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»Wut kann eine erfrischende Kraft sein«

Ein Interview mit der Autorin Katja Kullmann über die Teilzeitfalle, das passive Verhalten der Frau von heute und warum Ally McBeal kein Vorbild ist

Erfahrungen schreiben bekanntlich die besten Geschichten. In Ihrem neuen Buch Generation Allly nimmt die Autorin Katja Kullmann ihre Altersgenossinnen, die zwischen 1965 und 1975 geboren sind, unter die Lupe. Herauskristallisiert hat sich ein ernüchterndes und sozialkritisches Generationsportrait. Das Interview führte unsere Redakteurin Ardita Shilova.

Katja Kullmann
Katja Kullmann
Katja Kullmann
Literatur-Café: Ihr neues Buch Generation Ally hat in der letzten Zeit viele Diskussionen entflammt, die schon von der Bildfläche verschwunden waren. Was hat Sie dazu bewegt, dieses Buch zu schreiben?

Katja Kullmann: Schon während meines Studiums und als Redakteurin habe ich mich mit den Alltagswelten der Postmoderne beschäftigt. Mein Buch handelt von den Frauen um die Dreißig,  also die »thirtysomethings«, die die erste Mädchengeneration in den 80ern war, die ungebremst in das Berufsleben starten konnte. Ich selbst gehöre zu diesen Frauen. Wir sind damals dafür eingetreten, alles besser als unsere Mütter zu machen, die leider doch nicht so emanzipiert waren und immer noch hauptsächlich am Herd standen, wie unsere Großmütter.
     Wir haben eine gute Schulbildung genießen können, um anschließend an unserer Karriere zu arbeiten. Jahrelang haben wir unseren Job durchgezogen, bis wir dann gemerkt haben, dass wir im  privaten Bereich auf Probleme stoßen, die nahezu alle Frauen um die 30 haben. Ein Stichwort ist die Familiengründung. In der heutigen Zeit wird dieses Thema immer weiter nach hinten verschoben. Früher gebar die deutsche Frau durchschnittlich 1,9 Kinder, heute nur noch 1,3. Frauen, die wirklich Karriere machen wollen, entscheiden sich im Härtefall gegen den Kinderwunsch, was in Zukunft gravierende Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft haben wird.
     Andere Frauen, die ernsthaft eine Partnerschaft mit Nachwuchs eingehen möchten, verschwinden von der Bildfläche oder landen in der Teilzeitfalle, was uns doch verdeutlicht, dass wir keineswegs weiter gekommen sind, als unsere Mütter. Nur im Gegensatz zu den Frauen von damals machen wir uns nicht bemerkbar, sondern nehmen dieses Dilemma einfach hin.

Literatur-Café: Das klingt sehr ausweglos. Eine Lösung liegt wohl in weiter Ferne.

Katja Kullmann: Ob es eine Lösung gibt? Ich denke, dass es erst zur Umstrukturierung unseres Denkprozesses kommen muss. Wir müssen erkennen - Männer wie Frauen -, dass wir als Pioniere der postmodernen Welt die Chance haben, Rollenbilder zu verhandeln; wieder, immer noch. Zuerst erfordert dies ein echtes Selbstbewusstsein in dem Sinn, dass ich mir bewusst darüber bin, wo ich gesellschaftlich und historisch stehe.

Literatur-Café: Ihr Buch scheint eine Art Denkanstoß gegen das Verblinden für diese Problematik zu sein.

Katja Kullmann: Zumindest versuche ich, den Frauen und auch den Männern die Augen zu öffnen. In meinem Buch habe ich versucht, die Gründe für dieses protestlose Verhalten der Frauen um die 30 zu erklären. Es ist wichtig, dass man darüber redet, denn es greift tief in unsere Gesellschafts- und Denkstrukturen rein und wird auch in Zukunft unser Leben beeinflussen.

Literatur-Café: Was ist Ihrer Meinung nach der Grund für dieses passive Verhalten der Frau von heute?

Katja Kullmann: Die Frau um die 30 denkt, dass sie sich mittlerweile in einer vollkommen emanzipierten Rolle befindet und hat das Interesse an der Auseinandersetzung mit der Thematik »Frauenrolle in der Gesellschaft« verloren. Statt dessen zeigt sie stärkeres Interesse an »Lifestyle« und eher oberflächlichen Dingen.
     Meine Grundthese ist, dass diese starken und zeitgenössischen »Ally Mc Beal-Frauen« nur vordergründig ein Selbstbewusstsein haben. Das findet sich auch in meinem Buch wieder.

