Der Hörverlag schickt uns sein Herbstprogramm. Wer reisend Geschichten hört, ist anders unterwegs. Wer sich räumlich nicht bewegt, aber hört, wird auf dem Strahl der Geschichten reisen. Nette Idee: Eine Deutschlandkarte mit Reisezeiten und dem passenden Hörbuch. Stuttgart-Augsburg: ca. 200 Minuten, empfohlen wird Der Steppenwolf. Und wer 782 km von Hamburg nach München reist, der kann Middlesex hören. Na dann: Gute andere Reise!
Neuer Service: Notizen der Redaktion
Was uns bei unserer Arbeit so auffällt, was im Briefkasten landet oder im Netz entdeckt wird, das kommentieren wir ab sofort hier. Alle Notizen finden sich auch im RSS-Feed des Cafés.
Textkritik: Blumen im Haar – Prosa
Sie wollte nie wieder nach Sylt fahren, hatte ständig diese Vorbehalte parat: feuerroter Porsche im rötlich blauen Abendlicht auf der Pirsch nach jungem Fleisch. Weißes Mercedes-Kabriolett mit Herrn hinter dem Steuer, braun gebrannt, offenes Designerhemd, Seidenkrawatte in der Sakkotasche, barfuß in Sandalen, flache Cartier-Uhr am linken Handgelenk. Schirmmütze mit Markenlogo verdeckt die beginnende Glatze, auf der sich schon Pigmentflecken angesiedelt haben.
Morgens noch mit Gattin oder Geliebten beim Golfen gesichtet, lungert er abends heißhungrig hinter dem Steuer auf der Suche nach frischer Ware, die kaum verpackt auf hohen Plateausohlen daher gestelzt kommt.
»Hallo!« dieses Wort reicht als Aufforderung. In den Augen ein verhaltenes Glimmen. Kein Gleißen, das bringen sie nicht mehr zu Stande, zu schwach, abgehalftert von zu viel Alkohol, Frauen, Stress am und mit Handy, Termingeschäfte, Millionenminus auf dem Konto. Leider immer noch Kredit.
»Hallo, ein Gläschen Roederer trinkt sich besser zu Zweit!«
Dumme Anmache, so etwas kennt man doch! Wenn du jung bist, kannst du sie alle haben, zumindest als Leihgabe für eine schnelle Stunde. Kimme, Korn, voll auf das Herz gezielt, immer wieder dem Wahn verfallen, es könnte dieses Mal ganz anders sein. Liebe ist noch immer Trumpf, noch lange nicht aus der Mode, wenn auch als Wort arg abgegriffen, weil zu oft missbraucht für ein Gefühl, das eher mit Befriedigung der Sinne zu tun hat.
Pfui!, sagt man nicht, denkt es nur, meint die Dame.
»Hallo, darf ich Sie zu einer Fahrt durch den Abend einladen?«
Die Dame lächelt, ist im Prinzip nicht abgeneigt. Aber selbst wenn sie Lust verspürt, gibt eine Dame so etwas nicht so schnell zu. Lässt sich nicht einfach einsammeln wie damals, als man noch Blumen im Haar trug und lange fließende Gewänder.
Auf dem Sandhügel am äußeren Zipfel der Insel hat sie getanzt, nachts im Mondlicht, ihr Körper war so weiß wie der Sand. Weiß und grazil, noch unverbraucht, aber leider viel zu neugierig, um es zu bleiben.
Der Porsche hält.
Weitergehen oder lächeln und stehen bleiben? Könnte ihr Sohn sein! So einen hat sie sich eigentlich gewünscht. Leider ist es dafür zu spät. Irgendwann ist es immer für etwas zu spät!
Blaue Augen, sehr blaue Augen und raspelkurze schwarze Haare, frisch gegelt, braune Haut und starke Muskeln. Der rote Porsche, den er fährt, ist in Düsseldorf zugelassen.
»Ich esse nicht gern allein. Sie?«
»Nein.«
»Wohin darf ich Sie fahren?«
Die Dame lächelt, möchte ihn eigentlich fragen, warum nimmst du nicht deine Mutter mit. Aber sie schweigt und zupft ihren engen Rock zurecht, damit er die feinen roten Äderchen an Innenschenkeln beim Einsteigen nicht sieht. Sollte sie sich eigentlich weglasern lassen bei einem guten Arzt.
»Ich habe heute keinen Hunger«, sagt sie.
Er lacht nur.
Der Wind spielt mit ihren langen tizianroten Haaren. Traumcoloration vom Starfriseur in Berlin zu einem sündhaft teueren Preis. Aber es hat sich gelohnt. Rot ist noch immer eine Signalfarbe.
Vielleicht hat er nur seine Kontaktlinsen vergessen und noch nicht bemerkt, dass ich nicht mehr so jung bin, amüsiert sich die Dame und lehnt sich in das Polster zurück.
Er bremst erst im letzten Moment den Motor ab, als hätte er vergessen, wie man Autos auf einem Parkplatz einparkt. Dann steigt er ohne zu warten aus und geht voraus.
Die Dame zögert. Doch dann folgt sie ihm über die losen Holzbretter, die direkt zum Meer führen.
»Hier gibt es keine Muscheln«, sagt er und lässt eine Hand voll Sand durch seine Hand rieseln.
»Ich sammle nicht. Nur einmal habe ich einen Stein mitgenommen. Es war oben in List. Er lag so schön in der Hand, als ich ihn aufhob, fast rund gewaschen, beigebraungrau mit ein wenig Glitzerstaub wie von Diamanten. Hätte man gut zur Selbstverteidigung benutzen können.«
»Hahaha!«
»Lachen Sie nur! Was wissen Sie davon, wie es damals war!«
Er lacht weiter, fasst nach ihrer Hand. So, als wollte er mit ihr den Strand entlang wandern von Kampen bis zum äußersten Ende von List.
Ihre nackten Zehen durchwühlen den Sand. Die Sandalen in der rechten Hand schaukeln bei jedem Schritt.
»Warum mit mir?«, hämmert es in ihrem Kopf. Antworten gibt es viele, keine gefällt ihr. Abwarten!
Der Sommer kommt auch im nächsten Jahr zurück, strahlend jung, unverdorben, frisch! Und ich, ich könnte mir die Lider liften, die Kinnpartie straffen und die Falten über der Oberlippe wegbügeln lassen, wenn ich will. Doch die Dame will nicht.
