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»Die Odyssee« von Christopher Nolan – Irrfahrt oder großes Kino?

Matt Damon als Odysseus (Foto: Syncopy/Universal Pictures)
Matt Damon als Odysseus (Foto: Syncopy/Universal Pictures)

Regisseur und Drehbuchautor Christopher Nolan (»Interstellar«, »Oppenheimer«) belebt den Sandalenfilm neu. Er wagte sich an die Neuverfilmung einer der ältesten Geschichten der Menschheit: Die Odyssee. Ist der Film selbst eine Irrfahrt oder großes Kino? Und kann die fast 3.000 Jahre alte Story heute noch begeistern?

Normalerweise schaut man sich das »Making-of« eines Films nach dem Kinobesuch an, um zu erfahren, wie all die gesehenen Dinge umgesetzt wurden. Bei großen Hollywood-Produktionen sieht man dann die Schauspieler meist vor grünen Wänden herumturnen, die dann später durch digitale Hintergründe (CGI) ersetzt werden. Leider führte der übermäßige Einsatz von Computerbildern dazu, dass man davon immer weniger beeindruckt ist, weil ja irgendwie alles am Computer möglich ist und alles aus dem Computer zu kommen scheint.

Um bei »Die Odyssee« wieder beeindruckt zu sein, lohnt es sich, das »Making-of« im Vorfeld anzusehen, um festzustellen, was alles nicht aus dem Computer kommt. Gewaltige Kulissen auf schwer zugänglichen Berghöhen, für deren Transport neben Helikoptern eigens Seilbahnen errichtet wurden. Das Trojanische Pferd in Überlebensgröße. Obendrein reiste das Filmteam um die Welt, damit all die Gestade, an denen Odysseus mit seinen Männern anlandet, auch immer anders ausschauen. Man drehte unter anderem in Marokko, Schottland, Island und natürlich in Griechenland. Im »Making-of« berichten selbst die Schauspieler, dass sie auf den ersten Blick die echten Ruinen nicht von den Kulissen unterscheiden konnten. Wenn im Film Menschenmassen zu sehen sind, dann waren es meist echte Menschenmassen und das Schiff auf dem Meer ist – Sie ahnen es – tatsächlich ein Schiff auf dem Meer.

Christopher Nolan ist dafür bekannt, dass er, wenn immer es geht, auf Computereffekte verzichtet und lieber alles real dreht. Das ist oft mit einem absurden Materialaufwand verbunden, aber speziell bei der Odyssee lohnt es sich. Viele der oft gehörten Episoden der Odyssee wirken dadurch natürlicher und so, als hätte alles wirklich so passiert sein können. Oft sind mythische Wesen wie der Zyklop oder das Ungeheuer Charybdis nie ganz zu sehen. Man muss hier die Effekte nicht minutenlang im Vollbild zeigen.

Nolan verzichtet auch darauf, die Parallelwelt der Götter darzustellen, wie es bisweilen in den alten Sandalenfilmen geschah. Kein Zeus mit Lockenhaaren, kein Poseidon taucht bei ihm auf. Und wenn Poseidon zürnt, dann stürmt es eben »nur« und die Wellen gehen hoch.

Und dass Odysseus vom mittlerweile 55-jährigen Matt Damon gespielt wird (Was für ein Körper!) und dass man auch bei den anderen Darstellern Falten sieht und nichts nach Insta-Beautyfilter wirkt, ist ebenfalls sympathisch und natürlich.

Damon schafft es, die ganze Widersprüchlichkeit und Gebrochenheit des »Helden« Odysseus zu zeigen.

Und die Story selbst? Natürlich kennt man vieles, auch wenn man nicht das humanistische Gymnasium besucht hat. Man kennt vielleicht auch vieles aus der alten Verfilmung der »Fahrten des Odysseus« mit Kirk Douglas in der Hauptrolle.

Daher schaut man zunächst vieles mit dem »Wie hat es wohl Nolan gemacht?«-Blick an.

Natürlich ist einiges an der Story geändert, so wie es mit jeder Literaturverfilmung geschieht. Nolans Drehbuch folgt dem perfekten Plotmuster.

Interessanterweise hat Homer bereits einen jener Momente angelegt, die Drehbuchautoren heute als »Save the Cat« bezeichnen würden. Nolan macht daraus, indem Odysseus den jungen Hundewelpen Argos bei sich aufnimmt, einen emotionalen Anker für den späteren Wiedererkennungsmoment.

Und später dürfte es einer der ersten Momente im Kino sein, der einem die Tränen in die Augen treibt, wenn der Hund nach 20 Jahren Abwesenheit als erster seinen Herrn erkennt, so wie es auch bei Homer geschrieben steht.

Das Schauspiel der Darsteller ist glaubhaft. Robert Pattinson spielt nie zu übertrieben böse, und es gibt zum Glück im Film keinen nervig plappernden Trottel. Man ist ja nicht bei Disney. Und der zweite heimliche Held des Films ist ohnehin John Leguizamo in der Rolle des (bei Nolan blinden) Schweinehirten Eumaios. Die Blindheit könnte eine schöne Anspielung an die Legende sein, dass Homer selbst ein blinder Dichter gewesen sei. Allerdings ist bis heute nicht belegt, ob es Homer überhaupt gab und wer Illias und Odyssee wirklich verfasst hat.

