| Hier lesen Sie die besten Beiträge der vierten Runde (März '02 - April '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von J. M. Coetzee eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Warten auf die Barbaren«. Aus dem Englischen von Reinhild Böhnke. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-010814-0. 19,90 EUR: |  | Neben dem Tor kann ich, wenn ich die Augen anstrenge, den dunklen Umriss eines Menschen erkennen, der dort an die Wand gelehnt sitzt oder sich schlafend zusammengerollt hat. Erinnerung an einen Schwachsinnigen von Arthur Schenk, 86916 Kaufering (Deutschand) Wir Kinder bedauerten es, wenn die langen Schatten des herannahenden Abends in die engen Gassen krochen und die Sonne hinter dem Horizont versank. Denn dann begannen wir uns vor der Ruine der alten Festung, die oben auf dem Rand der Klippen stand und zu einem dunklen, drohenden Ungeheuer wurde, zu fürchten. Anderseits fühlten wir uns doch magisch angezogen von diesem geheimnisumwitterten, zerfallenen Gemäuer wenn wir uns zu fünft oder zu sechst in seine Nähe wagten. Und oft sahen wir dort im Licht der letzten Sonnenstrahlen am Torbogen, der wundersamer weise erhalten geblieben war, die dunklen Umrisse eines Menschen, der an die Mauer gelehnt saß und auf das Meer hinaus zu blicken schien ? oder einfach schlief: den schwachsinnige Guiseppe. Aber in unseren Augen erschien er nicht wie ein Schwachsinniger. Nein, vielmehr wie einer, der in unserer Vorstellung die Sprache der Meeresgötter verstand und sich vor den Geistern in der Ruine nicht fürchtete. Wir stellten uns vor, das er von dort oben wahrhaftig die Schiffe sehen konnte, die vor langer Zeit einmal in die Bucht gesegelt sein mochten, um ein letztes Mal Proviant zu übernehmen für die lange Reise über das Meer, oder Waren für die Kaufleute hier anlandeten. Vielleicht ? so raunten wir uns Jungen, die langsam dem Jünglingsalter entwuchsen, untereinander zu ? vermochte er sogar nackte Seejungfrauen zu sehen, die sich auf einer der vorgelagerten Klippen rekelten. Ja, Guiseppe musste einer der wenigen sein, die noch jene Frauen sah, die in ihren langen Gewändern zwischen den Säulen der Festung wandelten, oder die Männer, die an der langen Tafel bis in den Morgen hinein zechten. Das erfüllte uns mit solcher Bewunderung, das wir Guiseppe des Tages ungehindert passieren ließen, während ihn manch einer der Erwachsenen mitleidig belächelte oder sogar mit derben Worten verspottete. Wie gern wären wir doch bereit gewesen, seine Geheimnisse zu teilen! Doch er, versteckt hinter einem entrücktem Lächeln und seinem undeutlichem Gemurmel, war dazu wohl nicht bereit. Vielleicht stammte er ? ein fluchbeladener Magier, schon vor Jahrhunderten geboren - ja auch nicht aus unserer Zeit, sondern war einer, der über die Elemente gebot, indem er die Arme ausstreckte und geheimnisvolle Zeichen in die Luft malte. Ein Magier, der sich auch durch Geschenke aus unseren Händen - wie Bonbons, die er zwar gern nahm - nicht dazu verleiten ließ, altes Zauberwissen preiszugeben. Oder verstanden wir ihn nur nicht? Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Das Tor des Friedens von Marco A. Schulze, 50937 Köln (Deutschand) Ich erkannte, das der Mann neben dem Tor schlief. Er trug einen Speer in seiner linken Hand. Unheimlich, diese plötzliche Stille, aber ich wusste, worauf ich mich eingelassen hatte. Doch hinter diesem Tor war alles vorbei! Dann hatte ich meine Mission erfüllt. Dann waren alle Kämpfe, alles blutvergießen, alle Qualen und Wunden nur noch Vergangenheit! Nur noch durch dieses Tor! Ich löste mich aus meiner angespannten Haltung und blickte wieder zu der Wache, die neben dem Tor stand... stand? Mein Atem wurde schneller und ich merkte, dass sich zwischen meiner Hand und dem Dolch den ich hielt, Schweiß gebildet hatte – Angstschweiß! Ich nahm wieder meine angespannte Haltung ein. Nun kam der Mann auf mich zu. Doch etwas war plötzlich anders an ihm. Ja, er hatte seine Waffe nicht mitgenommen. Gezielt lief er auf mich zu und streckte mir seine Hand entgegen. "Hallo." sagte er und lächelte mich an. Ich erschreckte mich so vor der unpassend freundlichen Begrüßung des Mannes, dass ich meinen