Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag
Hier lesen Sie die besten Beiträge der ersten Runde (Nov '01 - Jan '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Gao Xingjian eingefallen sind. Der Satz stammt aus der Erzählung »Fünfundzwanzig Jahre«. Sie findet sich im Fischer Taschenbuch 15183 mit dem Titel »Auf dem Meer«. Aus dem Chinesischen von Natascha Vittinghoff. ISBN 3-596-15183-X. 8,90 EUR: Cover: Auf dem Meer

»Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich einmal wiedersehen würde«
atmete er auf und setzte sich.

Ein wunderbarer Sommertag
von Helga Steiner, 89361 Landensberg

Um ihn herum piepste und blinkte es. Ein schwerer Geruch nach Bittermandelöl verabschiedete ihn – hinein in ein geräusch- und geruchloses Reich zwischen Leben und Tod. Mehr konnte er nicht berichten.
Als er zum ersten Mal wieder Licht sah, Stimmen hörte und Feuchtigkeit zwischen den Lippen spürte, durchfuhr ihn ein gewaltiger Schmerz. Nun folgten unendlich lange Tage und Nächte in denen er an Kabeln und Schläuchen hing, eine kalte Wanne unter sich verspürte und bewegungslos dalag. Nur seine Gedanken fanden keine Ruhe. Es war ein wunderbarer Sommertag, Elisabeth wartete auf ihn und das Auto war nagelneu.
Endlich, endlich kam der Tag an dem sie ihn ins Badezimmer zur Toilette führten. Er erblickte sich im Spiegel. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich noch einmal wieder sehen würde“, atmete er auf und setzte sich auf den bereitgestellten Hocker.

Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers

Ohne Titel
von Tine Teben, 46242 Bottrop

Zellen
Kurz
Schluss

Gewünscht
Gefürchtet

Spüre
Alles

Immer

Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers

Meine Welt – ist relativ klein
von Jonas Pieper, 28870 Ottersberg

“Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich einmal wiedersehen würde“atmete er auf und setzte sich.
Woher kannte er sie überhaupt? Aber er kannte sie. „Wer bist du denn überhaupt?“ Jaqueline... eine aus seinem Wohnort, hatte irgend etwas mit Diplomaten zu tun und soll angeblich in Venezuela ... „Ich bin im Auftrag von „Kosmopolit“ hier um alte Grundstücke...“ Und als sie von den Zielen ihrer Kampagne erzählte, platzte ihm der Kragen. „PASS AUF, :
Ich bin gegen Großmannssucht. Ich bin dagegen zu glauben man könnte als Mitteleuropäer Lebensverhältnisse in Australien, Brasilien oder Russland beurteilen und/oder verändern. Ich bin dagegen den eigenen Horizont lethargisch beschränkt zu lassen und trotzdem hat niemand das Recht anderen Menschen die eigene Kultur, die eigenen Ansichten aufzuzwingen. Ich finde es auch nicht richtig zu überlegen, ob ihn Argentinien der oder der Präsident besser wäre, weil der ja dann die Unruhen in den Griff bekäme und dann...
Man könnte sagen ich bin weltfremd oder würde es gerne sein,lebe einzig und allein in meiner kleinen Welt um ja nicht die Probleme der doch spannenden Welt zu bemerken. Natürlich fehlt mir der Weitblick, jedoch ist es der nötige? Ich bin nicht egoistisch. Im Gegenteil, meine Mitmenschen sind mir wichtig und teuer. Bloß, kann ich Menschen in Peking lieben, die ich gar nicht kenne? Soviel Energie hat doch keiner.
Es gibt eine Vermutung von mir, dass Tony Blair eine ganze Schublade mit Konzepten „Das-gibt-es-in-der-Welt-zu tun“ hat, der dänische vielleicht auch und meine Friseurin. Die werden das nie anwenden.
Wie ich vorgehe? Das Ziel ist Nächstenliebe à la Bibel. Geklaut, werden einige sagen, und nichts Neues. Stimmt, sage ich dann.
Ein Flecken nach dem anderen kehren und nicht auf das Ende der Straße schauen, so oder so ähnlich heißt es vom Straßenkehrer in MOMO.
Morgen ist Freitag. Mein Cousin wollte anrufen. Der ist nämlich gerade mit der Bundeswehr in Afghanistan. Freitag. Die neue Londoner Fashion hat ersten Verkaufstag im „Urban“. Freitag. Ich muss dringend die Bewerbung für das Praktikum in Bordeaux abschicken... und meine Welt, die Welt nimmt ihren Lauf.

„.... hat es dir hier eigentlich gefallen?!?“ fragte Jaqueline nach einem Moment des Ringens nach Fassung. Sie kannte ihn doch noch? ...ich bin nämlich viel unterwegs um unsere Kampagne transnational.....

Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers

- schlussstrich -
von Frau Seifert, 94032 Passau

ich hätte nicht gedacht, dass ich dich einmal wiedersehen würde, atmete er auf und setze sich. seine beine übereinanderzuschlagen, mit der hand die widerspenstige strähne aus der stirn zu wischen und mit einem mundwinkel krampfartig nach oben zu zucken, war für ihn eins. ich lehnte mich zurück und versuchte mich trotz der vorstellung über den ablauf des nun unvermeidbaren gespräches zu entspannen. ich hatte ihn nicht gebeten, sich zu setzten. es wäre aber auch neu für ihn gewesen, mich um erlaubniszu fragen. wozu auch? es war ja nicht mein stuhl, mein tisch, mein cafe, meine fußgängerzone. es war nur meine mittagspause, und wenn ich es verkraftet hatte, mich von diesem ekel fast ein halbes jahr lang nach dienstschluss auf seinem schreibtisch flachlegenzulassen, dann war mir auch ein kleiner plausch um halb zwei neben einem schnitzel und einem hellen zuzumuten. dass mir der unwillen über dieses unerwartete wiedersehen nach längerer pause ins gesicht geschrieben war, konnte man getrost ignorieren. und, hast dich gut eingelebt in dem neuen betrieb? fragte er desinteressiert. neue kollegen kennengelernt? ist man sich schon nähergekommen, nach zwei monaten eingewöhnungsphase? sein lächeln war amüsiert, zweideutig, schmierig. ich antwortete nicht, das schien er auch nicht zu erwarten. es war eine kleine show, die er hier abzog, nicht meinetwegen, weil er mich verletzten wollte, mir heimzahlen wollte, dass ich diesmal diejenige gewesen war, der ihn zuerst abserviert hatte, nicht umgekehrt. nein; sowas hat er nicht nötig. ich hätte irgendeine sein können, irgendeine austauschbare schreibtischmiezen, die er irgendwann mal in einem anflug von wahn für interessant, für wert gehalten hatte, ihm als kurzweilige unterhaltung zu dienen. blasiert spreizte er sich auf seinem stuhl, präsentierte mir, was ich an ihm verpasse und brachte das kunststück fertig, nebenbei mit der bedienung zu flirrten. ich hörte irgendwann auf, auf dem stück fleisch herumzukauen, dass ich mir bestellt hatte. statt dessen hörte ich ihm zu, beobachtete ihn und fühlte mich von minute zu minute unwohler. und auch als ich aufgestanden war und ihm zum wortlosen abschied mein bier in den schoß gekippt hatte, blieb ein kleiner rest von der leichten übelkeit, der sich mit bitterem speichel in meinem mund bemerkbar machte, zurück. er hatte es geschafft und mir meine mittagspause versaut. denn ich hatte auch nicht gedacht, dass ich ihn wiedersehen würde - wirklich nicht.

Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers

Alte Zeiten
von Helga Förster, 38102 Braunschweig

„Ich hätte nicht gedacht, dass ich Dich einmal wiedersehen würde“ atmete er auf und setzte sich. „Ich auch nicht, mein Lieber!“ Diesen Tonfall kannte er nicht an ihr. Und früher hätte sie ihn niemals so angesehen. „Freust Du Dich denn gar nicht, mich zu sehen, nach all der Zeit?“ fragte er.

„Oh doch, Roland, ich freue mich sogar sehr, Dich zu sehen! Was führt Dich zu uns?“ Gabi stellte sich hinter den Schreibtisch und neigte sich zu ihm hinunter. Seine Hände wurden feucht. „Ach, weißt Du, die geschäftlichen Dinge würde ich gern mit Deinem Chef besprechen. Vielleicht könntest Du ein gutes Wort für mich einlegen, aber laß uns lieber in Ruhe einen Kaffee trinken gehen! Das ist doch viel gemütlicher als in diesem Büro!“

Sie setzte sich. „Keine Bange, wir sind hier ganz ungestört. Plaudern wir ein bißchen!“ Er wußte nicht, wie er diesen Blick einordnen sollte. „Du hast Dich verändert seit damals! Du hast abgenommen! Und das outfit steht Dir super! Man könnte Dich glatt für eine Karrierefrau halten!“ Er bemühte sich, seinem Scherz einen verführerischen Tonfall beizumengen.

Na also! Endlich lächelte sie beinahe so, wie er es von früher kannte, und ihre Augen glitzerten. Für Komplimente war sie schon immer so empfänglich gewesen! „Wobei soll ich Dir denn helfen?“ fragte sie, und mit einem Schlag erwachte in ihm das Gefühl warmer Vertrautheit, das er in den 10 Jahren mit ihr so geschätzt hatte. Er erzählte ihr von seinen windigen Spekulationen an der Börse, von den Hypotheken, die er auf das Haus seiner Frau aufgenommen hatte, von der Sorge, dass sein Schwiegervater ihn aus der Firma werfen könnte... einfach alles.

Es war so wohltuend, sich endlich einmal die ganze schäbige Wahrheit von der Seele zu reden. Seine Gabi! Sie kannte ihn besser als jede andere seiner ehemaligen Geliebten, und keine Frau hatte ihn so gut verstanden wie sie. Vielleicht war es ein Fehler gewesen, sie wegen dieser Studentin zu verlassen. „Wenn Dein Chef mir diesen Kredit nicht bewilligt, bin ich am Ende! Was für ein Glück, dass Du hier arbeitest! Red doch mal mit ihm, Du kriegst das schon hin!“

„Tja, Roland, das wird schwierig!“ Gabi blickte skeptisch. Er beugte sich vor. „Wieso?“ fragte er „so, wie Du aussiehst, scheinst Du hier doch beinahe die Chefsekretärin zu sein oder so was. Wo ist das Problem?“ Gabi lehnte sich zurück. So strahlend wie jetzt war ihr Lächeln noch niemals gewesen. „Dein Problem, mein Lieber, ist die Tatsache, dass ich hier die Chefin bin!“

Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers

Mehr Beiträge: Zurück 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 Weiter
Zur Übersichtsseite des Satzfischers - Zu den Beiträgen der Runde 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10

Hinweis: Für die Rechtschreibung und Zeichensetzung sind die Autoren selbst verantwortlich. Die Urheberrechte liegen beim jeweiligen Autor.