»Woran denken Sie?«
»Banale Frage! Wollen Sie es wirklich wissen?«
Er nickt.
»An einem Sommerabend wie heute! Es war am Strand von Kampen.«
»Erzähl weiter!«
Sie nickt.
»Blumen im Haar, durchtanzte Nächte, braune Samthaut, die sich einbildete, ewig jung zu bleiben. Küsse, die schmeckten, als hatte man das Tor zum Paradies schon durchschritten. Kitschig schöne, blutrote untergehende Sonne im Meer, Sterne, die zum Greifen nahe waren. Viel zu viel Alkohol, jede Menge Zigaretten und manchmal einen Joint. Leben, wir wollten leben und nie älter werden. Wir glaubten sogar fest daran!«
Die Dame lächelt.
Er küsst sie auf die Wange. Erst rechts, dann links, stemmt ihren schlanken Körper hoch, tanzt mit ihr durch den Sand, bis sie beide erschöpft zu Boden fallen.»
Weißer Sand, blaugrau und aufgewühlt das Meer. Nordsee Mordsee! Wellen klatschen an den Strand. Dort wo die Buhnen ins Meer ragen, sind sie besonders hoch.
Er war immer erfolgreicher Jäger, nur heute nicht. Denn sie ist kein Wild, das hat er schon bald gespürt.
»Komm lass uns fahren! Ich habe Hunger, ich lade dich ein«, sagt sie.
Er hat nur diese und keine andere Wahl.
Zusammenfassende Bewertung
Eine einfache Liebesgeschichte, teilweise sehr lebendig und anschaulich erzählt und mit leisen Überraschungen garniert, letztlich aber noch viel zu unentschlossen.
Denn wozu dient z. B. die aufgeblasene Sylt-Verschnarchtheit zu Beginn? Warum muss es überhaupt Sylt sein und ein roter Porsche? Warum wollte Dame nicht mehr nach Sylt? Hat das Schicksal à la Courths-Mahler zugeschlagen und der Dame gerade deswegen, weil sie nicht mehr nach Sylt wollte und es dann trotzdem oder aus Dusseligkeit getan hat, einen echt verständnisvollen supergeilen turnschuhfitten Liebhaber beschert? Das hieße, dem Kitsch einen diamantgespickten und juwelenbehängten, aus Golfdfäden selbstgehäkelten Kronenschoner über selbige zu ziehen … Ließe man der Frau ihre Renovierungspläne und entfernte die ganzen Sylt- und Neureichen-Zutaten, wäre das eine Liebesgeschichte zwischen einer alternden Dame und einem jungen Mann, die sich auch auf Föhr zutragen könnte. Nicht mehr, aber auch nicht weniger!
PS: Und für meine Kritik bedeutete das: Der erheblich zusammengestrichene und veränderte Sylt-Abschnitt würde komplett wegfallen, das wäre dann mein endgültig letztes Wort – aber damit verschwände leider auch die kaum verpackte frische Ware, die ich so liebe; vielleicht ließe die sich retten, wenn die Frau auf ihre Frage »Warum mit mir?« feststellt, dass sie schließlich keine kaum verpackte frische Ware auf Plateausohlen ist …
Die Kritik im Einzelnen
Es folgt eine Reihe Klischees, die nicht besonders angekündigt werden müssen, da sie in ihrer Kitschigkeit für sich selbst sprechen. Wer die für bare Münze nimmt, ist selbst schuld. Weg also mit dem Halbsatz, und den Doppelpunkt hinter »fahren«: Sie wollte nie wieder nach Sylt fahren:
Allerdings muss ich jetzt vorgreifen: Sie befindet sich nämlich auf Sylt! Ihr Wollen ist demnach abgeschlossen und beerdigt in irgendeiner Vergangenheit; korrrekt heißen müsste es folglich: Sie hatte nie wieder nach Sylt fahren wollen: oder Nach Sylt hatte sie nie wieder fahren wollen: – Hauptsache, die Zeit stimmt. zurück
Mir reicht der rote Porsche vollständig – ich sehe keinerlei Notwendigkeit, auch noch einen weißen Mercedes oder einen gepunkteten Bentley oder einen uringelben Ferrari zu addieren, es wird nicht mehr schlimmer! Zudem taucht später nur ein roter Porsche auf. zurück
So sehr ich auch sprachlich die siedelnden Pigmentflecken schätze – aus zahllosen Kitschfilmen ist eine derartige Klientel sattsam bekannt; und selbst wenn man solche Filme nicht kennt, weiß man, was in Sylt los ist, so wie man weiß, was im Ballermann abgeht. Warum diese Vorurteile noch stützen durch Nennung von Markenartikeln, die uns ja auch nichts weiter mitteilen, als dass sie teuer und bonzig sind? Wer kann schon auf einen Blick eine Cartier-Uhr von einer Tschibo-Creation unterscheiden, und wer will das können und wozu? Streichen! zurück
Übrig geblieben ist also der rote Porsche, der personifiziert eigenrädrig auf Pirsch geht; diesen Satz würde ich jetzt gerne anfügen, damit die kaum verpackte Ware erhalten bleibt, der ich allerdings die hohen Plateausohlen fon den Füßen fetzen ferde – schließlich steckt hoch bereits in der Definition von Plateausohle (jaja, meine heiß geliebten Adjektive). Und damit die Personifizierung vom Rotporsche erhalten bleibt, muss ein Steuermann unterschlagen werden; darüberhinaus ändere ich Geliebten in Geliebte, weil ich davon ausgehe, dass nur 1 Gattin respektive 1 Geliebte gesichtet wurde; das rötlich blaue Abendlicht verlagere ich nach hinten, sonst hätten wir zwei Abende in einem Satz; wer heißhungrig ist, der lungert nicht sinnlos in der Gegend herum, sondern der lauert auf seine Beute! Lungernde Löwen beißen schließlich nicht. Das läse sich dann in etwa so:
Sie hatte nie wieder nach Sylt fahren wollen: feuerroter Porsche, morgens noch mit Gattin oder Geliebter beim Golfen gesichtet, lauert im rötlich blauen Abendlicht heißhungrig auf frische Ware, die kaum verpackt auf Plateausohlen daher gestelzt kommt.
