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Textkritik: Die Erde fleht uns um Erbarmen – Lyrik

Eine Textkritik von Malte Bremer

Die Erde fleht uns um Erbarmen

von Alesig Nitlaf
Textart: Lyrik
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Noch hören wir die Vögel singen,
seh’n Fische froh durchs Wasser springen,
und Blumen in den schönsten Farben
am regenfrischen Tau sich laben.

Noch gibt es sonnenreiche Tage
und kühle, sommerliche Nächte,
vergnügte Ess- und Trinkgelage,
und Zuversicht in höh’re Mächte.

Noch hoffen Menschen, lieben, träumen,
erfreuen sich der schönen Erde;
woll’n alles tun und nichts versäumen,
so dass sie niemals sterben werde.

Noch können wir die Welt erhalten,
wenn wir das gleiche Ziel erstreben
und uns’re Umwelt so verwalten,
dass Mensch und Tiere überleben.

Noch glaubt der Mensch in gute Sterne;
auch wenn so mancher will verzagen.
Die Wahrheit liegt seit je im Kerne:
Ein guter Baum wird Früchte tragen.

Darum ein Aufruf an: Euch Alle!
Die Erde fleht uns um Erbarmen
Ein »Halt!« der dunklen Erdenfalle,
sonst wird die Ohnmacht uns umarmen.

Die Erde bebt, sie fleht um Gnade;
dem Untergang will sie entgehen.
Doch böse Ichsucht, oh so schade,
lässt uns ihr Flehen nicht verstehen.

Noch ist es Zeit den Lauf zu kehren,
der keinem eine Zukunft bietet.
Lasst uns die Erde darum ehren:
»Wir haben Sie ja nur gemietet

© 2001 by Alesig Nitlaf. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Und wieder einmal: Schrecklich gut gemeint, und schrecklich daneben gelangt. Im trauten Kreise gleichgesinnter Weltuntergangs-Stimmungsmacher mag das Gedicht eifrig benickt und beklatscht werden – als Gedicht aber taugt es nichts.
Ein winziger Trost: Handwerklich nicht schlecht: durchgängiges Metrum, (fast) identisches Reimschema, Wiederholung als Stilmittel (Noch als Strophenanfang). Aber das bleibt reine Äußerlichkeit, hat mit dem Inhalt nichts zu tun: die Stropheneinteilung z.B. ist völlig beliebig.

