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Textkritik: Blumen im Haar – Prosa

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Sie wollte nie wieder nach Sylt fahren, hatte ständig diese Vorbehalte parat: feuerroter Porsche im rötlich blauen Abendlicht auf der Pirsch nach jungem Fleisch. Weißes Mercedes-Kabriolett mit Herrn hinter dem Steuer, braun gebrannt, offenes Designerhemd, Seidenkrawatte in der Sakkotasche, barfuß in Sandalen, flache Cartier-Uhr am linken Handgelenk. Schirmmütze mit Markenlogo verdeckt die beginnende Glatze, auf der sich schon Pigmentflecken angesiedelt haben.
Morgens noch mit Gattin oder Geliebten beim Golfen gesichtet, lungert er abends heißhungrig hinter dem Steuer auf der Suche nach frischer Ware, die kaum verpackt auf hohen Plateausohlen daher gestelzt kommt.
»Hallo!« dieses Wort reicht als Aufforderung. In den Augen ein verhaltenes Glimmen. Kein Gleißen, das bringen sie nicht mehr zu Stande, zu schwach, abgehalftert von zu viel Alkohol, Frauen, Stress am und mit Handy, Termingeschäfte, Millionenminus auf dem Konto. Leider immer noch Kredit.
»Hallo, ein Gläschen Roederer trinkt sich besser zu Zweit!«
Dumme Anmache, so etwas kennt man doch! Wenn du jung bist, kannst du sie alle haben, zumindest als Leihgabe für eine schnelle Stunde. Kimme, Korn, voll auf das Herz gezielt, immer wieder dem Wahn verfallen, es könnte dieses Mal ganz anders sein. Liebe ist noch immer Trumpf, noch lange nicht aus der Mode, wenn auch als Wort arg abgegriffen, weil zu oft missbraucht für ein Gefühl, das eher mit Befriedigung der Sinne zu tun hat.
Pfui!, sagt man nicht, denkt es nur, meint die Dame.

»Hallo, darf ich Sie zu einer Fahrt durch den Abend einladen?«
Die Dame lächelt, ist im Prinzip nicht abgeneigt. Aber selbst wenn sie Lust verspürt, gibt eine Dame so etwas nicht so schnell zu. Lässt sich nicht einfach einsammeln wie damals, als man noch Blumen im Haar trug und lange fließende Gewänder.
Auf dem Sandhügel am äußeren Zipfel der Insel hat sie getanzt, nachts im Mondlicht, ihr Körper war so weiß wie der Sand. Weiß und grazil, noch unverbraucht, aber leider viel zu neugierig, um es zu bleiben.
Der Porsche hält.
Weitergehen oder lächeln und stehen bleiben? Könnte ihr Sohn sein! So einen hat sie sich eigentlich gewünscht. Leider ist es dafür zu spät. Irgendwann ist es immer für etwas zu spät!
Blaue Augen, sehr blaue Augen und raspelkurze schwarze Haare, frisch gegelt, braune Haut und starke Muskeln. Der rote Porsche, den er fährt, ist in Düsseldorf zugelassen.
»Ich esse nicht gern allein. Sie?«
»Nein.«
»Wohin darf ich Sie fahren?«
Die Dame lächelt, möchte ihn eigentlich fragen, warum nimmst du nicht deine Mutter mit. Aber sie schweigt und zupft ihren engen Rock zurecht, damit er die feinen roten Äderchen an Innenschenkeln beim Einsteigen nicht sieht. Sollte sie sich eigentlich weglasern lassen bei einem guten Arzt.
»Ich habe heute keinen Hunger«, sagt sie.
Er lacht nur.
Der Wind spielt mit ihren langen tizianroten Haaren. Traumcoloration vom Starfriseur in Berlin zu einem sündhaft teueren Preis. Aber es hat sich gelohnt. Rot ist noch immer eine Signalfarbe.
Vielleicht hat er nur seine Kontaktlinsen vergessen und noch nicht bemerkt, dass ich nicht mehr so jung bin, amüsiert sich die Dame und lehnt sich in das Polster zurück.

Er bremst erst im letzten Moment den Motor ab, als hätte er vergessen, wie man Autos auf einem Parkplatz einparkt. Dann steigt er ohne zu warten aus und geht voraus.
Die Dame zögert. Doch dann folgt sie ihm über die losen Holzbretter, die direkt zum Meer führen.
»Hier gibt es keine Muscheln«, sagt er und lässt eine Hand voll Sand durch seine Hand rieseln.
»Ich sammle nicht. Nur einmal habe ich einen Stein mitgenommen. Es war oben in List. Er lag so schön in der Hand, als ich ihn aufhob, fast rund gewaschen, beigebraungrau mit ein wenig Glitzerstaub wie von Diamanten. Hätte man gut zur Selbstverteidigung benutzen können.«
»Hahaha!«
»Lachen Sie nur! Was wissen Sie davon, wie es damals war!«
Er lacht weiter, fasst nach ihrer Hand. So, als wollte er mit ihr den Strand entlang wandern von Kampen bis zum äußersten Ende von List.
Ihre nackten Zehen durchwühlen den Sand. Die Sandalen in der rechten Hand schaukeln bei jedem Schritt.
»Warum mit mir?«, hämmert es in ihrem Kopf. Antworten gibt es viele, keine gefällt ihr. Abwarten!

Der Sommer kommt auch im nächsten Jahr zurück, strahlend jung, unverdorben, frisch! Und ich, ich könnte mir die Lider liften, die Kinnpartie straffen und die Falten über der Oberlippe wegbügeln lassen, wenn ich will. Doch die Dame will nicht.
»Woran denken Sie?«
»Banale Frage! Wollen Sie es wirklich wissen?«
Er nickt.
»An einem Sommerabend wie heute! Es war am Strand von Kampen.«
»Erzähl weiter!«
Sie nickt.
»Blumen im Haar, durchtanzte Nächte, braune Samthaut, die sich einbildete, ewig jung zu bleiben. Küsse, die schmeckten, als hatte man das Tor zum Paradies schon durchschritten. Kitschig schöne, blutrote untergehende Sonne im Meer, Sterne, die zum Greifen nahe waren. Viel zu viel Alkohol, jede Menge Zigaretten und manchmal einen Joint. Leben, wir wollten leben und nie älter werden. Wir glaubten sogar fest daran!«
Die Dame lächelt.
Er küsst sie auf die Wange. Erst rechts, dann links, stemmt ihren schlanken Körper hoch, tanzt mit ihr durch den Sand, bis sie beide erschöpft zu Boden fallen

Weißer Sand, blaugrau und aufgewühlt das Meer. Nordsee Mordsee! Wellen klatschen an den Strand. Dort wo die Buhnen ins Meer ragen, sind sie besonders hoch.
Er war immer erfolgreicher Jäger, nur heute nicht. Denn sie ist kein Wild, das hat er schon bald gespürt.
»Komm lass uns fahren! Ich habe Hunger, ich lade dich ein«, sagt sie.
Er hat nur diese und keine andere Wahl.

© 2004 by Heinrich Meyer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Eine einfache Liebesgeschichte, teilweise sehr lebendig und anschaulich erzählt und mit leisen Überraschungen garniert, letztlich aber noch viel zu unentschlossen.

Denn wozu dient z. B. die aufgeblasene Sylt-Verschnarchtheit zu Beginn? Warum muss es überhaupt Sylt sein und ein roter Porsche? Warum wollte Dame nicht mehr nach Sylt? Hat das Schicksal à la Courths-Mahler zugeschlagen und der Dame gerade deswegen, weil sie nicht mehr nach Sylt wollte und es dann trotzdem oder aus Dusseligkeit getan hat, einen echt verständnisvollen supergeilen turnschuhfitten Liebhaber beschert? Das hieße, dem Kitsch einen diamantgespickten und juwelenbehängten, aus Golfdfäden selbstgehäkelten Kronenschoner über selbige zu ziehen … Ließe man der Frau ihre Renovierungspläne und entfernte die ganzen Sylt- und Neureichen-Zutaten, wäre das eine Liebesgeschichte zwischen einer alternden Dame und einem jungen Mann, die sich auch auf Föhr zutragen könnte. Nicht mehr, aber auch nicht weniger!

PS: Und für meine Kritik bedeutete das: Der erheblich zusammengestrichene und veränderte Sylt-Abschnitt würde komplett wegfallen, das wäre dann mein endgültig letztes Wort – aber damit verschwände leider auch die kaum verpackte frische Ware, die ich so liebe; vielleicht ließe die sich retten, wenn die Frau auf ihre Frage »Warum mit mir?« feststellt, dass sie schließlich keine kaum verpackte frische Ware auf Plateausohlen ist …

Die Kritik im Einzelnen

Es folgt eine Reihe Klischees, die nicht besonders angekündigt werden müssen, da sie in ihrer Kitschigkeit für sich selbst sprechen. Wer die für bare Münze nimmt, ist selbst schuld. Weg also mit dem Halbsatz, und den Doppelpunkt hinter »fahren«: Sie wollte nie wieder nach Sylt fahren:
Allerdings muss ich jetzt vorgreifen: Sie befindet sich nämlich auf Sylt! Ihr Wollen ist demnach abgeschlossen und beerdigt in irgendeiner Vergangenheit; korrrekt heißen müsste es folglich: Sie hatte nie wieder nach Sylt fahren wollen: oder Nach Sylt hatte sie nie wieder fahren wollen: – Hauptsache, die Zeit stimmt. zurück
Mir reicht der rote Porsche vollständig – ich sehe keinerlei Notwendigkeit, auch noch einen weißen Mercedes oder einen gepunkteten Bentley oder einen uringelben Ferrari zu addieren, es wird nicht mehr schlimmer! Zudem taucht später nur ein roter Porsche auf. zurück
So sehr ich auch sprachlich die siedelnden Pigmentflecken schätze – aus zahllosen Kitschfilmen ist eine derartige Klientel sattsam bekannt; und selbst wenn man solche Filme nicht kennt, weiß man, was in Sylt los ist, so wie man weiß, was im Ballermann abgeht. Warum diese Vorurteile noch stützen durch Nennung von Markenartikeln, die uns ja auch nichts weiter mitteilen, als dass sie teuer und bonzig sind? Wer kann schon auf einen Blick eine Cartier-Uhr von einer Tschibo-Creation unterscheiden, und wer will das können und wozu? Streichen! zurück
Übrig geblieben ist also der rote Porsche, der personifiziert eigenrädrig auf Pirsch geht; diesen Satz würde ich jetzt gerne anfügen, damit die kaum verpackte Ware erhalten bleibt, der ich allerdings die hohen Plateausohlen fon den Füßen fetzen ferde – schließlich steckt hoch bereits in der Definition von Plateausohle (jaja, meine heiß geliebten Adjektive). Und damit die Personifizierung vom Rotporsche erhalten bleibt, muss ein Steuermann unterschlagen werden; darüberhinaus ändere ich Geliebten in Geliebte, weil ich davon ausgehe, dass nur 1 Gattin respektive 1 Geliebte gesichtet wurde; das rötlich blaue Abendlicht verlagere ich nach hinten, sonst hätten wir zwei Abende in einem Satz; wer heißhungrig ist, der lungert nicht sinnlos in der Gegend herum, sondern der lauert auf seine Beute! Lungernde Löwen beißen schließlich nicht. Das läse sich dann in etwa so:
Sie hatte nie wieder nach Sylt fahren wollen: feuerroter Porsche, morgens noch mit Gattin oder Geliebter beim Golfen gesichtet, lauert im rötlich blauen Abendlicht heißhungrig auf frische Ware, die kaum verpackt auf Plateausohlen daher gestelzt kommt.
Wenn Sie jetzt glauben, ich wäre zufrieden, dann haben Sie sich getäuscht – mein letztes Wort ist noch nicht gesprochen! Hugh! zurück
Ab dem letzten Link kann all das ganz einfach gestrichen werden – nichts würde fehlen!  Als Männer sind wir in punkto dumme Anmache Experten – wir erfahren in dieser Hinsicht nichts Neues, auch nicht hinsichtlich der Finanzprobleme selbstredend abgehalfterter Neu- oder Altreicher samt ihren Spielchen – alles kalter Kaffe, der so wenig wieder aufgewärmt werden sollte wie Binsen hervorgezogen bezüglich Liebe! Das einzig Interessante an diesen vielen Wörtern ist das letzte: nämlich der Ehrentitel Dame – und der ließe sich retten, wenn er das Sie am Anfang ersetzte, was sich dann folgendermaßen gebärdete:
Die Dame hatte nie wieder nach Sylt fahren wollen: feuerroter Porsche, morgens noch mit Gattin oder Geliebter beim Golfen gesichtet, lauert im rötlich blauen Abendlicht heißhungrig auf frische Ware, die kaum verpackt auf Plateausohlen daher gestelzt kommt.zurück
Ich versichere Ihnen, dass das immer noch nicht mein letztes Wort zu diesem Satz bzw. Kapitel ist!
Seit wann trägt man lange fließende Gewänder im Haar? Ist Dame schon so alt, dass sie vergessen hat, wie man derlei Kleidungsstücke trägt? Ich empfehle eine einfache Umstellung: … als man noch lange, fließende Gewänder trug und Blumen im Haar. zurück
Dieser Satz enthält zu viel Sand und zu viele Zipfel! Entfernt man den Sandhügel zu Beginn, fehlt eigentlich nicht viel außer ein bisschen Höhe, die aber keine Rolle spielt: Am äußeren Zipfel der Insel hat sie getanzt, nachts im Mondlicht, ihr Körper war so weiß wie der Sand. Spannender jedoch sind die Fragen nach dem äußeren Zipfel: Erstens: Können Inseln innere Zipfel haben, und sei es auch nur ein einziger? Bitte um entsprechende Hilfestellung! Und zweitens: wie viele äußere Zipfel hat Sylt? Einen mindestens, da hat Dame ja weiland getanzt – jetzt muss ich doch das Internet bemühen, um einen Eindruck von Sylts Zipfeligkeit (warum muss ich bei diesem Link eigentlich immer auf »Aktualisieren« klicken, bevor mir die Seite angezeigt wird???) zu bekommen … ich zähle da 12 kleine Zipfel und 3 Superzipfel, von denen der nördliche doppelt gezipfelt ist – und alle sind äußere Zipfel. Scheint mir aber eher eine Strukturskizze zu sein, die eine Menge Zipfel unterschlägt. Auch äußerster Zipfel böte minimal vier Möglichkeiten – also den Tanzzipfel bitte zumindest himmelrichtungsmäßig präzisieren!
Zuguterletzt ist mir nicht klar, warum dieser Satz einen höchsteigenen Absatz einleitet – er führt doch den Gedanken des letzten nur fort? Oder habe ich da etwas verpasst? Wenn nicht: diesen Satz an den vorherigen direkt anschließen! zurück
Dieser Relativsatz ist alleroberüberflüssig! Es gibt sicher Rotporsches, die Raspelhaar (raspelkurz ist ein herrliches Adjektiv!)  nicht fährt und die trotzdem in Düsseldorf zugelassen sind, und andere Porsches sind nicht in Sicht, zumindest wissen wir nichts davon. Und dann beschleicht mich noch die Frage: welche Bedeutung hat eigentlich Düsseldorf für die Charakterisierung von Raspelkopf oder Dame oder Sylt? Anspielung auf »Wärst du Dussel doch im Dorf geblieben«? Würde die Erzählung anders verlaufen, käme der Porsche aus Tuttlingen oder aus MYK? Ist Dame im Berufsleben Polizistin und speichert im Hirnkastel Listen voller Autokennzeichen gestohlener roter Porsches? Ließe sich die ganze Feststellung inklusive Relativsatz nicht streichen? Fragen über Fragen, die nichts bringen & nicht weiter führen … zurück
Mit kurzen Haaren kann ein Wind schlecht spielen, die kriegt er irgendwie nicht so richtig in Griff!  Folglich darf das Adjektiv langen sich ruhig zurückziehen … zurück
Schon wieder so eine fragwürdige Ortsangabe: für die Macke der Dame ist Starfrisör hinreichend – und die wohnen und arbeiten nun einmal nicht in Tuttlingen oder MYK. zurück
Ich gestehe: ich habe noch nie einen und bin noch nie in einem Porsche gefahren – aber dennoch wage ich zu bezweifeln, dass man bei einem Porsche den Motor abbremsen muss, um anzuhalten! Und dass das Vernachlässigen des Motorabbremsens eine Folge des Vergessens von Einparkvorgängen auf Parkplätzen ist im Gegensatz zum Vergessen von Einparkvorgängen auf Nichtparkplätzen, was demnach kein Vernachlässigen des Motorabbremsen als Folge zeitigte, sondern zu allgemeiner Zufriedenheit erfolgreich zur vollendeten Vollendung gebracht werden würde, das ist mir irgendwie ein bisschen zu abseitig und -artig!  Warum hält Raspelhaar nicht einfach an und steigt aus? zurück
Sehr gelungen, dass die beiden bereits laufen, nachdem das gerade noch bloße Mutmaßung bzw. Wunsch war! Da es im Text mehrere Abschnitte gibt, würde ich vor diesem Satz auch einen befürworten, denn hier beginnt wirklich etwas Neues! zurück
Auch hier schön gelungen: der unvermittelte Wechsel zum du! zurück
Nächte ist viel zu Plural, denn es wurde 1 besonderes Ereignis angekündigt: An einem Sommerabend wie heute! Es war am Strand von Kampen. Und wenn nach den vielen durchtanzten Nächten 1 Sonnenuntergang folgt, ist das ebenfalls ziemlich schräg – ich würde die durchtanzten Nächte streichen (selbst wenn diese eine Rolle gespielt haben mögen für die überdrehte Verfassung des Blumenkindes) – es geht schließlich wesentlich um die Forever-Young-Fantasien in dieser Nacht! zurück
Wovon ist denn die Dame erschöpft? Vom Gestemmt-Werden? Dass Raspelhaar das nicht lange durchhält, leuchtet unverzüglich ein, und dass Dame mit ihm zu Boden stürzt, wenn er zusammenklappt, nicht minder. Aber hochgestemmte Dame erschöpft? Nie und nimmer! zurück

Textkritik: Entlang – Lyrik

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für C.

unserer beider Namen spurenähnliches
Glistern, winzige Funken aus Dunkel,
rieselt Myriaden von Sphären herab;
wie ein großer Fluss und still
atmest du in mein Herz hinein

© 2004 by Ilir Ferra. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Ein herausragendes Liebesgedicht, jenseits aller ausgetrampelten Pfade: es geht doch! Es lässt sich für das Immergleiche auch immer ein ganz persönlicher Ausdruck finden – Sprache ist dafür reich genug, noch auf Jahrtausende hin…
Die Stimmung in diesem Gedicht erinnert mich an Hölderlins Wunsch: Eins sein mit Allem! Hier ist der Wunsch in Erfüllung gegangen…

Die Kritik im Einzelnen

Dieses Wort beschäftigt mich, denn ich kenne es nicht; es könnte etwas Österreichisches sein – schließlich lebt der Autor dort -, aber auch mein österreichisches Wörterbuch schweigt dazu!  Finde auch nichts Brauchbares im Internet (es kann sich schließlich nicht um Zahnkrem oder eine Art Skiwachs handeln), nichts im 24-bändigen Brockhaus, wissen.de weiß nichts, die Mailbox des Autors ist zugestopft, nimmt keine Mails mehr an – da hätte ich doch Auskunft kriegen können; allein der 4-bändige Brockhaus aus Nazi-Tagen erwähnt unter »glinstern« auch noch die Schreibweise »glistern« in der Bedeutung »glitzern«: fein, so etwas Ähnliches habe ich schon vermutet, denn beim ersten Lesen verstand ich glistern als eine Kombination aus »glitzern« und »knistern«, eine Art behutsam-zärtliches Minifeuerwerk; dabei mag es auch bleiben! (Nachtrag: Vielen Dank an Bert Wendt für diesen Auszug aus dem Grimmschen Wörterbuch zu »glistern«: GLISTERN, vb. glänzen. Zur basis glis in afr. Glisis ´schimmer´u.s.w., s. Persson beitr. 877; WALDE-POKORNY 1, 626f.; vgl. glinstern. dazu auch mnd. glister(e)n, me. glistre, ne. Glister. Glisteren scintillare (in einem obd. Voc. von 1502) DIEFENBACH voc. Gloss. 330; glisteren irridare, vibrare (in einem md. voc. D. 15. jahrh.) DIEFENBACH gl. 309. 617.; als veraltet angeführt: glistern stark glänzen CAMPE 2, 404)
Zurück zum Gedicht: der Titel Entlang verweist auf Bewegung und eine Bewegungsrichtung, z.B. auf einen Spaziergang entlang eines Flusses. Unterstützt wird das Gehen durch das Adjektiv spurenähnlich. Vor meinem inneren Auge sehe ich ein Paar gehen, einen Mann und eine Frau, deren Namen helle Laute enthalten (wie glitzern und knistern und glistern): Illir und Mire z.B. Und diese Gemeinsamkeit in den Namen steht symbolisch für die innige Verbindung zwischen den beiden: es hat gewissermaßen »gefunkt«, und es funkt immer noch! zurück
Das Glistern erfährt eine nähere Erläuterung: winzige (wieder die hellen Vokale) Funken aus Dunkel wird es genannt. Unvermittelt wird ein lautlicher Kontrast gesetzt: Funken aus Dunkel (was lautlich auf die Spuren verweist). Dunkle Funken ist ein Widerspruch: solche sind eigentlich nicht sichtbar, als Funken nicht erkennbar, und diese können natürlich auch keine realen Spuren hinterlassen – aber es heißt ja auch spurenähnlich. Für mich bedeutet das: die Spuren sind für andere nicht wahrnehmbar, wohl aber für die beiden; das Dunkle, Düstere wird aufgehoben durch die winzigen Funken – da ist kein Raum für dunkle Gefühle wie Traurigkeit
Obwohl der Satz erst angefangen hat (wir betrachten die ganze Zeit nur das Subjekt!), entdecke ich hier schon eine sehr intensive Harmonie und ein großes Glück, sowohl sprachlich wie auch inhaltlich: so mag ich das! zurück
Wieder die i-Laute (rieseln, Myriaden) und das Leichte (rieseln), wieder eine Bewegung (rieseln herab) – und wieder ein starker Kontrast: das Glistern rieselt (durch) Myriaden von Sphären herab: das sind also nicht nur die acht Sphären des Ptolemäus (die das ganze damals dem Abendland bekannte Weltall umfassten), das sind wesentlich mehr: die Langsamkeit dieser Bewegung und die unvorstellbare Zeitdauer widerspiegeln die subjektive Zeitwahrnehmung des Paares: das objektiv so kurze, intensive Glück, das ewig zu währen scheint, hat hier erneut ein schönes Bild bekommen. zurück
Der Vergleich wie ein großer Fluss (dieses Wort ist die Ursache dafür, dass ich an einen Spaziergang an einem Flussufer entlang gedacht habe und denke, s.o.) steht in einem starken Kontrast zu rieseln, denn bei einem großen Fluss assoziiert man Wassermassen und Mächtigkeit, bei rieseln Weniges, das leicht und zart seinen Weg sich sucht bzw. fällt. Zwei Bedeutungen hat still (Fehlen von akustischen Ereignissen und/oder Bewegungslosigkeit), und beide Bedeutungen passen: es gibt nichts zu reden, vielleicht auch steht das Paar jetzt bewegungslos, und das lyrische Ich spürt die lebendige Stärke von der anderen Person: du atmest (Stärke und Leben) in mein Herz hinein – eine weitere Bewegung: von außen nach innen. Ein wunderschönes Liebesgedicht! zurück

Textkritik: Sattgelesen – Lyrik

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Ethischeprosa?
Tückischesrosa!
Lärmendesmofa!
Seidenessofa?
Schreinachjehova?

moralischelyrik?
sperrangelweittürig
verbesserungsgierig!
denkprozesslangwierig,
nachgeschmackpapierig,
bewertungsehrschwierig!

