| Hier lesen Sie die besten Beiträge der zweiten Runde (Jan '02 - Feb '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Stefan Zweig eingefallen sind. Der Satz stammt aus der Erzählung »Brennendes Geheimnis«. Fischer Taschenbuch 9311. ISBN 3-596-29311-1. 6,90 EUR: |  | Schon war alles in furchtbarster Aufregung und voll gefährlicher Vermutungen, als ein Herr die Nachricht brachte, er habe das Kind gegen drei Uhr am Bahnschalter gesehen. Teddy von Hans.E. Aeschlimann, CH - 8046 Züruch (Schweiz) Gestritten hatten sie stundenlang, so schien es wenigstens. Schließlich wußten sie selbst nicht mehr warum. Recht haben und behalten, sein Ziel zu retten was verloren ihre Aufgabe, als Mutter, als Frau. Er prügelte auf sie ein, verbal, anders hätte er sich nicht getraut. Sie stützte sich auf ihr abgebrochenes Psychologiestudium und schlug zurück. Etwas tief manchmal, Hauptsache es schmerzte. Sie wehrte sich, tat ihm so weh, wie er ihr, parierte jedes Wort noch treffenderer in Abwehr und Angriff zugleich. Ihr Kind schrie dazwischen, umschlang ihre Beine, weinte und tobte, unbeachtet und völlig vergessen. Plötzlich kehrte Stille ein, unerträgliche, beängstigende Stille. Der Vater saß in sich gesunken auf einem Stuhl; sie lehnte an der Küchentüre und inhalierte genußlos den Zigarettenrauch. Der Streit war vorbei, der Hass in eine große Leere zerschlagen. Das Kind, wo war das Kind? Sie suchten, den Streit bereits vergessen, zuerst im Haus, dann in der Straße und schließlich mit polizeilicher Hilfe nach ihrem Kleinen. Heute war sein Geburtstag, der vierte. Einen Teddy hatte er sich gewünscht. Einen großen Teddy, wie er ihn im Bahnhofsladen immer wieder bewundert hatte. Einmal, als er sich unbemerkt fühlte, fuhr er ihm scheu über das beige, weiche Fell. Einen Bären wollte er zum Liebhaben, wenn er alleine war. Der Kleine wartete schon lange. Dumm, daß er nur einmal im Jahr Geburtstag feiern konnte, und dumm auch, daß Ostern bereits vorbei war. Fest drückte ihr Mann ihre Hand; so erschienen sie zusammen auf dem Polizeiposten. Sie schämten sich. Die Beamtin blieb ruhig, tat ihre Arbeit. Nur Kinder taten ihr noch leid. Die Eltern redeten wirr durcheinander, und der Streit drohte erneut zu entflammen. Ruhig hörte sie zu, schlichtete, ermahnte und fragte sich durch, ihre tagtägliche Arbeit. Bei ihr liefen die Fäden zusammen. Zerrissene Fäden zu den Eltern, verknotete Fäden zu den Kindern und die schmutzigen Fäden zu den Männern, die Kinder mißhandelten. Die Mutter weinte leise vor sich hin. Angst, immer wieder Angst und die scheußlichsten Bilder verwirrten sie. "Ihr Kind liebt Teddys", sagte die Beamtin in die auftretende Stille, "besonders den großen Teddybären im Hauptbahnhof, sie wissen welchen ich meine?" Die Eltern wußten, welchen sie meinte, aber sie wußten nicht, daß ihr Kind, an ihn gekuschelt eingeschlafen war. Heute war doch sein Geburttag, sein vierter. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Das Winterkind von Simone Schiess, 50677 Köln (Deutschand) Wenn wir uns nach dem störrischen Winter auf den Sommer freuten und an den ersten lauen Frühlingstagen jauchzend ins Freie liefen, wurde mein Bruder immer stiller. Wenn wir erwartungsvoll das Thermometer beobachteten, das den Startschuß für die Badesaison gab, fing Peter an zu jammern: Wann wird es denn endlich wieder kalt? Dauert es noch lange bis zum Winter? Wir gingen dann selten auf ihn ein, bespritzten ihn mit dem Wasser des Sees oder trieben ihn mit den SätzenWach auf, es hat gefroren! an den Rand des Wahnsinns. Mutter schalt uns dafür, oft gab sie Peter dann Eiswürfel aus dem Kühlfach, die er begeistert in seinen Händen schmelzen lies. Im Winter war es einfacher: ich nahm Peter mit zu meinen Freunden, und während wir in dem kleinen Bootsschuppen heimlich rauchten, saß er vor der grauen Platte des zugefrorenen Sees und betrachtete sie liebevoll. Ab und zu legte er ein Ohr aufs Eis oder leckte daran. War es noch nicht ganz so kalt, kniete er lange vor den Pfützen in der Hoffnung, sie würden frieren und er könnte diesen denkwürdigen Vorgang beobachten. Niemand wußte, warum er so war. Damit er uns nicht verriet, gingen wir im Winter oft mit ihm auf den See, um Schlittschuh zu laufen. Peter liebte das; als ich einmal erzählte, wir hätten im Unterricht ein Land durchgenommen, wo ewig Winter sei, fing sein Gesicht vor Aufregung an zu glühen: Wo ist Grönland? Ist es weit weg? Ich wußte es nicht genau, aber um meine Autorität zu sichern und auch, um Peter bei Laune zu halten, versprach ich, mit ihm hinzufahren,wenn ich einmal mein Motorrad hätte und er mich weiterhin nicht verpfiff. Peter flog wild über das Eis. Es dämmerte schon, als ich den Heimweg antreten wollte. Peter war nicht da und erschien auch auf mein Rufen hin nicht. Schließlich schlich ich mit einem mulmigen Gefühl nach Hause. Mutter starrte mich entsetzt an, als ich ohne meinen Bruder die Stube betrat. Es blieb kaum Zeit, etwas zu erklären. Schon war alles in furchtbarster Aufregung und voll gefährlicher Vermutungen, als ein Herr die Nachricht brachte, er habe das Kind gegen drei Uhr am Bahnschalter gesehen. Mir wurde heiß. Mutter drängte auf sofortigen Aufbruch. Beim Rennen stach mir die eisige Luft wie mit Messern in die Lunge. Am Bahnsteig lag er friedlich auf einer Bank und schlief. Vater nahm in behutsam auf und trug in nach Hause, ohne daß Peter erwachte. Das Lächeln wich nicht aus seinem Gesicht, aber nur ich wußte, daß er von Grönland träumte. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Der Irrtum von Heike Rau, 07318 Saalfeld (Deutschand) "Sabine, nun komm doch endlich herein!", rief ich in den Garten hinaus. Seit einer halben Stunde rief die Kleine nun schon nach ihrer Katze, aber sie kam nicht. "Komm Sabine! Du musst doch frühstücken, der Schulbus kommt gleich! Ich such nachher noch mal nach deiner Katze!" Sabine bekam natürlich keinen Bissen runter. Erst vor zwei Wochen hatte sie das kleine Kätzchen von ihrer Oma bekommen und nun war die Sorge riesengroß. "Du suchst aber wirklich?", fragte Sabine bevor sie ging. Ich versprach es. Ich wanderte daraufhin eine ganze Stunde im Garten herum, rief das Kätzchen und fand es auch. Als ich Sabine nachmittags vom Schulbus abholen wollte, saß sie nicht drin. Der Busfahrer versicherte mir, dass er nicht zu früh losgefahren sei. Mir wurde schlecht. Mein Mann kam nach Hause und wir fuhren zur Schule. Wir setzten uns mit der Lehrerin in Verbindung und hörten, dass Sabine ganz normal zum Bus gegangen ist. Wir riefen einige Klassenkameraden an, aber keiner konnte so recht sagen, wo er Sabine zuletzt gesehen hatte. Wir hatten keine Wahl und riefen die Polizei. Sie suchten mit Hundestaffeln