Die Kritik im Einzelnen

Ach wie schön ist die Natur: BSE, MKS, AIDS, Krebs, Alzheimer, Rotfäule, Mehltau; Milzbrand: Hauptsache, die Vögel singen und die Fischlein (Word mal wieder: schlägt Fischleim vor!!!) springen… pardon: die Fische! Die sind froh dabei, wie wir am Lächeln des Barrakudas erkennen können, wenn er gerade wieder einen Springfisch vernascht hat. Und wer steht nicht staunend vor der Herkulesstaude, wenn sie sich mit Tau voll laufen lässt, um Feinde besser verätzen zu können?
Aber meine Fantasie klappt ihre Flügel ein, wenn sie sich »regenfrischer Tau« vorstellen soll: Tau steht eh schon für Morgen und Frische und für durstige Buschmänner, die ihn von ausgelegten Blättern sammeln. Regenfrische Frische? Und das bei dem sauren Zeugs, das Petrus auf uns entsorgt?
Diese Bilder sind so verstaubt und veraltet, dass es schon beinahe Leichenfledderei ist, sie wieder ans Tageslicht zu zerren: wer solche Heile-Natur-Sülze (Word empfiehlt u.a.: Heils-Natur-Sülze: auch nicht schlecht!) mag, soll mal bei Jehovas Zeugen nachschauen; ich gehe jede Wette ein, dass in deren betulichen Broschüren auch Bilder von springenden, lächelnden Fischlein… pardon: Fischen zu finden sind. zurück
Die erste Strophe hatte sich auf ihre Weise mit der belebten nichtmenschlichen Natur beschäftigt, jetzt werden Tag und Nacht erledigt, Ballermann und Glauben jedweder Couleur; der Paarreim wandelt sich (versehentlich?) zum Kreuzreim, der dann immerhin durchgehalten wird.
Inhaltlich ist diese Strophe nicht minder dürftig: Sonnentage, Sommernächte und Saufereien! Ein gutes Drittel der Menschheit leidet unter Wassermangel: die hätten nur zu gerne ein paar Regenwochen mehr. Doch dass das Proll-Mallorca als menschliche Errungenschaft gepriesen wird, deren Fortbestand auf alle Fälle gesichert werden muss – so als eine Art menschliches Weltkulturerbe -, ist ein schon mehr als tragischer Missgriff.
Erleichtert wird zudem festgestellt, dass es noch Zuversicht in höh’re Mächte gibt; ich bin davon überzeugt, dass die Zuversicht »XYZ wird’s schon richten« (XYZ ist nach eigenem Gusto zu ersetzen) dem Anliegen der Autorin eher zuwiderläuft, denn zu leicht entlässt eine solche Zuversicht den Menschen aus seiner Verantwortung. Doch das nur am Rande. zurück
Loggisch: Wenn Menschen noch Zuversicht haben, hoffen sie auch; und dass Menschen lieben und träumen, ist allein aus biochemischen Gründen notwendig. Sollten die Menschen solches nicht mehr tun, dann sind es keine Menschen mehr. Ob sich die Menschen der Erde erfreuen, ist zweifelhaft: Menschen freuen sich fraglos an vielen Dingen, auch an vielen Naturerscheinungen: angeblich gibt es sogar Tornadosammler und Vulkanfetischisten. Warum muss das aber so betont werden?
Zur inhaltlichen Schräglage gesellt sich jetzt ein sprachlicher Fehler: Einerseits haben Menschen ein Ziel (final), andererseits wird das Ergebnis als Folge dargestellt (konsekutiv): ersetzte man so dass durch damit, wäre der Satz zumindest sprachlich korrekt. Dass Menschen ganz allgemein alles tun und nichts versäumen wollen zum ewigen Leben der Erde, stimmt keineswegs. Warum auch: die Erde braucht die Menschen nicht: die überlebt, bis Supernova Sonne in spe sie dermaleinst verschlingt (was sie aber nicht tun wird, denn dazu ist sie zu klein: Hobby-Astronom Franzl sei Dank für diese Information!). zurück
Wie gesagt: wir können die Erde nicht erhalten, und die Welt gleich gar nicht! Es geht – wie in den Zeilen deutlich wird – eigentlich auch überhaupt nicht um den Erhalt der Erde, sondern allein um das Überleben der Menschen: wer soll sich denn an Springfischen freuen, wenn nicht der Mensch? Springen werden die jedoch auch unabhängig von unserer klammheimlichen Freude, schließlich sind die schon gesprungen, als es noch keine Menschen gab! Sehr freundlich, dass auch Tiere noch in den Überlebensplan aufgenommen werden, vor allem wohl die Genießbaren. Aber was ist mit den Pflanzen? Die genießbaren Tiere brauchen sie offenbar nicht mehr, sogar eingefleischte Pflanzenfresser wie die Rindviecher fressen inzwischen Ihresgleichen: als Nes-Kuh. Was machen wir nur mit den Pflanzen? zurück
Hier sollte es wohl an gute Sterne heißen.