© 2004 by Sebastian Leiß. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Der Schuss geht teilweise sehr nach hinten los!
Die wenigen netten Einfälle werden gleich wieder zugemüllt: es gibt keinen Grund, sich mit einem halb fertigen Gedicht über halb fertige andere Texte zu mokieren! Sollte der Text eine Parodie sein, hätte ich gerne den Lyrikteil in Prosa und den Prosateil in lyrischer Form gelesen; oder ich hätte nur über moralische Lyrik ein – dann aber wirklich astreines – Gedicht gelesen, oder über ethische Prosa einen astreinen Prosatext, jeweils ohne Zeigefinger: denn dieses Gedicht gehört einwandfrei zu den moralischen, an denen sich so mancher bereits sattgelesen hat (während andere wiederum den Hals aber auch gar nicht voll kriegen können).

Die Kritik im Einzelnen

So, sattgelesen hat sich da ein Systematiker, und so bastelt er zunächst und fein eine kleine Strophe für die Prosa zusammen, in der jedes Kunstwort groß geschrieben ist; Thema ist offenbar »ethische Prosa«, und gemeint ist wohl Moralisierendes – so genau weiß ich das allerdings auch nicht. Eine Auskunft über die Qualität solcher Prosa versuchen zwei Ausrufe: Tückischesrosa und Lärmendesmofa; der erste dieser Aufschreie soll wohl den Kitsch-Bereich kennzeichnen, der zweite – ja, was? Das großmäulige Auftreten? Das zaunpfahlwerfende Nicht-von-der-Stelle-Kommen, weil neue Einsichten weder gewonnen noch verstreut werden? Immerhin bewegt sich ein Mofa, wenn auch nur gemächlich! Seidenessofa wird wie die erste Zeile mit einem Fragezeichen versehen – warum nur? Ist damit gemeint, dass in der »ethischen Prosa« Bordell-Einrichtungsgegenstände im Vordergrund stehen oder gerade nicht? Oder dass bestimmte Partnerübungen auf Sofas nicht beim Namen genannt werden, dafür aber alle auf einem solchen (Sofa, nicht Namen) gediegen hocken und moralisieren? Mit diesem Wort kann ich am wenigsten anfangen, ich nehme an, hier war der unreine Reim alleiniger Urheber des Einfalls. Schreinachjehova wiederum passt gut zu jeder Art ethisch-moralischer Äußerung, schließlich hat der HErr uns den Weltuntergang fest zugesagt, komme, was da wolle – und nur die Reinen werden überleben! Rätselhaft bleibt hier, wieso an diesem Schrei ein Fragezeichen klebt: dieses Kunstwort hätte ein wesentlich fetteres Ausrufezeichen verdient als Tückischesrosa und Lärmendesmofa zuammen!!! zurück
Jetzt kriegt die moralische Lyrik ihr Fett weg: zunächst einmal wir eine inhaltliche und formale Parallele hergestellt zur ersten Zeile des Prosa-Abschnittes: sie endet ebenfalls mit einem Fragezeichen; und da das Kleinschreib vor allem in der Lyrik grassiert, ist jetzt schön konsequent jedes Wort klein geschrieben. zurück
Hier enden bereits die Parallelen: statt 1 einzeiliges Substantiv (Tückischesrosa) folgen 2 längere Partizipien (die man zudem genau so schreiben könnte), bevor das Ausrufezeichen zuschlägt: inhaltlich stimmt die Aussage sicherlich, dass in moralisierender Lyrik vor allem laut brüllend gepredigt wird (sperrangelweittürig) –  aber das passte wiederum besser zu lärmendesmofa (wenn zu diesem Ungetüm überhaupt etwas passt)! zurück
3 Zeilen werden verbraucht, um endlich zum nächsten Ausrufezeichen zu gelangen; der bisherige Rhythmus wird aufgegeben (wie häufig bei Gedichten, in denen irgendeine Art Botschaft mit Gewalt den arglosen Lesern ins Auge gedrückt wird), und  auch die Partizipien können nicht durchgehalten werden, denn die letzte Zeile kommt als eine Ellipse daher, die grammatikgemäß so auch nicht geschrieben werden kann: damit wird wieder ein Bogen geschlagen zum ersten Abschnitt. Auf weitere Zeilen mit Fragezeichen am Ende warten wir nicht vergebens – ich bin nicht unglücklich darüber. Aber eins weiß ich genau: die Bewertung solcher Texte ist überhaupt nicht schwierig, wie Sie oben lesen können! zurück

Textkritik: Schlaf – Prosa

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Keine Angst. Das Zimmer ist größer, wenn es dunkel ist. Der Papagei hängt höher über dem Bett und ist nicht rot, manchmal bewegt er sich. Vor dem Bett ist ein Loch. Die Schafe fallen hinein und du kannst nicht einschlafen. Die Bilder im Kopf. Du hast sie gemalt, aber sie sind immer noch drin. Man hat gefragt, warum die Männer schwarz seien und so groß, viel größer als das rote Kind, und du hast keine Antwort gewusst.
Schritte auf der Treppe. Er kommt Gute-Nacht-Sagen. Schlaf, Kindlein, schlaf. Du kannst nicht einschlafen. Die erste Stufe, die zweite. Die dritte knarrt. Du kennst sie. Du bist ein Stein. Knarr. Acht Stufen, du kennst sie, zwei knarren, die letzte quietscht. Es macht dir Spaß, sie quietschen zu lassen. Das Knarren magst du nicht.
Die Beine anziehen, die Arme darum. Ein Stein. Ganz an die Wand rücken. Das Bett sieht fast leer aus. Knarr. Die sechste. Du machst die Augen zu. Du schläfst schon. Schlaf, Kindlein, schlaf. Kopf einziehen, zusammenrollen, ganz an die Wand. Du fällst durch die Ritze. Du bist unsichtbar. Du schläfst schon. Quietsch.
Er summt. Schlaf, Kindlein, schlaf… Die Tür. Du hörst ihn. Schlaf, Kindlein, schlaf. Dein Vater hüt‘ die Schaf. Er hat nicht aufgepasst. Sie sind alle in das Loch gefallen. Aber jetzt ist er ja da. Er geht einfach über das Loch. Es ist gar nicht so groß.
Er setzt sich auf die Bettkante. Du bist kein Stein. Du fällst nicht durch die Ritze. Schlaf, Kindlein, schlaf. Du bist nicht unsichtbar. Schlaf, Kindlein, schlaf. Du bist noch wach.
Gute Nacht, flüstert er. Er dreht deinen Kopf und küsst dich.

© 2004 by Xenia Klinge. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Erschütternd!
Gefragt habe ich mich: ist es die Erschütterung, die mich verstummen lässt? Aber ich finde hier kein überflüssiges Wort, kein blindes Motiv: die Schafe, das Loch, das Blut, der gefangene Papagei und das gefangene Kind, das Kinderlied, die Treppe … Ich habe keine Ahnung, was man hier noch besser machen könnte! Und das ist der Text einer 17-Jährigen …

Die Kritik im Einzelnen

Entfällt

Textkritik: Das Klavier meines Vaters – Prosa

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Ich wäre nie ein besonders guter Entertainer geworden. Obwohl die Bedingungen stimmten, ich von klein auf nur von Musikern umgeben war, hatte ich irgendwann festgestellt, dass mir zur Musik das Talent fehlte. Mein Vater wollte das immer anders sehen, doch ich konnte ihm den größten Gefallen nicht tun, denn ich wurde Schriftsteller statt Musiker.
Das Klavier meines Vaters steht immer noch im Wohnzimmer, wo es seit dem Tag steht, an dem ich es zum ersten Mal gesehen habe, wo es an dem Tag stand, an dem er starb. Ich gehe auf Zehenspitzen zum Klavier, so als sei es ein Schlafender, den man um keinen Preis wecken möchte. Langsam klappe ich den Deckel hoch und lege meine Hände auf die Tasten und spiele einen Akkord. Selbst wenn ich sehr piano spiele, erschüttert mich der Klang. Das Klavier wurde zuletzt Achtundachtzig gestimmt, aber das ist es nicht, was mich stutzig macht.
Als Junge musste ich stundenlang am Klavier sitzen und üben, anstatt draußen herumzutoben oder Fußball zu spielen. Ich übte und übte Tonleitern, den ganzen Tag und immer wieder. Als ich jünger war, hasste ich das Klavier. Aber ich liebte die Musik, weil sie mich fröhlich machen konnte, wenn ich traurig war, oder traurig, wenn ich fröhlich war. Kaum sonst etwas auf der Welt hat später eine solche Macht über mich gehabt.
Es kamen immer Musiker zu uns und meine Mutter schüttelte oft den Kopf und schimpfte leise vor sich hin, wenn mein Vater wieder eine Gruppe Musiker zu uns eingeladen hatte, weil sie sich nirgendwo eine Übernachtung leisten konnten.
Am meisten beeindruckten mich die Zigeuner – ich weiß nicht, ob es Roma oder Sinti waren, deswegen schreibe ich »Zigeuner«. Manche von ihnen konnten mithilfe des Instruments, das sie spielten, mit ihrer Umwelt besser kommunizieren als andere Menschen über die gesprochene Sprache. Wenn meine Mutter zum Beispiel etwas zu trinken brachte, fing der Mann an der Klarinette plötzlich an einen fröhlichen Lauf zu spielen und kehrte dann mühelos zur Melodie des Stückes zurück. Der Geiger spielte ein einsilbiges Wort im Klang perfekt nach, wenn er meinte, dass sein Getränk vergessen worden sei.
»Duu-rrrrst, Duu-rrrrst!« klagte seine Geige immer wieder und musste mit dem lautstarken Gebrumme des Kontrabasses rechnen, weil der natürlich gar nicht einverstanden war.
Mich hat ein bestimmter Geiger ganz besonders beeindruckt, weil ich bei ihm immer befürchtete, dass er sein Instrument fallen lassen werde, so locker hielt er seine Geige beim Spiel unter dem Kinn.
Diese Leute legten keine Tücher unter, wenn sie ihre Geigen spielten. Sie brauchten auch keine ewigen Proben, wie die Lackaffen in ihren Pinguinfräcken, zu denen mich meine Mutter manchmal schleppte, wenn mal wieder irgendein Genie in der Stadt war. Was war denn das Geniale an diesen Vorstellungen, in denen zum millionsten Mal Mozart und Tschaikowski gespielt wurden? Hinterher standen alle in ihren schwarzen Kleidern herum und tranken Rotwein, weil Bier einfach zu vulgär für einen solchen Anlass war. Dabei hatten sie doch nur die Kopie eines Originals gehört, das zu Mozarts Lebzeiten vielleicht wirklich etwas Atemberaubendes gewesen war. Ich dagegen erlebte wirklich Musik, von echten Menschen gespielt, die ohne Mühe improvisierten und einander zulächelten, wenn die Improvisation daneben ging.
Das Klavier ist das einzige Stück im ganzen Haus, was die Möbelpacker noch nicht abgeholt haben. Dazu braucht man einen Spezialtransporter, sagen sie und meinen, dass der Kasten durch die vielen Transporte und die ganzen Jahre ziemlich brüchig geworden ist. Ich komme jeden Tag hierher. Weil ich, wenn ich meine Hände auf die Tasten lege und ein paar Akkorde anschlage, manchmal meinen Vater spielen hören kann.

© 2004 by Martin Andreas Bodden. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Eine eigentlich brauchbare Idee wird konsequent zu Grabe getragen, weil die einzelnen Abschnitte und Inhalte nicht zueinander passen wollen.
Dass Schreibfähigkeit vorhanden ist, z.B. lebendiges Beschreiben (siehe z.B. die Personifizierung der Instrumente) und schnörkelloser Stil, ist fraglos – daran fehlt es überhaupt nicht! Aber eine Erzählung braucht einen Plan, braucht ein Voranschreiten, braucht ein klares Ziel, das angesteuert wird. Das fehlt und hat wohl damit etwas zu tun, dass weder von dem Klavier noch von dessen Bedeutung für den Vater und den Protagonisten geschweige denn von den Umständen seiner Entdeckung klare Vorstellungen existieren. Man hat den Eindruck, dass hier je nach Lust und Laune erfunden wurde, wie’s einem halt ins Hirn schwoll. Die Brille anerkennt einzig und allein die Schreibfähigkeit, die Erzählung selber taugt gar nichts!

Die Kritik im Einzelnen

Die Bedingungen stimmten, dass unser Protagonist ein besonders guter Entertainer hätte werden müssen – es gibt folglich mehrere; jetzt folgt eine einzige: er war von klein auf nur von Musikern umgeben. Welches sind dann die anderen Bedingungen – oder ist jeder einzelne Musiker eine besondere Bedingung? Das bedarf der Klärung! Zweitens bedarf der Klärung, wieso er ein besonders guter Entertainer hätte werden sollen; und letztlich bedarf der Klärung, wieso ein besonders guter Entertainer eigentlich auf Musik beschränkt sein soll (was wieder zu den Bedingungen zurück führt) – es gibt durchaus besonders gute, die sehr wenig mit Musik zu tun haben (ich werde mich hüten, hier nur 1 Namen zu nennen, dazu sind mir die Geschmäcker einfach zu verschieden – letztlich ist es mir egal, wer einem Raab oder einer Engelke oder einem Gottschalk oder einem Bohlen oder einem Jauch oder einem Schmidt oder einer Feldbusch oder einem Dall oder einem Küblböck hinterher hechelt – jetzt habe ich hoffentlich den Zorn aller auf mich geladen? Fein!). So schön die Erzählung startet, so schnell verliert sie den Boden unter den Füßen; vielleicht wäre Musiker besser als Entertainer, und verzichtete man noch auf die Bedingungen, so läse sich der Beginn folgendermaßen: Ich wäre nie ein guter Musiker geworden. Obwohl ich von klein auf nur von Musikern umgeben war, hatte ich irgendwann festgestellt, dass mir das Talent fehlte. zurück
Diese beiden Wörter habe ich eliminiert in meinem Verbesserungsvorschlag, weil sonst zu viel Musik erschölle. zurück
An dieser Konstruktion habe ich zunächst lange herumgerätselt: Ursache dazu lieferten die beiden fast identischen Sätze wo es seit dem Tag stehtwo es an dem Tag stand. Diese Wiederholung ist fraglos ein nettes Spiel – aber sie behindert in erster Linie ein Verstehen! Warum wird die Tatsache, dass der Vater im Wohnzimmer gestorben ist und der Sohn sich jetzt dort aufhält, so verklausuliert? Ich halte eine einfachere Version für zweckdienlicher: Das Klavier meines Vaters steht immer noch im Wohnzimmer, wo es seit dem Tag steht, an dem ich es zum ersten Mal gesehen habe – und das geschah, als er starb.
Anmerkung und Nachtrag: Ich bin wiederholt darauf hingewiesen worden, dass man den Satz auch anders lesen kann, nämlich so, dass das Klavier schon immer im Wohnzimmer des Vaters gestanden habe und der Protagonist es deshalb seit Kindesbeinen kennt. Sollte das gemeint gewesen sein, müsste die verwirrende Zeitstufe gesehen habe geändert werden; der in diesem Sinne verbesserte Satz könnte dann lauten: …wo es seit dem Tag steht, an dem ich es zum ersten Mal gesehen hatte, und wo es auch an dem Tag stand, an dem er starb. Das änderte jedoch keinen Deut an dem späteren Problem mit den angeblichen Umzügen… zurück
Diese beiden und machen die Aktion schneller, als sie ist, denn sie geschieht auf Zehenspitzen und langsam. Ersetzt man die beiden und schlicht durch Kommas, entstehen Pausen, die die Langsamkeit (welche zu entdecken wir aufgefordert sind – deswegen auch immer wieder die Unterbrechung von Gedankenflüssen durch letztlich überflüssige Einschübe) unterstreichen:  Langsam klappe ich den Deckel hoch, lege meine Hände auf die Tasten, spiele einen Akkord. Ich bin nicht ganz zufrieden, eigentlich müssten jetzt noch ich und langsam zu Anfang des Satzes ihre Plätze tauschen, damit die Weiterführung echt astrein ist – aber wer sagt denn, dass ich immer ganz zufrieden sein muss? zurück
Das ist eine höchlichst seltsame Angabe, das! Der Icherzähler hat laut eigener Aussage das Klavier zum ersten Mal gesehen an dem Tag, als sein Vater starb. Klavierstimmer sind jedoch keine Möbelrestauratoren, die ihre »Visitenkarte« samt Datum hinterlassen! Woher also will der Protagonist wissen, wann das Klavier zum letzten Mal gestimmt wurde? Die einzig logische Erklärung wäre: als er das Klavier zum ersten Mal gesehen hat, war das Achtundachtzig – beim Tod seines Vaters war zufällig der Klavierstimmer anwesend und hat seine Arbeit pflichtgemäß vollendet. Daraus entwickelt sich die Frage, wie lange eigentlich das Klavier nicht mehr gestimmt wurde seit Achtundachtzig, denn es ist ja ziemlich verstimmt, mit anderen Worten: welches Jahr schreiben wir denn, als dies sich ereignet?
Dabei kann auf diese Pseudogenauigkeit problemlos verzichtet werden: …erschüttert mich der Klang – aber nicht, weil das Klavier verstimmt ist. So würde das überflüssige Suchen nach nicht vorhandenem Sinn entfallen an dieser Stelle. zurück
Was soll denn das?!  Wenn der Klang den Protagonisten – der ja angeblich Schriftsteller geworden ist – erschüttert, dann darf er das nicht einen Satz weiter mit dem oberflächlichen stutzig machen gleich setzen! Was ist »der Tod meiner Geliebten hat mich stutzig gemacht« gegen »der Tod meiner Geliebten hat mich erschüttert«? Oder kann es sein, dass hier erschüttern falsch ist und nicht stutzig ? Oder gar beide? Das wird sich (hoffentlich) klären, wenn wir weiter lesen – aber diese Gleichsetzung ist ein saugrober Schnitzer! zurück
Zunächst muss das Kind stundenlang üben, dann wird das entweder unverzüglich wieder vergessen oder noch eins drauf gesetzt, um es noch schlimmer zu gestalten: jetzt übt der Junge den ganzen Tag und immer wieder: was soll man da noch glauben?  Was ist an dem einfachen Satz Als Junge musste ich stundenlang am Klavier sitzen und Tonleitern üben, anstatt draußen herumzutoben oder Fußball zu spielen so unbefriedigend, dass noch eine Schippe draufgelegt werden muss (abgesehen von dem Jungen-Klischee)? Nebenbei: das ist eine ziemlich verschnarchte Musikerfamilie, wenn das Kind Tonleitern üben muss, statt Musik zu machen… zurück
Erneut eine albern-verrätselte Angabe: inwiefern war der Protagonist jünger? Jünger als im Moment (2004)? Jünger, als er als Junge gewesen ist? Jünger als beim Tod seines Vaters? Jünger als beim Verfassen des Textes? zurück
Jajaja, geschenkt, die Macht der Musik, erläutert unter angestrengter Zuhilfenahme dieser Trivialweisheit! Ich würde diesen und den nächsten Satz einfach streichen: was Musik bewirken kann, wird in späteren Passagen viel deutlicher und lebendiger als durch diese Phrasen! Der Schluss von diesem Absatz wäre dann: Aber ich liebte die Musik! zurück
Zur Erinnerung: diesen Satz hatte ich gerade eben gestrichen (s.o.). zurück
…und er redete mit den Fischen, Vögeln und Bäumen, zu ergänzen: Autos, Wohnblocks, Straßen usf. Warum sollte jemand mit seiner Umwelt kommunizieren? Mein Auto reagiert nicht auf gutes Zureden und bestimmt auch nicht auf ein zärtliches Gitarrensolo (allerdings muss ich gestehen, dass ich trotz Gitarrenkenntnissen Letzteres noch nie probiert habe – im Grunde also gar nicht weiß, wovon ich schreibe – peinlich, peinlich!), aber mit dem Zündschlüssel klappt die Kommunikation vorzüglich! Selbstverständlich kann man mit Musik besser kommunizieren: Kühe geben bei Bach angeblich mehr Milch, und dabei muss man nicht einmal selbst musizieren, Konserve langt da volle Kanne – und mit der Kuh reden nützt gar nichts (was die Milch betrifft)! Vor allem aber kann man mit Musik anders kommunizieren als mit Sprache – das ist doch wohl das Entscheidende. zurück
Und das soll bessere Kommunikation sein, wenn etwas perfekt imitiert wird??? Nun gut; dann imitiere ich zukünftig Goethe, dann sind meine Texte ebenfalls besser (sind sie sowieso – aber leider noch lange nicht besser als Goethes). Wenn jemand einem Instrument menschliche Laute entlocken kann, sagt das etwas über die handwerklichen Fähigkeiten des Musikers aus, nichts über seine Musikalität und schon überhaupt nichts über Kommunikation! Es soll ja auch Menschen geben, die die kleine Nachtmusik furzen können – das wären nach obiger Definition dann wohl die besseren Musiker? Was ein Schmarren! zurück
Warum bekommt dieser Satz einen eigenen Absatz – er ist doch die direkte, ja notwendige Weiterführung des vorangegangenen? Lasst zusammen, was zusammengehört!  zurück
Definitiv Kleider? Auch die Männer? Oder sollte Kleidung gemeint sein? Tschuldigung, war nicht dabei, mein ja nur… zurück
Das finde ich toll: Musiker, die keine Proben brauchen, sondern einfach nur spielen. Ich wage allerdings die Frage: haben die auch einzeln nie geprobt? Haben die ihre Instrumente schon immer beherrscht? Schütteln die ihre Lieder einfach so aus Saiten und Öffnungen, komponieren nichts, probieren nichts aus? Das ist eine grauenhafte Vorstellung!!! Aber vermutlich hat das Kind diese Phasen nie mitbekommen, er hat immer nur das Ergebnis gehört, und das Kind war vermutlich auch nicht in der Lage zu erkennen, wann Einstudiertes gespielt und wann innerhalb bestimmter Parameter improvisiert wurde! Oder aber: die Gruppe hat ein gewisses Level erreicht und spielt seitdem immer das Immergleiche, jeden Tag, jede Woche, alle Jahre wieder (was man beim einmaligen Hören auch nicht unbedingt feststellen kann: aber jedes Mal knarzt die Geige ihr »Duu-rrrrst, Duu-rrrrst!«, wenn etwas Getränkähnliches in Sichtweise kommt) – Nein Danke! zurück
Der Schriftsteller hat wahrlich gut daran getan, kein Musiker zu werden!  Sonst hätte er jede einzelne Note immer exakt gleich lang und mit identischer Intensität und Lautstärke gespielt, ohne jemals das Original gehört zu haben, eine immer gleiche Kopie seiner selbst; hier liegt ein eklatantes Missverständnis von Musik und Musizieren vor. Wenn jemand keine klassischen Konzerte mag (ich z.B.), dann soll er das doch einfach sagen – aber diese grotesken Rationalisierungen tun dem Rationalisierer gar nicht gut! zurück
Holla, die Möbelpacker sind gekommen! Da fragt sich doch, wer jetzt umzieht, wo Vater doch tot ist? Oder zieht niemand um, und Sohn lässt alles väterliche Hab und Gut bei sich in der Kingsize-Garage stapeln – es handelt sich immerhin um das komplette Inventar von einem ganzen Haus!? zurück
Es wird immer mysteriöser: wie alt ist dieses eigenwillige Klavier? Was wissen die Möbelpacker von den vielen Transporten? Wie lange hat unser Schriftsteller seinen Vater nicht besucht, wenn er das Klavier doch zum ersten Male bei dessen Tod erblickt? zurück
Ende gut, alles gut – aber nicht hier, hier nicht! Dass der Vater Klavier gespielt hat, lesen wir zum ersten Mal: bisher wussten wir nur, dass Sohnemann sich an einem Klavier abrackern musste. Dieses Klavier aus Jünger-als-Jungstagen ist nicht mehr, sondern jetzt gibt es das, auf dem unser Schriftsteller jeden Tag seit Vaters Tod ein paar Akkorde spielt, das zudem ziemlich verstimmt ist (vermutlich war der Klavier spielende Vater gegen Lebensende irgendwann nach Achtundachtzig ziemlich taub – ich sage nur: Beethoven!) und ihm bis dato völlig unbekannt, das aber dennoch höchst alt und brüchig ist wegen vieler Umzüge – und dabei hört er den Vater spielen: ja, hatte Sohnemann denn dabei immer die Augen zugemacht? Er hätte dann das Klavier doch sehen müssen!  Oder ist er gar  – nein, geht nicht, dazu sind viele Beschreibungen in diesem Text zu visuell. Da passt hinten und vorne nichts mehr! Hier, am bitteren Ende, ist die Erzählung nunmehr aus allen Rudern gelaufen… UND…
…und zu allem Übel warteten wir die vielen Zeilen lang und warten wir immer noch auf die Beantwortung der Kardinalfrage: WAS HAT DEN PROTAGONISTEN EIGENTLICH SO ERSCHÜTTERT? Nichts! Schlichtweg GAR NICHTS! Nicht einmal STUTZIG hat ihn etwas gemacht – der schwafelt einfach nur so vor sich hin! zurück

