Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag
Hier lesen Sie die besten Beiträge der ersten Runde (Nov '01 - Jan '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Gao Xingjian eingefallen sind. Der Satz stammt aus der Erzählung »Fünfundzwanzig Jahre«. Sie findet sich im Fischer Taschenbuch 15183 mit dem Titel »Auf dem Meer«. Aus dem Chinesischen von Natascha Vittinghoff. ISBN 3-596-15183-X. 8,90 EUR: Cover: Auf dem Meer

»Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich einmal wiedersehen würde«
atmete er auf und setzte sich.

Blondis Reich
von Birgit Wagner, 50674 Köln

"Vater unser, der Du bist im Himmel. Dein Reich komme, Dein Wille geschehe -" Der Geistliche sprach mit monotoner Stimme. Hier und da ein Schluchzen. Herr Braun stand abseits und betrachtete das Schauspiel. Alle Nachbarn waren da, bzw. der Teil, der bisher überlebt hatte: Die Brunners, die Müllers, Frau Lüdke, Herr Sauer, die Habichts - und er. Leute, die sich nach der Pensionierung in diese Nobelanlage eingekauft hatten. Außer ihm. Er mußte noch ein paar Jahre arbeiten. "Der Ärmste, hatte sich gerade so gut vom Herzinfarkt erholt. Und nun das!" Frau Brunner gesellte sich zu ihm und schnäuzte in ihr Taschentuch. Er rückte ein wenig zur Seite. "Und vergib uns unsere Schuld -" "Na, alter Sportsfreund, lange nicht gesehen!" Herr Habicht kam auf ihn zu und tätschelte seinen Oberarm. "Wo haben Sie sich denn rumgetrieben?" "Geschäftlich", murmelte Braun nur, denn Frau Müller nahte mit schnellen Schritten. "Ist das nicht schrecklich, der zweite Sterbefall im Haus - in so kurzer Zeit?" Ihre Stimme klang schrill. "- erlöse uns von dem Bösen -" "Passen Sie auf, sonst sind Sie das nächste Mal dran." Herr Habicht klopfte ihm auf die Schulter. "Schließlich wohnen Sie auf der Seite, wo Gevatter Tod zur Zeit wütet." "Dein Reich komme, wie im Himmel so auch auf Erden. Amen." Die Trauernden lösten sich von der Begräbnisstätte und schoben sich in Richtung Friedhofstor. Er folgte als letzter. Vor ihm hörte er es tuscheln: "- schauen uns nach einer neuen Bleibe um - von wegen Altersruhesitz - irgendeine Teufelei - beide mit Herzstillstand - und der Gesichtsausdruck - seltsame Geschichte -" Am Ausgang verabschiedete er sich unter dem Vorwand "Geschäftlich". Während seine Nachbarn zum gemeinsamen Leichenschmaus gingen, zog es ihn nach Hause. Doch vorher mußte er noch etwas besorgen.

"Blondi?" Herr Braun schaute sich um. Und dann noch einmal etwas lauter: "Blondi?" In der Küche fiel sein Blick auf das Gitter des Lüftungsschachts an der Decke. Ein behaartes Beinchen ragte heraus. Dann ein zweites, drittes und viertes. Sekunden später quetschte sich eine braune Masse durch den Rost und landete mit allen acht Beinen auf dem Obstkorb. "Blondi-Baby. Wo hast du denn gesteckt? Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich einmal wiedersehen würde," atmete er auf und setzte sich. Die Theraphosa blondi zischte wie als Antwort. Sein Haustier verlangte nach einem angemessenen Mahl. Er holte vorsichtig die eben gekauften Mäuse aus seiner Tasche.

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Zeitsprung
von Osiris, 55126 Mainz

Wir rücken die Stühle zurecht,
mit unnatürlicher Umständlichkeit.

Ich betrachte die Schmutzspuren der Schuhe auf dem Boden.
Wie viele Menschen sind inzwischen über diese Fliesen gelaufen?

Ich lächle ein wenig, natürlich habe ich mich verändert. Genau wie du.
Dein neues Gesicht mag ich nicht.
Weißt du noch, was du bestellt hast, als wir uns zum letzten mal sahen? Ich frage es nicht.

Frage lieber nicht, ob du weißt, wie es mich getroffen hat, dich gehen zu sehen.
Ich lächle weiter und betrachte das Einrinnen der Milch in den Kaffee.

Hast du gerade gesagt, mein Lächeln sei, was du nie vergessen konntest?
Eine Träne mischt sich mit Brauntönen in meiner Tasse.

Dein Kuss schmeckt warm - wie immer.

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Einst trennten wir uns unter Tränen
von Even Dane, 61350 Bad Homburg v.d.H.

Blaß war dein holdes Angesicht,
Als du mich hast verlassen.
Dein Kuß, er sprach die Wahrheit nicht;
Ich konnte es kaum fassen!

Es fällt der kühle Morgentau
Auf Wiesen und auf Wald,
Ich fühlte mich genauso lau
Und ganz genauso kalt.

