Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag
Hier lesen Sie die besten Beiträge der ersten Runde (Nov '01 - Jan '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Gao Xingjian eingefallen sind. Der Satz stammt aus der Erzählung »Fünfundzwanzig Jahre«. Sie findet sich im Fischer Taschenbuch 15183 mit dem Titel »Auf dem Meer«. Aus dem Chinesischen von Natascha Vittinghoff. ISBN 3-596-15183-X. 8,90 EUR: Cover: Auf dem Meer

»Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich einmal wiedersehen würde«
atmete er auf und setzte sich.

Wiedersehen
von Sigrid Schwach, 78050 VS-Villingen

Gemeinsam gingen wir zur Schule
Und saßen dort am gleichen Tisch.
Wir lernten einst die gleichen Sprachen,
War sehr begabt, ich nicht.

Ich fand sie himmlisch,
Wollt sie treffen auch außerhalb der Schularbeit;
Doch ihre Augen sahn nur Bücher,
Zur Liebe war sie nicht bereit.

Und der Beruf zerriss die Hoffnung,
Ich hätt so gern ein Band geknüpft.
Sie wollte große Weltluft schnuppern,
Ich blieb im Ort zurück

Ich fand ne Maid,
Ein liebes Kind, gebar drei Kinder mir.
Gar freundlich sie umsorgte uns.
Die Sehnsucht blieb nach ihr!

Und 20 Jahre nach dem Abi
Sich alle treffen wollten,
Niemand erfuhr ihre Adresse:
Es hieß, sie wär verschollen.

Ich wollte nicht zur Feier gehen,
Ein andrer zog mich mit;
Denn ohne sie wär’s keine Freude,
Ich noch vor Sehnsucht litt.

So schau ich lustlos in die Runde,
Und plötzlich wird mir heiß:
In voller Schönheit steht sie da!
Ich nichts zu sagen weiß.

Als endlich ich mich hab gefasst,
Kann stammeln nur zu ihr:
Ich hätte niemals je gedacht,
Dir zu begegnen hier.

Wir tauschten aus Erinnerung
An lang vergangne Zeit
Und plauderten die ganze Nacht;
War nur zum Kuss bereit.

Vergiss mich, sprach sie,
Hast doch Kinder und eine Frau gar fein.
Zur Ehe taug ich wirklich nicht,
Bleib lieber ganz allein.

Wir schrieben uns vielleicht ein Jahr,
Dann kam mein Brief zurück:
Adresse unbekannt stand drauf.
Genieß nun häuslich Glück!

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Wiedersehen
von Ulrich Selzer, 87700 Memminegn

Du strahlst so hell am Horizont,
liebreizend schön und rötlich,blond.
Doch weichst du nun mein Sonnenschein,
und Finsternis kehrt bei mir ein.
Sie dauert ewig und mir scheint,
nie wieder sind wir je vereint.
Ich schau dir nach bekümmert,stumm,
dreh mich nach Stunden weinend um.
Doch kaum schweift jetzt mein müder Blick
nach hinten, sprich - einfach zurück,
seh ich dich aufgehn voller Pracht.
Das hätte ich mir nie gedacht,
dass ich dich wieder sehen werde
- dazu am andern End der Erde.
Er atmete erleichtert auf
und setzte sich - irgendwo drauf.

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Neue Chance
von bluevelvet, 3370 Ybbs/Donau Österreich

