Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag
Hier lesen Sie die besten Beiträge der neunten Runde (Oktober '02 - November '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von David R. MacDonald eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Die Straße nach Cape Breton«. Aus dem Englischen von Heidi Zerning. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-015329-4. 19,90 EUR: Cover: Die Straße nach Cape Breton

Ein Kuss, vor vielen Wochen, aber sein Geschmack durchfuhr ihn immer noch, wenn er nichts zu tun hatte als dazuliegen und sich zu erinnern.

Wortküsse, Kussworte
von Henriette Jorjan, 57462 Olpe (Deutschland)

EIN KUSS
vor vielen Wochen,
ABER
sein Geschmack durchfuhr ihn immer noch,
wenn er nichts zu tun
HATTE
als
DAZULIEGEN
und sich zu erinnern.
----------------------------------
VOR
vielen Wochen
erinnerte sich sein Geschmack an
NICHTS.
---------------------------------
Wenn er
NICHTS
hatte
vor vielen Wochen
ALS SICH
zu erinnern
durchfuhr ihn ein Kuss.
--------------------------------
Ihn immer noch
EIN KUSS
durchfuhr
hatte nichts zu tun
als
NUR
sich zu erinnern.
----------------------------------
NICHTS ALS NUR EIN KUSS

Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers

Geschmackserinnerung
von Krokomaus, 31535 Neustadt (Deutschland)

Ein Geschmack
an einen Kuss,
erinnere mich.

Ein Kuss,
Wochen her,
nur Erinnerung

Wochen her
doch lebendig
die Erinnerung

Lebendig
liege ich,
erinnere mich

Ich liege
nichts tuend,
da erinnert es mich

Ohne Tun,
durchfährt es mich,
allein von der Erinnerung

Durchfahrend,
mit Geschmack,
eine liebliche Erinnerung

Geschmacklich
noch so lebendig,
Erinnere ich mich

Lebendig!
Ich schmecke
die Erinnerung.

Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers

Tanz der Gezeiten
von Petra Randschau, 22453 Hamburg (Deutschland)

Er war alt. Viel Schlaf brauchte er nicht mehr. Im Laufe der Jahre waren die Stunden die er wirklich schlief, meist tief und traumlos, immer weniger geworden. Er döste eher, in einer Art Halbschlaf, während die Nacht sich unendlich langsam dem Morgen entgegenneigte. Es war Winter. In seiner Seele, in seinem Herzen und in seinem Körper. Er dachte jetzt oft an Früher, eigentlich ständig. Alte, schon fast totgeglaubte Erlebnisse und Erinnerungen wurden plötzlich wieder lebendig. So lebendig, daß ihre Intensität ihm fast den Atem nahm und ihn für Stunden in eine andere Welt versetzte. Seine Welt - vor mehr als 97 Jahren. Oft erlebte er alles gleichzeitig: Seine Kindheit, seine Jugend, sein Leben als Erwachsener. Er folgte dem Kreislauf der Natur, er war Teil dieses Kreislaufes. Nie war ihm das bewußter gewesen: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Alles war eins, die Zeit spielte keine Rolle mehr. Im Gegenteil. Jahrzehntealte Begebenheiten schienen sich gerade erst ereignet zu haben, während seine heutigen Alltagserlebnisse in unendlich weite Ferne rückten. Er dachte an Thea, seine geliebte Frau. Damals, im Sommer 1921. Sie waren jung, verrückt und bis über beide Ohren verliebt. Der erste Kuss, vor vielen Wochen, aber sein Geschmack durchfuhr ihn immer noch, wenn er nichts zu tun hatte als - so wie jetzt - dazuliegen und sich zu erinnern. Er roch das frisch gemähte Gras, hörte das leise Rauschen des Flusses und spürte wieder ihre Lippen auf seinem Mund. Weich wie Samt, mit dem Geschmack nach frischen Himbeeren. Er seufzte. Wieder wurde ihm schwindelig, wie damals im Sommer, vor 81 Jahren.
Thea war tot. Schon seit mehr als zwanzig Jahren. Er hatte es schon lange vergessen.

Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers

Der Kuss
von Malte Bremer, 78056 Villingen-Schwenningen (Deutschland)

Ein Kuss, vor vielen Wochen, aber sein Geschmack durchfuhr ihn immer noch, wenn er nichts zu tun hatte als dazuliegen und sich zu erinnern. Und tatsächlich hatte er nichts Anderes mahr zu tun als dazuliegen und sich zu erinnern, so dass - mit kleinen Verschnaufpausen - ihn immer wieder der Geschmack durchfuhr, was für einen neutralen Beobachter so ausgesehen hätte, als würde man ihn hartnäckig & erfolglos mit Stromstößen zurück ins Leben rufen wollen.

Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers

Langeweile
von Bluesy, 33775 Versmold (Deutschland)

Eine fremde Hand bricht in meinen Mund und prüft die Zähne. Es ist eine kräftige Hand, die nach Latex schmeckt. Vorsichtshalber schließe ich die Augen, als die Spritzen mich piercen. Mit meiner Wange darf man jetzt tun, was man will – so als gehörte sie mir nicht mehr. Die Beine werden kalt und meine Hände beginnen zu zittern. Das sei der Kreislauf, sagt man. Die Hände sind wie im Gebet verkrampft und ich will sie lockern - aber jetzt fallen sie herunter.

Instrumente schlagen gegen meine Zähne und ich höre das Arbeiten, aber ich spüre es nicht. Es sägt, ächzt, kratzt, zerrt und saugt in meinem Mund, dass mir ganz Angst wird. Ich schaue nach, öffne die Augen und sehe zwei vermummte Gestalten, die mir in den Mund starren. Wie gut, dass es keine Hämorrhoiden sind, die mich quälen. Die Beine habe ich jetzt übereinander geschlagen. Ich habe nichts zu tun, als still dazuliegen und den Mund zu öffnen. Mir fallen Küsse ein, die ich bekam, als ich jung war. Meine Hände stecken jetzt in den Hosentaschen, aber das gefällt mir nicht. Hände in den Hosentaschen passen zum Stehen, aber nicht zum Liegen. Ich würde gern ein Lied pfeifen.

Wie man wohl mit betäubten Lippen küsst? Ich öffne meine Augen und sehe die fremden über der Maske ganz dich vor mir. Sie sind hübsch. Plötzlich schnellen meine Hände aus den Taschen und greifen den schlanken Nacken über mir. Sie pressen die überraschten Augen herunter und ich sauge neugierig die Maske ein. Der Geschmack durchfährt meine adstringierten Geschmacksknospen nicht sofort. Aber dann - doch: Es gibt eine Erinnerung.

Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers

Mehr Beiträge: Zurück 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 Weiter
Zur Übersichtsseite des Satzfischers - Zu den Beiträgen der Runde 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10

Hinweis: Für die Rechtschreibung und Zeichensetzung sind die Autoren selbst verantwortlich. Die Urheberrechte liegen beim jeweiligen Autor.