| Hier lesen Sie die besten Beiträge der ersten Runde (Nov '01 - Jan '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Gao Xingjian eingefallen sind. Der Satz stammt aus der Erzählung »Fünfundzwanzig Jahre«. Sie findet sich im Fischer Taschenbuch 15183 mit dem Titel »Auf dem Meer«. Aus dem Chinesischen von Natascha Vittinghoff. ISBN 3-596-15183-X. 8,90 EUR: |  | »Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich einmal wiedersehen würde« atmete er auf und setzte sich. Unverhoffte Wiederkehr von Franz Eiermann, 55262 Heidesheim Durch die Scheiben lugte ein Stück blauer Himmel, Blätter und Zweige filterten die Strahlen der Morgensonne, bizarre Muster kringelten an der Wand des Zimmers. Der Sprecher im Radio sagte gerade die Zeit an: Acht Uhr. Marlene Born fühlte sich richtig wohl, es versprach ein schöner Sommertag zu werden. Sie überlegte: Acht Uhr, zur Arbeit muss ich erst um zehn, da kann ich locker noch vorher einkaufen. Marlene ging ans Fenster, öffnete es weit und atmete mit vollen Zügen die frische Luft ein. Tschüs mein Schatz, rief sie dann Hannes zu, ich geh nur shnell zum Supermarkt, bin bald zurück. Das herrliche Wetter genießend, schlenderte Marlene mit ihren Einkaufsbeuteln in den Händen nach Hause. Plötzlich quietschten neben ihr die Bremsen eines Lastwagens, eine schwarze Katze, gerade noch einmal mit dem Leben davongekommen, schoss quer vor ihr über den Bürgersteig und verschwand in einem Torbogen. Marlene erschrak. Eine schwarze Katze, war das ein schlechtes Omen? Ein wenig abergläubig war sie schon, ihr wurde Angst und sie beschleunigte ihre Schritte. Sie dachte an Hannes, hatte sie ihn gut versorgt? Er sah in letzter Zeit immer so sehnsüchtig zum Fenster hinaus. Als ob Sie es geahnt hätte, ihr Schatz war verschwunden. Warum tust du mir das an? Hast du es nicht gut bei mir gehabt, habe ich dich nicht immer umsorgt, hat es dir je an etwas gefehlt? Warum lässt du mich jetzt einfach allein? Marlene ließ ihren Tränen freien Lauf, der schöne Sommertag war ihr verdorben. Sie rief ihren Chef an, sprach von starken Kopfschmerzen und meldete sich krank. Na, hoffentlich nichts Schlimmes, Frau Born, gute Besserung. Hat der eine Ahnung wie mir zumute ist, schluchzte sie, so einsam und verlassen. Der Tag verging. Marlene hatte es in der Wohnung nicht ausgehalten. Lange war sie im Park umhergelaufen, immer in der stillen Hoffnung, ihren Schatz zu treffen, aber vergebens. Traurig betrat sie die Wohnung und öffnete das Fenster, es dunkelte schon. Gerade als sie sich umdrehen wollte geschah es: Hannes flog zum Fenster herein, landete auf ihrer Schulter und knabberte an ihrem Ohrläppchen. Marlene wusste nicht wie ihr geschah, vorsichtig, damit sie ihren Liebling nicht erschrecke, schloss sie das Fenster. Überglücklich atmete sie auf: Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich noch einmal wiedersehen würde. Erleichtert setzte sie sich und flüsterte. Nie wieder lüfte ich das Zimmer, bevor du sicher in deinem Käfig bist. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Zwei Welten von Evelyn Mennenöh, 45141 Essen „Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich noch einmal wiedersehen würde“ atmete er auf und setzte sich. Genau auf den Platz vor mir in der Bankreihe. Wie immer kam er in der letzten Minute, doch nie abgehetzt. Er stürmte nur schwungvoll in den Raum. Die Veranstaltung in der Kirche sollte gleich beginnen. Alle warteten auf den Referenten. Und als stattdessen er hereinwehte, mit hellblondem langen Haar, alle anlachend, hatte man den Eindruck als hätten sie nur auf ihn gewartet und er würde sie gleich mit Handschlag begrüßen- alle. Er drehte sich um und lächelte. Erwartungsvoll sah er mich an. Ich merkte, wie die anderen Menschen zu mir herüberblickten. Alle fühlten sich von ihm angesprochen, doch mich sprach er an. Sollte ich auch lächeln oder etwas sagen? Ich war schließlich genau so überrascht, ihn wiederzusehen. Mir fiel kein sinnvolles Wort ein. Wie sollte ich an eine Zeit anknüpfen, die ich selbst so abrupt beendet hatte? Ich fühlte mich unbehaglich. Ich