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Textkritik: Blumen im Haar – Prosa

Eine Textkritik von Malte Bremer

Blumen im Haar

von Heinrich Meyer
Textart: Prosa
Bewertung: 2 von 5 Brillen

Sie wollte nie wieder nach Sylt fahren, hatte ständig diese Vorbehalte parat: feuerroter Porsche im rötlich blauen Abendlicht auf der Pirsch nach jungem Fleisch. Weißes Mercedes-Kabriolett mit Herrn hinter dem Steuer, braun gebrannt, offenes Designerhemd, Seidenkrawatte in der Sakkotasche, barfuß in Sandalen, flache Cartier-Uhr am linken Handgelenk. Schirmmütze mit Markenlogo verdeckt die beginnende Glatze, auf der sich schon Pigmentflecken angesiedelt haben.
Morgens noch mit Gattin oder Geliebten beim Golfen gesichtet, lungert er abends heißhungrig hinter dem Steuer auf der Suche nach frischer Ware, die kaum verpackt auf hohen Plateausohlen daher gestelzt kommt.
»Hallo!« dieses Wort reicht als Aufforderung. In den Augen ein verhaltenes Glimmen. Kein Gleißen, das bringen sie nicht mehr zu Stande, zu schwach, abgehalftert von zu viel Alkohol, Frauen, Stress am und mit Handy, Termingeschäfte, Millionenminus auf dem Konto. Leider immer noch Kredit.
»Hallo, ein Gläschen Roederer trinkt sich besser zu Zweit!«
Dumme Anmache, so etwas kennt man doch! Wenn du jung bist, kannst du sie alle haben, zumindest als Leihgabe für eine schnelle Stunde. Kimme, Korn, voll auf das Herz gezielt, immer wieder dem Wahn verfallen, es könnte dieses Mal ganz anders sein. Liebe ist noch immer Trumpf, noch lange nicht aus der Mode, wenn auch als Wort arg abgegriffen, weil zu oft missbraucht für ein Gefühl, das eher mit Befriedigung der Sinne zu tun hat.
Pfui!, sagt man nicht, denkt es nur, meint die Dame.

»Hallo, darf ich Sie zu einer Fahrt durch den Abend einladen?«
Die Dame lächelt, ist im Prinzip nicht abgeneigt. Aber selbst wenn sie Lust verspürt, gibt eine Dame so etwas nicht so schnell zu. Lässt sich nicht einfach einsammeln wie damals, als man noch Blumen im Haar trug und lange fließende Gewänder.
Auf dem Sandhügel am äußeren Zipfel der Insel hat sie getanzt, nachts im Mondlicht, ihr Körper war so weiß wie der Sand. Weiß und grazil, noch unverbraucht, aber leider viel zu neugierig, um es zu bleiben.
Der Porsche hält.
Weitergehen oder lächeln und stehen bleiben? Könnte ihr Sohn sein! So einen hat sie sich eigentlich gewünscht. Leider ist es dafür zu spät. Irgendwann ist es immer für etwas zu spät!
Blaue Augen, sehr blaue Augen und raspelkurze schwarze Haare, frisch gegelt, braune Haut und starke Muskeln. Der rote Porsche, den er fährt, ist in Düsseldorf zugelassen.
»Ich esse nicht gern allein. Sie?«
»Nein.«
»Wohin darf ich Sie fahren?«
Die Dame lächelt, möchte ihn eigentlich fragen, warum nimmst du nicht deine Mutter mit. Aber sie schweigt und zupft ihren engen Rock zurecht, damit er die feinen roten Äderchen an Innenschenkeln beim Einsteigen nicht sieht. Sollte sie sich eigentlich weglasern lassen bei einem guten Arzt.
»Ich habe heute keinen Hunger«, sagt sie.
Er lacht nur.
Der Wind spielt mit ihren langen tizianroten Haaren. Traumcoloration vom Starfriseur in Berlin zu einem sündhaft teueren Preis. Aber es hat sich gelohnt. Rot ist noch immer eine Signalfarbe.
Vielleicht hat er nur seine Kontaktlinsen vergessen und noch nicht bemerkt, dass ich nicht mehr so jung bin, amüsiert sich die Dame und lehnt sich in das Polster zurück.

