Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag
Hier lesen Sie die besten Beiträge der ersten Runde (Nov '01 - Jan '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Gao Xingjian eingefallen sind. Der Satz stammt aus der Erzählung »Fünfundzwanzig Jahre«. Sie findet sich im Fischer Taschenbuch 15183 mit dem Titel »Auf dem Meer«. Aus dem Chinesischen von Natascha Vittinghoff. ISBN 3-596-15183-X. 8,90 EUR: Cover: Auf dem Meer

»Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich einmal wiedersehen würde«
atmete er auf und setzte sich.

Leidenschaft
von Bluesy, 33775 Versmold

Wachtmeister Fritzen rannte die Treppe hoch. Das Haus war nicht groß, aber hübsch eingerichtet. Oben eine Empore, die den Blick hinunter in das Wohnzimmer erlaubte. Überall hingen Bilder an den Wänden, aber die interessierten ihn nicht. Er suchte nur das eine Bild. Unten war es nicht. Von der Empore gingen Zimmer ab. Er öffnete eines nach dem anderen.
Es hing im Schlafzimmer der Eltern, direkt über dem Bett. War das gut? Doch, ja, hier war es konkurrenzlos. Eine Ehre, wie er befriedigt feststellte. Genau über dem Bett. Die Besitzer mussten es sehr schätzen.
„Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich einmal wiedersehen würde!“ atmete er auf und setzte sich auf einen Hocker an der Wand. Er wollte keine Unordnung schaffen.
„Schön hast du es hier!“ Stolz betrachtete er den kühnen Schwung der Pinselstriche. Der lila Farbton war gut gelungen, fand er. Das Bild strahlte Würde aus. Doch, es passte gut in ein Schlafzimmer.
„Herr Wachtmeister?“
Fritzen zuckte zusammen. Die Frau stand in der Tür, und hinter ihr sein Partner Höck.
„Was machen Sie hier?“ Sie betrachtete ihn. „Sie waren das!“ stellte sie fest. „Sie haben uns das Bild vor ein paar Jahren verkauft. Sie sind der malende Polizeibeamte!“
„Ja!“ gab Fritzen zu. „Das war ich. Tut mir leid, wenn ich mich einfach hingesetzt habe. Ich war so überwältigt.“
„Die Frau mit der Taube!“ sagte die Frau. „Wir mögen es sehr!“
Höck drängte herein. „Wieder ein Bild von dir?“
„Es hängt schon lange hier. Es war das erst Bild, das wir gekauft haben. Mein Mann will es jetzt in den Flur hängen, weil es dort mehr zur Geltung kommt.“
„Oh, nein, nicht! Es hängt prima hier. Ich könnte mir keinen besseren Platz vorstellen!“
Die Frau lächelte verständnisvoll und führte die beiden Beamten aus dem Schlafzimmer. Fritzen warf noch einen Blick zurück.
„Nett, dass sie so schnell gekommen sind!“ sagte die Frau. „Darf ich ihnen einen Schnaps anbieten?“
„Vielen Dank!“ sagte Höck. „Dass ist nicht nötig. Die Einbrecher sind vielleicht noch in der Gegend. Hier ist niemand mehr. Sie sollten die Tür reparieren lassen. Die Formalitäten erledigen wir morgen. Prüfen Sie noch einmal, ob wirklich nichts gestohlen wurde!“
Mit sanfter Gewalt schob Höck seinen Kollegen aus dem Haus.
„Wieso treffen wir eigentlich immer auf deine Bilder?“ fragte Höck im Auto.
Ja, dachte Fritzen, das ist merkwürdig. Er musste seinen Bruder schützen. Vorsichtig ist er ja. Nur die Tür war beschädigt worden. Er würde sich einen anderen Partner suchen.

Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers

Lichtgestalten
von Susanne Knauf, 06114 Halle

"Ich hätte nicht gedacht,
Blutiger Schnee,
dass ich dich einmal
sie entschwand im Licht der Scheinwerfer.
wiedersehen würde",
Du bist hier,
atmete er auf
weiter entfernt als je zuvor
und setzte sich.
Manchmal kann man die Kälte sehen.
Eine Tränenspur wegwischend,
Gib mir meine Dunkelheit zurück!
lächelte er gequält.

Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers

Der traurige Roboter
von Ulrike Metke, 14163 Berlin

„Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich einmal wiedersehen würde.“, atmete er auf und setzte sich. Das heißt, er setzte sich nicht wirklich, denn dieser Roboter-Typ konnte sich nicht setzen. Auch atmen konnte er nicht. Aber er wusste, dass die Menschen in dieser Situation so gehandelt hätten. Und er wollte wie ein Mensch sein. Er wollte wie sein Herr sein, der ihm gegenüber stand und jetzt so tat, als ob nichts geschehen wäre. Dabei wusste dieser doch, dass er ohne Auftrag nicht glücklich sein konnte. Eine ganze Woche hatte er ihn allein gelassen; ohne Aufgabe. Anfänglich hatte sich der Roboter selbst Arbeit gesucht. Er kannte ja seine Standardverrichtungen: Fensterputzen, Teppichsaugen, Abfall entsorgen, Geschirrspüler leer räumen, Hemden bügeln.... Doch als nach dem zweiten Mal Fensterputzen kein Unterschied zu vorher festzustellen war, als er zu dritten Mal die leeren Abfalleimer nach unten getragen hatte und die Hemden vom vielen Bügeln schon steif zu werden begannen, wurde er sich der Sinnlosigkeit seines Handelns bewusst. Auch fehlte ihm die Anerkennung durch seinen Herrn, der ihn nach verbrachter Arbeit immer gelobt hatte. Eine Weile hielt er sich noch mit Staubwischen über Wasser, doch dann verfiel er langsam in Trübsinnigkeit. Er stand nur noch stumpfsinnig herum und dachte an früher. Er wusste, dass die Menschen diesen Zustand Depression genannt hätten. Aber ein Roboter konnte doch nicht depressiv werden! Der Zustand war bei ihm nicht zu beschreiben. Schon deshalb wäre er am liebsten Mensch gewesen, denn dann wüsste er, dass er eine Depression hatte. Oder er wäre auch ganz einfach weggegangen, wie sein Herr.
Deshalb hätte er, als dieser plötzlich wieder auftauchte, am liebsten aufgeatmet und sich gesetzt. Endlich konnte er wieder Schuhe putzen, Wäschewaschen, Betten beziehen... - einfach Roboter sein.

Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers

MARK
von Henriette Jorjan, 57462 Olpe

Das verflixte siebte Jahr haben wir unbeschadet gemeistert. Wie ‚es' damals angefangen hat? Wir hatten uns aus den Augen verloren, ein Zufall führte uns wieder zusammen, in unserer alten Stammkneipe. Regelrecht gekauft hat er mich an dem Abend, mit einem guten (ganz) alten Zehner. In Windeseile knickten und falteten diese großen starken Hände das Papiergeld. Was dabei herauskam? Ein winziges, blaues Herrenhemd mit weißem Kragen und das erste Kribbeln in der Magengegend. Das nahm ich zum Anlass, nächstes Mal ein bisschen näher an ihn heranzurücken. So ein glatt gebügelter Zwanziger, den ich tagelang mit mir herumtrug, war der beste Vorwand. Liebevoll entstand mein zweites Minipapierhemd, die weißen Hemdkragen so akkurat wie zu Großmutters Zeiten gestärkt und es knisterte noch mehr. Ich war sprachlos. Er gab sich alle Mühe, mir die Falttechnik zu erklären, doch ich konnte mich nicht kon-zentrieren. Ich war viel zu beschäftigt, mir nichts anmerken zu lassen. Es war um mich geschehen. Wie aus dem Nichts lag plötzlich noch ein grüner Schein auf dem Tisch, ein Fünfer. Er hatte ihn mitgebracht, fein säuberlich und ohne Eselsohr. "Grün ist doch deine Lieblingsfarbe?" fragte er fast beiläufig, dieser hinterhältige Hund. Ich war machtlos. Bis spät in die Nacht saßen wir zusammen und redeten und redeten. Alle Uhren sollten stehen bleiben, wünschte ich mir. Ein bisschen sind sie stehen geblieben. Immer wenn mein Blick auf den Bilderrahmen mit meinen Geldhemdchen fällt, erinnern sie mich an so viele Kleinigkeiten. Nichts ist seit dem verblasst, kein Staub hat angesetzt. Mit lauter kleinen Kniffen hat er mich damals eingewickelt und sorgsam in jedem Schein ein Wort verpackt: Ich liebe Dich.

Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers

Sie lächelte
von Thomas Matterne, 91522 Ansbach

Sie kam durch die Tür, unerwartet, überraschend
Huschte vorbei an Tischen, Stühlen und Kellner
Graziös, schwebend, und plötzlich zu Stein erstarrt
Die Unendlichkeit einer Sekunde treffen sich beide Blicke
Scheinbar unsicher, ob sie reagieren sollen
Die Vergangenheit schießt ihnen durch ihre Köpfe
Seine verzweifelten Versuche sie zu erobern
Ihre ebenso verzweifelten Abwehrversuche
Sein jugendlicher Elan, den sie als kindisch empfand
Jahre waren vergangen, Tausende Meilen hatten zwischen ihnen gelegen
Doch sie hatte sich nicht verändert, schon damals ...
Damals, er lächelte und sah sie plötzlich ängstlich an
Erkannte sie ihn wieder? Was würde sie tun, wenn sie es tat?
Würde sie ihn ignorieren, was damals ihre einzige Wahl war?
Doch sie ging auf ihn zu, blieb vor ihm stehen, sie lächelte

Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers

Mehr Beiträge: Zurück 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 Weiter
Zur Übersichtsseite des Satzfischers - Zu den Beiträgen der Runde 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10

Hinweis: Für die Rechtschreibung und Zeichensetzung sind die Autoren selbst verantwortlich. Die Urheberrechte liegen beim jeweiligen Autor.