Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag
Hier lesen Sie die besten Beiträge der achten Runde (September '02 - Oktober '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Milan Kundera eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins«. Fischer Taschenbuch 5992. ISBN 3-596-25992-4. 9,90 EUR: Cover: Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins

Wollen Sie sich nicht etwas stärken vor dieser schweren Arbeit?

Verschwendung einer Jugend
von Annelie Jagenholz, 50171 Kerpen (Deutschland)

Arbeitsamt
Vorsichtig trat der Junge in das Zimmer. Er setzte sich bequem auf den hölzernen Stuhl und fühlte einzelne, innere Verletzungen aufkommen.
Ein Resignieren vor dem Unvermeidlichen durchströmte seine Gehirnwindungen. Der ermüdende Versuch, sich zu erinnern oder Gewissensbisse zu haben, oder der Gedanke daran, wie lange er sich an das leere Symbol einer Überzeugung geklammert hatte, verwirrten seine Zurechtlegungen für das bevorstehende Gespräch.
"Was kann ich für Sie tun?" fragte der Beamte und spitzte seine Bleistifte.
"Ich suche Arbeit!" stotterte er.
Vor seinen Augen erzeugten verzerrte Linsen, kugelförmige und parabolische Spiegel und Prismen eine halb abstrakte, atomisierte und unglaublich subjektive Ansicht des Büros, in dem die Möbel im Raum schwebten und der Mensch vor ihm zu einem entfremdeten, verdrehten Massenwesen wurde. Die Wirkung war erstaunlich, unwirklich und schon wieder vergangen, sobald der Beamte seine nächste Frage stellte.
"Haben Sie einen Abschluß?"
"Nein?"
"Auch keine Ausbildung?"
"Nein!"
"Ich verstehe!"
Der Schwammige nickte mit dem roten Kopf, schnaufte ein bißchen und steckte sein Gegenüber in eine dieser Schubladen, in denen er sich seine Menschenkenntnis bewahrte.
"Na... dann fangen wir mal an!" brummte er, formulierte seine Worte, als wären sie die unheimliche Darstellung einer unentrinnbaren Katastrophe, die nicht stattfand.
"Da hätten wir etwas auf der Baustelle!" las er von seinen Unterlagen ab. "Mögen Sie schmutzige Arbeit?"
Der Junge biß sich auf die Lippen. Seine Schmächtigkeit und der pathetisch geneigte Kopf deuteten auf Zurückgebliebenheit hin.
"Ist mir nicht wichtig!" stammelte er.
"Ich verstehe!" erklärte der Beamte wieder und wirkte nun, als wollte er ihn mit Vorliebe einem gelangweilten, aber effizienten Polizisten zur Hinrichtung übergeben.
"Was wäre meine Aufgabe?" erkundigte sich der Junge.
"Arbeiten!" konterte der Beamte.
Irgendwie ähnelte er einer neuen, bösen Macht.
"Wann kann ich anfangen?" fragte der Junge weiter, während der Sachbearbeiter belustigt hustete.
"Wollen Sie sich nicht etwas stärken vor dieser schweren Arbeit?"
Der Junge erhob sich gebrochen.
"Ich habe nicht erwartet, daß ich eine Backsteinmauer vorfinde, wenn ich das Fenster öffne!"
"Sie haben wohl keine Erziehung genossen... junger Mann!" kreischte der Beamte.
Das eisige, kühle Porträt des Jungen antwortete:
"Irrtum... alter Mann. Ich habe meine Jugend verschwendet!"