Was du versprachst, hast du gebrochen,
Dein Name ist jetzt weit bekannt.
Es wird so viel von dir gesprochen,
Doch ich nehm Anteil an der Schand.

Man redet von die ohne Zaudern,
So daß mein Ohr es hört mit Schmerzen.
Und oft befällt mich dann ein Schaudern:
Warum lagst du mir so am Herzen?

In aller Stille traf ich dich,
Mit Worten läßt es sich kaum sagen.
Auch jetzt ist's still, ich gräme mich
Und werde immer um dich klagen.

Nach langer Zeit könnt' es geschehen
Du hast vielleicht mich schon vergessen
Daß wir uns einmal wiedersehen.
Wie sollte ich dich dann begrüßen?

Einst trennten wir uns unter Tränen,
Die Welt war einsam, öd und still.
Das Wiedersehen bringt auch Tränen,
Weil die Erinnerung es will.

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Ein Wiedersehen
von Ilka Döhnert, 42279 Wuppertal

„Hallo Schatz. Wie war dein Tag?“ Das hatte sie ihn seit Jahren nicht mehr gefragt! „Du siehst blass aus“ murmelte er irritiert und streifte flüchtig ihre Wange. „Clemens“ sagte sie und hielt ihn fest, bevor er ins Wohnzimmer zu seinem Fernsehsessel gehen konnte. „Du hast Besuch. Es ist Karl.“ „Karl? Ist das dein Ernst?“ „So ist es. Er wartet auf dich. Geh schon – ich bringe euch nachher das Abendessen.“ Karl! Es war Jahre her, seit sie im Streit auseinander gegangen waren. Damals hatte er alle Freunde sitzen lassen für eine wahnwitzige Expedition, ausgedacht von einem durchgeknallten Idioten.
Jetzt stand er da, das Gesicht im Schatten verborgen. Er schien dünner als früher, doch seine Haltung, seine Bewegung, als er jetzt einen Schritt in den Raum machte und die Hände zum Gruß erhob – das war eindeutig Karl! „Hallo Clemens“ sagte er. „Ich bin wieder da – was sagst du nun?“ „Was ich sage? Ich bin überrascht.“ Clemens schickte seine Augen prüfend über das Gesicht des alten Freundes. Es war fahl und eingefallen. „Du musst enorme Strapazen hinter dir haben. Mit Verlaub – du siehst scheiße aus.“ „Danke“ lachte Karl. „Aber ich bin nicht hier, um mir ein medizinisches Gutachten einzuholen.“
„Weswegen dann?“ Für Bruchteile einer Sekunde stand das Misstrauen wieder zwischen ihnen. „Ich will mich bei euch entschuldigen. Du bist der erste.“ Clemens lächelte. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich einmal wiedersehen würde“ atmete er auf und setzte sich. Karl blieb stehen. Er wirkte unschlüssig. „Da ist allerdings eine kleine Sache...“ Clemens zog die Augenbrauen hoch. „Was? Was ist da? Wenn du mich wieder zum Narren halten willst...“ „Nein nein“ fiel Karl ihm ins Wort. „Ich will dir nur sagen, dass es nicht ganz der Wahrheit entspricht, wenn du glaubst, ich sei immer noch ich. Der alte Karl.“ „Wie meinst du das?“ „Nun“ Karl beugte sich vor. „Am besten verstehst du mich wohl, wenn ich dir die Sachlage demonstriere.“ Es war zu spät, auf das dämonische Glitzern in Karls Augen zu reagieren. Er packte Clemens und bog seinen Kopf zur Seite. Ein kurzer Schmerz, dann verabschiedete sich seine Zeit und stieß ihn zurück in ein schwarzes, endloses Loch, in dem nur noch Kälte war und Gier – unstillbare Gier nach Blut. „Na ihr beiden – kommt ihr klar miteinander?“ Wie ein Geist war sie in der Wohnzimmertür erschienen. „Ja“ sagte Karl. „Geh zu deinem Papi, Liebes“ flüsterte Clemens Frau und stieß das schlaftrunkene Kind, das sie an der Hand mit sich führte, sanft in den Raum.

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Wiederbegegnung
von Alexandra Lavizzari, 3003 Bern Schweiz

Wir sprachen
von plötzlich eingesunknen Augen
dem ersten grauen Haar
dem Zwischen-den-Zeilen unserer Briefe
von dir hier und mir dort
und heute: wir
welche Wunder, nein,
du meintest Kraft

zusammen

wir schwiegen
durchs Fenster des Cafés ins Wasser
ein ganzes Jahr weg
als wären wir reich an ihnen
und könnten dies eine schmerzlos
entbehren

wir sagten
wie bitter der Tee
früh der Herbst
schlimm der Hunger noch immer
weltenweit

schwiegen, warum
wieder, wie damals
schwiegen
unsere Du-Sucht sugrunf

schwiegen und schauten den Möven nach.

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