| Hier lesen Sie die besten Beiträge der zweiten Runde (Jan '02 - Feb '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Stefan Zweig eingefallen sind. Der Satz stammt aus der Erzählung »Brennendes Geheimnis«. Fischer Taschenbuch 9311. ISBN 3-596-29311-1. 6,90 EUR: |  | Schon war alles in furchtbarster Aufregung und voll gefährlicher Vermutungen, als ein Herr die Nachricht brachte, er habe das Kind gegen drei Uhr am Bahnschalter gesehen. Erträgliche Einsamkeiten von S.F. Vaclav, A-1030 Wien (Österreich) Schon war alles in furchtbarster Aufregung und voll gefährlicher Vermutungen, als ein Herr die Nachricht brachte, er habe das Kind gegen drei Uhr am Bahnschalter gesehen. Die Bahnangestellte Marion Kühmerling, die kompetent und freundlich die Fahrkarten verwaltete, konnte diese Mitteilung bestätigen: Ja, sie hatte das kleine Mädchen gesehen, und zuerst hatte sie sich gewundert, dass die Kleine allein unterwegs war. Aber dann merkte sie: Sie war nicht ganz eindeutig allein gewesen; ein unsichtbarer Begleiter - nur von dem Kinde wahr genommen - gab, so schien es, gute Ratschläge. Marion Kühmerling hatte gelächelt in Erinnerung an ihre eigenen Fantasien. Ihr unsichtbarer Freund im Kindesalter war ein kleiner Foxterrier gewesen, "Xumsi" mit Namen, und jedermann, der von der Geschichte erfahren hatte, war weniger über den unsichtbaren Hund als über den Namen erstaunt gewesen. Sie hatte nie erzählen wollen, wie "Xumsi" zu seinem Namen gekommen war, und irgendwann war er ja auch in den Wald gelaufen und nie wieder zurück gekehrt. Das hatte sie aber nicht betrübt, denn Rudolf, ein unsichtbarer Holzfäller, war an Xumsis Stelle getreten, und nun war sie schon ein wenig vorsichtiger mit den Erzählungen über ihre Erlebnisse geworden. Rudolf hatte sie sehr lange begleitet und auch getröstet, wenn sie wieder einmal fassungslos über männliche Realitäten in Traurigkeit versunken war. Nein, sie verstand sehr gut, dass unsichtbare Begleiter ihre hilfreiche Tätigkeit bei einsamen Kindern ausübten, und einsame Kinder mit diesen Begleitern manchmal in eine Welt hinaus spazierten, die ungeleitet für sie zu gefährlich wäre. Deshalb hatte sie dem Kind auch die Fahrkarte ausgehändigt, nach Unterpremstätten, zur Großmutter, und die Kleine hatte den vollen Fahrpreis bezahlt. Mit kleinen Münzen zwar, aber haargenau. Alles stand Kopf: Wie konnte es nur geschehen, dass eine verantwortungsbewusste Schalterkraft einem unbegleiteten Kind eine Fahrkarte aushändigte? Eine Frau in den besten Jahren, kein junges Ding, das keine Ahnung hatte vom Leben! Marion Kühmerling verstand. Plötzlich erschien ihr die Tragweite ihres Handelns überdimensional, schier unerträglich, und sie brach in Schluchzen aus. Natürlich, ein Kind, allein - wie hatte sie sich nur hinreißen lassen können von den Erinnerungen, die nur für sie Geltung hatten? Nein, niemand würde dieses Argument verstehen. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Die Sachertorte von Nicole Ziolkowski, 28309 Bremen (Deutschand) Svenja, sieben Jahre alt, lauschte dem abendlichen Gespräch ihrer Eltern. Sie hörte ihren Vater fragen, was sich die Mama von ihm zum Geburtstag wünsche, als Antwort vernahm sie "Eine original Sachertorte, nicht die vom Bäcker Meyer an der Ecke, nein, es sollte am Besten eine aus dem Cafe Renz in Wien sein". Svenja hörte wie ihr Vater seufzte und sagte: "Wie soll ich das anstellen? Wien ist nicht gerade einen Katzensprung