StartseiteLiterarisches LebenDer Riemann-Moment: Wann schreibt die KI besser als der Mensch?

Der Riemann-Moment: Wann schreibt die KI besser als der Mensch?

Buchmesse-Slogan 2026 am Signierzelt (Foto: Tischer)
Buchmesse-Slogan 2026 am Signierzelt (Foto: Tischer)

Künstliche Intelligenz war das bestimmende Thema auf der Frankfurter Buchmesse 2026. Ist der »Riemann-Moment« schon gekommen? Schreibt die KI bereits literarisch wertvolle Texte, ohne dass wir es gemerkt haben?

Messethema 2026: Künstliche Intelligenz

Es ist spät abends am letzten Tag der Frankfurter Buchmesse 2026. Ich selbst war nur am Freitag dort, habe für den Bundesverband junger Autoren und Autorinnen bei dessen Konferenz in Halle 4 etwas zum Thema Künstliche Intelligenz erzählt und mich ansonsten mit Menschen getroffen, die man meist nur zweimal im Jahr auf den Buchmessen sieht.

An diesem Abend lese ich in der FAZ den Beitrag von Andreas Platthaus über das neue Hallenkonzept, das nicht wirklich aufgegangen sei. Ein Beitrag, der sich aus guten Beobachtungen und Fotos des Autors speist.

War jahrelang die Halle 3 mit Teilen der Halle 4 der Bereich, der dem normalen Publikum genügte, um alle relevanten deutschsprachigen Verlage gesehen zu haben, so waren diesmal große und bedeutende Unternehmen wie Droemer oder S. Fischer nach Halle 5 verlagert. Da in den Vorjahren an den Publikumstagen die Halle 3 restlos überfüllt war, sollten sich die Besucherströme in diesem Jahr besser verteilen. Zudem waren die fürs normale Lesepublikum interessanten Verlage so alle ebenerdig erreichbar, während Fachaussteller und internationale Verlage diesmal das erste Stockwerk bezogen.

Die tageslichtferne gedrungene Halle 5 mit ihrer tiefen Decke weckte bei einigen Ausstellern leichte kuschelige Leipziger-Buchmesse-Atmosphäre, während Platthaus in seinem Beitrag Stimmen zitiert, die gedroht hätten, im nächsten Jahr nicht mehr auszustellen, wenn sie nochmal in Halle 5 müssten.

Aber so ausführlich will ich meine Meinung und meine Eindrücke aus Frankfurt hier gar nicht festhalten.

Denn an diesem späten Sonntagabend lese ich auf spiegel.de noch einen anderen Beitrag, der sich so gar nicht mit der Literatur, sondern mit der Mathematik beschäftigt. Genauer: mit Mathematik und KI, sodass doch die Verbindung hergestellt ist. Denn die KI sei das dominierende Thema der Messe gewesen, schreibt Platthaus, sowohl auf den Bühnen als auch in den Einzelgesprächen.

Der Autor vor der Veranstaltung des BVjA: Meet the expert (Foto: Tischer)
Der Autor vor der Veranstaltung des BVjA: Meet the expert (Foto: Tischer)

Das kann ich bestätigen, und im Grunde genommen war das Thema KI in diesem Jahr der Grund, warum ich überhaupt die Messe an einem Publikumstag besucht habe.

Bekannte Ideen brillant optimiert

Der Artikel von Johann Grolle auf spiegel.de beschäftigt sich mit dem »Schock für Mathematiker«, dass OpenAI, das Unternehmen hinter ChatGPT, über 700 Manuskripte ins Netz gestellt hat. Die Dokumente seien ein »gigantischer Durchbruch« bei der Lösung von zum Teil seit Jahrzehnten bestehenden mathematischen Problemen, zu denen der Beweis fehlte.

Ich bin kein Mathematiker und wundere mich noch heute über mich selbst, dass ich damals den Mathe-LK belegt hatte. Aber ich lese den Artikel mit Bewunderung, wie bildlich und plastisch mir Johann Grolle die Riemann-Vermutung nahebringt und was die von der KI erstellten Arbeiten in der Welt der Mathematiker auslösten. »Doch war es kein Mensch[,] der diesen Durchbruch vollbrachte. Es war eine Maschine, programmiert von der KI-Schmiede OpenAI«, schreibt Grolle. Die Riemann-Vermutung ist eine bis heute nicht bewiesene mathematische These, die der Mathematiker Bernhard Riemann 1859 aufgestellt hat. Dabei geht es um den Nachweis der gleichmäßigen Verteilung der Primzahlen.

