Good Bye, eBook! Gemstar gibt auf.

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NuvoMedia Rpcketbook
Das Rocket eBook

War der Markt nicht reif – oder niemals vorhanden? Der eBook-Anbieter hat seine deutsche Niederlassung zum 31. Juli 2003 geschlossen
Update: Am 18. Juni 2003 stellte Gemstar den Verkauf der Geräte weltweit ein

Wird das gedruckte Buch aussterben? Werden wir künftig Texte auf kleinen tragbaren Geräten lesen, deren Speicherkapazität für ganze Bibliotheken ausreicht? Auf der Buchmesse 1998 konnte man zum ersten Mal den Prototyp eines buchgroßen Gerätes sehen, auf dem wechselnde Texte dargestellt werden konnten. Seitdem wird die Diskussion um die sogenannten eBooks geführt. Jede Zeitung, jede Zeitschrift berichtete regelmäßig meist zur Buchmessezeit darüber. Man fragte Schriftsteller und Computerexperten nach ihrer Meinung und diskutierte auf Veranstaltungen. Man verteufelte das Gerät, das nie das Gefühl von Papier und »echter« Literatur vermitteln werde, oder pries es als Zukunft des Lesens. Über Publicity auch außerhalb der Computer-Medien konnte man sich also beim Anbieter Gemstar wahrlich nicht beklagen.

»Lange haben wir für das eBook in Deutschland gekämpft«, so lautet eine eMail, die der Anbieter der Geräte und ihrer Technik im Mai 2003 verschickt. »Unglücklicherweise ist der deutsche Markt für eine Fortführung und ein Aufrechterhalten unserer bisherigen Geschäfte nicht groß genug«. Daraus zieht man Konsequenzen und schließt die deutsche Niederlassung Ende Juli 2003. Bereits einen Monat davor wird es für die Besitzer eines solchen Gerätes keine Möglichkeit mehr geben, neue Buchdateien in Deutschland zu kaufen. Für die eBook-Leser ein Schlag ins Gesicht. Es ist so, als würden in Deutschland plötzlich alle Buchhandlungen schließen. Künftig wird es wohl nur noch englische Titel geben. Und es bleibt die bange Frage: wird demnächst Gemstar ganz aus dem eBook Geschäft aussteigen?

Die Geschichte des Gemstar eBooks liest sich wie viele auf dem Gebiet der sogenannten New Economy. Ende der 90er Jahre entwickelt die Firma NuvoMedia ein tragbares elektronisches Lesegerät. Da die Erfinder Fans der Tim und Struppi-Comics sind, nennen sie den kleinen, dunkelgrauen Kasten »RocketBook«, weil ihnen die rot-weiße Rakete aus dem Tim und Struppi Band »Reiseziel Mond« so gut gefällt. Und

obwohl es zunächst weder die Geräte noch passende Buchdateien dafür zu kaufen gibt, beginnt die öffentliche Diskussion über das elektronisch unterstützte Lesen, die bis heute anhält. Die Firma Gemstar wird auf das Gerät aufmerksam und wittert einen großen Zukunftsmarkt. Bislang vertreibt Gemstar in den USA elektronische Programmzeitschriften, die über das Fernsehgerät abrufbar sind. Man kauft also NuvoMedia – und um die Konkurrenz klein zu halten die weniger bekannte Firma »Softbook« gleich mit dazu. Aus NuvoMedia wird die Gemstar eBook Group.

Im Jahre 1999 beginnt man mit der Markteinführung in Deutschland, die aber erst 2000 so richtig startet (siehe Interview von damals im literaturcafe.de). Man suchte sich einen Hauptvertriebspartner, dessen vermeintliche Erfolgsstory leider schon vor der von Gemstar Deutschland zu Ende sein sollte: BOL. Die von Bertelsmann als Konkurrenz zu Amazon aus dem Nichts aufgebaute Online-Buchhandlung musste 2002 aufgeben. Da es das Gemsstar eBook so also nie in die Buchhandlungen (wo man es ohnehin nicht haben wollte) oder Computergeschäfte geschafft hatte, gab es kaum Verkaufsstellen. Ein noch zum Schluss gestartetes Partnerprogramm, über das man über Internetsites Käufer gewinnen wollte, blieb erfolglos.

Und wo der Umsatz fehlt, da ist kein Geld für Neuentwicklungen vorhanden. Die Nachfolgemodelle des RocketBooks waren eigentlich die Geräte des ehemaligen Konkurrenten Softbook. Sie waren zu groß, zu schwer. Auf dem Markt der tragbaren Kleincomputer, der sogenannten PDA oder Handhelds, auf dem man wesentlich kleinere Geräte findet, mit denen man neben der Textwiedergabe auch Musik hören und Fotos schießen kann, wirkten die Gemstar eBooks wie technische Dinosaurier aus einer anderen Zeit.

