Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag - Sommerrunde
Hier lesen Sie die besten Beiträge der siebten Runde (Sommerrunde/Juni '02 - September '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Alice Munro eingefallen sind. Der Satz stammt aus der Erzählung »Die Kinder bleiben hier«. Sie findet sich im Buch »Der Traum meiner Mutter«. Aus dem Englischen von Heidi Zerning. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-048817-2. 18,00 EUR: Cover: Der Traum meiner Mutter

Sie schloss die Autotür auf und warf die Schlüssel auf den Sitz und verriegelte die Tür von innen und schlug sie zu.

Missverständnis
von Monika Stupar, 52222 Stolberg (Deutschland)

Sie schloss die Autotür auf und warf die Schlüssel auf den Sitz und verriegelte die Tür von innen und schlug sie zu.

Und das mit einem lauten Knall.

"So, das hast du jetzt davon!"

Triumphierend blickte Tina zu Jens hinüber.
Er stand auf der anderen Seite des Wagens.
Seine Augen zeigten ungläubiges Erstaunen.
Ihre Augen, grün und katzenhaft, blitzten siegessicher.

"Bist du jetzt total übergeschnappt? Ich muss in einer halben Stunde in der Klinik sein, ich hab’ gleich eine OP, Mensch, Tina, was soll das?"
Sie lachte und funkelte ihn boshaft an: "Dann sieh zu, wie du dahin kommst, mein Lieber. Kannst ja mal eine der Schwestern fragen, vielleicht ist eine dabei, die herkommt und dich holt."

"Das find’ ich überhaupt nicht komisch, weißt du, wenn ich dich erwische, bringe ich dich um!"
Jens kam um den Wagen herum, rot im Gesicht, kochend vor Wut.

"Prima, dann kannst du mich ja gleich ins Krankenhaus mitnehmen, sezieren und anschließend mit Schwester Karin Händchen halten. Wie praktisch."
Ein Sprung. Ein Schrei. Er stürzte sich auf Tina.
"Du machst mich noch waaahnsinnig!"

Er packte ihre langen Haare, riss daran, Tina schrie, sie wehrte sich, ihre Fingernägel hinterließen blutige Kratzer in seinem Gesicht. Ein Gerangel entstand und wieder schrie jemand und jemand keuchte und Tina weinte und es war kein Spaß mehr und es war ernst, sehr sogar.

Klappe aus. "Okay, das reicht, Leute." Udo, der Regisseur kam herüber. "Das war schon gut, morgen machen wir an dieser Stelle weiter."

Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers

Entfesselt
von Norbert Rheindorf, 53859 Niederkassel (Deutschland)

Sie schließt die Autotür auf
ganz langsam
wirft sie die Schlüssel auf den Sitz
sie verriegelt die Tür von innen
und schlägt sie zu
schnell
dreht sie sich um und geht weg
in den Briefkastenschlitz
noch die Wohnungsschlüssel
dann im Bistro
trinkt sie einen Cognac
prostet ihrem Spiegelbild
im Fenster zu
auf
ein neues
Leben ohne ihn

Entfesselt von seinen Schlüsseln
und seinen Dingen
seinem Leben
dem sie dekorativ
beigestellt war
am Bahnschalter
löst sie einfach
ein eigenes Ticket
bei der Abfahrt
schaut sie sich nicht um

Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers

Martin Walsers Verrat an mir
von Jens Erdmann, 1731 - Asse (Zellik) (Belgien)