entfernt. Das Vorhaben streich lieber von der Wunschliste, Schatz!" Mama Lore schüttelte heftig den Kopf. "Ach bitte!" Svenja grübelte. Wie sollte sie das anstellen, wenn der Papa das schon nicht schaffen sollte? Sie war fest entschlossen, sie wollte der Mama diesen Wunsch erfüllen. Nur wie? Mit dem Fahrrad wäre das eindeutig zu weit, autofahren ist mit sieben Jahren leider noch verboten, aber Zugfahren, das war es! Kurzerhand schlachtete sie ihr Sparschwein – 177,00 Euro – Wau! – das reichte ja um der Mama zehn Sachertorten zu kaufen. Schnurstracks beeilte sich Svenja um zum Bahnhof zukommen, schließlich war der Geburtstag schon am nächsten Tag. Der Zug nahte, Svenja stieg ein mit voller Freude, wie die Mama über ihr Geschenk staunen würde. Am gleichen Abend herrschte helle Aufregung "Svenja ist verschwunden!" schnäuzte Mama Lore in ihr Taschentuch, als das halbe Dorf sich vor dem kleinen Häuschen versammelte. Stunden um Stunden vergingen, alle waren in furchtbarster Aufregung und voll gefährlicher Vermutungen, als sich endlich etwas tat. Ein Herr brachte die Nachricht, er habe das Kind gegen drei Uhr am Bahnschalter in Wien gesehen. Mama Lore war fassungslos, wie konnte er so ein kleines Mädchen allein durch Wien laufen lassen? Wenig später klingelte es an der Haustür – Svenja stand mit einem Karton auf dem Arm vor der Tür und blickte neugierig von einer Seite zur anderen. "Mami, alles gute zum Geburtstag, aber was ist passiert? Warum stehen hier so viele Polizeiautos?" Mama Lore nahm die kleine Svenja in den Arm und drückte sie ganz fest. "Der ganze Rummel ist, weil du uns ohne was zu sagen abgehauen bist." Svenja schaute auf den großen Karton, der nun zu ihren Füssen stand und meinte vorlaut "Ich wollte dir doch ne große Freude machen, Mama!" "Das ist dir ja auch gelungen" sagten Mama und Papa "aber das nächste Mal fragst du, bevor du solch eine Reise allein unternimmst." Die Sachertorte schmeckte letztendlich allen, diesen Geburtstag würde Mama Lore bestimmt nie vergessen. Ende gut – alles gut. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Gejagt. von Kerstin Fuhlrott, 06254 Horburg-Maßlau (Deutschand) Schon war alles in furchtbarster Aufregung und voll gefährlicher Vermutungen, als ein Herr die Nachricht brachte, er habe das Kind gegen drei Uhr am Bahnschalter gesehen. "Als ich eine Fahrkarte löste, sah ich den Kleinen", berichtete der Mann atemlos. "Die Beschreibung hat genau auf den Jungen gepaßt. Aber er war in der Menschenmenge schnell verschwunden. Sonst hätte ich ihn verfolgt."
Inquisitor Kliensam lehnte sich zurück. Er ließ den Blick in der Runde der anderen sechs Ordensbrüder schweifen. Sie sahen ihn alle erwartungsvoll an. "Nun, damit ist ein Verbrechen wohl auszuschließen." Seine dunkle, ruhige Stimme hätte jedem Sänger zur Ehre gereicht. "Wir haben es also wieder mit einem Ausreißer zu tun." Kurz blickte er auf seine Hände in seinem Schoß. Blau traten die Adern hervor, so heftig waren die Finger ineinander verschränkt. "Serebt, stellen Sie fest, ob der Schalterbeamte sich an den Vorgang erinnern kann, was ich nicht annehme. Ich will wissen, welchen Zug das Kind genommen haben könnte. Nehmen Sie Bruder Ralm mit, zur Unterstützung. Und beeilen Sie sich. Wir müssen das Kind finden, bevor es zu den anderen stoßen kann." Der Angesprochene stand auf, nickte kurz in die Runde und verließ den Raum. Alle Augen folgten ihm. Und nicht nur die sichtbaren.