Zum dritten Male wird ein Glaube erwähnt, ganz explizit der an die guten Sterne (und natürlich die bösen: das eine geht ohne das andere nicht!). Mancher glaubt wohl nicht an die Sterne (ich z.B.), und der verzagt dann wohl (ich allerdings nicht): sein Problem! Was das soll, weiß ich nicht: die Strophe wiederholt in den ersten beiden Zeilen bereits Gesagtes, denn das Noch zu Beginn jeder Strophe deutet an, dass die Freude an Springfischen bereits im Abklingen ist, dass es also zur Zeit 5 vor 12 ist (wie schon seit Jahrhunderten: manche Uhren gehen eben langsamer!), wobei 12 mindestens den Untergang des Weltalls markieren soll: ach, wir lächerlichen, aufgeregten & wichtigtuerischen Menschlein!
Dass eine Wahrheit im Kerne liegt, mag ja sein: aber welche Wahrheit denn? Und welcher Kern? Des Pudels Kern z.B. war weiland keineswegs die Wahrheit, sondern ein Schalk. Hier wird eine Redensart zu einer metaphysischen Erkenntnis aufgepustet und platzt wie eine Seifenblase: Ein guter Baum wird Früchte tragen. Unser Kirschbaum im Garten leidet unter einer Art Baum-AIDS, der ist absolut nicht gut und trägt Früchte in solch Übermaß, dass die Nachbarn staunen und sich über die Kirschen freuen, die wir ihnen schenken (wir machen uns nichts aus Kirschen).
Welches »gut« ist hier gemeint? Gehört es zu böse (moralisch) oder zu schlecht (funktionsuntauglich)? Ist der biblische Baum gemeint, etwa der bei Matthäus 3,10: Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt. Darum, welcher Baum nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen? Kann nicht sein: da geht es nur um die Früchte! Halt, da: Matthäus 7,17: Also ein jeglicher guter Baum bringt gute Früchte; aber ein fauler Baum bringt arge Früchte. Stimmt nicht, wie ich aus eigener Erfahrung weiß! So einfach ist die Welt nicht gebaut. Vielleicht hilft der Zusammenhang weiter: Seht euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Kann man auch Trauben lesen von den Dornen oder Feigen von den Disteln? Also ein jeglicher guter Baum bringt gute Früchte; aber ein fauler Baum bringt arge Früchte. Ein guter Baum kann nicht arge Früchte bringen, und ein fauler Baum kann nicht gute Früchte bringen. Ein jeglicher Baum, der nicht gute Früchte bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. Darum an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. In jedem Falle geht es um die guten Früchte, nicht einfach um Früchte wie im Gedicht. Soviel zur Seifenblase.
Wenn auch der biologische Aspekt falsch ist, hat doch der Rat, die Menschen an ihren Taten zu messen (statt an ihren Versprechungen), durchaus etwas für sich: das ist vielleicht der Kern dieser Aussage. Böse Zungen meinen, mit diesem Zitat ließen sich auch die christlichen Gewalttaten begründen: die falschen Propheten abhauen und ins Feuer werfen… zurück
Erfreulich: das Gedicht wird geoutet als das, wofür es sich hält: für einen flammenden Aufruf an uns alle, was durch den Doppelpunkt besonders betont wird. Der Pressesprecher der Erde teilt uns mit, dass die Erde uns um Erbarmen anfleht.
Wieso eigentlich, ist doch alles noch in Butter und hoffnungsfroh, sogar die Springfische? Wessen sollen wir uns denn erbarmen? Wir erfreuen uns doch schließlich der schönen Erde, wie ich gerade erfahren habe! Klar: 5 vor 12 ist wie gesagt schon lange 5 vor 12, und fröhlich geht die Welt zu Grunde, heißt es – doch die Erde will unser Erbarmen?
Geschätzte Erde: wir haben dich nicht geschaffen, aber wir haben den göttlichen Auftrag, dich uns unterthan zu machen, wende dich also gefälligst an deinen Erschaffer (oder von mir aus auch an deinen Hausmeister, den Erdgeist), und halte deine Pressesprecher besser im Zaum! Du wirst uns problemlos überleben, und du wirst uns nicht vermissen, darauf gebe ich dir mein feierlichstes Ehrenwort! zurück
Hatte das Gedicht bislang den Vorzug, wegen all seiner inhaltlichen Banalitäten überaus eingängig zu sein, so folgt jetzt überraschenderweise eine Rätselzeile: Ein »Halt!« der dunklen Erdenfalle.
Wer ruft da »Halt!«? Wir alle im Chor, nachdem wir die Botschaft des Pressesprechers vernommen? Der Pressesprecher? Die Erde? – Nein: die nicht, die ist schon seit ihrer Jungfernzeugung auf Fürsprecher angewiesen, die erst erschienen sind, als alles zu spät war! Mmh…!