Wenn Sie jetzt glauben, ich wäre zufrieden, dann haben Sie sich getäuscht – mein letztes Wort ist noch nicht gesprochen! Hugh! zurück
Ab dem letzten Link kann all das ganz einfach gestrichen werden – nichts würde fehlen! Als Männer sind wir in punkto dumme Anmache Experten – wir erfahren in dieser Hinsicht nichts Neues, auch nicht hinsichtlich der Finanzprobleme selbstredend abgehalfterter Neu- oder Altreicher samt ihren Spielchen – alles kalter Kaffe, der so wenig wieder aufgewärmt werden sollte wie Binsen hervorgezogen bezüglich Liebe! Das einzig Interessante an diesen vielen Wörtern ist das letzte: nämlich der Ehrentitel Dame – und der ließe sich retten, wenn er das Sie am Anfang ersetzte, was sich dann folgendermaßen gebärdete:
Die Dame hatte nie wieder nach Sylt fahren wollen: feuerroter Porsche, morgens noch mit Gattin oder Geliebter beim Golfen gesichtet, lauert im rötlich blauen Abendlicht heißhungrig auf frische Ware, die kaum verpackt auf Plateausohlen daher gestelzt kommt.zurück
Ich versichere Ihnen, dass das immer noch nicht mein letztes Wort zu diesem Satz bzw. Kapitel ist!
Seit wann trägt man lange fließende Gewänder im Haar? Ist Dame schon so alt, dass sie vergessen hat, wie man derlei Kleidungsstücke trägt? Ich empfehle eine einfache Umstellung: … als man noch lange, fließende Gewänder trug und Blumen im Haar. zurück
Dieser Satz enthält zu viel Sand und zu viele Zipfel! Entfernt man den Sandhügel zu Beginn, fehlt eigentlich nicht viel außer ein bisschen Höhe, die aber keine Rolle spielt: Am äußeren Zipfel der Insel hat sie getanzt, nachts im Mondlicht, ihr Körper war so weiß wie der Sand. Spannender jedoch sind die Fragen nach dem äußeren Zipfel: Erstens: Können Inseln innere Zipfel haben, und sei es auch nur ein einziger? Bitte um entsprechende Hilfestellung! Und zweitens: wie viele äußere Zipfel hat Sylt? Einen mindestens, da hat Dame ja weiland getanzt – jetzt muss ich doch das Internet bemühen, um einen Eindruck von Sylts Zipfeligkeit (warum muss ich bei diesem Link eigentlich immer auf »Aktualisieren« klicken, bevor mir die Seite angezeigt wird???) zu bekommen … ich zähle da 12 kleine Zipfel und 3 Superzipfel, von denen der nördliche doppelt gezipfelt ist – und alle sind äußere Zipfel. Scheint mir aber eher eine Strukturskizze zu sein, die eine Menge Zipfel unterschlägt. Auch äußerster Zipfel böte minimal vier Möglichkeiten – also den Tanzzipfel bitte zumindest himmelrichtungsmäßig präzisieren!
Zuguterletzt ist mir nicht klar, warum dieser Satz einen höchsteigenen Absatz einleitet – er führt doch den Gedanken des letzten nur fort? Oder habe ich da etwas verpasst? Wenn nicht: diesen Satz an den vorherigen direkt anschließen! zurück
Dieser Relativsatz ist alleroberüberflüssig! Es gibt sicher Rotporsches, die Raspelhaar (raspelkurz ist ein herrliches Adjektiv!) nicht fährt und die trotzdem in Düsseldorf zugelassen sind, und andere Porsches sind nicht in Sicht, zumindest wissen wir nichts davon. Und dann beschleicht mich noch die Frage: welche Bedeutung hat eigentlich Düsseldorf für die Charakterisierung von Raspelkopf oder Dame oder Sylt? Anspielung auf »Wärst du Dussel doch im Dorf geblieben«? Würde die Erzählung anders verlaufen, käme der Porsche aus Tuttlingen oder aus MYK? Ist Dame im Berufsleben Polizistin und speichert im Hirnkastel Listen voller Autokennzeichen gestohlener roter Porsches? Ließe sich die ganze Feststellung inklusive Relativsatz nicht streichen? Fragen über Fragen, die nichts bringen & nicht weiter führen … zurück
Mit kurzen Haaren kann ein Wind schlecht spielen, die kriegt er irgendwie nicht so richtig in Griff! Folglich darf das Adjektiv langen sich ruhig zurückziehen … zurück
Schon wieder so eine fragwürdige Ortsangabe: für die Macke der Dame ist Starfrisör hinreichend – und die wohnen und arbeiten nun einmal nicht in Tuttlingen oder MYK. zurück
Ich gestehe: ich habe noch nie einen und bin noch nie in einem Porsche gefahren – aber dennoch wage ich zu bezweifeln, dass man bei einem Porsche den Motor abbremsen muss, um anzuhalten! Und dass das Vernachlässigen des Motorabbremsens eine Folge des Vergessens von Einparkvorgängen auf Parkplätzen ist im Gegensatz zum Vergessen von Einparkvorgängen auf Nichtparkplätzen, was demnach kein Vernachlässigen des Motorabbremsen als Folge zeitigte, sondern zu allgemeiner Zufriedenheit erfolgreich zur vollendeten Vollendung gebracht werden würde, das ist mir irgendwie ein bisschen zu abseitig und -artig! Warum hält Raspelhaar nicht einfach an und steigt aus? zurück
Sehr gelungen, dass die beiden bereits laufen, nachdem das gerade noch bloße Mutmaßung bzw. Wunsch war! Da es im Text mehrere Abschnitte gibt, würde ich vor diesem Satz auch einen befürworten, denn hier beginnt wirklich etwas Neues! zurück
Auch hier schön gelungen: der unvermittelte Wechsel zum du! zurück
Nächte ist viel zu Plural, denn es wurde 1 besonderes Ereignis angekündigt: An einem Sommerabend wie heute! Es war am Strand von Kampen. Und wenn nach den vielen durchtanzten Nächten 1 Sonnenuntergang folgt, ist das ebenfalls ziemlich schräg – ich würde die durchtanzten Nächte streichen (selbst wenn diese eine Rolle gespielt haben mögen für die überdrehte Verfassung des Blumenkindes) – es geht schließlich wesentlich um die Forever-Young-Fantasien in dieser Nacht! zurück
Wovon ist denn die Dame erschöpft? Vom Gestemmt-Werden? Dass Raspelhaar das nicht lange durchhält, leuchtet unverzüglich ein, und dass Dame mit ihm zu Boden stürzt, wenn er zusammenklappt, nicht minder. Aber hochgestemmte Dame erschöpft? Nie und nimmer! zurück
Textkritik: Entlang – Lyrik
für C.