Sobald der Mönch das Zimmer verlassen hatte, war ein ein kehliges Lachen zu hören. "So lange folgt Ihr nun den Kindern, Mikrut Kliensam. Und immer noch habt ihr es nicht aufgegeben, ihnen zu folgen. Sie sind keine Ausreißer, sie hören meinen Ruf. Und ihr wißt, was das bedeutet. " Wieder ließ sich das Lachen hören. Der Umriss einer alten Frau wurde langsam an der Tür sichtbar. "Ihr habt ihn selbst vernommen. Damals. Vor langer Zeit." Der Inquisitor sprang erschrocken auf. In äußerster Angst versuchte er, zu widersprechen. "Das ist nicht wahr! Ihr..." "Schweig! Mich kannst Du nicht belügen. Ich kenne das Innerste Deiner Seele. Du bist Magier, genau wie diese Kinder auch. Du gehörst zu uns. Du, Bruder, weißt, wovon ich spreche. Aber du hast Dich Deiner Bestimmung bislang entzogen. Aber jetzt wirst du ihr nicht mehr entkommen können. Auf bald, Mikrut." Die Erzmagierin richtete ihren Zauberstab auf den Inquisitor. Dann verschwand ihr Bild.
Erschrocken sah Mikrut seine Ordensbrüder zurückweichen. Sie fürchteten sich mit einem Mal vor ihm, und vor dem Druidenstern, der um ihn auf dem Boden gezeichnet war. Ihm würde Mikrut nicht mehr lebend entkommen können, es sei denn durch Magie. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Abfahrt 16:33 von Annette Bruland, 50674 Köln (Deutschland) Hast du seine Augen gesehen? Der Mann am Schalter blickt auffordernd zu seiner Kollegin, die nicht von ihren Fahrplänen aufschaut. Was will dieser Junge allein in Berlin? Der ist doch höchstens sechs Jahre alt! Der Zug fährt erst um 16:33 ab und ist nach 22 Uhr am Bahnhof Zoo. Viel zu gefährlich. Und sein Blick, so wild entschlossen! Was sind das nur für Eltern? Der Mann wendet sich dem nächsten Kunden zu, der soeben an die Theke getreten ist.
Komm Paul, wir müssen los. Paul? Bitte versteck dich jetzt nicht! Anna dreht sich einmal um die eigene Achse, sucht dann hinter Fahrkartenautomaten und Zeitungsständern. Paul! Die Zeitschrift, in der sie gerade noch geblättert hat, gleitet zu Boden. Die Augen aufgerissen reckt sie den Kopf in alle Richtungen. Hat denn niemand einen kleinen blonden Jungen mit einer grasgrünen Mütze gesehen? Anna läuft auf und ab, redet auf die Passanten ein. In dem Strom der Reisenden bilden sich kleine Strudel. Es muss ihn doch jemand bemerkt haben! Ich hab doch nur einen Moment nicht aufgepasst! Sie zittert am ganzen Körper. Lieber Gott, nicht auch noch Paul verlieren! Die meisten Angesprochenen weichen zurück, einige bleiben weiter entfernt stehen. Nur ein älterer Herr kommt auf sie zu. Ich glaube, ihr Kind war gerade eben am Auskunftsschalter. Er zeigt die Richtung, aber Anna stürzt schon davon. Paul! Paaaul!