Textkritik: Freitod – Lyrik

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Wenn leben nur noch leiden heißt,
wenn Trauer Momente des Glücks zerreißt,
wenn die Sonne dunkel auf uns scheint
und die verlorene Kindheit in uns weint.

Wenn Liebe nur von Angst erzählt,
die Hoffnung stirbt und weiterquält
uns der Gedanke, allein zu sterben
und überall sind nur noch Scherben,

zerbrochen all das Glück und Licht,
man sucht es, aber findet nicht,
weil Verständnis nach Beweisen schreit,
dann heilt nicht mal mehr die Zeit
die Wunden der Vergangenheit,
und alles ist zum Tod bereit.

Wenn jeder Schritt unmöglich ist
und man den Weg zum Ziel vergisst
Gefühle nicht mehr fühlbar sind,
wenn Augen nicht mehr sehn und blind
die Leere uns vor Augen führen,
dann kann uns niemand mehr berühren.

Wenn Atem sich nach Stillstand sehnt
und dabei schon am Grabmal lehnt,
bereit das Dunkel zu betreten,
könn‘ noch so viele Engel beten,
Gebete werden ungesehen
mit letzter Hoffnung untergehen.

Wenn Monster uns bei Nacht besuchen,
wir Lust und Leid und Kampf verfluchen,
wenn niemand uns die Hände reicht
und Wut sich durch den Körper schleicht
zu suchen einen Ort zum Wohnen
bei all dem Bösen der Dämonen.

Wenn Ohnmacht alle Sinne raubt,
man selbst sich nicht das Glück erlaubt,
wenn Stärke und Schwäche im Kriege liegen,
kann immer nur der eine siegen.

Wenn Geister vorbei gehn, in Schwarz gehüllt
mit Körben, die randvoll mit Erde gefüllt,
ein Lächeln auf all ihren blassen Gesichtern
und in ihren Händen dir zeigen mit Lichtern
den Weg, der nach unten führt, um zu erlösen
den Geist, deine Seele von all diesem Bösen.

Wenn das Flüstern im Kopf wieder anfängt zu schrein
und man sucht nach dem warmen, erlösenden Schein,
der versprochen so oft schon am Ende des Lebens,
doch man findet ihn nicht, es scheint alles vergebens.

Wenn sich das eigene Ich verändert,
einem Tag zum nächsten schlendert,
am Leben nur aus Pflichtgefühl,
längst aufgegeben im Gewühl
nach Hoffnung, Licht und Glück zu suchen

© 2004 by Janine Kecskes. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Dumpfgebrumme.
Freitod ist ein alberner Euphemismus für Selbstmord, denn dieser ereignet sich gerade nicht frei, sondern in psychischen Ausnahmesituationen; und er ist in den allermeisten Fällen längerfristig geplant. Nimmt man das Wort Freitod ernst, so müsste sich einer aus Jux und Dollerei aus dem Leben befördern. Oder sollte diese Überschrift gar ironisch gemeint sein? Denn hier wird kein Klischee ausgelassen, und deren gereimte Zusammenklumpung ist nachgeradezu sensationell schräg!
Und manchmal frage ich mich, aber nur ganz zaghaft: warum bekomme ich immer wieder solche Texte zugeschickt? Ich gehe eigentlich davon aus, dass Zuschicker meine Kritiken lesen und verstehen; doch die Zweifel werden größer: irgendwie wollen manche nicht begreifen, dass herausgeschriene Gefühle nur Geschrei sind, ausgebreitete Gefühle nur Brei, dass zu literarischen Texten Arbeit an Wörtern und Bezügen gehört, eine ästhetisch-symbolische Verdichtung! Dank dieses Unverständnisses könnte ich die nächsten beiden Jahre nur solche Verrisse schreiben – genug Material hätte ich! Zum guten Glück gibt es aber noch genug andere!

Die Kritik im Einzelnen

Dass alles Leben nur Leiden ist, weiß allerspätestens seit Buddha jeder, der es wissen möchte, und jener weiß und weist immerhin den achtfachen Pfad, das Leiden zu überwinden. Hier aber bekommen wir 10 unterschiedliche Abschnitte serviert, die so gar nicht zueinander passen wollen: denn wenn alles leben nur noch leiden heißt, wie kann es dann noch Momente des Glücks geben? Aber die muss es laut Gedicht geben, sonst wäre die Trauer arbeitslos, hätte nichts zum Zerreißen! Da könnte einem die Trauer doch wahrhaftig Leid tun! So aber ist sie zum Glück beschäftigt (kann Trauer Glück haben?), und darüber hinaus weiß jetzt endlich jeder, der es noch nie wissen wollte, was dieses Dumpfwort »Trauerarbeit« letztlich bedeutet: es ist ein Synonym für den Glücks-Reißwolf.
Der erste Abschnitt ist noch nicht zu Ende, es wird eine weitere Bedingung für den Freitod (?) genannt: die Sonne muss dunkel scheinen – pardon: auf uns scheinen. Da reicht ein einfaches Scheinen irgendwo in die Pampas nicht, nein, wir müssen wahrnehmen, dass sie dunkel scheint. Wenn man die Augen dicht verschließt (nachdem man sich des Sonnenscheins versichert hat, nicht, dass es einfach nur Nacht wäre),  und noch ein Tuch darüber bindet – dann wird es schön finster. Aber das liegt nicht an der Sonne – wir haben halt das alte Klischee, dass es um uns gehörig finster wird, wenn es uns nur schlecht genug geht – geschenkt! Doch ungeachtet strahlender Finsternis, Reißwolfgeräuschen und Dauerleiden ereignet sich unverhofft ein unerhoffter Hoffnungsschimmer:  Die verlorene Kindheit ist wieder da! In echt! Was haben wir gegrübelt, was haben wir geforscht – und da hockt sie in uns und weint Freudentränen, weil sie nicht mehr verloren ist, sondern endlich wieder gefunden! Was sagt man dazu? Nichts! Man bricht nach dieser vierten Bedingung einfach ab und macht einen Punkt! Die Schlussfolgerung (wenn-dann) fehlt, denn irgendwie führen diese vier wenn zu nichts Unerfreulichem – also Neubeginn! zurück
Neue Bedingungen für den Freitod müssen her:  Wenn Liebe nur von Angst erzählt ist insofern hübsch, als dass hier Liebe vorausgesetzt wird, sonst könnte sie nichts erzählen! Wem erzählt sie eigentlich von welcher und wessen Angst? Fest halten wir: Es gibt noch Liebe! Die Hoffnung hingegen stirbt (lässt also die Liebe allein), und uns (wer ist bitteschön uns? Ich halte mich wie üblich da raus und davon fern!) quält ein Gedanke weiter – bislang war noch kein Gedanke ausgesprochen, der hätte quälen können; der wird jetzt zum ersten Male genannt: allein zu sterben und überall sind nur noch Scherben. Das ist dank fehlendem Komma ein wahrhaft nebulöser Gedanke! Doch auch wenn uns nur der Gedanke allein zu sterben quält, warum schließen wir uns dann nicht einfach der Hoffnung an, die ist doch eh grad dabei? Dann stürben wir selig miteinand, und nur die Liehiebe bliehiebe zurücke! Alle Probleme lösten sich wohlgefällig – kein Gedicht müsste geschrieben, keines besprochen werden!
Bedauerlicherweise ist das nur so, wenn man das, was man so liest, auch ernst nimmt und das Wort beim Wort. Und entsprechend endet auch dieser Abschnitt und führt in die nächste Strophe weiter: überall sind nur noch Scherben – das kann ich schon jetzt im Brustton der Überzeugung bestätigen. Wobei mich die Frage beschleicht: ist das eigentlich ein verkappter Konditionalsatz, der da meint: wenn überall nur noch Scherben sind…? Schließlich warten wir auf eine Schlussfolgerung! zurück
Ojoijoi, jetzt wird es oberhappig! Vorhin hat die Trauer das Glück zerrissen – und jetzt ist es angeblich zerbrochen (getreu dem Motto: was schert mich mein Geschreibsel von vorhin!), zudem ist das Licht ebenfalls zerbrochen (oder fehlt hier wieder ein sinnstiftendes Komma hinter Glück? Aber: viel Sinn würde das nicht verursachen, allenfalls grammatische Klarheit: vergessen wir das einfach!), obwohl man das ja nicht sehen kann, da die Sonne bekanntlich dunkel scheint oder schien und dies dunkle Licht jetzt zerbrochen ist oder was immer das heißen mag, und dann sucht man das Glück oder das Licht oder beides und findet es nicht – Kunststück: Glück liegt im Reißwolf – und draußen ist es schön finster, während innen die wieder gefundene Kindheit mittlerweile Freudentänze aufführt, weil die Liebe übrig geblieben ist nach dem Ableben der Hoffnung – wer kennt sich da noch aus? Ich würde ebenfalls nichts mehr finden, könnte nicht einmal in Ruhe suchen, zumal jetzt noch das Verständnis nach Beweisen schreit dafür, dass es eben Verständnis ist und keine Beweise braucht, sondern Gründe, sonst wäre es kein Verständnis, sondern Verstand. Was für ein Missverständnis von Verständnis…
Ha, jetzt kommt’s: endlich das dann: wenn – dann, wer sagt’s denn! Was also ist nach all den Wenns? Dann heilt nicht mal mehr die Zeit die Wunden der Vergangenheit … Nanü? Wovon ist hier die Rede? Welche bzw. wessen Vergangenheit? Die wieder gefundene Kindheit kann nicht gemeint sein, die ist ja geheilt, die Hoffnung ist tot, die Liebe labert und die Trauer leistet Trauerarbeit. Ich gebe zu, ich verstehe das nicht. Aber vielleicht kommt die Auflösung ja später? Man soll die Hoffnung nicht aufgeben, sonst stirbt sie – so ist das nämlich!
Und jetzt der Oberclou des Ganzen: und alles ist zum Tod bereit!  ALLES – mit weniger gibt sich das Gedicht nicht zufrieden! Alle Scherben sterben, – das ist mir einfach zu viel, zumal die Hoffnung überhaupt nicht bereit dazu ist, sondern bereits tot! Nein, einen solchen Unfug mache ich nicht mit, und ich und du und Sie und er/sie/es und sogar das literaturcafe.de, wir gehören alle zu alles…  seid ihr etwa bereit? zurück
Wenn jeder Schritt unmöglich ist, kann man das Ziel getrost vergessen – sofern man bewusst etwas vergessen kann; dennoch bleiben die logischen Probleme: ist das ein kopulierendes und (und man den Weg zum Ziel vergisst) oder ein rein additives, will sagen: müssen beide Wenns zutreffen oder ist die Aussage wahr, wenn nur eines der beiden zutrifft? Letztlich ist das aber bestimmt wieder wurschd, es sei denn, dass man sich zum Ziel fahren oder meinetwegen tragen lässt, wenn man nicht mehr laufen kann – in diesem Falle sollte man um das Ziel noch wissen. Fahrzeuge jedoch kommen in dem Gedicht nicht vor, und alle anderen sind zum Tod bereit – kein Grund folglich, noch jemanden zu tragen. Zumal ja das Ziel offenbar der Freitod (geworden) ist. Die ganze Zeile wird damit ziemlich hinfällig…
Jetzt wird weiter paradoxiert, indem landläufigste Augen-Metaphern zusammengebastelt werden zu einem verballhornten Ödipus-Syndrom – denn was nützt Blindheit als zusätzlicher Schrecken, wenn wegen totalem Schwarzlicht eh nichts mehr zu sehen ist? Und zu glauben, dass da Leere ist, bloß weil man nichts sieht und kein Gefühl mehr fühlt, ist beinahe schon wieder kindlich-naiv: Kleinkinder stehen mitten im Zimmer, halten sich die Augen zu und kreischen »Such mich« – und haben mächtig Spaß, wenn man schimpfend und der gespielten Verzweiflung laut Ausdruck gebend hilflos durchs Zimmer irrt, bis man dann doch noch zufällig über sie stolpert (Warnung: das Spiel kann sehr lange dauern!); diese heitere Variante allerdings schließt dieser Abschnitt völlig aus, denn hier wird höchst verblüffend gefolgert: wenn wir nichts sehen und keine Gefühle mehr fühlen, dann kann uns niemand mehr berühren. Ich gestehe: da bin ich mit meinem Deutsch so ziemlich am Ende, denn ich weiß, dass berühren zweierlei Bedeutung hat: deswegen müssen ja beide zutreffen, schließlich kommt dieser Text als ein Gedicht daher…  zurück
Wir erinnern uns: jeder Schritt ist unmöglich. Okay? Dann weiter im Text:
Jetzt wird der Atem verpersonifiziert: der sehnt sich nach Stillstand, obwohl er bereits still am Grabmal lehnt – meiner Treu, das ist hochgradig Alzheimer, woran dieser Atem krankt! Damit aber nicht genug: er will das Dunkle betreten – das kann er aber nicht, es ist doch schon alles überaus finster! Zudem – wir erinnerten uns – ist jeder Schritt doch unmöglich!
Wir erinnern uns: alles ist zum Tod bereit.
Stimmt aber gar nicht, ätschebätsche: da beten ganz viele Engel wie der Teufel für den sterbenswilligen Atem, die sind keinesfalls zum Tod bereit, fallen wohl auch nicht unter den Begriff alles (man darf gespannt sein, was dieser Begriff alles noch alles ausschließt…) – und haben auch noch unglaubliches Pech: der Gebetsempfänger sieht die Gebete nicht einmal an! Was waren das noch für Zeiten, als Gott die Gebete hörte, ja erhörte – aber seit dem Computerzeitalter und den dadurch neu geschaffenen Netzproblemen kann es schon vorkommen, dass einige Gebete-eMails ungesehen untergehen – das ist das Teuflische an der modernen Technik! Ach, wenn es doch wenigstens unbesehen hieße, das könnte ja noch durchgehen – aber es heißt eben ungesehen…
Wir erinnern uns: die Hoffnung mindestens ist bereit gestorben.
Jetzt aber gehen die Gebete mit letzter Hoffnung unter – das heißt: wenn die Hoffnung stirbt, gibt es immer noch einige letzte Hoffnungen, zumindest eine für jedes Engelsgebet; tja, was es nicht so alles gibt in diesem Gedicht. Wir könnens nicht ändern, so steht es geschrieben. zurück
Es wird – man glaubt es kaum – noch schlimmer: Jetzt werden uns Krümelmonster auf den Hals gehetzt (auch die gehören nicht zu alles!), und zwar nachts (obwohl es schon tagsüber finster ist: woher wissen die Monster ihre Einsatzzeit – gerade die müssten ja völlig von der Rolle fallen?), und unser Atem, der da am Grabmal lehnt, arbeitet heftigst, damit wir fluchen können auf Lust und Kampf, die eh schon zum Tod bereit sind (es sei denn, die gehören auch nicht zu alles – nur immer weiter so!), und auf das Leid, obwohl alles Leben sowieso leiden ist – steht doch schon in der allerersten Zeile! Und bei allem Respekt: wie soll uns den jemand die Hände reichen, wenn uns niemand mehr berühren kann? Und woher kommt die Wut, wo doch Gefühle nicht mehr fühlbar sind? Und zu allem Überfluss sucht die sich einen Ort zum Wohnen bei all dem Bösen der Dämonen! Ich frage mich ernsthaft, was die Wut da will – da gehört sie nicht hin, denn das Böse ist nicht wütend, das kommt eher cool und grinsend daher – siehe Mephisto, siehe Bush! Und mir vorzustellen, was und wo der Ort im Menschen sein soll, wo nicht die Dämonen wohnen, sondern all das Böse der Dämonen – dazu gebricht es mir an der nötigen Fantasie (zumal hier schon wieder der Begriff alles auftaucht und ich – aus Erfahrung klug geworden – davon ausgehen muss, dass damit bestimmt nicht all das Böse gemeint ist, sondern eine allenfalls beliebig kleine Teilmenge). »Was ist der Mensch? Ein Wohnhaus grimmer Schmerzen« wusste schon Gryphius (obwohl er das vorliegende Gedicht gar nicht kennen konnte…). zurück
Und jetzt zu etwas ganz Anderem: man ist mindestens schon halb tot, jetzt raubt einem frecherweise die Ohnmacht noch alle Sinne (die man bekanntlich schon nicht mehr beieinander hatte, wie die vergangenen Abschnitte zeigen) – es ist drum also nicht gerade schade; jetzt wird das zerrissene, verscherbelte Glück zu allem Überfluss auch noch post mortem moralisch gequält, indem man es sich nicht gönnt (verständlich, wer ist schon nekrophil veranlagt); schließlich liegen Stärke und Schwäche im Krieg (ich nehme an: miteinander? oder beide gemeinsam gegen den Oberfeind, z.B. den Freitod?) – und wenn dieses drei Bedingungen zutreffen, dann kann immer nur der eine siegen: das kann weder die Stärke noch die Schwäche sein noch das Glück noch die Ohnmacht, allenfalls der Sinn – aber der ist samt Verwandtschaft geraubt – steht halt so im Text, kann ich nichts für. Einen anderen der bietet dieser Abschnitt nicht – stopp, halt: der Krieg! Der Krieg siegt. Aber – wenn der Krieg siegt, dann ist ja beständig Krieg, dann dürfte auch nicht alles zum Tod bereit sein, denn der Krieg würde in diesem Falle ebenfalls mangels Masse sterben müssen – und hätte elendig verloren! Dann muss es eben der Freitod sein, so heißt ja schließlich unser Gedicht. Ich weiß dann freilich immer noch nicht, wie der Freitod beim Rauben siegen kann oder beim Sich-das-Glück-nicht-Erlauben, allenfalls kann ich mir vorstellen, dass der Krieg zwischen Stärke und Schwäche endet durch den einzig vernünftigen Freitod: »He, Kumpel, weißt was? Ist doch blöd, so ein unablässiger Streit zwischen uns, sind doch beide gleich stark bzw. schwach, will dich jetzt nicht beleidigen – wir bringen uns einfach selbst um, dann is a Ruah!« – «Recht hast!» Gesagt, getan – und der Freitod ist echter Sieger, wie das Gedicht es uns prophezeit hat. Schön! Doch das Gedicht selbst gibt immer noch keine Ruh, es setzt immer noch einen drauf: zurück
Die Monster sind wieder verschwunden, jetzt gehen höchst eigenwillige Geister vorbei: sie sind in Schwarz gehüllt mit Körben, die randvoll mit Erde gefüllt – wie kann man sich mit Körben einhüllen? Ich nehme an, dass hier wieder mal ein Komma vergessen wurde, es erstaunt auch nicht weiter, ja, wäre geradezu überraschend, wenn die Zeichensetzung als Einziges stimmen sollte. Wir erfahren, dass Geister (es müssten, rein syntaktisch gesehen, übrigens die Körbe sein) blasse Gesichter haben (wer hätte das gedacht) – aber jetzt – Töröööö – kommt das wirklich neue: jedes Gespenst hat gleich mehrere Gesichter, jawoll! Denn es steht geschrieben: ein Lächeln auf all ihren blassen Gesichtern. Die nicht-blassen Gesichter hingegen ziehen wahrscheinlich eine Schnute – das hat man davon, wenn man sinnlos Adjektive streut und mit dem Wörtchen all herumwirft – denn auch ohne das blass hätte jeder Geist dank dem all mehrere Gesichter!
Geht’s noch? Es geht tatsächlich noch viel schlimmer: die vielgesichtigen Geister, die vorbeigehen (!) und Körbe, randvoll mit Erde, tragen(!), die zeigen (!!:mit welchen Händen? Oder mit der Nasenspitze? Haben sie zu jedem Gesicht auch noch zwei Extra-Arme, z.B. zum Zeigen…) mit Lichtern (!!!:…oder zum Lichtlein-Tragen) in ihren Händen (!!!! die bereits mehr als vollbeschäftigt sind mit Körben, Lichtern und Zeigefunktionen) den Weg (!!!!!  jetzt tragen die auch noch einen kompletten Weg, denn sie zeigen ihn ja in ihren Händen – und das alles beim Vorbeigehen…), der nach unten führt. Atempause ist jetzt dringend erforderlich!
Genug geatmet, der Kerl lehnt auch schon wieder gierig hechelnd am Grabmal, also:  Der Weg wird jetzt seinerseits personifiziert, denn ihm wird eine Absicht untergejubelt: er soll den Geist erlösen, und der Geist sei meine Seele (woher kennt mich das lyrische Ich eigentlich so genau?) – also fand oben wohl gerade eine Seelenwanderung mit schwerem Gepäck statt – welch trübe Aussichten! Dann doch lieber ganz und immer tot! Die Personifizierung geht aber schon in Ordnung, irgendwie: der Weg ist schließlich das Ziel, das man – nochmals: zu Recht – vergessen hat (s.o.). Irgendwie geht diese Personifizierung aber ganz&gar nicht in Ordnung, denn der Weg weist ja nicht den Weg, sondern das Ziel: die Erlösung von all dem durchgestandenen Unsinn, diesem Bösen an sich! Doch die Erlösung lässt immer noch auf sich warten, noch zwei Abschnitte harren der Begutachtung – aber man soll die Hoffnung nicht aufgeben, sonst stirbt – ach, das hatten wir schon? Sorry! zurück
Machen wir’s kurz (wird aber nicht klappen): da fängt das Flüstern wieder an zu schrein, obwohl es bisher noch gar keines gab (so viel zu das Flüstern und zu schrein) – und wer könnte das schon hören, sind doch alle Sinne geraubt (vermutlich gehört der Hörsinn nicht zu alle Sinne, dieses Verfahren kennen wir allmählich, wir sind ja schließlich lernbereit); man sucht nach dem warmen, erlösenden Schein, während man zuvor noch allzeit bereit war, das Dunkel zu betreten, und dieser Schein sei versprochen so oft schon am Ende des Lebens – wie viele Lebensenden hat denn unser lyrisches Ich eigentlich hinter sich, dass es sich an so viele Versprechen erinnern kann? Eiwei! Man findet den warmen, erlösenden Schein aber keinesfalls – man fühlt ja nichts mehr und hat keine Sinne: da ist keinerlei Art von Wärme mehr wahrzunehmen; zudem ist man so was von blind (siehe den Augenabschnitt – es ist der vierte, habe keine Lust mehr, hier rumzulinken), dass allein der Gedanke an eine solche Suche bereits Fanal für Alzheimer in seiner ausgereiftesten Form ist! Das scheint nicht nur vergebens, das ist vergebens – ganz ehrlich! zurück
Und noch eine Bedingung: wenn sich das eigene Ich verändert. Das wäre oberschlimm! Mein Ich bleibt zum Glück immer gleich, ich bin immer noch der strahlende Säugling und ernähre mich von der Mutter Milch, weiß von nichts und kümmere mich um nichts, lass den lieben Gott in Ruhe, kann nicht lesen und nicht schreiben, will ein Leben lang so bleiben – nein, mein eigenes Ich verändert sich nicht (wohingegen mein anderes Ich machen kann, was es will, ist ja schließlich nicht mein eigenes!); und noch eine Bedingung: das eigene Ich nimmt eine Ortsveränderung vor – gefährlich, da könnte es unter die Räder kommen! Obwohl: jeder Schritt ist unmöglich, also ist diese Zeile auch gelogen. Macht nichts, kennen wir, wissen wir: sie ist die Erste nicht! Am Leben ist dieses bewegungsunfähige Ich auch nur aus Pflichtgefühl – fein, sag ich da nur! Klasse auch! Aber, so frage ich, Pflichtgefühl gegenüber wem, vor welcher Instanz, und für wen? Soooo einfach stiehlt sich hier niemand davon! Und aufgeben, im Gewühl nach Hoffnung, Licht und Glück zu suchen? Kleiner Tipp: das Glück ruht im Reißwolf, nicht im Gewühl, frag mal die Trauer, die arbeitet daran, oder suche die Scherben, aber vergiss nicht, dass du blind bist, könntest dich schneiden, würdest aber nichts spüren, da die Sinne bei der Ohnmacht sind, das kann tödlich sein! Übrigens: selbst wenn du sehen könntest, könntest du nichts sehen, weil es nämlich dank der Schwarzlichtproduktion der Sonne zappenduster ist. Es ist wirklich nur allzu vernünftig, wenn du diesen Blödsinn jetzt endlich aufgibst! Bring das Gedicht zu Ende, ergänze die fehlende Zeile – Vorschlag? Vorschlag:

