Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag
Hier lesen Sie die besten Beiträge der ersten Runde (Nov '01 - Jan '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Gao Xingjian eingefallen sind. Der Satz stammt aus der Erzählung »Fünfundzwanzig Jahre«. Sie findet sich im Fischer Taschenbuch 15183 mit dem Titel »Auf dem Meer«. Aus dem Chinesischen von Natascha Vittinghoff. ISBN 3-596-15183-X. 8,90 EUR: Cover: Auf dem Meer

»Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich einmal wiedersehen würde«
atmete er auf und setzte sich.

waren sie je
von Wolf Steinhardt, 24937 Flensburg

ich hätte nicht gedacht
daß ich dich einmal
wiedersehen würde sagte er
doch waren sie je
zusammengewesen
in einem langsamen tag
ohne tränen
war es gestern
oder heute daß
die gesichter
im stillen teich aus angst
zu treiben begannen
sie ihre hände
auf die augen legten
wo waren sie
mit ihrer liebe hin

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Auf ein Wiedersehen
von Egidius Paul Rütten, 41812 Erkelenz

"Ich hätte nie gedacht, dass ich dich einmal wiedersehen würde", dieser Satz, irgendwo gelesen oder gehört, im Vorbeigehen aufgeschnappt, aus Trübnis rausgefischt vielleicht aufgelesen in endlos aufgereihten Straßenzeilen, jetzt festgepappt in meinem Mund, schmeckte verätzt nach Fixogum, geschnüffelt, glitschig halbtransparenter Seim, gelbgrünlicher Schleim klebte mir am Gaumen, wie Gummilösung. Und dabei fühlte ich mich schon frei, gelöst, erlöst gewissermaßen hier vom immer wieder neu gespielten Spiel mit dir. Und meine Zunge quoll bei dem Versuch, den Satz zu sprechen, auf zu einer quabblig verdickten Masse, als ich dich plötzlich wiedersah, verschlug es mir die Sprache. Die Wörter verklumpten sich zum blubbernd köchelnden Silbenbrei, geröchelte Verlegenheit. Eigentlich hätt ich jetzt aufatmen müssen, erleichtert mich setzen müssen, wie man´s in solchen Situationen tut, mich mit dem neuen Umstand auseinandersetzen sollen, fröhlich erregt noch einmal neu beginnen wollen oder doch wenigstens freudiges Erstaunen signalisieren sollen. Das wäre doch das Mindeste gewesen nach so langer Zeit. Stattdessen lähmende Betroffenheit, Bedrückung, wo Entzückung angebracht gewesen wäre, ein widerstrebend registriertes Wiedersehen. Und schließlich fügte ich mich in das Unabänderliche, würgte den zähen Satzkloß aus, sah meine neue alte Lage ein, sah förmlich in dich hinein, versuchte, dieses Wiedersehen noch einmal wieder neu zu sehen.

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Grinsende Augen
von Katrin Broda, A-4600 Wels

Grinsende Augen, hie und da bewegt sich eins zum Takt der Musik.
David sagt, er wäre nicht von hier.
Ich sage, ich wüsste das, von vornherein.
Er nickt.
Ebenfalls zum Takt.
Er erkennt mich nicht.
Das verwundert mich nicht.
Was mich wiederum verwundert.
Ich koste kurz meine ausgespuckte, kaltgewordene Speichelladung von vorhin.
Irgendein Geschmack von dem vor uns stehenden Tisch hat sich mitreingeschwindelt.
Kalter Speichel ist an und für sich ekelhaft.
Mit dem Geschmack des Tisches vereinbar.
Ich erzähle ihm. So Sachen.
Er hört zu.
Das hat er früher nie getan.
Wollte Sachen immer nur erleben.
Wollte das auch mit dem Umbringen wissen.
Dann haben wirs getan, einfach so.
Eigentlich wollte er.
Aber er war zu betrunken.
Ich habs dann gemacht.
Zumindest seh ich das so.
Habe ausgeholt zum finalen Schlag.
Er hat doch noch nicht einmal mehr noch den Kopf getroffen, der Suffkopf.
Nachher hat er sich neben ihn hingelegt.
Hat ein wenig geweint.
Er hat geschluchzt, er wär doch ein netter Kerl gewesen.
Ich hab ihm ins Gesicht gespuckt.
Da hat er gelacht.
Da hab ich ihm dann auch noch eine reingehaut.
Da hat er wieder gelacht.
Es war pervers.
Wir sind dann heimgefahren.
Mit dem Zug.
Fast 12 Stunden Fahrt durchgehend.
Ich wäre am liebsten durchgedreht, war aber nur ruhig.
Ich erzähle ihm das jetzt, dem David.
Er schaut mich idiotisch an, fragend, aber im Grunde genommen dämlich.
Er sagt: “Ich glaube, du hast mich verwechselt... Kann das sein?“
Dann zahlt er, steht auf.
Für uns beide, wie ich angetan akzeptiere.
Er hat sich zum Guten verändert, der David.

