Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag
Hier lesen Sie die besten Beiträge der ersten Runde (Nov '01 - Jan '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Gao Xingjian eingefallen sind. Der Satz stammt aus der Erzählung »Fünfundzwanzig Jahre«. Sie findet sich im Fischer Taschenbuch 15183 mit dem Titel »Auf dem Meer«. Aus dem Chinesischen von Natascha Vittinghoff. ISBN 3-596-15183-X. 8,90 EUR: Cover: Auf dem Meer

»Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich einmal wiedersehen würde«
atmete er auf und setzte sich.

Cascara
von Denis Kessler, 65934 Frankfurt

Die kraftvolle Sonne spiegelte sich gebrochen auf der zitternden Oberfläche des Wassers. Verschwommen bückte sich am Horizont eine schwerfällige Yacht vor der wütendenden Kraft des rastlosen Meeres. Schimmernde Dünen hinter dem ausgebleichten Strand. Fahl brannte das gleißende Licht auf die ausgedörrten Palmen, die ein tosender Sturm aus ihrer sandigen Verankerung gerissen hatte. Schabend kratzte der barfüßige Mann einen verkrusteten Schildkrötenpanzer aus, schlürfte genussvoll das siebzig Jahre gewachsene Fleisch in einer Viertelsekunde in sich auf. Bitteres Fleisch. Die pelzige Zunge labte sich an der Feuchtigkeit der Eingeweide. Er stockte, hüstelte vernehmbar, genoss still den zarten Windhauch, der seine vernarbten, von Schweiß gefangenen gehaltenen Wangen kühlte. Ein Skorpion bestieg eifrig die sich erhebende Anhöhe seines linken, von Blut verklebten Beins. Salz hatte sich wie das züngelnde Feuer eines gerade entfachten Brandes in die Wunde gebohrt. Hängen geblieben an einer stählernen Trosse, eben jenes Schiffes, das Cascara am Horizont verschwinden sah. Mit Hass erfüllten Augen schüttelte er heftig das Getier von den Beinen. Gebannt überblickte er nun den Ort seines Verschwindens. Er würde sie wieder sehen, den Quell seiner Flucht aus der Sklaverei der Weißen. Gebückten Ganges schleppte er sich die wandernden Dünen herauf. Dampfender Dschungel. Duftender Pfad der Freiheit. Das Dorf seiner Herkunft. Gezerre, stürmische Umarmung. Lautes Gejohle. Das Krächzen von Vögeln in den Baumwipfeln. Freudestrahlend erblickte er Yamina: „Ich hätte nicht gedacht dass ich dich einmal wiedersehen würde“, atmete er auf und setzte sich.

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Das zweite Ich
von Rüdiger Lehmann, 13359 Berlin

„Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich einmal wiedersehen würde.“, atmete er auf und setzte sich. Trotzdem er in den Lauf meiner Pistole starrte, die ich unverwandt auf ihn gerichtet hielt, schien er erleichtert zu sein. Noch einmal lief der Film vor meinen Augen ab:
Es geschah vor einer Woche, als ich am Abend auf dem Balkon meines Apartments saß und den Körper im auffrischenden Wind eines heraufziehenden Gewitters kühlte. Die ersten dicken Tropfen benetzten den ausgedörrten Boden und ließen die Luft nach heißer Erde schmecken. Nacht verschluckte den Himmel, kaum dass es eine Dämmerung gegeben hätte. Wilde Blitze zerrissen die Dunkelheit, gefolgt von immer heftigerem Donnergrollen. Ich flüchtete ins Innere der Wohnung. Plötzlich gab es einen ohrenbetäubenden Knall, der mich das Gehör zu verlieren fürchten ließ. Mein Körper war von einem eigenartigen Kribbeln erfüllt, und für Momente glaubte ich, ohnmächtig zu werden. Die Lampe verlosch. Als sie einige Zeit später wieder aufleuchtete, stand es mit aufgerissnen Augen keine drei Schritte von mir, mein eigenes Abbild. Der Schreck jagte mich Hals über Kopf aus dem Apartment. Die ganze Woche irrte ich in der Stadt umher; aß, was ich stahl, schlief mit Pennern unter Brücken. Ständig war ich von Angst getrieben und konnte kaum einen vernünftigen Gedanken fassen. Nur eines war mit klar: Nach dem 7. Hauptsatz der Energieerhaltung war eine Materieverdopplung unter Umständen möglich, der Geist jedoch war nicht vermehrbar, also musste er sich teilen. Ich hatte wohl die minderwertigere Hälfte abbekommen, die, die immer nur Angst hatte, die ein Versager war. Auch Skrupel schienen mir abhanden gekommen zu sein. Heute Morgen schließlich fasste ich den Plan....
„Nun schieß doch endlich,“, sagte er unerschrocken, „es wird für uns beide das Beste sein.“
Und ich schoss. Nicht nur einmal. Nein, wieder und wieder, bis mir das vergebliche Klicken des Bolzens verriet, dass im Magazin keine Patrone mehr war.
Er sackte in seinem Sessel zusammen. Dann fiel er nach vorn über. Blut quoll an mehreren Stellen aus seinem Körper. Mir aber ging es schon um Vieles besser. Der geteilte Geist, nun zur Hälfte seines Wirts beraubt, begann sich wieder zu vereinen.
Wie gut war es nun, dass ich erst kürzlich den Teppich angeschafft hatte. Ekel überkam mich, als ich mein lebloses Abbild darin einwickelte. Währenddessen fragte ich mich, wie es wohl anders herum gekommen wäre.
Jetzt werden Sie verstehen, warum ich Gewitter so hasse...