dann backt es Schokoladenkuchen. (Nicht gut? Zugegeben, wie wärs mit:)
dann hilft nur eins: Mallorca buchen! ( Auch nicht gut? Auf ein Letztes:)
…»Dann musst es halt noch Mal versuchen!«

(Nix da, mehr gibt’s nicht! Macht’s doch selber, ich schenk euch ein paar Reimwörter: besuchen, ersuchen, verfluchen, tuchen (was das ist? ein Adjektiv: »aus Tuch bestehend«), untersuchen, Eunuchen, diverse Kuchensorten, heimsuchen, absuchen, nachsuchen (und noch viele andere -suchen)… Schönen Tach auch, und Gute Nacht! zurück

Textkritik: Hochzeits-Nacht – Romanausschnitt

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Der Motor springt an. Martin versichert sich, dass der Vierradantrieb eingeschaltet ist, und beschleunigt stark. Die Räder fressen sich mit verbissener Anstrengung die Steigung hoch, auf der wir gestern mit meinem Auto abgerutscht sind.
Herbstblätter und Schlammspritzer.
Oben die Landstraße.
Kurven, die durch den felsigen Zauber dieses Engpasses führen, in den wir gestern Abend nicht geraten konnten, in dem wir aber in Martins Haus die Nacht verbracht haben.
Unmöglicher Engpass aus Bergen.
Erlebter Engpass aus Worten.
Zu eng für vier.
Das Ortsschild Longeray. Menschen im Dorf, die Martin grüßen, ihm zulächeln. Er grüßt mit der Hand zurück.
»Wohin wollt ihr?«, fragt er nach dem Tunnel.
Ich sehe Sina an. »Zu mir«, denke ich. Unvermeidlicher Blick auf ihre Bluse. Plötzlicher Gedanke: und die Grenze, die Zöllner? Aber jetzt ist es zum Umziehen zu spät.
Sie sieht mich auch an. »Ja, Claire, zu dir.«, sagt sie matt.
»Also nach Carouge.«, antworte ich Martin. »Sina muss sich duschen und umziehen, bevor wir zu Carlo fahren. Und du kannst von meiner Wohnung aus deine Söhne anrufen.«
Martin nimmt die Straße, die die Rhone überquert und via Grenze von St-Julien nach Genf führt. Die Herbstfarben bedecken nun die Wiesen und die Flussufer, aber kaum mehr die zerfetzten Wälder. Gefallene Bäume. Schwere Rhone aus Schlamm und Ästen. Regentropfen auf den Scheiben.
Im Innern des Autos fiebriges Schweigen. Erschöpft von zu vielen Worten. Wir drei, wie innerlich atemlos. Ruhen uns aus nach der Dichte der Ereignisse einer einzigen Nacht. Aber trotz des Versuchs, nicht hinzuhören, wie ein fernes Getöse, spukt in mir noch das Echo unserer eigenen Stimmen und Worte.
Herzklopfen vor Müdigkeit.
In den französischen Ortschaften der Landstraße ein gewöhnlicher Samstagmorgen, was sonst? Der Sturm, ja. Ein paar zerschellte Blumentöpfe, irgendein entdachter Schuppen, Folgen eines klimatischen Wutausbruches. Aber die Menschen kommen wie gewöhnlich vom Markt, Salat und Brot fürs Mittagessen, sie halten ein, um zu plaudern, sehen uns Vorbeifahrende vielleicht an, vielleicht nicht. Sehen uns aus einer so anderen Welt heraus an, als wir sie. Alltägliche Welt, die nichts weiß von der brutalen Wendung unseres All-Tags.
Dann St.Julien, die Grenze zwischen Frankreich und der Schweiz.
Julien. Auch er hat die Grenze überschritten. Julien, der im Engpass stecken geblieben ist, wie mein verunfallter Wagen. Mit dem er selbst gestern Abend im Schritttempo eine Distanz von zwanzig Kilometern in einigen Minuten zurückgelegt hat. Immer noch ein Rätsel, aber inzwischen nichtig geworden.
Zwei Schweizer Zöllner schauen auf Martins Wagennummer, Null-eins fürs Departement Ain. Halten uns für Grenzgänger, was sonst. Sie achten nicht auf die Flecken auf Sinas olivgrüner Bluse, fragen nicht nach deren Farbe. Winken uns weiter.
Langgezogenes Perly aus Tankstellen und Wechselstuben. Trostlosigkeit des Industriegebiets. Tramdepot, Reklameplakate mit groteskem Gelächel. Gehupe, Aufs-Gas-Drücken, Gehetz.
Wir erreichen Carouge.
»Wo wohnst du?«, fragt Martin.
»Place de l’Octroi. Bieg da vorne links ab.«
Ich dringe in mein Gestern ein, in ein immer fremder werdendes, altbekanntes Carouge, das meint, dieses Heute sei einfach eine narbenlose Fortsetzung jenes Gestern.
Und jetzt? Wie soll ich wieder in den Rhythmus dieses schwingenden Springseils hineinhüpfen ohne mich zu verheddern? Wie täglich meinen Schülern Französisch-und-Mathematik beibringen, sie mit Noten zwischen eins-und-sechs beurteilen? Was hätte Gott uns heute Nacht wohl für Noten gegeben?
Denn wir ahnten es wahrscheinlich alle drei. Es war die innere Stimme. Diejenige, die man nur dann hört, wenn man will, und die niemals lügt. Sie hat es zumindest Sina und mir gesagt.
Fremdes Carouge, ich will dich nicht mehr! Ich kann dich nicht mehr!
»Nummer elf, auf der anderen Seite der Tramgleise.«
Martin fährt auf den Platz und stellt den Motor vor meiner Haustür ab.
Die Wohnung. Auch hier ist die Zeit stillgestanden, wie in Carouge.
Sina ruft rasch ihre Eltern an, um sie zu beruhigen. Ich höre Teile des knappen Berichts im sizilianischen Dialekt. Sie hat ihren Vater erwischt, der schnell begreift, dass er jetzt nicht viel fragen kann. Dann telefoniert Martin. Kaffeemaschine einschalten, ihn allein lassen.
Schlafzimmer, saubere Kleider, dann geht Sina duschen.

***

Zusammenzucken, abgestoßen hinstarren, Gott, es kommt aus meinen Haaren! Das Wasser schreit mir vom weißen Duschboden her rücksichtslos zu, wie es genau passiert ist. Als könnte ich das je vergessen. Wild in meiner Mähne rubbeln, bis das Wasser wieder klar ist. Mich zu ruhigem Durchatmen zwingen, mich beherrschen. Denn was jetzt noch durchzustehen ist, muss weise angepackt werden. Gottseidank sind wir zu dritt. Aber ich allein habe heute Nacht diese Geschichte auf so erniedrigende Weise preisgegeben…
Mich kurz auf den Duschrand setzen. Gefühle wegdrängen. Es wie einen Gerichtsfall anpacken, klar ordnen. Doch vor mir liegt ein Minenfeld, denn Carlos Reaktion kann ich nicht voraussehen.

***

Martin hat aufgelegt. Die Kaffeemaschine muss jetzt warm sein. Während ich am Telefon vorbeigehe klingelt es, gedankenloses Abnehmen, Martin wendet sich mir zu,
»Hallo?«
Macht mir Zeichen, aber zu spät.
»Claire! Endlich, verdammt noch mal! Gottseidank! Was habt ihr bloß getrieben die ganze Nacht?«
Ich lasse mich in die Knie sinken. Schweige zu lange. Von mir wurde nichts gefordert heute Nacht, ich habe noch am meisten Kraft – also her damit.
»Claire? Wer…?«
»Ja, ich bin’s. – Carlo, es ist…«
»Die Polizei sagte, dass es auf dem Land furchtbar stürmte und Schäden anrichtete, seid ihr etwa da reingeraten? Oder hattet ihr eine Panne? Kein einziges Mobiltelefon antwortet seit gestern Abend!«
»Wir wurden mit offenem Dach von einem regelrechten Wasserfall übergossen. Dann…«
»Aber ihr seid doch ein paar Minuten nach uns abgefahren, oder? Wo habt ihr denn übernachtet?«
Ein paar Minuten. Um mein Wägelchen Juliens Grösse anzupassen. Das Dach ahnungslos Regen und Hagel zu öffnen. Ein paar Minuten zwischen dem vorgesehenen Kaffee bei Carlo und dieser Nacht im Engpass.
»Claire? Hast du mich gehört?«
»Ja, ja. Wir waren im Rhone-Engpass…«
»Wieso denn so weit weg, zum Teufel?«
»Julien machte noch eine kleine Fahrt mit uns, dann sind wir im Gewitter verunfallt. Wir waren alle unverletzt, bloß der Wagen ist hin. Wir übernachteten bei einem Anwohner, aber er hatte keinen Strom und kein…«
»Der Wagen ist hin – und ihr wart alle unverletzt? Seid ihr das inzwischen etwa nicht mehr?«
Anwaltsspürsinn! Wieso antworte ich auch auf seine Fragen, anstatt…
»Claire, ihr seid doch jetzt alle drei bei dir – oder sind Julien und Sina schon zuhause?« Der Druck und die tröstende Wärme von Martins Händen auf meinen Schultern.
»Nein. Hör mir jetzt bitte zu: Wir sind gestern zwar zu dritt abgefahren, aber nur Sina und ich sind eben zurückgekommen.« So sanft wie möglich: »Julien ist nicht einfach verletzt, Carlo. Julien lebt nicht mehr.«
»Was?«
Leere. Schmerz eines Vaters und mein Atem.
»Claire, das ist doch nicht wahr!«
»Doch, Carlo. Julien ist tot.«
Lange Sekunden aus Stille.
Dann die leicht bebende Stimme im Hörer: »Was ist ihm zugestoßen? Ist er im Unwetter…?«
»Nein. – Carlo, es braucht jetzt noch mehr Kraft, denn es war kein Unfall. Julien… hat sich vor etwa zwei Stunden erschossen.«
»Ersch…? Du bist doch wohl übergeschnappt! Das ist ja total…«
»Es ist leider die Wahrheit.«
»Aber… doch nicht Julien! Niemals! …und gestern war seine Heirat, das ist doch völlig durchgedreht! – Was ist in dieser Nacht vorgefallen, Claire? Was hat meinen Jungen… so weit treiben können?«
‚Meinen Jungen’… Gesicht abwenden, das Bild aus Sinas Erzählung verscheuchen!
»Der Verlauf dieser Nacht nahm völlig unerwartete Wendungen. Zum Schlafen kamen wir kaum. Niemand wollte wirklich verletzen, aber… hör, Carlo, wir fahren jetzt zu dir. Unser Gastgeber begleitet uns. Dann berichten wir…«
»Nein, Claire! Jetzt, sofort! Was hat Julien in einen… Freitod gejagt, verdammt noch mal?«
Ohne zu überlegen: »Die Folgen einer Bloßstellung vor Zuschauern. Wie in seiner Sendung, nur viel schlimmer.« Kopfschütteln. »Verzeih, das war brüsk. Aber zusammenfassend stimmt es. Wir fahren gleich los, Carlo, nur… was du hören wirst, ist ziemlich heikel. Benachrichtige noch niemanden, nicht mal Christian. Erwarte uns allein.«
Schweigen. Dann: »Macht schnell.«

© 2004 by Iris Torchio. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Die folgende Kritik (Zusammenfassung und Einzelkritik) stammt erneut nicht von mir, Malte Bremer, sondern von Nicole Thomas. Mehr dazu und zu ihrer Person findet sich hier. Jetzt aber zu »Nicoles Meinung«:

Ein insgesamt sehr gut gelungener Text. Die Sprache ist knapp und präzise und schafft es, ohne viele Worte lebhafte Bilder der jeweiligen Situation zu zeichnen. Einzig die mitunter nicht wirklich stimmigen Personifizierungen trüben den Lesespaß ein wenig.
Die weitaus meisten Kritikpunkte ergeben sich allerdings aus der Tatsache, dass es sich bei diesem Text um einen Auszug aus einem Roman handelt. Einiges erschließt sich dem Leser zwar nach und nach, doch viele Andeutungen sind nicht so ohne weiteres nachvollziehbar. Und für ein reines Appetithäppchen, das Lust auf die Lektüre des Romans machen soll, ist der Textauszug wiederum nicht kurz genug.

Die Kritik im Einzelnen

Besser: »Martin vergewissert sich… « Sich versichern klingt eher nach dem Erwerb einer Versicherungs-Police, vielleicht auch nach Autosuggestion, im Zuge derer der Fahrer sich so lange einredet, er habe den Vierradantrieb aktiviert, bis er es selbst glaubt. Gemeint ist hier aber ganz offensichtlich weder das eine noch das andere, er überprüft lediglich noch einmal etwas, und aus diesem Grund würde ich den Begriff vergewissert vorziehen. zurück
Zwar vermittelt diese Formulierung ein sehr anschauliches Bild der Situation, aber mir erscheint die Personifizierung der Räder – denn Anstrengung ist eigentlich etwas, das einem biologischen Organismus vorbehalten ist – insgesamt etwas zu sehr ausgeprägt und nicht wirklich korrekt. Denn es sind zwar schon in erster Linie, jedoch eben nicht ausschließlich nur die Räder, die hier einer regelrechten Belastungsprobe unterzogen werden, sondern hier wird das gesamte Antriebssystem des Wagens gefordert. Meiner Meinung nach wäre eine Formulierung wie der Wagen quält sich die Steigung hoch hier angemessener. Die Belastung des Materials wird so mehr als ausreichend deutlich, und die Personifizierung wird zwar beibehalten, steht jedoch nicht mehr ganz so sehr im Vordergrund. zurück
An dieser Stelle zeigt sich ein generelles Problem dieses Textauszugs: Er greift auf Informationen zurück, die dem Leser, sofern er nicht den gesamten Roman gelesen hat, unzugänglich sind. Meine Empfehlung wäre, alles, was nach dem ersten Komma folgt, wegzulassen, sowohl im Rahmen dieses Textauszugs als auch vielleicht sogar im kompletten Roman. Innerhalb des Textauszugs ist dieser Zusatz aufgrund der fehlenden Informationen nur verwirrend. Und im Roman selbst ist er vermutlich auch nicht unbedingt notwendig, da hier nur noch einmal bereits Gesagtes in zusammengefasster Form wiederholt wird, ohne dass daraus jedoch weitergehende Schlüsse gezogen würden. zurück
Hier bin ich mir nicht sicher, ob an dieser Stelle wieder auf nur aus dem Gesamtzusammenhang des Romans ersichtliche Informationen Bezug genommen wird, oder ob es sich schlicht um einen Fehler handelt. Zumindest im Rahmen des Textauszuges jedoch ist im Folgenden nur noch von drei Personen die Rede, wo jetzt plötzlich die Vierte herkommt, bleibt ein Rätsel. Ansonsten jedoch ein wirklich gut gelungener und sehr eleganter Schwenk von der Landschaft zu den Befindlichkeiten der Personen im Auto. zurück
Diese Erklärung nimmt sich innerhalb des sonst sehr knappen, auf das Wesentliche beschränkten Textes ein wenig umständlich aus. Ein Er grüßt zurück würde vollauf genügen. Wenn es jedoch wirklich so wichtig ist, dass die Hand Gesten vollführt: Wie wäre mit Er winkt zurück. ? zurück
Nach welchem Tunnel? Oder erschließt sich das wieder erst aus dem größeren Kontext des Romans? Mein Vorschlag wäre, diese schwammige Ortsangabe entweder zu präzisieren und konkret zu sagen, wo exakt sich dieser Tunnel befindet, oder, besser noch, komplett darauf zu verzichten. Für das Verständnis des Textes ist sie jedenfalls nicht zwingend notwendig und somit durchaus entbehrlich. zurück
Was ist denn mit der Bluse? Eine kurze Erklärung wie etwa zerrissen, blutbefleckt, oder was auch immer sonst diese Bluse so ansehenswert macht, wäre hier sehr hilfreich und mit großer Wahrscheinlichkeit auch innerhalb des Romans noch vertretbar. zurück
So anschaulich diese Beschreibung auch ist, erscheint sie mir dennoch nicht ganz so glücklich. Sicher, es gibt noch die Hautatmung, aber die gängige Assoziation bei Atem bzw. Atemlosigkeit sind doch wohl in erster Linie die Atemwege, und die sind nun einmal überwiegend im Körperinneren zu finden. Ich jedenfalls fände es besser, wenn man diese Empfindung etwas schlüssiger beschreiben könnte. zurück
Ich fände es besser, den Satz umzustellen: Aber trotz des Versuchs, nicht hinzuhören, spukt in mir wie ein fernes Getöse noch das Echo unserer eigenen Stimmen und Worte. Es verbessert meiner Meinung nach den Lesefluss. zurück
Besser: Übermüdung oder Erschöpfung, oder eine ähnliche, elegantere Umschreibung. Müdigkeit sorgt nämlich eher für eine verlangsamte Herzfrequenz, da sozusagen sämtliche Systeme heruntergefahren werden und der Körper auf die Schlafphase eingestimmt wird. Erst, wenn man die Müdigkeit ignoriert und sich auf diese Schlafphase nicht einlässt, steigt die Herzfrequenz wieder, da der Körper noch einmal alle verfügbaren Reserven mobilisiert. zurück
Da die Ortschaften nicht Bestandteil der Landstraße selbst sind, würde ich hier lieber Ortschaften entlang der Landstraße schreiben. zurück
In diesem Satz finde ich zwei Dinge nicht wirklich passend. Eine knappe, auf das Wesentliche beschränkte Sprache in allen Ehren, aber hier wurde mit dem Wort entdacht eine Erklärung in einem Adjektiv zusammen gefasst, das keinen Sinn ergibt. Was bitte soll das sein, entdacht? Etwa das Gegenstück zu aufgedacht? Wie wäre es statt dessen mit der Formulierung ein Schuppen ohne Dach? Und dass es der Sturm war, der dieses Dach abgedeckt hat, wird aus dem Zusammenhang deutlich genug ersichtlich. Zum anderen stört mich hier die Formulierung klimatischer Wutausbruch. Das Klima hat keine Emotionen, auch wenn die Menschen dazu neigen, Naturgewalten persönlich zu nehmen. Eine Formulierung wie Folgen des schweren Unwetters scheint mir hier angemessener. zurück
Diese Formulierung klingt seltsam gestelzt und falsch, ich würde hier einfach auf das gebräuchliche halten inne zurückgreifen. zurück
Das erscheint mir nicht ganz stimmig. Im vorhergehenden Satz wurde durch das vielleicht, vielleicht auch nicht eine Ungewissheit erzeugt, der hier dann plötzlich die Gewissheit gegenüber gestellt wird, dass die Einwohner der Ortschaften die Vorbeifahrenden tatsächlich ansehen. Es wäre besser, diesen Gegensatz aufzuheben, und sich eindeutig zu entscheiden, entweder Vermutung oder Gewissheit. zurück
Gibt es einen Grund für diese seltsame Schreibweise? Ich kann ehrlich gesagt keinen erkennen, und würde daher zu der üblichen Schreibweise raten. zurück
Warum sollten sie denn auch nach der Farbe fragen, die sehen sie ja schließlich. Interessant wäre höchstens der Ursprung dieser Farbe. Mein Vorschlag wäre: fragen nicht, woher diese (Flecken) stammen, oder eine ähnliche Formulierung. zurück
Zwei Dinge: Das Oxymoron würde besser funktionieren, wenn man die Anordnung der Worte ändert: altbekanntes, immer fremder werdendes Carouge. Zum anderen halte ich auch hier die Personifizierung wieder für nicht ganz so gut gelungen. Ich bin mir sicher, dass Carouge als Stadt keine Meinung zu dem Übergang zwischen gestern und heute hat. Die Einwohner der Stadt vielleicht, nicht jedoch die Stadt als solches. Es ist ein Unterschied, ob man eine Stadt als eine Art Organismus sieht, der immer in Bewegung ist, und, zum Beispiel wie New York, »niemals schläft«, oder ob man eine Stadt als eine einzige, geschlossene Person mit bestimmten Meinungen und Ansichten darstellt. Ich würde es so formulieren: altbekanntes, immer fremder werdendes Carouge, in dem das Heute nur eine narbenlose Fortsetzung jenes Gestern zu sein scheint. zurück
Der Sinn dieser und der vorhergehenden Bindestriche erschließt sich mir nicht. Sollen die verschiedenen Schulfächer bzw. Noten auf diese Weise zu einer Einheit zusammengefasst werden? Warum? Ich sehe keine Veranlassung dazu und würde diese Zeichen daher weglassen. zurück
Im Rahmen dieses Textauszugs ist dieser Abschnitt nicht mehr als Wortschinderei, da diese ganzen Andeutungen sich auf Ereignisse beziehen, zu denen der Leser hier keinen Zugang hat. Innerhalb des Romans mag diese Passage vielleicht durchaus ihre Berechtigung haben, hier jedoch ist sie einfach nur störend. zurück
Was kann sie dieses fremde Carouge nicht mehr? Ich schätze mal, nicht mehr ertragen? Meiner Meinung nach gibt es keinen plausiblen Grund, warum dieser Satz nicht vervollständigt werden sollte. So, wie er da steht, ergibt er jedenfalls keinen Sinn. zurück
Bis hierher war die knappe, bisweilen regelrecht gehetzt anmutende Schreibweise der Situation angemessen. Von jetzt an jedoch finde ich sie nicht mehr ganz so passend. Die drei Personen sind zwar offenbar immer noch in Eile, haben jedoch zumindest Zeit für einen Kaffe und gewissermaßen einen vorläufigen Ruhepunkt gefunden. Und dieser Ruhepunkt, so kurz er auch sein mag, darf sich meiner Meinung nach ruhig auch im Erzählrhythmus wieder finden. zurück
Wasser ist nicht rücksichtslos, und Schreien zählt für gewöhnlich auch nicht zum Repertoire seiner Geräusche. Wie wäre es mit: Der Anblick erinnert mich daran, wie alles passiert ist. ? zurück
Die Reihenfolge des Gesagten ist nicht ganz logisch. Das endlich impliziert Erleichterung, insofern wäre es besser, das Gottseidank vorzuziehen. Für gewöhnlich ist das auch die wahrscheinlichere Reihenfolge der Gefühle: Zuerst Erleichterung darüber, jemanden endlich erreicht zu haben, und dann der Ärger darüber, ihn so lange nicht erreicht zu haben. zurück
Dieses in der Mitte abgebrochene Wort finde ich unpassend, es wirkt zu gekünstelt. Auch, wenn es sich um eine Schocksituation handelt, ich würde das Wort vervollständigen. zurück
In diesem Satz fallen mir zwei Dinge auf. Erstens ist mir nicht so ganz klar, wie genau Claire am Telefon ihr Gesicht abwenden kann. Sie sieht ihren Gesprächspartner doch ohnehin nicht. Mitfühlend die Augen schließen, das könnte ich ja noch verstehen, das wäre so etwas wie eine reflexartige Reaktion auf den Schmerz des anderen. Und dann missfällt mir einmal mehr ein in diesem Kontext nicht nachvollziehbarer Hinweis, hier konkret der auf das Bild aus Sinas Erzählung. Auf die Dauer wirkt eine derartige Geheimniskrämerei nämlich eher störend als interessant. zurück