und Hubschraubern. Mein Mann fuhr die ganze Stadt mit dem Auto ab. Ich fühlte mich, als wäre ich Schauspieler in einem Film. Alles war unwirklich, ich sah wie durch eine Nebelwand. Ich sollte nach Hause, das Telefon bewachen. Bald war das Haus voll mit Nachbarn, die mir beistehen wollten. Ich saß mit der Katze, die Hand auf dem Hörer, neben dem Telefon. Der Nachmittag verging, der Abend auch. Keiner ließ mich allein. Gegen Morgen klingelte es und schon war alles in furchtbarster Aufregung und voll gefährlicher Vermutungen, als ein Herr die Nachricht brachte, er habe das Kind gegen drei Uhr am Bahnschalter gesehen. Aber mir fiel es wie Schuppen von den Augen. "Sie will zu Oma!", schrie ich. Die Nachbarn verstummten und sahen mich erstaunt an. "Wegen der Katze! Die war heute früh weg und Sabine denkt sicherlich, sie ist immer noch nicht wieder aufgetaucht. Sie will zu Oma, weil die ihr das Tierchen aus dem eigenen Katzennachwuchs geschenkt hat. Ihr wisst doch wie Kinder sind! Sabine denkt die Katze hat Sehnsucht nach ihrer Mutter und ist losgezogen, um sie zu suchen!" Und dann klingelte auch schon das Telefon und Oma war dran. "Du wirst es nicht glauben!", sagte sie, "aber rate mal, wer hier ist!" Nun, ich wusste es und ein riesiger Stein fiel mir vom Herzen. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Kind vermisst von Marianne Grudde, 60320 FRankfurt am Main (Deutschand) Sie lief mit aufgelösten Haaren und ohne Mantel durch die Siedlung. Die Kleine war nach der Schule nicht nach Hause gekommen, zum ersten Mal. Sie klingelte bei den Nachbarn und befragte Lolas Klassenkameraden, wann sie das Mädchen zuletzt gesehen hätten. In ihrer Verzweiflung sprach sie sogar Fremde an, denen sie auf der Straße begegnete. Als es zu dämmern begann, wusste das ganze Viertel von Lolas Verschwinden. Schon war alles in furchtbarster Aufregung und voll gefährlicher Vermutungen, als ein Herr die Nachricht brachte, er habe das Kind gegen drei Uhr am Bahnschalter gesehen. Er hätte sich aber erst einmal nichts dabei gedacht.
Lola zog rasch den Teddybär aus dem Schulranzen und drückte ihn ganz fest an sich. Jetzt war sie bereit für ihr großes Abenteuer. Ganz allein wollte sie Omarie, ihre Oma, besuchen. Es sollte eine Überraschung werden. Oft war sie mit Mama am Bahnhof des kleinen Ortes in die Schnellbahn nach Frankfurt gestiegen. Sie reichte mit der Nase kaum zum Fahrkartenschalter hoch. Der Beamte nahm sie offensichtlich nicht sehr ernst, als sie ihn fragte, ob der Teddy auch bezahlen müsste. So stieg sie einfach in die wartende Bahn.
Marie nahm ihre Lesebrille ab. Es war bereits dunkel und sie hatte Hunger und Lust auf eine Tasse Tee. Da ertönte die Türklingel. Verwundert erhob sie sich, um zu öffnen. Sie erwartete heute niemanden. Um so größer war ihr Erstaunen, als ihre Enkelin dort stand, die Hand eines fremden jungen Mannes fest umklammert. "Hallo Omarie, das ist Hassan, mein neuer Freund. Er hat mir geholfen, dich zu finden." Hassan nickte strahlend, "wir sind so lange durch die Straßen gelaufen, bis Lola das Haus erkannt hat, in dem Sie wohnen." Marie schossen wilde Gedanken durch den Kopf. "Und Mama weiß nicht wo du bist, ganz allein bist du her gefahren und dann mit einem Fremden mitgegangen!" Sie blickt Hassan von der Seite an und denkt erleichtert, "aber da hast du Glück gehabt".