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Kopf oder Zahl
von Gabriele Martin, 27749 Delmenhorst

„Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich einmal wiedersehen würde“, atmete er auf und setzte sich erleichtert. Ihre grünen Augen funkelten wie Sterne. Sie erinnerten ihn an die Tage und Nächte in der alten Jagdhütte. Eines Morgens war er aufgewacht und sie war weg, nur ein paar Zeilen hatte sie ihm hinterlassen. `Ich kann mich nicht von Markus trennen. Ich wünschte, du könntest mich verstehen. Bitte melde dich nicht bei mir. Ich werde dich immer lieben. Deine Sabine.’ Damit war alles zu Ende gewesen. „Ich habe mir lange überlegt, ob es richtig ist, dich anzurufen,“ riss sie ihn aus seinen Gedanken. Sie legte ihre Hand auf die seine. „Harald, Markus ist vor ein paar Wochen gestorben.“ Er hatte es längst erfahren. Markus wurde durch einen schweren Unfall vor gut fünf Jahren querschnittsgelähmt. Er hatte seine Softwarefirma vom Rollstuhl aus weiter geführt. Sabine war als seine Frau immer bei ihm gewesen, mehr aus Mitleid, als aus Liebe. Aber für sie gab es den Markus, den sie kennen und lieben gelernt hatte nicht mehr. Er hatte sich nach dem Unfall verändert, wurde oft jähzornig und prahlte mit seinem Geld. Freunde zogen sich von ihm zurück, so auch Harald. „Ich weiß,“ murmelte Harald. „Harald, ich glaube ich habe einen furchtbaren Fehler gemacht,“ sagte sie leise. Ihre warme Hand flößte ihm jene Geborgenheit ein, die er in der Hütte mit ihr empfunden hatte. Anja fiel im ein und er wurde traurig. Er war immer noch mit ihr zusammen, obwohl er sie wegen Sabine hatte verlassen wollen. Harald hatte gehofft, dass alles wieder gut werden würde. Jetzt aber spürte er, dass er Sabine immer noch liebte. „Haben wir noch eine Chance Harald?“ Er zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht, Sabine, ich bin so verwirrt.“ „Ich liebe dich immer noch, Harald. Ich weiß, ich war damals feige, einfach abzuhauen. Ich konnte dich nie vergessen,“ gestand sie ihm mit Tränen in den Augen. Er nahm ihre Hand in die seinen und jedes Wort fiel ihm schwer: „Lass mir Zeit, Sabine.“ Er sah ihr tief in die Augen. „Ich freue mich so sehr, dich zu sehen und alles in mir will zu der Zeit mit dir zurück kehren, aber ich komme nicht so schnell mit. Ich brauche noch Zeit, Sabine.“ Plötzlich rann auch ihm eine dicke Träne die Wange hinunter. Dann saßen sie da und schwiegen, schauten sich in die Augen und die Uhr schien ein Jahr stillgestanden zu haben.

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Allein
von Kyrhia Schindler, 76777 Neupotz

»›Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich einmal wiedersehen würde‹
atmete er auf und setzte sich. «
Wie zufällig rückte er nah neben mich.

Seine Hand wollte die Meine berühren,
doch ich wollte seine Nähe nicht spüren.

So viele Jahre war er nicht da,
weiß nicht, wie traurig und einsam ich war.

Vater du hast mich einfach vergessen.
Soll ich meine Qual an Deiner Reue messen?

Ich will fliehen, schnell auf und davon.
Seine Augen so rot wie blühender Mohn.

Tränen waren meine schmerzenden Begleiter.
Er blieb sitzen, ich ging und wir weinten weiter.

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Wer's glaubt
von Uebelacker, Friedrich, 14199 Berlin

Ist er es? Ist er es nicht?
Sie stirbt, falls er es nicht ist.
Sie stirbt genauso, falls er es doch ist.
Dieser kleine Unterschied, Teufel noch mal,

Ist vielleicht das Wunder, nicht wahr?
Solange er nicht da ist, ganz sicher,
doch angekommen, endlich, und
in ihren Armen liegend, nicht mehr,

Oder? Wo bleibt er denn so lange?
Sie sieht ihn doch, sie sieht ihn
und seinen Blick, ihr zugewandt,
im warmen Sonnenlicht, das blendet.

Er ist es! ruft sie. Er ist es,
denkt sie und weiß es, blind,
vom langen Warten und Hoffen
auf ihn, den Einzigen, ja oder nein.

Hat sie schon Stund um Stunde
zu viel gehofft, die lange Zeit
umsonst gewartet? Nein! Oder ja?
Die Spuren sind doch längst verweht,

Wie alles andere auch, verweht,
zuletzt vergeht verweht sogar das
Unvergängliche, das Unausweichliche
und selbst das gänzlich Unverhoffte.

Schließlich, der Scheißkerl, kommt
er doch, und setzt sich hin, die Wirrnis
hinter sich, und sagt: Ich Idiot!
Ich dachte nicht, dass ich dich

jemals wiederseh. Ich nicht! Und du?
Ich? sagt sie. Ich weiß es nicht,
nicht mehr. Es ist vorbei. Vorbei
wie , eines Tages, alles andere auch...

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