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Textkritik: Ein Licht – Prosa

Eine Textkritik von Malte Bremer

Ein Licht

von Bluesy
Textart: Prosa
Bewertung: 4 von 5 Brillen

»Ich glaub‘, ich seh‘ Licht!«
»Licht?«
»Ja! Da hinten!«
»Mädchen, das ist dein Hals, wo du da reinschaust. Kein Tunnel!«
»Aber irgendwo muss doch Licht sein
»Na ja, vielleicht ganz weit hinten. Aber das kann man nicht sehen.«
»Wozu ist da ein Licht, wenn man es nicht sehen kann?«
»Putz dir die Zähne! Und sei vorsichtig mit der Spange
»Wozu braucht man ein Licht, wenn man es nicht sehen kann?«
»Da ist doch gar keiner drin bei dir, der ein Licht sehen müsste.«
»Ist das ein Licht wie in den Weihnachtsliedern
»Mehr wie das von Rif Raf!«
»Wer ist Rif Raf?«
»Rocky Horror Picture Show. Ein Film. Da verirren sich zwei im Wald, und dann sehen sie ein Licht. Rif Raf singt dazu. Aber hinter dem Licht verbirgt sich etwas, das die beiden gar nicht wollten. Das Licht führt sie in eine Falle, eine Art Hexenhäuschen. Und hinterher finden sie es dann doch ganz toll. Darf ich mich jetzt in Ruhe rasieren?«
»Warum hast du Mami gestern so einen hässlichen Blumenstrauß zu Weihnachten geschenkt?«
»Hässliche Blumensträuße sind viel schwerer als schöne.«
»Warum?«
»Na, die Frau im Blumenladen kennt doch Mamis Geschmack. Die hat ganz schön gekuckt, als ich einen möglichst hässlichen wollte. Die hat gejammert und geschimpft, aber ich habe mich durchgesetzt. Fast hätte sie Mami angerufen und gefragt, ob sie das wirklich machen dürfe. Stell dir vor: Die wollte Mami anrufen um zu fragen, ob ich einen hässlichen Blumenstrauß als Weihnachtsgeschenk kaufen dürfe! Jedes andere Geschenk ist einfacher.«
»Warum wolltest du unbedingt einen hässlichen?«
»Damit Mami auch wirklich merkt, dass er von mir ist.«
»Weil er so hässlich ist?«
»Der fällt halt auf. Mami geht jetzt ein paar Tage daran vorbei, und jedes Mal schüttelt sie sich, und dann schimpft sie und denkt an mich. Das ist doch schön, oder?«
»Ist das auch wie ein Licht
»Vielleicht. Ein ganz großes. Ein richtiges Flutlicht, damit sie an mich denkt.«
»Wie viele Lichter gibt es denn?«
»Sechsundzwanzig.«
»Nee! Mal ehrlich!«
»Woher soll ich das wissen? Das hat immer was mit Suchen und Finden zu tun.«
»Und warum gibt es zu Weihnachten immer so viele Lichter?«
»Weil es dunkel ist. Jetzt hätt‘ ich mich fast geschnitten! Wenn Weihnachten im Sommer wäre, würden wir Fliegenfänger an den Baum hängen! Dann hätten zumindest die Fliegen ihr Licht
»Also muss es dunkel sein?«
»Ja, sonst braucht man kein Licht. Was riecht denn hier so verbrannt?«
»Die Mami ist im Garten und verbrennt deinen Blumenstrauß«
»Sie tut was?«
»Hat sie vorhin gesagt. Sie verbrennt deinen Blumenstrauß.«
»Warum?«
»Vielleicht sollst du ihn suchen?«
»Dann gibt es heute wohl kein Frühstück! Gib mir mal das Rasierwasser rüber.«

© 2002 by Bluesy. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Das könnte ein durchgängig leichter und humorvoller Dialog sein, wäre er nicht so beschwert durch die überflüssigerweise knüppeldick draufgepackte vielfältige Licht-Metaphorisiererei.
Ein Weihnachtslied-Zitat, das des Mädchens Verhalten und Fragen rechtfertigt, und einige Kürzungen würden dem Text sehr gut tun – ein Leser dürfte sich dann seine eigenen Gedanken machen!

