| Hier lesen Sie die besten Beiträge der ersten Runde (Nov '01 - Jan '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Gao Xingjian eingefallen sind. Der Satz stammt aus der Erzählung »Fünfundzwanzig Jahre«. Sie findet sich im Fischer Taschenbuch 15183 mit dem Titel »Auf dem Meer«. Aus dem Chinesischen von Natascha Vittinghoff. ISBN 3-596-15183-X. 8,90 EUR: |  | »Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich einmal wiedersehen würde« atmete er auf und setzte sich. Gedachtes von Darec, 81737 München Aufatmen: Er empfindet Bestimmung zu sehen sie nach all den Jahren. Ungeklärtes und Vergangenes und Geträumtes gerührt und immer wieder gewürzt leise lauwarm gehalten. Und nun nicht geplant der Tisch gedeckt zu servieren Gemischtes.
Einatmen: Es fehlt Appetit der so lange genährt - plötzlicher Geruch nach Schwermut und falschen Erwartungen.
Ausatmen: Sie weiß nicht mehr ob es einen Anfang gab zu dieser Geschichte mit Begegnung als Schlusspunkt.
Mancher Satz bleibt besser am Boden. Durchatmend gibt er ihren Weg frei. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Meine Ruhe haben von J.Paul Roos, 44149 Dortmund 22 Jahre ist es nun her, dass ich eine Familie hatte. Meine Mutter starb am 13.November - das perfekte Datum für einen stilvollen Selbstmord. Mit ihr ist der letzte Familienzusammenhalt beerdigt worden. Sie ist die einzige gewesen, die sich für die Probleme anderer interessiert hat. Mit ihr zu telefonieren, manchmal stundenlang, tat einfach gut. Heute habe ich kein Telefon mehr. Ich brauche keines. Ich will nur meine Ruhe haben. Mein Bruder hat mir zu Weihnachten immer Karten geschickt und mich eingeladen. Aber was habe ich in seiner Familienidylle mit Kindern, Frau und Tannenbaum verloren? Es würde doch nur Streit geben. Um keine lästige Post mehr zu bekommen und auch die Gefahr von Besuchen abzuwenden, habe ich irgendwann beschlossen, umzuziehen. D.h. nicht wirklich - ich habe ihm und unserer Schwester einfach geschrieben, ich würde jetzt in Bayern wohnen, man solle mich dort in Ruhe lassen, mir ginge es gut, niemand müsse sich Sorgen machen, die Gesellschaft der Kühe dort sei mir genug. Mit dem Wochenendticket bin ich dann tatsächlich runtergefahren, habe mir ein kleines Dorf ausgesucht, wo ich, wäre ich tatsächlich umgezogen, gerne gewohnt hätte, habe ein wenig die Kühe beim Wiederkäuen beobachtet, die zwei Briefe, des Poststempels wegen, in den einzigen vorhandenen Postkasten eingeworfen, natürlich ohne Absender, und mich wieder auf den Heimweg gemacht. Trotzdem ist er einmal hier gewesen, um nachzusehen, ob es stimmt. Danach konnte ich das Namensschild wieder anbringen und die Gardinen wieder aufhängen. Seitdem hat mich niemand mehr gestört. Ich kann mich voll und ganz meinen Hobbies widmen, dem Sammeln interessanter Gegenstände und der Zierfischzucht. Mittlerweile habe ich 16 Aquarien. Allerdings hindern die Schmerzen im Unterleib mich in letzter Zeit manchmal daran, die Tiere angemessen zu pflegen und zu versorgen. Der Arzt will mir weismachen, es könne etwas Ernstes sein. Darmkrebs. Kurpfuscher. Ich muss einfach weniger Süßigkeiten essen, das ist alles. Es klingelt an der Tür, immer wieder, wer kann das sein? Erst nach zehn Minuten ist endlich Ruhe. Ich gehe zum Fenster, will nach dem Störenfried sehen. Niemand. Dann Schritte im Treppenhaus und jetzt klopft es. Durch den Spion sehe ich meinen Bruder. Ich öffne, damit ich ihn zur Rede stellen kann, ihn fragen, warum er mich nicht in Ruhe lässt. Doch die Worte finden keinen Weg aus mir heraus. Ich bin ein Fisch im Aquarium. Wenn er jetzt die Hand ausstreckt, wird die Scheibe zerspringen. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Ein nebliger Dezemberabend von Brigitte Nguyen-Duong, 89079 Ulm Als ich an einem nebligen, ungemütlichen Dezemberabend dem Taxi entstieg, trugen mich meine Gedanken noch mal wehmütig zurück nach Südafrika. Es waren nur wenige Stunden her, als ich unter strahlender Sonne dort noch die hochsommerliche Atmosphäre genoss, den lila blühenden Jakaranda-Alleen entlang fuhr und den aromatischen Duft von Jasmin und Orangenbäumen einatmete. Mich fröstelte, denn meine Kleidung entsprach nicht der nördlichen Erdhälfte um diese Jahreszeit. Ich versuchte so schnell wie möglich das Innere des Hauses zu erreichen. Mein Hausschlüssel war zum Glück griffbereit. Ich stellte die Koffer im Eingang ab, um ein wärmendes Zimmer aufzusuchen. Aber alle Räume waren eiskalt. Hastig rannte ich zum Heizkörper im Wohnzimmer, um Wärme hineinzulassen. Wie konnte ich nur vergessen haben, für Zimmertemperatur vorzusorgen. Bei angenehm milder Außentemperatur war ich Ende Oktober abgereist und nun dieser Frost. Am liebsten wäre ich gleich wieder zum Flugplatz zurückgefahren, um in südliche Gefilde zurückzuschweben. Ich holte mir einen Pullover und setzte mich erschöpft aufs Sofa. Da bewegte sich plötzlich die angelehnte Wohnzimmertüre. Mein Kater schritt herein. Er hat durchs Katzenfenster im Keller freien Zugang zum Haus und war während meiner Abwesenheit von der Nachbarin gefüttert worden. Ich ahnte was jetzt kam. Alle Vorwürfe dieser Welt, die ein Mensch in solch einem Augenblick verbal hervorbringen würde, drückten sich in diesem Katerblick aus, der zu sagen schien: „Was machst Du nach so langer Zeit hier in meinem Haus?“ er näherte sich noch ein paar Schritte ohne mich aus den Augen zu lassen und setzte sein vorwurfsvolles Gebaren fort: „Ich hätte nicht gedacht, dass ich Dich einmal wiedersehen würde“. Dann sprang er zu mir aufs Sofa, atmete auf und setzte sich auf meinen Schoß. Sein Augenausdruck wechselte zusehends von dieser Schreck einflößenden Unnahbarkeit in eine versöhnliche Zutraulichkeit und ein zaghaftes Schnurren wurde sogar hörbar. Ich war offenbar als Mitbewohnerin in seinem Haus wieder akzeptiert. Die Welt war wieder in Ordnung. Langsam breitete sich wohlige Wärme im Zimmer aus. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Unter der Oberfläche von Annette Bruland, 50674 Köln Vera hat sich mal wieder durchgesetzt. Ralf zählt die Minuten bis zum Ende der Bootstour auf dem Eifeler Maar. Für heute hätte er dann wenigstens seine Ruhe. Die Sonne brennt, das dunkle grüne Wasser lässt die Tiefe des Kratersees erahnen. Wie vor zehn Jahren! schwärmt Vera. Ralf zeigt keine Regung. Anders als damals wünscht er sich heute mit aller Energie an einen anderen Ort. Gleichmäßig lässt er die Ruder in die leicht gekräuselte Wasseroberfläche eintauchen bis Vera ihn bittet, den Kahn anzuhalten. Jetzt sind wir in der Mitte! Schwimmst du mit mir? Ralf schüttelt den Kopf Zu eisig!. Aber ich wage es! Vera springt auf, zieht sich mit einem Ruck ihr Baumwollkleid über den Kopf und springt in einem Satz in die grüne Tiefe. Prustend vor Kälte und nach Luft schnappend taucht sie wieder auf. Ralf lehnt sich zurück, beobachtet ihre Schwimmzüge, den unter Wasser unwirklich grün schimmernden Körper. Wie eine Wasserleiche denkt er. Pass auf, hier gibt es eisige Strömungen. Ich werde dich nicht retten! Ich bin kein Held! Ralf wie er leibt und lebt! Dafür sollst du büßen! Vera krault auf ihn zu. Er steht auf, beugt sich weit vor, um ihr wieder ins Boot zu helfen. Doch sie attackiert ihn laut lachend mit einer Wassersalve. Ralf verliert das Gleichgewicht, rudert wild mit den Armen. Plötzlich fliegt seine Brille im hohen Bogen durch die Luft und landet mit einem leisen Platsch im Wasser. Um Himmels willen Vera, ich habe nur diese Brille! Er zeigt aufgeregt die Richtung, wo