unserer beider Namen spurenähnliches
Glistern, winzige Funken aus Dunkel,
rieselt Myriaden von Sphären herab;
wie ein großer Fluss und still
atmest du in mein Herz hinein
Zusammenfassende Bewertung
Ein herausragendes Liebesgedicht, jenseits aller ausgetrampelten Pfade: es geht doch! Es lässt sich für das Immergleiche auch immer ein ganz persönlicher Ausdruck finden – Sprache ist dafür reich genug, noch auf Jahrtausende hin…
Die Stimmung in diesem Gedicht erinnert mich an Hölderlins Wunsch: Eins sein mit Allem! Hier ist der Wunsch in Erfüllung gegangen…
Die Kritik im Einzelnen
Dieses Wort beschäftigt mich, denn ich kenne es nicht; es könnte etwas Österreichisches sein – schließlich lebt der Autor dort -, aber auch mein österreichisches Wörterbuch schweigt dazu! Finde auch nichts Brauchbares im Internet (es kann sich schließlich nicht um Zahnkrem oder eine Art Skiwachs handeln), nichts im 24-bändigen Brockhaus, wissen.de weiß nichts, die Mailbox des Autors ist zugestopft, nimmt keine Mails mehr an – da hätte ich doch Auskunft kriegen können; allein der 4-bändige Brockhaus aus Nazi-Tagen erwähnt unter »glinstern« auch noch die Schreibweise »glistern« in der Bedeutung »glitzern«: fein, so etwas Ähnliches habe ich schon vermutet, denn beim ersten Lesen verstand ich glistern als eine Kombination aus »glitzern« und »knistern«, eine Art behutsam-zärtliches Minifeuerwerk; dabei mag es auch bleiben! (Nachtrag: Vielen Dank an Bert Wendt für diesen Auszug aus dem Grimmschen Wörterbuch zu »glistern«: GLISTERN, vb. glänzen. Zur basis glis in afr. Glisis ´schimmer´u.s.w., s. Persson beitr. 877; WALDE-POKORNY 1, 626f.; vgl. glinstern. dazu auch mnd. glister(e)n, me. glistre, ne. Glister. Glisteren scintillare (in einem obd. Voc. von 1502) DIEFENBACH voc. Gloss. 330; glisteren irridare, vibrare (in einem md. voc. D. 15. jahrh.) DIEFENBACH gl. 309. 617.; als veraltet angeführt: glistern stark glänzen CAMPE 2, 404)
Zurück zum Gedicht: der Titel Entlang verweist auf Bewegung und eine Bewegungsrichtung, z.B. auf einen Spaziergang entlang eines Flusses. Unterstützt wird das Gehen durch das Adjektiv spurenähnlich. Vor meinem inneren Auge sehe ich ein Paar gehen, einen Mann und eine Frau, deren Namen helle Laute enthalten (wie glitzern und knistern und glistern): Illir und Mire z.B. Und diese Gemeinsamkeit in den Namen steht symbolisch für die innige Verbindung zwischen den beiden: es hat gewissermaßen »gefunkt«, und es funkt immer noch! zurück
Das Glistern erfährt eine nähere Erläuterung: winzige (wieder die hellen Vokale) Funken aus Dunkel wird es genannt. Unvermittelt wird ein lautlicher Kontrast gesetzt: Funken aus Dunkel (was lautlich auf die Spuren verweist). Dunkle Funken ist ein Widerspruch: solche sind eigentlich nicht sichtbar, als Funken nicht erkennbar, und diese können natürlich auch keine realen Spuren hinterlassen – aber es heißt ja auch spurenähnlich. Für mich bedeutet das: die Spuren sind für andere nicht wahrnehmbar, wohl aber für die beiden; das Dunkle, Düstere wird aufgehoben durch die winzigen Funken – da ist kein Raum für dunkle Gefühle wie Traurigkeit
Obwohl der Satz erst angefangen hat (wir betrachten die ganze Zeit nur das Subjekt!), entdecke ich hier schon eine sehr intensive Harmonie und ein großes Glück, sowohl sprachlich wie auch inhaltlich: so mag ich das! zurück
Wieder die i-Laute (rieseln, Myriaden) und das Leichte (rieseln), wieder eine Bewegung (rieseln herab) – und wieder ein starker Kontrast: das Glistern rieselt (durch) Myriaden von Sphären herab: das sind also nicht nur die acht Sphären des Ptolemäus (die das ganze damals dem Abendland bekannte Weltall umfassten), das sind wesentlich mehr: die Langsamkeit dieser Bewegung und die unvorstellbare Zeitdauer widerspiegeln die subjektive Zeitwahrnehmung des Paares: das objektiv so kurze, intensive Glück, das ewig zu währen scheint, hat hier erneut ein schönes Bild bekommen. zurück
Der Vergleich wie ein großer Fluss (dieses Wort ist die Ursache dafür, dass ich an einen Spaziergang an einem Flussufer entlang gedacht habe und denke, s.o.) steht in einem starken Kontrast zu rieseln, denn bei einem großen Fluss assoziiert man Wassermassen und Mächtigkeit, bei rieseln Weniges, das leicht und zart seinen Weg sich sucht bzw. fällt. Zwei Bedeutungen hat still (Fehlen von akustischen Ereignissen und/oder Bewegungslosigkeit), und beide Bedeutungen passen: es gibt nichts zu reden, vielleicht auch steht das Paar jetzt bewegungslos, und das lyrische Ich spürt die lebendige Stärke von der anderen Person: du atmest (Stärke und Leben) in mein Herz hinein – eine weitere Bewegung: von außen nach innen. Ein wunderschönes Liebesgedicht! zurück
Textkritik: Sattgelesen – Lyrik
Ethischeprosa?
Tückischesrosa!
Lärmendesmofa!
Seidenessofa?
Schreinachjehova?
moralischelyrik?
sperrangelweittürig
verbesserungsgierig!
denkprozesslangwierig,
nachgeschmackpapierig,
bewertungsehrschwierig!
Zusammenfassende Bewertung
Der Schuss geht teilweise sehr nach hinten los!
