Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag
Hier lesen Sie die besten Beiträge der ersten Runde (Nov '01 - Jan '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Gao Xingjian eingefallen sind. Der Satz stammt aus der Erzählung »Fünfundzwanzig Jahre«. Sie findet sich im Fischer Taschenbuch 15183 mit dem Titel »Auf dem Meer«. Aus dem Chinesischen von Natascha Vittinghoff. ISBN 3-596-15183-X. 8,90 EUR: Cover: Auf dem Meer

»Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich einmal wiedersehen würde«
atmete er auf und setzte sich.

schicksal?
von Tanja Schulz, 73095 Albershausen

ein kurzer augenblick
zum ersten mal gesehen
ein blitz durchzuckte mich
wusste nicht wie reagieren

die erinnerung verblasste nicht
ich sehe dich noch vor mir
welch eindruck du hinterlassen hast
ich kann dich nicht vergessen

ich sehe dich
ist es war oder lässt der wunsch mich glauben
nein du bist da
glück - die suche nicht vergeblich

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Kein Fisch
von Carmen Steiner, 22177 Hamburg

Nebel lag über dem Loch. Verhüllte die schottischen Berge und ließen John kaum die eigenen Finger vor Augen sehen. Vorsichtig, lief er über das rutschige Deck der Hulk-Explorer bis zum Tauchboot. Kaum das er dieses erreicht hatte, spürte er unter seinen Füßen Vibrationen. Tom hatte die Dieselmaschine gestartet.
Geschwind zwängte er sich in das Mini U-Boot und aktivierte die Instrumente.
"Tom, hörst du mich?"
"Ja, du kommst sauber rüber," antworte Tom.
"Wir sind da. Ich aktivieren jetzt den Aussetzkran", fuhr er fort.
Es gab einen Ruck.
"Ausklinken", befahl John kurz.
John dirigierte die Nase des Tauchbootes abwärts. Er beobachtete wie das Echolot unbehelligt seine Kreise zog.
"Nichts los hier unten", sagte er. "Nicht ein Fisch."
"Also, wieder nur Dosenfutter zum Mittag", witzelte Tom 150 Meter über ihm.
"Scheint wohl so." John hielt inne.
"Bis du sicher, dass du mich über der tiefsten Stelle abgesetzt hast?"
"Ja, hier ist der See 300 Meter tief", antwortet Tom.
"Mein Echolot zeigt aber nur knapp 250 Meter an", erwiderte John. "Nein, ich korrigiere 230."
Das Tauchboot begann leicht zu schaukeln. Riesige Sauerstoffblasen zerplatzten wie Seifenblasen an der Scheibe.
"John?"
John fuhr zusammen und starrte geradewegs einem riesigen Auge entgegen.
"Das war’s dann wohl", flüsterte er tonlos und bekreuzigte sich.
Eine Wand aus graugrüner Reptilienhaut rauschte vor ihm empor. Das Boot wurde von dem entstehenden Sog nach unten gerissen. John schrie auf. Etwas krachte gegen die Außenhülle und katapultierte die Kapsel wieder aufwärts. Rotes Blinklicht flackerte.
"Verdammt, Es zermalmt mich", brüllte John und nahm im verlöschenden Scheinwerferlicht übergroße Zähne wahr. Wasser sprühte ihm in die Augen.
Unerwartet folgte Stille.
John wischte sich übers Gesicht, tastete mit bebenden Fingern zum Nothebel und zog an diesem. Rauschend schoss das Tauchboot nach oben, durchbrach die Wasseroberfläche und dümpelte dann im See. John stöhnte auf, fasste über sich und drückte die Luke hoch. Ächzend zwängte er sich hinaus und klammerte sich an die Außenwand. Motorengeräusch drang in seine Ohren. Er blinzelte in die Nebelwand. Das kleine Beiboot der Hulk-Explorer wurde sichtbar.
Tom streckte ihm eine Hand entgegen und half ihm über die Bordwand.
Johns Hand legte sich zittrig auf Toms Schulter.
"Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich einmal wiedersehen würde", atmete er auf und setzte sich.

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Alltagsgesicht
von Bettine, 40724 Hilden