Er bremst erst im letzten Moment den Motor ab, als hätte er vergessen, wie man Autos auf einem Parkplatz einparkt. Dann steigt er ohne zu warten aus und geht voraus.
Die Dame zögert. Doch dann folgt sie ihm über die losen Holzbretter, die direkt zum Meer führen.
»Hier gibt es keine Muscheln«, sagt er und lässt eine Hand voll Sand durch seine Hand rieseln.
»Ich sammle nicht. Nur einmal habe ich einen Stein mitgenommen. Es war oben in List. Er lag so schön in der Hand, als ich ihn aufhob, fast rund gewaschen, beigebraungrau mit ein wenig Glitzerstaub wie von Diamanten. Hätte man gut zur Selbstverteidigung benutzen können.«
»Hahaha!«
»Lachen Sie nur! Was wissen Sie davon, wie es damals war!«
Er lacht weiter, fasst nach ihrer Hand. So, als wollte er mit ihr den Strand entlang wandern von Kampen bis zum äußersten Ende von List.
Ihre nackten Zehen durchwühlen den Sand. Die Sandalen in der rechten Hand schaukeln bei jedem Schritt.
»Warum mit mir?«, hämmert es in ihrem Kopf. Antworten gibt es viele, keine gefällt ihr. Abwarten!

Der Sommer kommt auch im nächsten Jahr zurück, strahlend jung, unverdorben, frisch! Und ich, ich könnte mir die Lider liften, die Kinnpartie straffen und die Falten über der Oberlippe wegbügeln lassen, wenn ich will. Doch die Dame will nicht.
»Woran denken Sie?«
»Banale Frage! Wollen Sie es wirklich wissen?«
Er nickt.
»An einem Sommerabend wie heute! Es war am Strand von Kampen.«
»Erzähl weiter!«
Sie nickt.
»Blumen im Haar, durchtanzte Nächte, braune Samthaut, die sich einbildete, ewig jung zu bleiben. Küsse, die schmeckten, als hatte man das Tor zum Paradies schon durchschritten. Kitschig schöne, blutrote untergehende Sonne im Meer, Sterne, die zum Greifen nahe waren. Viel zu viel Alkohol, jede Menge Zigaretten und manchmal einen Joint. Leben, wir wollten leben und nie älter werden. Wir glaubten sogar fest daran!«
Die Dame lächelt.
Er küsst sie auf die Wange. Erst rechts, dann links, stemmt ihren schlanken Körper hoch, tanzt mit ihr durch den Sand, bis sie beide erschöpft zu Boden fallen

Weißer Sand, blaugrau und aufgewühlt das Meer. Nordsee Mordsee! Wellen klatschen an den Strand. Dort wo die Buhnen ins Meer ragen, sind sie besonders hoch.
Er war immer erfolgreicher Jäger, nur heute nicht. Denn sie ist kein Wild, das hat er schon bald gespürt.
»Komm lass uns fahren! Ich habe Hunger, ich lade dich ein«, sagt sie.
Er hat nur diese und keine andere Wahl.

© 2004 by Heinrich Meyer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Eine einfache Liebesgeschichte, teilweise sehr lebendig und anschaulich erzählt und mit leisen Überraschungen garniert, letztlich aber noch viel zu unentschlossen.

Denn wozu dient z. B. die aufgeblasene Sylt-Verschnarchtheit zu Beginn? Warum muss es überhaupt Sylt sein und ein roter Porsche? Warum wollte Dame nicht mehr nach Sylt? Hat das Schicksal à la Courths-Mahler zugeschlagen und der Dame gerade deswegen, weil sie nicht mehr nach Sylt wollte und es dann trotzdem oder aus Dusseligkeit getan hat, einen echt verständnisvollen supergeilen turnschuhfitten Liebhaber beschert? Das hieße, dem Kitsch einen diamantgespickten und juwelenbehängten, aus Golfdfäden selbstgehäkelten Kronenschoner über selbige zu ziehen … Ließe man der Frau ihre Renovierungspläne und entfernte die ganzen Sylt- und Neureichen-Zutaten, wäre das eine Liebesgeschichte zwischen einer alternden Dame und einem jungen Mann, die sich auch auf Föhr zutragen könnte. Nicht mehr, aber auch nicht weniger!

PS: Und für meine Kritik bedeutete das: Der erheblich zusammengestrichene und veränderte Sylt-Abschnitt würde komplett wegfallen, das wäre dann mein endgültig letztes Wort – aber damit verschwände leider auch die kaum verpackte frische Ware, die ich so liebe; vielleicht ließe die sich retten, wenn die Frau auf ihre Frage »Warum mit mir?« feststellt, dass sie schließlich keine kaum verpackte frische Ware auf Plateausohlen ist …