Die wenigen netten Einfälle werden gleich wieder zugemüllt: es gibt keinen Grund, sich mit einem halb fertigen Gedicht über halb fertige andere Texte zu mokieren! Sollte der Text eine Parodie sein, hätte ich gerne den Lyrikteil in Prosa und den Prosateil in lyrischer Form gelesen; oder ich hätte nur über moralische Lyrik ein – dann aber wirklich astreines – Gedicht gelesen, oder über ethische Prosa einen astreinen Prosatext, jeweils ohne Zeigefinger: denn dieses Gedicht gehört einwandfrei zu den moralischen, an denen sich so mancher bereits sattgelesen hat (während andere wiederum den Hals aber auch gar nicht voll kriegen können).
Die Kritik im Einzelnen
So, sattgelesen hat sich da ein Systematiker, und so bastelt er zunächst und fein eine kleine Strophe für die Prosa zusammen, in der jedes Kunstwort groß geschrieben ist; Thema ist offenbar »ethische Prosa«, und gemeint ist wohl Moralisierendes – so genau weiß ich das allerdings auch nicht. Eine Auskunft über die Qualität solcher Prosa versuchen zwei Ausrufe: Tückischesrosa und Lärmendesmofa; der erste dieser Aufschreie soll wohl den Kitsch-Bereich kennzeichnen, der zweite – ja, was? Das großmäulige Auftreten? Das zaunpfahlwerfende Nicht-von-der-Stelle-Kommen, weil neue Einsichten weder gewonnen noch verstreut werden? Immerhin bewegt sich ein Mofa, wenn auch nur gemächlich! Seidenessofa wird wie die erste Zeile mit einem Fragezeichen versehen – warum nur? Ist damit gemeint, dass in der »ethischen Prosa« Bordell-Einrichtungsgegenstände im Vordergrund stehen oder gerade nicht? Oder dass bestimmte Partnerübungen auf Sofas nicht beim Namen genannt werden, dafür aber alle auf einem solchen (Sofa, nicht Namen) gediegen hocken und moralisieren? Mit diesem Wort kann ich am wenigsten anfangen, ich nehme an, hier war der unreine Reim alleiniger Urheber des Einfalls. Schreinachjehova wiederum passt gut zu jeder Art ethisch-moralischer Äußerung, schließlich hat der HErr uns den Weltuntergang fest zugesagt, komme, was da wolle – und nur die Reinen werden überleben! Rätselhaft bleibt hier, wieso an diesem Schrei ein Fragezeichen klebt: dieses Kunstwort hätte ein wesentlich fetteres Ausrufezeichen verdient als Tückischesrosa und Lärmendesmofa zuammen!!! zurück
Jetzt kriegt die moralische Lyrik ihr Fett weg: zunächst einmal wir eine inhaltliche und formale Parallele hergestellt zur ersten Zeile des Prosa-Abschnittes: sie endet ebenfalls mit einem Fragezeichen; und da das Kleinschreib vor allem in der Lyrik grassiert, ist jetzt schön konsequent jedes Wort klein geschrieben. zurück
Hier enden bereits die Parallelen: statt 1 einzeiliges Substantiv (Tückischesrosa) folgen 2 längere Partizipien (die man zudem genau so schreiben könnte), bevor das Ausrufezeichen zuschlägt: inhaltlich stimmt die Aussage sicherlich, dass in moralisierender Lyrik vor allem laut brüllend gepredigt wird (sperrangelweittürig) – aber das passte wiederum besser zu lärmendesmofa (wenn zu diesem Ungetüm überhaupt etwas passt)! zurück
3 Zeilen werden verbraucht, um endlich zum nächsten Ausrufezeichen zu gelangen; der bisherige Rhythmus wird aufgegeben (wie häufig bei Gedichten, in denen irgendeine Art Botschaft mit Gewalt den arglosen Lesern ins Auge gedrückt wird), und auch die Partizipien können nicht durchgehalten werden, denn die letzte Zeile kommt als eine Ellipse daher, die grammatikgemäß so auch nicht geschrieben werden kann: damit wird wieder ein Bogen geschlagen zum ersten Abschnitt. Auf weitere Zeilen mit Fragezeichen am Ende warten wir nicht vergebens – ich bin nicht unglücklich darüber. Aber eins weiß ich genau: die Bewertung solcher Texte ist überhaupt nicht schwierig, wie Sie oben lesen können! zurück
Textkritik: Schlaf – Prosa
Keine Angst. Das Zimmer ist größer, wenn es dunkel ist. Der Papagei hängt höher über dem Bett und ist nicht rot, manchmal bewegt er sich. Vor dem Bett ist ein Loch. Die Schafe fallen hinein und du kannst nicht einschlafen. Die Bilder im Kopf. Du hast sie gemalt, aber sie sind immer noch drin. Man hat gefragt, warum die Männer schwarz seien und so groß, viel größer als das rote Kind, und du hast keine Antwort gewusst.
Schritte auf der Treppe. Er kommt Gute-Nacht-Sagen. Schlaf, Kindlein, schlaf. Du kannst nicht einschlafen. Die erste Stufe, die zweite. Die dritte knarrt. Du kennst sie. Du bist ein Stein. Knarr. Acht Stufen, du kennst sie, zwei knarren, die letzte quietscht. Es macht dir Spaß, sie quietschen zu lassen. Das Knarren magst du nicht.
Die Beine anziehen, die Arme darum. Ein Stein. Ganz an die Wand rücken. Das Bett sieht fast leer aus. Knarr. Die sechste. Du machst die Augen zu. Du schläfst schon. Schlaf, Kindlein, schlaf. Kopf einziehen, zusammenrollen, ganz an die Wand. Du fällst durch die Ritze. Du bist unsichtbar. Du schläfst schon. Quietsch.
Er summt. Schlaf, Kindlein, schlaf… Die Tür. Du hörst ihn. Schlaf, Kindlein, schlaf. Dein Vater hüt‘ die Schaf. Er hat nicht aufgepasst. Sie sind alle in das Loch gefallen. Aber jetzt ist er ja da. Er geht einfach über das Loch. Es ist gar nicht so groß.
Er setzt sich auf die Bettkante. Du bist kein Stein. Du fällst nicht durch die Ritze. Schlaf, Kindlein, schlaf. Du bist nicht unsichtbar. Schlaf, Kindlein, schlaf. Du bist noch wach.
Gute Nacht, flüstert er. Er dreht deinen Kopf und küsst dich.
Zusammenfassende Bewertung
Erschütternd!