Lautsprecherdurchsagen, kreischende Bremsen, in der Ferne Rufe. Immer nur Hektik und Lärm! Manfred lässt sich auf eine freie Bank nieder. So eine lange Fahrt und ganz umsonst. Ich hätte nicht herkommen oder wenigstens vorher anrufen sollen. Kein Wunder, dass ich sie nicht angetroffen habe. Aber hätte das noch was geändert? Ich hab es einfach verpatzt. Wieder allein. Ohne Ballast - wie seine Berliner Kumpel das nennen. Manfred streicht langsam eine Haarsträhne aus der Stirn. Ein Zug fährt ein, die Aussteigenden ziehen vorüber. Er schaut einem Paar hinterher, das ein ausgelassen hüpfendes Mädchen in seine Mitte genommen hat. Die Eltern lachen sich an. Manfred stöhnt leise auf. Erst kurz nach drei! Diese elende Warterei. Auf die Ellebogen gestützt birgt er sein Gesicht in den Händen.
Das Mädchen reißt sich kurz vor der Bahnsteigtreppe von den Eltern los und tanzt einmal um einen Jungen herum, der ihr kaum Beachtung schenkt. Er beobachtet gebannt das stetige Fortschreiten des Zeigers an der großen Uhr über ihm. Aus der Anoraktasche lugt ein grüner Mützenzipfel. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Wo ist Tobias? von Wolfgang Sternbeck, 55237 Flonheim (Deutschand) Tobias, Tobias, wo bist du? Komm, unser Zug wird gleich losfahren! Gundula Stein sah sich suchend auf dem Bahnsteig um, doch von ihrem Sohn war weit und breit nichts zu sehen. Tobias! Das ist jetzt kein Spiel, komm sofort her! Gundula Stein bekämpfte die aufsteigende Panik. Mühsam wahrte sie die Fassung, als sie langsam, dann immer schneller am Bahnsteig entlangging und nach einem kleinen Jungen im roten Anorak und blauen Jeans Ausschau hielt. Nichts. Sie wandte sich um. Ihr Blick fiel dabei auf das Gleis und sie erstarrte vor Entsetzen. Ohne dass sie es verhindern konnte, entrang sich ihrer Kehle ein Schrei. Sekunden später war sie von aufgeregten, wild durcheinander redenden Menschen umringt, die wissen wollten, was denn geschehen sei. Die Frau deutete, am ganzen Körper zitternd, auf eine Stelle im Gleisbett. Dort
dort
ist seine Mütze! Mein Gott. Tobias! Den Namen ihres Kindes schrie sie jetzt in wilder Verzweiflung heraus. Sie machte Anstalten, auf das Gleis hinabzuklettern, doch ein älterer Mann griff beherzt zu und hielt sie zurück. Sie können da jetzt nicht runter! sagte er eindringlich. Die Bahn kann jeden Moment kommen. Seien Sie vernünftig. Und als ahnte er, was Gundula Stein entgegnen wollte, fügte er beruhigend hinzu: Da ist kein Kind, das können Sie selbst sehen. Die Mütze hat ihm sicher der Wind vom Kopf geweht, als er weggelaufen ist. Er wandte sich an die Umstehenden und forderte sie auf: Los Leute, helft suchen. Sicher ist der Junge noch in der Nähe. Schon war alles in furchtbarster Aufregung und voll gefährlicher Vermutungen, als ein Herr die Nachricht brachte, er habe das Kind gegen drei Uhr am Bahnschalter gesehen. An welchen Schalter? fragte Gundula mit vibrierender Stimme. Bitte, an welchen Schalter war es? Nummer zwei, aber das war schon vor einigen Minuten. Danke, vielen Dank! Gundula Stein rannte zum entsprechenden Schalter, sah sich suchend um und wollte schon weiterlaufen, da sah sie ihn traumverloren vor einem bunten Poster, das einen Heißluftballon über einer Waldlandschaft zeigte. Tobias! Grenzenlos erleichtert schloss sie ihren Jungen in die Arme. Warum bist du weggelaufen? Ich habe mir solche Sorgen um dich gemacht! Tobias sah seine Mutter fragend an, ohne auf ihre Worte einzugehen. Warum können wir nicht damit fahren, Mama? Das wäre viel schöner als mit diesem langweiligen Zug. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Hinweis: Für die Rechtschreibung und Zeichensetzung sind die Autoren selbst verantwortlich. Die Urheberrechte liegen beim jeweiligen Autor. |