Die Kritik im Einzelnen

Es folgt eine Reihe Klischees, die nicht besonders angekündigt werden müssen, da sie in ihrer Kitschigkeit für sich selbst sprechen. Wer die für bare Münze nimmt, ist selbst schuld. Weg also mit dem Halbsatz, und den Doppelpunkt hinter »fahren«: Sie wollte nie wieder nach Sylt fahren:
Allerdings muss ich jetzt vorgreifen: Sie befindet sich nämlich auf Sylt! Ihr Wollen ist demnach abgeschlossen und beerdigt in irgendeiner Vergangenheit; korrrekt heißen müsste es folglich: Sie hatte nie wieder nach Sylt fahren wollen: oder Nach Sylt hatte sie nie wieder fahren wollen: – Hauptsache, die Zeit stimmt. zurück
Mir reicht der rote Porsche vollständig – ich sehe keinerlei Notwendigkeit, auch noch einen weißen Mercedes oder einen gepunkteten Bentley oder einen uringelben Ferrari zu addieren, es wird nicht mehr schlimmer! Zudem taucht später nur ein roter Porsche auf. zurück
So sehr ich auch sprachlich die siedelnden Pigmentflecken schätze – aus zahllosen Kitschfilmen ist eine derartige Klientel sattsam bekannt; und selbst wenn man solche Filme nicht kennt, weiß man, was in Sylt los ist, so wie man weiß, was im Ballermann abgeht. Warum diese Vorurteile noch stützen durch Nennung von Markenartikeln, die uns ja auch nichts weiter mitteilen, als dass sie teuer und bonzig sind? Wer kann schon auf einen Blick eine Cartier-Uhr von einer Tschibo-Creation unterscheiden, und wer will das können und wozu? Streichen! zurück
Übrig geblieben ist also der rote Porsche, der personifiziert eigenrädrig auf Pirsch geht; diesen Satz würde ich jetzt gerne anfügen, damit die kaum verpackte Ware erhalten bleibt, der ich allerdings die hohen Plateausohlen fon den Füßen fetzen ferde – schließlich steckt hoch bereits in der Definition von Plateausohle (jaja, meine heiß geliebten Adjektive). Und damit die Personifizierung vom Rotporsche erhalten bleibt, muss ein Steuermann unterschlagen werden; darüberhinaus ändere ich Geliebten in Geliebte, weil ich davon ausgehe, dass nur 1 Gattin respektive 1 Geliebte gesichtet wurde; das rötlich blaue Abendlicht verlagere ich nach hinten, sonst hätten wir zwei Abende in einem Satz; wer heißhungrig ist, der lungert nicht sinnlos in der Gegend herum, sondern der lauert auf seine Beute! Lungernde Löwen beißen schließlich nicht. Das läse sich dann in etwa so:
Sie hatte nie wieder nach Sylt fahren wollen: feuerroter Porsche, morgens noch mit Gattin oder Geliebter beim Golfen gesichtet, lauert im rötlich blauen Abendlicht heißhungrig auf frische Ware, die kaum verpackt auf Plateausohlen daher gestelzt kommt.
Wenn Sie jetzt glauben, ich wäre zufrieden, dann haben Sie sich getäuscht – mein letztes Wort ist noch nicht gesprochen! Hugh! zurück
Ab dem letzten Link kann all das ganz einfach gestrichen werden – nichts würde fehlen!  Als Männer sind wir in punkto dumme Anmache Experten – wir erfahren in dieser Hinsicht nichts Neues, auch nicht hinsichtlich der Finanzprobleme selbstredend abgehalfterter Neu- oder Altreicher samt ihren Spielchen – alles kalter Kaffe, der so wenig wieder aufgewärmt werden sollte wie Binsen hervorgezogen bezüglich Liebe! Das einzig Interessante an diesen vielen Wörtern ist das letzte: nämlich der Ehrentitel Dame – und der ließe sich retten, wenn er das Sie am Anfang ersetzte, was sich dann folgendermaßen gebärdete:
Die Dame hatte nie wieder nach Sylt fahren wollen: feuerroter Porsche, morgens noch mit Gattin oder Geliebter beim Golfen gesichtet, lauert im rötlich blauen Abendlicht heißhungrig auf frische Ware, die kaum verpackt auf Plateausohlen daher gestelzt kommt.zurück
Ich versichere Ihnen, dass das immer noch nicht mein letztes Wort zu diesem Satz bzw. Kapitel ist!
Seit wann trägt man lange fließende Gewänder im Haar? Ist Dame schon so alt, dass sie vergessen hat, wie man derlei Kleidungsstücke trägt? Ich empfehle eine einfache Umstellung: … als man noch lange, fließende Gewänder trug und Blumen im Haar. zurück