er sie hat eintauchen und langsam aber stetig sinken sehen. Vera ist sofort dort, greift vergeblich in die grünliche Leere, dann tauchte sie hinterher. Zu spät! Es hat keinen Sinn! Er stockt und fixiert die sich beruhigende Wasseroberfläche, keine Spur mehr von Vera. Wie lange ist sie schon unter Wasser? Sie kann die Brille nicht erwischt haben! Und die kalten Strömungen! Was, wenn sie nicht wieder hoch käme? Ralf schaut sich um. Der Wald umsäumt wie ein schwarzes Band das grüne Maar genauso friedlich wie zuvor. Die Vögel zwitschern vielstimmig, aus der Ferne das Kreischen von Kindern. Ralf steht regungslos im Kahn. Plötzlich gerät das Boot in Bewegung. Eine Hand erscheint auf dem Bootsrand, er hört einen gierigen Atemzug. Ralf ist sofort auf ihrer Seite und hilft ihr ins Boot. Vera hält ihm grinsend die Brille entgegen. Hast du wohl nicht mehr mit gerechnet! Ralf sinkt auf die Ruderbank. Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich wieder sehen würde! Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Widmungen von Karl Hofbauer, A-8010 Graz Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich einmal wiedersehen würde atmete er auf und setzte sich. Wie lange haben wir uns nicht gesehen, Maria? Ein Jahr? Sie nickte. Genau ein Jahr, Max Spielmann. Dann knallte sie ihm sein Buch um die Ohren, dass es nur so rauschte im Blätterwald. Er blickte sie traurig an. Wozu sollte das jetzt gut sein? fragte er. Und sie erzählte ihm folgende Geschichte:
Stell dir vor, du heißt Maria und dein Ex-Freund hat ein Buch geschrieben, das soeben erschienen ist. Natürlich hast du Interesse an dem Buch, steuerst also zielstrebig in die nächste Buchhandlung, um es dir anzusehen. Du nimmst das dünne Bändchen, betrachtest es. WIDMUNGEN steht groß auf dem Umschlag, und darunter steht der Name deines früheren Lebensabschnittspartners. Du musst schmunzeln, komisch verwirrt und stolz irgendwie. Ein Name nur für alle anderen, für dich aber: Ein Lächeln, ein Knackarsch, ein Muttermal. Du drehst das Buch in deinen Händen, riechst daran, liest den Text auf der Rückseite des Umschlags, zögerst das Aufschlagen des Buches noch ein wenig hinaus. Ein wenig aber nur, denn zu groß die Neugierde. Immerhin eine Liebesgeschichte mit dem Titel WIDMUNGEN, könnte schließlich sein, dass ... Du öffnest das Buch, blätterst zweimal um, und tatsächlich, da steht es, in kursiven Lettern: Für Maria. Kribbeln im Bauch bei dem Wissen, dass in vielen Büchern im ganzen Land dein Name steht, auch wenn kein Mensch weiß, dass du damit gemeint bist. Nach Hause möchtest du jetzt, in die Intimität deiner vier Wände, allein sein mit dem Buch und deinen Erinnerungen. Zahlst und schlägst den direkten Weg nach Hause ein. Ist das etwa seine Art zu zeigen, dass er dir die Trennung verziehen hat? Dass er dir für die langjährige Beziehung danken will? Dass er dich womöglich immer noch liebt? Die Telefonzelle kommt gerade recht. Du wählst die Nummer, die jahrelang auch deine eigene Nummer war. Eine junge Frauenstimme meldet sich. Spielmann Maria. Spielmann! Er hat keine Schwester, es muss also seine ... Nein, unmöglich. Und du dachtest, ... Legst auf, stürmst aus der Telefonzelle. Stopfst das beschissene Buch in den Mistkübel.
Ja, so könnte die Geschichte enden, Max Spielmann, sagte sie, aber dann bin ich zurück gegangen und hab das Buch aus dem Mistkübel wieder heraus geholt. Jetzt weißt du, wozu das gut sein sollte. Diente nur meiner Psycho-Hygiene. Und dann stand und atmete sie auf und ließ ihn zum zweiten Mal und nun endgültig sitzen. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Hinweis: Für die Rechtschreibung und Zeichensetzung sind die Autoren selbst verantwortlich. Die Urheberrechte liegen beim jeweiligen Autor. |