Dass die Rolle der Helena von Lupita Nyong’o gespielt wird, sorgte in einschlägigen Kreisen vorab für Aufregung, bevor irgendwer den Film gesehen hatte. Im Kino selbst fällt es gar nicht weiter auf. Überhaupt wirkt die Produktion an keiner Stelle auf Hades komm raus zwanghaft divers besetzt, so wie es mittlerweile bei anderen Produktionen der Fall ist.

Bis hin zur Musik von Ludwig Göransson hat Nolan mit vielen Klischees und Erwartungen an einen solchen Film gebrochen.

Nolan gelingt es, einen Stoff, der fast 3.000 Jahre alt ist, weder museal noch modernisiert wirken zu lassen. »Die Odyssee« ist großes, üppiges und lautes Abenteuerkino, das den Mythos ernst nimmt und ihn dennoch für ein heutiges Publikum neu erzählt.

Wolfgang Tischer

Die Odyssee (The Odyssey). USA/Großbritannien 2026. Mit Matt Damon, Tom Holland, Anne Hathaway, Robert Pattinson, Lupita Nyong’o, Zendaya, Charlize Theron, John Leguizamo. Regie und Drehbuch: Christopher Nolan. Eine Produktion von Syncopy in Zusammenarbeit mit Universal Pictures. Laufzeit: 173 Min. FSK: 12. Kinostart: 16. Juli 2026.

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2 Kommentare

  1. Nach dem Making-Of im Vorfeld (und irritierenderweise auch in der Pause im Film) – Seht her wieviel Aufwand wir uns gemacht und wieviel Mühe wir uns gegeben haben – war ich doch etwas enttäuscht. Ich empfand die Figuren irgendwie alle gefühllos, bzw. Hollywood standard-gefühllastig, die Stationen ein bisschen heruntergenudelt wie ein Pflicht-Nummernprogramm.
    Der Zyklop war zwar eindrucksvoll, aber die ganze Episode lief ziemlich schnell und völlig ohne Spannung und Überraschungen durch. Die Schweine-Circe war dagegen in ihrer frauenbetroffenen Ekligkeit fast gut. Dann gab es da eine Sequenz, in der die Gefährten auf einer Insel auf ein Kind in einer seltsamen Rüstung treffen; es lacht, dann stößt es einen schrillen Schrei aus, woraufhin eine Armee riesiger Kerle in roboterhaften Silberrüstungen erscheint und die armen Seefahrer niedermetzelt. Das ist zwar optisch eindrucksvoll in Szene gesetzt (man sieht, dass das alles sehr teuer gewesen sein muss!), aber es geht wieder viel zu schnell, um Spannung aufkommen zu lassen. Nächste Nummer: Scylla und Charybdis – schnell durchgequetscht und weg.
    Ich hatte den Eindruck, Nolan und seine Crew waren so mit ihrer supertollen Technik beschäftigt, dass sie das Gefühl für die Geschichte und die erzählerischen Möglichkeiten verloren haben.
    Aber vielleicht bin ich nicht das richtige Zielpublikum; einem jungen, unbelecktem Publikum könnte der luschige Telemach gefallen haben, der dann auf einmal doch zum Profi-Schwertkämpfer wird. Überhaupt die Kampfszenen in Troja und der Freier-Showdown: zwar alles wohltuend arm an dedizierten Blutspritzern und Entgliederungen, aber andererseits dieses wiederum viel zu lange und zu konventionell; manchmal sogar etwas komisch, wenn Matt Damon dauernd seine Pfeile locker aus der Hüfte schießt und seine wartenden Widersacher abarbeitet wie der Held in einem Kung Fu Film.
    Und die Nymphe Calypso (Charlize Theron): Ich weiß nicht, wie ich sie umsetzten würde – aber anders, denn hier wirkt sie leider wie die amerikanische Leiterin eines maritimen Luxus-Wellness Resorts.
    So, genug geschimpft. Ich könnte es auch nicht besser.

  2. Ich habe nach Lesen der Kritik am Montag sofort Tickets für meinen Mann und mich für den nächsten Tag bestellt. Ich war schon in meiner Jugend Odyssee-Fan und habe einstmals selbstverständlich auch den Film mit Kirk Douglas gesehen.
    Wir waren von Nolans Interpretation sehr beeindruckt, unter anderem ganz besonders von der alptraumartigen mitreißenden Vermittlung des Untergangssturms, und können nur alles bestätigen, was Wolfgang geschrieben hat. Aber einige Einwände von S.R.Müller, besonders die letzten paar Zeilen, haben auch viel für sich. Calypso wirkte auf mich wie einem Werbefilm entsprungen und ich frage mich immer noch, woher Odysseus immer die unendliche Zahl von Pfeilen nimmt, die er regelmäßig wie ein Uhrwerk abschießt.
    Auf jeden Fall ist es ein Film, den man sich ansehen sollte. Unbedingt im Kino! Nicht nur wegen der Wucht der Bilder, sondern auch wegen der Musik, die einen im Heimkino nicht derart suggestiv umwispern und umdröhnen kann.

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