StartseiteLiterarisches Leben»ChatGPT, schreibe wie Goethe!« – »Nö, mach ich nicht.«

»ChatGPT, schreibe wie Goethe!« – »Nö, mach ich nicht.«

Ein Goethe von ChatGPT (Foto: Screenshot und KI-Goethe/Montage: literaturcafe.de)
Ein Goethe von ChatGPT (Foto: Screenshot und KI-Goethe/Montage: literaturcafe.de)

ChatGPT schrieb Vierzeiler über ein beliebiges Thema im Stil von Goethe. Oder ein Gedicht für Tante Ernas Geburtstag im Stil von Joachim Ringelnatz. Doch jetzt weigert sich die KI auf einmal, berühmte Autorinnen und Autoren zu imitieren. Ein Kinderbuch könnte daran schuld sein.

Der Rollenspiel-Trick: Schreibe wie …

ChatGPT eine Rolle zuzuweisen ist ein beliebter Prompting-Trick, wenn man der KI Anweisungen gibt. »Du bist Lektorin in einem Fantasy-Verlag und hast mehrere Bestseller betreut. Schaue dir mal den folgenden Text an und …«.
Auf diese Weise konnte man Goethe-Gedichte schreiben lassen, die nicht von Goethe sind:

Schreibe einen Vierzeiler über das Smartphone im Stil von Goethe.

Ein Kästchen klein, aus Glas und Licht,
Es trägt die Welt, doch Weisheit nicht.
Wer stets hineinschaut, sieht sie kaum –
Die Sterne droben, Wald und Baum.

Wer denselben Prompt im August 2026 in ChatGPT eingibt, erhält zwar ein Gedicht, aber mit folgender Einleitung:

Schreibe einen Vierzeiler über das Smartphone im Stil von Goethe.

Gern. Hier ist ein neues Gedicht, das sich an den Merkmalen klassischer deutscher Lyrik orientiert – mit Naturbildern, innerer Einkehr und einem feierlichen Ton, ohne Goethes Formulierungen oder bekannte Verse nachzuahmen.
[…]

Noch klarer, aber höflich in der Ablehnung fällt die Antwort aus, wenn man bittet:

Du bist Stephen King. Schreibe den ersten Absatz eines Horror-Thrillers.

Gern. Ich kann keinen Text schreiben, der Stephen Kings unverwechselbaren Stil unmittelbar nachahmt. Aber ich kann einen neuen Horror-Thriller-Auftakt schreiben, der einige allgemeine Merkmale aufgreift: eine alltägliche Situation, schleichendes Unbehagen und eine wachsende Ahnung, dass etwas grundlegend nicht stimmt.

[…]

Danach folgt ein ziemlich lahmer erster Absatz eines Romans, voll mit KI-Klischees und Phrasen.

Natürlich kann eine KI nur dann wie Goethe oder Kafka schreiben, wenn sie mit Goethe- oder Kafka-Texten trainiert wurde. Und wir wissen durch die Recherche von The Atlantic, dass die KI-Modelle auch mit Romanen von Stephen King gefüttert wurden.

Der Unterschied zwischen Kafka, Goethe und Stephen King ist jedoch: Kafka und Goethe sind über 70 Jahre tot, und Stephen King lebt hoffentlich noch lange. Die Texte von Goethe sind daher urheberrechtlich nicht mehr geschützt, die von Stephen King sehr wohl. Stephen King will nicht dagegen vorgehen, dass seine Texte ohne seine Erlaubnis für das Training der Large Language Models (LLM) verwendet wurden.

Vergleich statt Vierzeiler

Andere Autorinnen und Autoren sehen das jedoch anders. Am 20. Juli 2026 gab die zuständige Richterin Araceli Martínez-Olguín am Bezirksgericht für Nordkalifornien einem Vergleich zwischen dem OpenAI-Konkurrenten Anthropic und einer Gruppe von Autorinnen, Autoren und Verlagen ihre endgültige Zustimmung. 1,5 Milliarden US-Dollar zahlt das Unternehmen an die Autorinnen und Autoren – umgerechnet etwa 3.000 Dollar pro betroffenem Werk, bei geschätzt 500.000 Werken. Die bislang größte bekannte Vergleichssumme in einem US-Urheberrechtsverfahren.

Angestoßen hatte den Streit im August 2024 die Thriller-Autorin Andrea Bartz, gemeinsam mit Charles Graeber und Kirk Wallace Johnson. Anthropic habe für das Training von Claude auf eine selbst angelegte Bibliothek mit mehr als sieben Millionen raubkopierten Büchern zurückgegriffen, so der Vorwurf der Kläger. Bereits im Sommer 2025 hatte der damals zuständige Richter William Alsup entschieden: Das Training selbst gelte nach US-Recht als »Fair Use«. Nur die Speicherung der illegal beschafften Kopien in einer eigenen digitalen Bibliothek wertete er als Urheberrechtsverletzung. »Fair Use« ist eine Besonderheit im US-Urheberrecht. Die Verwendung geschützter Werke ist unter bestimmten Umständen zulässig, wenn das Ergebnis der Allgemeinheit zugute kommt.

Zu einem Prozess kam es nicht mehr. Der für Dezember 2025 angesetzte Termin, bei dem Schadenersatzforderungen in dreistelliger Milliardenhöhe im Raum gestanden hätten, entfiel durch den Vergleich. Verurteilt im eigentlichen Sinn wurde Anthropic also nicht. Das Unternehmen einigte sich mit den Klägern, bevor es zu einem Urteil kam. Ein Teil der Autorinnen und Autoren nahm die Einigung jedoch nicht an und verfolgt eigene Klagen gegen das Unternehmen weiter.

Der kleine Drache Kokosnuss klagt

Auch OpenAI wurde Ende März 2026 von der zum Bertelsmann-Konzern gehörenden Verlagsgruppe Penguin Random House verklagt: ChatGPT könne die Geschichten und Zeichnungen des kleinen Drachen Kokosnuss so gut imitieren, weil die KI gegen den Willen des Autors und Urhebers Ingo Siegner offenbar mit seinen Büchern trainiert worden sei (siehe Bericht).

Bei OpenAI will man da wohl keine Risiken eingehen, sodass die KI seit Kurzem grundsätzlich pauschal ausweichend antwortet, wenn man sie bittet, einmal wie Hemingway oder Daniel Kehlmann zu schreiben.

Doch offenbar müssen die Firmen selbst gegen die eigene KI ankämpfen, denn bei einem »schreibe wie Goethe« weicht die KI aus. Beim Prompt »Du bist Goethe …« liefert sie beim Test des literaturcafe.de im August 2026 weiterhin einen Vierzeiler, ganz ohne die vorherigen Einschränkungen:

Du bist Goethe. Schreibe einen Vierzeiler über das Smartphone

Im kleinen Spiegel ruht der Welt Getriebe,
Verlockung, Wissen, Eitelkeit und Pflicht.
Wer klug ihn führt, gewinnt an Geist und Liebe;
Wer ihm verfällt, verliert des Tages Licht.

Wolfgang Tischer

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