Literatur-Café: Sie haben Ihr Buch in einem sehr frischen und nahezu feuilletonhaften Stil geschrieben. Bezogen auf den Inhalt hätte es aber auch eine wissenschaftliche Sachbuchausgabe werden können.

Katja Kullmann: Mein Buch ist mit voller Absicht sehr erzählerisch geschrieben. Ich hätte auch ein strikt wissenschaftliches Buch schreiben können, dass dann vermutlich irgendwo in der Abteilung Kulturwissenschaften oder Geschlechterforschung verstaubt wäre.
     Mein Anliegen ist es jedoch, genau diese Frauen zu erwischen, die sich für so modern und emanzipiert halten, dass sie sich üblicherweise nicht für solche Fragen interessieren.

Literatur-Café: In welchen anderen Bereichen sehen Sie, dass dieses Thema an Aktualität immer mehr dazu gewinnt?

Katja Kullmann: Beispiele gibt es genügende. Man sieht selbst im Wahlkampf, dass sich viele Partein das Thema Familienpolitik auf die Fahne geschrieben haben. Dies bestätigt nur meine These, dass dieser Aspekt angepackt werden musste.

Literatur-Café: Unübersehbar ist der autobiographische Touch Ihres Buches. Es ist durchtränkt von kleinen Erzählungen, Erlebnissen und Anekdoten, die jedesmal eine Denklawine zum Rollen bringen.
     Beziehen Sie sich in Ihrem Buch tatsächlich auf sich selbst?

Katja Kullmann: Einige von mir im Buch beschriebene Ereignisse und Erlebnisse stammen tatsächlich aus meinem Leben, einige sind auch Freunden von mir passiert. Ich habe mir die besten Beispiele herausgesucht, um die Problematik der Frauen um die 30 klar darzustellen. In dem Buch steckt aber auch eine lange Recherchearbeit quer durch alle möglichen Disziplinen.
     Ich habe es absichtlich in der Ich-Form geschrieben. Es war mir wichtig, dass sich meine Altersgenossinnen wiedererkennen können, dass sie es sogar müssen. Und das geht schlecht mit schlichter Faktenaufzählung oder gar erhobenem Zeigefinger. 

Literatur-Café: Eine Art Spiegelreflex, damit diese Frauen aufwachen?

Katja Kullmann: Genau. Ich nenne es Polaroidtechnik. Einzelne Themen erzählerisch rausgreifen und sie dann sinnbildlich nochmals erklären. Somit möchte ich bei meiner weiblichen Leserschaft einen Wiedererkennungseffekt herstellen. Die Frauen sollen die Möglichkeit bekommen, sich durch ein Hintertürchen wieder selbst zu entdecken.

Literatur-Café:  Wie fielen die Reaktionen auf ihr Buch aus?

Katja Kullmann: Ich habe viel Post erhalten, die sich in zwei Fraktionen trennt. Die einen sagen, dass es bitter ist, was ich geschrieben habe, aber dass es stimme. Die anderen wiederum sträuben sich mit der Aussage »So will ich nicht sein, so bin ich nicht« gegen das Buch.
     In meinem Buch habe ich weder kommentiert, noch kritisiert, sondern nur versucht aufzuschreiben, wie sich der Mainstream tatsächlich verhält.

Literatur-Café: Welche Lehren haben Sie selbst aus Ihrem Buch gezogen?

Katja Kullmann: Ich bin selbst eine Frau aus den »Generation Ally«-Jahrgängen, stehe in vielen Punkten vor den selben Fragen, die im Buch angesprochen sind. Ein Patentrezept fürs persönliche Lebensglück kann ich nicht bieten. Aber über die Recherche-  und Schreibarbeit bin ich selbst angesichts der Verhältnisse immer wütender geworden. Wut kann eine erfrischende Kraft sein.

Literatur-Café: Was raten Sie den jüngeren Generationen?

Katja Kullmann: Mein Rat ist, dass sie nicht so passiv bleiben, wie es meine Generation war, sondern sich für ihre Rechte einsetzen. Das kann in der Politik anfangen und bei beruflichen Strukturen aufhören.

Literatur-Café: Ist ihr Buch auch der männlichen Leserschaft zu empfehlen?