Ich schloss die Autotür auf und warf die Schlüssel auf den Sitz und verriegelte die Tür von innen und schlug sie zu. Jetzt werde ich meine vertraute Buchhandlung nicht mehr erreichen können; ich werde nicht schwach werden und den neuen Walser "Tod eines Kritikers” doch noch kaufen. Mehr als zehn Walser-Titel habe ich dort erstanden und danach gierig verschlungen. Ich bin ein richtiger, ein ehrlicher, ja sogar überzeugter Walser-Anhänger geworden und fühle mich jetzt um so verbitterder. Verraten hat er mich, dieses Gefühl brennt auf meiner Seele. Verrat eines Großmeisters des Wortes an einem seiner treuesten Leser, das hinterläßt Spuren, Wunden, die nicht so schnell verblassen und heilen werden. Allen persönlichen Kränkungen zum Trotz - kann sich ein Mensch mit einem solchen literarischen Lebenswerk, mit einer so unglaublich treuen Leserschaft nicht zurücknehmen und uns statt mit einem Werk des Hasses mit einem Werk der Liebe beglücken? Sind es nicht die Werke der Liebe gewesen, die ihn so groß und für uns so achtbar gemacht haben? Nein, ich werde es nicht kaufen! Niemals werde ich mir dieses Buch kaufen! Niedergeschmettert und gedankenversunken schlendere ich durch die Straßen. Seine Werke und Figuren flimmern in meinem Kopf, ich versuche Martin Walsers Zwang zu "Tod eines Kritikers” zu verstehen. Haben denn nicht wir, die treuen Anhänger, die Verrisse seines Leibkritikers und die damit verbundenen persönlichen Kränkungen nicht längst wieder gut gemacht? Wozu dieses Buch? Warum so vieles mühsam aufgebaute zertrümmern? Wo bin ich denn eigentlich? Hier war ich noch nie, stelle ich plötzlich fest. Ich setze meine Brille auf und stehe unweit eines mir unbekannten kleinen Buchladens. Im Schaufenster "Tod eines Kritikers”, aber sehr dezent ausgestellt. Ich fühle den Sog und bin schon in den kühlen, engen Raum abgetaucht. Ich stöbere umher und stehe plötzlich mit einem Berg Bücher an der Kasse, den ich eigentlich garnicht vorhatte zu kaufen: einen Uwe Johnson, einen Thomas Mann, einen Sigfried Lenz, eine Anna Seghers, einen Hermann Hesse, einen Andreas Maier, einen Thomas Brussig, einen Franz Kafka, einen Daniel Kehlmann, einen Alfred Döblin, einen Dostojewski, einen Alexander Puschkin, einen Stefan Zweig, eine Terézia Mora, aber keinen Martin Walser…ein schlimmes und nie dagewesenes Gefühl. Ich zahle und gehe, in einer Hand die schwere Tasche, in der anderen Hand den neuen Tomas Mann aufgeschlagen und fühle mich leichter werden…

Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers

Frauen und Technik
von JoCool, 28205 Bremen (Deutschand)

Nachdem sie die Tür zugeschlagen hatte, stellt sie enttäuscht fest, das sie wohl vergessen hatte den Kopf runterzudrücken. Also wiederholte sie die Prozedur. Doch der gewünschte Erfolg blieb aus. Vielleicht hatte sie den Knopf nicht tief genug gedrückt. Doch die wiederholte Abfolge der Tätigkeiten brachte sie nur der Verzweiflung näher. Wie sollte sie Ihrer besten Freundin den Wagen zurückbringen, wenn man das verdammte Ding nicht zu kriegte? Den Schlüssel mitnehmen war nicht drin, schliesslich flog sie in einer Stunde Richtung Südamerika.
Wiederholte Versuche brachten kein neues Ergebnis. Die Beifahrertür zeigte gleiche Syptome. Jedesmal wenn sie die Tür zuschlug, sprang der Knopf hoch und man konnte die Tür wieder öffnen. Warum hatte dieser Lancia bloss zwei Türen? Und kein Schiebedach!
Zum Glück erschien kurze Zeit später Ihr Reisebegleiter der das Problem dadurch behob, das er die Fahrertür öffnete, dort den Hebel zur Öffnung der Heckklappe tätigte, dann den Wagen wieder ordnungsgemäß verschloss und schliesslich die Heckklappe zuwarf, nachdem er die Schlüssel in den Kofferraum gelegt hatte. Ein paar Handgriffe und das Problem war keines mehr. Gut das es Männer mit Durchblick gibt. Wozu sind Männer schliesslich da?!

Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers

Zeitgemäßes Rendezvousende
von Philipp Schreiber, 57399 Kirchhunden (Deutschand)

Sie schloss die Autotür auf und warf die Schlüssel auf den Sitz und verriegelte die Tür von innen und schlug sie zu und hoffentlich ist es das gewesen, denn ein weiteres "und" würde ihm unweigerlich Brechreiz verursachen. Aber nein, welch Aufatmen, sie war fertig. Welch neckisches Spielchen war das doch, von dem sie wohl tatsächlich glaubte, es brächte ihn noch in ihre Wohnung. Wir leben aber ja in der Zeit in der wir eben leben, daher räusperte er sich kurz, ließ sein Stimmchen erklingen: "Mach hoch die Tür, das Tor mach weit." Sein Daumen auf dem Scanner tat sein Übriges. Sich empfehlend stieg er ein.
Es war jedoch nicht so, daß sie in anderen Zeiten gelebt hätte. Sie hatte es sicher nicht nötig, ihn zu nötigen und es war bloß ein Angebot und sie war überzeugt gewesen, sie verstünden sich prächtig und sie entzog ihm ungerührt die Speichererlaubnis ihrer Daten und vor allem war ihr nicht daran gelegen, seinetwegen auf eine Banalität wie "und" zu verzichten. Und, und, und...

Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers

Mehr Beiträge: Zurück 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 43 44 Weiter
Zur Übersichtsseite des Satzfischers - Zu den Beiträgen der Runde 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10

Hinweis: Für die Rechtschreibung und Zeichensetzung sind die Autoren selbst verantwortlich. Die Urheberrechte liegen beim jeweiligen Autor.