Gefragt habe ich mich: ist es die Erschütterung, die mich verstummen lässt? Aber ich finde hier kein überflüssiges Wort, kein blindes Motiv: die Schafe, das Loch, das Blut, der gefangene Papagei und das gefangene Kind, das Kinderlied, die Treppe … Ich habe keine Ahnung, was man hier noch besser machen könnte! Und das ist der Text einer 17-Jährigen …
Die Kritik im Einzelnen
Entfällt
Textkritik: Das Klavier meines Vaters – Prosa
Ich wäre nie ein besonders guter Entertainer geworden. Obwohl die Bedingungen stimmten, ich von klein auf nur von Musikern umgeben war, hatte ich irgendwann festgestellt, dass mir zur Musik das Talent fehlte. Mein Vater wollte das immer anders sehen, doch ich konnte ihm den größten Gefallen nicht tun, denn ich wurde Schriftsteller statt Musiker.
Das Klavier meines Vaters steht immer noch im Wohnzimmer, wo es seit dem Tag steht, an dem ich es zum ersten Mal gesehen habe, wo es an dem Tag stand, an dem er starb. Ich gehe auf Zehenspitzen zum Klavier, so als sei es ein Schlafender, den man um keinen Preis wecken möchte. Langsam klappe ich den Deckel hoch und lege meine Hände auf die Tasten und spiele einen Akkord. Selbst wenn ich sehr piano spiele, erschüttert mich der Klang. Das Klavier wurde zuletzt Achtundachtzig gestimmt, aber das ist es nicht, was mich stutzig macht.
Als Junge musste ich stundenlang am Klavier sitzen und üben, anstatt draußen herumzutoben oder Fußball zu spielen. Ich übte und übte Tonleitern, den ganzen Tag und immer wieder. Als ich jünger war, hasste ich das Klavier. Aber ich liebte die Musik, weil sie mich fröhlich machen konnte, wenn ich traurig war, oder traurig, wenn ich fröhlich war. Kaum sonst etwas auf der Welt hat später eine solche Macht über mich gehabt.
Es kamen immer Musiker zu uns und meine Mutter schüttelte oft den Kopf und schimpfte leise vor sich hin, wenn mein Vater wieder eine Gruppe Musiker zu uns eingeladen hatte, weil sie sich nirgendwo eine Übernachtung leisten konnten.
Am meisten beeindruckten mich die Zigeuner – ich weiß nicht, ob es Roma oder Sinti waren, deswegen schreibe ich »Zigeuner«. Manche von ihnen konnten mithilfe des Instruments, das sie spielten, mit ihrer Umwelt besser kommunizieren als andere Menschen über die gesprochene Sprache. Wenn meine Mutter zum Beispiel etwas zu trinken brachte, fing der Mann an der Klarinette plötzlich an einen fröhlichen Lauf zu spielen und kehrte dann mühelos zur Melodie des Stückes zurück. Der Geiger spielte ein einsilbiges Wort im Klang perfekt nach, wenn er meinte, dass sein Getränk vergessen worden sei.
»Duu-rrrrst, Duu-rrrrst!« klagte seine Geige immer wieder und musste mit dem lautstarken Gebrumme des Kontrabasses rechnen, weil der natürlich gar nicht einverstanden war.
Mich hat ein bestimmter Geiger ganz besonders beeindruckt, weil ich bei ihm immer befürchtete, dass er sein Instrument fallen lassen werde, so locker hielt er seine Geige beim Spiel unter dem Kinn.
Diese Leute legten keine Tücher unter, wenn sie ihre Geigen spielten. Sie brauchten auch keine ewigen Proben, wie die Lackaffen in ihren Pinguinfräcken, zu denen mich meine Mutter manchmal schleppte, wenn mal wieder irgendein Genie in der Stadt war. Was war denn das Geniale an diesen Vorstellungen, in denen zum millionsten Mal Mozart und Tschaikowski gespielt wurden? Hinterher standen alle in ihren schwarzen Kleidern herum und tranken Rotwein, weil Bier einfach zu vulgär für einen solchen Anlass war. Dabei hatten sie doch nur die Kopie eines Originals gehört, das zu Mozarts Lebzeiten vielleicht wirklich etwas Atemberaubendes gewesen war. Ich dagegen erlebte wirklich Musik, von echten Menschen gespielt, die ohne Mühe improvisierten und einander zulächelten, wenn die Improvisation daneben ging.
Das Klavier ist das einzige Stück im ganzen Haus, was die Möbelpacker noch nicht abgeholt haben. Dazu braucht man einen Spezialtransporter, sagen sie und meinen, dass der Kasten durch die vielen Transporte und die ganzen Jahre ziemlich brüchig geworden ist. Ich komme jeden Tag hierher. Weil ich, wenn ich meine Hände auf die Tasten lege und ein paar Akkorde anschlage, manchmal meinen Vater spielen hören kann.
Zusammenfassende Bewertung
Eine eigentlich brauchbare Idee wird konsequent zu Grabe getragen, weil die einzelnen Abschnitte und Inhalte nicht zueinander passen wollen.
Dass Schreibfähigkeit vorhanden ist, z.B. lebendiges Beschreiben (siehe z.B. die Personifizierung der Instrumente) und schnörkelloser Stil, ist fraglos – daran fehlt es überhaupt nicht! Aber eine Erzählung braucht einen Plan, braucht ein Voranschreiten, braucht ein klares Ziel, das angesteuert wird. Das fehlt und hat wohl damit etwas zu tun, dass weder von dem Klavier noch von dessen Bedeutung für den Vater und den Protagonisten geschweige denn von den Umständen seiner Entdeckung klare Vorstellungen existieren. Man hat den Eindruck, dass hier je nach Lust und Laune erfunden wurde, wie’s einem halt ins Hirn schwoll. Die Brille anerkennt einzig und allein die Schreibfähigkeit, die Erzählung selber taugt gar nichts!