© 2004 by Nicole Thomas. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Textkritik: maßnehmen – Lyrik

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gemessen am wert der realität
wiegt das leben
schwerer als der augenblick
aber
gemessen am wert des lebens
wiegt der augenblick
schwerer als die realität

© 2003 by Cornelia Travnicek. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Verblüffend – und Hut ab: die Autorin ist gerade mal 15 Jahre jung!

Die Kritik im Einzelnen

Eine glasklare Struktur: gemessen am wert / wiegt / schwerer als bleibt als Gerüst beider Strophen konstant, die Verschiebung findet am Ende statt: realität/leben/augenblick wird zur Folge leben/augenblick/realität. Die logisch folgende Verschiebung wäre augenblick/realitä/leben:
gemessen am wert des augenblicks
wiegt die realität
schwerer als das leben.
Dem wiederum könnte ich keinen Sinn mehr geben, und so freut mich, dass Cornelia Travnicek Maß gehalten hat.

Textkritik: Tiefschlag – Prosa

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Langsam und verschlafen fielen von weither die Schläge der Turmuhr in die summende Mittagsstille. Auf den Platten der Terrasse tanzten Sonnenkringel, ein paar Schmetterlinge taumelten träge über die Wiese. Blitzende Fliegen zuckten lautlos vorbei. Hin und wieder ließ eine Grasmücke ihren schwirrenden Ruf hören: Dornröschenzeit! – Ich schaute dem Rauch meiner Pfeife nach, wie er langsam durch die Weiden- und Haselnussbüsche zog und sich über den Gartenzaun verlor. Stille. Träge, verschlafene Stille. Nur in der Küche hörte ich meine Königin hantieren. Das ist Tao, dachte ich. So hatte ich mir die Stille immer vorgestellt. Erst diese vertrauten Geräusche machten sie hörbar. Stille ist belebte Ruhe zwischen Lauten; absolute Stille ist tot.

* * *

Ich hätte stundenlang so sitzen und meinen Gedanken nachhängen können, aber wenn meine Königin mit Geschirr klapperte, bedeutete das, dass ich gleich zum Essen gerufen wurde. Und nach dem Essen würde ich wieder an die Arbeit gescheucht. (Nicht, dass ich ungern arbeite. Es muss mir nur flüssig von der Hand gehen; Geduld ist noch nie meine starke Seite gewesen.)
»Essen ist fertig; kannst kommen!«
»Weißt du was, wir könnten bei dem herrlichen Wetter auf der Terrasse essen«, schlug ich vor. »Ich helfe dir schnell die Sachen raustragen. Womit werde ich denn heute verwöhnt?«
»Dampfnudeln. Ich dachte, ich mach‘ dir eine Freude damit.« Und schon war sie wieder auf dem Weg in die Küche.
Mir lief bei dem bloßen Gedanken das Wasser im Mund zusammen. »Aber bitte mit viel Buttersauce; und vergiss den Zimt nicht«, rief ich ihr nach.
Auf dem Tisch das gewürfelte Tischtuch, darauf die Schüssel mit den Dampfnudeln; im Schatten der Bäume, die Lichtflecke über sie spielen lassen : meine Königin – strahlend.
»Du strahlst ja so, ist irgendwas?«
»Ich freue mich nur, wenn ich höre (»sehe«, verbesserte sie schnell), wie es dir schmeckt.« Und strahlte weiter, jetzt nur eine Spur süffisanter. »Iss nur tüchtig, es sind genug Klöße da. Ich darf nicht so viel essen.«
Irgendwie kam ich mir ertappt vor. Aber bei Dampfnudeln kann ich einfach nicht bremsen. (Ich gelte sowieso als der Familienvielfraß, obwohl ich schlank wie ein Aal bin : Arbeit zehrt eben – auch geistige.)
Ich schämte mich gebührend und wollte eben wieder zu meinem Buch greifen, aber die Königin hatte mich durchschaut.
»Du wolltest doch mähen, heute.«
Mist! Dass ihr das ausgerechnet jetzt einfallen musste. Kein Feingefühl!
»Jedes Tier legt sich nach dem Fressen hin und verdaut. Guck dir die Kühe auf der Weide an.«
»Ich wusste gar nicht, dass du ein Ochse bist.«
»Wenn ich bei der Hitze mähen würde, wäre ich einer«, maulte ich. »Ich habe schließlich noch anderes zu tun.«
»Ach ja, du musst ja joggen«, sagte sie. Der Spott in ihrer Stimme war unüberhörbar.
»Ich habe noch nie im Leben >Jogging< betrieben. Im Übrigen könntest du auch >Waldlauf< sagen – immer diese dämlichen Modewörter!«
»Du solltest keinen Waldlauf machen; ich meine Komma-Jogging«, sagte sie und sah mich dabei so komisch an.
»Was soll denn das heißen«, erkundigte ich mich misstrauisch. »Du hast doch irgendwas.«
»Abwarten«, sagte sie, zog mich ins Wohnzimmer, drückte mich in den Sessel und legte eine Cassette auf. Dann setzte sie sich mir gegenüber und beobachtete mich.
Ich war sprachlos. >Meditation< – und das mir! Ich bin doch kein Fakir. Aber es kam noch dicker. Meine Königin grinste und drehte die Cassette um. »Pass schön auf, jetzt kommt dein >Komma-Jogging<.«
Meine Königin musste den Verstand verloren haben: ich war doch kein Sonderschüler! Wollte sie mich veräppeln?
»Eigentlich kann ich gar nicht darüber lachen«, sagte ich gereizt. »Wer, um Himmels willen, hat dir denn das angedreht?«
»Mir hat das keiner ‚angedreht; das ist für dich – von deinem Sprach-Kindergarten.«
So perplex war ich selten gewesen. Aber dann schob sie mir das Begleitschreiben über den Tisch, und ich las mit eigenen Augen, was ich nicht für möglich gehalten hatte.

* * *

Das hatte ich also davon, dass ich mich – aus Zweifel an meinem eigenen Können – zu einem Fernlehrgang im Schreiben angemeldet hatte! >Individuelle Betreuung< war mir da versprochen worden, >von Profis, die ihr Handwerk verstehen<. Und dann kam diese Cassette, auf der man mir mithilfe einer unglaublich einfältigen Geschichte beibringen wollte, wie man mit Satzzeichen umgeht.
Ich saß wie ein begossener Pudel da und wusste nicht, ob ich lachen oder mich ärgern sollte. Meine Königin glaubte doch nicht etwa, dass ich auf so etwas angewiesen war!
»Willst du nicht doch den Rasen mähen?« fragte sie. »Von so einem Tiefschlag erholt man sich am besten mit etwas körperlicher Arbeit.«
Ich ging in den Schuppen, wetzte grimmig die Sense und ließ meine Wut an der Wiese aus. Schwaden um Schwaden fiel, und nach kurzer Zeit hatte ich mein Pensum geschafft. Aber auch mein Ärger war verflogen. Schweißnass streifte ich das Gras von der Klinge und zog mich aus, um mich zu duschen.
Durch den Vorhang erkannte ich die süßen Konturen meiner Königin.
»Du kannst ruhig reinkommen und mir den Rücken waschen. Aber pass auf, dass du nicht ausrutschst«, rief sie durch das Sprudeln und Plätschern.
Mit einem Ruck schob ich die Milchglastür zur Seite und nahm sie in die Arme. Sie legte den Arm um meinen Nacken, während sie mit der anderen nach dem Wasserhahn tastete.
Plötzlich blieb mir die Luft weg, so eiskalt strömte mir das Wasser über den Körper. Vor der Duschkabine stand meine Königin und schüttete sich aus vor Lachen.
»Ich dachte, dass dir nach dem Tiefschlag und dem Mähen eine kalte Dusche gut bekommen würde«, zwitscherte sie, warf mir ein Handtuch zu und zog mich ins Schlafzimmer.

* * *

»Ooooch«, stöhnte sie, »das war himmlisch, wo hast du das nur gelernt?«
»Wer so eine Frau wie dich hat, der braucht das nicht erst zu lernen«, sagte ich. »Du beflügelst meine Fantasie.«
Sie beugte sich über mich. »Na, dann gib deinem Affen mal Zucker und zeig mir, dass du noch mehr Fantasie hast – an der Schreibmaschine, meine ich. Bis zum Abendbrot will ich mindestens vier Seiten lesen.«
Ich werde mich wohl an die Arbeit machen müssen.

© 2003 by Peter Hochapfel. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Locker-flockig-leicht erzählt wird durchaus selbstironisch und sehr anschaulich eine ganz einfache Geschichte: unterhaltsam!
Satzzeichenfehler konnte ich keine entdecken: der Erzähler braucht diese Therapie sicher nicht, auch sonst ist er sehr stilsicher; schön, dass der Tao-Fachmann gleichzeitig für sich persönlich Meditation weit von sich weist. Unklar ist mir die tiefere Bedeutung der Überschrift Tiefschlag: die Erzählung fängt idyllisch an, hört (fast) idyllisch auf, zwischendrin wird heftig gearbeitet und geliebt; zu dem angeblichen Tiefschlag – seine Königin nimmt dieses Wort immerhin 2x in den Mund – habe ich mich schon geäußert. Vielleicht ließe sich dem Tao eine Überschrift abgewinnen, dem Annehmen der eigenen Natur, dem daraus folgenden Nichts-Tun, denn trotz allen Tao-Wissens ist der Protagonist von Güte, Ruhe und Gelassenheit sehr weit entfernt, man denke nur an das verbrecherische Sensen…

Die Kritik im Einzelnen

Das riecht alles nach Idylle und schrammt gekonnt hart am Kitsch vorbei – und wer das anders sieht, wurde ja gewarnt, der Titel heißt ja schließlich Tiefschlag. Und je idyllischer die Idylle, desto tiefer der Tiefschlag. zurück
Wann hat der Protagonist gelesen? Er hat der Stille gelauscht, seiner Königin geholfen, Dampfnudeln verspeist. Vielleicht hatte dabei beständig ein Buch in der Hand gehalten, das er beim Dampfnudelessen aus technischen Gründen beiseite legen musste? Wir wissen es nicht, da muss der Erzähler eingreifen, indem vorher ein Buch eingeführt wird oder jetzt (dann kann es nicht wieder heißen). zurück
Hier ist also der angebliche Tiefschlag: eine alberne Cassette von einem nicht minder albernen Institut. Oder war der Tiefschlag, dass die Königin seine Post geöffnet und gelesen hatte und wusste, was sie ihm antat? Immerhin hatte er versucht, sich mithilfe eines Buches vor der Arbeit zu drücken, was sie vereitelt hat. zurück
Schwaden? Heißt das beim Sensen wirklich Schwaden, was da bei einem Streich produziert wird? Schau an: es heißt sowohl die Schwade als auch der Schwaden (weiß der Duden; mein Brockhaus kennt dafür nur der/die/das Schwad). Da schau her: wieder was gelernt! zurück
Merken Sie sich, dass hier ein Vorhang eine wichtige Rolle spielt! zurück
Warum nimmt der Protagonist bloß die Milchglastür in die Arme? Vielleicht will er sich bei ihr entschuldigen, wo er sie doch gerade so rüde behandelt hat. Besser wäre es, er nähme seine Königin in die Arme, denn die kann einen der ihren anschließend um seinen Nacken gehen – das kann ein Griff oder Knauf oder eine Griffleiste einer Milchglastür gewiss nicht leisten!
Was mich aber irritiert: wo ist eigentlich der Vorhang abgeblieben (den Sie sich ja haben merken sollen! Wie, vergessen? Marsch zurück!)? Abgerissen, verkauft, vergessen? Aber Hallo… zurück
Diese Tonlage behagt mir miss nach diesem heftigen Lachanfall – das hätte ich gerne etwas atemlos oder gerade noch im Lachen begriffen oder neutral, auch wenn ganz zu Anfang sich ebenfalls ein Vogel hat vernehmen lassen (es war die schwirrende Grasmücke, nicht etwa die Lerche). zurück

Textkritik: Der gelbe Schirm – Prosa

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Wie jeden Sonntagmorgen ging er in den nahegelegenen Park. Es war ein trüber Tag, aber er war in Hochstimmung. Er ging durch die baumbestandenen Alleen und steuerte direkt auf eine Bank zu. Es war seine Bank, jeden Sonntag zwischen 10 und 11 Uhr. Eine andere Bank wäre für ihn nicht in Frage gekommen, denn nur hier konnte er sie sehen. Sie kam auch jeden Sonntag um diese Zeit in den Park. Er kannte sie nicht, aber wegen ihr kam er her. Er hatte sie das erste Mal vor zwei Jahren gesehen und ihm war direkt ihr gelber Schirm aufgefallen. Sie trug ihn in der rechten Hand und zuweilen ließ sie ihn vor und zurück schnellen, so als würde sie spielen wie ein Kind, dabei schien sie ihm viel zu alt für ein Kind. Wie alt sie wirklich war, wusste er nicht, denn er hatte noch nie mit ihr gesprochen. Der Gegensatz zwischen der spielerischen Art, wie sie mit ihrem Schirm umging, und ihrem melancholischen Gesichtsausdruck war für ihn faszinierend gewesen. Sie schien sehr in Gedanken versunken und er hatte zugesehen, wie sie am Teich stehen geblieben war und dort einige Zeit auf das Wasser gestarrt hatte. Seit diesem Tag hatte sie sich einen Platz in seinen Gedanken erobert. Am nächsten Sonntag war er wieder in den Park gegangen, obwohl er eigentlich keine Zeit hatte, aber er wollte wissen, ob sie vielleicht wiederkäme. Er kam sich blöd vor und wollte schon wieder gehen, als er sie plötzlich sah. Sie trug wieder den gelben Schirm, obwohl das Wetter gut war und kein Regen gemeldet war. Er hatte sich gefreut sie zu sehen, und nachdem sie den Park verlassen hatte, ging er auch. Seitdem gab es für ihn dieses sonntägliche Ritual. Seinen Freunden hatte er davon nichts erzählt, denn er fürchtete, sie würden ihn auslachen oder ihm Vorwürfe machen, dass er eine fremde Frau beobachtete. Ihm war selbst schon der Gedanke gekommen, dass er nicht ganz normal war. Normalerweise hatte er kein Problem damit eine Frau, die ihm gefiel anzusprechen, aber hier war es anders. Er wollte sie nicht stören, wollte nicht aufdringlich sein. Ihr Gesichtsausdruck war stets der selbe gewesen: traurig und abwesend. Er fragte sich, was wohl der Grund für ihre Traurigkeit war und warum sie immer zur gleichen Zeit in diesen Park kam, eine Zeitlang in den Teich blickte und dann wieder ging. Er hatte schon oft überlegt, ob er ihr folgen sollte, aber hatte den Gedanken immer wieder fallengelassen. Er war schon so was wie ein Voyeur, aber sie verfolgen, das wäre zuviel gewesen. Was, wenn sie ihn bemerkte und Angst bekam? Dann würde er sie nie wieder sehen und das wäre ein zu hoher Preis gewesen für seine Neugier. Er wusste nicht, ob sie ihn schon einmal wahrgenommen hatte, aber er glaubte es nicht. Sie hatte noch nie jemanden angeblickt, der ihren Weg kreuzte, deshalb war er sich sicher, dass sie auch ihn noch nie bemerkt hatte.
Er saß auf seiner Bank und wartete, aber er konnte sie nirgends entdecken. Nach einer Stunde des Wartens war er sicher, dass sie nicht mehr kommen würde. Seine gute Laune war ihm vergangen und er machte sich auf den Weg nach Hause. Die ganze folgende Woche konnte er sich auf nichts anderes konzentrieren, als auf den Gedanken an die Unbekannte aus dem Park. Es hatte fast jeden Tag geregnet, und wenn er irgendwo einen gelben Schirm gesehen hatte, zirkulierte Adrenalin pur in seinen Adern, aber sie war es nie gewesen. Am Sonntag wusste er nicht was er tun sollte. Was, wenn sie wieder nicht käme und er sinnlos eine ganze Stunde im Park vertrödeln würde? Er hatte genug zu tun. Andererseits könnte es sein, dass sie wieder da sein würde. Vielleicht war sie ja krank gewesen. Seine Obsession war stärker, er zog seinen Mantel an und ging los. Als er auf die Bank zu ging, sah er sofort, was anders war als sonst: der gelbe Schirm lag auf der Bank. Weit und breit war niemand zu sehen. Er beschleunigte seine Schritte, blieb dann vor der Bank stehen und sah den Schirm an. Er hatte keinen Zweifel, dass es ihr Schirm war. Warum lag er hier? Ob sie ihn hier hin gelegt hatte, um ihm eine Botschaft zu hinterlassen? Er nahm den Schirm in die Hand und drehte ihn unschlüssig hin und her. Dann entschloss er sich ihn zu öffnen, weil er hoffte das würde ihm einen Aufschluss über seine Besitzerin geben. Ein kleiner Zettel fiel heraus. Er hob ihn auf und faltete ihn auseinander.
In einer großen, eleganten Schrift stand darauf geschrieben: »Sie haben sich bestimmt gefragt, ob Sie mir aufgefallen sind. Ich habe Sie bemerkt bei meinen Spaziergängen und bin froh, dass Sie mich nie angesprochen haben. Ich werde nicht wiederkommen und möchte Ihnen Lebewohl sagen.« Er faltete den Zettel wieder zusammen, klemmte sich den Schirm unter den Arm und ging nach Hause. Er war gleichzeitig traurig und erleichtert, dass es vorbei war. Sein Leben ging seinen gewohnten Gang weiter und er dachte immer seltener an sie, aber in den Park war er trotzdem nie wieder gegangen.

