| Hier lesen Sie die besten Beiträge der ersten Runde (Nov '01 - Jan '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Gao Xingjian eingefallen sind. Der Satz stammt aus der Erzählung »Fünfundzwanzig Jahre«. Sie findet sich im Fischer Taschenbuch 15183 mit dem Titel »Auf dem Meer«. Aus dem Chinesischen von Natascha Vittinghoff. ISBN 3-596-15183-X. 8,90 EUR: |  | »Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich einmal wiedersehen würde« atmete er auf und setzte sich. Anna von Jens Erdmann, B-1731 Zellik (Asse) Verbissen zog er Linien in einem Porträt nach. Trockene Kreide knirschte auf dem rauhen Papier und durchdrang die Stille des Raumes. Schwebender Kreidestaub blitzte auf, wenn er die satt einfallenden Sonnenstrahlen querte. Um seinen Stuhl, die Staffelei und einem unter Farb- und Stiftlast einstürzenden Tisch lagen Papierberge. Diese Möbelgruppe erschien wie der Krater eines Vulkans, um ihn herum das herausgeschleuderte Papier. Nach und nach bildete sich das Gesicht heraus, schien plastisch herauszublicken. Kreidefixativ wird diesen Eindruck verstärken, Fantasie wird ihn vollenden. Wieder war es Anna. Schnell riss er das Blatt herunter, bevor er das Gesicht nicht mehr ertragen konnte und spannte einen neuen Bogen auf. Dann war eine Reiterin auf einem kühnen Roß umrissen, beide auf einem Schlachtfeld reitend – das Schlachtfeld seiner verwundeten Seele. Ein wiederkehrendes Gleichnis. Anna und ihr Lachen prägten das Gesicht der Reiterin. Ihr Blick, wie er ihn aus dem Trennungsabend mitgenommen und in sich aufbewahrt hatte. Alle Reiterin-Bilder mit diesem Lachen, mit diesem Blick. Er war zum Meister ihres Lachens, zum Konservator ihres Blickes geworden. Diese Gleichnisbilder hatten etwas surreales, er konnte sich ihnen nicht weiter nähern. Und die Porträts die zu ausdrucksstarken expressionistischen Studien all der Erinnerungen an Anna gelangen. Hier fischte er tief in Annas Seele. Trotz des kalten Ausdruckes, der Hoffnungslosigkeit, die seine Bilder kennzeichnete, war die Liebe, die er für Anna spürte nicht zu verkennen. Dieser Künstler litt an Anna. Seit ihrer Trennung war ihre Nichtbeziehung bei ihm zur papierverschlingenden Manie geworden. Als er letzte Schatten ins Bild modellierte, knarrte hinter ihm die Tür, er schoss erschrocken hoch und erkannte Anna. Er bebte förmlich, sein Puls schlug wild durch die Adern und seine Lippen brachten nur ein überraschtes « ich hätte nicht gedacht, dass ich dich noch einmal wiedersehen würde » hervor, dann atmete er auf und setzte sich wieder. Anna trat verlegen zu ihm, lächelte unsicher und antwortete « ich auch nicht, doch ich hatte es gehofft. In der letzten städtischen Ausstellung waren auch Bilder von dir, sie haben mich erschreckt. Mir schien es, als blickte ich in einen Seelenspiegel. Ein Mann der mich so sieht und mit solcher Leidenschaft zeichnet, ich war gerührt, tief bewegt. Ich musste zurückkommen, auch wenn ich nicht wusste, was es bringen wird. » Er zitternd « danke, das du gekommen bist ». Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers In den letzten Zügen von Max Werlin, 12101 Berlin "Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich einmal wiedersehen würde", atmete er auf und setzte sich. Außer Atem vom Anstieg zu der Parkbank. Sie wieder zu sehen, dass setzte letzte Energien frei. Erinnerungen an längst vergangene Sommerabende, hier über der Stadt auf der von Büschen gesäumten Bank. Früher waren sie sich an den Händen vorwärts ziehend die Anhöhe hinauf gestürmt, um Liebkosungen zu tauschen, die man sich in der Öffentlichkeit nicht getraute. Gab es das heut überhaupt noch, dass man es zufrieden war den anderen nur bei sich zu haben, seinen Duft, seine Körperwärme, den Druck und die Schwere der Berührung, sich zu küssen, beim liebkosen der Hände und des Gesichtes seiner Liebsten kein Gefühl mehr für Zeit und Raum empfindend. So berauscht vor Glück und erfüllter Sehnsucht, kein Wort heraus zu bringen. Und erst nach Jahren und Jahrzehnten wissend, dass dies die erste und wahre Liebe war. Wenn das Verliebtsein des Augenblicks, dieses tanzende Glück, sich zu halten und nur zu küssen, nur mehr Erinnerung sein würde. Und als alter Mann wann immer es ging hier herauf zu steigen, die Sonne, die am Horizont kratzt genießen, die Lungen mit einer frischen Brise füllen, die Augen schließen und die Erinnerungen tief empfinden. Nun saß er sehr unbequem seitlich neben