wartete ab. Mir wurde heiß. Ich wurde rot, schamrot. Jemanden zu verlassen und nicht zu wissen, warum, schien mir selbst kein rühmlicher Charakterzug zu sein. Worte, die dies überbrücken hätten können, fand ich nicht. Aber Bilder blitzten vor meinen inneren Augen auf: der liebevoll gestaltete Altar in seinem Studentenzimmer, in einer abgedunkelten Ecke, mit dem Jesusbild des Isenheimer Altars. Die Mahlzeiten mit seinem Mitbewohner, der das Essen mit einer Bibelverslesung und einem innigen freien Gebet begann. Bei dem ich einmal wegen seiner kindlichen Sprache losprustete. Was mir peinlich war. Doch die beiden ließen sich auch von meinem tiefsten Lachen nicht aus der Gebetsruhe bringen. Ganze Tage zusammen im Bett, das aussah als hätte Frau Holle persönlich es angeliefert- dicke weiße Kissen und Federbetten. Und die geistlich besorgten Worte des Vermieters, der unser Seelenheil in Gefahr wähnte, wenn wir die Zeit, nicht untätig, im Bett verbrachten. Diese Bilder waren mir von unserer Liebe geblieben. Plötzlich wusste ich, warum ich gegangen war. Ich hatte ihn einfach in seiner Welt gelassen; denn ihm gefiel es dort- mir nicht. Und als er mich nun ansah, musste ich lächeln. Ich mochte ihn immer noch. Das spürte ich. Doch gleichzeitig schob mein Inneres eine dicke Glasscheibe zwischen ihn und mich. Nur nicht noch einmal diese Nähe zulassen, die den Alltag dann nicht erträgt! Und ich hörte mich sagen: „Tja, das ist ja fast ein Wunder, dass wir uns hier treffen, in einer Kirche...“. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Frei von Regine Kölpin, 26452 Sande Elsa war froh gewesen,dass der Schmerz nicht mehr bohrte.Es hatte lange genug gedauert,eigentlich ihr ganzes Leben. Und nun sollte sie ihn wiedersehen.Es war falsch,aber wie immer hatte sie keine Wahl gehabt.Der Gedanke an ihn war endlich weniger geworden;es wurde ihr gleichgültiger,was er zu ihrer neuen Bluse gesagt hätte,es war nicht mehr wichtig,ob er ihren Musikgeschmack teilte. Nach all den Jahren war sie frei.Und dann hatte das Telefon geklingelt.Schon als Elsa abnahm,war ihr klar,wer anrief.Es war zu dicht gewesen,damals. „Hallo“,sagte Klaus und Elsa konnte das Lächeln um seinen Mund fühlen.Bestimmt hatte er den Hörer unter das Kinn geklemmt und malte Kreise auf einen Zettel.Dabei kaute er mit den Zähnen auf der Unterlippe.Elsa spürte seinen Atem.Ein bisschen Pfefferminz, gemischt mit Plum.Klaus würde niemals den Tabak wechseln.„Hallo“,antwortete Elsa.„Ich bin in der Stadt“,sagte er,„ich will dich sehen.Hätte nicht geglaubt, dass es noch einmal dazu kommt.“„Ja“,antwortete Elsa.Sonst nichts.„Morgen um drei am Park.Bis dann.“Klaus legte auf,fragte nicht,wie es ihr nach all der Zeit ging. Elsa hielt den Hörer noch kurz in der Hand.So war er,seit jeher.Am nächsten Morgen begann sie früh,sich zurecht zu machen.Sie wollte Klaus gefallen,auch jetzt noch.Er liebte es,wenn sie grün trug.Das unterstrich ihre Augen.„Dein Katzengrün“,hatte er immer gesagt.Elsa,die Katze,geheimnisvoll und verspielt.Und Klaus,der Löwe.Mächtig, stark und konnte mit einem einzigen Prankenhieb alles zerstören.Das hatte er dann ja auch getan.Damals,als er Elsa nach drei Jahren keinen Heiratsantrag gemacht,sondern ihr seine Ehe mit einer anderen Frau gestanden hatte.Elsa ging,studierte,erreichte was.Eine einsame Katze,die ihre Krallen ausstreckte und kratzte,wenn ihr jemand zu nahe kam.Und gestern rief er einfach an,wollte,dass sie kam.Jetzt,wo sie alt war,grau und allein.Elsa setzte sich,nippte an ihrem Glas Wasser.Dann klingelte sie.Nach kurzer Zeit steckte Schwester Gertrud den Kopf in das Zimmer.„Ja,Frau Dr.,was ist?“„Ich möchte heute doch zum Nachmittagskaffee.“ Schwester Gertrud stutzte,nickte dann aber.„Wird gemacht,Frau Dr.,ich bringe Sie um drei Uhr runter.“Elsa trank einen kräftigen Schluck. Sie hatte noch ein Stück Leben,sie war frei und eigentlich hatte sie den Geruch von Plum mit Pfefferminz nie gemocht. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Der Ausreiser von Georg Züger, CH-8610 Uster Das klopfen an der Türe war kaum hörbar. Zuerst glaubt Paul, es würde sich um den Wasserhahn in der Küche handeln und blickt verdutzt in einen völlig trockenen Spühltrog, als er das Klopfen wieder vernahm. Nachdem er sich durch einem weiteren Kontrollblick vergewissert hatte, das es nicht aus der Küche kommen konnte, betrat er den Korridor und blickte zur Haustüre hin. Wer würde statt zu klingeln an der Türe klopfen? Es musste jemand sein, der oder die keine Aufmerksamkeit erregen wollte in der Nachbarschaft. Oder es war jemand der zu klein war, um den Klingelknopf zu drücken. Aber Paul hatte sich in allen Vermutungen getäuscht. Als er die Türe öffnet strich ihm eine kleine Katze zwischen den Beinen hindurch und eilte in die Wohnung. Verdutzt blickte er ins freie des Hausgang um sich zu vergewissern, dass nicht noch mehr solche Tiere umherirrten und auf seine Wohnung einstürmten, die für alles andere Ausgerichtet war, als auf Katzen. Schnellen Schrittes ging er den schmalen Gang seiner Wohnung entlang, um den kleinen Eindringling zurecht zu weisen. Aber von dem kleinen Tier war keine Spur zu finden. Dabei konnte er sich vorhin nicht getäuscht haben an der Türe. Zuerst war das klopfen, dann das Tier welches sehr schnell verschwunden war. Dieses Mal klingelte es im gewohnten Ton an der Türe. Es musste jetzt also jemand sein, der bis zum Klingelknopf hinauf reichte. Paul riss die Türe auf, hatte sich schon einen halben Satz zurechgelegt, obwohl er noch gar nicht wissen konnte, wer ihn erneut aufsuchte und war nicht minder verdutzt, wie wenige Minuten zuvor als ein pelziges Kleintier zwischen seinen Beinen in seine Wohnung raste. Vonmoser, Rita Vonmoser eine schlanke Hand die zu einer sanften aber bestimmten Stimme gehörte, reichte sich ihm entgegen und es bleib ihm keine Zeit um zu entscheiden ob er sie drücken würde oder nicht, als sie ihm bereits wieder entzogen wurde und die bestimmte Stimme fortfuhr: Verzeihen Sie, ich such meinen kleinen Ausreisser, - eine Katze, noch ziemlich jung und verspielt. Weil ich sie zuletzt vor ihrer Wohungstüre gesehen habe, vermute ich, sie könnte bei ihnen sein." Nun, in ihrer Stimme lag mehr als nur eine Vermutung. Es war Gewissheit, offenbar beobachtete Gewissheit. Ob das wohl eine ihrer Taktiken war, kleine Katzen auf unschuldige Junggesellen loszulassen? Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Eine besondere Beziehung von Edit Feuerer, 84103 Postau "Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich einmal wiedersehen würde," atmete er auf und setzte sich direkt neben den Eingang und den obligatorischen Schirmständer in diesem schicken Bistro in Colmar. Seine Augen sahen sie forschend an. Ihr altes Kleid mit Burberry-Karos war verschmutzt. Ja, sie machte mittlerweile einen ungepflegten Eindruck. "Du hast mich einfach stehen gelassen," flüsterte sie kaum hörbar. "Ich weiß, meine kleine, ich habe plötzlich die Sonne gesehen und bin weggerannt." "Du wolltest mich loswerden, gib es zu." "Das stimmt nicht! In Besançon hast du mir schon gefehlt." "In Ostfriesland damals hast du noch behauptet, ohne mich willst du nicht. In London sollte ich die schönste von allen sein und in Frankreich läßt du mich stehen!" "Es tut mir so leid. Aber jetzt kommst du mit heim!" "Es waren viele, die mich wollten. Sehr nette Männer sogar... wirklich sehr viele. Der Patron aber..." "Verschone mich mit den Einzelheiten! Du gehörst mir!" "Für immer?" "Für immer." "Du hast keine andere inzwischen?" "Nein," log er und errötete etwas. "Gehst du dann wieder mit mir spazieren? So wie früher, als du noch so stolz auf mich warst?" "Ja." Was sonst sollte er darauf antworten? In den vergangen Jahre hatte er oft daran gedacht, wenn er wieder nach Colmar käme, würde er sie auf jeden Fall suchen. Nur so. Aus sportlichem Ehrgeiz. "Bitte bring mich jetzt nach Hause!", flehte sie. "Ja, meine kleine Umbrella, schönster Regenschirm von allen." Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Hinweis: Für die Rechtschreibung und Zeichensetzung sind die Autoren selbst verantwortlich. Die Urheberrechte liegen beim jeweiligen Autor. |