Dolch hob und diesen mitten in das Herz des Wärters stieß. Für einen Krieger wie mich war es kein Problem innerhalb von Sekunden genau die Stelle auszumachen, wo sich das Herz befand. Ich war eben zum töten ausgebildet worden. Der Mann schrie laut auf und taumelte einige Schritte zurück. Dann viel er auf den Rücken und blieb regungslos liegen. War er etwa tot? Von einem stich in die Schulter? Vorsichtig bewegte ich mich auf das Tor zu und lies dabei den scheinbar toten Mann nicht aus den Augen. Dann hatte ich es geschafft – und es war sogar einfacher als ich gedacht hatte! Man hatte mir von einem "schweren und kaum schaffbaren Kampf gegen ein fürchterliches Ungeheuer" erzählt, aber da hatte man sich wohl geirrt! Lächelnd ging ich auf das Tor zu. Ich fingerte nach dem goldenen Schlüssel, der sich in meiner Brusttasche befand und… und beobachtete, wie sich das passende Schloss zu einer ganz anderen Öffnung verformte. Nun war es unmöglich diese Tür mit dem Schlüssel zu öffnen, den ich hier in den Händen hielt! Verwundert drehte ich mich um und sah, das die Wache wollte, dass ich zu ihr kam. Ich bückte ich mich vor sie. "Du hast den Kampf gegen das Ungeheuer verloren, mein Freund." meinte er angestrengt und zog den Dolch aus seiner Schulter. "Vielleicht hättest du es ohne Gewalt versuchen sollen. Du kannst Feuer eben nicht mit Feuer bekämpfen..." meinte der Mann weiter und schloss zum letzten Mal in seinem Leben die Augen… Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers schulhof von triad, 14195 Berlin (Deutschand) Neben dem Tor kann ich, wenn ich die Augen anstrenge, den dunklen Umriss eines Menschen erkennen, der dort an die Wand gelehnt sitzt oder sich schlafend zusammengerollt hat. Die Morgensonne blendet. Als ich näher trete, ist es mein Alter. Ich geh‘ an ihm vorbei, schau‘ ihn aber nicht an. Dann denk‘ ich: Scheiße – warum siehst du ihn nicht an? Ist es wegen dem Schulhof, wegen der anderen? Die können mich mal. Aber er sieht mich sowieso nicht. Sitzt nur dort, murmelt vor sich hin und malt mit eine leeren Flasche Linien in den Sand. Ich kenn das. Manchmal ist er ganz allein mit sich. Dann sitzt er ruhig da, um ihn die Welt, aber ist völlig weg, ist zusammen mit dem Anderen, der da in seinem Kopf steckt und dem er alles erzählen kann mit der Stimme, die nur ihn versteht. Mein Alter ist ein Spinner, ein Säufer und – ich scheiß auf ihn. Wenn mich andere fragen, sag ich ihnen, er wär tot. In Jugoslawien abgekratzt, bei einer UN-Mission. Für mich is‘ er tot. Einige von ihnen wissen, dass mein Vater kein Militär war. Dass dieser Penner dort mein Vater ist. Haben es von ihren Eltern gehört oder von irgendwelchen Lehrern, die ihr Maul nicht halten können, denn das hier ist eine beschissene Kleinstadt, in der Gerüchte schneller sind als Licht. Aber ich hab‘ es nie zugegeben. Kein Kommentar. Natürlich warten sie drauf, wollen eine Position. Aber dann auch wieder nicht. Sie wären enttäuscht, dass mein Vater ein versoffener Penner ist, der morgens neben dem Schulgebäude an eine Mauer gelehnt mit ´ner Flasche in der Hand Muster auf den Boden kratzt. Sie mögen meine Geschichten. Sie brauchen sie hier. Dachte ich. Aber vielleicht reicht ihnen das jetzt nicht mehr. Ich merke, dass die Leute mich anstarren. Nicht offen, das trauen sie sich nicht. Sie starren unter geschlossenen Augenlidern hervor, ihre Blicke wandern über den Schulhof, fliegen zwischen mir und dem Mann, der mein Vater sein soll, kreuzen sich fragend und wartend. Sie brauchen ein Symbol, eine Geste. Ich drehe mich um, gehe auf den Mann zu, der dort an der Wand sitzt. Ich kann fühlen, wie sie den Atem anhalten. Er blickt zu mir hoch, versucht zu lächeln. Ich trete ihn mitten ins Gesicht und beobachte, wie er zur Seite sackt, sich mit der Hand ins Gesicht greift, nichts versteht. Ich schaue ihn ein paar Sekunden an, schlucke meine Tränen runter und drehe mich um. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Die Erscheinung von Jens Erdmann, 1731 Asse (Zellik) (Belgien) Angestrengten Auges kann ich ihn erkennen Dort neben dem Tor an die Wand gelehnt Den dunklen Umriss eines mir bekannten Menschen Der sich nach Ruhe vor seinen Artgenossen sehnt.