Die Kritik im Einzelnen
Die Bedingungen stimmten, dass unser Protagonist ein besonders guter Entertainer hätte werden müssen – es gibt folglich mehrere; jetzt folgt eine einzige: er war von klein auf nur von Musikern umgeben. Welches sind dann die anderen Bedingungen – oder ist jeder einzelne Musiker eine besondere Bedingung? Das bedarf der Klärung! Zweitens bedarf der Klärung, wieso er ein besonders guter Entertainer hätte werden sollen; und letztlich bedarf der Klärung, wieso ein besonders guter Entertainer eigentlich auf Musik beschränkt sein soll (was wieder zu den Bedingungen zurück führt) – es gibt durchaus besonders gute, die sehr wenig mit Musik zu tun haben (ich werde mich hüten, hier nur 1 Namen zu nennen, dazu sind mir die Geschmäcker einfach zu verschieden – letztlich ist es mir egal, wer einem Raab oder einer Engelke oder einem Gottschalk oder einem Bohlen oder einem Jauch oder einem Schmidt oder einer Feldbusch oder einem Dall oder einem Küblböck hinterher hechelt – jetzt habe ich hoffentlich den Zorn aller auf mich geladen? Fein!). So schön die Erzählung startet, so schnell verliert sie den Boden unter den Füßen; vielleicht wäre Musiker besser als Entertainer, und verzichtete man noch auf die Bedingungen, so läse sich der Beginn folgendermaßen: Ich wäre nie ein guter Musiker geworden. Obwohl ich von klein auf nur von Musikern umgeben war, hatte ich irgendwann festgestellt, dass mir das Talent fehlte. zurück
Diese beiden Wörter habe ich eliminiert in meinem Verbesserungsvorschlag, weil sonst zu viel Musik erschölle. zurück
An dieser Konstruktion habe ich zunächst lange herumgerätselt: Ursache dazu lieferten die beiden fast identischen Sätze wo es seit dem Tag steht – wo es an dem Tag stand. Diese Wiederholung ist fraglos ein nettes Spiel – aber sie behindert in erster Linie ein Verstehen! Warum wird die Tatsache, dass der Vater im Wohnzimmer gestorben ist und der Sohn sich jetzt dort aufhält, so verklausuliert? Ich halte eine einfachere Version für zweckdienlicher: Das Klavier meines Vaters steht immer noch im Wohnzimmer, wo es seit dem Tag steht, an dem ich es zum ersten Mal gesehen habe – und das geschah, als er starb.
Anmerkung und Nachtrag: Ich bin wiederholt darauf hingewiesen worden, dass man den Satz auch anders lesen kann, nämlich so, dass das Klavier schon immer im Wohnzimmer des Vaters gestanden habe und der Protagonist es deshalb seit Kindesbeinen kennt. Sollte das gemeint gewesen sein, müsste die verwirrende Zeitstufe gesehen habe geändert werden; der in diesem Sinne verbesserte Satz könnte dann lauten: …wo es seit dem Tag steht, an dem ich es zum ersten Mal gesehen hatte, und wo es auch an dem Tag stand, an dem er starb. Das änderte jedoch keinen Deut an dem späteren Problem mit den angeblichen Umzügen… zurück
Diese beiden und machen die Aktion schneller, als sie ist, denn sie geschieht auf Zehenspitzen und langsam. Ersetzt man die beiden und schlicht durch Kommas, entstehen Pausen, die die Langsamkeit (welche zu entdecken wir aufgefordert sind – deswegen auch immer wieder die Unterbrechung von Gedankenflüssen durch letztlich überflüssige Einschübe) unterstreichen: Langsam klappe ich den Deckel hoch, lege meine Hände auf die Tasten, spiele einen Akkord. Ich bin nicht ganz zufrieden, eigentlich müssten jetzt noch ich und langsam zu Anfang des Satzes ihre Plätze tauschen, damit die Weiterführung echt astrein ist – aber wer sagt denn, dass ich immer ganz zufrieden sein muss? zurück
Das ist eine höchlichst seltsame Angabe, das! Der Icherzähler hat laut eigener Aussage das Klavier zum ersten Mal gesehen an dem Tag, als sein Vater starb. Klavierstimmer sind jedoch keine Möbelrestauratoren, die ihre »Visitenkarte« samt Datum hinterlassen! Woher also will der Protagonist wissen, wann das Klavier zum letzten Mal gestimmt wurde? Die einzig logische Erklärung wäre: als er das Klavier zum ersten Mal gesehen hat, war das Achtundachtzig – beim Tod seines Vaters war zufällig der Klavierstimmer anwesend und hat seine Arbeit pflichtgemäß vollendet. Daraus entwickelt sich die Frage, wie lange eigentlich das Klavier nicht mehr gestimmt wurde seit Achtundachtzig, denn es ist ja ziemlich verstimmt, mit anderen Worten: welches Jahr schreiben wir denn, als dies sich ereignet?
Dabei kann auf diese Pseudogenauigkeit problemlos verzichtet werden: …erschüttert mich der Klang – aber nicht, weil das Klavier verstimmt ist. So würde das überflüssige Suchen nach nicht vorhandenem Sinn entfallen an dieser Stelle. zurück
Was soll denn das?! Wenn der Klang den Protagonisten – der ja angeblich Schriftsteller geworden ist – erschüttert, dann darf er das nicht einen Satz weiter mit dem oberflächlichen stutzig machen gleich setzen! Was ist »der Tod meiner Geliebten hat mich stutzig gemacht« gegen »der Tod meiner Geliebten hat mich erschüttert«? Oder kann es sein, dass hier erschüttern falsch ist und nicht stutzig ? Oder gar beide? Das wird sich (hoffentlich) klären, wenn wir weiter lesen – aber diese Gleichsetzung ist ein saugrober Schnitzer! zurück
Zunächst muss das Kind stundenlang üben, dann wird das entweder unverzüglich wieder vergessen oder noch eins drauf gesetzt, um es noch schlimmer zu gestalten: jetzt übt der Junge den ganzen Tag und immer wieder: was soll man da noch glauben? Was ist an dem einfachen Satz Als Junge musste ich stundenlang am Klavier sitzen und Tonleitern üben, anstatt draußen herumzutoben oder Fußball zu spielen so unbefriedigend, dass noch eine Schippe draufgelegt werden muss (abgesehen von dem Jungen-Klischee)? Nebenbei: das ist eine ziemlich verschnarchte Musikerfamilie, wenn das Kind Tonleitern üben muss, statt Musik zu machen… zurück
