| Hier lesen Sie die besten Beiträge der ersten Runde (Nov '01 - Jan '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Gao Xingjian eingefallen sind. Der Satz stammt aus der Erzählung »Fünfundzwanzig Jahre«. Sie findet sich im Fischer Taschenbuch 15183 mit dem Titel »Auf dem Meer«. Aus dem Chinesischen von Natascha Vittinghoff. ISBN 3-596-15183-X. 8,90 EUR: |  | »Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich einmal wiedersehen würde« atmete er auf und setzte sich. Drei Linden von Karl-Heinz Ganser, 52152 Simmerath „Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich einmal wiedersehen würde“, atmete er auf und setzte sich. „Fühlst du dich jetzt besser?“ fragte die junge Ärztin. Sie strich dem Mann über die blonden Haare. „Doktor Bertram wird dich gleich gründlich untersuchen, und dann sehen wir weiter.“ Der Mann sah sie an und versuchte, zu lächeln. „Bettina, kannst du mich denn nicht untersuchen?“ „Nein, nein, mein lieber Ralf!“ lachte Bettina. „Ich bin Internistin. Erst muss der Kollege von der Unfallstation sich das ansehen.“ „Aber wenn mein Herz etwas abbekommen hat, dann...“ „Ja, dann bin ich zuständig“, stimmte sie ihm zu und setzte sich neben ihn. „Aber wenn einer mit seinem roten Flitzer drei kleine Lindenbäumchen am Straßenrand einfach abrasiert und hinterher nur Prellungen verspürt, dann ist mit dem Herzen nichts, es sei denn...“ „Er hat in diesem Augenblick an seine frühere Freundin gedacht“, vollendete er mit ernster Miene den Satz. „Bettina!“ Ralf griff nach ihrer Hand und sah ihr fest in die hellblauen Augen. „Ich muss dir was sagen. Als ich vorhin so durch die Allee fuhr und die jungen Bäume sah, da tauchten plötzlich die drei Linden auf dem Klemensstock wieder vor mir auf.“ Sie schmunzelte. „Ach, Bettina!“ seufzte er. „Wie viele schöne Stunden haben wir dort verbracht. Weißt du noch?“ „Ja, und ich weiß auch noch, dass ein junger Mann am Abend, bevor er für fünf Jahre nach England ging, ewige Liebe geschworen hat.“ Bettina stand auf und ging zum Fenster. Als Ralf versuchte, aufzustehen, spürte er starke Schmerzen. „Du hast ja recht, Bettina. Ich bin ein Trottel, dass ich mich in den letzten Jahren nicht mehr bei dir gemeldet habe. Aber ich hatte so viel zu tun“, klagte er. Bettina drehte sich um, sah ihn aber nicht an. „Es ist schon seltsam, auf welche Weise wir uns wiedergesehen haben“, murmelte sie vor sich hin. „Da will ich nach einem gestressten Arbeitstag endlich nach Hause fahren, und was sehe ich plötzlich?“ „Im Straßengraben liegt jemand, der zu spät gebremst hat“, nuschelte er niedergeschlagen. „Und jetzt ist es auch für uns zu spät“, flüsterte sie leise und Ralf sah, dass sie Tränen in den Augen hatte. In diesem Augenblick hörte er den Doktor rufen: „Bitte kommen Sie herein!“ Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers eine zweite Chance von Gabriele Martin, 27749 Delmenhorst „Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich einmal wiedersehen würde“, atmete Jürgen auf und setzte sich. „Gut siehst du aus“ sagte Bernd. Jürgen lächelte entwaffnend. Wie hatte Bernd dieses Lächeln an ihm geliebt. „Arbeitest du noch im Krankenhaus,“ fragte Bernd. Eigentlich wollte er viel mehr wissen, ob Jürgen wieder einen Freund hatte. „Ja, ich bin inzwischen Oberarzt. Ziemlich stressig allerdings, oft Nachtdienst, Bereitschaft und so, aber es ist auch schön, mehr Verantwortung zu tragen.“ „Bist du immer noch in Bremen?“ „Ja, aber sag’, was machst du so? Hast du noch deine Praxis?“ fragte Jürgen. „Ja, eigentlich ist alles beim alten geblieben.“ „Und Susanne?“ Bernd versetzte es einen Stich. „Ich bin noch mit ihr zusammen. Aber seit der Zeit mit dir ist es nicht mehr wie es war. Ich bin halt mehr homo als hetero. Unsere Ehe ist eigentlich nur noch ein Arrangement.“ „Das kann ich mir vorstellen,“ antwortete Jürgen und sah Bernd verständnisvoll an. „Ich bin froh, dass die Sache mit Claudia ausgestanden ist. Tat zwar ganz schön weh, aber es ist schon Klasse, sich nicht mehr verstecken zu müssen.