Hat zum Schlafen er sich zusammengerollt? Nein sitzend scheint er tiefgründig zu denken Ein Asket und Denker der der Allgemeinheit grollt Deren Geschicke er anders will lenken.
Sein Schnauzer ist dem eines Walrosses gleich Die Brauen drohend über scharfblitzendem Blick Eine Stirn hinter der die Gedanken reich Auf der Suche nach der Menschheit Lebensglück.
Über dem Kopf die Haare wild Der Scheitel wie eine zurückbrandende Welle Wollen verstärken das göttliche Bild Das in die Dunkelheit bringt Helle.
Sein altmodischer Mantel macht ihn fremd So wie wir Menschen für ihn immer waren Und der steife Stehkragen vom Hemd Eint sich mit der Feierlichkeit von vielen Jahren.
Übermenschlich ist mir die Erscheinung Will mich ihr nähern mit schnellen Schritten Doch vor des Ortes Erreichung Ist mir das Abbild zerstört und entglitten. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Der Mann vor dem Tor von tornatzky, 50354 Hürth (Deutschand) Sobald die Dämmerung beginnt, knipse ich die kleine Lampe auf der Fensterbank an und betrachte mein leuchtendes Spiegelbild in der Scheibe. Das ist nicht eitel, den draußen gibt es nichts zu sehen. Ich wohne niedrig und die Aussicht ist eine hohe Mauer mit einem ebenso hohen, stählernen Tor. Die Straße zwischen uns hat Kopfsteinpflaster und Löcher. Hier spielen keine Kinder.
Ich stelle mich dicht vor das Glas und stülpe meine Unterlippe um. Da klopft eine dicke Ader, ganz nah unter der Oberfläche. Ich zähle die Zuckungen, ich kenne den Rhythmus. Aber heute ist etwas falsch in meinem Mund, es liegt etwas darin, das ich nicht kenne, und ich klappe ihn zu und schaue durch mich hindurch nach draußen. Neben dem Tor kann ich, wenn ich die Augen anstrenge, den dunklen Umriss eines Menschen erkennen, der dort an die Wand gelehnt sitzt oder sich schlafend zusammengerollt hat. Ich beuge mich noch etwas vor und lege die flache Hand zwischen Fenster und Stirn, Daumen zwischen die Brauen, Kleiner ans kühle Glas. Der Schatten der Hand macht meine Augen unsichtbar und die Scheibe ganz durchsichtig. Es ist wahr. Da liegt einer, eingeschrumpft in seinen Mantel. Wieso? Da lag noch nie einer. Und wenn er da wartend liegt, dass das Tor sich öffnet, kann er lange liegen. Denn so bald geht das Tor nicht auf. (Ich weiß das, denn ich stehe oft hier und messe meinen Puls im Mund. Ich werde ruhiger davon.) Und wenn er auf jemanden wartet, dann vergebens, denn Menschen gehen nie durch dieses Tor. Wenn es sich zur Seite schiebt, langsam und dröhnend wie ein fürchterlicher Gong geschlagen von unsichtbaren Klöppeln, stehen dahinter große Fahrzeuge. Im tiefen Klang des Höllenlärms verlassen sie das Gelände und in der sich bald wieder verschmälernden Lücke zwischen Tor und Wand sieht man nichts als graue Erde. Ich habe nie Fahrzeuge hineinfahren sehen. Das Tor dient offensichtlich nur dem gelegentlichen Hinausfahren.
Jetzt hat er sich bewegt. Glaube ich. Das Licht wird immer schlechter, aber ich bin mir sicher, dass es ein Mann ist. Ich kann es zwar nicht begründen, aber es ist irgendetwas in der Art, wie er da liegt, gerollt, schräg, wie eine ungeschickt gepackte Reisetasche. Irgendetwas, das mir sagt: Das ist ein Mann. Ein Mann, der hierher gekommen ist, um vor diesem Tor zu sterben. Wenn du das Licht ausmachst, kannst du ihm dabei zusehen. Wenn du es anlässt, siehst du nichts. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Hinweis: Für die Rechtschreibung und Zeichensetzung sind die Autoren selbst verantwortlich. Die Urheberrechte liegen beim jeweiligen Autor. |