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Wollen Sie sich nicht stärken vor dieser schweren Arbeit?
von Annette Heinfling, 22159 Hamburg (Deutschland)

ER:

Wollen – was heißt hier schon wollen? Für den Job krieg‘ ich Kohle, sonst würd‘
ich das gar nicht machen. Und damit das läuft, ist was zu essen wohl nicht
zuviel verlangt. Was gibt es denn? Äh, was ist das denn? Stärken – mit dem Pamps? Wer soll das denn runterwürgen? Sieht ja aus wie schon mal gegessen – ich hab Kohldampf und dann so was! Schnell mit Kaffee nachgespült ......nicht mal ‘n Bier gibt das hier.
Schwere Arbeit... das ich nicht lache! Ha! Die drei Teile baue ich mit links zusammen. ..... Oh Mist, ist doch etwas schwer – vielleicht sollte ich den Mund nicht so voll nehmen (gerade so nach dem Essen ) und meinen Job erledigen. Und dann noch das dumme Gegaffe von dieser Frau, fast als hätte sie Angst vor mir...warum geht sie nicht an ihren Haushalt und läßt mich hier machen?
Das ist ja nicht auszuhalten! Am liebsten würde ich.....
Hoffentlich ist bald Feierabend!


SIE:

Das war doch nur eine höfliche und gutgemeinte Frage – aber statt dessen zieht er ein Gesicht, als wolle er mich gleich anspringen. Und diese kleinen, tiefliegenden Augen in diesem roten Gesicht. Bestimmt cholerisch.....oder Alkoholiker. Allein, wie er das Essen grunzend in sich hineinstopft – ist ja schon fast eklig, diese Gier. Den Kaffee so zu schlürfen, da könnte mir ja fast übel werden. Nicht einmal ein Dankeschön hat er sich abgerungen und die Hände hat er sich vorher auch nicht gewaschen, diese Riesenhände....Wo der hinlangt, da wächst bestimmt kein Gras mehr...
So ein mißmutiger Mann, geht halt nicht alles von alleine, wenn es so einfach wäre, dann hätte ich es auch selbst machen können! Soll er doch sehn, wie er die Arbeit schafft – und anbieten wird ich ihm schon lange nichts mehr, diesem ungehobelten Kerl!

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Die Zeitungsfrau
von Schreibneuling, 99986 Niederdorla (Deutschland)

Wenn er aus de Nachtschicht gegen 5.00 Uhr nach Hause kam, war es selbstverständlich, dass er sich bei seinem Lieblingsbäcker ein paar frische Brötchen kaufte und wie selbstverständlich die Zeitung aus dem Briefkasten nahm. Dann frühstückte er, duschte und ging schlafen. Wie die Zeitung in seinen Briefkasten kam, darüber hatte er sich bis lang noch keine Gedanken gemacht. Aber heute war alles anders.
Er kam aus der Nachtschicht, kaufte Brötchen, doch wo war seine Tageszeitung? Vielleicht hatte man ihn heute vergessen? Also frühstückte er zuerst, und lief dann noch einmal zum Briefkasten. Da sah er sie. Im strömenden eisigen Regen kam sie mit einem schweren Zeitungswagen auf ihn zu. Sie lächelte ihn an und bat ihn die Verspätung zu entschuldigen.
Als er dann die Zeitung las, schweiften seine Gedanken immer wieder ab, zu der Zeitungsfrau. Er sah vor sich eine junge Frau, durchnässt, halb verfroren, und doch hatte sie ihn angelächelt. Er machte sich Gedanke darüber, wie sie bei Wind und Wetter immer im Morgengrauen, immer mit einem schweren Zeitungswagen unterwegs war, und was ihr da alles passieren könnte. Ob sie wohl angst hatte? Er arbeite auch häufig im Nachtdienst, aber bei ihm war es schön warm.
Die Tage vergingen und jedes Mal, wenn er seine Tageszeitung las, dachte er an sie.
Eines Morgens, er konnte nicht mehr schlafen, stand er auf, kochte eine Kanne mit duftendem Kaffee, buk ein paar Croissants auf, lief damit zu seinem Briefkasten und wartete auf sie...
Dann kam sie, sie sah müde aus. Er sprach sie an und fragte: „Wollen Sie sich nicht etwas stärken vor dieser schweren Arbeit?“ Sie lächelte ihn an und bedankte sich für diese nette Geste. Von da ab, begegneten sie sich häufiger, nicht nur am Briefkasten.

