche Wirkungen versprochen: er hat sich völlig darauf beschränkt, den Genuss der Früchte kategorisch zu verbieten. Es war die Schlange, die über die Wirkung dieses Obstes aufklärte! (Dank an Teresa Hayer, die festgestellt hat, dass ich hier etwas übersehen habe!) zurück
Auch hier würde ich auf die Auslassungszeichen verzichten, sondern es bei die mich zwang belassen, wenn es denn unbedingt sein muss, schließlich ist es eine faustdicke Lüge. Besser wäre ein Ende ihrer Aussage mit: Und er gab mir diese Schlange. Das ist immerhin eine Tatsache, an der die Religionswissenschaftler immer noch und immer wieder zu beißen und zu verdauen haben. zurück
Das soll Schiller gesagt haben? Könnte schon sein, irgendwie und so; wie auch immer: auch hier würde ich auf die Auslassungszeichen verzichten! zurück
Ich nehme an, Augustin soll Augustinus sein – und auch hier habe ich leise Zweifel, ob er das so rigide geäußert hat – aber schließlich kann ich nicht alles wissen, wer bin ich denn? Eben!  Doch dürfte es ruhig Augustinus heißen, wenn er es denn ist. zurück
Das hat Schiller garantiert nicht geschrieben: das äußert Faust höchstpersönlich ungefähr, als er – erblindet – das Spatengeklapper beim Ausheben seines Grabes irrtümlich für das Anlegen von Entwässerungsgräben hält. Folgerichtig müsste Goethe ebenfalls als Sachverständiger geladen werden. zurück
Da die versammelte Menschheit Nebenkläger ist, kann niemand im Publikum sitzen (abgesehen von Fauna & Flora): also wäre es besser; die versammelte Menschheit brüllte unisono auf! zurück
Der Rest seit dem letzten Link ist überflüssig: wenn die Nebenkläger diese Freiheit nicht wollen, reicht es; zudem wird eh kein Urteil gesprochen, und Adam spart das Wichtigste aus. Eine Reaktion von Herrn Adam kann man getrost einem Regisseur oder besser: einem Schauspieler überlassen.
Was bleibt? Wenn ich gleichzeitig noch den Prozess-Unsinn nach bestem Wissen und Gewissen eliminiere – ich lasse mich gerne belehren -: das hier:

Der Prozess gegen Adam
RICHTER: Herr Adam, Ihnen wird zur Last gelegt, am Abend des 7.1. von ihrer Frau wissentlich einen Apfel entgegengenommen zu haben. Als Nebenkläger treten auf Ihre ehemalige Gemahlin, Frau Eva, und die versammelte Menschheit.
STAATSANWALT: Frau Eva, ich bitte um Ihre Aussage.
EVA: Und er verbot uns einen Baum, dessen Früchte uns machen würden wie Gott, dass wir unterscheiden könnten zwischen gut und böse. Und er gab mir diese Schlange.
STAATSANWALT: Ich bitte zur Klärung der Umstände die Sachverständigen Herren Schiller, Augustinus und Goethe.
SCHILLER: Der Beginn der Freiheit. Vom instinktgesteuerten Tier zum freien Menschen, dem in Würde und durch Vernunft moralischen.
AUGUSTINUS: Der Beginn des Elends. Die Verfehlung für die ganze Menschheit. Nur einige sind auserwählt, der Rest fällt der Verdammnis anheim.
GOETHE: Die Möglichkeit, mit freiem Volk auf freiem Grunde zu stehen!
VERSAMMELTE MENSCHHEIT: Wir wollen diese Freiheit nicht! zurück