© 2003 by Claudia Weigel . Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Die folgende Kritik (Zusammenfassung und Einzelkritik) stammt erneut nicht von mir, Malte Bremer, sondern von Nicole Thomas. Mehr dazu und zu ihrer Person findet sich hier. Jetzt aber zu »Nicoles Meinung«:

Positiv hervorzuheben ist, dass der Leser hier seine Fantasie spielen lassen kann.
Leider ist der Text insgesamt ziemlich langatmig geraten. Werden die Ungereimtheiten und der ganze überflüssige Ballast herausgekürzt sowie der undifferenzierte Umgang mit den verschiedenen Vergangenheitsformen korrigiert, dürfte sich der Lesespaß deutlich steigern.

Die Kritik im Einzelnen

Das Wort »Allee« bezeichnet eine von Bäumen gesäumte Straße, das vorangestellte baumbestanden ist somit überflüssig. zurück
Das Possessivpronomen halte ich für nicht ganz angemessen, es sei denn, er hat diese Bank für die fragliche Zeit tatsächlich gemietet oder gepachtet. Besser wäre eine Umschreibung wie: Auf dieser Bank saß er jeden Sonntag zwischen zehn und elf Uhr. zurück
In diesem Satz fallen mir mehrere Dinge auf. Zum einen ist der komplette Satzbeginn im Grunde genommen nicht erforderlich, dass eine andere Bank für ihn nicht in Frage gekommen wäre, ist nämlich schon aus dem Besitzanspruch ersichtlich, den er auf diese Bank ableitet. Zum anderen erscheint mir dieses nur hier ein wenig missverständlich, könnte man daraus doch auch schließen, dass der Beobachter sein Zielobjekt tatsächlich einzig und allein nur von exakt diesem Punkt aus sehen kann. Dabei bewegt sich die Frau doch wohl gut sichtbar durch den Park, so dass es da bestimmt noch andere Stellen geben dürfte, an denen er freies Blickfeld auf die Dame hätte. Besser wäre da schon: Von einer anderen Bank aus hätte er sie nicht sehen können. Andererseits wäre auf diese Weise dreimal binnen kürzester Zeit das Wort Bank wiederholt worden, insofern wäre es eine Überlegung wert, ob man diesen Satz nicht mit dem vorhergehenden verbinden könnte: Hier saß er jeden Sonntag zwischen zehn und elf Uhr, denn von einer anderen Bank aus hätte er sie nicht sehen können. zurück
Das wirft ja mal ein ganz neues Licht darauf, was Männern an einer Frau so alles auffällt. Nein, im Ernst: Ich glaube gern, dass ein gelber Schirm ein auffälliges Accessoire darstellt, aber dieses direkt erscheint mir hier doch etwas zu stark. Meine Empfehlung wäre, es in diesem Satz bei Er hatte sie das erste Mal vor zwei Jahren gesehen zu belassen, und den Schirm erst im nächsten Satz zu erwähnen. zurück
Verstehe ich nicht. Allein schon aufgrund des Größenunterschieds ist ein Kind für gewöhnlich leicht von einem Erwachsenen zu unterscheiden. Ist die Frau denn auffallend klein? Falls nicht, ist die spekulative Formulierung dabei schien sie ihm viel zu alt für ein Kind vollkommen überflüssig. Den gelben Schirm würde ich, wie bereits gesagt, erst in diesem Satz erwähnen, beispielsweise folgendermaßen: In der rechten Hand trug sie einen gelben Schirm, den sie zuweilen vor und zurück schnellen ließ, so als würde sie spielen wie ein Kind. zurück
Das sehr würde ich dem Lesefluss zuliebe streichen oder, falls die Verstärkung auf jeden Fall beibehalten werden soll, durch das Gebräuchlichere schien ganz in Gedanken versunken ersetzen. zurück
Zweimal war so kurz hintereinander klingt ein wenig holprig, ich würde das erste ersatzlos streichen. zurück
Warum sollten seine Freunde ihm Vorwürfe machen? Dass sie ihn auslachen könnten, wäre ja noch denkbar, aber warum man ihm für sein Verhalten Vorwürfe machen sollte, kann ich so nicht nachvollziehen. Er sitzt doch nur ganz brav auf dieser Bank, während diese Frau nicht nur für ihn allein, sondern für andere Parkbesucher ebenfalls gut sichtbar dort vorbeispaziert. Es ist mir nicht ganz klar, was daran so verwerflich sein soll. zurück
Ich bin neugierig: Was soll das eigentlich sein, »normal«? Außerdem verstehe ich immer noch nicht, was an seinem Verhalten so überaus anstößig ist. Angesichts der Tatsache, dass der nächste Satz auch noch mit normalerweise anschließt (wie auch immer »normal« nun definiert sein mag), würde ich diesen sinnlosen Satz hier komplett streichen. zurück
Nein, ist er nicht. Er beobachtet sie ja nicht heimlich, und schon gar nicht, wie es der klassischen Definition des Voyeurs entspräche, um Lustgewinn daraus zu beziehen. Wie bereits erwähnt, spaziert die Gute da nicht nur für ihn, sondern auch für andere Parkbesucher gut sichtbar daher, und das absolut freiwillig. Mir scheint, dass der Geschichte hier ein gewisser Thrill verpasst werden soll, indem der Hauptfigur – oder besser einer der beiden Hauptfiguren – auf Biegen oder Brechen eine moralisch verwerfliche Zwangshandlung angedichtet wird. Doch alles, was letztendlich dabei herauskommt, ist Wortschinderei. zurück
So ganz logisch ist diese Behauptung nicht. Er könnte ihr hinterher laufen, herausfinden, wo sie wohnt, und zum Stalker mutieren. Und wenn sie daraufhin Anzeige gegen ihn erstattet, wird er sie vermutlich zumindest noch ein letztes Mal wiedersehen, und zwar vor Gericht. Meine Empfehlung wäre, hier ein abschwächendes vielleicht in den Satz einzuflechten, so dass die Aussage wirklich bestehen kann: Dann würde er sie vielleicht nie wieder sehen… . zurück
Sich sicher sein ist etwas anderes als glauben. Ich würde hier eine Formulierung wie deshalb nahm er an vorziehen, da so die im vorhergehenden Satz kreierte Ungewissheit beibehalten wird. zurück
Beneidenswert, wie viel Sicherheit es im Leben dieses Mannes gibt. Ich gebe zu, dass eine Stunde schon einen beträchtlichen Zeitrahmen darstellt, aber wie kann er sich denn wirklich sicher sein, dass die Schirmträgerin nicht mehr erscheinen wird? Woraus schließt er, dass sie nicht mit zwei- bis dreistündiger Verspätung noch auftauchen wird? Weitaus einleuchtender wäre beispielsweise Nach einer Stunde des Wartens gab er auf. zurück
Der Umgang mit den verschiedenen Vergangenheitsformen ist im gesamten Text etwas willkürlich, doch in diesem Abschnitt fällt es besonders störend ins Gewicht. Meine Empfehlung wäre, den gesamten Text noch einmal auf einen sinnstiftenden Umgang mit den unterschiedlichen Tempi hin zu überprüfen. Ansonsten wäre mein Vorschlag, hier und wenn er irgendwo einen gelben Schirm sah zu schreiben, da der Text so zumindest weniger holprig erscheint. zurück
Diese Beschreibung ist einerseits schon unter medizinischen Gesichtspunkten nicht haltbar – wo bitte ist das ganze Blut denn plötzlich hin verschwunden? – , zum anderen klingt sie übertrieben reißerisch, wie aus einem schlechten Action-Film entnommen. Warum heißt es nicht einfach: und wenn er irgendwo einen gelben Schirm sah, fühlte er jedes Mal einen Adrenalinstoß? Das ist für meinen Geschmack immer noch reißerisch genug. zurück
Zum einen ist die Wiederholung eines Wortes innerhalb eines so kurzen Textabschnitts langweilig und somit nicht empfehlenswert. Zum anderen ist diese inflationäre Verwendung von Hilfsverben auch grammatikalisch nicht ganz einwandfrei. Ich halte folgende Formulierung für besser: Andererseits könnte es sein, dass sie wieder da wäre. zurück
Wieder diese unnötige Dramatik. Tut es nicht auch ein simples Neugier? Oder, um eine zu häufige Verwendung des Wortes Neugier zu vermeiden: Die Ungewissheit ließ ihm keine Ruhe? zurück
Was bitte ist denn das für eine seltsame Einleitung? Sofern die Dame nicht übersinnlich begabt ist, kann sie doch wohl gar nicht wissen, dass er Interesse an ihr gezeigt hat. Sie hat ihn ja nicht einmal angesehen. Und falls sie ihn trotz gedankenversunkenen Niemals-auch-nur-Anblickens dennoch irgendwie registriert haben sollte: Was macht sie denn so sicher, dass er nicht völlig unabhängig von ihrem eigenen Erscheinen immer dort auf der Bank gesessen hat? Das muss sie doch nicht zwangsläufig auf sich beziehen, oder ist sie wirklich der Meinung, sie sei der einzige Mensch auf der Welt, der ein allsonntägliches Ritual entwickelt hat? Ein solcher Beginn des beigelegten Briefchens ist eigentlich nichts weiter als eine ziemlich egozentrische Unterstellung. Meine Empfehlung wäre, auf diesen doch etwas unsinnig anmutenden Satz zu verzichten. zurück
Wenn sie so froh darüber ist, dass er sie in Ruhe gelassen hat, warum macht sie sich dann andererseits solche Gedanken um ihn, dass sie ihm einen Abschiedsbrief samt gelbem Schirm hinterlegt? Besser wäre eine Aussage wie: …und ich fand es sehr taktvoll, dass Sie mich nie angesprochen haben. Eine solche Ausdrucksweise würde darüber hinaus auch besser mit der eleganten Schrift harmonisieren als ein vergleichsweise saloppes: …ich bin froh. zurück
An dieser Stelle würde ich den Satz unterteilen, um einen sozusagen weniger gehetzt anmutenden Schlusspunkt zu setzen und den Text folgendermaßen zu beenden: In den Park ging er trotzdem nie wieder. zurück

© 2003 by Nicole Thomas. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Textkritik: Ein Besuch – Lyrik

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Wir kamen in weißen Kleidern
zu deinem Grab.

Wir legten den Strauß Lilien sanft
und weilten in lächelndem Schweigen.
Der Spatz saß da, ein Wind
rauschte durch die Krone sommerlicher Herrlichkeit.
Tränen deinen Glückes
liefen über unsere Wangen.
Unsere Herzen umarmten einander.
Du schicktest zwei Wolken,
wolkigst auf blauem Grund.
Du nicktest.

Wir kamen in weißen Kleidern
zu deinem Grab.

© 2003 by Max Koß. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Ein wunderschön leichtes Gedicht mit überraschenden Bildern, die Spiel lassen für eigene Assoziationen.
Es ist nur ein Weniges zu lang geraten…

Die Kritik im Einzelnen

So etwas ist in unseren Breiten überraschend; doch ich erinnere mich dabei an Griechenland, wo ich in den 60er Jahren Zeuge einer Beerdigung wurde, anlässlich der alle Personen weiß gekleidet waren (während sie im täglichen Leben zumindest dunkle Farben trugen). In diesem Gedicht geht es offenbar nicht um Trauer im herkömmlichen Sinn. zurück
Lilien stehen als Symbol für: Licht, Reinheit, die Hingabe an Gott, Jungfrau Maria, Jungfräulichkeit, Dreieinigkeit – und vor dem Christentum waren sie bekannt als Phallussymbol. Auf das Grab wird gleich ein ganzer Strauß davon gelegt. Da möge sich jeder das für ihn Passende aussuchen, auch wenn es einfach nur die schönen Blumen sind… zurück
Diese beiden Zeilen stören mich heftig: wir haben (mindestens) zwei Personen, die das Grab einer anderen Person bzw. genau diese Person besuchen. Alles andere im Gedicht hat mit dieser Begegnung zu tun, nur der Spatz nicht und der Baum, auf dem er sitzt! Hier droht das Gedicht in die seichten Gefilde des Kitsches zu geraten wegen der Natursymbolik (der berühmte einfache Spatz in der Hand gegenüber der Krone und der Herrlichkeit): es ist pure Illustration. Ich jedenfalls würde diesen beiden Zeilen keine Träne nachweinen, denn das Gedicht würde durch eine Streichung an Dichte nur gewinnen. zurück
Ich bin mir ziemlich sicher, dass es eigentlich nicht deinen Glückes heißen soll, sondern deines Glückes: ich könnte keinen Grund finden, warum man das so schreiben sollte; vermutlich ist das einfach ein Fehler (eindeutige Fehler verbessere ich manchmal in den eingeschickten Texten stillschweigend, aber nicht immer: es könnte sich ja auch um eine regionale Besonderheit handeln, die mir unbekannt ist).
Überraschend: dass die beiden Besucher die Tränen des/der Toten weinen, und dass der/die Tote offenbar glücklich war, weil er/sie sterben durfte; das deutet auf ein großes Einvernehmen! zurück
Die beiden Wolken werden sogar optisch sichtbar durch die unmittelbare Koppelung Wolken-wolkigst. Sie werden als Botschaft der/des Toten begriffen, und zwar als eine positive.
Und mir steigen Erinnerungen auf an ein wunderbares Liebesgedicht von Brecht, Erinnerung an die Marie A. Leider darf ich es nicht abtippen, aber gegen ein Zitieren werden auch Brechts Erben nichts einwenden können; da heißt es am Ende der ersten Strophe: Und über uns im schönen Sommerhimmel / War eine Wolke, die ich lange sah / Sie war sehr weiß und ungeheuer oben / Und als ich aufsah, war sie nimmer da. Die dritte Strophe beginnt: Und auch den Kuss, ich hätt ihn längst vergessen / Wenn nicht die Wolke dagewesen wär / Die weiß ich noch und werd ich immer wissen / Sie war sehr weiß und kam von oben her. zurück
Es ist jetzt unerheblich, wer nickt – es ist sogar überflüssig, dass jemand nickt, schließlich ist das Einverständnis bestätigt worden durch die beiden Wolken, die für mich die beiden Personen vertreten, die zum Grab gekommen sind – richtig: für mich ist das ein (Liebes)paar. Muss aber nicht sein. Wie auch immer, ich würde die Zeile streichen, da sie der Wolkenmetapher die Kraft nimmt. zurück
Die beiden Anfangszeilen werden wiederholt, das Gedicht wird rund; ich Frage mich aber, ob diese Form in diesem Falle wirklich nötig ist, denn die Bestätigung ist erfolgt, die beiden haben ihren Segen bekommen, der Gang zu Grab ist erfolgreich abgeschlossen, muss also nicht wiederholt werden. Ich setze den Text jetzt einfach mit meinen Kürzungsvorschlägen an den Schluss:

Der Besuch

Wir kamen in weißen Kleidern
zu deinem Grab.

Wir legten den Strauß Lilien sanft
und weilten in lächelndem Schweigen.
Tränen deinen Glückes
liefen über unsere Wangen.
Unsere Herzen umarmten einander.
Du schicktest zwei Wolken,
wolkigst auf blauem Grund
.

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Textkritik: Einsamkeit oder Drang nach Gemeinschaft – Lyrik

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eins allein
ist sich uneins
und doch nicht plural
Zerfall in Unterfunktionen
die Stille krächzt nach Ton
es dämmert.
Rudeltiere sind auch nicht
anders beschaffen.
Wohin wohin?
in das Allein der Gesellschaft
lockt uns die wahre
Einsamkeit.

© 2003 by Philipp H.. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Das Gedicht kommt dem seltsamen Thema nicht einmal ansatzweise auf die Schliche, sondern gaukelt Tiefe vor, wo es in oberflächlichen Wortspielereien versandet.
Schön: es wird mit Formen gespielt – aber das hat keinerlei Bezug zum Inhalt (außer am Anfang und am Schluss), und es gibt 1 wunderschönes Bild. Der Rest ist ein unverdauliches Gemisch aus trüben Quellen.

Die Kritik im Einzelnen

Ich will bestimmt nicht wir sein, und was du oder er/sie/es will, entzieht sich durchaus meiner Kenntnis; tröstlich & schön zu wissen, dass immerhin das lyrische Ich absolut Bescheid weiß, schließlich hat es mich Leser ausgespart, denn nicht zu lesen war Sie wollen Ihr sein: dafür bedanke ich mich.
Wer aber verbirgt sich hinter dem es? Das Baby, Kind, Mädchen? Großväterchen, Großmütterchen, Pappilein oder Mammilein? Ich nehme schließlich an, dass das Gedicht von menschlichen Wesen handelt und nicht von der Einsamkeit eines Küchenmessers und seinem Drang zum Set! Wenn also das Gedicht schon die Grammatik bemüht, dann aber bitte sinnvoll!
Wer aber ist ich & du & Müllers Kuh & er & sie anderes als: wir? Wir wollen zum wir? Da bin ich aber so was von gespannt, wie das gut gehen soll, wenn wir dauernd vor uns wegrennen, weil wir zum wir wollen, aber am Horizont wetterleuchtet bereits flachphilosophischer Triefsinn: denn wenn die obengenannten das so wollen, ist das eine freiwillige Entscheidung und kein Drang! zurück
Hier beginnt der zweite Abschnitt, deutlich abgesetzt durch die pfeilförmige Einrückung. Thema: eins ist nicht eins und nicht plural, da es nur mit sich uneins ist oder so oder wie oder was? Plural (groß geschrieben) bedeutet Mehrzahl, plural (klein geschrieben und mit Betonung auf der zweiten Silbe) ist inhaltlich identisch mit pluralistisch, meint also die Vielgestaltigkeit gesellschaftlicher Erscheinungen. Die Feststellung, dass eins allein kein vielgestaltiges gesellschaftliches Phänomen ist, hat etwa den gleichen Erkenntniswert wie die Belehrung, dass eine Schwalben keinen Sommer macht. Ist jedoch Plural gemeint, lässt sich dem entgegnen, das Singular halt kein Plural ist – so einfach ist das alles! Zwar taucht immer das Phänomen von Persönlichkeitsspaltung auf bis hin zu den multiplen Persönlichkeiten (was im Augenblick wieder heftig bestritten wird, aber dazu haben wir ja Fachleute, damit sie jeweils die einzige Wahrheit pachten und verkünden – man denke nur an meine Kritiken…), wo die eine Person mit sich überhaupt nicht uneins ist, sondern allenfalls jede Person in dieser Person, sodass diese multiple Person in sich und an sich und sogar für sich den Widerspruch zwischen Einheit und Mehrheit aufhebt auf eine transzendent-onthologische Art und Weise, dass Heidegger das Hirn sumsen würden, könnte er das noch erleben.
Wie komme ich überhaupt auf Heidegger? Ach ja: das war der Philosoph, der außer durch seine deutliche Braunfärbung vor allem durch unverständliche Texte glänzte, da er für seine Beweisführung auf eine völlig eigene und höchst abstruse Wortabstammungslehre zurückgriff. So geschieht es auch in diesem Abschnitt: eins hat mit uneins außer bestimmten Buchstaben inhaltlich nichts zu tun, denn eins meint hier die Zahl eins als konkrete Mengenangabe, während uneins ein Gefühl beschreibt. Was bleibt, ist ein harmlos-oberflächliches Spiel mit Wörtern, woraus keinerlei Erkenntnis fleußt, sondern das munter vor sich hin plätschert.
Warum diese pfeilförmige Einrückung gewählt wurde, vermag ich nicht zu ergründen, ich finde keinerlei Zusammenhang zum Inhalt; dann bleibt Form um der Form willen, was überflüssig ist. Und zum Drang gibt es noch immer nichts Erhellendes – zum Glück folgen noch zwei Abschnitte! zurück
Der dritte Abschnitt kommt ohne Einrückungen. Worum geht’s? Irgendetwas zerfällt in Unterfunktionen: aha, hier wird offenbar problematisiert, dass ätschebätsche eins doch Plural sein kann, nämlich aus Unterfunktionen besteht; so hat jeder Mensch Nierenfunktion oder Lungenfunktion und Herzklappenfunktion usw, da kommt ein erkleckliches Rudel Funktionen zusammen. Abgesehen davon, dass ein Menschlein, und sei es noch so klein, aus einem ganzen Haufen Zellen besteht, von denen jede einzelne ihrerseits usw. usw.; könnte man ja fast glauben, dass, wenn man so weiter macht, irgendwann ein kleinstes Unteilbares kommt… Boah, voll konkret fett!
Jetzt erscheint völlig überraschend das einzige herrlich-schräge Bild in diesem Gedicht: die Stille krächzt nach Ton! Darüber nachzudenken, welch Ursach dies Krächzen haben könnt: hat die Stille zu lange nichts gesagt? Oder hat sie zu lange rumgeschrieen und jetzt solln mal andere ran? Oder stand sie zu lange singend, aber bewegungslos (auch das gehört zu Stille, nicht nur die akustische Wahrnehmung) im Regen und hat sich dabei erkältet? Ich wiederhole: ich liebe diesen Satz – aber mir ist vernagelt & verschlossen, was der in diesem Gedicht verloren hat, denn viele Stillen ergeben keinen Ton (wohl aber viele Töne einen Klang). Es tut mir richtiggehend Leid, dass dieser Satz so völlig vereinsamt in dieser Umgebung vor sich hinkümmern muss…
Es dämmert? Also mir nicht! Dämmerung ist der Übergang von zwei sich ergänzenden Widersprüchen. Das ist eine Naturerscheinung, kein Drang. zurück
Was zum Teufel haben die Rudeltiere hier zu suchen? Die sind genetisch fixiert und bleiben so lange im Rudel, bis sie vom Rudel aussortiert werden! Und da sie entsprechend programmiert sind, haben sie auch einen entsprechenden Drang. Über den Menschen lässt sich solches nicht sagen, trotz Aristoteles, der sein verqueres Menschbild aus der Anschauung der griechischen Polis gewann. Nein, Rudeltiere wollen nicht, sie müssen. Aber da sie nicht dämmern und auch nicht nach 1 Ton krächzen (ein krächzender Wolf: was nicht gar!), sind sie sehr wohl anders beschaffen. Alles in allem eine mehr als fragwürdige Behauptung! Vielleicht schleicht sich hier irgendwie durch die Hintertür Thomas Hobbes‘ Wolfsmensch ein?
Wohin wohin? Woher soll ich das wissen; immerhin wird hier demonstriert, wie man mit einfachsten Mitteln aus einem Singular einen Plural macht: durch reine Verdoppelung wird aus einem isolierten wohin ein kollektives. Was aber die Frage soll, wer die stellt, das bleibt im Verborgenen; und das ist wohl auch gut so. Die Zeile ist genau so überflüssig wie die beiden, die sich mit den Rudeltieren befassen. Immerhin wird eine Antwort auf diese doppelte Frage gegeben:
in das Allein der Gesellschaft geht es dank Rudeltierdrang. Was das Allein der Gesellschaft sein soll, kann ich mir erklären anhand der politischen Alleingänge der selbsternannten höchsten moralischen Politinstanz der Welt: dem home of the free; die Vertreter dieses Staates müssen tun und lassen, was sie bei der Gefahr des Untergangs anderen Gesellschaften nicht zugestehen können und dürfen, weil man dann logischerweise nicht mehr das Home dieser free wäre. Aber ehrlich: dahin verspüre ich keinen Drang! zurück
Das ist (endlich) der letzte Abschnitt, der am stärksten eingerückt ist und optisch zunächst einmal 2 Zeilen suggeriert, also genau so viel, wie ersten Abschnitt, wo jedes ich (außer meinem) zum wir wollte. Tatsächlich gibt es auch einen inhaltlichen Zusammenhang (wenn auch immer noch keinen überzeugenden Drang): das ich will wir sein, weil es schrecklich allein ist – und als Folge dieses Wollens gerät es in das Allein der Gesellschaft, wo es dann wahrhaft einsam ist. Um den Zusammenhang herzustellen, habe ich die letzte Zeile des vorhergehenden Abschnittes dazu geholt, denn diese Zeile gehört nach meinem Dafürhalten zu beiden Abschnitten, da es beide Male grammatischen Sinn macht. Soweit, so echt gut, klasse, doll, fantastisch. Und nun? Was haben wir erfahren? Dass sich getreu den Regeln der (Hegelschen) Dialektik die Widersprüche auf der nächsthöheren Stufe aufheben (außer bei den Rudeltieren)? Oder mussten wir erkennen, dass es keinerlei Drang gibt, sondern dass wir gelockt werden von der wahren Einsamkeit? Ich weiß es nicht. Das Gedicht ist zuende, bevor es zum Thema kommt. Aber eigentlich ist das kein Wunder, bei diesem abgefahrenen Thema: Einsamkeit oder Drang nach Gemeinschaftzurück