Dieser Satz enthält zu viel Sand und zu viele Zipfel! Entfernt man den Sandhügel zu Beginn, fehlt eigentlich nicht viel außer ein bisschen Höhe, die aber keine Rolle spielt: Am äußeren Zipfel der Insel hat sie getanzt, nachts im Mondlicht, ihr Körper war so weiß wie der Sand. Spannender jedoch sind die Fragen nach dem äußeren Zipfel: Erstens: Können Inseln innere Zipfel haben, und sei es auch nur ein einziger? Bitte um entsprechende Hilfestellung! Und zweitens: wie viele äußere Zipfel hat Sylt? Einen mindestens, da hat Dame ja weiland getanzt – jetzt muss ich doch das Internet bemühen, um einen Eindruck von Sylts Zipfeligkeit (warum muss ich bei diesem Link eigentlich immer auf »Aktualisieren« klicken, bevor mir die Seite angezeigt wird???) zu bekommen … ich zähle da 12 kleine Zipfel und 3 Superzipfel, von denen der nördliche doppelt gezipfelt ist – und alle sind äußere Zipfel. Scheint mir aber eher eine Strukturskizze zu sein, die eine Menge Zipfel unterschlägt. Auch äußerster Zipfel böte minimal vier Möglichkeiten – also den Tanzzipfel bitte zumindest himmelrichtungsmäßig präzisieren!
Zuguterletzt ist mir nicht klar, warum dieser Satz einen höchsteigenen Absatz einleitet – er führt doch den Gedanken des letzten nur fort? Oder habe ich da etwas verpasst? Wenn nicht: diesen Satz an den vorherigen direkt anschließen! zurück
Dieser Relativsatz ist alleroberüberflüssig! Es gibt sicher Rotporsches, die Raspelhaar (raspelkurz ist ein herrliches Adjektiv!)  nicht fährt und die trotzdem in Düsseldorf zugelassen sind, und andere Porsches sind nicht in Sicht, zumindest wissen wir nichts davon. Und dann beschleicht mich noch die Frage: welche Bedeutung hat eigentlich Düsseldorf für die Charakterisierung von Raspelkopf oder Dame oder Sylt? Anspielung auf »Wärst du Dussel doch im Dorf geblieben«? Würde die Erzählung anders verlaufen, käme der Porsche aus Tuttlingen oder aus MYK? Ist Dame im Berufsleben Polizistin und speichert im Hirnkastel Listen voller Autokennzeichen gestohlener roter Porsches? Ließe sich die ganze Feststellung inklusive Relativsatz nicht streichen? Fragen über Fragen, die nichts bringen & nicht weiter führen … zurück
Mit kurzen Haaren kann ein Wind schlecht spielen, die kriegt er irgendwie nicht so richtig in Griff!  Folglich darf das Adjektiv langen sich ruhig zurückziehen … zurück
Schon wieder so eine fragwürdige Ortsangabe: für die Macke der Dame ist Starfrisör hinreichend – und die wohnen und arbeiten nun einmal nicht in Tuttlingen oder MYK. zurück
Ich gestehe: ich habe noch nie einen und bin noch nie in einem Porsche gefahren – aber dennoch wage ich zu bezweifeln, dass man bei einem Porsche den Motor abbremsen muss, um anzuhalten! Und dass das Vernachlässigen des Motorabbremsens eine Folge des Vergessens von Einparkvorgängen auf Parkplätzen ist im Gegensatz zum Vergessen von Einparkvorgängen auf Nichtparkplätzen, was demnach kein Vernachlässigen des Motorabbremsen als Folge zeitigte, sondern zu allgemeiner Zufriedenheit erfolgreich zur vollendeten Vollendung gebracht werden würde, das ist mir irgendwie ein bisschen zu abseitig und -artig!  Warum hält Raspelhaar nicht einfach an und steigt aus? zurück
Sehr gelungen, dass die beiden bereits laufen, nachdem das gerade noch bloße Mutmaßung bzw. Wunsch war! Da es im Text mehrere Abschnitte gibt, würde ich vor diesem Satz auch einen befürworten, denn hier beginnt wirklich etwas Neues! zurück
Auch hier schön gelungen: der unvermittelte Wechsel zum du! zurück
Nächte ist viel zu Plural, denn es wurde 1 besonderes Ereignis angekündigt: An einem Sommerabend wie heute! Es war am Strand von Kampen. Und wenn nach den vielen durchtanzten Nächten 1 Sonnenuntergang folgt, ist das ebenfalls ziemlich schräg – ich würde die durchtanzten Nächte streichen (selbst wenn diese eine Rolle gespielt haben mögen für die überdrehte Verfassung des Blumenkindes) – es geht schließlich wesentlich um die Forever-Young-Fantasien in dieser Nacht! zurück
Wovon ist denn die Dame erschöpft? Vom Gestemmt-Werden? Dass Raspelhaar das nicht lange durchhält, leuchtet unverzüglich ein, und dass Dame mit ihm zu Boden stürzt, wenn er zusammenklappt, nicht minder. Aber hochgestemmte Dame erschöpft? Nie und nimmer! zurück

© 2004 by Malte Bremer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe – gleich welcher Art – verboten.