Kleine Seele klopft an große Tür.
Hast mich schon vergessen, was? Ein hämisches Grinsen zeigt sich auf der kleinen Fratze. Häßliches, graues Alltagsgesicht. Nein, bitte lächle nicht! Man sieht deine verfaulten Zähne... Tiefe Falten ziehen Furchen auf der Stirn, den Wangen. Liefern das Bachbett für Tränen. Diese sind salzig und schmutzig. Hinterlassen schmierige Spuren.
Hey, deine Nase läuft! Du hast es nicht einmal gemerkt... Sollte dir zu denken geben.
Menschen rennen wie Geister an die vorbei. Rempeln, schubsen, schimpfen. Hör einfach gar nicht hin! Sie hassen sich selbst. Können ihre Gesichter im Spiegel nicht mehr sehen! Ihnen wird schlecht. Schließen lieber die Augen und laufen vor allem davon.
Merkst du, sie mögen dich nicht! Und warum nicht? Sie hassen sich selbst.
Grauer Alltag schlägt dir mit dem Knüppel auf den Rücken. Na, tuts schon weh? Da ist es wieder, dieses versteckte Grinsen. Du möchtest darauf einschlagen, so lange, bis es aufhört zu quälen! Sterbe, du Tod! Laß mich endlich in Ruh!
Wie unwirkliche Gestalten kommen mir die Menschen vor. Mit Scheuklappen vor den Augen. Frustriert ziehen sie durch das, was sich Leben nennt. Schleifen Mülltüten hinter sich her- manche groß, manche klein. Dort sammeln sie ihre Gedanken. Manch Beutel liegt vergessen am Straßenrand. Dieses Objekt, was früher Mensch war, hat nun seine Träume verloren...
Tut mir leid für euch, ihr Armen!
Na Kleine, hast du deine Mama verloren? Warme Hand liegt auf deinem Kopf. Paß auf, gleich liegt sie woanders... und drückt immer fester zu! Noch ein Grund, warum sich die Menschen hassen und auch gerne hassen dürfen.
Kennst du mich? Ich bin’s! Kennst du mich wirklich oder schaust du nur auf eine Maske?
Die habe ich mir selbst gemacht, damit ich mich nicht hassen muß!
Sollte dir zu denken geben!

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Aufklärung
von Verena Raupach, 41238 Mönchengladbach

"Ich hätte nicht gedacht
dass
ich dich einmal wiedersehen
würde"

sagte jener Fremdling
der meine Hand nahm
ohne mich zu fragen

Wenn man aus dem Schatten tritt
ins Licht der Aufklärung
geht man ihm unweigerlich entgegen
das ist so gewiß
wie das Bersten des Eises im Frühjahr

Der Himmel war voller blauer Blüten
aufgebauscht wie bäuerliche Röcke
die Luft schmeckte nach Heu und Hafer
Schatten waren nirgendwo zu sehen
doch schien es
als streifte ihr kühler
Hauch meinen Nacken

Der Fremde ging
entschwand über die Hügel
ging über braune Rücken davon

Die Sonne wälzte sich im Zenit
noch eine Weile
und ließ dann ein graues fleckiges
Gewand fallen

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Das Geständnis
von Dorothee Tataun, 40764 Langenfeld

Sechs Tage waren es her, dass er Susan abholen wollte, sich jedoch verspätet hatte und gerade noch sah, wie sie in einen roter Zweisitzer stieg und den Fahrer mit einer leidenschaftlichen Umarmung begrüßte, bevor dieser Gas gab und der Wagen in der Dunkelheit verschwand. Er, der erfolgreiche Werbemanager Sven Wendel, war gehörnt worden. Zu Hause ließ er die letzten beiden Jahre Revue passieren. Es waren gute Jahre. Mit ihr war er zur Ruhe gekommen, hatte seine Mitte gefunden und im Frühjahr planten sie zu heiraten. Morgen würde sie für fünf Tage in die USA fliegen. Später am Telefon hatte sie bedauert, ihn verpaßt zu haben und gab vor, dass etwas Unvorhergesehenes eingetreten sei. Näheres würde sie ihm nach der Reise erklären. Du Heuchlerin dachte er. Als sein Kopf nach einigen Tagen wieder klare Gedanken produzierte, schrieb er ihr diese Zeilen, die unumwunden sagten, dass er sich von ihr trennen würde. Selbst wenn es sich nur um eine Affäre handelte, sah er sich außer Stande, dies zu verzeihen. Dann die Beichte! Ja, auch er hatte einmal eine kurze, bedeutungslose Affäre, die seine Beziehung zu Susan jedoch noch intensiviert hatte. Er frankierte den Umschlag und legte ihn auf den Schreibtisch. Dann kam heute dieser mysteriöse Anruf. Ein gewisser Stan wollte wissen, wann Susans Maschine ankam. Nun sollte er seinem Nebenbuhler auch noch als Auskunftei dienen und als er sich gerade empört darüber äußern wollte, hörte er Stan erklären: Sorry, ich bin Susans Bruder und erst vor wenigen Tagen aus Australien zurückgekehrt. Ich habe sie leider nur kurz vor ihrer Abreise gesehen und fände es toll, wenn wir sie beide morgen am Airport abholen würden“. Sie hatte von ihrem Bruder erzählt und sie planten, ihn einmal zu besuchen. Der Brief - durchfuhr es ihn plötzlich. Er wollte ihn heute einwerfen, hatte ihn aber auf dem Schreibtisch liegen gelassen. Aber hier war kein Brief. Panik kam in ihm auf und er notierte eilig Stans Nummer, um ihn zurückzurufen. Dann durchwühlte er alles, was herumlag. Nichts! Sollte die Aufwartefrau ihn heute morgen entdeckt und in den Briefkasten gesteckt haben? Als er hastig zum Hörer griff, um sie anzurufen, stieß er gegen die Scheibtischauflage, die verrutschte und die Ecke eines Umschlags zum Vorschein brachte. Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich einmal wiedersehen würde - atmete er auf und setzte sich. Er warf den Brief in den Kamin und sah erleichtert zu, wie die Flammen seine Zeilen verzehrten.

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