Was die Inhalte betraf, so hatte man in Deutschland sicher überaus gute Karten. Mit fast allen namhaften Verlagen und Verlagsgruppen bestanden Verträge, dass Bücher in elektronsicher Form bereitgestellt werden. Ein überaus wichtiger Aspekt, denn ohne den Inhalt bleibt das Gerät unbrauchbar. Aus Angst vor Raubkopien machte man das Konzept jedoch so sicher, dass man die gekauften elektronischen Bücher nur auf einem Gerät lesen konnte. Ein Verleihen war quasi nicht möglich. Ebenso war es bei den Nachfolgemodellen des RocketBooks unmöglich, eigene Texte auf das Gerät aufzuspielen. Nachdem jetzt deutsche Bezugsquellen für neue Buchdateien wegfallen werden, will man für die bestehenden Gerätebesitzer zumindest das Aufspielen selbst erstellter Buchdateien wieder ermöglichen.

Einen Preisvorteil für eBook-Besitzer gab es ohnehin nie. Die Geräte an sich waren schon teuer, doch kosteten auch die Buchdateien genauso viel wie die gebundenen Ausgaben.

War es also wirklich der Markt, der Schuld am Scheitern von Gemstar Deutschland war? Mit Sicherheit nicht, denn eBooks sind auch in Deutschland erfolgreich. Allerdings bevorzugen die Leser flexible und kleinere Geräte, auf denen man zusätzlich Termine und Adressen verwalten, Fotos schießen, SMS verschicken, im Internet surfen und Musik hören kann. Das Lesen von Texten ist nur eine Möglichkeit von vielen. Warum also hierfür ein eigenes Gerät kaufen? Erst unlängst startete mit ebooks.pdassi.de endlich eine Online-Buchhandlung, in der man nun auch namhafte und aktuelle deutsche Titel für den PalmReader erwerben kann, dem eBook-Programm, das jedem Palm bereits beiliegt. Und auch der Microsoft-Reader für alle Windows basierten Kleincomputer ist nach wie vor auf dem Markt. Für beide Gerätegruppen kann man zudem auch eigene Bücher erstellen. In einem Workshop des literaturcafe.de haben wir gezeigt, wie dies funktioniert. Und außerdem kann man die Geräte in jedem Elektronik-Markt kaufen.

Dass Gemstar nun seine Deutschland-Niederlassung schließen muss, bedeutet nicht das Ende des eBooks. Es ist nur das Ende eines nicht marktfähigen Konzepts, dem vernünftige Vertriebswege fehlten, obwohl dafür im Hause Gemstar eBook Deutschland ein engagiertes Team kämpfte. Leider erfolglos – aber nicht ganz unerwartet.

Nachtrag vom 18. Juni 2003: Das endgültige weltweite Aus fürs Gemstar-eBook

Als wir Mitte Mai 2003 darüber berichteten, dass Gemstar zum 31. Juli 2003 seine deutsche eBook-Niederlassung schließen wird, da stellten wir bereits die bange Frage, wann Gemstar wohl ganz aus dem eBook-Geschäft aussteigt. Immerhin versprach man den Kunden in Deutschland, dass sie künftig Titel über die amerikanische Website erwerben könnten.

Bereits einen Monat später verkündet Gemstar dann den weltweiten und endgültigen Ausstieg aus dem eBook-Geschäft. Der Verkauf der Geräte wurde mit sofortiger Wirkung eingestellt. Neue eBooks konnte man nur noch bis zum 16. Juli 2003 erstehen. Bis zu 40% Nachlass bot man auf aktuelle Titel. Was in Deutschland aufgrund der Preisbindung undenkbar ist, wird in den USA die Käufer nicht wirklich zu letzten Hamsterkäufen verleitet haben. Dort sind bei Bestsellern Rabatte bis zu 40% auch bei Papierausgaben gang und gäbe. Augenwischerei also, denn letztendlich ging es nur darum, den Kunden die letzen Dollars zu entlocken.

Der Fall Gemstar zeigt deutlich die Gefahren des digitalen Rechte-Mangements (DRM), vor denen Kritiker seit langem gewarnt haben. Man sollte sich nicht in die Abhängigkeit eines Herstellers begeben. Ein normales Buch »funktioniert« noch nach Jahrzehnten und auch bei Gemstar erwarb man eigentlich das Recht, jederzeit und weltweit auf seine gekauften Bücher zugreifen zu können. Nun will man auch dieses elektronische Bücherbord im Jahre 2006 abschalten. Daran, dass das Gerät selbst schon vorher den Geist aufgeben könnte, darf man als eBook-Besitzer besser gar nicht denken. Es ist, als würde die Hausbibliothek in der Handfläche verbrennen.

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