StartseiteLiterarisches LebenDeutscher Buchpreis 2026 an Shida Bazyar für »Die Lücken« - Herzlichen Glückwunsch!

Deutscher Buchpreis 2026 an Shida Bazyar für »Die Lücken« – Herzlichen Glückwunsch!

Dankesrede für den Deutschen Buchpreis 2026: Shida Bazyar (Foto: Screenshot YouTube)
Dankesrede für den Deutschen Buchpreis 2026: Shida Bazyar (Foto: Screenshot YouTube)

Ein erfundenes Dorf im Hunsrück, neunzig Jahre Geschichte und vieles, worüber dort niemand spricht: Shida Bazyar gewinnt mit »Die Lücken« den Deutschen Buchpreis 2026. Die Feuilletons hatten auf sie gesetzt und lagen diesmal richtig. Am 5. Oktober wurde ihr der Preis überreicht. Wie war der Abend? Was sagt die Jury zur Begründung? Wir haben den Live-Stream verfolgt, und hier können Sie alles Nachlesen, was Sie wissen müssen.

Heimesbach gibt es nicht. Wer aus dem Hunsrück kommt, erkennt das Dorf trotzdem. Bazyar hat ihr fiktives Heimesbach an Hermeskeil angelehnt, an den Ort, in dem sie 1988 als Kind iranischer Geflüchteter geboren wurde.

Sechs Romane standen beim Deutschen Buchpreis 2026 zur Wahl, bis Sebastian Guggolz, Vorsteher des Börsenvereins, am Abend des 5. Oktober 2026 im Kaisersaal des Frankfurter Römers die Urkunde aufschlug und die Gewinnerin verkündete. Den Deutschen Buchpreis 2026 erhält Shida Bazyar für »Die Lücken« (Kiepenheuer & Witsch).

»Heimisch in Heimesbach – kann man das sein?«, fragt die Jury am Beginn ihrer Begründung, die Guggolz vortrug. Bazyar spiegle anhand einzelner Figurenschicksale fast hundert Jahre ambivalenten deutschen Lebens. »Es waren Nachbarn, die zusahen, wie jüdische Menschen aus den Straßen verschwanden. Es sind Nachbarn, die Entscheidungen treffen, ob Menschen mit Migrationsgeschichte sich zu Hause fühlen.« Die Jury hob den Blick einer toten Erzählerin und den kaleidoskopartigen Aufbau des Textes hervor, der zwischen den Zeiten springe und Nähe wie Distanz erzeuge. Außerdem lobte sie die enge Verbindung von Erfundenem und Dokumentiertem, in der auch historische Figuren eine eigene Stimme bekämen. Das Fazit der Jury: »Ein Roman gegen Gleichgültigkeit.«

Eine Chronik mit Leerstellen

Der Titel »Die Lücken« ist wörtlich gemeint. Die Lücken sind die, die deportierte und ermordete jüdische Bewohner im Dorf hinterlassen haben. Bazyar erzählt von ihnen, von den NS-Profiteuren, die in ihre Häuser zogen, und von kurdischen und iranischen Familien, die Jahrzehnte später ankommen. Häuser wechseln die Bewohner, Straßen die Namen. Die Dorfchronik schweigt.

Shida Bazyar: Die Lücken - Deutscher Buchpreis 2026
Noch nominiert, jetzt ausgezeichnet: Shida Bazyars »Die Lücken« (Foto: literaturcafe.de)

Das Cover nimmt den Titel visuell auf. In der Mitte des weißen Umschlags steht ein dunkles Dorfmodell aus Kirche mit Spitzturm und eng gedrängten Häusern auf einem Sockel, wie ein Tafelaufsatz oder ein Andenken. Alles ist jedoch mit schwarzer Farbe (oder Pech?) übergossen. Titel und Name der Autorin laufen an den Rändern entlang. Dazwischen bleibt viel Weiß. Lücken.

512 Seiten hat der Roman, und die Jury hat damit in diesem Jahr ein ausgesprochen dickes Buch ausgezeichnet. Im Vorjahr gewann Dorothee Elmiger mit den 160 Seiten von »Die Holländerinnen«. Nicht jedem war Bazyars Roman zu kurz geraten. Björn Hayer fand ihn im »Freitag« für 500 Seiten deutlich zu lang und sprachlich zu konventionell. Die FAZ dagegen besprach ihn mit großer Begeisterung. Im September erhielt Bazyar für das Buch bereits den mit 30.000 Euro dotierten Wilhelm-Raabe-Literaturpreis.

Von Teheran in den Hunsrück

Für Bazyar ist der Buchpreis der zweite Anlauf. 2021 stand sie bereits mit »Drei Kameradinnen« auf der Longlist. Ihre Eltern waren politische Aktivisten, die 1987 aus Iran flohen.