Katja Kullmann: Ob es Männern »zu empfehlen« ist, weiß ich nicht. Das muss der männliche Leser schon selbst entscheiden. Ich weiß aber, dass viele Männer das Buch tatsächlich gelesen haben; manche von ihnen haben danach Briefe oder eMails an den Verlag geschrieben.

Literatur-Café: Wie waren diese männichen Reaktionen?

Katja Kullmann: Die waren sogar erstaunlich positiv. Viele dieser Männer haben sich sogar bedankt. »Endlich kann ich die Frauen besser verstehen«, schreiben manche. Ich denke, dass Männer in ihrem Selbstbild oft ebenso verunsichert sind wie Frauen. Sie sind neugierig, wollen erfahren, was uns Frauen umtreibt, wollen unsere Ansprüche besser kennenlernen. Keiner hat sich bislang beschwert, dass Männer in meinem Buch nicht immer gut  wegkommen.

Literatur-Café: Wieso haben Sie sich ausgerechnet Ally McBeal als Prototyp ausgesucht?

Katja Kullmann: Weil Ally McBeal diese angeblich moderne Karrierefrau von heute repräsentiert, die unabhängig ist und materiellen Erfolg hat. Viele Frauen sehen in ihr eine Heldin mit Vorbildcharakter, was sie aber leider nicht ist.
     Gerade diese augenscheinlich starke Erfolgsfrau ist ständig auf der Suche nach einem potentiellen Ehepartner.

Literatur-Café: Eine Karrierefrau, die sich doch eine kleinbürgerliche Familie wünscht. Ally McBeal ist wohl nicht mehr als eine Parodie auf die angeblich moderne Frau von heute.

Katja Kullmann: Ja, das ist sie in der Tat. Sie benimmt sich wie ein Weibchen, lässt sich die Lippen aufpolstern, die Röcke auf Popo-Höhe kürzen usw.

Literatur-Café: Des öfteren wurden Stimmen laut, dass der Titel Ihres Buches »Generation Ally« an Florian Illies‘ Buch »Generation Golf« erinnert.

Katja Kullmann: Der Begriff »Generation« beinhaltet natürlich immer eine Behauptung: Da ist jemand, der behauptet, dass alle Menschen einer bestimmten Altersgruppe gleich sind.
     Ganz so einfach ist es natürlich nicht. Wenn man z.B. von der »68er-Generation« spricht, dann sind vielleicht ein paar zehntausend Leute gemeint, die damals wirklich aktiv auf der Straße und in den Apo-Gremien engagiert waren. Eine kleine Gruppe, die die Bedürfnisse ihrer Altersgruppe formuliert hat.
     In diesem Sinne ist auch »Generation Ally« gemeint: Als die Speerspitze der Frauen, die vor 10, 15 Jahren angetreten sind, die Chancengleichheit im Beruf zu verwirklichen. Das sind Frauen, die in den 80ern in Mittelstandsfamilien im Westen groß wurden, die also aus dem gesellschaftlichen Mainstream stammen.
     Diese privilegierten Frauen hatten die besten Chancen, die Gesellschaft mitzuverändern, indem sie Rollenbilder ernsthaft hinterfragen konnten - was sie leider nicht getan haben.
     Es gibt klar benennbare historische, soziale und massenmediale Bedingungen, unter denen diese Frauen erwachsen wurden. Und damit macht der Generationen-Begriff eben doch Sinn.
     Bisher sind eine Menge Bücher mit »Generation«- Titeln erschienen. Die meisten wurden von Männern geschrieben. In diesem Sinne ist eine »Generation xy« auch ein Reizwort. Und genau das wollte ich ja: Dass die Leute sich über die Thesen unterhalten, dass sie streiten, dass sie diskutieren. Genau das passiert jetzt, und das freut mich.

Literatur-Café: Haben Sie ein Lieblingsbuch?

Katja Kullmann: Diese frage ist leider nicht zu beantworten. Es gibt so viele Bücher, die ich noch nicht gelesen habe, und so viele, die ich immer wieder lese… Zur Zeit lese ich ein Sachbuch, das Schwarzbuch Kapitalismus von Robert Kurz, im Untertitel heißt es »Ein Abgesang auf die Marktwirtschaft«.

Literatur-Café: Was ist Ihr nächstes Projekt?

Katja Kullmann: Ich arbeite an einem neuen Buch. So etwas kann Jahre dauern, daher gibt es derzeit noch nichts zu berichten.

Literatur-Café: Frau Kullmann, wir danken Ihnen für das Gespräch.

07.07.2002

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