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Schwerstarbeit
von Petra Randschau, 22453 Hamburg (Deutschland)

"Wollen Sie sich nicht etwas stärken vor dieser schweren Arbeit?", sie sah ihn erwartungsvoll an. Das Licht der aufgehenden Morgensonne zauberte hübsche Lichtreflexe auf ihr Haar und ihre Wangen waren von der Kälte gerötet.
Plötzlich spielte es für ihn keine Rolle mehr, daß er es total schwachsinnig gefunden hatte, im Dezember - bei Eis und Schnee - umzuziehen. Im Gegenteil, er brauchte sie nur anzusehen um froh zu sein, den Studentenjob als Möbelpacker angenommen zu haben. „Ich habe soviel vorbereitet, daß eine ganze Armee davon satt werden könnte“, sie lachte und er spürte, wie es oberhalb seines Bauchnabels zu kribbeln begann „Gerne“, seine Stimme hörte sich plötzlich fremd für ihn an. Während er ihr in die Küche folgte, übersah er den Golfball, der aus einem der Umzugskartons hinausgefallen war. Das kurze aber laute Knacken unterhalb seines linken Schienbeines, vermischte sich mit dem entsetzten Ausdruck ihres Gesichtes. Er spürte einen scharfen Schmerz, als er mit dem Rücken auf der Treppe aufschlug und Stufe für Stufe seinen Wirbeln zur bleibenden Erinnerung wurde. In seinen Ohren rauschte es. Die ganze Situation hatte etwas surreales. Er legte die 11 Stufen bis ins Erdgeschoß in weniger als 5 Sekunden zurück. Dann wurde es dunkel um ihn.
„Glück gehabt“, die junge Assistenzärztin warf einen Blick in seine Akte. „Ihr Sturz hätte weitaus schlimmer ausgehen können. Sie müssen einen Schutzengel gehabt haben“. „Schon möglich“, er schmunzelte und warf einen kurzen Blick auf das Foto, daß seit einigen Wochen auf seinem Nachtschrank stand. Die gleichen Lichtreflexe im Haar, das gleiche offene Lachen wie an dem Tag, an dem er sie zum ersten Mal gesehen hatte. „Trotzdem, bei Ihren komplizierten Brüchen, wird die REHA nicht unbedingt ein Spaziergang für Sie werden“. „Ich weiߓ, er lehnte sich zurück. „Gut, die Krankengymnastin erwartet sie in einer halben Stunde in Raum 7." Sie stand auf und ging zur Tür. Im Hinausgehen drehte sie sich nocheinmal um "Ach ja, wollen Sie sich nicht etwas stärken vor dieser schweren Arbeit“.

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Harte Arbeit
von AS, 50999 Köln (Deutschland)

gefräßig schlaff auf dem Sofa liegend,
im Sex und Crime des Fernsehns wiegend,
im Freudenhaus die Lüste lebend,
doch vor Eifersucht wie Erde bebend.

einfach, monoton, voll Langeweile,
sinnlos lesend Zeil` um Zeile,
und jetzt wieder Langeweile,
doch jetzt gibt es endlich Keile.

auf die Fresse soll er schlagen,
eins auf´s Maul, nur nicht verzagen,
denn jetzt soll es keiner wagen,
hier nicht kräftig zuzuschlagen.

los jetzt, mach, -bist du bescheuert?
mensch, der gehört jawohl gefeuert!
_

jetzt ist Stille eingekehrt,
der Bösewicht, er hat den Schlag verwehrt,
der letzte Schweiß perlt nun hinab,
der Herzryhthmus sinkt rapide ab.

w wie Weile - Langeweile,
z- wie Zeile- Langeweile,
b - wie Blödmann - Langeweile,
Zeil´ um Zeile - Langeweile.

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