“ Bernd erschrak - Jürgen hatte also Männerbekanntschaften. Plötzlich ergriff Jürgen Bernds Hand und sah ihn ernst an: „Bernd, ich möchte nach Ost-Timor gehen, um dort ärztlichen Notdienst zu machen. Ich würde gern wieder mit dir zusammen sein und hatte gehofft, dass sich deine Situation inzwischen geändert hat und du vielleicht mitkommen würdest.“ Bernd war sprachlos. „Ich kann dich nicht vergessen. Es hat einige Männer in meinem Leben gegeben, aber die sind nicht wie du,“ gestand Jürgen. „Ich würde gern, aber ich kann nicht. Was wird aus meiner Praxis, Susanne, Freunden?. Und wenn ich wieder komme - was dann. Und was soll ich in Ost-Timor machen?“ stammelte Bernd und wusste im gleichen Moment, dass er alles, was er nun gesagt hatte, damals schon zwischen Jürgens und sein Glück geschoben hatte. „Wir sind zusammen, wenn wir zurück kommen. Überleg’s dir, du brauchst heute nichts zu entscheiden. Es wäre schön, wenn wir wieder so glücklich werden könnten wie damals. Wir könnten Seite an Seite den Menschen dort helfen:“ sagte Jürgen und drückte Bernds Hand, „ich stelle mir das wunderschön vor mit dir.“ Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Ein Fetzen Vergangenheit von Arthur Schenk, 86916 Kaufering Jacks Blick löste sich zäh vom Glas, um die Hand zu betrachten, die sich auf seinen Arm gelegt hatte ... eine Frauenhand. Der Blick wanderte weiter zum Gesicht ... ganz langsam setzte die Erinnerung ein. "Liz ...?!" Liz lächelte wie ... damals. "Ich ... ich dachte nicht, das ich dich treffen würde ...", Jack wurde sich plötzlich bewußt, das er betrunken war, "... nicht hier." "Schon lange zurück?" Jack, noch gefangen von ihrem Lächeln und der aufkeimenden Erinnerung, räusperte sich. Er spürte den leichten Druck ihrer Hand. "Seit gestern." Seine Hände klammerten sich unwillkürlich um das Glas. Als nächstes die Frage, warum er einfach verschwunden war - diese und andere Fragen. "Du ... arbeitest noch hier?" Ein matter Versuch, es hinauszuzögern. Er, über Nacht verschwunden aus ihrem Leben. War ihm nichts anderes übrig geblieben, als abzuhauen. "Was soll ich machen ...", antwortete sie, während die andere Hand über die Theke wischte und sich ihr Blick irgendwo im Flaschenregal verlor. "Ich muß für Mom sorgen." Jack starrte in das Glas. "Wie geht es ihr?" "Gar nicht gut, seit Dad damals ...", sie stockte, ihre Stimme wurde fast zu einem Flüstern, "...aber das kannst du ja nicht wissen." Jack kippte hastig den letzten Schluck Whisky hinunter. Die Erinnerung: Nacht, eine Seitenstraße ... zuerst zwei Männer ... dann Schatten, die aus der Nacht auftauchten ... und jetzt diese Ahnung! "Henry ... was ist passiert?" Henry, der Kumpel, wie er sich den eigenen Vater gewünscht hätte ... wie stolz er immer auf seine Tochter Liza gewesen war, hübsch und angehimmelt von allen Männern hier ... die nur Augen für ihn, Jack, gehabt hatte, dem zukünftige Schwiegersohn in Henry`s Augen ... auch wenn dieser meist ohne Arbeit, ohne Geld herumhing ... "Sie wollten die Löhne kürzen und die Hälfte der Leute entlassen. Er und ein Kollege kamen von der Streikversammlung ... die beiden wurden in einer dunklen Gasse zusammengeschlagen ... Dad starb eine Woche später." Jack betrachtete das Glas und kam sich plötzlich genauso leer vor - wie hatte er Liz geliebt, damals ... Verdammt, wer hätte so etwas ahnen können. Leicht verdientes Geld, nur ein paar Streikenden einen Schrecken einjagen ... tragischer Irrtum ... die Angst und seine Flucht. "Das ... das tut mir leid." Stammelte Jack. "Schrecklich ..." Nun würde ihn also auch noch die Gewissheit verfolgen, in jedem Whisky schwimmen wie eine tote Fliege, Schluck für Schluck! Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Herde der Unreinheit von Philipp Schaffner, 5604 Hendschiken Die Betrachtung dieses Spülbeckens – so wie es im dreckigen Dämmerlicht vor sich hinstinkt – macht...