Ihr Debüt »Nachts ist es leise in Teheran« erschien 2016 und war ein Jahr später das Buch für »Stuttgart liest ein Buch«. Seinerzeit sprach Wolfgang Tischer vom literaturcafe.de mit ihr über ihr Debüt und das Schreiben. Das Werkstattgespräch lässt sich im Podcast nachhören. Neun Jahre später stand die englische Übersetzung desselben Romans auf der Shortlist des International Booker Prize. Jetzt erhält ihr dritter Roman den Deutschen Buchpreis 2026.

Die Freude gehört anderen

Richtig freuen könne sie sich nicht, sagte Bazyar zu Beginn ihrer Dankesrede. Es sei ein merkwürdiges Gefühl, über Menschen zu schreiben, die verfolgt, terrorisiert und ermordet wurden, und dann dafür gefeiert zu werden. Ihre Freude solle deshalb den Menschen gehören, von denen der Roman erzählt.

Dann zitierte sie Heinz Kahn, 1922 in Hermeskeil geboren, 66 Jahre vor ihr. Kahn überlebte Auschwitz, seine Familie wurde ermordet; er starb 2014. Als er Ehrenbürger der Stadt Polch wurde und man ihn fragte, was ihm das bedeute, habe er geantwortet: »Gar nichts. Mein Vater hat im Ersten Weltkrieg auch eine Menge Orden bekommen und wurde doch vergast. Ich lege keinen Wert auf solche Auszeichnungen.« Sie fürchte, sagte Bazyar, er müsste den Satz heute noch genauso sagen.

Antisemitische und rassistische Straftaten seien auf einem Höchststand, keine Minderheit in Deutschland habe derzeit keinen Grund zur Sorge. Es werde wieder über Deportationen gesprochen, auch wenn man dafür ein anderes Wort benutze. Bazyar rief dazu auf, dagegenzuhalten, und zitierte einen Gedanken Hannah Arendts, der sie beim Schreiben begleitet habe: Das Problem ab 1933 sei nicht gewesen, was die Feinde taten, sondern was die Freunde taten. »Und das lasse ich jetzt so stehen.«

Danach dankte sie ihrem Mann, ihrer Agentur, ihrer Lektorin und dem Verlag. Als sie vor zehn Jahren zu Kiepenheuer & Witsch kam, habe man ihr eine »literarische Heimat« versprochen. Das sei das einzige Mal, dass der Begriff Heimat für sie Sinn ergeben habe. Den anderen Nominierten dankte sie für den freundlichen Austausch in den vergangenen Wochen, zuletzt ihren Eltern und Schwestern. Gefragt, wie sie einen menschlichen Blick auf Figuren behalte, deren Taten sie ablehnt, denke sie immer: Sie sei mit den warmherzigsten Menschen aufgewachsen, in einer kalten Zeit.

Der Applaus dauerte lange.

Bazyar setzte sich gegen Franziska Gänsler mit »Orca«, Valeria Gordeev mit »Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle«, Elias Hirschl mit »Schleifen«, Peggy Mädler mit »Selbstregulierung des Herzens« und Dana Vowinckel mit »Anton und Alma« durch.

Shida Bazyar: Die Lücken: Roman. Gebundene Ausgabe. 2026. Kiepenheuer&Witsch. ISBN/EAN: 9783462005011. 25,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel

Mit 205 Romanen ins Rennen

Seit 2005 zeichnet der Börsenverein zum Beginn der Frankfurter Buchmesse den deutschsprachigen »Roman des Jahres« aus. Vergeben wird der Preis von der Stiftung Buchkultur und Leseförderung des Börsenvereins, Hauptförderer ist die Deutsche Bank Stiftung. Das Gewinnerbuch bringt 25.000 Euro, die fünf übrigen Finalisten erhalten je 2.500 Euro.

Die Zahl der Einreichungen ging zurück. 106 Verlage aus Deutschland, Österreich und der Schweiz schickten 180 Romane, im Vorjahr waren es 124 Verlage mit 200 Titeln. Zusammen mit den Büchern, die die Jury selbst anforderte, sichteten Cornelia Geißler als Sprecherin sowie Theresa Donner, Jan Ehlert, Maha El Hissy, Emily Grunert, Stefanie Kreuzer und Adam Soboczynski 205 Romane. Daraus entstand im August die Longlist mit 20 Titeln, im September die Shortlist mit sechs.

Im Vorjahr hatte Dorothee Elmiger mit »Die Holländerinnen« gewonnen.

Gespräch mit Shida Bazyar bereits geplant

Das Gespräch mit Shida Bazyar fürs literaturcafe.de ist schon verabredet. Im Dezember 2026 wird Shida Bazyar zu Gast im Podcast des literaturcafe.de sein, dann treffen Astrid Braun und Wolfgang Tischer sie in Stuttgart. Bei der Verabredung ahnte niemand, dass sie heute als Preisträgerin geehrt wird – aber gehofft haben wir es. Wir werden sie dann fragen, wie die Wochen zwischen Römer, Messe und Lesereise gelaufen sind.

Link ins Web

Wolfgang Tischer

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