Textkritik: Wiedersehen – Prosa

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Den Blick gesenkt überquerte die junge Frau die Straße. Ihre Füße wirbelten Blätter auf, ihr Herz pochte. Die Musik in ihren Ohren konnte sie nicht beruhigen. War das ein Wunder?
Sie sollte ihn wiedersehen, endlich, nach all den Jahren, schien er ihr verziehen zu haben. Immer wieder dachte sie an ihr gemeinsames Gespräch. Kurz. Typisch Matthias.
»Wer ist da?«
»Matthias«
»Du. oh Gott! Wie geht’s dir?«
»Es geht mir bestens. Morgen bin ich um 10 Uhr vor dem Kino. Kommst du?«
»Ich? Du. ich würde ja gerne, aber da ist dieses ausgesprochen wichtige Meeting.«
»Überleg’s dir«
Tuut.
Sie zog ihre schwarze Mütze tiefer ins Gesicht, ihre Augen huschten über den Asphalt. Sie fühlte sich seltsam schmutzig. Sie war immer ehrlich gewesen. Eine gute Mitarbeiterin, niemals krank. Und seit sie um halb 10 ihre Wohnung verlassen hatte, verfolgte sie der Gedanke, erkannt zu werden.
»Ach, Frau Mieler, ich dachte, sie lägen mit Fieber im Bett?«
Dazu ein wissendes, heimtückisches Lächeln. Selbst beim bloßen Gedanken daran bekam sie Panik. Bloß weiter auf den Asphalt sehen, auf die Blätter, die vom Wind davongetragen wurden.
Einen Fehler hatte sie gemacht in ihrem Leben, bloß diesen einen. Doch Matthias hatte sie verlassen, wegen einem One-night-stand, einem Ausrutscher, einer sehr langen Nacht nach mehreren Bieren.
Sie ging schneller. Er würde ihr verzeihen, würde ihr eine zweite Chance geben. Diesmal würde sie alles richtig machen, würde da weiter machen, wo sie aufgehört hatten. Heirat, Haus, Kinder.
Das Klingeln ihres Handys riss sie aus ihrer Euphonie. Hastig holte sie es aus der Tasche und blieb abrupt stehen, als sie seine Stimme hörte.
»Diane? Wir müssen. dann. immer. okay?«
Sie schloss ihre Augen, hielt ihr linkes Ohr zu, konzentrierte sich vollkommen auf seine Stimme, die der Verkehr zum größten Teil verschlang.
»Wie bitte?«
Alle Sinne waren auf ihn gerichtet, seine Stimme, ihre Zukunft.
»Ich sagte, wir müssen unser Treffen verschieben!«
Sie hörte weder den LKW noch die Rufe: »Achtung!« »Passen sie auf!«
Die Leitung riss ab.
»Hallo. hallo, Diane?«
Das letzte was sie hörte, bevor sie starb, war seine Stimme, ihre Zukunft.

© 2003 by Joana Schmidt. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Das ist eine sauber aufgebaute kleine Erzählung mit einem schrecklichen Ende und glücklicherweise ohne vordergründiger Moral!
Dieser Wechsel zwischen Gegenwart und Erinnerung, die allmähliche Einführung in die Person und das Geschehen, das sich immer erst einen klitzekleinen Moment später klärt, der plötzliche Auftritt des auktorialen Erzählers: da versteht Joana mit ihren 14 Jahren aber ganz gehörig etwas vom Schreiben. Meine Fresse aber auch!

Die Kritik im Einzelnen

Nichts spricht gegen in die Ohren gestöpselte Musikvonsichgeberkabellautsprecher – aber diese hier kippen die ganze Erzählung! Denn später hört sie das Klingeln Ihres Händis und presst dieses ans rechte Ohr, während das linke sie zuhält, das von Verkehrslärm belästigt wurde: ich frage mich, wohin diese Ohrenstöpsel verschwunden sind, da das alles sehr hastig vor sich geht? Ich würde diesen Satz streichen, denn er stört. zurück
Natürlich ist das ein Wunder, da die Ohrhörer später sich einfach in Luft auflösen – doch da es sie nach meiner Streichung bereits nicht mehr gibt, kann dieser Fragesatz jenem im Papierkorb zugesellt werden. zurück
Der Satz hat zu viele Kommas und es fehlt ein Strichpunkt. Ich würde folgende Satzgestaltung vorschlagen: Sie sollte ihn wiedersehen, endlich; nach all den Jahren schien er ihr verziehen zu haben. Hiermit wäre zweierlei verdeutlicht: erstens, dass die junge Frau lange darauf gewartet hat, was ein subjektives Gefühl ist und verdeutlicht wird durch das nachgestellte endlich, und zweitens die Konkretisierung der Wartezeit nach dem Strichpunkt durch das vorangestellte nach all den Jahren. Es ginge natürlich auch anders: Sie sollte ihn endlich wiedersehen, nach all den Jahren schien er ihr verziehen zu haben. Jedenfalls ist der Satz so, wie er vorliegt, unfertig bzw. unklar.
Und damit die Absätzchen nicht allzu klein ausfallen, würde ich diesen Satz an den Rest hängen: Den Blick gesenkt überquerte die junge Frau die Straße. Ihre Füße wirbelten Blätter auf, ihr Herz pochte. Endlich sollte sie ihn endlich wiedersehen, nach all den Jahren schien er ihr verziehen zu haben. (Dieses endlich habe ich erneut umgestellt, damit es näher am Herzpochen ist, schließlich folgt jetzt dessen Ursache!) zurück
Das bestreite ich ganz energisch, dass sie immer wieder an dieses Gespräch dachte, denn sie denkt durchaus noch Anderes, malt sich ihre Zukunft aus, malt sich das Treffen aus… Ich schlage Folgendes vor: Ihr Gespräch war nur kurz gewesen. Typisch Matthias. Eine einmalige Erinnerung reicht völlig aus. zurück
Ist das wirklich nur ein Gedanke – ist das nicht vielmehr Angst? zurück
Eben: jetzt ist aus dem Gedanken bereits Panik geworden – ein weiteres Indiz dafür, dass im anderen Satz besser Angst steht als Gedanke! zurück
In der ersten Zeile wirbeln ihre Füße die Blätter auf, jetzt wurden (Vergangenheit!) sie vom Wind davongetragen, gleichzeitig aber hält sie den Blick auf den Boden gerichtet – da stimmt etwas nicht! Ich empfehle, dass die junge Frau einfach auf wirbelnden Blätter schaut, schließlich rührt sie die selbst auf: Bloß weiter auf den Asphalt sehen, auf die wirbelnden Blätter. zurück
Dieses doch lässt den Schluss zu, dass die damals wohl sehr junge Frau damit gerechnet hat, dass Matthias bleibt – dann könnte es auch ein wissender Ausrutscher gewesen sein. Ich fände ein neutraleres und in dieser Aufzählung sehr viel passender, das engt nicht so ein, lässt mehr offen, denn es bezeichnet nur eine Folge. zurück
Da ein in diesem Satz mehrfach und bewusst wiederholt wird, empfehle ich auch hier eine Wiederholung: (wegen) einer sehr langen Nacht nach sehr vielen Bieren.zurück
Euphonie bedeutet Wohlklang – das kann hier wohl nicht gemeint sein. Euphorie passt aber ebenso wenig, denn sie ist schließlich nicht euphorisch, sondern bastelt an ihrer Vorfreude auf Heirat, Haus und Kinder: sie träumt! Und aus diesem Traum kann sie gerissen werden.
Ganz am Rande: wenn diesen Traum ein Mann geschrieben hätte, wäre ich unter Umständen darüber hergefallen; wenn aber eine junge Frau ihrer Protagonistin diesen Traum zuordnet, kann ich eigentlich nur schmunzeln, vor allem weil die Träumerin dafür oberheftig bestraft wird! Sind das jetzt schon Schablonen im Hirn? zurück
Jetzt erreicht der Text eine kritische Klippe: bislang ging ich davon aus, dass die junge Frau auf irgendeiner leeren Straße oder einem Bürgersteig geht; von Verkehr war bislang nicht die Rede – wozu auch, unsere junge Frau ist genügend mit sich selbst beschäftigt. Nun nimmt sie den Verkehr wahr, aber nur, weil der die Kommunikation stört (und mit ihr teilt der Leser die Wahrnehmungen: den gestörten Satz und dann den entscheidenden). Überraschend wird der Leser plötzlich aus der Situation gerissen: der allwissende Erzähler (der auktoriale, wie es in der Fachsprache heißt) tritt auf und erzählt, was die junge Frau nicht sieht – das ist ein vorzüglich gelungener Kunstgriff in dieser Situation! Aber der Inhalt der Rufe ist zu viel, der muss weg! Lastwagen und nicht-gehörte Rufe: das reicht aus für schreckliche Fantasien. Der Inhalt der Rufe ist vollkommen unerheblich: Bitte unbedingt streichen! zurück
Auch dieser Satz muss entfallen, denn erstens stimmt er nicht, denn die Leitung steht noch, und zweitens illustriert er nur, was zu befürchten war. Der auktoriale Erzähler hat seinen entscheidenden Auftritt gehabt, er wird nicht mehr gebraucht. zurück
Oh nein! Das ist viel zu dick aufgetragen: der Leser ist übrig geblieben und hört Matthias‘ Stimme – aber nichts mehr von Diane. besser kann diese Erzählung gar nicht aufhören, alles ist damit klar! Weg auch mit diesem letzten Satz, weg weg weg! zurück

Textkritik: Alles online – oder was? – Prosa

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Noch ein bisschen schläfrig hat die dicke Hausfrau die Türe vom Arbeitszimmer hinter sich zugemacht. Sich an den Rechner gesetzt und aufs Knöpfchen gedrückt. Leises Summen, sanftes Sirren. Ein Mausklick, und schon öffnet sich das Fenster zum Tor in die große weite Welt. Dort, wo es alles in Hülle und Fülle gibt: News, Zeitgenossen zum Chatten – und nicht zu vergessen, alles, was das Herz an Waren, Dienstleistungen und sonstigem begehrt.
Ein verstohlener Blick auf die Uhr sagt ihr, Zeit, sich auf die etwas schnelleren Socken zu machen. Um 7.30 Uhr ist die world.wide.web-Welt zwar noch in Ordnung. Aber was, wenn um Schlag 8.00 Uhr das reale Büroleben erwacht und sich auf die virtuelle Welt stürzt.
Nicht trödeln, dicke Hausfrau. Wer zu spät kommt, den bestraft der Browserabsturz!
Aber um diese Zeit ficht dies die dicke Hausfrau noch nicht an. Noch geschlagene 30 Minuten bis zum morgendlichen Chaos. Zeit genug, der Freundin eine Mail zu schicken, mit dem Rezept für handgeschabte Curryspätzle!
»Menschen haben es gut«, spricht da der Computer das erste Mal an diesem Morgen zu ihr. »Menschen kriegen richtiges Essen mit Farbe und Geschmack.« Da huscht ein Lächeln über die Wangen der dicken Hausfrau. »Hat Strom denn keine Farbe? Keinen Geschmack?« – »Nein, leider.«
Oben in der Wohnung ist noch alles ruhig. Der Herr Gemahl schon zur Arbeit; die kleine, freche Tochter kann heute länger schlafen – schon wieder Unterrichtsausfall. Und erst 7.45 Uhr. Zeit genug, den neuen Versandhauskatalog anzusehen. Wenn schon das Banner so verführerisch blinkt.
»Denk an die Zeit!«, mahnt der Computer. »Ach, es wird schon reichen! Ich brauch doch nur ein paar Sommerblusen«, antwortet die dicke Hausfrau leicht unwirsch. Rief die gesuchte Seite auf, lehnte sich bequem im Bürosessel zurück und harrte der Dinge, die sie erfreuen sollten.
»Die Seite wird aufgebaut. Bitte haben Sie einen Moment Geduld!«
»Die Seite wird aufgebaut. Bitte haben Sie einen Moment Geduld!«
Da hat die dicke Hausfrau runde Augen gekriegt, einen scheuen Blick auf die Uhr geworfen. Es sind doch erst 7.55 Uhr! Noch gar keine Angestellten/Beamten/Surfzeit! Nicht schon um 7.55 Uhr.
»Die Seite wird aufgebaut. Bitte haben Sie einen Moment Geduld!«
»Die Seite wird aufgebaut. Bitte haben Sie einen Moment Geduld!«
So flimmerte es unerbittlich am Bildschirm. Und der Zähler lief unerbittlich mit und zeigte der dicken Hausfrau, wie viel an Knete gerade versurft wurde.
»Die Seite wird aufgebaut. Bitte haben Sie einen Moment Geduld!«
Da hat die dicke Hausfrau resigniert mit den Schultern gezuckt, dem Rechner einen liebevollen Klaps gegeben. Den Seitenaufbau abgebrochen, das Programm beendet und die Verbindung gecancelt.
Ist aufgestanden, zur Türe gegangen, noch einen sehnsüchtigen Blick auf den längst dunklen Bildschirm geworfen.
Offline.

© 2003 by Marlene Geselle. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Die folgende Kritik (Zusammenfassung und Einzelkritik) stammt erneut nicht von mir, Malte Bremer, sondern von Nicole Thomas. Mehr dazu und zu ihrer Person findet sich hier. Jetzt aber zu »Nicoles Meinung«:

Insgesamt ist der Text durchaus flüssig erzählt, humorvoll und erfrischend lebendig. Leider weist er noch etliche Ungereimtheiten auf und enthält keinen nennenswerten Höhepunkt. Dabei hätte sich dieser Text mit ein wenig mehr Anstrengung spielend in etwas wirklich Lesenswertes verwandeln können.
So humorvoll und wortgewandt dieser Text auch ist, so belanglos ist er auch. Die etwas vorzeitig aufgetretenen Schwierigkeiten beim Aufbau der Site reichen einfach nicht aus, eine wirklich interessante Wendung herbei zu führen. Der Text zeugt von Spaß am Schreiben und einem guten Gespür für den Umgang mit Sprache, aber das war es dann auch schon. So, wie er jetzt ist, mutet er wie die Klischeevorstellung des Tagesablaufs einer Hausfrau an: Eine Aneinanderreihung von Tätigkeiten, ohne besondere Vorkommnisse und im Endeffekt ziemlich frustrierend. Aber das kann doch nicht schon alles gewesen sein, oder?

Die Kritik im Einzelnen

In diesem Satz sind zwei Dinge nicht ganz schlüssig. Dass die Hausfrau aufgrund der frühen Uhrzeit noch recht müde ist, wird erst im weiteren Verlauf des Textes deutlich. Bis dahin ist das Ganze für den Leser eine Information ohne Wert. Also kann man das schläfrig hier entweder streichen oder direkt erklären, indem man die Aussage konkretisiert und sagt, dass die Hausfrau zu dieser frühen Uhrzeit noch ein wenig schläfrig ist. Wobei ich die Begriffe müde oder verschlafen allerdings noch passender fände als schläfrig. Zum anderen stellt sich die Frage, ob die dicke Hausfrau die Tür nun von innen oder außen zugemacht hat. Und da die Antwort aus dem unmittelbar darauffolgenden Satz sofort ersichtlich wird, wäre es sinnvoll, den Punkt zwischen beiden Sätzen durch ein Komma zu ersetzen. So erhält man zwar einen relativ langen, dafür jedoch in sich schlüssigen ersten Satz. Und so prägnant die Bezeichnung dicke Hausfrau auch sein mag, so klischeebeladen ist sie auch. Ist hier wirklich keine weniger plakative Charakterisierung möglich? zurück
Das Fenster zum Tor klingt holprig und beeinträchtigt den Lesefluss. Einer dieser beiden Begriffe sollte gestrichen werden. Meine Empfehlung wäre, das Tor zu streichen und dem Fenster den Vorzug zu geben, denn das Spiel mit der Doppeldeutigkeit des Wortes Fenster bietet meiner Meinung nach die reizvollere Variante. zurück
Schön und gut, aber was bezweckt diese Aufzählung eigentlich? Dass es all diese Dinge – und noch etliche mehr – im Internet gibt, ist klar, wozu also das Offensichtliche noch einmal besonders betonen? zurück
Warum verstohlen? Vor wem soll dieses Überprüfen der Uhrzeit denn verborgen bleiben und vor allem: Warum? Verstohlen macht hier keinen erkennbaren Sinn, ich würde es ganz einfach weglassen. zurück
Dieser Satz ist als Frage formuliert und sollte meiner Meinung nach folglich auch mit einem Fragezeichen beendet werden. Und so reizvoll das Spiel reale / virtuelle Welt auch ist, so unstimmig wirkt es, wenn die Begriffe real, irreal und virtuelle Realität vollkommen beliebig verwendet werden. Besser, wenn auch zugegebenermaßen nicht allzu originell, wäre, wenn in den Büros die Arbeit beginnt und die Angestellten sich in die virtuelle Welt stürzen. zurück
Wohl eher die world-wide-Warteschleife. Ansonsten kann ich der dicken Hausfrau nur empfehlen, es einmal mit einem anderen Browser zu versuchen, wenn der, den sie jetzt benutzt, den alltäglichen Stau auf dem Datenhighway gleich mit einem Absturz quittiert. Außerdem: könnte man diesen etwas unmotiviert im Raum stehenden Hinweis nicht vielleicht schon dem Computer zuschreiben? Es spricht doch eigentlich nichts dagegen, dass sich der Rechner schon etwas früher zu Wort meldet, und diese Aussage wäre dann um einiges harmonischer in den Text integriert. zurück
Woher dieser plötzliche Sinneswandel? Bisher war sie doch immer der Ansicht, sich beeilen zu müssen und nicht trödeln zu dürfen. Und jetzt auf einmal ist sie die Ruhe selbst? Das erscheint mir nicht wirklich nachvollziehbar. zurück
Grundsätzlich ist die Idee recht interessant, dass die Hausfrau sich mit dem Computer wie mit einer menschlichen Person unterhält, die Maschine vielleicht sogar den Status eines Familienmitgliedes einnimmt. Leider ist der Dialog selbst nicht allzu unterhaltsam. Der Werbeschwachsinn mit der angeblich gelben Farbe elektrischen Stroms wird hier viel zu halbherzig durch den Kakao gezogen. Das geht auch bissiger! Aber vielleicht sehe ich das ja falsch, und die Werbung sollte gar nicht ad absurdum geführt werden. Schließlich basiert ja schon die Überschrift auf einem abgewandelten Werbeslogan – was übrigens nicht wirklich gelungen, weil nicht besonders einfallsreich ist. Wie auch immer: so, wie er da steht, ist der Dialog zwischen dicker Hausfrau und Computer alles andere als interessant. Außerdem würde ich statt huscht ein Lächeln über die Wangen der dicken Hausfrau die übliche Formulierung huscht ein Lächeln über das Gesicht der dicken Hausfrau vorziehen. Selbst wenn man, aus welchen Gründen auch immer, diese Redewendung abändern möchte, macht es keinen Sinn, an dieser Stelle Wangen zu schreiben, denn zunächst einmal ist an einem Lachen zuallererst die Mundpartie beteiligt, und ich sehe keinen Anlass, warum man diese hier überspringen sollte. zurück
Also, zumindest ein ist sollte man diesem Satz schon verpassen, wenn schon auf eine weitergehende Formulierung wie zur Arbeit unterwegs oder zur Arbeit gefahren verzichtet wird. Entweder ergänzt man also diesen Satz entsprechend, oder man setzt einfach hinter den vorhergehenden Satz statt eines Punktes ein Komma. zurück
Diese Informationen beschreiben eine Person, die hier nicht näher in Erscheinung tritt, sind daher eigentlich überflüssig. Der Hinweis auf den Unterrichtsausfall lässt den Leser wissen, dass die Tochter noch im schulpflichtigen Alter ist, und das ist für die Charakterisierung einer eher unwichtigen Nebenfigur vollkommen ausreichend. Bleibt an dieser Stelle eigentlich nur noch die Frage, warum es zuvor beim Betreten des Arbeitszimmers eigentlich so immens wichtig war, die Tür zu schließen, wenn in der Wohnung doch alles ruhig ist. Schließlich besteht weder die Gefahr, dass die dicke Hausfrau gestört wird, noch stört sie ihrerseits jemanden. Für gewöhnlich sind nämlich weder das Schreiben einer E-Mail noch das Stöbern in virtuellen Katalogen mit übermäßiger Geräuschentwicklung verbunden. zurück
Dieser Satzanfang wirkt unnötig abgehackt. Auf überflüssiges Herumreden zu verzichten, ist zunächst einmal ja vollkommen korrekt und wünschenswert. Hier wird jedoch zu sehr an Worten gespart. Ein einleitendes sie darf man dem Satz schon gönnen. Außerdem war der Text, seit sich die dicke Hausfrau an den Rechner gesetzt hat, im Präsens gehalten. Ausgerechnet an dieser Stelle plötzlich wieder in die Vergangenheitsform zu wechseln, ergibt keinen erkennbaren Sinn. zurück
Ungläubig erscheint mir in diesem Zusammenhang passender als scheu. zurück
Korrekt muss es heißen Es ist doch erst 7.55 Uhr. zurück
Das an vor Knete ist in jedem Fall überflüssig, außerdem klingt Knete zu nachlässig und umgangssprachlich, das hat der Text nicht verdient. Der Begriff Geld mag vielleicht nicht allzu einfallsreich wirken, ist hier jedoch angemessener. zurück
Sicher, dass sie tatsächlich den Rechner getätschelt hat? Oder war es vielleicht doch eher der Monitor? zurück
Da hat die dicke Hausfrau ihre Enttäuschung aber ziemlich schnell überwunden, wenn sie so problemlos von resigniert auf liebevoll umschalten kann. Auch dieser Sinneswandel kam wieder einmal ein bisschen sehr plötzlich. zurück
Wenn die dicke Hausfrau zur Tür geht, ist sie logischerweise vorher aufgestanden, das muss also nicht noch einmal explizit betont werden. Außerdem fehlt hier definitiv ein hat, die Formulierung ist noch einen sehnsüchtigen Blick auf den Bildschirm geworfen ist schlicht und einfach sprachlich falsch. Außerdem: Wieso ist der Bildschirm dunkel? Die dicke Hausfrau hat doch nur ein Programm beendet, da müsste dann doch noch die Benutzeroberfläche oder ein Bildschirmschoner zu sehen sein. Davon, dass sie den Computer komplett heruntergefahren hat, war bisher doch noch gar nicht die Rede. zurück
Ob das offline an dieser Stelle des Textes besonders sinnvoll ist, darüber kann man geteilter Meinung sein. Mir persönlich gefällt es, weil es noch einmal das definitive Ende des Online-Aufenthaltes betont, sowie eine schöne Verbindung zu der, wenn auch leider nur mäßig einfallsreichen, Überschrift darstellt. Andererseits kommt diese Feststellung ein bisschen spät – offline war die dicke Hausfrau doch spätestens, nachdem sie die Verbindung gecancelt hat. zurück