einige hunderttausend Kleinstlebewesen glücklich, die schliesslich auch irgendwo leben müssen und denen...
macht mich stinkwütend. Schon wieder nicht abgewaschen. Und das seit mehreren hundert Jahren. Napoleon selbst konnte jene Berge an Teller und Gläser schon betrachten, aber...
man sollte nicht einmal wagen, daran zu denken, was in heutigen Zeiten aus miserabel gepflegten Spülbecken entsteigen kann. Nun, entsteigen nicht gerade, vielleicht eher entkriechen? Denn: Spülmittel und Gentechfoodüberreste vertragen sich bekanntlich nicht gut und...
zurück in die Realität: ab zum Abwaschen. Es bleibt mir nichts anderes übrig. Es muss getan werden, was getan werden muss, doch...
eine klebrige, blutverschmierte, verfaulte Hand greift aus dem Abfluss nach mir und versucht mich hinunterzuziehen in die Abgründe dieser Welt. Aber ich erkenne meinen Feind. Es ist Napoleon, der sich zeit seines Lebens nicht erholen konnte vom Schock, den er erlitten hatte, als er während seines Vorbeirittes nach Russland meine ungewaschenen Tellerberge betrachten musste... Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Kerzenlicht von Philipp Zimmermann, CH-5400 Baden „Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich einmal wiedersehen würde“, atmete er auf und setzte sich. Daniel war unrasiert und seine fetten Haare hingen ihm ins Gesicht. Sarah, die ihm in seinem Wohnzimmer gegenüber sass, verzog den Mund zu einem gequälten Lächeln, für einen Moment hielt ihr Blick seinen fragenden und müden Augen nicht stand. Sie rieb sich den Nacken. Noch vor wenigen Minuten war sie langsam, Schritt für Schritt die Treppe in den dritten Stock hochgestiegen. Als das Licht ausgegangen war, hatte sie sich am Geländer hochgetastet. Vor dem Klingeln hatte sie tief durchgeatmet, ihre Hände waren klebrig vom Schweiss gewesen. „Ich hab gesehen, dass du zu Hause bist. Es brannte ein wenig Licht“, sagte sie und faltete ihre Finger ineinander. „Ja“, nickte er und liess sich in die Rückenlehne fallen. Ich zünde immer noch gern Kerzen an.“ Zwischen ihnen stand auf einem niedrigen Tischchen ein Kerzenständer mit drei weissen Kerzen, deren Wachs sich schon beinahe ganz in Luft aufgelöst hatte. Beide schauten sie ins fahl Kerzenlicht. Dann stand Daniel auf und pustete die Lichter aus. Feine Rauchschwaden stiegen vom Docht auf und hinterliessen einen strengen Geruch. „Dann brachte Daniel frische Kerzen, zündete sie an und warf die alten weg. In diesem Moment drückte Tina auf den roten Knopf der Fernbedienung. Sie und Martin, der neben ihr auf dem Sofa sass, schauten auf den schweigenden Bildschirm. Auf dem Wohnzimmertisch lagen eine Zeitung und das aufgeschlagene Fernsehprogramm. In den Glastüren ihrer Vitrine, worin sich schon feiner Staub um die Standflächen der Rotweingläser gelegt hatte, spiegelte sich das dumpfe Licht der Stehlampe aus der Ecke. Tina schüttelte Michaels Hand von ihrem Rücken, stand auf und durchbrach die Stille: „Immer dieser Kitsch. Das ist doch nicht zum Aushalten.“ Michael hörte, wie die Badzimmertür hart ins Schloss fiel. Er stand auf und zog den Vorhang zu. Dann steckte er eine frische rote Kerze in den Ständer, stellte ihn auf vor sich auf den Tisch und zündete sie an. Er lehnte sich zurück und starrte in das kleine, ruhige Licht. Sein Kopf sank in seine aufgestützten Arme. Er nahm gar nicht wahr, dass Tina das Bad verliess und wortlos ins Schlafzimmer ging. Er sass nur da, schaute wie benommen ins Kerzenlicht und rieb sich die langsam die Schläfen. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Hinweis: Für die Rechtschreibung und Zeichensetzung sind die Autoren selbst verantwortlich. Die Urheberrechte liegen beim jeweiligen Autor. |