ihr, wollte sich nicht an ihr festhalten trotz ihrer Hände in den seinen. Verlegen seufzte sie auf, als er ihre Fingerspitzen sanft mit dem Lippen und einem Kuß berührte. Sein Herz schlug schneller als er ihres unter ihrem Busen pochen sah. "Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich einmal wiedersehen würde." Ihr jugendliches Lächeln bedeutete ihm sich neben sie zu setzen. So rutschte er vollends auf die Bank, ließ seinen Stock zur Seite gleiten und legte seinen linken Arm um sie. Die Sonne brannte ihm in den Augen und nicht nur der Abendwind trieb ihm eine feuchte Linie auf die Wange. Soviel hätte er ihr sagen können, ja wollen, doch sie nur spüren, an sich gedrückt vor Glück weiche Knie zu haben, ihre Jugend wie Gold in den Händen zu halten, dies ließ ihn, den Blick auf ihr ruhend, die abendlichen Sonnenstrahlen begrüßend einen letzten Atemzug tun, eine letztes Mal die Augen schließen, und nach jahrzehntelangem verzweifelten Suchen, endlich am Ziel sein. Sie blieb bei ihm sitzen bis ihr Freund in der Dämmerung mit der Polizei zurückkam und sie es in seinen Augen sah, und ihm dieses Versprechen abnahm, sie nie wieder allein zu lassen. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Moretto von Klaus Eylmann, I-44040 Reno Centese (FE) Naechtelang war ihr Kater schon fort gewesen, und sie waren es gewohnt; jedoch diesmal war er schon ueber eine Woche fort und Annabella, Massimos Frau, ging die ganze Zeit haenderingend den Hof auf und ab ging und hielt nach Moretto Ausschau. Es nervte, wenn sie ploetzlich und unvermittelt vom Stuhl hochsprang und rief: “Wo Moretto nur bleibt. Ihm ist sicher was passiert. So lange ist er noch nie weggewesen.” Dann rannte sie aus dem Haus und rief in die Nachbarschaft hinein und hoerte nicht eher auf, bis sie sich heiser geschrien hatte. Massimo setzte alles daran, dieses nervzermuerbende Warten abzukuerzen, so dass wieder Ruhe und Frieden einkehrte, und er ging wiederholt zu seinen Nachbarn, um sie zu fragen, ob jemand den Kater gesehen habe. Zur Rechten wohnte Guiseppe; der den Kater zwar nicht gesehen, dafuer aber viel von Tomaten verstand und Massimo jedes Mal voller Stolz seine Pflanzen zeigte, die sich unter riesigen gruenroten Fruechten bogen. Fleischtomaten. Direkt vor Massimos Garten war das Grundstueck der Laura, einer staemmige Frau in den Sechzigern, die unentwegt Feuer machte; denn irgendetwas hatte sie immer zu verbrennen, meist am Abend. Wenn der Wind unguenstig stand, zog der Rauch zu Annabellas und Massimos ins Wohnzimmer hinein, so dass ihr schoener und gemuetlicher Abend mit einem Hustenanfall ausklang. Aber auch Laura wusste nicht, wo Moretto war. Blieb nur noch das Grundstueck links vom Garten, denn hinter ihnen war die Strasse, und Annabella, die zwei Mal am Tag die Strasse und die beiden Graeben links und rechts davon absuchte, hatte, diesmal zum Glueck, auch dort keine Spur von Moretto entdeckt. Links von ihnen befand sich das Grundstueck der Lina. Und es war ein Leichtes fuer Moretto, ueber die Mauer zu springen, es zu durchqueren, um im angrenzenden Maisfeld zu verschwinden. Lina war eine freundliche Seele. Zu jedem Weihnachtsfest reichte sie eine Kiste mit Aepfeln und Birnen ueber den Zaun. Doch auch Lina hatte Moretto nicht gesehen. Nun war es dunkel, und Massimo sass draussen auf der Terrasse, waehrend Annabella in der Kueche mit den Toepfen und Pfannen klapperte. Er stand auf und vertrat sich die Beine, als er es hoerte, das “Miau”, und Moretto rieb sich an seinen Beinen. “Ich haette nicht gedacht, dass ich dich einmal wiedersehen wuerde,” atmete er auf und setzte sich. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Das Drachenboot von Christina Michaloglou, 22761 Hamburg "Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich einmal wiedersehen würde“, atmete er auf und setzte sich. Aber das worauf er sich setzte, war nicht stabil genug, den schwerfälligen Plumps seines nicht eben zartgliedrigen Körpers auszuhalten. Die leichten Aluröhren bogen sich zu vorwurfsvollen ‚Os‘ und der Anglerstuhl brach unter ihm zusammen. Frank war naß, seine dunklen Haare tropften und seine Gänsehaut schimmerte bläulich. „Oskar, du glaubst nicht was ich entdeckt habe!“ Er half seinem Freund wieder auf. „Du warst so lange unter Wasser, dass ich dachte du seist tot. Ertrunken wegen eines verklemmten Angelhackens! Ich war verzweifelt,“ beklagte sich Oskar. Aber Frank winkte ungeduldig ab. „Lass doch den Angelhacken. Ich habe was viel Besseres: Da unten im Fluss liegt ein Wikingerboot!