Die Kritik im Einzelnen

Ein Mädchen steht vor dem Spiegel, sperrt den Mund auf schaut in seinen Mädchenrachen und erwartet Licht: das ist zunächst einmal überraschend und spannend, und ich denke dabei an das magische Kinderzeit – so zwischen dem 3. und 5. Lebensjahr -, wo sich solcherlei Überraschendes häufig ereignet. zurück
Ging ich bislang von einem sehr jungen Mädchen aus (wozu auch die vorausgegangene Frage nach dem Sinn des Lichtes passt), so bin ich jetzt doch einigermaßen überrascht: gibt es tatsächlich schon Spangen für Milchgebisse? Ich dachte immer, die würden den 12-14-Jährigen in Serie verpasst, wenn der Kopf ziemlich ausgewachsen ist (oder was auch immer der Grund sein mag: zwar weiß ich viel, doch möcht‘ ‚ch nicht alles wissen). Diese Spange irritiert mich heftigst: ließe sich die nicht streichen? zurück
Auch meine Kenntnis von Weihnachtsliedern ist eher beschränkt: Wie lichtlastig (Word rät an lichtlästig bzw. lichtlistig) sind die? In den 10 wohl bekanntesten Liedern kommt Licht nur in dreien vor, z.B. in dem mir völlig unbekannten – was nix heißen will – »Fröhlich soll mein Herze springen«, wo es heißt »schaut den Stern, der euch gern Licht und Labsal gönnet« (was wohl kein Grund ist, in seinen Hals zu schauen) oder in »Fröhliche Weihnacht überall!«, wo das Licht gleich mehrfach leuchtet, nämlich in »denn es kommt das Licht der Welt« sowie doppelt in »Licht auf dunklem Wege, unser Licht bist du« (was wohl beides keinen Bezug zur Speiseröhre hat) und schließlich in »Ich steh‘ an deiner Krippe hier«, da lautet es geballt: »die Sonne, die mir zugebracht / Licht, Leben, Freud‘ und Wonne. / O Sonne, die das werte Licht / des Glaubens in mir zugericht’« – hier allerdings gesteh ich gerne zu, dass Kinder bei »das werte Licht des Glaubens in mir zugericht’« sehr wohl auf die Idee verfallen könnten, in sich nach eben diesem Licht zu forschen! zurück
Eine sehr überraschende Wendung: erst sucht das Mädchen nach einer inneren Beleuchtung, jetzt verknüpft es »Licht« mit »an jemanden denken«, obwohl der vorausgegangene Dialog diesen Schluss nicht zulässt: ich finde keinen Zusammenhang zwischen den Erläuterungen zu Rif Raf und dem hässlichen Weihnachtsstrauß, schließlich war das Licht in der Rocky Horror Picture Show nicht hässlich, sondern allenfalls das, was sich dahinter verbarg (mit allem Vorbehalt). Wieso kommt also das Mädchen auf diese verblüffend-merkwürdige Weiterführung? Nicht alles lässt sich mit »Kindermund« begründen!
Ich empfehle hier folgende Veränderung:
»Der fällt halt auf. Mami geht jetzt ein paar Tage daran vorbei, und jedes Mal schüttelt sie sich, und dann schimpft sie und denkt an mich. Das ist wie ein richtiges Flutlicht, damit sie an mich denkt.«
»Wie viele Lichter gibt es denn?«
Nicht mehr das Mädchen zieht diese seltsame Schlussfolgerung, sondern der Vater führt auf das Thema zurück, indem er einen neuen Begriff einführt, der das Mädchen ins Grübeln bringt. zurück
Oha: Das Lebenslicht erlischt und Gottes Licht leuchtet den Fliegen, wenn sie sich zu Tode gezappelt haben? Warum erhebt sich der Vater so zynisch über das Kind, das wissen will, aber auf diese Weise nie verstehen wird? Es geht folgerichtig auch nicht darauf ein. Es stünde dem Vater besser an, auf diesen Satz zu verzichten: er will so gar nicht passen zu dem bisherigen Versuch, seiner Tochter was zu erklären. zurück

© 2002 by Malte Bremer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe – gleich welcher Art – verboten.