
Zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann am 25. Juni 2026 startet der Film »Jemand, der einmal ich war« in den Kinos. Filmemacherin Regina Schilling nähert sich darin – unterstützt von Schauspielerin Sandra Hüller – der österreichischen Lyrikerin und Schriftstellerin überaus kunstvoll an.
Der 25. Juni 2026 ist der erste Lesetag beim 50. Bachmann-Preis in Klagenfurt. Abends findet dann ein Straßenfest in der Henselstraße statt. Dort wurde das Elternhaus von Ingeborg Bachmann im vergangenen Jahr als Bachmann-Haus und Bachmann-Museum nach einem aufwändigen Umbau der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Den Bericht dazu kann man im letztjährigen Bachmann-Podcast hören. Bei der Eröffnung waren Ingeborg Bachmanns Bruder und Schwester anwesend, letztere ebenfalls bald 100 Jahre alt.

Es gibt zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann zahlreiche neue Veröffentlichungen oder Neuausgaben ihrer Werke, allen voran die umfangreiche Biografie von Andrea Stoll.
Zu ihrem 100. Geburtstag kann man sich der in Klagenfurt geborenen Dichterin, die 1973 in Rom verstarb, auch im Kino annähern. Zumindest versucht es Regina Schilling in einem bemerkenswert anderen Film-Format.
»Jemand, der einmal ich war« zeigt viele Originalaufnahmen, Fotos und Filme aus der damaligen Zeit, aber es ist kein Dokumentarfilm. Gleichzeitig versetzt sich die Schauspielerin Sandra Hüller (»Anatomie eines Falls«, »The Zone of Interest«) in die Person und das Leben der Ingeborg Bachmann, allerdings ist es keiner der üblichen »Biopics«, in denen historische Aufnahmen durch dokumentarisch wirkende Spielszenen ergänzt werden. Es gibt einige Aussagen, die später entstanden sind, beispielsweise vom Komponisten Hans Werner Henze, doch keine aktuellen Aufnahmen oder Kommentare von noch lebenden Zeitzeugen, wie in anderen Filmen.
Regina Schilling mag einigen durch ihren Film »Kulenkampffs Schuhe« bekannt sein. Darin zieht sie Parallelen vom Leben ihres Vaters in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg zu dem von Showmastern dieser Zeit. Es geht um die Verdrängung und Verarbeitung der Kriegserfahrungen.
»Jemand, der einmal ich war« ist ein ähnliches Beobachten und Schauen, was passiert. Am Anfang betreten Schilling und Hüller eine Wohnung in Rom, die die damalige der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann gewesen sein könnte. Sandra Hüller versetzt sich in die Autorin, anhand von Fotos und Filmaufnahmen, aber es sind eher schauspielerische Improvisationen, meist ohne Text. Der wiederum kommt von der Autorin selbst. Wir hören darübergelegte Originalaufnahmen aus Interviews und Lesungen oder Sandra Hüller liest aus dem Off aus Bachmanns Werken.
Der Filmtitel selbst stammt aus dem Roman »Malina«. Auf der Glanbrücke in Klagenfurt locken zwei Buben das Mädel zu sich heran. Doch es gibt eine »harte Hand ins Gesicht«. Das Mädchen verlässt den Ort als »jemand, der einmal ich war«.
Die Buben und die Mädels. In gewisser Weise wird dies bleiben. Der Film skizziert die Zeit der Jugend in Klagenfurt bis kurz vor Bachmanns Tod in Rom.
Ingeborg Bachmann und ihr Leben sind bis heute vielschichtig und nicht wirklich greifbar. Doch gerade das macht sie bis heute interessant. Als erfolgreiche Frau in einer männlich dominierten Welt und schlimmer noch: in der Welt der Autoren, Kritiker und Literaten.
Bachmann war der Star, damals sogar auf dem Cover des SPIEGEL.
Zum 100. Geburtstag und zur 50. Ausgabe des Bachmann-Preises wird Klagenfurt wieder einmal ein klein wenig zu einer Welt, in der die Literatur unglaublich wichtig ist oder zu sein scheint. Sieht man sich den Film an, erscheint die Welt in den 60er- und 70er-Jahren ähnlich. Literatur und Büchermenschen hatten noch einen ganz anderen Stand und Status. Politik und Kunst (Brandt, Grass, Böll, …) waren sich damals wahrlich näher als heute unter Weimer.
Ingeborg Bachmann erhielt alle großen Preise, den Büchner-Preis oder den Hörspielpreis der Kriegsblinden. Auch hier schaut man sich den Schwenk übers Publikum fasziniert an. In Schwarzweiß tragen scheinbar alle schwarze Mäntel und Anzüge und dick umrandete Brillen. Die wenigen Frauen darunter sind an Zahl und Aussehen kaum auszumachen. Überhaupt stellt man im Kino dieses Phänomen fest, dass die Menschen von damals alle älter wirkten, als sie waren. Man denke nur an Max Frisch.
Nicht alle und alles wird erklärt und vorgestellt, aber sie sind alle da von Walter Jens bis Marcel Reich-Ranicki und seinen Auslassungen, warum die Frauen in der Literaturwelt nicht so oft vertreten sind wie die Männer. Auch Bachmanns berühmte Zitate wie »Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar« und »Die Männer sind unheilbar krank« sind zu hören.
Zu all diesem filmischen Herantasten an Ingeborg Bachmann passt die Musik von Anja Plaschg, besser bekannt als Soap&Skin, überaus gut.
Weiß man nach dem Kinobesuch mehr über Ingeborg Bachmann? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Aber genau diesen Schwebezustand macht den Film so sehenswert.
Er mutet dem Kinopublikum keine Wahrheit zu.
Wolfgang Tischer