Das Telefon schrillt. Mit fliegenden Händen hebt sie den Hörer ab. Befreiende Tränen fließen, als sie die Stimme ihrer Mutter hört und im Hintergrund Lolas helles Lachen. Am nächsten Tag fand man dann einen Artikel im kleinen Lokalanzeiger und alle waren erleichtert über den guten Ausgang der Geschichte. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Eine nächtliche Entdeckung von Dieter Lohr, 93047 Regensburg (Deutschand) Der alte Poschenrieder machte sich natürlich sofort auf den Weg, das Schlimmste zu verhindern, sollte es noch zu verhindern sein. Tatsächlich war er bereits acht Minuten später am Bahnhof, und noch Jahre danach rätselten bei gemeinsamen Familientreffen, Gedenktagen und ähnlichen Zusammenkünften alle, die den alte Poschenrieder zu kennen das Glück gehabt hatten, wie er den Weg trotz seiner Gehbehinderung in so kurzer Zeit hatte bewerkstelligen können – eine Droschke mochte um diese nachtschlafende und in so kurzer Zeit wohl schwerlich zu finden gewesen sein. Trotz des ansehnlichen Wunders, das der alte Poschenrieder so offensichtlich zuwege gebracht hatte – das Schlimmste war nicht mehr zu verhindern gewesen. Das Schlimmste war natürlich nur zum seinerzeitigen Kenntnisstand der Dinge das Schlimmste, wie im Nachhinein die Kapazitäten der Kriminalistik einmütig bekundeten. Wie schlimm es tatsächlich noch kommen sollte, wußte naturgemäß zu diesem Zeitpunkt weder der alte Poschenrieder noch irgendeiner sonst der in die Vorfälle Verwickelten. Auch die etwa zwanzig bis fünfundzwanzig Subjekte, die mit entsetzensgeweiteten Augen auf dem Bahnhof herumstanden und gafften (alles zwielichtiges Gesindel, wie es sich eben um diese Nachtzeit in Bahnhofsgegenden so gern herumzudrücken pflegt), befanden sich in argem Aufruhr ob des Bildes, das sich ihnen so grausig darbot: Auf dem Perron lag ein Leichnam in Rückenlage, die glasigen Augen starr gen Himmel gerichtet, das Entsetzen der Welt im Antlitz. Schon von Berufs wegen war dem alten Poschenrieder der Anblick von Leichnamen durchaus nichts Fremdes, doch dieser Tote – Poschenrieder erkannte es mysteriöserweise auf den ersten Blick, obschon er Vergleichbares nie zuvor gesehen – der Tote war vollkommen blutleer, was die sprichwörtliche Leichenblässe auf eine fürchterliche Weise ins Transparente, gleichsam auf immer und ewig Verblichene steigerte. Lediglich am Hals führte aus einer kleiner Bisswunde eine eingetrocknete dünne Blutspur, die sich gegen die bleiche Haut des Toten nur desto schroffer abzeichnete und Poschenrieder förmlich in die Augen stach. Ein Kind habe sich, so erfuhr Poschenrieder, von der Leiche gelöst und sei ins Dunkel verhuscht, als eine der anwesenden Frauenzimmer laut aufgeschrieen, da sie des Entsetzlichen ansichtig geworden. Das Weibsbild lag immer noch ohnmächtig auf einer der Bänke im Wartezimmer. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Hinweis: Für die Rechtschreibung und Zeichensetzung sind die Autoren selbst verantwortlich. Die Urheberrechte liegen beim jeweiligen Autor. |