Sie war gerade aus dem dunklen Tunnel ins weiße Licht getreten. Etwas orientierungslos, wandte sie sich um, als sie die Stimme hinter sich vernahm. „Wer könnte sie an diesem Ort.....“ Sie blickte direkt in zwei klare blaue Augen. „Friedrich Günter“, schoss es ihr durch den Körper und damit eine Erinnerung an den Anfang, als alles begann: Friedrich Günter hieß der Mann. Und sie kannte ihn nicht. Wollte ihn auch nicht kennen lernen, eigentlich. Nur dieses Gefühl erforschen, das er in ihr auslöste. Jedes mal, wenn sie ihn sah. Jetzt hatte sie seinen Namen herausgefunden, was ihn ihr doch in gewisser Weise etwas näher brachte, da sich aus der Anonymität plötzlich seine konkrete Person herauskristallisierte. Alleine sein Name ließ sie erschauern, weil der Name ein innerliches Bild von ihm in ihrem Geist kreierte. Und das innere Bild von ihm in ihrem Geist sie stets so fühlen ließ, als ob er tatsächlich anwesend wäre. Also zitterte sie, im Moment, da sie seinen Namen vor sich auf dem Bildschirm las, und zitterte dann, als er plötzlich in der Tür stand, und seinen Blick routinemäßig durch den Arbeitsraum gleiten ließ. Man könnte beinahe sagen, es war ein Beben, das sie durchzuckte, das man im ganzen Raum hätte spüren müssen, so dachte sie. In ihr entflammte etwas, von dem sie meinte, dass die Hitze ebenfalls jeder im ganzen Raum fühlen musste. Aber weder das Beben, noch die Hitze schien jemand zu spüren, auch er nicht. Und so schnell sich diese elementaren Gefühle flutähnlich in ihr erhoben, so schnell verebbten sie auch wieder, als er ging. „Sie...?“ brachte sie hervor, und konnte nicht anders, als ihm endlich das Lächeln zu schenken, das sie seit einer Ewigkeit für ihn aufgehoben hatte. „Nicht Sie, Du“, sagte er, „hier gibt es keine Unterschiede mehr. Hier sind wir alle gleich.“ „Warum erinnern Sie...erinnerst Du dich an mich?“ Jetzt sah sie ihn lächeln. Zum ersten Mal. „Weißt du noch, dieser kaltgraue Novembertag?“ „Heute?“ „Gestern-heute-morgen, was bedeutet Zeit schon?“ „Warum?“, wollte sie wissen. „Du hast „Danke“ zu mir gesagt, als ich dir die Tür aufgehalten habe.“ Sie blickte ihn fragend an:„Du hast nicht einmal reagiert“. „Es war nicht genug, um die Kälte dieses Tages zu schmelzen, aber es hat sich eingebrannt.“ „Und warum sind wir hier?“ „Vielleicht um neu zu beginnen.“ „Was ist dir passiert?“ „Hatte einen tödlichen Autounfall. Du?“ „Bin vor die Straßenbahn gestoßen worden.“ Er nahm sie an der Hand und sagte: „Komm, wir haben vieles nachzuholen.“

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Wieder-Sehen
von Marion Schughart, 56427 Siershahn

zitternd erkennt
das ängstliche Herz
wen es für tot erklärte

hinter der Sehnsucht
die sich angekommen weiß
atmet Erleichterung

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Die Dauer
von Jean-Daniel Aubron, 93107 Thalmassing

Der Stuhl stöhnte etwas unter seinem Gewicht, aber er achtete nicht darauf. Er schloß die Augen.
"Weißt du, ich muß dich nicht anschauen, um deine Verwunderung über meine Anwesenheit zu spüren. Mich jetzt in deinem Haus zu sehen, wird dir wohl wie eine Art Traum vorkommen. Ich nehme an, du hast dich während all den Jahren nicht sehr verändert. Ich hingegen, bin jeden Tag etwas müder, jeden Abend ein wenig verzweifelter auf der Suche nach dir geworden. Eines Morgens wachte ich auf und die Nacht hatte mir meine Hoffnung geraubt."

Er saß da, seine Hände auf dem Schoß und nur seine Lippen bewegten sich. Er sprach mit ruhiger Stimme, auffallend langsam, als ob er die Wörter erst von einer inneren Leinwand ablesen würde. Er schien erschöpft zu sein.

"Du fragst dich jetzt, ob dir die Zeit reichen würde, vor mir zu flüchten. Bitte, gehe nur, wenn dir danach ist. Ich habe nicht die nötige Kraft, dich aufzuhalten. Ich sagte es dir doch vorhin: Ich bin irgendwann mit der Hoffnungslosigkeit im Herzen wach geworden... Aber, es stimmt, ich bin tatsächlich erleichtert, hier zu sein. Du würdest jedoch einen schrecklichen Fehler begehen, wenn du dich aus diesem Grund von deiner Furcht beraten lassen würdest. Ich bin dir nicht bis hierher gefolgt, um dir, was seit unserer Trennung mit mir geschehen ist, vorzuwerfen."

Jetzt schien er von seinen Erinnerungen eingeholt worden zu sein. Die Stille ihres gemeinsamen Schweigens störte ihn, im Gegensatz zu damals, offensichtlich nicht mehr.

" Du hast recht, ich versuche seit längerem nicht mehr die Entfernung zwischen den Menschen mit Worten zu verkürzen. Ich habe gelernt, diese einst unwillkommene Distanz als Teil unseres Verhältnisses zueinander wahrzunehmen. Allmählich ist es mir auch gelungen, diesen Abstand nicht mehr mit Worten füllen zu wollen.
Setze dich doch bitte! Wir sind hier in deiner Küche und an deinem Tisch. Ich beanspruche weder das eine, noch das andere für mich. Vielleicht habe ich dir heute nichts mehr zu geben. Warum jedoch solltest du annehmen, ich würde dir mit meiner Rückkehr etwas wegnehmen wollen? Schaue mich an! Gestatte mir dabei die Augen weiterhin geschlossen zu halten. Es haben sich nicht nur viele Jahren, unterschiedliche Denkweise oder Erfahrungen nach und nach zwischen uns gedrängt. Heute trennt uns vor allem, die für dich kaum begreifliche Tatsache, daß ich für diesen Augenblick, obwohl ich es bin, der ihn herbeigesehnt hat, nichts mehr empfinden kann..."

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