| Hier lesen Sie die besten Beiträge der sechsten Runde (Mai '02 - Juni '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Rainer Merkel eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Das Jahr der Wunder«. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-048440-1. 19,90 EUR: |  | Willst du denn nicht deinen Computer ausschalten? Die Landeerlaubnis von Karla Montasser, 10405 Berlin (Deutschand) ”Pppppiep-piep. Raumschiff an Erde. Bitte um Landeerlaubnis”. "Woher kommst du, Till, Tokyo, New York?” ”Eins. Tokyo. Hab gekündigt.” ”Steigert das deinen Marktwert?” ”Nein." Pause. "Dann soll ich mir also ein Taxi nehmen und vorbeischauen?” ”Erteilt”. Till packte seinen Laptop auf meinem Eßtisch aus, legte Kabel und positionierte einen Empfänger. Ich umarmte ihn. ”Wow, smells like new economy.” Er lächelte. Abwesend, vollkommen ausgefüllt mit der Aufgabe, die Geräte zum Laufen zu bringen. ”Neues Spielzeug?” ”GPS, damit ich weiß, wo ich bin.” ”Till, hör auf. Das hier ist Berlin. Mitte, Auguststraße 2. Du hast die Adresse dem Taxifahrer gegeben.” ”Neue oder alte Mitte?” "Neu?” Schnauben. ”Du weißt sicher nicht mal, wo die alte Mitte von Berlin war.” Ich blickte ihm in die noch immer grünen Augen. ”Dafür bin ich mir aber sicher, daß Brieftauben das völlig egal ist.” ”Na gut. Ich sag’s dir. Kreuzberg.” ”Dann könnte das hier annähernd die Neue Mitte sein.” ”Genauer weißt du es nicht, oder?, sagte Till triumphierend. ”Muß ich?” ”Besser wär’s für dich, besser wär’s. Übrigens: ich habe Dich vermißt!” Er musterte mich streng. Dann kontrollierte er den Sender, der keinen Ton von sich gab. ”Was ist der Fehler, Commander?” ”Ich hab erst einen Satelliten.” ”Wie viele brauchen wir?” ”Mindestens vier.” ”Hör mal, sagte ich. Willst Du nicht endlich Deinen Computer ausmachen?” Till überlegte. ”Du bist eifersüchtig, stimmts?” ”Was? Auf Satelliten?” ”Nein, daß ich so genau weiß, was ich will.” ”Besser allein als Nerd.” ”Besser Geld als keins.” Er sah mich mit dem Blick für Microsoftproduktwerbung an. ”Sag mal, aber das Küssen war immer gut, oder?” Till strich mit seinem Zeigefinger in der Luft zwischen uns herum, als bediene er einen unsichtbaren touchscreen. Seine Augen waren Leuchtioden, die mir den Boden unter den Füßen wegzogen. Das GPS hatte seine Satelliten gefunden und gab einen warmen Signalton von sich. Tills Finger suchten meinen Mund wie ein Raumschiff in den unendlichen Weiten der Galaxis neue Welten. "Hier?" fragte ich leise. "Ja. Ada. Hier. Genau hier will ich sein: in der Mitte der Erde." Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Ich will nicht mehr von Marie-Luise Wendland, 44805 Bochum (Deutschand) Willst du denn nicht deinen Computer ausschalten. Ich kann und will das nicht länger aushalten. Du siehst und hörst ja nichts anderes mehr. Liebst du das Ding denn wirklich so sehr? Ich bin jung, ich bin schön, ich möchte gern leben. Kann ich denn wirklich dir gar nichts mehr geben. Ich kaufe Dessous, die schönsten Kleider; doch du siehst mich nicht an, nur den Computer, leider. Liebtest du eine andere Frau, ich würde kämpfen, das weiß ich genau. Gegen ihn bin ich machtlos, ich kann`s nicht verstehen. Wenn sich nichts ändert, dann werd ich gehen. Wann haben wir uns zuletzt geliebt? Ich hätt`nicht geglaubt, dass es so etwas gibt. Wo ist der Mann, der mich einst umworben? Sind deine Gefühle für mich denn wirklich gestorben? Nächtelang lieg ich allein und warte auf dich; doch du hast ganz einfach vergessen mich. Wenn ich mit dir rede, du hörst mir nicht zu, und sagst sogar öfter: ``Lass mich in Ruh.