Erneut eine albern-verrätselte Angabe: inwiefern war der Protagonist jünger? Jünger als im Moment (2004)? Jünger, als er als Junge gewesen ist? Jünger als beim Tod seines Vaters? Jünger als beim Verfassen des Textes? zurück
Jajaja, geschenkt, die Macht der Musik, erläutert unter angestrengter Zuhilfenahme dieser Trivialweisheit! Ich würde diesen und den nächsten Satz einfach streichen: was Musik bewirken kann, wird in späteren Passagen viel deutlicher und lebendiger als durch diese Phrasen! Der Schluss von diesem Absatz wäre dann: Aber ich liebte die Musik! zurück
Zur Erinnerung: diesen Satz hatte ich gerade eben gestrichen (s.o.). zurück
…und er redete mit den Fischen, Vögeln und Bäumen, zu ergänzen: Autos, Wohnblocks, Straßen usf. Warum sollte jemand mit seiner Umwelt kommunizieren? Mein Auto reagiert nicht auf gutes Zureden und bestimmt auch nicht auf ein zärtliches Gitarrensolo (allerdings muss ich gestehen, dass ich trotz Gitarrenkenntnissen Letzteres noch nie probiert habe – im Grunde also gar nicht weiß, wovon ich schreibe – peinlich, peinlich!), aber mit dem Zündschlüssel klappt die Kommunikation vorzüglich! Selbstverständlich kann man mit Musik besser kommunizieren: Kühe geben bei Bach angeblich mehr Milch, und dabei muss man nicht einmal selbst musizieren, Konserve langt da volle Kanne – und mit der Kuh reden nützt gar nichts (was die Milch betrifft)! Vor allem aber kann man mit Musik anders kommunizieren als mit Sprache – das ist doch wohl das Entscheidende. zurück
Und das soll bessere Kommunikation sein, wenn etwas perfekt imitiert wird??? Nun gut; dann imitiere ich zukünftig Goethe, dann sind meine Texte ebenfalls besser (sind sie sowieso – aber leider noch lange nicht besser als Goethes). Wenn jemand einem Instrument menschliche Laute entlocken kann, sagt das etwas über die handwerklichen Fähigkeiten des Musikers aus, nichts über seine Musikalität und schon überhaupt nichts über Kommunikation! Es soll ja auch Menschen geben, die die kleine Nachtmusik furzen können – das wären nach obiger Definition dann wohl die besseren Musiker? Was ein Schmarren! zurück
Warum bekommt dieser Satz einen eigenen Absatz – er ist doch die direkte, ja notwendige Weiterführung des vorangegangenen? Lasst zusammen, was zusammengehört! zurück
Definitiv Kleider? Auch die Männer? Oder sollte Kleidung gemeint sein? Tschuldigung, war nicht dabei, mein ja nur… zurück
Das finde ich toll: Musiker, die keine Proben brauchen, sondern einfach nur spielen. Ich wage allerdings die Frage: haben die auch einzeln nie geprobt? Haben die ihre Instrumente schon immer beherrscht? Schütteln die ihre Lieder einfach so aus Saiten und Öffnungen, komponieren nichts, probieren nichts aus? Das ist eine grauenhafte Vorstellung!!! Aber vermutlich hat das Kind diese Phasen nie mitbekommen, er hat immer nur das Ergebnis gehört, und das Kind war vermutlich auch nicht in der Lage zu erkennen, wann Einstudiertes gespielt und wann innerhalb bestimmter Parameter improvisiert wurde! Oder aber: die Gruppe hat ein gewisses Level erreicht und spielt seitdem immer das Immergleiche, jeden Tag, jede Woche, alle Jahre wieder (was man beim einmaligen Hören auch nicht unbedingt feststellen kann: aber jedes Mal knarzt die Geige ihr »Duu-rrrrst, Duu-rrrrst!«, wenn etwas Getränkähnliches in Sichtweise kommt) – Nein Danke! zurück
Der Schriftsteller hat wahrlich gut daran getan, kein Musiker zu werden! Sonst hätte er jede einzelne Note immer exakt gleich lang und mit identischer Intensität und Lautstärke gespielt, ohne jemals das Original gehört zu haben, eine immer gleiche Kopie seiner selbst; hier liegt ein eklatantes Missverständnis von Musik und Musizieren vor. Wenn jemand keine klassischen Konzerte mag (ich z.B.), dann soll er das doch einfach sagen – aber diese grotesken Rationalisierungen tun dem Rationalisierer gar nicht gut! zurück
Holla, die Möbelpacker sind gekommen! Da fragt sich doch, wer jetzt umzieht, wo Vater doch tot ist? Oder zieht niemand um, und Sohn lässt alles väterliche Hab und Gut bei sich in der Kingsize-Garage stapeln – es handelt sich immerhin um das komplette Inventar von einem ganzen Haus!? zurück
Es wird immer mysteriöser: wie alt ist dieses eigenwillige Klavier? Was wissen die Möbelpacker von den vielen Transporten? Wie lange hat unser Schriftsteller seinen Vater nicht besucht, wenn er das Klavier doch zum ersten Male bei dessen Tod erblickt? zurück
Ende gut, alles gut – aber nicht hier, hier nicht! Dass der Vater Klavier gespielt hat, lesen wir zum ersten Mal: bisher wussten wir nur, dass Sohnemann sich an einem Klavier abrackern musste. Dieses Klavier aus Jünger-als-Jungstagen ist nicht mehr, sondern jetzt gibt es das, auf dem unser Schriftsteller jeden Tag seit Vaters Tod ein paar Akkorde spielt, das zudem ziemlich verstimmt ist (vermutlich war der Klavier spielende Vater gegen Lebensende irgendwann nach Achtundachtzig ziemlich taub – ich sage nur: Beethoven!) und ihm bis dato völlig unbekannt, das aber dennoch höchst alt und brüchig ist wegen vieler Umzüge – und dabei hört er den Vater spielen: ja, hatte Sohnemann denn dabei immer die Augen zugemacht? Er hätte dann das Klavier doch sehen müssen! Oder ist er gar – nein, geht nicht, dazu sind viele Beschreibungen in diesem Text zu visuell. Da passt hinten und vorne nichts mehr! Hier, am bitteren Ende, ist die Erzählung nunmehr aus allen Rudern gelaufen… UND…
…und zu allem Übel warteten wir die vielen Zeilen lang und warten wir immer noch auf die Beantwortung der Kardinalfrage: WAS HAT DEN PROTAGONISTEN EIGENTLICH SO ERSCHÜTTERT? Nichts! Schlichtweg GAR NICHTS! Nicht einmal STUTZIG hat ihn etwas gemacht – der schwafelt einfach nur so vor sich hin! zurück