“ „Was? Ein Wikingerboot?“ „Ja, ich bin deiner Angelschnur gefolgt, der Fluss ist übrigens tiefer als wir dachten. Ich musste ein paar mal runter, weil mir unterwegs die Luft ausging.“ „Ich habe dich nicht auftauchen sehen.“ „Später, Oskar, später! Ich muss jetzt noch einmal runter. Ich habe da etwas gesehen, das ich holen muss. Wollte mich nur kurz ausruhen und dir alles erzählen.“ „Es kann doch nichts mehr da sein. Nach fast 1000 Jahren in einer Flussströmung.“ Aber Frank erhob sich bereits wieder und watete in den Fluss. Er schwamm bis zur Mitte, drehte er sich noch einmal um, winkte Oskar zu und verschwand. Frank tauchte auf das unheimlich gut erhaltene Wrack zu. Grünliche Lichtbahnen beleuchteten Teile des Bootes. ‚Erstaunlich‘, dachte er, ‚dass es so vollständig vorhanden ist. Nach 1000 Jahren! Dort, der Drachenkopf am Bug, also ein Kriegsschiff, wow! Sogar das Segel da! Unglaublich! Rot gestreift wie auf den Bildern. Das Steuerruder an Steuerbord! Dass das noch nicht entdeckt wurde? Dabei ist es so groß, 20, 30 Meter... Sie waren auf Beutezug und sind hier im Fluss untergegangen, warum wohl?...‘ Seine Lungen schmerzten, drohten zu zerreißen. ‚Noch zwei Züge, den Helm greifen und hochpaddeln, ein Zug noch und noch einer...‘. Er streckte die Hand aus, da drehte sich der Wikingerhelm zu ihm herum. Darunter lächelte ihn ein liebliches Gesicht an. Zwei zarte Arme umfingen ihn und zogen ihn an einen anbetungswürdigen nackten Körper. Ein Mund küsste ihn leidenschaftlich... und Frank blieb für immer. Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Gedanken von Haifisch, Greifswald; 17491 Es wurde still,so still, dass man ihn atmen hören konnte. Eine Dame älteren Jahrgangs ging vorüber und sah einen Mann mit geschlossenen Augen und einem seligem Lächeln auf den Lippen auf einer einsamen Parkbank sitzen. Sie freute sich einen glücklichen Menschen zu sehen. Sie ging leise an ihm vorbei und er saß ihr bereits im Rücken, als sie ihn glücklich aufatmen und sprechen hörte: Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass ich dich einmal wiedersehen würde. Sie stutzte, hatte sie doch niemanden bei ihm gesehen und auch niemanden kommen gehört. Langsam drehte sie sich um und sah ihn voller Zufriedenheit fortgehen. Kurzentschlossen folgte sie ihm gemächlichen Schrittes und hörte ihn immer wieder den gleichen Satz murmeln. Wovon und vor allem zu wem sprach er? Und er schien so ausgeglichen und völlig eins mit sich zu sein. Er scheint doch nicht etwa ein wenig verwirrt zu sein? Es wurde immer merkwürdiger. Ihn ansprechen? Was war zu tun? Ganz in Gedanken bemerkte sie nicht sofort, dass er schneller wurde und zielgerichteter lief. Sie hatte, als sie es bemerkte, Mühe, ihn unter den sich mehrenden Menschen auszumachen. Es gelang ihr und sie nahm seine Spur wieder auf, denn irgend etwas fesselte sie an diesem Mann. Er war so fern und irgendwie berührte er doch ihr Innerstes. Sie ging unmittelbar hinter ihm, als er unverhofft stehen blieb und sich zu ihr umdrehte. Ihr Herz ging schneller, denn sie fühlte sie ertappt. Sie rechnete damit Rechenschaft ablegen zu müssen, aber wieder überraschte er sie. Nichts sagte er, sondern er strahlte sie an und sagte ihr, dass er sich freue, dass sie an ihm und ausgerechnet an ihm so viel Interesse zeigte, dass sie sich die Mühe machte, nach ihm zu sehen. Sie schaute jetzt nicht mehr überrascht, sondern sehr ratlos und verdutzt, denn sie fühlte sich doch leicht überfordert mit der auf sie zugekommenen Situation. Sie merkte, wie er ihre Hand griff, sie fest und warm drückte und ihr ein leises Danke entgegenwarf. Dann drehte er sich um und war zu schnell, als dass sie ihm hätte folgen können. Eine Weile noch stand sie dort allein mitten zwischen an ihr vorbeieilenden Menschen und ließ die soeben gewesene Situation nachwirken. Sehr seltsam, dachte sie, wirklich seltsam und doch faszinierend. Sie hing ihren Gedanken nach, als sie plötzlich sehr unsanft in die Realität zurückgeholt wurde. Vielleicht würde sie eines Tages durch den Park gehen und ihm sagen können:Ich hätte nicht gedacht, dass ich Sie einmal wiedersehen würde Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers Hinweis: Für die Rechtschreibung und Zeichensetzung sind die Autoren selbst verantwortlich. Die Urheberrechte liegen beim jeweiligen Autor. |