Am Ende des SPIEGEL-Artikels heißt es, dass die Riemann-Vermutung von der KI zwar noch nicht bewiesen wurde, dass die Dokumente, die OpenAI veröffentlicht hat, dennoch ein Durchbruch seien, den Menschen bislang nicht schafften. Grolle zitiert einen Mathematiker, der sagt, dass die von der KI verwendeten Ideen bekannt waren und in den Arbeiten keine wirklich neuen Methoden steckten, aber sie seien »auf so brillante Weise optimiert, dass bisher kein Mensch darauf gekommen sei«.

Ich denke sofort an den Satz, den auch ich in meinen Seminaren immer wieder höre, wenn es um die Frage geht, ob die KI überhaupt dazu in der Lage sei, so etwas wie Literatur zu verfassen: »Nein, das wird sie nie können, weil sie nur Bekanntes kombiniert und nichts Eigenes schaffen kann.«

Aber ist es nicht nur eine Frage der Zeit, bis auch die Literatur den Riemann-Moment erlebt und Bekanntes zu brillant Neuem optimiert wird?

Noch scheint das, was die KI schreibt, weit von literarisch Wertvollem entfernt.

Dabei hatte OpenAI-Chef Sam Altman offenbar geglaubt, dass dieser Riemann-Moment im März 2025 gekommen sei. In einem langen Posting auf X zeigte er sich damals verblüfft von einem neuen Large-Language-Model, das man trainiert habe: »Es ist das erste Mal, dass mich etwas wirklich beeindruckt, das von einer KI geschrieben wurde.«

Doch als dann im August 2025 das Modell GPT-5 auf den Markt kam, also die Version, auf die sich Altmans Aussage anscheinend bezog, war das Ergebnis mehr als ernüchternd. Tatsächlich hatte die KI seine Macher selbst getäuscht. Dr. Christoph Heilig von der LMU München fand heraus, dass die KI einen Text umso literarischer einstufte, je unsinniger er war.

Kein Riemann-Moment.

Schreibt die KI bereits Literatur?

Kurz vor der Buchmesse (28. September 2026) habe ich auf MDR Kultur erläutert, woran man aktuell KI-Texte erkennen kann. Verlässlich kann niemand sagen, ob ein Text wirklich von einer KI stammt, selbst die KI-Detektoren nicht, auf die gerne verwiesen wird.

Anlass für das Gespräch im Radiosender war der Vorwurf, der kanadisch-haitianische Autor Thélyson Orélien habe für seinen Roman »C’était ça ou mourir« KI verwendet. Orélien weist dies vehement zurück. Sein Verlag gibt an, dass ein erster Entwurf bereits 2019, also in Vor-KI-Zeiten vorgelegen habe.

Bevor die Vorwürfe erhoben wurden, war das Werk für den Prix Goncourt nominiert worden, den renommiertesten französischen Literaturpreis, und auch bei Leserinnen und Lesern war das Buch beliebt und stand auf Platz 1 der Bestsellerliste.

Meine Französischkenntnisse reichen nicht mal im Ansatz aus, um den Roman selbst auf KI-Indizien zu überprüfen. Deutschsprachigen KI-Texten merkt man ihre Herkunft an, sofern sie nicht weitreichend überarbeitet wurden.

Die Académie Goncourt hat Orélien von der Auswahlliste gestrichen. Man habe, so war zu lesen, in seinen älteren Texten aus Vor-KI-Zeiten Hinweise auf Plagiate gefunden. Der Einsatz der KI in seinem neuesten Werk gilt nur als »wahrscheinlich«.

Wenn man aber einmal annimmt, Orélien habe tatsächlich die KI eingesetzt und es damit auf die Auswahlliste des Prix Goncourt geschafft und die Leser begeistert: dann wäre der Riemann-Moment tatsächlich da!

Aber das kann ich nicht glauben. Sollte Thélyson Orélien tatsächlich mithilfe der KI einen solchen literarisch wertvollen Roman geschrieben haben, dann wäre ihm beim Umgang mit der KI Außerordentliches gelungen, und er sollte Prompting-Seminare geben.

Es gab bereits Fälle von Verlagsveröffentlichungen, bei denen die Verfasser den KI-Einsatz zugegeben haben, aber noch nie ein so hochgelobtes literarisches Werk.

Was wird uns bis zur nächsten Buchmesse in dieser Hinsicht erwarten? Wird es auch auf dem deutschsprachigen Markt entsprechende Enthüllungen geben?

Vielleicht heißt die Frage in den wieder neu gewürfelten und geplanten Hallen der Frankfurter Buchmesse 2027 dann: »War der Riemann-Moment schon da?«

Wolfgang Tischer

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