Vielleicht finden wir den bzw. die Rufer in der Wüste, wenn wir aufklären können, wem oder was da Einhalt geboten werden soll; wären es z.B. Schüler, könnte man mit großer Wahrscheinlichkeit auf Lehrer schließen, bei Mördern auf Tatort-Kommissare, bei Kampfhunden auf Insassen des Rotlichtmilljös. Dieses Halt! nun gilt der Erdenfalle, und zwar der dunklen (wo ist die bunte Erdenfalle hin?). Jetzt muss ich einen Fallenfachmann fragen, schließlich kann ich nicht alles wissen: gibt es High-Tech-Fallen, die auf Zuruf reagieren (Schnapp zu! Schnapp auf! Halt! Sitz! Nicht das Blümchen!)? Und wenn ja: gibt es eine, die auch Planeten fängt… Ach ja? Und wie heißt die? Schwarzes Loch? Doch, das hilft schon, natürlich, es soll ja eine dunkle Erdenfalle sein, schwarz ist doch ziemlich dunkel! Und reagiert so ein Schwarzes Loch auf einen energischen oder freundlichen Zuruf? Wieso nicht bekannt? Ach so, also kein Einziger ist zurückgekehrt, der das jemals versucht hat… Tja dann: danke für die freundliche Auskunft!
Tut mir Leid: Keine Chance, diese Rätselzeile zu erschließen! Ich jedenfalls werde mich hüten, einem Schwarzen Loch zu nahe zu treten! Also rufen schon einmal nicht wir alle. zurück
Wenn das eine Warnung sein soll, so bewirkt sie genau das Gegenteil: Umarmungen sind etwas prinzipiell Schönes. Wer träumt schon davon, sich beim Sterben zu quälen? Ist es nicht viel angenehmer, selbst vom Tod sanft umarmt zu werden? Laut dieser Zeile umarmt uns dann nicht einmal der Tod, sondern die Ohnmacht: wir leben noch, sind nur vorübergehend weggetreten, wenn das Schwarze Loch sich die Erde schnappt. Nein: davor muss uns niemand warnen, weder ein Pressesprecher noch das Gedicht! zurück
Nochmals, hoch geschätzte Erde: wir haben dich nicht geschaffen, und auch für die Schwarzen Löcher tragen wir keine Verantwortung; du wendest dich eindeutig an die falsche Adresse! Bebe von mir aus, was das Zeug hält: uns wird eine sanfte Ohnmacht vor dem Ärgsten schützen. Rede selbst mit der dunklen Erdenfalle, versuche es mit einem »Halt!« oder »Erbarme dich meiner!« oder »Gnade!« – vielleicht reagiert sie ja bei dir! Mach’s gut, altes Haus, und: Kopf hoch, wird schon werden! zurück
So einfach lösen sich Probleme: bisher war ich der Meinung, bis auf die Rätselzeile ziemlich viel verstanden zu haben, jetzt wird mir erklärt, dass wegen meiner bösen Ichsucht (meine gute Ichsucht ist bedauerlicherweise gerade ohnmächtig geworden) ich nichts verstehe und dass das schade sei – nicht, weil ich an böser Ichsucht laboriere, sondern du – ja: du! – genau so, Sie sowieso, und er dahinten am Monitor schon lange: nämlich schlichtweg wir alle verstehen keinen Deut von dem, was die Erde erfleht!
Nun: wenn das so ist: wozu dann dieses Gedicht? zurück
Soweit kommt es noch, dass wir den Lauf der Erde kehren, die Sonne plötzlich im Westen aufgeht: da mache ich nicht mit; außerdem gibt es sehr alte Quellen, die von einem solchen Ereignis aus frühester Zeit berichten – dazu hat es uns schon damals nicht gebraucht! Zudem hätte diese Kehrtwendung genau so wenig oder viel Zukunft wie in der anderen Richtung, da die dunkle Erdenfalle überall lauert!
Dass hier offenbar so etwas wie »Sachzwänge« oder »Lauf der Dinge« gemeint sein soll, ist mir bewusst: nur kommt in dem Gedicht außer den Springfischen keinerlei Bewegung vor: Es ist ein genießendes Stillestehen; das einzige, das sich vielleicht bewegen könnte (wegen dem »Halt!«) könnte die dunkle Erdenfalle sein, was immer sich dahinter verbirgt. Mit anderen Worten: diese Strophe hat keinerlei Bezug mehr zu den vorherigen, sie braucht die vorhergegangenen überhaupt nicht. Mir geht es genau so. zurück
Soso: wir sollen die Erde ehren, weil wir sie nur gemietet haben? Von wem denn? Und zu welchem Preis? Doch selbst wenn wir sie gemietet hätten: ehrt jemand eine Mietwohnung mehr als eine Eigentumswohnung? Ein Leihbuch mehr als das eigene? Einen gemieteten Partner mehr als den »eigenen«? Aber wozu die Grübeleien: wir verstehen doch sowieso nur Flughafen: also ab nach Proll-Mallorca zu den Sangria-Eimern: ehren wir die Erde auf die Weise, die sie gern hat! zurück

© 2001 by Malte Bremer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe – gleich welcher Art – verboten.