``. Was ist an dem schrecklichen ``Ding`` denn nur dran. Ich bin verzweifelt, was fang ich nur an? Drum schalt` den Computer jetzt bitte aus. Ich möcht mit dir reden`, geh sonst aus dem Haus. Ich liebe dich doch, ich kann dich nicht hassen. Ändert sich nichts, werd ich dich schweren Herzens verlassen. Wenn ich dich jetzt anseh`, dann weiß ich genau, du willst nicht verstehen deine eigene Frau. Du bist süchtig nach dieser, nach dieser Maschine. Wir sind nicht mehr auf derselben Linie. Drum gehe ich jetzt, doch ich geb` dir noch Zeit, wenn ich fort bin, vielleicht tut es dir dann ja leid. Ich wünsche dir nun alles Gute, viel Glück. Wenn du dich von dem ``Ding`` getrennt hast, komm ich zurück. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Das Geschenk von Knut Kramann, 16225 Eberswalde (Deutschand) "Was haben sich die Kinder nur dabei gedacht, Hilda?", fragt Walter seine Frau , obwohl mehr sich selbst. Ich bin 80 und sie schenken mir einen Computer. Dabei weiß ich noch nicht einmal, wie man das Computer richtig schreibt. "Sie wussten sicher wieder nicht, was sie dir noch schenken sollen", murmelt Hilda verlegen aus der Küche. "Verrückt sind sie geworden", kontert Walter erregt. "Ja, ja, ich verstehe es auch nicht. Die Kinder meinen doch aber, das der Computer nützlich für uns sein kann. Rolf hat dir doch gezeigt, wie es geht. Ihr habt doch über zwei Stunden davor gesessen", versucht Hilda ihn zu beruhigen. "Haben sie nicht gesagt, dass wir nun nicht mehr zur Post gehen müssen um ihnen zu schreiben? Ich weiß gar nicht, wie das gehen soll? , fragt Hilda so nebenbei, währen sie den Tisch deckt. "Na mit dem Internet natürlich. Du weißt aber auch gar nichts, Hilda", erklärt Walter, währenddessen er unruhig das Geschenk umkreist. "Ich habe nicht zugehört, Walter. Inge hat mir von ihrer neuen Arbeit in diesem Kaufhaus erzählt. Ich habe nicht viel verstanden. Sie ist aber glücklich. Übrigens Computer haben die dort auch, sagt sie. Geht wohl heute nichts mehr ohne diese Dinger." "Hilda, die Kinder sind noch jung. Sie müssen damit umgehen, sonst kommen sie nicht mehr weiter. Warum bloß sollen wir uns nun auch noch damit rumplagen? Das verstehe ich nicht". "Versuch es nach dem Essen, Walter. Sieht aus wie eine Schreibmaschine mit Fernseher. Schreibmaschine kannst du doch", versucht sie ihn zu ermutigen. "Das kann man nun wirklich nicht vergleichen, Hilda. Diese angebliche Schreibmaschine spricht sogar". Sie essen und Hilda vermeidet es weitere Fragen zu stellen. Wenig später setzt er sich vor sein Geschenk und beginnt ängstlich und neugierig die Tasten zu befummeln. Hilda hat sich in ihren Sessel gesetzt und beobachtet ihn. Was die Kinder ihm aber auch zumuten, denkt sie. "Hilda, soll ich dir mal sagen, wie morgen das Wetter wird?" , fragt Walter plötzlich spitzbübisch. "Regnen soll es. Da können wir auch übermorgen in die Stadt fahren, meinst du nicht auch?" Es ist später geworden als an anderen Tagen. "Willst du denn deinen Computer nicht ausschalten?" , fragt Hilda vorsichtig. "Ja gleich. Es heißt aber nicht ausschalten, Hilda, sondern herunterfahren. Morgen erklär ich dir das, nun lass mich bitte noch ein Weilchen in Ruhe", sagt Walter mit erregter Stimme, ohne den Blick von seinem Bildschirm abzuwenden. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Kopfschmerzen von Michael G. Beyer, 34369 Hofgeismar (Deutschand) "Willst du denn nicht deinen Computer ausschalten?". Wer hatte das gerade gesagt? Der hagere unscheinbar aussehende Mann Ende Zwanzig, den im wahren Leben niemand kannte und der sich im Netz den Namen "Dantes" gab, schaute nervös schwitzend umher. Der Raum war dunkel. Nur der Monitor spendete ein wenig fahles Licht. Nichts war ungewöhnlich. Sein Programm für die Brute-Force-Attacke gegen die Firewall der Rellag GmbH lief nun schon über vier Stunden lang. Vollautomatisch. Er wurde nervös. Die scheiß Kopfschmerztabletten wirkten nicht Er haßte diese Momente erzwungener Untätigkeit. Hastig zog er am kümmerlichen Rest einer Zigarette und drückte den Stumpf unwirsch in einen viel zu vollen Aschenbecher. Heute nacht noch mußte diese Firma fallen. Morgen früh bereits würde es dann für Rellag zu spät sein. Dantes würde im Flieger sitzen, eine CDROM voller Daten und den Kopf voller Ideen, wem man diese Daten gewinnbringend verkaufen könnte. Ausgesorgt. Ja, heute nacht ging es um alles oder nichts. Wenn bloß diese scheiß Tabletten endlich wirken würden! "Du solltest deinen Computer jetzt wirklich ausschalten!". Die Stimme klang nun fordernd. Doch im Zimmer war niemand außer Dantes. Seltsame Schatten bewegten sich mit einem Mal über die chaotisch anmutende Schreibtischoberfläche. Das Licht des Monitors veränderte sich, wurde intensiver. Die kryptischen Textmeldungen, die im Sekundentakt über den Bildschirm wanderten, zogen plötzlich bunte Streifen hinter sich her. "Scheiße, geh’ jetzt nicht kaputt!", schrie Dantes hysterisch und holte aus, um dem Monitor einen leichten Schlag zu versetzen. Seine Hand fuhr schier endlos langsam durch den Raum, so als müsse sie sich erst durch die verrauchte abgestandene Luft kämpfen, die zäh umher waberte wie blaßgelber Sirup. Auch die Hand zog eine Spur hinter sich her, wie zuvor der Text auf dem Bildschirm. Dantes bekam Angst. Dann traf seine Faust den Monitor mit voller Wucht und riß ihn förmlich vom Schreibtisch. Der Monitor fiel recht unglücklich und traf den am Boden stehenden PC. Dieser kippte um und gab ersterbend die Telefonleitung frei. Ein schrilles Klingeln fuhr unbeachtet durch den Raum, ein Anrufbeantworter sprang schließlich an. Während Dantes mit den für ihn völlig unbekannten Effekten des LSD kämpfte, sprach im Hintergrund ein Freund aufgeregt auf seinen Anrufbeantworter: "Dantes, bist du zuhause? Nimm bloß keine der Tabletten aus der kleinen Dose, die ich letzte Woche in deiner Wohnung verloren habe!". Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Willst du... ? von Wilfried Engl, 27412 Dipshorn/Vorwerk (Deutschand) Das Rauschen des Computerlaufwerks war aus seinem Leben nicht mehr fortzudenken. Sein Fenster zur Welt ! Wenn es irgendwann mal zufällig geschah, daß er vom Bildschirm aufblickte, sah er nicht wirklich seine Umgebung. Was er wahrnahm, waren die Nachklänge und Bilder aus der Welt des Internet. Das war seine Realität ! Hier konnte er in Sekundenbruchteilen mit Siebenmeilenstiefeln von Ort zu Ort, von Ereignis zu Ereignis springen... " Willst du denn nicht deinen Computer ausschalten? ", drang eine Stimme wie aus weiter Ferne durch das Grundrauschen seiner Welt. " Willst du denn nicht....... ? " Der Sinn dieses Satzes aus einer anderen Welt blieb erst dunkel, hörte sich dann an wie Sterben.... Wie aus einem Traum dumpf erwachend schaute er auf seine Hände, die auf der Tastatur lagen. Er schaute an sich herab: was er sah, war ihm fremd. Er drehte seinen Kopf, was ihn schmerzte. Er sah ein paar Augen, Lippen die sich wie stumm bewegten... " ...... deinen Computer ausschalten ? " " ?.... ? " Langsam drehte er seinen Kopf wieder zum Bildschirm. Seine Finger flogen über die Tasten: Sorry ! Störung ! Undokumentierte Fehlermeldung... Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Hinweis: Für die Rechtschreibung und Zeichensetzung sind die Autoren selbst verantwortlich. Die Urheberrechte liegen beim jeweiligen Autor. |