© 2003 by Nicole Thomas. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Textkritik: Nimmermehr – Lyrik

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die Krieger, sie ziehen aus zu fernen Schlachten
wo sie den erklärten Feinden nach dem Leben trachten
die Erde sie trauert um sinnlos vergossenes Blut
die Bäume erzählen von Schlachten und Mut

doch abseits steht ein Barde einsam alleine
besingt die toten Freunde und weinet gar sehr
macht es sein Herz traurig, doch so schwer
steht er da und schreit ein Wort nur: Nimmermehr

dies Wort was einst die Raben brachten in die Welt
er mit diesem Wort darüber sein Urteil fällt
ein Mann, ein Freund, leblos am Boden liegt
für ihn, es war ein sehr teurer Sieg

das Schwert steckt noch tief und fest in der Brust
Gestern noch saß er am Feuer, schürte seine Kampfeslust
doch nun klamme fahle Finger umklammern noch die Schneide
er hernieder sinkt, starrt in die leeren Augen und leide

die Schlacht sie ist im Gange, sie reihenweise sich niederlegen
das klirren der Schwerter, die Kampfesstimmen über die Erde fegen
doch er steht nur da versunken in Trauer, tief in seiner Melancholie
weint bittere Tränen für die Welt, sie werden geschlachtet wie Vieh

die letzten stehen noch aufrecht im Kreise
ohne Chance, ein Blick, ein kurzes Nicken
das Wissen zu sterben, zum gehen bereit
ein letztes Aufbäumen, zu schinden noch Zeit

so standen die Krieger, Rücken an Rücken da
es war sicher, wussten das der Tod sie ansah
so kreuzten sie die Klingen ein letztes Mal
dann sie sich dem Schicksal ergaben und starben

der Barde, der alte Mann
formte mit seiner Trauer
für Sie diesen Gesang
und zog davon gebrochen und schwer
nur ein Wort auf den Lippen: Nimmermehr

© 2003 by Talis Wood. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Eine formal und inhaltlich grausam zusammengestümperte Pseudoballade.

Die Kritik im Einzelnen

Vorbemerkung: da ich hier mit Textmarken geizig sein muss – denn die Übersicht geht verloren, wenn ich jedes zweite Wort verlinke – bekommt jede Strophe nur einen Link verpasst.
In der ersten Zeile ziehen Krieger zu fernen Schlachten aus, womit klar wird, dass dieses Gedicht nichts mit Soldaten zu tun hat, sondern historisch woanders angesiedelt ist. Warum es die Krieger, sie ziehen heißt statt die Krieger ziehen sollte einen Grund haben, sei es nun Metrum oder Stil; hat es aber nicht, denn in diesem Gedicht – ich greife vor – wechseln Metrum & Rhythmus & Reim ganz nach Belieben, was ein schlechtes Zeichen ist, wenn ein Gedicht zentriert & in Strophenform daherkommt…
Die Krieger werden charakterisiert: es sind keine edlen Krieger, die ihre Jungfrauen oder ihr Vaterland oder ihren Geldsack verteidigen, sondern es sind blutrünstige historische Hooligans, die aus purer Mordlust losziehen, um erklärten Feinden (»Ich erkläre hiermit allen Rübennasen den totalen Krieg!«) das Leben (nicht das leben) zu mopsen.
Hieß es in der ersten Zeile die Krieger, sie ziehen…, so heißt es jetzt – seltsamerweise ohne Komma – die Erde sie trauert…: Also doch ein Stilmittel? Abwarten! Wichtiger ist, dass unsere Erde im Vorgriff auf zukünftige Ereignisse schon einmal vorsorglich trauert (vielleicht hat sie später dazu keine Gelegenheit mehr, z.B. wenn sie in Blut ersaufen sollte), weil in der kommenden Schlacht Blut sinnlos vergossen worden sein wird; kann ich irgendwie nachvollziehen, denn soweit mir geläufig ist, schätzt die Erde nur sinnvoll vergossenen Blut in der berüchtigten Kombination >Blut und Boden<.
Zum Stilmittel: wäre es eines gewesen, müsste es in der vierten Zeile korrekterweise heißen: die Bäume, sie erzählen. Tut es aber nicht; also ist es kein bewusst eingesetztes Stilmittel. Weiter: mich würde schon interessieren, von wessen Mut hier die Bäume erzählen: sind sie heimliche Fans dieser Hooligantruppe und halten deren Abschälachtereien (He, Word 2000!!! Ich habe Abschlachtereien getippt, das musst du nicht verbessern – halte dich da gefälligst raus!!!) für ein Zeichen von Mut? Spannend auch, wem die Bäume erzählen: z.B. der Erde, um sie zu trösten? oder einander, um ihre Vorfreude auf kommende Metzeleien zu kanalisieren? Sonst ist niemand in der Nähe! Halt, Kommando zurück: sind die Bäume etwa und gewissermaßen die lyrischen Ichs, die dieses Gedicht zu verantworten haben? Festzuhalten bliebe noch, das die erste Strophe saubere Paarreime hat. zurück
Warum steht der Barde doch abseits statt einfach abseits? Zieht er normalerweise mit seinen Kumpels mit und bleibt nur dieses Mal daheim? Schließlich sind Barden nichts anderes als singende Krieger, die ihre Kumpels zusätzlich durch ihre Musik psychologisch beeinflussen können – man betrachte, was das Psychologische angeht, nur einmal Troubadix (der im Original viel sprechender heißt: Assurancetourix)! Jedenfalls: der Barde ist ein armes Schwein, denn er steht einsam und allein (bitte nicht das umgangssprachliche alleine, vor allem dann nicht, wenn es wie hier nicht einmal als Reimwort missbraucht werden muss). Damit fällt er als Baumerzählungszuhörer flach, weil er dann in Gesellschaft gewesen wäre.
Nanu: die Erde trauert wegen vergossenem Blut, der Barde besingt die toten Freunde… Aber die Hooligans sind doch erst auf dem Weg zu fernen Schlachten? Oder habe ich etwas nicht mitgekriegt? Vielleicht haben die Mordbrenner schon eine Schlacht hinter sich – nämlich diese hier -, ziehen unbefriedigt blutgeil zu einem ferneren Schlachten, während sie mit den Leichenteilen den Barden zurückgelassen haben, der ihnen offenbar entwischt ist oder sich mutlos hinter einem Baum versteckt hatte wegen einer Arthrose im Schwerthandhandgelenk. Irgendeinen Sinn muss das ja haben…
Was macht wohl sein Herz traurig, doch so schwer – was auch immer diese sprachlich höchst eigenwillige Wörterkombination bedeuten will: sein Herz ist traurig, aber so schwer… – : beschweren es (das Herz) die toten Freunde (was kein es wäre), dass er überhaupt weint, dass er sehr weint (was als Tätigkeit zwar ein es wäre, aber sinnlos, da es (das Weinen) das Ergebnis der grammatisch unbegründeten Trauer wäre)? oder – ja doch! – gehört doch so schwer zur nächsten Zeile,
wo es dann im Zusammenhang hieße: doch so schwer / steht er da ? Das könnte möglich sein: er weint, pardon: weinet, das heißt er verliert Flüssigkeit, aber dennoch (doch) steht er schwer da (also haben wir es mit einem umfangreichen Barden zu tun). So fügt sich zumindest ein Weniges sinnstiftend zusammen: man muss halt Geduld haben, vor allem als Kritiker! Unser Barde aber weinet (ob der wohl Hänschen heißt?) nicht nur, sondern er singt gleichzeitig (von Schluchzern geschüttelt) zu Gunsten seiner toten Freunde, während er ebenfalls gleichzeitig ein Wort nur schreit (diese drei stimmlichen Vorgänge gleichzeitig: das schafft keiner, da wette ich), nämlich Nimmermehr; er kannte offensichtlich & bestenfalls den guten Edgar Allen Poe; damit kann der Text jedoch nicht im Mittelalter spielen. Schlimmstenfalls kennt er den Raben Nimmermehr als den ständigen Begleiter und Fernaufklärer der Hexe Gundel Gaukeley (Magica de spell), doch die taucht in den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts zum ersten Mal auf, was für den Zeitpunkt der Schlachten und Barden der Todesstoß wäre. Aber lassen wir das. Festzuhalten bleibt noch, dass in dieser Strophe die erste Zeile reimlos vor sich hin kümmert, während dann gleich drei Reime folgen. zurück
Dies Wort was einst…erinnert stilistisch wieder an den Beginn der ersten Strophe (hier fehlt erneut das Komma). Zum Symbol gemacht hat nur 1 Rabe diesen Begriff, eben der Poe’sche, selbstverständlich gab es das Wort bereits lange zuvor. So viel zum Gehalt dieser Zeile.
Nur der Reim Welt-fällt könnte als Vorwand herhalten müssen, warum diese Zeile so entsetzlich verkorkst daherstolpern muss: aber es muss sich doch überhaupt nichts reimen in diesem Gedicht, es gibt doch mehrfach Doppelzeilen ohne Reim! Warum macht sich einer solche Mühe, einen Satz so zu verunstalten? Zumal auch der Inhalt vor die Hunde geht (vermutlich aber nicht wegen der Satzstellung): worüber ist darüber? Worüber fällt unser umfangreiches Hänschen ein Urteil:? Über die Welt? Über die trauernde Erde und die eifrig plappernden Bäume? Über das In-die-Welt-Bringen des Wortes? Über die Hooligans? Über die Feinde? Über seinen Schrei? Über das Gedicht? Und was ist nimmermehr für ein Urteil? Die ganze Zeile ist eine, die man sich schenken kann & sollte: das ist mein Urteil! So etwas mag ich nimmermehr lesen!
Tatsächlich: es hat eine Schlacht stattgehabt, denn immerhin liegt abgesehen von den vielen toten Freunden, die bereits beweinet wurden, zusätzlich auch noch ein Mann, ein Freund leblos am Boden herum. Die anderen toten Freunde hängen wohl in den Bäumen: kein Wunder, dass Letztere sich einiges zu erzählen haben!
Für ihn, es… hat zum vierten Male diese stilistische Hervorhebung, überraschend plötzlich wieder mit korrektem Komma: damit steht es bereits 2:0 für Kommahin nach den beiden Eigentoren von Kommaweg! Erstaunlicherweise hat der Mannfreund einen Sieg errungen: aber in Clausewitzens Namen, wer zieht denn da in welche Schlachten, wenn gerade ein Sieg errungen ist? Oder ist Mannfreund einer aus der ursprünglichen Hooliganherde, deren Reste jetzt zu noch ferneren Schlachten und Feinden zieht, während die toten Sieger zurückbleiben und vom umfangreichen Hänschen beweinet werden? Wo allerdings die erschlagenen Feinde sich befinden, bleibt seltsamerweise unklar: das müssen doch eine Menge gewesen sein… Die Strophe zeichnet sich durch Paarreime aus, von denen der erste sehr brutal hingemurxt wurde. zurück
Also: trotz allem herrscht im Gedicht finsterstes Mittelalter: das Schwert spricht Bände. Aus stilistischen Gründen hätte die Zeile beginnen müssen das Schwert, es steckt… Unerklärlicherweise wird darauf hier verzichtet. Dafür beginnt
die nächste Zeile überraschend mit einem lyrischen Großbuchstaben – vielleicht als stillschweigender Ausgleich für das vorausgegangene kleine Leben…; dass Mannfreund am Feuer seine Kampfeslust geschürt hat, ist eine krasse Portion unfreiwilliger Humor, denn normalerweise kann niemand etwas bei sich selbst schüren, sondern nur bei anderen; da frage ich mich zudem, wo Hänschen in jener Nacht am Schüren war: schließlich ist das seine Spezialfertigkeit, und woher er weiß, dass Mannfreund sich selbst geschürt hat, wenn er gar nicht dabei war.
Auch hier könnte das Stilmittel (wenn es jemals eines gewesen wäre) wieder problemlos eingesetzt werden: doch klamme fahle Finger, sie umklammern nun… Die Verbindung klamm mit klammern klingt ansprechend, haut aber inhaltlich volle Kanne daneben: klamme Finger bedeutet, dass sie schwer beweglich sind, also gerade nicht klammern könnten, auch wenn sie es wollten.
Wer sinkt hernieder? Ich denke, Mannfreund liegt leblos am Boden! Wenn einer schon auferstanden ist von den Toten, möchte man das doch wissen, das ist schließlich nicht selbstverständlich! Auch nicht ganz uninteressant ist, in wessen leere Augen der wiederauferstandene Mannfreund starrt – vielleicht sind es ja seine eigenen, falls nur sein Astralleib sich erhoben hatte, und so starrt Astralmannfreund mit seinen Astralaugen in seine leeren Normalaugen, während seine klammen Astralhände das Astralschwert in der Astralbrust umklammern. Oder sollte mit dem er zu Beginn unerwarteterweise unser umfangreiches Hänschen gemeint sein, das in dieser Strophe bislang noch keine Rolle gespielt hatte? Wäre mir irgendwie lieber, obwohl das auch nicht mehr viel hilft. Denn was soll das heißen: er starrt in die Augen und leide? Völlig hilflos ob dieses tödlich verunglückten Reimwortes leide empfehle ich Scheide, denn die muss erstens leer sein, weil das Schwert in der Brust steckt, und zweitens hat sie eine Öffnung, in die man hineinstarren kann. Besser, das gestehe ich frei heraus, wird das Gedicht dadurch aber um kein Gran. Lediglich der zweite Paarreim in dieser Strophe wäre ansatzweise gerettet. zurück
Wie bitte??? Da war noch gar kein Sieg? Da tobt eine Schlacht? Ja: aber welche denn? Wann sind die Hooligans denn eingetroffen? Und wieso ist der Barde plötzlich bei den Hooligans??? Natürlich nicht: Es ist milliardenfach schlimmer! Gewiss läuft die Schlacht schon von Anfang an, nur war es Hänschen (denn der stümpert ja diesen Unfug zusammen, wie wir am Ende informiert werden) nicht möglich, dem Leser das auch nur ansatzweise verständlich zu machen: Die Krieger ziehen in die Schlacht, aber der Barde steht einsam & allein, so gibt er den Sachverhalt weiter! Und falls der Barde stehend in gebührendem Abstand (wegen abseits und allein) hinter seinen Mörderkumpanen hergeritten wäre, sollte man das als Leser ebenfalls erfahren. Tröstlicherweise wird erneut zum Nichtstilmittel gegriffen (die Schlacht sie ist…), zur Abwechslung wieder ohne Beistrich, neuer Spielstand also 3:0 für Kommahin.
Beim Spielstand Großschreib gegen Kleinschreib stand es zuletzt 1:1, jetzt legt Kleinschreib wieder einen vor: 2:1 für Kleinschreib dank das klirren. Einen besonderen Reiz bergen auch die Kampfesstimmen, die über die Erde fegen: bei dem Schwertgeklirr dürften die üblichen Unterhaltungen kaum vernehmbar sein: da nimm, hab ich dich, wart nur, das zahl ich dir heim… usw.; wesentlich vernehmlicher hingegen fegte alle Art von Kampfgeschrei über Felder und Wiesen.
Wenn es nicht müßig wäre zu fragen – ich bekomme ja doch keine Antwort -, dann früge ich, wann unser umfangreiches Hänschen sich wieder aufgerappelt hatte, es war doch niedergesunken, um in leere Augen und eine leere Scheide zu starren. Auf das Nichtstilmittel wird großzügig verzichtet (doch er, er steht…), und der umfangreiche Barde ist versackt in Trauer oder Melancholie, er weiß es selbst nicht so genau, deshalb setzt er sicherheitshalber beide Wörter hin.
Dann ist umfangreiches Hänschen schon wieder am Heulen, und zwar weint es diesmal Tränen für die Welt (wär mal was Anderes statt dem ewigen Brot, und schließlich sind Brot & Tränen Geschwister) – und da hat er zusätzlich ein lecker Geheimnis, der umfangreiche Barde: nur er ganz allein weiß, wie man für etwas weinen kann; um die Welt hätte er zudem schlecht weinen können, der geht’s doch geradezu blendend, da reihenweise Grasnarbenzertrampler endgültig in selbiges beißen; irgendwelche Wesen (Hooligans und/oder Rübennasen) werden zudem wie Vieh geschlachtet, vermutlich, weil sie sich bereitwillig niedergelegt haben: sei’s drum, basst scho! Hell aber strahlt die Strophe mit zwei astreinen Paarreimen (irgendjemand muss hier für Lyrisches sorgen). zurück
Kleinschreib schlägt erneut zu, es hat die letzten ins Feld geschickt: Spielstand 3:1. Von der Schlacht selbst ist nicht mehr viel übrig, da stehen noch ein paar Hansele im Kreis, es scheint, es sind die  restlichen blutlüsternen Hooligans, die jetzt ihrerseits von den Rübennasen aber so was von eine drauf kriegen: Recht so! Auch, dass Hänschen wieder das Nichtstilmittel verloren ging (die Letzten, sie stehen…), ist nur wegen dem Spielstand schade.
Oha, Kleinschreib schlägt schon wieder zu, dieses Mal darf zum gehen ran: 4:1 kurz vor dem Schlusspfiff! Wer sagt, dass dieses Gedicht nicht spannend ist? Zum Inhaltlichen könnten sogar die Hooligans höchstpersönlich wohl auch nicht sagen, warum sie einerseits angeblich zu gehen bereit sind, andererseits aber noch Zeit schinden möchten: aber wer weiß schon, was in hohlen Hooliganköpfen vor sich geht? Nicht einmal Freund Hänschen kennt sich da aus… Am Ende findet sich ein trübseliger Paarreim. zurück
Es hätte eigentlich heißen können die Krieger, sie standen Rücken an Rücken da aus Gründen, die zu nennen ich mich inzwischen weigere; in jedem Falle ist das Komma im Originalsatz daneben, also ein sattes Eigentor von Kommahin: Kommaweg verkürzt auf 3:1.
Die zweite Zeile ist schwerstbeschädigt: es war sicher, sie wussten, dass der Tod sie ansah müsste der Satz korrekterweise heißen; wie oft die noch begreifen müssen, dass sie erledigt sind, lässt sich nur dadurch rechtfertigen, dass die Krieger – wie schon gleich zu Anfang nachgewiesen wurde – eben keine ehrbaren Krieger sind, sondern höchst einfachst gestrickte Totschläger. Ein Eigentor von Kommaweg ereignet sich, da nach wussten eines zu stehen hat: 4:1 stürmt Kommahin unaufhaltsam davon.
Noch immer haben trotz Einsicht und Durchblick und Wissen und Erkenntnis die Totschläger keinen Schimmer, sondern kreuzen die Klingen noch ein letztes mal (4:1 für Kleinschreib, Torschütze mal) – menno, das dauert!!! Heißen hätte es müssen die Klingen, sie kreuzten sie… (ich verrate aber nicht, warum!)
Beim sehnlichst erwarteten Exitus wird noch einmal die Grammatik beansprucht durch eine unnötige Inversion: dann ergaben sie sich dem Schicksal und starben… muss es korrekt heißen; Gedichte zeichnen sich schließlich nicht dadurch aus, dass ihre Sätze möglichst falsch gebaut sein müssen. Ist es eigentlich Schicksal, wenn man sich blutrünstig auf einen Feind stürzt und dann den Kürzeren zieht? Ich halte das eher für hausgemacht. Für die getöteten Rübennasen sieht das allerdings anders aus: wer rechnet schon mit solchen Mordkommandos… Zum Glück haben jene gewonnen und leben jetzt friedlich in Rübennasenhausen, übrigens schon seit Jesu Zeiten (weiß ich von Brian)! zurück
Bevor unser umfangreicher Barde Hänschen zum Formen geschritten wäre, hätte er besser nachgedacht; aber vermutlich hat er sich den letzten Rest von Verstand aus dem Hirn geweint, um endlich seinen engsten Freunden, den Totschlägern, gleich zu sein. Nur so kann ich mir erklären, warum er auf seinen Verstand verzichtet und lieber mit Trauer »dichtet«. Auch sonst hat er nicht viel zu Stande gebracht, nicht einmal die Kampfeslust seiner Freunde hat er anstacheln können bzw. müssen, die haben auch ohne sein Zutun genug geschlachtet und sich bei Bedarf selbst geschürt. Und ganz gewiss hat er nicht für mich diesen Unsinn geschrieben.
Dass Hänschen gebrochen davonzieht, rührt mich überhaupt nicht, im Gegenteil, das ist das Mindeste, was er verdient hat! Er hätte besser einige Gedanken und Gefühle an die Opfer seiner Schlägertruppe verschwenden sollen, statt selbstmitleidig in Trauer zu versumpfen; und für seine Schwere ist er auch selbst verantwortlich, Arthrose ist kein Grund, sich nicht körperlich zu betätigen. Froh allerdings stimmt mich sein Gelöbnis am Ende, nämlich dass er nimmermehr singen wird – für wen auch, seine Kumpel haben sich immerhin erfolgreich ausgerottet! »Gut so«, rufe ich dem umfangreichen Hänschen nach, »geh allein in den tiefen Wald hinein und lausche den Bäumen, die haben immerhin was Rechtes zu erzählen!«