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Ein Nachruf
von Julia Langhardt, A-6212 Maurach a.A.

„Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich einmal wiedersehen würde“ atmete er auf und setzte sich. Sein Rücken schmerzte vom langen Suchen in den vielen Kisten und Truhen auf dem staubigen Dachboden.
„Wusstest du, dass ich alle Bilder von dir weggeworfen habe? Ich habe schon lange nicht mehr an dich gedacht, und heute las ich von deinem Tod.“
Das stimmte nicht, und er wusste es.
„War sicher nicht schön, in dem Auto zu verbrennen, oder warst du bereits tot? Wohin warst du unterwegs? Musstest du dich wieder selbst finden, oder warst du auf dem Weg, um irgendwo für den Frieden in der Welt zu predigen? Dir war es immer ein Anliegen, für das Wohlergehen aller einzutreten, stimmt‘s? Nur was aus mir wurde, das kümmerte dich nicht, meine Sehnsucht, meine Verzweiflung, die anschließende Depression. Du wurdest nicht in Zusammenhang gebracht mit meinen Taten, dein Ruf blieb unbefleckt.
Sie waren dir ähnlich, diese Frauen… Aber ich sorgte dafür, dass sie niemals so handeln würden wie du, dass sie niemals jemanden so zurücklassen konnten, wie du mich. Abgestellt, nutzlos, so kam ich mir vor. Hättest du mich auch nur einmal so angeblickt, wie deine zahlreichen Liebhaber – ich glaube, ich hätte dir alles verzeihen können!
Hast du den Knall im Motor gehört? Hast du gewusst, dass du sterben würdest, als er explodierte? Ich hoffe es, denn dann hast du etwas gemeinsam mit diesen Frauen; sie wussten es alle, jede einzelne. Aber ich tat ihnen den Gefallen, es schnell zu machen, sie mussten nicht verbrennen, erst nach ihrem Tod. Seltsam, nicht wahr? Als hätte ich gewusst, dass auch du verbrennen würdest. Ein merkwürdiger Zufall. Genauso wie die Tatsache, dass dein Auto stehenblieb, als ich gerade Pannendienst hatte. Du hast mich nicht erkannt, du ahntest auch nicht, wie gut ich mich mit Motoren auskenne… während du mit deinem Fahrer Kaffee getrunken hast.
Du bist alt geworden, Mutter, siehst nicht so jung aus, wie in den Zeitungen, oder auf diesem Bild hier. Ganz zerbrechlich wirkst du, aber das warst du nie.
Und jetzt bin ich frei von dir, jetzt brauche ich dich nicht mehr!“
Achtlos ließ er das Bild fallen, als er aufstand. Ein abgebrochener Splitter des filigranen Silberrahmens blitzte im Licht aus dem Dachfenster auf.

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herzstillstand
von Julian Bank, 50765 köln

»Ich hätte nicht gedacht,
dass ich dich einmal wiedersehen würde«
atmete er auf und setzte sich.
zwischen alle stühle,
atemlos,
außer gefecht.

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